Die Harpyen von Madrit, oder die Postkutsche, Aus dem Spanischen des Verfassers der Donna Rufina

Die Harpyen von Madrit

DIE

 

H A R P Y E N

VON

M A D R I T ,

ODER

 

DIE POSTKUTSCHE.

 

Sevilla, eine alte Stadt in Spanien, die Hauptstadt Andalusiens, die

Schatzkammer der Reichthümer im südlichen Indien, die Vaterstadt der edelsten

und erlauchtesten Familien, erzeugte auch zwey schöne Schwestern. Ihr Vater

hatte in einer indischen Expedition sein Leben eingebüßt, und so lebten sie denn

als arme, verlassene Waisen in Gesellschaft ihrer Mutter, die sich als Wittwe

kümmerlich behalf; denn sie hatte mit ihrem Manne zu Havana zugleich all ihr

Vermögen verloren. Ihre letzte Hoffnung bestand in einigen kleinen Schulden,

die sie in Sevilla stehen hatte, und die ihr nun heraus bezahlt werden sollten. Es

gelang ihr auch nach Wunsche, und sie beschloß, ihren Wohnsitz, und ihre

Lebensart zu ändern, und zwar bevor sich das Gerücht vom Tod’ ihres Gemahls

weiter verbreitet haben würde. Sie konnte noch nicht mit sich selbst überein

kommen, ob sie Granada oder Cordova vorziehen sollte; und mitten in dieser

Verwirrung trat eine ihrer ältesten Freundinnen zur Thür herein, der sie auch

alsobald ihren Entschluß sammt den Schwierigkeiten, die sich fänden, vortrug.

Das Mütterchen hatte manches in der Welt erfahren, und sprach der ehrlichen

Frau bald Muth ein.

 

„Liebe Theodore,“ sagte sie (so hieß unsre Wittwe), „es freut mich, daß Sie

mir so treuherzig begegnet; und ich — dabey nahm sie eine tüchtige Prise

Spaniol — und ich will eben so unbefangen reden; denn ich habe manche Schule

durchlaufen, und habe Sie herzlich lieb. Wenn Sie eine Reise machen will, so

fahre Sie nicht auf dem Teich’ auf und nieder; man kommt nicht weit. Granada

und Cordova sind schon breite Ströme, auf denen sich eine schöne Spazierfahrt machen, und nebenbey ein tüchtiger Hecht an die Angel kriegen läßt. Sie

wimmeln von Kaufleuten, Notarien; sie haben alle Edelleute und vermögliche

Bürger; aber was sind sie wohl gegen Madrit, gegen die Residenz des Hofes? —

Ein Dorf. Was sag’ ich ein Dorf? — Eine elende Bauernhütte. Madrit ist ein

großes Meer, auf dem der Kahn, wie das Kriegsschiff, fortkommt, und auch ein

kleines Boot nicht zurück bleibt. Alle Fremden versammeln sich dort; wer sich

verstecken will, findet dort seinen Schlupfwinkel; es ist so groß, so belebt; mit

einem Worte: wer sein Glück machen, wer aus dem Staube kriechen will, muß

dort anfangen. Wie manche niedere Abkunft ist dort umgekauft worden, und hat

für altes adeliges Geblüt gegolten! Alle Wunder und Verwandlungen geschehen

dort. O Theodore, du hast ja gewonnen Spiel! Der Himmel hat dir so hübsche

Dingerchen zu Töchtern gegeben. Wären sie mein, die lieben Närrchen; jede

sollte mir so viel Ausbeute liefern, als eine Goldgrube in Indien.“

 

„Ich hatte nur eine Nichte, mit der ich nach Madrit ging. Sie hatte nichts, als

ein Paar schwarze Augen, und eine angenehme Stimme; aber ein gelehriges

Köpfchen hatte sie, das sich in all und jedem nach mir richtete. Dafür ging auch

alles wie am Schnürchen. Was gab es da nicht für Dublonen, für Gallakleider, für

Perlen, für Schmuck? Wo war ein Fest, dem wir nicht beygewohnt hatten?

Kurzum, sie war der Abendstern, der in Madrit schimmerte wir hatten alles in

Überfluß, und hätten es noch, wenn sich die Hexe nicht Narrheiten in den Kopf

gesetzt hätte. Da vergaffte sie sich in einen Hauptmann, der sie und mich ins

Unglück stürzte. Gott verzeih’ ihm die Sünde, dem garstigen Kerl! Zuerst

schwatzte er uns alles ab, was wir zusammen gebracht hatten, und am Ende

kostete er sie gar ihr junges Leben. So ein Mädchen, das sein Glück in der

Residenz machen will, muß gar nicht verliebt werden. Wenn nun erst du mit

deinen zwey bildschönen Mädchen nach Madrit kommst, was kannst du dir erst

versprechen? Was können sie nicht mit ihren übrigen angenehmen Eigenschaften

für Glück machen? — Der ganze junge reiche Adel wird dir nachlaufen. Je mehr

ihr diesen Herrchen schmeichelt, desto untertäniger werden sie vor euch herum

kriechen. Könnt’ ich dir Gesellschaft leisten, du würdest sehen, wie gut ich dir

immer mit Rath und That an die Hand gehen würde. Ich hab’ aber schon über

zwey Drittheile meines Lebens verlebt, und bereite mich nun in der Stille zu

einem seligen Ende. Dafür will ich dir aber einen ausführlichen Unterricht

niederkritzeln, und wie eine kleine Hausapotheke mitgeben, in der du alles

finden wirst, was Zeit und Umstände fordern.“

 

