Die denkenden Wälder

Alan Dean Foster · Kapitel 2 von 4 · Teil 2/2

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Die denkenden Wälder

Drogenabhängigkeit des Biochemikers. Jeder in der Station…

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 2 Teile geteilt.

Losting wandte den Blick ab. Er ging an den beiden Riesen vorbei, kauerte sich nieder und stützte das Kinn in die Hände, während er den im Bau befindlichen Unterschlupf musterte. »Ich versuchte zu vergessen, was du jene Nacht im Rat sagtest. Ich konnte es nicht. Ich konnte auch nicht vergessen, daß du alleine in den Schacht in der Welt hinuntergestiegen warst, um festzustellen, daß das blaue Ding kein Dämon, sondern ein Ding aus Axtmetall war. Daß du sie

entdecktest.« Er deutete mit einer Kopf bewegung auf die beiden Riesen, die ihn neugierig musterten. »Ich schämte mich, daß ich Angst gehabt hatte, obwohl die anderen in unserer Gruppe, die zurückgekehrt waren, sich nicht schämten. Sie entschuldigten sich, indem sie sagten, du wärest verrückt. Ich konnte mich nicht so entschuldigen.« Dann sah er wieder Born an. »Als du dann sagtest, du würdest versuchen, mit diesen Riesen zu ihrem Heim zu gehen, hielt ich dich auch für verrückt, Born. Und als du gingst, war ich glücklich, weil ich Geh Hell in den Armen hatte.« Borns Muskeln spannten sich, aber Losting hob die Hand. »Ich dachte, wie gut es jetzt sein würde, wo Geh Hell nur für mich da war, wie gut, dich nicht um mich zu haben, Born. Nicht befürchten zu müssen, daß du mit größerer Beute zurückkämst, wie gut, nicht dauernd mit einem Verrückten im Wettbewerb zu liegen. Wie gut, nicht mit harten Worten sich abmühen zu müssen, wo du immer die richtigen weichen Worte hattest.«

Nun war Borns Ärger verflogen. Ein erstaunlicher Gedanke kam ihm. Konnte es sein, daß Losting der kräftige, muskulöse Losting, der mächtige Jäger und Krieger Losting, konnte es sein, daß er auf Born eifersüchtig war? »Ich blieb, während du gingst«, fuhr der Jäger fort, »aber ich blieb besorgt zurück. Als Geh Hell mich verließ, ging ich an den Rand des Heims und saß da und blickte in die Welt hinaus, in der du verschwunden warst. Ich überlegte. Ich schämte mich. Denn, so dachte ich, was, wenn du das Heim der Riesen erreichtest, ebenso wie du ihr Himmelsboot erreicht hattest? Was, wenn du mit dem Erfolg auf den Schultern zurückkehrtest?

Was würde dann Geh Hell von mir denken? Und was, was würde ich von mir selbst denken?« Lostings Gesicht wirkte gequält. »Du verfolgst mich, Born, ob du nun nahe bist oder nicht. Also ertappte ich mich bei den Gedanken, vielleicht bist du verrückt, aber verrückt und geschickt, selbst wenn du nicht tapferer bist als Losting, und niemand ist tapferer als Losting. Also folgte ich dir. Ich werde dir bis zum Heim der Riesen folgen oder bis in den Tod. Diesen Triumph wirst du nicht über mich davontragen, nein, das wirst du nicht!« »Born, was bedeutet das alles?« fragte Cohoma. Logan brachte ihn zum Schweigen. »Siehst du denn nicht, daß das etwas Persönliches ist, Jan? Etwas, das zwischen diesen beiden steht? Wir wollen uns da heraushalten.« »Solange es unsere Rückkehr nicht stört«, sagte Cohoma. »Was soll das dann?« fragte Born, etwas versöhnlicher. »Warum folgst du uns nicht weiterhin wie zuvor? Das war doch offensichtlich dein ursprünglicher Plan.« »Und er würde mich euch fernhalten«, schloß Losting ohne Ärger. »Und dich mir. Aber wir können nicht weiter.« »Du willst mich entmutigen . . .?« »Nein, das will ich nicht, Born.« Lostings Stimme klang kompromißbereit. »Weil ich nicht immer wieder innehalten mußte, um Hütten für die Riesen zu bauen, bin ich euch jeden Tag etwas vorausgeeilt, nicht euch nur gefolgt. Ich komme aus der anderen Richtung. Was ich gesehen habe, drängte mich, dich aufzusuchen.« »Und was hast du gesehen!« »Akadi.« »Ich glaube dir nicht.«

»Dann bleib auf diesem Weg und sei Nahrung für eifrige Münder. Ich habe sie gesehen.«

Born überlegte. Wenn es um etwas so Ernsthaftes ging, würde Losting nicht scherzen, nicht einmal, um Born vor Geh Hell zu demütigen. »Was geht hier vor?« fragte Cohoma schließlich ungeduldig. »Was soll das Gerede? Was sind diese Acoti. . . oder wie es sonst heißt?« »Akadi«, berichtigte Born ernst. »Wir müssen umkehren.« »Jetzt hör . . .«, begann Cohoma und stand auf. Logan versuchte ihn zurückzuhalten, aber diesmal schüttelte er sie ab. »Nein, ich werde jetzt diesen Primitivlingen sagen, was ich von ihnen halte. Zuerst machen sie ein großes Theater, uns helfen zu wollen. Und kaum lassen sie ihre Feuer hinter sich zurück, fangen sie an, kalte Füße zu bekommen.« Er wandte sich zu Born. »Oder vielleicht liegt es nur daran, daß ihr euch dieser Fünftagesgrenze nähert, über die noch keiner hinausgekommen ist und . . .« Plötzlich wurde ihm bewußt, daß er in seiner Wut übertrieb, und er hielt inne.

»Du kennst die Akadi nicht«, murmelte Born leise. »Sonst würdest du nur fragen, wann wir fliehen.«

»Born«, begann Logan, »ich glaube nicht, daß . . .« »Ihr redet von Verzögerungen, von Mut, von Plänen. Glaubt ihr etwa, daß ich mein Leben aus reiner Güte riskiere ? Glaubt ihr, ich tue es für euch? Ihr beiden seid mir gleichgültig, ihr großen kalten Leute!« Jetzt beruhigte er sich etwas und wandte sich Cohoma zu. »Ihr habt eine andere Farbe, seid größer als wir, und ihr denkt anders. Ihr kommt in einem Himmelsboot aus Axtmetall zu uns. Ich bin in den Schacht gestiegen, den ihr in die Welt gerissen habt, nicht um euch zu retten, sondern um zu sehen, was euer Boot war. Um Neues zu erfahren. Um mir Vergnügen zu bereiten. Ich gehe aus demselben Grunde zu eurer Station nicht um euer Leben zu retten, sondern für mich mich! Und meinetwegen kehren wir jetzt um, für mich und Losting und unsere Leute, nicht für euch. Ihr könnt weitergehen und sterben oder euch verstecken und verfaulen, ehe die Säule eure Witterung aufnimmt, mir ist das gleichgültig. Aber wir können nicht weiter. Vielleicht können wir nie weiter. Wir müssen zum Heim zurückkehren.« »Born«, sagte Logan nach langem Schweigen, »wir kennen deine Welt noch nicht gut, verstehen euch nicht. Du mußt uns entschuldigen. Was sind die Akadi und weshalb zwingen sie uns zum Umkehren?« »Wir müssen das Heim warnen«, sagte Losting. »Die Akadi müssen daran vorbeiziehen. Wenn sie das tun, wird alles gut sein, wenn nicht. . .« Er zuckte die Achseln. »Wir müssen versuchen, sie aufzuhalten.« »Ich glaube dir, Losting«, gestand Born zögernd. »Aber ich brauche einen Beweis.« Er wies auf Cohoma und Logan. »Und ich glaube, wir würden schneller nach Hause zurückkehren, wenn die Riesen die Akadi sehen könnten.« Losting nickte und stand auf. »Es ist nicht weit, ich wollte, es wäre weiter. Wir können hingehen und wieder umkehren, ehe das Wasser fällt.«

Die beiden Jäger kletterten den Ast hinunter. Cohoma und Logan mußten sich beeilen, um sie nicht aus den Augen zu verlieren. Logan bahnte sich stolpernd einen Weg durch die Dornen und Äste und die Blätter mit den Sägezähnen. Ruumahum stapfte als Vorsichtsmaßnahme unter ihr dahin. Die ersten zwei Tage hatten sie sich daran gewöhnt, jeden Tag vom Aufgang bis zum Untergang der Sonne tausend Schnitte und Risse hinzunehmen, und sie begannen zäh zu werden. Sie wunderten sich darüber, wie es kam, daß Born anscheinend nie geschnitten oder gekratzt wurde, und das trotz des dichten Gebüsches, durch das er sie führte. Es war geradezu unheimlich. Ohne Zweifel lag das an seiner geringeren Größe, seiner gelenkigen Gestalt im Verein mit dem angeborenen Wissen um alle Einzelheiten der Waldwelt, die es ihm erlaubten, ohne Berührung zwischen den dichtesten Büschen durchzugleiten.

