Die denkenden Wälder
Säulenbaumstamm eine Reihe miteinander verbundener Streben, die…
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
Säulenbaumstamm eine Reihe miteinander verbundener Streben, die von dicken Kabeln gehalten wurden. Durch diese Kabel floß ein elektrischer Strom, der kräftig genug war, um jeden neugierigen Fleischfresser abzuhalten, der durch irgendein Wunder den elektrischen Schutzvorrichtungen entkommen sein sollte.
Als das erklärt war, erkundigte sich Born, welchem Zweck die flache Metallscheibe diente, die zu ihrer Rechten angebracht war. Ein fünfter Laufgang, etwas größer als die anderen, führte von ihr zur Station. Die Scheibe ruhte auf einem kleineren Baum, dessen Stärke jedoch ausreichte, dieses geringere Gewicht zu tragen.
Born erkannte das rechteckige Gebilde, welches auf dieser Plattform ruhte, nicht als einen größeren Vetter des Skimmers der Riesen. Das Landeboot unterschied sich in seiner Form hinreichend davon, um für beide Jäger unerklärlich zu bleiben, ebenso wie das Netz von Gittern und Antennen, welche aus den Seiten der Station und der Beobachtungskuppel an ihrer Spitze hervorstachen. Hinter den Laserbatterien und den Laufgängen aus Metall, hinter dem doppelmaschigen Drahtgitter lagen Wohnquartiere, Laboratorien, Verwaltungsbüros, ein Kommunikationszentrum, um das die Station jeder Planet mit mehr als einer Million Einwohnern beneidet hätte, ein Skimmerhangar, Servicedocks, eine Energie-anlage sowie eine Vielfalt von Lager und Wohnräumen. Selbst jemand, der nur wenig interstellar reiste, hätte sofort erkannt, welchen ungewöhnlichen Aufwand man beim Bau dieser Station getrieben hatte. »Jetzt geht's los«, sagte Logan. Theoretisch war alles sorgfältig überprüft, und es bestand keine Gefahr, daß irgendwelche automatischen Waffen sie in Staub verwandelten, ehe sie gründlich überprüft worden waren. Theoretisch. Sie hatte bis jetzt noch keine Gelegenheit gehabt, sich persönlich vom Funktionieren der Anlagen zu überzeugen. Die be-kam sie jetzt.
Sie wählte einen halb abgeschnittenen Kabbl, der in Richtung der Station führte, und trat aus dem Dschungel ins Freie. Sofort richteten sich zwei metallische Stummel auf sie. Sie hoffte, daß, wer auch immer im Augenblick am Computer Dienst hatte, jetzt nicht schläfrig war oder unter Drogen stand oder darauf erpicht war, ein paar Zielübungen zu machen. Ein paar Augenblicke lang, die ihr wie eine Ewigkeit erschienen, geschah gar nichts. Sie winkte, fuchtelte mit beiden Händen in der Luft herum. Cohoma wartete, während Born und Losting aufmerksam zum Himmel blickten und die Bläser bereithielteri.
Born beschäftigten in diesem Augenblick auch andere Gedanken. Der Halbtraum der Station der Riesen war Wirklichkeit. Sie existierte, saß ganz massiv hier vor ihm auf den Baumspitzen. Ob in ihr all die Wunder enthalten waren, die man ihm versprochen hatte, würde man ja sehen. Für den Augenblick jedenfalls, solange sie allen möglichen Himmelsdämonen ausgesetzt waren, würde er lieber auf das Jacarigift als auf irgendwelche Versprechungen bauen. Man konnte erkennen, wie sich drüben Gestalten bewegten und langsam und vorsichtig auf sie zukamen. Als die Gestalten sich näherten, blickte Logan zu Boden, dann wieder in die Höhe und sah, daß ein Weg, ohne Zweifel einer von vielen, über den Wald gelegt worden war. Man hatte sie von der Existenz solcher Wege informiert, aber sie hatte sie sich nicht gemerkt, da sie nie damit gerechnet hatte, einen benutzen zu müssen. Die Gestalten trugen Handwaffen und waren mit denselben grauen Overalls bekleidet, die Born ursprünglich an Cohoma und Logan gesehen hatte. Und als sie näher kamen, weiteten sich ihre Augen. Es waren drei Personen. Der eine, der ganz vorn ging, blieb vor Logan stehen und musterte sie lange von oben bis unten. In seinem Gesichtsausdruck mischten sich Freude und Verblüffung. »Kimi Logan! Da soll mich doch der Teufel holen!« Er schüttelte ungläubig den Kopf. »Wir haben schon vor Wochen den Kontakt mit Ihrem Skimmer verloren. Wir haben Suchmannschaften mit Skimmern ausgeschickt und nichts gefunden. Sie haben sich ein hübsches Begräbnis entgehen lassen.« »Tut mir leid, Sal.« »Wo zur Hölle kommen Sie denn her?«
»Besser hätte ich es auch nicht ausdrücken können, Sal.« Sie wandte sich um und rief in den Busch: »Alles klar, kommt alle raus.« Cohoma trat vor. Als Born und Losting erschienen, gingen dem Mann mit den grauen Koteletten und dem gespalteten Kinn für einen Augenblick die Kraftausdrücke aus. »Ich will verdammt sein«, murmelte er schließlich. Nach einem Blick von Logan schob er die Waffe ins Halfter. Dann musterte er die beiden Jäger erneut. Born zwang sich dazu, unter dem prüfenden Blick nicht nervös zu werden. Außerdem war er selbst voll und ganz damit beschäftigt, die drei Riesen zu mustern. Der größte von ihnen, der, den Kimilogan Sal nannte, unterschied sich kaum von Cohoma, wenn er auch noch größer und noch schwerer war. Die anderen beiden Riesen hatten die Größe von Logan, wenn auch nur einer davon weiblich war. »Pygmäen!« Er blickte Logan fragend an.