Die gute Alte weinte noch einige Thränen, und nahm von ihrer Freundinn,

die sie nun vor ihrer Zusammenkunft in Elysium nicht mehr zu sehen Hoffnung

hatte, den zärtlichsten Abschied. Sie hielt auch Wort, und schickte den kleinen Entwurf, von dem wir eben gehört haben, und der Theodoren in der Folge

wirklich manche gute Dienste that. Die Reisegesellschaft bestellte sofort ihre

Plätze auf dem Postwagen von Sevilla, versah sich mit einer ansehnlichen

Guarderobe, und fuhr fröhlich nach Madrit ab.

 

Indeß wir sie hinfahren lassen, ist es billig, daß wir die zwey Töchter

Theodorens, die doch eigentlich unsere Hauptheldinnen sind, näher kennen

lernen. Die ältere — Feliciane hieß sie — war zwischen achtzehn und neunzehn

Jahren; ihr Antlitz war nach dem schönsten Ebenmaße geformt; sie hatte

schwarze Haare, pechschwarze Augen, schön geschlitzte Nasenlöcher, einen

reitzenden kleinen Mund, frische lüsterne Lippen, und kleine, enge, schneeweiße

Zähne. Ihre Wangen hatten, ohne das, was die Kunst hinzu that, eine gesunde

Röthe; ihr Blick war mild, und ihre Stimme war der feinste Silberton. Diese

hatte sie auch nicht ganz ungebildet gelassen; sondern ein Musikmeister hatte sie

so weit gebracht, daß sie zur Harfe oder Guitarre verschiedene Lieder so

schmelzend singen konnte, daß es Wunder wirkte. Dabey war sie die reitzendste,

leichteste Tänzerinn, die man sich vorstellen kann; man hätt’ ihr stundenlange

zusehen können.

 

Die andere Schwester, welche Louise hieß, war nun ein Jahr jünger als

Feliciane; sie war ein wenig brunetter, hatte hell funkelnde Augen, die wie Blitze

wirkten. Nase, Mund und Zähne waren ein wenig kleiner, als die ihrer

Schwester, aber sie verloren nichts dadurch, sondern gewannen vielmehr einen

eigenthümlichen Reitz. Sie war nicht so schlank aufgeschossen, aber dafür war

sie lieblich, rund und kernicht. Sie tanzte und spielte auch die beyden

Instrumente ein wenig besser, als ihre Schwester; wenn sie aber beyde spielten,

war man in Verlegenheit, welcher man den Vorzug geben sollte.

 

Mit diesen zwey Töchtern steuerte nun Theodore fort, wie ein Corsar, der mit

einem festen Schiff’, und zwey Kanonen, denen nichts widerstehen kann, vom

Lande stößt.

 

Der Mutter lachte das Herz vor Freuden, wenn sie die zwey Lämmchen, die

sie zum Schlachtaltare führte, so allerliebst vor sich sitzen sah, und schmiedete

nun unablässig an Planen, die sogleich auf die Bahne gebracht werden sollten.

 

Von Felicianen wußte man weiter keine Narrheit, die sie begangen hätte, als

einige kleine Begünstigungen, die sie dem artigen Tanzmeister für seine Mühe

mit Anstand nicht wohl abschlagen konnte. Ihre Mutter drückte ein Auge zu, da

es nun schon vorbey war; dafür schärfte sie ihr aber nun Standhaftigkeit und

Widersetzlichkeit ein, und hoffte von Louisen, sie würde ihre Erstlinge so reichlich an Mann bringen, daß damit beyde bezahlt wären, wie ein Vogelkrämer

manchmahl ein Paar Rebhühner theuer verkauft, weil das eine um desto fetter

ist, als das andere.

 

Nun blieb Theodoren nichts mehr übrig, als daß sie ihren Töchtern Nahmen

gab, und sich selbst einen anständigen beylegte; denn diese Vorsicht hatte ihr die

Alte als höchst wichtig eingebunden. Da es nun schon einerley war, welchen sie

wählte, beschloß sie sich in die vornehmsten Familien des Königreichs

einzulügen. Sie nannte daher ihre älteste Donna Feliciana von Toledo; für die

zweyte zog sie den Nahmen aus dem Hause Alba mit Haaren herbey, und sich

selbst nannte sie mit Erlaubniß des Herzogs Donna Theodora von Cordona. Mit

diesen prächtigen und wohlfeilen Nahmen geziert, erreichte die Gesellschaft das

Stadtthor von Toledo. Sie packte nun ihre zwey Fräulein und ihr weniges Geräth

ab; denn sie hatte fast alles zu barem Gelde gemacht, weil sie sich dann in

Madrit ganz neu einrichten wollte.