Eine massige, grüne Gestalt tauchte neben Logan auf. Diesmal zuckte sie nicht zusammen, nur innerlich zitterte sie etwas. Langsam begann sie sich an die Größe des Pelzigers zu gewöhnen und daran, daß er stets lautlos auftauchte. »Ruumahum, was sind die Akadi?« Der Pelziger schnüffelte. »Ein Ding, das ißt.« »Ein Ding oder viele?«

»Es sind Tausende von ihnen und es ist eines von ihnen«, erwiderte Ruumahum.

»Wie können es Tausende und nur eines sein?« Ruumahum knurrte gereizt. »Akadi fragen.« Er stürzte sich von dem Ast in die Tiefe. Logan blickte ihm nach und überlegte zum tausendstenmal, was die Bewohner des Waldes wohl unter Emfatieren verstehen mochten. Emphase? Emphatisches Empfinden? Eine präzise Terminologie für eine Art Aberglaube, sinnierte sie. Vielleicht erklärte das, was Born meinte, wenn er von emfatieren redete ein Gefühl, das ihn in Einklang mit seiner Umwelt, den Pflanzen und Bäumen des Waldes brachte ? Aber sie begriff immer noch nicht ganz. Doch das hatte Zeit. Losting hatte recht, sie hatten nicht mehr weit zu gehen.

Jetzt bewegten sie sich durch ein dichtes Gewirr grüner Pflanzen mit grellgelben Streifen. Die Pflanzen wuchsen im rechten Winkel zueinander, bildeten eine Art lebenden Schacht. Losting gab zu erkennen, daß sie außen herumgehen, also einen Umweg von einem guten Dutzend Metern machen mußten.

Cohoma streckte die Hand aus und packte einen der ineinanderverwickelten fingerdicken Stiele. »Warum einen Umweg machen?« fragte er Born und deutete auf das Messer mit der breiten Klinge. Er drückte den Ast. »Dieses Zeug ist weich, warum hauen wir uns nicht einfach den Weg frei, wenn wir es eilig haben?«

»Ihr betrachtet den Tod mit viel Gleichgültigkeit«, meinte Born und musterte ihn so, wie Cohoma vielleicht ein Insekt unter dem Mikroskop mustern würde. »Kann es wirklich sein, daß du auf deiner eigenen Welt auch eine Art Jäger bist?« Er betonte das eine Art. Jetzt war Cohoma verblüfft und starrte Born an. »Es ist doch nur eine ganz gewöhnliche Grünpflanze.« »Es lebt«, sagte Born geduldig. »Wenn wir es durchschneiden, lebt es nicht mehr. Warum? Um Zeit zu sparen?« »Nein, nicht nur das. Wenn es hier eine Art vielfachen Allesfresser gibt, dann habe ich gerne etwas Platz um mich. Und je mehr freien Platz ich um mich herum habe, desto besser.«

Born und Losting wechselten Blicke. In der Nähe warteten die beiden Pelziger. »Er würde töten, nur um ein paar Minuten lang besseres Licht zu haben«, meinte Born erstaunt. »Du hast seltsame Prioritäten, Jancohoma. Wir gehen außen herum.«

Cohoma hatte noch zusätzliche Fragen und so auch Logan. Aber weder Born noch Losting waren jetzt bereit, sie zu beantworten. Schließlich hatten sie das kleine Schachbrettwäldchen umrundet. Im nächsten Augenblick befanden sie sich wieder im dichten Dschungel. Eine kleine Biegung nach links, und plötzlich standen sie in einer unerwarteten Lichtung, nämlich der, die Cohoma sich gewünscht hatte. Wie ein Tunnel im Wald. Der Tunnel war höher als Logan oder Cohoma, gute fünf Meter breit und erstreckte sich in gerader Linie nach links und rechts, bis er in der Ferne im Grün verschwand. »Akadi haben das gemacht. Sie sind ohne Verstand und haben nur ein Ziel. Sie fressen sich ihren Weg durch die Welt und hinterlassen das.« Er wies auf den freien Raum. Innerhalb des Tunnels gab es kein Leben mehr, es war verschwunden ins ins was ? »Ist die Linie immer so gerade?« fragte Logan.

»Nein, die Säule schickt Späher aus. Wenn in einer Richtung mehr Fressen ist, biegen die Akadi ab und fressen sich auf einem neuen Wege weiter. Wenn sie einmal angefangen haben, kann sie nichts vom Wege abbringen, außer ihrem Hunger. Seht.«

Er wies in den Tunnel. »Sie fressen sich durch alles durch, verzehren alles, was lebt, auf ihrem Wege, das nicht vor ihnen fliehen kann. Ich habe schon gesehen, wie sie sich durch das Herz eines Säulenbaums hindurchfraßen und auf der anderen Seite wieder herauskamen. Es heißt, daß man sich an den Rand des Tunnels stellen kann und sie nicht von ihrem auserwählten Pfad abweichen, obwohl sie einen hineinziehen könnten. Wenn die an der Spitze gesättigt sind, fallen sie zurück und lassen andere nach vorne, damit die sich vollfressen können. Bis die letzten gefressen haben, haben die ersten wieder Hunger. Sie machen nur halt, um sich auszuruhen oder sich zu vermehren.«

Cohoma blickte erleichtert. »Dann gibt es doch kein Problem, oder ? Sagt mir nicht, daß ihr euch Sorgen macht, weil sie auf euer Dorf zustreben?« Born nickte.

Der Riese spreizte die Hände. »Was macht das? Ihr braucht doch bloß eure Kinder und eure Pelziger zu nehmen und zu verschwinden, bis die sich durchgefressen haben, und dann wieder einziehen, habe ich recht?« Born schüttelte langsam den Kopf. »Nein, die Pollensäcke werden einige von ihnen töten, aber nicht sehr viele. Ihr begreift nicht. Wir könnten tun, was ihr sagt, aber nicht wir sind es, um die wir fürchten. Sie sind auf der Dorfetage. Sie werden das Heim erreichen und sich ihren Weg durch den Stamm selbst fressen, und wenn die Borke durchbrochen ist, werden sie sich auf das Herznolz stürzen. Das Heim wird ohne Verteidigung daliegen und Parasiten und Krankheiten ausgeliefert sein. Es wird schwarz werden und sterben, wenn wir die Säule nicht aufhalten oder ablenken können.« Mehr gab es nicht zu sagen. Sie verließen den Tunnel, und Logan und Cohoma bildeten die Nachhut.

»Aber Born«, beharrte Logan. »Ob ihr beiden nun anwesend seid oder nicht, das macht doch bei der Verteidigung des Baumes keinen Unterschied! Zwei Männer mehr . . . Bringt uns zu unserer Station, wir haben genug Geräte dort, womit wir diese Akadi aufhalten können, ehe sie das Heim erreichen, Geräte, die ihr euch nicht vorstellen könnt, Geräte, von denen ihr keine Vorstellung habt.«

»Das mag wohl sein«, räumte Born ein, »aber wir sind noch unzählige Tage von eurer Heimstation entfernt. Bei normaler Marschgeschwindigkeit erreichen die Akadi das Heim lange Zeit bevor wir zu eurer Station kommen. Wir müssen die anderen warnen und ihnen bei den Vorbereitungen helfen. Ihr werdet auch helfen.« »Wenn ihr glaubt«, konterte Cohoma, »daß wir einfach abwarten werden . . .«

»Natürlich werden wir tun, was wir können, Born«, sagte Logan besänftigend und warf ihrem Partner einen tadelnden Blick zu. »Nach alldem, was ihr bereits für uns getan habt, wird es uns eine Ehre sein, euch zu helfen.« Sie legte Cohoma die Hand auf die Schulter und hielt ihn zurück. Die beiden legten einigen Ab-stand zwischen sich und Born. »Was, zum Teufel, hast du denn, Kimi?« flüsterte Cohoma ärgerlich. »Wenn du mich noch eine Weile mit ihnen hättest reden lassen, dann hätte ich sie überzeugt, daß wir ihnen nichts nützen können. Sie könnten uns auf dem nächsten Ast zurücklassen, und wir . . .«