»Eingeborene.« Sie lächelte. »Zu viele Ähnlichkeiten für eine parallele Entwicklung. Wir können natürlich nicht ganz sicher sein, solange man sie nicht gründlich untersucht hat, aber abgesehen von ein paar kleineren Unterschieden möchte ich wetten, daß sie sich als ebenso menschlich wie Sie oder ich erweisen werden. Jan und ich vermuten, daß es sich um die Nachkommen eines vor Jahrhunderten gestrandeten Auswandererschiffs handelt. Vielleicht sogar aus der Zeit vor dem Commonwealth. Übrigens, sie sprechen
ausgezeichnetes, wenn auch etwas zischendes Terr-anglo.« Sal stand immer noch der Mund offen. »Könnte schon sein. Es hat genügend von diesen alten Kolonisten gegeben, die am falschen Punkt rauskamen. Ebensogut hätten wir erst tausend Jahre später auf die Thranx stoßen können, wenn dort nicht ein Schiff verlorengegangen wäre.« Er knurrte. »Kleinere Unterschiede . . . Sie meinen die Zehen und die Größe?« Logan nickte. »Das und die Schutzfärbung, die sie sich zugelegt haben. Schauen Sie, Jan und ich sind wirklich durch diese Hölle gegangen, die Sie gerade erwähnt haben. Ich habe Wochen damit verbracht, mir auszumalen, wie ich mir mein Festmahl zusam-menstelle, angefangen bei einem Steak bis zu dem Pfefferminzbonbon nachher. Und gebadet habe ich auch nicht mehr, seit wir hier abgeflogen sind.« »Und etwas Ordentliches anzuziehen«, fügte Cohoma hinzu. »Saubere Unterwäsche!« »Hansen wird froh sein, daß Sie beide wieder da sind«, lächelte Sal. »Aber ich würde einiges darum geben, wenn ich sein Gesicht sehen könnte, wenn Sie mit Ihren zwei Freunden zu ihm kommen. Ein Vermögen würde ich darum geben!« »Sie sollten ihn erst sehen, wenn wir ihm von unseren Entdeckungen berichten. Sie sollten auch mal hinausgehen und sich ein wenig umsehen, Sal. Das ist die einzige Methode, wie man eine Welt kennenlernt.«
»Yeah? Nun, wenn es Ihnen nichts ausmacht, überlasse ich das lieber anderen.« Cohoma tat so, als wollte er ihm einen Boxhieb versetzen. »Erzählen Sie mir ein wenig.« »Tut mir leid, Sal«, grinste Cohoma. »Ich muß schließlich an meine Prämie denken.« »Ach was, Jan, die macht Ihnen keiner streitig. Außerdem, wie sollte ich es denn beweisen? Aber es freut mich, daß der kleine Spaziergang sich gelohnt hat. Der Alte stand unter ziemlichem Druck von Zuhause, seit Tsingahn sich umgebracht hat.«
Cohoma und Logan waren nicht zu müde, um zu erschrecken. »Popi hat Selbstmord begangen?« flüsterte Logan und benutzte dabei den Spitznamen des Biochemikers. »So geht die Rede. Nearchose, der Sicherheitstyp, mit dem der Professor sich angefreundet hatte, hat ihn als letzter lebend gesehen. Nick sagt, der Bursche hätte irgendwelche Depressionen gehabt, aber keinen Grund zum Selbstmord. Jedenfalls hat er plötzlich durchgedreht und sein ganzes Labor in die Luft gejagt. Eigentlich ist es ja kein Wunder; wenn einer so auf das Zeug versessen ist wie Tsingahn, dann weiß keiner, was er plötzlich anfängt. Die Firma geht wirklich ein Risiko ein, wenn sie solche Burschen einstellt. Und diesmal ist es eben schiefgegangen.«
»Schade, ich konnte ihn gut leiden«, murmelte Cohoma. »Alle konnten ihn leiden.« Jetzt herrschte Stille. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach, im vollen Bewußtsein dessen, daß sie auf dieser Welt waren, weil sie selbst irgendwelche Schwächen hatten , Geld, Drogen oder etwas, wovon man am besten nicht redete. Aber über solche Dinge wurde hier nach stiller Übereinkunft überhaupt nicht gesprochen.
Sie gingen schweigend zur Station hinüber. Als sie etwa die Hälfte des Weges zurückgelegt hatten, wurde Logan endlich bewußt, was ihr fehlte. Sie blickte sich um und wandte sich dann an Born. »Wo sind Ruumahum und Geeliwan?« »Sie haben beide gesagt, sie würden sich außerhalb des Waldes nicht wohl fühlen«, erwiderte Born der Wahrheit entsprechend. »Sie sind nicht gern im Freien. Du hast nicht
gesagt, daß sie mitkommen sollen.«
»Nun, das ist nicht wichtig.« Sie blickte sehnsüchtig auf die grüne, mit Blüten geschmückte Wand zurück. Die zwei mächtigen Sechsbeiner Hansen wie zwei Schoßhündchen vorzuführen war ein Vergnügen, auf das sie sich gefreut hatte. Aber das Bad und eine anständige Mahlzeit waren ihr jetzt wichtiger, und nichts in der Welt konnte sie veranlassen, in den Dschungel zurückzukehren. Das hatte Zeit. Sie hielt die Pelziger für Allesfresser. Wenn sie jetzt überlegte, mußte sie zugeben, daß sie die beiden in all der Zeit überhaupt nicht hatte fressen sehen. Nun, Born hatte ja gesagt, in gewissen Situationen fühlten sie sich nicht wohl. Wahrscheinlich aßen sie lieber für sich, ebenso wie sie sich vermutlich auch nicht vor den Augen Neugieriger paarten. Trotzdem kam es ihr plötzlich seltsam vor, daß sie die beiden nie auch nur einen Bissen hatte essen sehen.