 

Sie brachten die Nacht ziemlich unbequem zu, und bezogen den nächsten

Morgen eine ansehnliche Wohnung in der Degenstraße. In demselben wohnte ein

alter Cavallero, der in der Erwartung einer Seneschallstelle für die Dienste, die

er Seiner Majestät geleistet hatte, hier schon ein ganzes Jahr zubrachte. Es plagte

ihn mit unter manchmahl die lange Weile, und er war denn sehr zufrieden, so

artige Nachbarinnen zu erhalten. Er war auch ohne Verzug so höflich, sich ihnen

zu allem, was sie befehlen würden, anzutragen. Sie dankten ihm für diese

besondere Gefälligkeit, da sie nun weiter in keiner Verlegenheit wären, als wie

sie einen anderen Miethwagen bestellen könnten, der sie den folgenden Tag nach

Madrit brächte. Der Cavallero nahm auch sogleich dieß Geschäft über sich, und

sie fuhren in seinem eigenen Wagen nach Madrit ab.

 

Der Kutscher führte sie durch die Straße de la Merced in die Tolederstraße,

von da kamen sie ans Thor von Quadalaxara, und in die Goldschmidgasse[A],

und endlich auf die allberühmte große Straße (calle mayor). Da besann sich

Theodore, daß diese Straße die Rennbahn sey, von der sie nun auf einem Chariot

(Galera) auslaufen müßte, um ihr Seeräuberhandwerk zu treiben. Ohne lange zu

berathschlagen, hielt sie so wohl nach ihrem eignen Urtheile, als nach den

weisen Ermahnungen ihrer alten Freundinn, dafür, daß die Gegend um St.

Sebastian von der Madriter Jugend am häufigsten besucht werde, theils weil hier

das Theater wäre, theils weil diese Gegend, wie ihr der Kutscher zu ihrem

größten Ärgernisse sagte, hierum manche Damen von zweydeutigem Gelichter

bewohnten. Theodore ging über diesen Umstand hinaus, und beschloß, ihren

Wohnsitz nicht weit von hier aufzuschlagen. Da sie aber dem Kutscher keinen Argwohn geben wollte, hieß sie ihn noch ein wenig weiter fortfahren, und so

kamen sie durch die Hieronymusstraße in die Fürstenstraße. Als sie beyläufig in

der Mitte derselben seyn mochten, sahen sie auf einem ganz artigen Hause einen

Anschlagzettel an der Thür kleben. Theodore ließ anhalten, und las, daß ein

geräumiges Gelaß zu vermiethen sey. Sie ließ den Wagen an das Haus fahren,

und fragte, in welchem Stockwerke das Gelaß sey. Man sagte ihr, daß es zu

ebner Erde, nur einige Stufen von der Hausthür, kurz, gerade so wäre, wie sie es

nach ihrem löblichen Plane wünschen könnte. Sie ward denn mit der Magd,

einem alten verdächtigen Figürchen, das ihnen die Wohnung gezeigt hatte,

sogleich über den Preis einig, und ließ sich die Schlüssel geben.

 

Sie gingen ins erste Gemach, und fanden eine ältliche Wittwe auf einem

kleinen Polsterstuhle sitzen, die einen langen Rosenkranz in der Hand hielt, und

eben ihre Abendstunden bethete. Sie saß ganz gravitätisch da, und ein Paar große

Augengläser, die sie unter dem kleinen Häubchen fest gemacht hatte, gaben ihr

ein noch ehrwürdigeres Ansehen. Sie stand sogleich auf, als sie Fremde kommen

sah, und grüßte sie mit vieler Höflichkeit; als sie aber erst die zwey Mädchen

näher erblickte, umarmte sie beyde mit einem lauten Jubel, und schrie: „So

schöne Engelchen sollen wir ins Haus kriegen? Das ist ja gar allerliebst! Wollen

Sie wirklich bey mir wohnen? — Nu, das freut mich herzinniglich. Sie können

unmöglich von Madrit seyn; denn sonst müßt’ ich ja längst von so schönen

Gesichtern gehört haben.“

 

Theodore antwortete, daß sie gar nicht irre, und daß sie gerade aus Mexico in

Neu-Spanien kämen.

 

„Dacht’ ichs nicht gleich,“ sagte die Alte, indeß sie den langen Rosenkranz

in die Tasche schob, und die Augengläser abnahm — „dacht’ ichs nicht gleich,

daß sie aus einem andern Welttheile kommen, die Schätzchen? Ich bitte, setzen

Sie sich; meine Töchter schlafen noch sorgenlos; das junge Völkchen schläft

immer gern.“

 

Die drey Mexicanerinnen gehorchten, und begannen über den Preis des

Gelasses zu sprechen. Das Mütterchen erklärte ihnen sofort, daß das Haus nicht

ihr gehöre; daß sie aber fünf Monathe befugt wäre, die leeren Wohnungen zu

vermiethen; eigentlich gehöre das Gelaß einer ihrer Freundinnen, die sich nur

auf eine kurze Zeit aus der Residenz entfernt hätte; indessen wolle sie sie doch

bald zufrieden stellen, und mit dem Hausherrn sprechen, der ein friedliebender

reicher Ritter wäre, der sich gern gegen jedermann gefällig bewiese. Sie sagte

ihnen auch gleich, wie weit sie sich einlassen dürften. Sie kamen auch wirklich

überein, gaben sich den gewöhnlichen Handschlag zum Zeichen, und nun traten aus einem Nebensaale zwey Damen, beyläufig von demselben Alter, und