»Du bist ein kurzsichtiger Narr! Wir haben doch gar keine andere Wahl, als sie zu unterstützen. Wenn es nicht gelingt, den Baum zu verteidigen, sind wir ebenso tot, als wenn die Akadi uns gefressen hätten. Oder glaubst du, daß wir es ohne ihre Hilfe durch dieses Gewächshaus schaffen? Du hast doch gesehen, wie es hier ist. Wir wären inzwischen schon ein dutzendmal tot, wenn Born nicht wäre. Erinnere dich an die falsche Bromeliade, von der ich glaubte, sie sei voll Wasser, und die mit Säure gefüllt war! Natürlich werden wir kämpfen. Und wenn es wirklich so hoffnungslos aussieht, wie Born das hinstellt, haben wir immer noch genügend Zeit, um abzuhauen.« Sie stieg vorsichtig über ein blaues Pilzgewächs. »Und bis dahin sollten wir unser Bestes tun, um dafür zu sorgen, daß sie überleben. Es sei denn, du willst auf eigene Faust weiterziehen.«

»Okay, ich hab' nicht genügend nachgedacht«, räumte Cohoma ein. »Ich komme mit, solange die können. Aber ich bin nicht bereit, für irgend so einen verdammten Baum zu sterben. Lieber riskiere ich, daß mich dieser Wald umbringt.« Born hätte die Gedanken Cohomas nicht verstanden. Aber im Augenblick hatte er gar keine Zeit zuzuhören, er konzentrierte sich ganz auf Gedanken, die jedes Geräusch verdrängten. Die Akadi marschierten auf das Heim zu und auf Geh Hell zu. Er argwöhnte, daß die Riesen, wenn es darauf ankam, nicht bis zum Tode kämpfen würden. Er machte sich nicht die Mühe, ihnen zu sagen, daß die Akadi, sobald sie einmal eine Witterung aufgenommen hatten, einem Feind so lange folgten, bis dieser umfiel. Sobald der Kampf einmal begonnen hatte, waren die Sinne der Akadi geschärft und alle in der Reichweite ihres Geruchssinnes zum Tode verurteilt, sofern die Akadi nicht selbst vorher starben. Wenn es ihnen irgendwie gelang, diese Heersäule aufzuhalten, und die Riesen das erfuhren, konnten sie sich immer noch bei Born beklagen. Geh Hell war mit Reinigungsarbeiten beschäftigt, als sie erfuhr, daß Born zurückgekehrt sei. Sie sah ihn erregt mit Sand und Joyla reden und eilte auf ihn zu. Seine plötzliche, unerwartete Rückkehr überraschte und freute sie zugleich. Dann bemerkte sie, daß Losting bei ihm war und mit Born und den Stammesälteren redete. Sie hielt inne, blieb stehen, starrte die beiden an. Dann wirbelte sie herum und eilte zum Haus ihrer Eltern zurück. Hin und wieder blickte sie über die Schulter, redete leise mit sich selbst und schüttelte den Kopf. »Wie lange?« fragte Sand ernst.

»Ein Zweitagemarsch für einen Mann«, erklärte Losting und wies in den Wald.

»Und daß sie seitwärts vorbeiziehen, ist nicht möglich?« Born schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht. Es ist genau ihre Richtung.« »Sie werden mitten durch euer Dorf ziehen.« Born wandte sich um, als die beiden Riesen und Leser zu ihnen traten. »Ihr seht das alles völlig falsch«, fuhr Cohoma fort. »Ihr wollt euch opfern, um einen Baum zu retten? Hört, wie lange würde es denn dauern, bis der Baum stirbt, wenn die Akadi sich durch ihn hindurchgefressen haben?«

Leser gab ihm die Antwort. »Nach dem alten Kalender vielleicht hundert Jahre.«

Cohomas Empfindungen waren ihm ins Gesicht geschrieben. Ihr könntet also noch zwei oder drei Generationen hier leben und in aller Ruhe in kleinen Gruppen nach einem neuen Baum suchen. Aber wenn ihr bleibt und gegen diese Akadi kämpft, werdet ihr, wie es scheint, alle sterben. Was soll das also?«

»Das Heim wird leben«, erklärte Joyla würdig. »Richtig«, nickte Cohoma verbittert. »Werft doch euer Leben für dieses heilige Gemüse weg!« Er wandte sich Logan zu. »Die sind nicht mehr menschlich genug, um wieder vom

Commonwealth aufgenommen zu werden. Sie sind zu weit in die Barbarei abgesunken. Der natürliche Überlebenswille ist ihnen auf diesem Dunghaufen abhanden gekommen.« Der Häuptling schüttelte betrübt den Kopf, während die beiden Jäger die Riesen neugierig musterten, wie sie vielleicht eine neue Art von Chollakee studiert hätten. »Ihr Riesen, die ihr behauptet, von einer anderen Welt zu kommen, ich verstehe euch nicht. Es mag sein, wie ihr sagt, wir unterscheiden uns mehr von euch, als es scheint.« »Und dabei wollt ihr es belassen?« Joyla und Sand nickten gleichzeitig.

»Wir behaupten nicht, euch völlig zu verstehen«, räumte Logan in versöhnlichem Ton ein, während Cohoma leise vor sich hinfluchte, »aber vielleicht können wir euch irgendwie helfen.« »Wir werden jeden Vorschlag diskutieren, den ihr uns macht«, erwiderte Sand höflich.

»Okay«, sagte sie begeistert. »So wie ich das begreife, sind diese Akadi nur vom Weg abzulenken, wenn sie sich gegen einen Angreifer verteidigen müssen. Ist das richtig?« »Das stimmt«, nickte Born.

»Nun, denn«, fuhr sie fort, »warum die Säule dann nicht von der Seite angreifen. Sobald sie einmal abgebogen sind, um sich zu verteidigen werden sie dann nicht auf dem neuen Pfad weiterziehen?« Sand lächelte und schüttelte den Kopf. »Die Akadi erinnern sich. Sie würden jedes Geschöpf verfolgen und töten, das verrückt genug wäre, sie anzugreifen, und dann wieder auf ihre ursprüngliche Marschlinie zurückkehren.«

»Oh«, murmelte Logan bedrückt. »Ich hatte mich schon gefragt, warum niemand einen Ablenkungsangriff vorgeschlagen hat. Wir würden damit also nur etwas Zeit gewinnen.« »Sehr wenig Zeit«, fügte Losting hinzu. »Großartig«, warf Cohoma ein. Diese Leute fingen an, ihm auf die Nerven zu gehen. Hier hatten sie tatsächlich jemanden gefunden, der sie zu ihrer Station und in die Sicherheit zurückführen konnte, und jetzt verlangte diese lächerliche Logik, daß sie sich selbst umbrachten, in dem Versuch, einen Baum für die vierte Folgegeneration zu retten, statt einfach auszuziehen und auf ein oder zwei Tage zu verschwinden. Es war einfach gegen die Vernunft. Aber trotz seines Ausbruchs machte Cohoma sich keine Illusionen über die Chancen, die sie alleine im Dschungel hätten. Sie würden binnen weniger Stunden von irgendeinem giftspeienden Kohlkopf oder etwas ähnlich Bizarrem umgebracht werden. Er seufzte tief. Es war also wichtig, daß diese Akadi zerstört wurden. Dazu hatten er und Logan ihre Hilfe versprochen. Wenn der Kampf gewonnen wurde, dann würde man sie ob ihrer Tapferkeit loben. Wenn sie verloren, nun, dann konnten sie immer noch das Risiko des Dschungels auf sich nehmen. Weder er noch Logan wußten, daß die Akadi ihrem Feind so lange zu folgen pflegten, bis kein Atem mehr in ihm war. So halfen die beiden Riesen bereitwillig beim Bau von Verteidigungsanlagen aus zugespitzten Eisenholzstäben. Sie wurden an jener Seite des Heims mit Lianen festgebunden, an welcher der Angriff der Akadi erwartet wurde. Diese vergifteten Spieße und Dorne würden den ersten Anprall der Akadi verlangsamen, wenn auch nicht auf halten. Nein, aufzuhalten waren sie auf diese Weise nicht. Die schiere Gewalt ihrer Zahl würde sie weitertreiben, und die Lebenden würden die Toten und die aufgespießten Vettern als Brücken

benutzen.