Aber ein Aufschrei Borns riß sie aus weiteren Überlegungen. Er hatte den Dämon als ersten entdeckt. »Losting! Achtung Zenith!« Wieder stutzte sie über ein Wort, das irgendwie nicht zu Borns Lebensumständen zu passen schien. Losting blickte zum Himmel und griff gleichzeitig nach seinem Bläser. Jetzt sah auch sie den winzigen braunen Punkt, der weit über ihnen kreiste. Es gab viele solcher Punkte, meistens weit von der Station entfernt. Offenbar hatte Born irgendwie an diesem etwas Gefährliches entdeckt. Er hatte recht. Der Punkt wurde rasch zu einer erkennbaren Silhouette, zu einer, die sie nie wieder zu sehen gehofft hatte. Breite Schwingen, klauenbewehrte Füße und ein langes Maul mit rasiermesserscharfen Zähnen.
Es gelang ihr nicht ganz, ein überlegenes Lächeln zu unterdrücken, als die beiden behende zu ihren primitiven Waffen griffen. »Keine Sorge, Born, Losting. Ihr könnt ganz ruhig sein. Seht zu.« Born sah sie fragend an, unterdrückte aber immerhin seinen natürlichen Instinkt, zu laden und zu zielen.
Logan studierte den auf sie herunterstoßenden Dämon. In einer immer enger werdenden Spirale kam er näher. Sie konnte nicht sehen, welche der Waffen sich auf ihn richtete, bis der rote Strahl aus einer der Kanonen schoß. Der Himmelsdämon löste sich in einem kurzen Aufflammen von verkohlendem Fleisch und zu Staub verbrannten Knochen auf. Born und Losting starrten stumm auf den Himmel, wo noch vor Sekunden der Dämon auf sie heruntergerast war. Ebenso stumm musterte sie Logan. Cohoma und Sal und die beiden anderen taten es ihr gleich. »Das ist so etwas wie ein weiterentwickelter Bläser, Born«, erklärte sie schließlich. »Wie soll ich dir das erklären . . . nun, es benutzt Licht, um damit zu töten.«
Born drehte sich um und wies auf die Kuppel, in der die Kanone untergebracht war. »Dort drinnen?«
»Ja«, nickte Cohoma. »Rings um die Station gibt es weitere davon. Damit und mit den Hochspannungsdrähten auf den Stützstämmen sind wir hier ganz sicher.«
»Erinnerst du dich, Born, wie deine Leute sich aufstellten, um die Akadi abzuwehren?« fragte Logan erregt, als sie weitergingen. »Ein solches Waffensystem . . .« damit wies sie auf den jetzt reglosen Turm »könnte um euer Dorf herum aufgebaut werden, um das Heim zu schützen. Ihr brauchtet euch nie wieder um die Akadi oder Silberglitschen Sorgen zu machen.« »Auf die kurze Entfernung muß es sehr schnell schießen und sich auch schnell bewegen lassen«, meinte Losting. »Oh, das ist kein Problem«, erklärte Cohoma selbstbewußt. »Sobald ihr den Umkreis des Heims so freigemacht habt, wie wir das hier getan haben, und dann ein vernünftiges Warnsystem aufbaut, könnte ein Räuber nicht dicht genug herankommen, ohne entdeckt zu werden.«
»Freimachen?«
»Ja, weißt du, die Vegetation abschneiden, wie ich das ursprünglich vorgeschlagen hatte, um die Akadi aufzuhalten. Ihr müßtet bloß ein paar Kabbl oder Lianen als eine Art Zugbrücke stehenlassen. Das wäre ganz einfach. Wir können euch Werkzeuge, ähnlich diesen Lichtwaffen, geben, mit denen ihr die Vege-tation spielend leicht wegbrennen könntet. Ihr braucht es nur zu sagen, dann bekommt ihr sie, schließlich habt ihr uns geholfen, den Weg hierher zurück zu finden und . . .«, setzte er hinzu, »ihr könnt uns dabei behilflich sein, gewisse Substanzen auf dieser Welt zu finden.«
»Wegschneiden«, murmelte Born. »Freimachen.« »Ja, Born.« Logan musterte ihn erstaunt. »Stimmt etwas nicht? Könnt ihr nicht zuerst emfatieren und dann . . .?« »Nein, schon gut.« Das Gesicht des Jägers hellte sich auf. »So viele Wunder auf einmal. Ich bin etwas überwältigt. Ich möchte gerne mehr über solche Dinge wie Lichtwaffen und Verteidigungssysteme erfahren und was wir tun müssen, um sie zu bekommen.«
»Wir können das nicht entscheiden, Born. Wir sind nur kleine Angestellte der Leute, die diese Station hier gebaut haben. Ein Mann namens Hansen wird das entscheiden. Ihr werdet ihm bald begegnen. Aber ich sehe gar kein Problem darin, eine Übereinkunft auszuarbeiten, die euch wie uns nützt. Besonders nach all dem, was ihr bereits für Jan und mich getan habt.« Ein Lift erwartete sie. Sie fuhren durch eine automatische Falltür in der Unterseite des elektrisch geladenen Gitters in die unterste Etage der Station. Als sie das Gitter passierten, erkundigte sich der stets wißbegierige Born erneut nach dem Arbeitsprinzip des Gitters. Es fiel Cohoma nicht leicht, es ihm zu erklären, aber einige Hinweise auf Blitze schienen beide Jäger zufriedenzustellen. Der Aufzug trug Born und Losting in eine Welt neuer Wunder. Zuallererst war da der plötzliche, fast physische Schock der Farbenveränderung. Anstelle des allgegenwärtigen Grüns mit seinen hellen bunten Farben dazwischen war da jetzt plötzlich eine starre rechtwinkelige Welt aus Silber und Grau, Weiß und Blau. Das einzige Grün in diesem Abschnitt des Korridors war eine Reihe von parasitischen Büschen, die in einem langen tiefen Pflanztrog wuchsen, der als Raumteiler aufgestellt war. Born spürte sofort, daß es der Chaga nicht gut ging. Die Blüten waren groß und bunt, aber die Blätter waren nicht gerade, wuchsen nicht der Sonne entgegen, wie sie das sollten. Er hatte nur Zeit für einen kurzen Blick. Hier gab es zu viele neue Dinge zu sehen und zu begreifen, soweit er das konnte. Riesen, die ihren Ge-schäften nachgingen, füllten den Korridor. Einige trugen noch seltsamere Kleidung als die grauen Anzüge, die Logan, Cohoma und Sal anhatten. Ein Mann sah sie und eilte auf sie zu, um im Flüsterton mit dem Menschen namens Sal zu sprechen. Born hörte ihn ganz deutlich. »Hansen möchte die beiden Eingeborenen sofort sehen. Er ist in seinem Büro.