beynahe eben so schön, als unsre Heldinnen. Sie waren erst zur Hälfte gekleidet,

in reinen weißleinenen Überröcken, und kleinen Mützchen von grüner Seide, die

ihnen gar lieblich ließen. Die Haare waren aufgelöst, und schwammen großen

Theils um die Schultern. Sie waren über die schönen Mexicanerinnen beynahe

betroffen, grüßten sie aber doch ungemein artig; und als sie gar hörten, daß sie

bey ihnen unter einem Dache wohnen würden, bezeugten sie außerordentliche

Freude darüber. Indessen muthmaßten beyde wechselseitig wohl, mit wem sie

die Ehre zu sprechen hätten, obschon sie sichs nicht im geringsten abmerken

ließen. Donna Theodora von Cordona bewunderte noch die geschmackvolle

Einrichtung von Stephaniens, des alten Mütterchens, Wohnung, und beschloß,

ihr Gelaß eben so einrichten zu lassen.

 

So hätten wir denn nun unsre schönen Sevillanerinnen glücklich nach Madrit

gebracht, hätten sie mit Wohnung versehen, hätten die Wohnung mit einem

ansehnlichen Sümmchen eingerichtet; sie hätten sittsame Bettgardinen,

Fußteppiche, weiche Stühle, einen bequemen Sopha, und ein Paar Putztische.

Nun fehlt denn nichts mehr, als eine Gelegenheit, den ersten Tritt mit Anstand’

und Aufsehen in die große Welt zu thun, und in diesem Meere, wie sich die Alte

zu Sevilla ausgedrückt hatte, den ersten Pfundhecht zu angeln.

 

Zum Glücke fiel ein Festtag im Dreyfaltigkeitskloster vor, dessen Kirche

alles zu besuchen pflegte, was Schimmerndes und Artiges am Hofe lebte. Zu

diesem Feste nun führte sie Donna Stephanie, und um es ihnen bequemer zu

machen, miethete sie einen von den bekanntesten Wagen, die sonst immer ihre

Töchter zu haben pflegten. Feliciane und Louise hatten schon zwey gewöhnliche

Kleider genommen, erkundigten sich aber noch glücklich vor der Abfahrt bey

ihren Nachbarinnen, wie sie sich putzen, und überhaupt benehmen müßten; und

da sie schöner waren, als diese, hatten sie nun durch den treulichen Unterricht,

den sie erhielten, viel vor den andern voraus. Sie kamen denn zum Feste, und da

um das Kloster ein Umgang gehalten wurde, nahmen sie ihren Platz bey einem

der vier Altäre, die in den vier Ecken standen. Hier mußte alles bey ihnen

vorüber, und allem, was in Galla war, standen sie gerade im Gesichte. Unter den

vielen Edelleuten, die nun vorüber gingen, kamen auch vier — aus Cordova

waren sie — die das Antlitz der zwey schönen Schwestern sehen konnten; denn

sie hatten, als diese vorüber gingen, die Schleyer gelüftet.

 

Unter ihnen war Don Fernando Antonio, ein rascher Jüngling von fünf und

zwanzig Jahren, schön gebildet, und seit einigen Monathen Herr von zwey

Majoratgütern, die ihm jährlich ein beyläufiges Sümmchen von vierzehn tausend Ducaten abwerfen mochten. Er lebte nun am Hofe vollauf, und bezahlte für die

drey anderen, die ihn begleiteten. Als sie nun zu den Sevillanerinnen kamen,

banden sie bald ein Gespräch mit ihnen an, und Donna Louisa von Alba sprach

so sanft, so launig, so schmelzend, so fein, daß Don Fernandos Liebeszunder

Feuer fing. Sein Herz war fort, wie die Taube aus dem Schlage; er hätte gern

unablässig geplaudert; aber er mußte ihr aus Artigkeit Raum lassen, den Umgang

zu sehen, und als dieser vorüber war, nahm er mit höchstem Widerwillen

Abschied; denn gern wär’ er diesem andalusischen Engel nimmer von der Seite

gewichen. Die schlaue Theodore merkte den Spuk sogleich, mengte sich ins

Gespräch, fragte ihn, mit wem sie zu reden die Ehre hätte, und gab ihrer Tochter

einen sprechenden Wink, die Beute ja nicht fahren zu lassen. Die Damen gingen

zur Kutsche, und fuhren nach dem Prado, von dem sie spät zurück kamen; denn

alles, was am Hofe glänzte, hatte sich dort versammelt. Auch Don Fernando

fand sich ein. Er erkannte den Wagen, in dem die schöne Zauberinn mit ihren

Freundinnen fuhr, und sprang flink an den Schlag, um im Anschauen seiner

Louise vollends ein Narr zu werden. Die Dämmerung brach immer stärker ein.