Die Bewohner des großen Baumes hatten aber noch andere Verteidigungsmittel, Verteidigungsmittel, mit denen Cohoma und Logan trotz ihrer inzwischen größer gewordenen Erfahrung mit der Vegetation dieser Welt nicht vertraut waren.

Was war beispielsweise der Sinn der großen Nüsse, etwa von der doppelten Größe einer terranischen Kokosnuß, die so sorgfältig über den Kabbls aufgehängt worden waren, über die die Akadi den Baum betreten würden? Im Gegensatz zu den Bergen tödlicher Jacaridorne und Tanksamensäcke, die man gesammelt hatte, war an diesen Nüssen nichts, was auf ihren Waffencharakter hinwies.

Und dann kam Cohoma auf eine offensichtliche und doch brillante Lösung. Dabei übersah er freilich etwas, das Logan nicht übersah: die Tatsache nämlich, daß Borns Volk zwar primitiv, aber nicht dumm war. »Warum schneidet ihr nicht einfach sämtliche

Schlingpflanzen und Kabbls und Lianen ab, die in den Heimbaum führen?« schlug er einer kleinen Gruppe geschäftiger Männer vor. »Wenn diese Akadi nicht fliegen können, müssen sie doch außen herumgehen.« Anstelle einer Antwort reichte Jaipur, ein älterer Handwerker, Cohoma eine feingeschliffene Knochenaxt und forderte ihn auf, sie an der nächsten großen Liane auszuprobieren, die etwa den Umfang eines Männerschenkels hatte. Cohoma hackte gute zehn Mi-nuten daran herum. Am Ende war die Axtschneide so stumpf, daß sie nicht mehr schneiden wollte. Bei all seiner Mühe hatte er aber nur eine etwa drei Zentimeter tiefe Kerbe in die Rinde der Liane geschlagen.

»Eigentlich hättest du es dir denken müssen, Jan«, meinte Logan. »Diese Eingeborenen würden niemals vorschlagen, absichtlich etwas Wachsendes zu verletzen. Sie wußten also, daß du keine Chance hattest.« Jaipur machte eine weit ausholende Handbewegung und grinste schief. Eine Gesichtshälfte war nämlich in seiner frühen Kindheit bei einer Berührung mit einer Stachelpflanze gelähmt worden. »Es gibt viele Tausende solcher Pfade, die mit anderen verschlungen sind und die aus allen Richtungen zum Heim führen. Viele sind dicker als der Körper eines Pelzigers. Es gibt aber weder genug Äxte im Heim, noch genug Zeit in der Welt, um sie alle abzuschneiden, selbst wenn man sie abschneiden könnte.« Ehe Jaipur sich daranmachte, einen weiteren Eisenholzspeer zu schärfen, zeigte er Cohoma, wie jeder Kabbl sechs weitere hatte, die es trugen. Wenn man also nur ein oder zwei abschnitt, ohne auch das gute Dutzend Stützglieder abzuschneiden, wäre das Zeitverschwendung.

»Man würde ein Lasergewehr brauchen, um auch nur einen Anfang zu machen«, meinte Logan. »Verdammt, das Unterholz ist hier so ineinander verwuchert, daß man den halben Wald fällen müßte, um etwas zu erreichen.« In dem Moment kam Leser vorbei und erklärte den beiden Riesen, wie die Akadi auch beträchtliche freie Flächen ohne Unterstützung überwinden konnten, indem sie einfach eine lebende Brücke ineinander verkeilter Körper bildeten. Cohoma und Logan baten darum, etwas besser in der Handhabung der vorhandenen Waffen unterwiesen zu werden. Man hatte ihnen beiden Eisenholzspeere, Knochenaxt und Messer gegeben. Logan hätte einen Bläser vorgezogen, aber die bazookaähnlichen Blasrohre waren nur recht aufwendig herzustellen. Sie standen nicht einmal in ausreichender Anzahl denen zur Verfügung, die damit umgehen konnten. Sie wären verstimmt gewesen, hätten sie den Hauptgrund gekannt, weshalb man ihnen keine Bläser gab. Born hatte die Häuptlinge überzeugen können, daß die Riesen in einer schwierigen Situation wahrscheinlich eher sich selbst mit einem der giftigen Dorne verletzen würden, als ein Akadi zu töten.

Als sie um etwas detailliertere Auskunft über den Feind baten, erwies sich Born als höchst talentierter Zeichner. Mit einer weißen, kreideähnlichen Substanz zeichnete er auf einer Platte aus poliertem schwarzen Holz: »Ihr müßt versuchen, sie hier zu treffen«, erklärte er, »zwischen den Vorderbeinen oder hier zwischen den Augen. Jeder Akadi«, fuhr Born fort, »ist etwa halb so groß wie ein Mensch . . . wie ich.« »Etwa so groß wie ein Schäferhund also«, meinte Cohoma. Und Born fuhr fort: Ein Akadi hatte einen dicken biegsamen Körper ohne Schwanz; er bewegte sich auf sechs dünnen, aber sehr kräftigen Beinen, und jedes Bein endete in einer langen gebogenen Klaue, die es dem Akadi erlaubte, wie ein Faultier an Zweigen oder Kabbls entlangzulaufen. Vorne verjüngte sich der Körper und endete in einem Doppelkiefer ohne Hals, von starken Muskeln umgeben. Die Effizienz der doppelten Kieferanordnung faszinierte Logan. Eine Gruppe arbeitete in der gewöhnlichen Weise von oben nach unten, während die beiden anderen sich von links nach rechts bewegten. Synchronisiert stellten sie eine beißende Phalanx dar, die sich ebenso elegant durch das zähes te Holz oder Knochen fressen konnte, wie ein Laser durch Blech. Die Zähne im Ober und Unterkiefer waren dreieckig und rasiermesserscharf, während die an den Seiten viereckig waren, oben gezackt und etwas nach hinten gebogen, um damit Nahrung in den stets hungrigen Schlund zu befördern. Drei Augen, gleichmäßig über die obere Kopfhälfte verteilt, lagen etwas hinter den Kiefern. Darüber hinaus wies der Kopf drei Tentakel auf, an jeder Seite einen und einen weiteren mit Saugnäpfen ausgestatteten an der Spitze, womit sie die Beute festhalten konnten. Die Farbe der Akadi war ein rostiges Orangerot, ihre Augen und Beine waren glänzend schwarz. Trotz der drei Augen, so hieß es, war ihr Gesichtssinn schwach entwickelt. »Das wird durch ihren hervorragenden Geruchs- und Tastsinn ausgeglichen«, schloß Born.

»Eine perfekte Freßmaschine also«, stellte Logan fest. »Ideal konstruiert, höchst effizient.« Sie schüttelte den Kopf und murmelte: »Du großer Gott, ich möchte mich mit keinem von den Biestern einlassen. Dabei müssen wir gegen Tausende kämpfen.« Sie sah Born an. »Und ihr glaubt, ihr könnt so etwas mit ein paar Blasrohren und Speeren aufhalten?« »Neun«, sagte Born und wischte das polierte Holz mit dem Vorderarm ab. »Ich habe jetzt zu tun.« Er wandte sich zum Gehen.

»Keine Chance haben die, nicht die geringste Chance«, ereiferte sich Cohoma, als Born außer Hörweite war. »Ich fürchte, unsere Chancen stehen nicht viel besser, Jan.«

8

Sie hörten das Geräusch, während sie außerhalb des Ringes mit den Pollensäcken beladener Lianen ausruhten. Anfänglich war es nur ein leises Rascheln in der Ferne, wie Wind, der durch Zweige weht. Aber es wurde ständig lauter, zuerst ein Summen, dann ein Dröhnen wie von einer Milliarde Hummeln, die aufgestört um ein Nest schwärmen. Es schwoll weiter an und ging in ein betäubendes knatterndes Geräusch über, das weder Cohoma noch Logan je würden vergessen können. Das Geräusch von Hunderten von Tonnen organischer Materie, die zerkleinert wurden und in gierigen Mäulern verschwanden.

Von der unter ihnen liegenden Liane sprang eine vertraute Gestalt zu ihnen herauf. »Seid bereit, Riesen. Die Akadi kommen«, empfahl ihnen Losting. Logans Hand krampfte sich um den Schaft des Eisenholzspeers, und sie vergewisserte sich, daß Knochenaxt und das Messer noch am Gürtel ihrer in Fetzen gegangenen Shorts hingen, wenn sie auch nicht die Absicht hatte, einer der Freßmaschinen je nahe genug zu kommen, um eine der Waffen einsetzen zu müssen. Vorher würden sie fliehen.