« Er blickte zu Logan und Cohoma. »Sie beide auch.« Logan stöhnte. »Können wir uns nicht vorher wenigstens duschen? Andre, nach allem, was wir in den letzten Monaten durchgemacht haben . . .« »Ich weiß schon. Aber Sie kennen Hansen ja. Befehl.« Er zuckte hilflos die Achseln. »Zur Hölle, bringen wir es hinter uns«, knurrte Cohoma. »DieserHansenmensch«, sagte Born, als sie auf einen Innenlift zugingen, »ist er der Häuptling eures Stammes?« »Nicht Häuptling, Born, und auch nicht Stamm«, erklärte Logan etwas gereizt, was aber nicht an Borns Frage, sondern an dem Befehl lag. »In der Station befinden sich Leute, die ähnliche Jagdunternehmen durchführen. Aber es ist nicht dieselbe Art von Organisation, wie ihr sie im Heim habt. Du könntest die Leute dieser Station als eine Jagdgruppe betrachten, deren Anführer Mr. Hansen ist. Besser kann ich das nicht erklären. Ich weiß nicht, ob ich selbst in einem Monat erklären könnte, was eine Firma ist.«
»Es genügt schon«, erwiderte Born, als sie um eine Ecke bogen und einen weißen, bunt dekorierten Tunnel hinuntergingen. »Er ist derjenige, den wir um leichte Gewehre und andere Wunder für unsere Leute bitten müssen.« »Du hast verstanden, Born. Ich wußte es doch«, erklärte sie vergnügt. »Hilf uns, deine Welt zu erforschen und einige Dinge zu finden, die ihr selbst nicht benutzt, und ihr sollt gerne viele Wunder dafür bekommen. Das ist ein altes Prinzip bei meinem Volk. Bei deinen eigenen Ahnen war es das auch.« Und in diesem Fall war das Prinzip nicht ganz legal, dachte sie, aber das behielt sie für sich.
»Was für eine Art Mann ist denn der Führer eurer Jagdgruppe?« »Das kommt darauf an, wo du herkommst«, meinte Logan rätselhaft. Sie schien ihm eine weitere Erklärung geben zu wollen, aber inzwischen hatten sie eine Tür erreicht, und Sal bedeutete ihnen, zu schweigen. Er hielt ihnen die Tür auf und blieb dann zurück, während die anderen vier eintraten. Hansen saß hinter einem schmalen, halbkreisförmigen Schreibtisch und brachte es irgendwie fertig, den Eindruck zu vermitteln, als trüge er diesen Tisch wie einen mächtigen Plastikgürtel. Der Schreibtisch war hoch mit Bandspulen, Kassetten, Papieren und Dutzenden verschiedener Berichte in Kunstleder-mappen überhäuft. Die Wände säumten Regale, die mit Büchern und Bandhaltern gefüllt waren. Die Wand hinter ihm war ein einziges Fenster, das vom Boden bis zur Decke reichte und einen Panoramablick auf das Panta und den dichten Wald dahinter bot. Als sie eintraten, starrte Hansen auf den Schirm eines Bandbetrachtungsgerätes an einem flexiblen Arm. »Einen Augenblick, bitte. Jan, Kimi, freut mich, daß Sie noch am Leben sind.« Das sagte er, ohne sich umzudrehen. Seine Stimme klang jovial und beruhigend. Seine Statur verstärkte den Eindruck der Korpulenz der Lebensmitte, die ihn eingeholt hatte. Er war nicht viel größer als Born. Sein Haar begann ein gutes Stück hinter einer Stirn, die aus dunklem Plastilin geformt schien, und fiel ihm in langen Wellen auf die Schultern. Abgesehen von dem dicken bürstenartigen Schnurrbart, der wie ein überwinterndes Insekt an seiner Oberlippe hing, war sein Haar völlig ergraut. Er schwitzte trotz der eingeschalteten Klimaanlage. Dies war in der Tat das erste, was Born beim Betreten der Station aufgefallen war, eine offenbar absichtlich erzeugte ungewöhnliche Kühle. Selbst in kühlen Nächten wurde es auf der Welt selten so kalt. Keinem der beiden Jäger machte es etwas aus, warten zu müssen. Sie waren voll und ganz damit beschäftigt, den Raum und das, was sie in ihm vorfanden, zu studieren. Born entging freilich das respektvolle Schweigen nicht, mit dem Logan und Cohoma trotz ihrer Müdigkeit und Ungeduld warteten.
Hansen betätigte seitlich an dem Betrachtungsgerät einen Schalter und schob dann das Gerät an seinem Haltearm von sich weg. Jetzt erst wandte sein Blick sich den Besuchern zu. Sein rechter Arm lag auf der Armlehne seines Sessels, mit der anderen Hand rieb er sich die schweißbedeckte Stirn. Er sah müde aus und war es auch. Die Leitung dieser Station hatte selbst einen so erfahrenen und abgebrühten Manager wie Hansen vorzeitig altern lassen. Wenn gerade einmal nichts in Stücke ging, für das er keine Ersatzteile bekommen konnte, aus Sorge, das Nachschubschiff könnte von einem Kriegsschiff der Kirche oder des Commonwealth entdeckt werden, dann gab es bestimmt eine nicht mechanisch bedingte Krise. Es hatte den Anschein, als würden seine Leute jedesmal, wenn sie auch nur einen Fuß auf diese Welt setzten, gestochen, gebissen, angeknabbert oder sonst irgendwie von der örtlichen Flora und Fauna bedrängt. Noch hatte er sich bisher von dem Verlust der
lebensverlängernden Knollenextrakte, dem Verlust des Knollen selbst und dem Verlust Tsingahns, des Mannes, der das meiste über sie wußte, erholt. Wenn dieser arme Irre bloß bei der Vernichtung seiner Notizen und Akten nicht so gründlich gewesen wäre! Die Nachricht vom Selbstmord des Biochemikers und der damit zusammenhängenden Zerstörung von praktisch allem, was irgendeine Beziehung zu dem hatte, was man inzwischen den Unsterblichkeitsextrakt nannte, war von Hansens Vorgesetzten nicht gerade freudig aufgenommen worden, ganz und gar nicht freudig sogar. Er zwang sich zu einem dünnen Lächeln, als er die beiden zurückgekehrten Mitglieder des Forschungsteams musterte. Der Auftrieb, den ihre wunderbare Rettung lieferte, war gerade zum richtigen Augenblick gekommen.