Der Wohlstand forderte, daß er sich entfernte, indessen beschloß er doch nicht

eher nach Hause zu gehen, bis er ihr den ersten Besuch abgestattet hätte. Er

nahm denn einen von den drey Freunden zu sich, der ihn begleiten sollte, und

nun strichen sie, wie verlorne Schafe, immer vor der Wohnung auf und nieder,

bis seine Schöne ans Fenster kam, und ihn einzutreten ersuchte. Das ließ er sich

nicht zwey Mahl sagen; er ward von Mutter und Tochter mit besonderer

Artigkeit empfangen; das Gespräch währte mit größter Lebhaftigkeit von beyden

Seiten, so lang’ er nur immer mit Ehren bleiben konnte, und er schied endlich

nur, nachdem er die Erlaubniß erhalten hatte, sich den nächsten Tag wieder

einzustellen. Er kam nun immer öfter; man begegnete ihm immer mit

Höflichkeit, aber auch immer mit mehr Zurückhaltung, je näher er trat. Das

konnt’ er in die Länge nicht aushalten, und er beschloß, sich der Mutter zu

erklären. Er beschwor sie, ihr Vorwort bey dem Herzen ihrer Tochter einzulegen,

und ihn nicht länger wie einen Fisch ohne Wasser schmachten zu lassen. Er

vermaß sich hoch, daß seine Liebe wie die hellste Wachsfackel brenne, und daß

er in seinem eignen Feuer aufgehen müsse, wenn sie ihn nicht bald lösche, und

dergleichen andere auserlesene Floskeln mehr. Die schlaue Theodore lächelte,

und hörte den Strom seines Herzensgusses recht gern fortrauschen.

 

„Don Fernando,“ sagte sie endlich, „ich bin zu sehr Mutter, und denke, ob es

mir gleich vielleicht nicht zusteht, zu vortheilhaft von meinen Kindern, als daß

ich mich zu sehr wundern sollte, daß Ihnen das Mädchen gefallen hat. Sie sind

aber — nehmen sie mirs doch immerhin nicht übel, Don Fernando — Sie sind wie alle junge Herren mit dem ersten Blicke verliebt geworden, und haben

vielleicht noch gar nicht erwogen, wer der Gegenstand sey, in den sie sich

vergafft haben. Sie haben sich vermuthlich in der Person getäuscht, und ich

bekenne, daß ich selbst es bin, die dieses Mißverständniß veranlaßt hat. Ich bin,

— obschon ich Ihren Stand und Charakter nicht im mindesten betasten will —

ich bin für ein Frauenzimmer, für eine Fremde, für eine Mutter mit meiner

Einladung zu rasch gewesen. Ich hatte eigentlich aus langer Weile gewünscht,

bald einige anständige Bekanntschaften zu machen. Ich muß Ihnen denn sagen,

daß Louise und Feliciane die Töchter eines sehr angesehenen Cavaliers aus

Mexico sind, der sein Vermögen und sein Leben auf einer Reise über Meer

eingebüßt hat, so daß wir nun von einem Gnadengehalte leben. Sie sehen denn,

daß ich Ihnen nur darum den Zutritt gestattet habe, weil man am Hofe gern

gesellschaftlich lebt. Ich zweifle an der Aufrichtigkeit Ihrer Erklärung nicht; aber

wenn Ihre Absichten wirklich ernsthaft, das heißt, auf eine Verbindung gerichtet

sind, so müssen Sie sich mir deutlicher erklären, wie ich mich Ihnen erklärt

habe.“ Über diese letzte Erklärung war Don Fernando ein wenig betreten: ein

Heirathsanschlag war ganz und gar nicht in seinem Plane gewesen, und sein

Feuer war für den Augenblick wirklich ein wenig zurück geblasen. Er faßte sich

aber schnell, und antwortete: „Donna Theodora, ich war um keine weitere

Auskunft Ihres Standes verlegen; die ehrwürdige Gegenwart Ihrer selbst, und

Ihrer liebenswürdigen Töchter war mir genug. Ich zweifle an keinem Ihrer

Worte; aber meine Absicht war nur — ich muß es als Ehrenmann unverhohlen

gestehen — Donna Louisa zu dienen, und wünschte für meine aufrichtigen

Dienste die Bande der Liebe, — nicht der Ehe zur Belohnung.“

 

„Don Fernando,“ wollt’ ihm die Mutter in die Rede fallen —

 

„Erlauben Sie,“ fuhr er fort: „ich scheue diesen engen Knoten, und hab’ ihn

mir in meinem Plan’ in eine ziemlich weite Entfernung hinaus gesetzt, obschon

ich mich dann dazu bequemen werde, um doch einen Erben meines Vermögens,

das nicht unansehnlich ist, zu haben. Ich bin Edelmann, und kann schweigen; Sie

können vollkommen auf mich bauen, daß Donna Louise durch meine Neigung

zu ihr, und durch die Begünstigung meiner Liebe nichts von ihrem guten

Nahmen verlieren wird. Mit einem Wort’, ich liebe sie unaussprechlich, und bin

bereit, alles für sie zu thun, was mir meine Liebe gebeut, und was mir Klugheit

gestattet.“

 