Losting wollte an ihnen vorbeieilen. Cohoma winkte ihm zu, stehenzubleiben. »Wir haben Born schon seit ein paar Tagen nicht mehr gesehen, Losting. Ich weiß, daß er sehr beschäftigt war. Halt er auch irgendwo Wache?« »Born.« Lostings Gesicht wechselte hintereinander einige Male den Ausdruck, wandelte sich von Befriedigung zu Ekel. »Ihr habt Born einige Tage lang nicht gesehen, weil er seit einigen Tagen verschwunden ist.« Der Schock, der sich in den Gesichtern der beiden Riesen abzeichnete, bereitete Losting sichtliches Vergnügen. »Er hat das Heim eines Nachts verlassen, und seitdem hat man von ihm nichts mehr gehört oder gesehen. Es ist sicher, daß er nicht den Akadi entgegengegangen ist. Wir haben Späher ausgeschickt, die ihren Weg auf das Heim zu markieren. Sein Pelziger ist mit ihm verschwunden.« Es war klar, was er andeuten wollte der Jäger war geflohen. »Born, ein Feigling?« sagte Logan verwirrt. »Das verstehe ich nicht, Losting. Als alle anderen von euch Angst hatten, war er der einzige, der bereit war, zu unserem Gleiter hinunterzuklettern.« »Die Verrückten handeln nach ihren eigenen Gründen, die kein Mensch begreifen kann«, sagte Losting mit Abscheu. »Euer Himmelsboot war etwas Unbekanntes, ganz anders als die Akadi, die zu gut bekannt sind. Bei ihnen weiß man ganz genau, was man zu erwarten hat. Den Tod. Born ist Jäger und seiner Gewohnheit nach ein Einzelgänger. Wenn das Heim stirbt und das Dorf mit ihm, würde er alleine überleben. Es besteht kein Zweifel, daß er klug genug dazu ist.« Seine Miene verfinsterte sich. »Aber in ei-nem Punkt war er nicht klug, denn wenn es ein Dorf geben sollte, zu dem wir zurückkehren können, werden wir ihm nicht gestatten, unter uns zu leben. Die Häuptlinge und die Schamanen haben das bereits angeordnet.« Er drehte sich um, griff nach der nächsten Liane und zog sich zum nächsten Ast empor, um von dort aus die Bereitschaft der Verteidiger zu überprüfen. »Ich glaube es immer noch nicht«, flüsterte Logan und wandte sich wieder dem Wald zu. »Ich glaube, da kenne ich die menschliche Natur einfach zu gut.«

Ich habe dir doch gesagt, daß die ihre Menschlichkeit preisgegeben haben, um Konzessionen an diese Welt zu machen«, murrte Cohoma. »Ach, komm doch, Jan! Wie könnten sie denn in so kurzer Zeit so weit zurückgefallen sein? Es ist ja erst ein paar hundert Jahre her, daß die ersten Auswandererschiffe ausgezogen sind.« Jetzt wurde ihre Stimme leiser. »Ich hätte geschworen, daß ich diesen Born verstehe.«

»Es gibt da noch eine Möglichkeit, weißt du, Kimi«, meinte Cohoma nach einer Pause. Er musterte sie prüfend. »Selbst jemand wie Losung, der ihn nicht mag, gibt zu, daß der ein kluger Bursche ist. Vielleicht. . . vielleicht rechnet er damit, daß wir ihn retten.«

Logan sah ihren Begleiter neugierig an. »Wie meinst du das ?« »Nun, überleg doch einen Augenblick«, sagte er und begann sich für das Thema zu erwärmen. »Er ist irgendwo dort draußen . . .« er deutete durch die Palisade gespitzter Stäbe auf das andere Ende des Dorfes »und wartete darauf, daß wir uns ihm anschließen, wenn die Schlacht sich so negativ entwickelt, wie alle das anscheinend erwarten. Wir entfernen uns, sobald das Ende in Sicht ist. Er schließt sich uns an, wir ziehen zur Station, und dort wird ihm seine brennende Neugierde befriedigt. Und außerdem rettet er sein Leben.« »Das würde aber voraussetzen«, antwortete sie erregt, »daß sein Heim und seine Freunde ihm gleichgültig sind. Und eben das will ich nicht glauben. Ich denke, daß die Bindung in Born ebenso stark, wenn nicht stärker ist als bei allen anderen diesen Leuten. Bei einem Glücksritter könnte ich eine solche Haltung verstehen, bei einem bezahlten Revolverhelden, wie man sie in den Gassen von Drallar oder LaLa oder Repler findet, aber nicht bei Born.« Cohoma grinste. »Ich glaube, du siehst in unseren klein geratenen Vettern zuviel von dem edlen Wilden. Unser Freund Born ist einfach geschickt genug, um abzuhauen, und er hat genügend von einem Bilderstürmer, um . . .«

Die erste Reihe von Akadi durchbrach die dichte grüne Mauer, und jedes Gespräch erstarb. Die Säule war sieben oder acht Akadi breit und erstreckte sich nach hinten in den Wald, wo sie zwischen dem Grün verschwand. Sie waren Körper an Körper gepreßt, so dicht, daß die Spitze der Säule wie eine einzige monströse Raupe wirkte, ein wolliger orangeroter Pelz, klauenbewehrte Beine, zuckende Tentakeln. Das vom Blattwerk gefilterte grüne Licht spiegelte sich in Augen, die schwarz wie Kohle waren, dunkle Gruben gedankenloser Bösartigkeit, und auf einer Phalanx blitzender Zähne.

Winzige Explosionen waren zu hören, als der Ring sorgfältig postierter Jäger gleichzeitig ein Dutzend Tanksamen platzen ließ. Die Akadi zuckten zurück, und ihre Tentakel und die Klauenbeine versuchten in blinder Wut, die Dornen herauszuziehen. Aber ehe das wilde Schlagen von Armen und Tentakeln aufgehört hatte, war die erste Reihe bereits beiseite geschoben und stürzte von den Ästen und Epiphyten in die Tiefe.

Unter diesem Ort würde sich eine wahre Nekropole von Akadi bilden, sagte sich Cohoma.

Während das erste Dutzend Jäger nachlud, schoß die zweite Gruppe. Weitere Akadi starben. Dann schoß die erste Reihe wieder, und die zweite lud nach. Solch elementare Taktiken wirkten aber nur kurze Zeit. Es war, als bekämpften sie die See, Welle über Welle, einen lebenden orangefarbenen Ozean aus Saugnäpfen, Tentakeln, Klauen und Zähnen, die sich nach vorne wälzten, als würden sie aus einer Tube gedrückt. Jetzt fielen die Schüsse unregelmäßiger, waren weniger tödlich. Männer und Frauen mit langen Eisenholzlanzen schoben sich jetzt nach vorne, um auf die pelzbedeckten Körper einzustechen. Andere standen mit Äxten und Keulen bereit, um die vordringenden Speerträger vor den Akadi zu schützen.

Das Blut der Akadi war von einem dunklen schmutzigen Grün, wie dicke Erbsensuppe mit braunen Streifen darin. Die Speere erwiesen sich als wirksamer, als sie angenommen hatten. Jedesmal, wenn einer von ihnen zustieß, starb ein Akadi, griff sich mit Tentakeln und Klauen an den Leib, bis die Lanze wieder herausgezo-gen wurde.

Logan mußte die Anstrengungen der Leute würdigen, ob sie nun primitiv waren oder nicht. Während die Jäger hoch oben in den Ästen ihre Bläser dazu benutzten, um möglichst viele Angreifer zu fällen, rannte die vorderste Reihe der Akadi, deren Zahl jetzt geringer geworden war, in eine Mauer aus Speeren, wurde in Stücke gerissen und stürzte in einem beständigen Regen von Leichen in ihr grünes Grab. Wäre eines nicht gewesen, hätte die Ver-teidigungsaktion vielleicht Erfolg haben können. Aber die Zahl der Akadi war endlos. Zu Dutzenden kamen die Killer um, zu Hunderten. Aber der Fluß kam nicht ins Stocken, verlangsamte sich nie und ruhte nicht, sondern fraß sich stetig nach vorne . . .

Immer wieder gab es eine kurze Pause, wenn etwa zwei Jäger auf frische Dornen warteten oder auf Tanksamen, die man ihnen brachte. Hin und wieder wurde einer der Speerträger zu müde, um noch länger zuzustoßen, und die Reserve mußte eingreifen.