»Wir hatten Sie schon aufgegeben«, sagte er zu ihnen. »Ich wollte meinen Ohren nicht trauen, als die
Sicherheitsabteilung meldete, daß da vier Leute am Waldrand stünden.« Seine Mundwinkel zuckten bei dem Gedanken. »Sie haben mir ganz schön Arbeit bereitet, wissen Sie. Jetzt muß ich die ganzen Papiere mit den Einzelheiten über Ihren Tod und die Anforderung von Ersatzpersonal widerrufen. Jemand in der Etatabteilung wird ganz schön böse auf Sie sein.«
»Tut mir wirklich leid, Chef«, sagte Logan und erwiderte sein Lächeln. »So«, sagte Hansen, lehnte sich in seinem Sessel zurück und faltete die Hände über seiner Leibesfülle, »jetzt erzählen Sie mir etwas von diesen Ureinwohnern, mit denen Sie sich angefreundet haben.« »Sie haben uns das Leben gerettet«, erwiderte sie beflissen, »aber ich habe Zweifel, daß es sich um Ureinwohner handelt, Sir. Soweit wir das feststellen können, sind sie die Nachkommen von Leuten eines Auswandererschiffes, das vom Kurs abgekommen und schließlich hier gelandet ist. Sie haben das vergessen, auch alles Wissen um das Commonwealth und die Zeit vor dem Commonwealth und fast ihre ganze Technologie. Sie haben eine primitive Stammesgesellschaft entwickelt. Demzufolge sind unsere Freunde Born und Losting davon überzeugt, in Wahrheit Eingeborene dieser Welt zu sein.«
»Und Sie sind ziemlich sicher, daß sie das nicht sind.« »Richtig, Sir«, mischte Cohoma sich ein. »Zu viele Ähnlichkeiten, eine Axt aus einer Legierung, wie sie für Schiffsrümpfe verwendet wird, andere Dinge, dieselbe Sprache, obwohl sie einen eigenen Dialekt daraus entwickelt haben, die Familienstruktur ... Zweifellos Menschenabkömmlinge, zum Beispiel. . .«
»Ja, ja«, unterbrach ihn Hansen mit einer ungeduldigen Handbewegung. »Ihr Leben haben sie auch gerettet, nicht wahr? Und Sie durch diese Hölle auf Wurzeln dort draußen hierhergebracht, wie weit, sagten Sie, sind Sie gekommen?« Er sah Logan fragend an. Sie nannte eine Zahl, und der Stationschef pfiff durch die Zähne. »Bloß Sie vier und so viele Kilometer?« er deutete über die Schulter zum Fenster hinaus. »Ja, Sir und zwei domestizierte Tiere.«
»Gehörte ganz schön Mumm dazu für die Leute, Sir«, sagte Cohoma. »Bis zu dieser Unternehmung hatte sich kein Stammesangehöriger weiter als auf ein paar Kilometer von seinem Dorf entfernt.« »Alles sehr erfreulich und in keiner Weise plausibel. Wie in aller Welt haben Sie überlebt?«
»Das frage ich mich manchmal selbst«, antwortete Logan. »Chef, darf ich mich bitte setzen? Ich bin ziemlich fertig.« Hansen schüttelte bedauernd den Kopf. »Ich vergesse das Wichtigste. Entschuldigen Sie, Kimi.« Er rief, worauf Sal an der Tür erschien. »Salomon, bringen Sie Stühle.« Die Stühle wurden gebracht. Born und Losting ahmten etwas zögernd die Sitzweise ihrer beiden riesenhaften Begleiter nach.