Donna Theodora stutzte nicht wenig schon beym ersten Anpochen die Thür

der Ehe verschlossen zu finden, das war ein starker Streich, und sie war in den

tieferen Geheimnissen ihrer Kunst noch zu sehr Schülerinn, als daß er sie nicht hätte betäuben, und von jedem ferneren Versuche zurück schrecken sollen. Sie

merkte zugleich auch zu deutlich, daß Fernando festes Fußes zu Werke gehe, als

daß sie auf Wankelmuth oder Übergewicht der Leidenschaft hätte rechnen

sollen. Sie hätte doch gern geantwortet, und wußte nicht, wo sie eigentlich

einlenken sollte. Sie suchte denn lange herum, bis sie ein Wort fand, und sagte

endlich: „Bester Don Fernando, ich muß Ihnen nur aufrichtig gestehen, daß ich

mir im Herzen selbst nichts anders vorgestellt habe, als daß Louise ungeachtet

all’ meiner Vorstellungen sich am Ende doch von ihrer Leidenschaft würde

hinreissen lassen. O Gott, wer kann ein Mädchen hüthen? — wenn Sie mir ihr

Wort geben, mich nicht zu verrathen, so“ —

 

„O ich bitte, reden sie,“ sagte Fernando.

 

„Louise hat ihr armes Herzchen an Sie schon eingebüßt. Was wir das

Mädchen nun peinigen und aufziehen!“ —

 

Fernando wußte wohl, wie er diese Antwort aufzunehmen habe, und war

innigst vergnügt, daß er die Sache so glücklich zu Ende gebracht hätte. Er war

nun der glücklichste Mensch von der Welt, nahm Theodoren bey beyden

Händen, und schwor ihr, daß er sich gewiß dankbar bezeugen werde. Er gab ihr

auch zum Anfange eine Kette von zweyhundert Thalern am Werthe, die er am

Halse trug. Er hing sie der Alten um den ihrigen, und führte sie zu den zwey

Schwestern hinüber, deren jeder er einen Ring von eben so großem Werthe gab.

Er stand auch nicht länger an, seinen Platz bey Louisen einzunehmen. Ein

bedeutender Wink der Mutter, und der kostbare Ring machten das schöne

Mädchen zur zahmsten Taube. Sie brachten den Tag vergnügt zu, und den

nächsten frühen Morgen schickte er ihr eine reiche Bettdecke, eine Art von

Galanterie, die einzig in ihrer Art ist. Dieß Geschenk schickte er durch seinen

Haushofmeister, der auch Theodoren eine kleine Rolle von funfzig Escudos in

Golde überreichen mußte. Das war ein Jubel und ein Frohlocken im Hause! —

Theodore dankte dem alten Mütterchen von Sevilla tausend Mahl, und wünschte

ihr für die guten Lehren, die sie ihr vor ihrer Abreise gegeben hatte, ein seliges

Ende zur Belohnung.

 

Es versteht sich von selbst, daß er seine Wohlthaten nicht an Louisen allein

verschwendete, sondern auch Mutter und Schwester wie Igel an ihm sogen. Er

ward immer verliebter, und stellte sich beynahe mit jedem Tage herrlicher ein; es

war nun kein Spectakel, daß diese liebenswürdige Familie nicht zuerst gesehen,

keine Mode, die sie nicht unter den ersten getragen hätte. Er hatte zwey Wagen,

und der weniger bekannte, an den vier rasche Rappen gespannt waren, stand

ihnen vollkommen zu Befehle. Sie fuhren auch bald die eine, bald die andere, den ganzen Tag, Straß’ auf, Straß’ ab.

 

Man kann sich wohl leicht vorstellen, wie ihre zwey schönen Nachbarinnen

über den schönen Fortgang ihres Glückes mochten gestutzt haben; indessen da

sie jene von allen Leckerbissen, die Fernando’s Haushofmeister im Überflusse

verschaffte, mit naschen, und sie wechselsweise an jeder Spatzierfahrt Theil

nehmen ließen, gaben sie sich wieder zufrieden, und begnügten sich damit, daß

sie sich der schönen Welt in einer so auffallenden Gesellschaft zeigen konnten.

 

Acht Monathe verflogen so in Saus und Braus, und Don Fernando hatte in

dieser kurzen Zeit an Schmucke, Kleidern, Freudenfesten, und so weiter über

zwölf tausend Escudos versplittert. Während dieser Zeit hatte sich aber auch

nicht einer gefunden, der sich um Felicianen beworben hätte; denn keiner wagte

es, sich an des verschwenderischen Fernando Seite sehen zu lassen. Das war

freylich ein Umstand, der sein Unangenehmes haben mochte, und es wär’

allerdings angenehmer gewesen, wenn sich noch ein zweyter schön befiederter

Papagey in ihren Schlingen verfangen hätte: unterdessen gebrach es Felicianen

im Wesentlichen an nichts, und sie konnte sich immer mit der Hoffnung eines

ähnlichen, vielleicht noch glücklichern Looses trösten.

 

Eines Tages hatte Theodora, ihre Familie, und die zwey schönen

Nachbarinnen beschlossen, auf den Prado, einen Spaziergang, auf dem auch S.

Majestät Philipp der zweyte immer zu jagen pflegten, zu fahren. Sie hatten Don

Fernando davon Part gegeben; er both sich aber nicht zu ihrem Begleiter an,

sondern ließ ihnen nur melden, daß er ihnen gute Unterhaltung wünsche, daß er

aber, so unlieb es ihm wäre, eines dringenden Geschäfts halber nicht in ihrer

Gesellschaft seyn könne; indessen würde sie sein Haushofmeister mit allem, was

sie befählen, versehen. Sie fuhren denn nach dem Prado, und wir wollen uns

nach Don Fernando umsehen.