Und dann gewannen die Akadi jedesmal ein paar Zentimeter, schoben die Verteidigungsmauer aus Eisenholz wieder ein Stückchen weiter zurück. Hier ermüdete ein Mann und stolperte, oder eine Frau glitt auf dem Kabbl aus, und die anderen mußten ihnen wieder aufhelfen. So gingen wieder ein paar Zentimeter verloren.

Wenn sie über endlose Mengen an Jacaridornen, Tanksamen und unmenschliche Kraftreserven verfügt hätten, schätzte Cohoma, würde der Stamm die Akadi weiterhin mit minimalen Verlusten bekämpfen können. Aber sie waren außerstande, die Allesfresser daran zu hindern, Boden zu gewinnen. Sobald einmal ein Zentimeter Boden an die Angreifer verloren war, war es aussichtslos, ihn

zurückzugewinnen. Es war schlechterdings unmöglich, diesen lebenden Gießbach zurückzudrängen. Aber die Linie der Verteidiger hielt, hielt mit bewundernswerter Entschlossenheit, wie sie sonst nur religiöse Fanatiker an den Tag legen. Wenn in den vordersten Reihen welche an Erschöpfung zu-sammenbrachen, so wurden sie sofort ersetzt. Und doch gab es im Dorf nur eine begrenzte Zahl von Kämpfern, und die Ersatzleute begannen ebenso zu ermüden. Und hin und wieder schlüpfte ein Akadi unter einem Speer durch, um mit seinen stählernen Tentakeln einen Arm oder ein Bein zu packen. Dann mußte ein Axtträger sich beeilen und das Monstrum erschlagen. Denn sobald sie sich einmal irgendwo festgeklammert hatten, brachte sie nur noch der Tod dazu, ihr Opfer loszulassen. Stetig wurde die kleine Gruppe von Menschen

zurückgedrängt, zurück zu den Baumlianen, die die natürliche und letzte Verteidigungslinie für den Heimbaum bildeten. Sobald die Akadi sich einmal an den Pollensäcken vorbeigearbeitet hatten, würden sie anfangen, den Leib des Baumes selbst zu verschlingen. Dann war es nur noch eine Frage von Minuten, bis irreparabler Schaden angerichtet war. Logan wußte, was dann geschehen würde. Die Dorfbewohner würden eine letzte vergebliche Kraftanstrengung machen, die Akadi zurückzudrängen. Einen Augenblick lang würden sich Köpfe und Arme über die zuckenden Tentakel erheben. Und dann würden alle, Männer, Frauen, Kinder von der unvorstellbaren Masse umschlossen, und der Baum würde trotz ihres Opfers vernichtet werden.

Der Kampf wütete weiter. Es ging nicht so laut zu, wie es bei einem Krieg zwischen Menschen der Fall gewesen wäre, aber es war auch nicht leise. In der Reihe der Speerkämpfer riefen sich Männer und Frauen gegenseitig Mut zu, während die Akadi blindlings immer weiter nach vorne drängten, ihre Kiefer sich gierig öffneten und schlossen und wie eine Million Kastagnetten klapperten. Langsam wichen die Menschen dem Druck der unermüdlichen Akadi. Die Armee war vielleicht noch drei oder vier Meter von der ersten Liane mit Pollensäcken entfernt, als Rufe durch die Reihen der Verteidiger gingen. Logan erkannte die Stimme des Schamanen und die der Häuptlinge Sand und Joyla, jene Lostings und die einiger anderer Jäger. Eine plötzliche Dornensalve aus den Bläsern ließ die Akadi einen Augenblick lang erstarren, während die Verteidigungslinie sich löste und sich zur Seite zurückzog. Aber die Armee verfolgte sie nicht, also wälzte sich der lebende Strom weiter. Schon begannen die ersten an der nahrhaften Borke des Baumes zu nagen, begierig auf das lebende Holz darunter, wäh-rend andere bereits auf die ersten Lianen zustrebten. Cohoma spürte eine Hand an seinem Arm, sah, wie einer der Jäger ihm bedeutete, ihm zu folgen. Die Stimme des Mannes klang eindringlich. Er und Logan kletterten ihm nach in die höher gelegenen Zweige. Als hinter ihnen ein Schrei ertönte, wandten sie sich um. Sie sahen die großen Nüsse herunterfallen, sahen sie inmitten der Akadi landen und platzen, und als sie platzten, schoß feiner weißer Puder heraus. Er glitzerte im Licht der untergehenden Sonne. Der Vormarsch der Akadi kam ins Stocken, sie scharrten unruhig mit ihren Klauen auf dem Holz herum, taumelten übereinander, stürzten, fielen auf den Rücken, schlugen aufeinander ein, schlugen gegen das Holz des Baumes. Irgendeine unerklärliche Art von Wahnsinn schien sie erfaßt zu haben.

Cohoma merkte plötzlich, wie er mit den anderen auf die Akadi zurannte, mit seinem Speer zustach, ihn wieder herauszog und erneut zustieß. Die Körper der Akadi waren überraschend weich, die Spitze der Waffe drang leicht ein. Grünes Blut bedeckte seine Lanze. Ganz in der Nähe sah er Logan mit ihrem Speer zustechen. Ein glühender Schmerz schoß ihm durch den Knöchel. Er blickte nach unten und bemerkte, daß es einem der Akadi irgendwie gelungen war, sich an der neuformierten Reihe von Speerkämpfern vorbeizuschmuggeln, und daß dieses Scheusal sein Bein jetzt mit drei Tentakeln umfaßt hielt. Zähne nagten an seinem Unterschenkel. Er versuchte den Speer herumzudrehen, schaffte es aber nicht und bemerkte, wie er, von seinem verletzten Bein im Stich gelassen, zu Boden sank. Dann bohrte sich etwas zwischen das zweite und dritte Auge des alptraumhaften Scheusals. »Danke, Kimi. Du großer Gott, schaff das weg!« Wieder stieß sie zu, und grüner Saft bespritzte sie, aber die dreieckigen Zähne weigerten sich, ihren Griff zu lockern. Am Ende mußte sie die Axt einsetzen, um die Tentakeln loszuschneiden und die Kiefer aus-einanderzuziehen. Hellrote Kreise zeichneten sich an seiner Wade ab, wo die Saugnäpfe sie festgehalten hatten. Und hinter dem Knöchel hatte er eine tiefe viereckige Wunde. Auf Logan gestützt, hinkte er aus dem Gefecht. Eine kleine Sprühflasche aus ihrem Medikit brachte die Blutung zum Stillstand. Die Gerinnung setzte sofort ein. Er drückte ein selbstklebendes Pflaster darauf. »Hab' nicht gesehen, wo das Biest herkam«, erklärte er ihr mit zusammengebissenen Zähnen. Der Schweiß stand ihm auf der Stirn, und er wischte ihn ab.

Logan studierte die Wunde unter dem durchsichtigen Verband. »Das wird eine schöne quadratische Narbe abgeben. Wird Spaß machen, das zu erklären.«

»Hoffentlich habe ich noch Gelegenheit, es jemandem zu erklären . . .« Seine Worte wurden von einem Brüllen übertönt, so laut, daß selbst der Heimbaum erzitterte. Das kleine Grüppchen Menschen verstärkte seine Anstrengungen, ein Dutzend kräftiger grüner Gestalten schloß sich ihnen an.

Eine ungeheure Tatze hob sich und senkte sich wieder. Und bei Jedem Schlag starb ein Akadi mit zerdrückter Wirbelsäule oder eingeschlagenem Schädel. Zum erstenmal hatten sich die Pelziger aus ihrem täglichen Schlaf wecken lassen. Zum erstenmal boten sie gemeinsam ihre Dienste ohne Überlegung oder Diskussion an. Die muskelbepackten Sechsbeiner wüteten unter den Akadi. Logan entdeckte Geeliwan unter ihnen, Lostings Pelziger, aber Ruumahum war nirgends zu sehen. Ein riesenhafter Pelziger erhob sich aus der Mitte des Getürnmels. Mehrere Akadi hingen an ihm, ihre Tentakel suchten in dem dicken Pelz vergeblich nach einer Angriffsfläche. Ihre Zähne schnappten und bissen vergebens. Jetzt tauchte ein zweiter neben ihm auf, begann die wütenden Akadi vom Körper seines Beglei-ters abzupflücken und sie methodisch zu zerquetschen. Gelegentlich überflutete der Strom einen Pelziger, aber dann hob er sich wie ein blasender Wal. Aber so dick ihr Pelz, so zäh ihre Haut und so ungeheuer ihre Kraft auch war, selbst sie konnten sich nicht lange gegen die unermüdliche Armee halten. Immer wieder tauchte ein Pelziger in dem orangeroten Fluß des Todes unter, um sich nicht wieder zu erheben.