»Das haben wir wohl einer Kombination von Glück und der Geschicklichkeit dieser beiden zuzuschreiben.« Dabei wies sie auf die Jäger. »Born und seine Leute kennen die Waldwelt. Sie leben im wahrsten Sinne des Wortes mit ihr. Ihr Dorf befindet sich in einem einzigen großen Baum. Die Anpassungen beider Seiten übersteigen alles, was ich je gehört habe. Offen gestanden«, meinte sie und warf dabei Born einen nachdenklichen Blick zu, »habe ich das Gefühl, daß der Baum dabei am meisten profitiert. Borns Leute wären da natürlich anderer Meinung.«
Born empfand keinen Ärger über ihre Worte. Es war keine Schande, für weniger wichtig als sein Heim gehalten zu werden. Selbst nach so vielen Siebentagen im Wald, vielen Stunden geduldiger Erklärung schien es, als ob die Riesen immer noch nicht verstanden hätten. Nach allem, was er bis jetzt in dieser Station, ihrem >Heim< gehört hatte, zweifelte er auch daran, daß sie je verstehen würden. Die Beiläufigkeit, mit der sie von »schneiden« und »freimachen« gesprochen hatten, saß ihm immer noch in den Knochen. Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Häuptling zu. »Es scheint, daß hier eine Belohnung fällig ist. Etwas, das über unseren tief empfundenen Dank hinausgeht, Mr. ... äh ... Born.« Er lächelte väterlich. »Sagt mir, Born, Losting, was möchtet ihr haben?« Born sah seinen Begleiter an. Losting rutschte unbehaglich auf seinem Stuhlherum und murmelte: »Je schneller wir diesen kalten, harten Ort verlassen und wieder nach Hause gehen, desto lieber ist es mir.« Born nickte und wandte sich wieder Hansen zu. »Ich möchte auch gerne gehen. Aber zuerst möchte ich mehr über die Lichtwaffen und die elektrischen Schlingpflanzen und solche Dinge wissen.« Hansen beugte sich vor und musterte den Jäger, der seinem Blick nicht auswich. »Nein, du bist kein Ureinwohner, Born. Oh, das ist schon gut so. Je weniger primitiv ihr geworden seid, desto leichter ist das für die Verhandlungen. Was moderne Waffensy-steme angeht, so werde ich darüber, glaube ich, erst etwas nachdenken müssen. Ihr werdet sie dann bekommen, wenn wir einige gegenseitige ... äh ... Beistandsvereinbarungen ausgearbeitet haben, die selbst ein Priester vor einem Commonwealthgericht nicht mehr brechen kann.« »Sie können uns sehr hilfreich sein, Sir«, warf Cohoma ein. »Wir haben so viele Leute im Wald verloren, daß . . .« »Das ist mir bekannt, Jan.« Hansen zog seine
Aufmerksamkeit völlig von den beiden Menschen ab, um sich ganz auf Born zu konzentrieren. »Das hier, Born, nennt sich eine Forschungsstation. Das ist das erste Heim für meine Leute auf dieser Welt. Es ist unter großem Kostenaufwand und unter höchster Geheimhal-tung gebaut worden, weil hier soviel auf dem Spiele steht. Weißt du noch, was ein Bergwerk ist, Born, eine Mühle, eine Fabrik?« Borns Gesicht blieb ausdruckslos, die Worte sagten ihm nichts. »Nein, ich sehe schon, daß du das nicht weißt. Laß es mich erklären. Es gibt viele Dinge, die wir machen können, wie zum Beispiel das Material, aus dem diese Station besteht, und das Plexiglas dieses Schreibtisches. Viele andere Dinge können wir nicht machen. Soweit wir bis jetzt feststellen konnten, scheint diese Welt eine Fundgrube einer ganzen Reihe wertvoller Dinge zu sein. Wenn es uns gelingt, diese Substanzen zu beschaffen, so können wir damit, wie soll ich sagen, das Leben aller verbessern, das meiner Leute wie auch das der deinen. Eure Hilfe bei der Entwicklung von all dem würde uns vieles erleichtern.« Er seufzte tief. »Insbesondere gibt es da eine Substanz, die wir entdeckt haben, welche . . .« »Entschuldigen Sie, Sir.« Der Mann namens Sal, der bei ihnen geblieben war, unterbrach seinen Vorgesetzten. »Glauben Sie wirklich, daß es . . .?«
Hansen machte eine wegwerfende Handbewegung. »Unser Freund Born wird nicht zu seinem Baum zurückkehren, ans nächste Tiefraumtridi eilen und das dem nächsten Gericht des Commonwealth melden. Außerdem . . .«, fuhr er fort und sah wieder Born an, »bin ich gerne offen. Ich möchte, daß unsere neuen Freunde verstehen, wie wichtig das alles ist. Es gibt eine Droge, Born, die man aus dem Herzen eines gewissen Astknollens gewinnen kann.« Born sah ihn ausdruckslos an. »Ein Knollen ist ein Gewächs, das sich an einem Baum bildet, um die Ausbreitung einer Infektion oder von Parasitenbefall zum Stillstand zu bringen. Der Knollen bildet sich um den Fremdkörper herum. Wenn die Pulpe im Inneren dieses speziellen Knollens entfernt und richtig behandelt wird, kann man daraus eine Flüssigkeit herstellen, die anscheinend die Fähigkeit besitzt, die menschliche lebensspanne ungeheuer zu verlängern. Wie steht es mit dir, Born? Möchtest du nicht doppelt so lange leben?« »Ich weiß nicht«, erwiderte Born ehrlich. »Weshalb?« »Ja, weshalb?« murmelte Hansen. »Nun!« Er stand auf und schlug mit beiden Händen auf seine Schreibtischplatte. »Für den Augenblick reicht mir die Philosophie. Würdet ihr gerne die Station besichtigen?« »Sehr gerne.« Losting gab einen gleichgültigen Grunzlaut von sich. »Sie beide«, sagte Hansen zu Logan und Cohoma, »Sie gehen auf Ihre Zimmer. Man hat sie natürlich ausgeräumt, aber ich werde dafür sorgen, daß Ihr persönlicher Besitz sofort zurückgebracht wird. Sie haben vierundzwanzig Stunden dienstfrei und unbeschränkten Kredit im Laden und in der Cafeteria. Sagen Sie Sergeant Binder, daß Sie für die nächsten drei Mahlzeiten einen offenen Schlüssel haben, bestellen Sie sich, was Sie wollen.« »Danke, Sir«, antworteten sie im Chor.
Hansen deutete mit einer Kopfbewegung auf den dichten Urwald, der die Station umgab. »Danken Sie mir erst dann, wenn Sie wieder dort draußen sind und sich den Kopf darüber zerbrechen, was Ihnen die Beine am Knöchel abbeißt und wie man es töten kann. Ich kümmere mich um Ihre Freunde.« Er ging um den Schreibtisch herum und kniff Logan freundschaftlich in die Schulter. »Sie haben jetzt zwei Schichten Zeit, sich etwas zu erholen. Anschließend soll sich die medizinische Abteilung um Sie kümmern, und wenn die Sie freigeben, fassen Sie sich einen anderen Skimmer und machen sich wieder an die Arbeit. Wir haben keine Zeit zu verlieren.«
12
Während sie durch den Ort der Wunder schritten, stellte Born fest, daß alle anderen Riesen Hansen großen Respekt entgegenbrachten, so wie das im Heim bei Häuptling Sand oder Joyla der Fall war. Daraus schloß er, daß Logans Hinweis, er sei so etwas wie der Anführer einer Jagdgruppe, eine große Untertreibung war.