 

Er hatte wirklich diesen Tag einen Contract von Wichtigkeit zu schließen,

und seine drey Freunde waren nach Alcala zu einem Stiergefechte gereist. Er

hatte denn den ganzen Tag über lange Weile, schlenderte verdrießlich die Straße

auf und nieder, lehnte sich unter die Hausthür, kam, was er sonst nie that, zur

Mittagsstunde pünctlich nach Hause, und warf sich nach Tische auf sein

Ruhebett, weil ihm durchaus nichts einfallen wollte, womit er sich den Unmuth

verjagen konnte.

 

Vor beyläufig zwey Jahren war Don Fernando in einem Spielhause zu

Cordova bey einer Wette mit einem Ritter in Hader gerathen. Dieser war sehr

entrüstet; Don Fernando hatte aber mehrere Bekannte bey sich, und wagte es daher, seinen Gegner über seine Hitze aufzuziehen, und ihn lächerlich zu

machen. Der Cordovese ward noch zorniger, um desto mehr, da er eine Memme

war, und es nicht wagte, Fernando einen Zweykampf anzubiethen. Er faßte denn

von der Stunde einen unversöhnlichen Groll gegen unsern Fernando, und schwor

ihm Rache, auf was immer für einen Weg er sie erreichen würden. Seine

eigentliche Absicht war Meuchelmord; da aber Fernando immer in der großen

Welt lebte, und immer wenigstens drey Bediente bey sich hatte, war all sein

Auflauern immer vergeblich gewesen. Er war aus Verdrusse nach Portugall

gegangen; da er aber hörte, daß sich Fernando nun zu Madrit befände, eilte er

wieder dorthin, um seinen Plan endlich einmahl auszuführen. Um nicht erkannt

zu werden, ließ er sich den Bart wachsen, und schloff in ein Pilgerkleid. Nun ließ

er Fernando nimmer aus den Augen. Wie wir wissen, war dieser bisher keinen

Tag ohne Gesellschaft gewesen; daß er es aber diesen Tag sey, hatte der fromme

Pilger ausgespähet. Er bettelte auf der Straße Almosen, und ging ungehindert zu

Fernando’s Hausthür hinein.

 

Fernando wohnte in seinem Hause ganz allein; das Hausgesinde hatte

gegessen, und hielt die Sieste; der Pilger konnte denn ungestört bis auf

Fernando’s Zimmer dringen. Dieser schlummerte noch immer sanft fort; der

Pilger schlich leise bis ans Schlafgestell, zückte den Dolch, tauchte ihn sechs

Mahl in sein Herz, und entfloh.

 

Das Hausgesinde erwachte allgemach, und ging an seine Arbeit; niemand

ahndete den Unglücksfall. Erst nach einigen Stunden kam der Haushofmeister,

auf Fernando’s Zimmer, schlug die Jalousien auf, und sah seinen Herrn im Blute

liegen. Er stand vor Schrecken wie eine Bildsäule da, und machte endlich

Lärmen. Alles weinte und jammerte, und konnte nicht begreifen, wie der Mord

geschehen konnte, da sie doch alle — fest schliefen. Ihr Schmerz war indessen

nicht von langer Dauer, und sie faßten bald sammt und sonders den Entschluß,

sich die Belohnung, auf die sie für ihre treuen Dienste allerdings Anspruch

machen zu können glaubten, und die ihnen nun aus Mangel eines Testaments

entgehen würde, selbst zu verschaffen, und dann heimlich abzuziehen, um allen

Verdacht des Mordes von sich abzulehnen. Wie klug diese Berechnung gewesen

sey, leuchtet so ziemlich von selbst ein. Indessen ward der Anschlag, dem der

Herr Haushofmeister in eigener Person beytrat, an der Stelle ausgeführt, alle

Kasten, Kisten, Kästchen und Kistchen geöffnet, alles, was sich an Geld’ und

Geschmeide fand, nach Billigkeit getheilt, und jeder zog nun hin, wo er sich am

sichersten glaubte.

 

Sie hatten sich schon nach allen Himmelstrichen begeben, als einer von Fernando’s Freunden ihn besuchen wollte, und gerade auf sein Schlafzimmer

ging. Hier sah er das gräßliche Schauspiel, und schrie, daß alle Nachbarn

zusammen liefen. Das Gericht war auch bald bey der Hand; man wollte ein

Verhör vornehmen, aber es war niemand da, den man hätte verhören können;

kein Bedienter war zu hören oder zu sehen, und die Nachbarn erklärten mit Einer

Stimme, daß sie nicht eine Sylbe von der ganzen Sache wüßten. Es blieb nichts

übrig, als daß man in dem andern Hause, wo er seine Pferde hatte, nachsuchte.