Und als es dann doch geschah, wollte es niemand mehr glauben. »Schau!« stöhnte Cohoma und deutete. »Sie kehren um, ziehen sich zurück. Sie sind geschlagen!«

Tatsächlich hatten die Akadi aufgehört, sich nach vorne zu wälzen, zogen sich zurück, hinein in den Tunnel, den sie durch die Welt gefressen hatten. Sie nahmen nichts mit, ließen ihre Toten und Sterbenden zurück und zertrampelten bei ihrem Rückzug die Verletzten. Jetzt sahen die Bewohner des Heimbaumes, von denen einige zu erschöpft waren, als daß sie sich noch bewegen konnten, zu, wie ihre etwas energischeren Kameraden mit Äxten und Keulen herumliefen sehr vorsichtig, um nicht von den glitschigen blutbesudelten Kabbls und Ästen abzugleiten und jene Akadi erle-digten, die zu schwer verletzt waren, um noch fliehen zu können.

Die Pelziger sammelten sich ebenfalls, töteten beiläufig ein paar noch um sich beißende Akadi und leckten sich gegenseitig die Wunden. Einige suchten zwischen den Ästen und Lianen nach jenen ihrer Brüder, die sich nie mehr zu ihnen gesellen würden.

Aber die Freude war kurz. Logan und Cohoma sahen zu, wie die Überlebenden das Schlachtfeld nach Verletzten absuchten. Überall lagen verstümmelte Leichen umher, denen Arme und Beine oder gar der Kopf fehlte. Herausgerissene Eingeweide lagen auf hellgrünen Blättern und Blumen.

»Bei den Geboten der Kirche, die haben Mut. Fast könnte man bedauern . . .«

»Sei still!« brachte Logan ihn zum Schweigen und deutete mit einer Kopfbewegung auf den großen Jäger, der auf sie zukam.

Eine Seite seiner Brust war mit einer Reihe rechteckiger Wunden gleichsam verziert. Einige waren provisorisch mit langen dünnen Streifen eines bestimmten Blattes bandagiert. Er hielt einen Bläser locker in der rechten Hand, während seine linke eine Keule trug. An seinem ganzen Körper gab es kaum ein Fleckchen Haut, das nicht mit den winzigen kaminroten Kreisen bedeckt war, wie sie die tastenden Saugnäpfe der Akadi hinterließen.

»Ihr habt sie geschlagen . . . trotz allem«, sagte Logan, als er zu begreifen begann, daß der Jäger an ihnen vorbeigehen wollte. »Sie geschlagen?« Losting blieb stehen und starrte sie wild an, und sie zuckten unwillkürlich unter der nackten Wut in seinen Augen zusammen. »Sie geschlagen nein. Glaubt ihr, die haben wegen unserer Anstrengungen haltgemacht?« Er zögerte. »Aufgehalten haben wir sie, das stimmt. Es war ein guter Kampf. Ich werde stolz sein, eines Tages meinen Kindern davon zu berichten. Wir haben sie lange genug aufgehalten, um den Tag zu gewinnen . . . aber nur den Tag. Aber sie zum Stillstand gebracht nein. Sie haben sich selbst aufgehalten.« »Sich selbst aufgehalten?« wiederholte Logan verständnislos. »Seht euch doch um«, riet Losting. »Was seht ihr?« Die beiden Riesen sahen sich auf dem Schlachtfeld um. »Sehr wenig«, meinte Logan dann. »Es wird zu dunkel.« »Ja, es wird zu dunkel. Für die Akadi ebenso wie für uns. Sie haben haltgemacht, weil der Tag am Ende ist. Während der Nachtregen fällt, werden sie schlafen. Und morgen werden sie erwachen und uns mit der gleichen Entschlossenheit angreifen, wie sie das heute getan haben. Wir haben nur eine begrenzte Zahl Ja-caris für die Bläser und nur eine begrenzte Menge Blut. Ich glaube nicht, daß wir sie noch einmal aufhalten können. Aber wir werden es versuchen. Wenn die Pelziger nicht gewesen wären und das da, hätten wir sie nicht einmal heute aufgehalten.«

Er beugte sich vor und schob die Spitze seiner Keule unter etwas. Logan und Cohoma beugten sich ebenfalls vor. Zuerst sahen sie nichts. Dann brach sich ein letzter Sonnenstrahl in etwas wie einen winzigen, hell leuchtenden Edelstein. »Dieses kleine Ding?« wunderte sie sich und griff danach. »Ich könnte es wie eine Ameise zerdrücken.« Losting zog die Keule zurück, ehe sie ihre Worte wahrmachen konnte. »Ich mag euch Riesen nicht besonders, obwohl ihr heute recht gut gekämpft habt. Aber selbst meinem schlimmsten Feind würde ich nicht gestatten, den Samen einer Otterot zu berühren.«

Er richtete sich auf und sah sich um, bis er den abgerissenen Tentakel eines Akadi fand. Den legte er vor sich hin. »Paßt auf.« Er schob die Keule etwas zur Seite und schüttelte sie dann vorsichtig. Das winzige, metallisch aussehende, vielbeinige Ding glitt auf den Tentakel, und in dem Augenblick, als es ihn berührte, schien es zu verschwinden. Cohoma kniff die Augen zusammen, um in der sinkenden Dämmerung noch etwas sehen zu können. »Wo ist es jetzt hin?« »Seht genau hin.« Nichts geschah. Dann hatte Cohoma den Eindruck, als wäre unter der Haut des Tentakel eine Schwellung zu sehen. Einige Minuten verstrichen, in denen aus der Schwellung eine Beule wurde, so groß wie eine Haselnuß und dann wie eine Zehe. Losting holte sein Messer heraus und berührte die Beule damit. Die angespannte Haut platzte, und ein kleiner purpurfarbener Ball sprang heraus. Er begann zu rollen, rollte auf den Rand des Astes zu. Er nahm seine Keule und hielt den Ball auf, rollte ihn zurück. Cohoma und Logan konnten ganz unten an der Kugel einen winzi-gen vielbeinigen Punkt sehen das ursprüngliche edelsteinähnliche Geschöpf. »Das ist der Staub des Otterot«, erklärte Losung. »Wenn er platzt, verstreut es Millionen von diesen« damit deutete er auf den winzigen Käfer. »Wenn sie Holz oder eine Pflanze berühren, geschieht nichts. Aber wenn sie Fleisch berühren sollten, sei es nun Mensch oder Pelziger oder Akadi, dann graben sie sich hinein und . . . fressen. Ah, und wie sie fressen.« Er sagte das so hingebungsvoll, so daß Logan beinahe übel dabei wurde.

Cohoma fühlte sich auch nicht besonders wohl. Was sie soeben erlebt hatten, reichte aus, um selbst bei einem erfahrenen Beobachter Übelkeit zu erregen.

»Seht«, sagte Losting und stieß den purpurfarbenen Ball mit seiner Keule an, »seht, wie es sich bewegt, zu laufen versucht. Das Fleisch unter der Haut, wo es sich hineinbohrt, wird schnell aufgeweicht und von dem Staubkäfer verzehrt, und wenn einer davon sich von seinem Wirt löst und auf eine weiche Pflanze fällt, graben sich die Beine ein und werden zu Wurzeln. Das Fruchtfleisch in diesem Körper wird grün, während es sich in Nahrung verwandelt. Am Ende platzt der Sack, und auf einem neuen Wirt wächst eine neue Otterotpflanze.«

»Faszinierend«, räumte Logan ein, die ebenfalls allmählich anfing, grün zu werden. Sie war genügend Wissenschaftlerin, um ihre letzte Mahlzeit bei sich zu behalten. Aber irgendwie verursachte ihr dieses botanische Wunder auf eine Art und Weise Übelkeit, wie selbst das Blutbad dieses Tages es nicht fertiggebracht hatte. Sie stellte sich vor, wie einige dieser Geschöpfe auf ihr landeten, sich in sie hineingruben und von innen auffraßen. »Sind das bewegliche kleine Pflanzen«, fragte sie eilig, »oder Insekten oder was sonst?«

»Vielleicht ein wenig von beidem«, meinte Cohoma. »Ihr habt sicher bemerkt, wie alles tierische Leben hier vorwiegend grün ist die Pelziger, das Blut der Akadi. Ich glaube, Kimi, daß es auf dieser Welt vielleicht die übliche klare Unterscheidung zwischen Pflanze und Tier überhaupt nicht gibt.«

»Trotzdem«, erwiderte sie, »dies ist ein Forschungsbereich, den ich liebend gerne jemand anderem überlassen werde, wenn wir zur Station zurückkehren.«

Losting war nicht sicher, daß er alles begriff, was er hörte. »Freilich, es ist gefährlich, mit ihnen zu kämpfen. Man muß sich große Mühe geben, um einen Otterot zu emfatieren. Wenn einer platzt, während er aufgeschnitten .