Hansen zeigte ihnen die Wohnquartiere, in der die Belegschaft der Station untergebracht war, die
Fernmeldeeinrichtungen oben in der Polyplexalumkuppel, die dafür sorgten, daß die Station mit dem Schwärm von Skimmern in Verbindung blieb, die die Waldwelt erforschten, und schließlich den Aufnahmehangar, in den die Flugboote zurückkehrten und in dem sie gewartet wurden, während Karten, Berichte und neues Material zur Auswertung gingen.
»Was ist mit dem Skimmer dort draußen?« fragte Born und wies durch ein dickes Fenster auf die Plattform des Landeboots. »Warum hat der eine andere Form, und warum ist er soviel größer?« »Das ist kein Skimmer, Born«, erklärte Hansen. »Das ist ein Shuttle. Man fliegt damit zu unseren Nachschubschiffen draußen im Weltraum, einem Ort hoch über eurer Oberen Hölle. Die großen Versorgungsschiffe, die die einzelnen Welten besuchen, können nur im Nichts reisen.« »Wie kann man im Nichts reisen?«
»Indem man aus Metall eine kleine künstliche Welt baut, so wie diese Station, und Lebensmittel, Wasser und Luft mitnimmt.« Die beiden Jäger nahmen in stoischer Gleichmut die Wunder der Cafeteria auf, wo einheimische Proteine mit Farben und verschiedenem Geschmack kombiniert und dann so abgeändert wurden, daß Nahrung entstand, die den Riesen vertrauter war.
Diese Erklärung weckte Borns Interesse. »Jetzt verstehe ich. Was für einheimische Lebensmittel verwendet ihr, um die euren zu machen?« »Oh, was eben zur Verfügung steht. Unsere Geräte sind da sehr vielseitig. Wir schicken einen Skimmer, der mit einem Sauger ausgestattet ist, und er bringt die notwendige Menge von Rohmaterial, tierisch und pflanzlich.« »Kann ich sehen, wo dieses Wunder geschieht?« »Sicher.« Er führte sie durch die Cafeteria in den Verarbeitungsraum und zeigte ihnen die Anlage, wo aus dem Wald gesammelte Pflanzen und Tiere mit teuren außerplanetarischen Nährstoffen, Vitaminen und Aromastoffen angereichert wurden.
Born studierte die Ballen von Sträuchern und Büschen. In der Mehrzahl handelte es sich um völlig gesunde Vertreter ihrer Art. Nichts davon war krank oder gar tot. Diese Riesen emfatierten nicht, sie nahmen sich einfach, was sie brauchten, schnell, effizient, einfach und blind. Sein Gesicht blieb eine Maske der Begei-sterung und ließ seine Gedanken nicht erkennen. Sie erreichten die Erholungsräume, wo selbst Losting über die vielen Wunder staunte, die nur dem Vergnügen dienten. Am Ende und nach einer ausführlichen Tour, die sie beeindrucken sollte, führte Hansen sie in die Laboratorien, wo die Früchte vieler Skimmerflüge untersucht wurden. Born und Losting wurden ernst blickenden Teams von Männern und Frauen vorgestellt, die intensiv an unverständlichen Aufgaben arbeiteten. »McKay!« rief Hansen einer hochgewachsenen schlanken Frau in einem blauen Labormantel zu, die ihr Haar in einem dicken Knoten im Nacken trug.
»Hallo, Chef.« Ihre Stimme klang leise, und ihre schwarzen Augen blickten durchdringend. Sie musterte die beiden Jäger. »Interessant, endlich einmal ein lokales Produkt, das genau das ist, was es zu sein scheint. Das ist einmal etwas Neues.« »Das sind Born und Losting, zwei große Jäger. Meine Herren, Gam McKay, eine unserer besten, wie hast du das genannt, Born? Schamanen, ja Schamanen.«
»Ich höre, daß Jan und Kimi zurückgekehrt sind. Mit Hilfe dieser beiden?« »Sie bekommen den ganzen Bericht zu lesen, sobald die beiden Zurückgekehrten ihn geschrieben haben«, erklärte Hansen. »Im Augenblick wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie unseren beiden Freunden zeigen würden, was Sie und Yazid aus den Conchafrüchten machen.«
Sie nickte und führte sie durch einen schmalen Gang zwischen Bänken, die hoch mit glitzernden Geräten beladen waren, bis sie schließlich das Ende eines Tisches erreichten. An einer Seite lagen drei große Kisten aus durchsichtigem Material, ähnlich den Fen-stern der Station. Die Kisten waren mit Chagazweigen gefüllt. Die Büsche, stellte Born fest, von denen die Zweige genommen worden waren, hatten in voller Blüte gestanden. Und jeder Zweig war schwer mit rotgeränderten weißkehligen Blüten beladen, die jetzt sichtlich zu welken begannen. Die Frau McKay öffnete ein kleines Schränkchen und entnahm ihm vorsichtig ein kleines durchsichtiges Fläschchen. »Das ist der destillierte Extrakt von etwa zweitausend Blüten.« Sie schraubte den Deckel ab und reichte Hansen das Fläschchen. Der lehnte lächelnd ab. »Born, wie steht es mit dir?« Sie hielt ihm das Fläsch-chen hin und ließ ihn riechen. Born kam der Aufforderung nach. Der Duft, der dem Fläschchen entstieg, war der Duft der Chaga, aber viele, viele Male verstärkt. Sein
Gesichtsausdruck veränderte sich nicht, obwohl ihm davon fast übel wurde. »Ich kenne das«, erklärte er. McKay blickte enttäuscht und wandte sich zu Hansen, als könne der sie ermutigen. »Er kennt das. Ist das alles, was er sagen kann?« »Vergiß nicht, Gam, Born lebt unter solchen aromatischen Blüten, bewegt sich täglich zwischen ihnen.« Die Chemikerin murmelte etwas Unverständliches und schloß etwas beleidigt das Fläschchen wieder ein.
»Warum geschieht das?« fragte Born Hansen, als sie zum nächsten Labor gingen. »Im richtigen Maße verdünnt und mit anderen stabilisierenden Chemikalien vermengt, dient der kleine Behälter als Grundlage für einen völlig neuen Duft das, was wir Parfüm nennen, Born. Es ist eine Menge . . .« Erneut versuchte er, den Jägern den schwierigen Begriff >Geld< zu erklären.