Dort fanden sich auch wirklich vier Lackeyen und ein Kutscher, die aber

ebenfalls von der Sache noch nichts gehört hatten, und auf der Madratze ruhig

schnarchten. Dem überklugen Gerichte schien gerade dieses Schnarchen ein

verdächtiger Umstand und eine List, durch die die Thäter den Verdacht von sich

abzulehnen suchten. Sie wurden durchsucht, und in des Kutschers Tasche ein

Brotmesser gefunden. Die Gerichtsperson erklärte, daß wider jeden, bey dem

sich Waffen fänden, gegründete Inzüchten vorhanden wären, und folglich auch

auf diejenigen, die mit ihm in vertraulichem Umgange betreten würden,

gegründete Verdacht obwaltete. Kutscher und Bediente mußten denn, was sie

sich auch sträubten, ins Gefängniß wandern. Sie läugneten standhaft, und es war

schon nahe daran, daß sie auf die Folter gebracht werden sollten.

 

Während all dieß vorging, hatten sich unsere Damen auf dem Prado sehr gut

unterhalten, waren zurück gekehrt, und hatten dem Kutscher befohlen, vor

Fernando’s Hause anzuhalten; die Hiobspost kam ihnen schon auf dem Wege

entgegen; sie konnten ihr aber unmöglich glauben, und fuhren bis ans Haus. Der

Kutscher, der ein Sclave war, brachte ihnen die Bestätigung des Unglücks; und

da er diesen Augenblick benutzen wollte, um sich in Freyheit zu setzen, lief er

hastig davon, und ließ sie allein stehen.

 

Theodora, die sich in jedem Schicksale männlich zu fassen wußte, und die

daher in ihrem Leben selten noch in Verlegenheit gekommen war, wußte sich

auch hier gleich Rath zu schaffen. Sie bezahlte den ersten Vorübergehenden, daß

er den Wagen in die nächste Remise führte, deren Inhaber sie wieder reichlich

bezahlte, damit er den Wagen niemanden, wer es auch immer seyn möchte,

ausfolgen ließe. Nun erst eilte sie mit ihren Töchtern nach Hause, wo sie wie die

Wölfe in der Wüste heulten, und sich ihre schönen Haare ausgerauft haben

würden, wenn sie nicht der Gedanke eines unordentlichen Kopfputzes

abgehalten hätte. Indessen weinten sie bitterlich, und waren erst nach drey bis

vier Stunden wieder zu lachen im Stande.

 

Theodora konnte doch die ganze Nacht kein Auge zuthun; denn sie dachte

unablässig, wie sie den Wagen mit den vier schönen Rappen in Sicherheit bringen könnte. Sie ließ ihn auch mit Tages Anbruche von Madrit nach Illescas

führen, wo er verborgen bleiben sollte. Denselben Tag stellte sich das Gericht

auch bey unsern Sevillanerinnen ein, und verlangte ihre Aussage. Da es aber

nicht das mindeste Anzeichen fand, zog es wieder in Frieden ab. Theodora fand

nun nöthig, einen weiblichen Staatsrath zu versammeln; ihre Töchter, und ihre

schönen Nachbarinnen setzten sich in einem Zirkel; Theodora räusperte sich,

und hielt ihnen folgende Rede.

 

„Meine Damen,“ sagte sie, „bey dem Lebensplane, den wir uns

vorgezeichnet haben, ist uns nichts nöthiger, als daß wir uns mit Würde

benehmen, damit uns die dreisten Herren Männer nicht auf die Ferse treten. Wir

müssen sie durch unser Benehmen, wie durch eine Art von Zauberspiele,

anzulocken, aber auch zu körnen wissen, so, daß sie die Schranken nie

überschreiten können. Jeder Mann ist bey dem geringsten Anlasse zudringlich,

und ein zudringlicher Mann erkaltet sehr geschwinde, wenn wir ihn nicht

standhaft in den gehörigen Abstand zurück weisen. Alles, worauf er Anspruch

zu machen hat, muß ihm nur als der höchste Grad freywilliger Begünstigung

gewährt werden. Diese goldene Regel habt ja immer gegenwärtig, meine Kinder,

und vergeßt sie auch dann nicht, wenn ich todt bin, und nur von oben herab auf

euch sehen kann. Der Weg, den wir mit so vielem Glücke begonnen haben, ist

uns durch den Tod des edlen Fernando auf ein Mahl abgeschnitten, und wir

müssen nun einen neuen einschlagen. Der arme Fernando! Wir hätten noch drey

Jahre von seinem Vermögen leben können; aber der Himmel hat es nicht

gewollt, und seine Rathschlüsse sind nicht zu ergründen. Nun müssen wir

vorzüglich den Wagen, der uns von ihm geblieben ist, zu erhalten suchen; denn

in einem Wagen kommt man auf jedem Wege geschwinder fort: versteht ihr

mich? Im Häuslichen mag es immer hier kleinlich hergehen; der Wagen macht

alles wieder gut. Mein Rath ist denn, daß ihr eine um die andere in demselben

eine Spazierfahrt macht, und wie die Freybeuter irgend einen wackern

Kriegsmann anzuwerben sucht. Unser Wagen muß nun eine Postkutsche seyn, in

der auf jeder Station ein anderer Reisender fährt. Feliciane mag den ersten

Versuch machen.“

 

Alle fanden den Vorschlag der weisen Theodora vortrefflich; sie theilten die

Stadt ordentlich unter sich in bestimmte Bezirke ein, und Feliciane machte sich

reisefertig.

 

[A] Plateria.