. .« Er brauchte den Gedanken gar nicht zu Ende führen. »Kein Wunder, daß die Akadisäule zum Stillstand kam«, meinte Logan. »Der ganze vordere Abschnitt muß im Laufe von ein paar Minuten buchstäblich von innen heraus aufgefressen worden sein.« Sie blickte nervös auf den holzigen Boden, auf dem sie standen. »Was wird aus den Millionen dieser Biester, die nichts zu fressen bekamen? Finden wir die heute nacht in unseren Betten?«

Losting schüttelte den Kopf. »Ihre Geschwindigkeit und ihre Energie ist notwendig, denn diejenigen, die nicht sofort nach der Freilassung Nahrung finden, sterben ganz schnell. Alle waren tot, ehe die Sonne ganz untergegangen war. Ihr braucht keine Angst zu haben. Und auch die Akadi nicht«, fügte er bedauernd hinzu. »Aber jetzt haben wir leider keine Otterots mehr. Sie wachsen nur sehr selten und unregelmäßig.« Logan empfand über diese Tatsache kein Bedauern. Sie trat auf die pulsierende Monstrosität. Diese platzte, und purpurgrüne Farbe befleckte das Holz des Astes.

Sie folgten dem Jäger ins Dorf zurück. »Was geschieht dann morgen?« fragte Logan. »Besteht gar keine Hoffnung mehr?« »Hoffnung besteht immer, solange noch jemand am Leben ist«, erinnerte Losting sie. Die Riesen schien das nicht sonderlich zu ermutigen. »Wir haben unsere Bläser«, sagte er und hob seine Waffe, »und unsere Speere und Äxte und unsere Pelziger. Und dann sind da immer noch die Pollensäcke vom Heim selbst. Wenn die nicht mehr sind . . .« Er zuckte die Achseln. »Dann habe ich noch meine Hände und meine Zähne.«

Er ließ sie stehen. Logan blickte ihm nach, Cohoma murmelte: »Großartig . . . wirklich lobenswert. Ich glaube, es ist besser, wir machen uns selbstständig so schlecht auch unsere Chancen sein mögen und gehen in den Wald. Ich muß gestehen, daß ich mich nicht so sehr in der Schuld dieses edlen Baumes fühle.« Er sah sich um. »Zumindest sterben wir dann auf dem Weg nach Hause und nicht bei der

Verteidigung dieses komischen Gemüses!«

Einen Vorteil hatte ihre Erschöpfung sie fanden trotz ihrer Sorgen Schlaf. Noch suchten sich die letzten Regentropfen von den oberen Etagendes Baldachins ihren Weg in die Tiefe, als der Stamm sich auf den nächsten Angriff der Akadi vorbereitete. Wieder bezogen die Jäger ihre Positionen hoch in den Zweigen, die Bläser bereit, entschlossen, mit jedem wertvollen Jacari einen Akadi zu töten. Wenn die giftigen Dornen verbraucht waren, würden sie die Bläser weglegen und mit Äxten und Keulen hinunterklettern und neben ihren Familien kämpfen. Die dünne Reihe von Speerträgern postierte sich schweigend an dem Weg, über den bald die Akadiarmee herankriechen würde, bezog Stellung. Die ersten Pelziger erschienen. Müde und unausgeschlafen knurrten sie ungnädig.

Auch Cohoma und Logan bezogen oben auf einem der Zweige des mächtigen Heimbaumes Stellung. Von hier aus würden sie einen ausgezeichneten Überblick über den Kampf haben und sich etwas weniger gedrängt fühlen, sich selbst in die Schlacht zu werfen. Wenn Lostings pessimistische Lageeinschätzung sich bestä-tigen sollte, würden sie ins Dorf zurückgehen, mitnehmen, was an Vorräten greifbar war, und die Akadisäule umgehen. Und dann würden sie nach dem Kompaß einen Südwestkurs einschlagen, auf die ferne Station zu. Vielleicht würden sie sie erreichen, vielleicht auch nicht, aber so würden sie wenigstens eine Chance haben.

Logan glaubte in einiger Entfernung im Gebüsch ein Rascheln zu hören. Die Akadi begannen sich zu erheben, die Lethargie der Nacht von sich zu schütteln. Sie schickten sich an, den Kampf aufs neue zu beginnen, zu wüten, zu vernichten und zu töten.

Die mit Bläsern bewaffneten Jäger machten sich bereit. Und die mit den Speeren und Äxten taten es ihnen gleich. Sie hatten keine Späher aufgestellt, die sie vom Herannahen der Akadi verständigen sollten. Man brauchte sie nicht. Ein paar Augenblicke der Vorwarnung hatten jetzt nichts zu bedeuten. Alle wußten, woher sie kommen würden. Jeder Mann, jede Frau und jedes Kind trug eine Waffe und starrte auf das grüne Loch im Wald.

Logan flüsterte ihrem Partner zu: »Kommen sie?« Die Knöchel der Hand, mit der sie den Speerschaft hielt, waren vor Anspannung weiß. »Denk daran«, sagte er, »wenn das Blatt sich wendet, verschwinden wir hier.«

»Glaubst du, wir können die Lianensperre veranlassen, sich für uns zu öffnen?«

»Da gibt es bestimmt noch ein paar Leute des Stammes, die hindurch müssen. Vergiß nicht, die Lianen sind die letzte Verteidigungslinie des Baumes. Wir können uns immer noch einen Eingeborenen schnappen. Und außerdem . . .«, fügte er kühl hinzu, »wir essen jetzt schon seit ein paar Tagen die Früchte dieses Baumes. Vielleicht haben wir schon genug von den richtigen Chemikalien in uns, daß der Baum uns anerkennt.« Das Rascheln nahm zu, aber es schien gleichzeitig lauter und weiter entfernt. Es lief ihnen eisig über den Rücken. Ob die Akadi wohl so etwas wie Wut oder Ärger empfinden konnten, fragte sie sich? Bereiteten sie sich vielleicht mit wilden Kriegsrufen vor? Was für Hirne hatten diese orangeroten Scheusale ? Verschmolzen alle Gedanken in einer einzigen sinnlosen Aufwallung des Bösen, oder waren sie zu Regungen fähig, die über den Drang, zu töten, zu fressen und zu schlafen, hinausgingen? Die Zeit zog sich hin, und der Klang ferner

kastagnettenähnlicher Laute nahm weder zu, noch ab, war aber laut genug, um die anderen Geräusche des Waldes zu übertönen. Jetzt begannen die Männer und Frauen, die mit ihren Speeren ganz vorne an dem grünen Tunnel standen, unruhig zu werden. Die Jäger in den Asten sahen sich nervös um. Unterdessen war die Sonne an dem grünen Himmel höher gestiegen, aber die Öffnung der Hölle hatte bis jetzt immer noch nicht ihren Schrecken ausgespien.

Nun war weiter drin im Tunnel eine Bewegung wahrzunehmen, Rufe hallten zu ihnen herauf Rufe, die eher erleichtert klangen. Das ständige nervenzerreißende Warten war es, das die Ent-schlossenheit und Konzentration der Jäger und Speerkämpfer untergrub, das war viel schlimmer als der eigentliche Kampf. Aber da war kein Zittern in den Blättern an der Tunnelmündung zu sehen, da schwankten keine Äste unter dem massiven Gewicht der Angreifer. Ein paar Blätter raschelten leicht, als die erste Gestalt sichtbar wurde. Aber es waren nicht die Akadi. Ein menschlicher Ruf hallte aus dem Tunnel, hob sich über den Lärm des Hintergrundes. Eine zweite Gestalt erschien neben der ersten, ihr dicker grüner Pelz war vom Regen verklebt, die drei Augen schläfrig halb geschlossen.

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