»Ich verstehe immer noch nicht. Wozu benutzt man so etwas ?« »Frauen gebrauchen es, Born, um sich attraktiver zu machen, damit sie schöner scheinen.« »Sie kleiden sich in den Geruch des Todes.« »Ist das nicht etwas hart ausgedrückt, Born?« fragte Hansen lächelnd, den die Bemerkung des Jägers erstaunte. Er versuchte, die Verständnislosigkeit des Kleinen
nachzuempfinden. Aber seine Erklärung schien nicht viel auszurichten. Born versuchte zu begreifen, gab sich redlich Mühe. Ebenso Losting. Aber je weiter der Weg sie durch dieses Haus der Fremdheit führte, je mehr sie von seinen Zielen und Zwecken sahen, desto schwerer fiel es ihnen, zu begreifen. Da waren zum Beispiel die drei Kisten mit den verstümmelten Chaga. Die Zweige waren unemfatiert, einfach von den reifen Elternpflanzen abgerissen worden. Tausende mehr würden in ähnlicher Weise abgerissen werden, um ein wenig konzentrierten Chagageruch zu machen. Wozu? Um die Kranken zu heilen oder die Hungrigen zu nähren? Nein, zum Vergnügen würde es geschehen, eine Art Vergnügen noch dazu, das die Begriffe der beiden Jäger überstieg. Losung brauchte auch nicht länger als Born, um diese Dinge zu begreifen. Aber als der Größere schließlich begriffen hatte, war er in seiner Aussage weniger zurückhaltend als sein Begleiter. »Ihr tut da etwas Schreckliches!« Hansen hatte Borns Ausbruch bereits verarbeitet und sich von ihm erholt. Jetzt reagierte er auf diesen zweiten Tadel etwas ungnädig. »Ich kann das nachempfinden. Aber ihr seht doch die langfristigen Vorteile, oder nicht?« Er sah zuerst Losting, dann Born an. »Nicht?« »Es geht nicht darum, daß ihr die Blüten und Zweige der Chaga nehmt, schlecht ist die Art, wie ihr sie nehmt, und die Zeit«, erwiderte Born. »Wenn ihr die Chaga emfatiert hättet. . .«
»Das Wort, das Logan mir gegenüber schon erwähnt hat. Ich weiß nicht, was es bedeutet, Born.«
Der Jäger zuckte die Achseln. »Das ist nicht etwas, was man erklären kann. Man kann entweder emf atieren oder man kann es nicht.« »Das macht es uns nicht leicht, nicht wahr?« sagte Hansen. »Wenn ihr der Chaga ihre Jungen stehlt, kann sie keine Samen verbreiten, und das Elterngewächs wird sterben.« »Aber im Wald gibt es doch ganz bestimmt eine Menge Chaga, Born«, entgegnete Hansen ruhig, seltsam ruhig. »Man wird doch sicher nicht ein paar davon vermissen?« »Würdest du deine Arme und Beine vermissen?« Jetzt leuchtete in Hansens Gesicht Verstehen auf. »Ich verstehe. Ihr seid also um die Pflanze besorgt. Mir war nicht klargeworden, daß ihr in solchen Dingen so stark empfindet. Wir müssen natürlich sehen, was wir da machen können. Wir wollen natürlich die Blüten nicht abpflücken, wenn die Pflanze darunter leidet, oder?« »Nein«, pflichtete Born ihm vorsichtig bei.
»Es ist eine Kleinigkeit, gar nicht notwendig«, fuhr Hansen fort und tat den erstaunten Blick der Chemikerin mit einem leichten Kopfschütteln ab. »Es ist ein unbedeutender Markt, auf den wir verzichten können.«
Er führte sie hinaus zum nächsten und damit letzten Labor. »Ich möchte euch noch etwas zeigen, Born und Losting. Hier könnte uns das Wissen von Ortsansässigen, euer Wissen, ganz entschieden helfen. Hier geht es um die Knollen, die den lebensver-längernden Extrakt produzieren.« Sie bogen um eine Ecke. »Bis jetzt haben wir nur zwei solcher Knollen gefunden, obwohl wir sehr sorgfältig gesucht haben. Der Baum, der sie hervorbringt, ist nicht selten; wohl aber die Knollen selbst. Meine Pflanzenexperten sagen mir, daß sie ungemein selten sind. Entweder sind die Bäume ungewöhnlich gesund, oder sie reagieren gewöhnlich nicht durch Knollenbildung auf Infektionen. Wenn ihr eine größere Zahl solcher Knollen finden könntet, Born, dann kann ich euch versprechen, daß wir uns ganz genau an eure Wünsche halten würden, welche Pflanzen wir in Frieden lassen sollen und welche wir beschneiden dürfen.« Hansen bewunderte seine eigene Professionalität und die Geschicklichkeit, mit der er das Skalpell der Täuschung handhabte.
Sie gingen zwischen zwei kräftig gebauten schweigenden Männern hindurch und betraten einen Raum, der etwas größer war als der, den sie gerade verlassen hatten. Ebenso wie die anderen, die sie gesehen hatten, war auch dieser mit den unerklärlichen Geräten der Riesen angefüllt. Hansen stellte den dunklen, ernst blickenden Chittagong und den stets erregten Celebes nur beiläufig vor. »Macht die Arbeit Fortschritte, Gentlemen?« fragte er am Ende. Als Celebes antwortete, mischten sich in seiner Stimme nervöse Erregung und Zuversicht. »Sie haben ja unseren ersten Bericht vor zwei Tagen gelesen, Sir, und damit auch, was unsere Ansicht nach Wu dazu veranlaßt hat, durchzudrehen?« »Ich habe mir angewöhnt, selbst die Essensbestellungen zu lesen, die aus diesem Labor kommen. Ich sehe noch keinen Abschluß in dem Bericht, aber ich muß zugeben, daß ich zu verstehen beginne, wie ein Mann mit Tsingahns