Die Harpyen von Madrit, oder die Postkutsche, Aus dem Spanischen des Verfassers der Donna Rufina

Dritte Spazierfahrt.

 

Da nun auch dieses Abenteuer glücklich abgelaufen war, fingen die beyden

andern Schwestern ihr Werk desto freudiger an. Constanze war älter, folglich

gebührte ihr der Rang. Louise und Feliciane trugen ihnen allen Beystand an, den

sie ihnen leisten konnten; besonders aber den Wagen, der ihnen vor allem

unentbehrlich war. Die Sevillanerinnen waren nun zu Valdemoro, und die andern

zu Illescas: dort vereinigten sie sich aber wieder, und Constanze stieg allein mit

der alten Banuelos und Mogrobejo in den Wagen, der unterdessen ganz ein

anderes Ansehen bekommen hatte; auch hatte sie andere Pferde und einen

andern Kutscher. Mogrobejo hatte, um sich unkennbar zu machen, seinen

Spitzbart länger wachsen lassen, und trug ehrwürdige Augengläser auf der Nase.

Auch Constanze hatte die Person schon ausersehen, die sie mit ihrer

Begünstigung glücklich machen wollte. Louise hatte ihr den Traueranzug

geschenkt, und diesen wählte sie auch zu ihrer Unternehmung, theils, weil er ihr

sehr gut ließ, theils, weil die Wittwenrolle mit dem geringsten Aufwande

gespielt werden konnte, theils, weil sie sich in einen Plan einließ, nach dem sie

durchaus scheinheilig seyn mußte. Sie kamen wohl behalten in Madrit an, und

bezogen eine Wohnung in dem Stadtviertel de la Merced. Die Person, auf welche

ihre Absicht gerichtet war, war einer der reichsten Pfarrer am Hofe, ein gelehrter

Priester und Doctor der Theologie. Wir wollen ihn um gewisser Ursachen willen

nicht nennen, sondern ihn immer nur den Doctor heißen. Seine Pfarre trug ihm

sehr viel ein, obschon er ein großes Vermögen von seinem Vater geerbt hatte,

und von zwey Bischöfen jährlich mehr als zwey tausend Escudo’s bezog. Er

hatte also jährlich über viertausend Escudo’s zu verzehren, und war doch dabey

der größte Filz unter der Sonne. Das Hausgesinde des Doctors bestand aus einer

Schwester, die schon lange über die Jahre der Anfechtung hinaus war, und die er

schon lange zur Nonne gemacht hätte, wenn sie es nicht in der Hoffnung einer

reichen Erbschaft weislich hätte bleiben lassen; einer Haushälterinn, einem

Studenten, der ihm Gesellschaft leistete, und einem alten Maulesel. Constanze

erschien täglich mit der sittsamsten Miene, und einem langen Rosenkranz’ am

Arm’, in der Messe; die Duenna und der Escudero begleiteten sie. Eines Tages ging sie nach der Messe auf den Kirchhof, der an das Gotteshaus stieß, wandelte

auf und nieder, betrachtete alles ringsum sehr aufmerksam, und sprach leise mit

dem Escudero. Unterdessen stand der Pfarrer immer am Fenster der Sacristey,

und hätte gar zu gern gewußt, was sie mit solcher Aufmerksamkeit betrachte. Sie

begab sich aber sittsam in den Wagen, und fuhr ab.

 

Den nächsten Morgen kam sie wieder zur Messe, ging wieder auf den

Kirchhof, und begnügte sich nicht damit, daß sie ihn sehr aufmerksam

betrachtete, sondern Mogrobejo mußte auch einen Theil desselben schrittweise

abmessen. Der Pfarrer hatte wieder aus dem Sacristeyfenster zugesehen, und

konnte nun sein Verlangen, dieses Räthsel aufgelößt zu sehen, nicht länger

unbefriedigt lassen; er ging hinaus, machte ihr eine artige Verbeugung, und

fragte sie womit er ihr dienen könne. „Ich sehe,“ sagte Constanze mit

niedergeschlagenen Augen, „daß Sie die vornehmste Person in dieser Kirche

sind. Mein Escudero mußte mir hier diese Stätte der gottseligen Ruhe

abschreiten, damit ich sehen könne, ob auch Raum genug wäre, meine Absicht

hier auszuführen. Wenn es Ihnen nicht ungelegen wäre, würd’ ich Sie bitten,

mich in die Kirche zu führen, um Ihnen meine Absicht ausführlich erklären zu

können.“ Er führte sie in eine kleine Seitenkapelle, die aber so schlecht mit

Geräthe versehen war, daß sie sich auf einige Altarpölster, und er in einen

Beichtstuhl setzen mußte.

 

„Mein hochwürdiger Herr,“ begann sie, „ich bin aus Sevilla, von adeligen

Ältern geboren; mein Vater hieß Don Lope de Monsalva, meine Mutter Donna

Mencia de Sahabedra, und ich, ihre einzige Tochter, heiße Donna Rufina de

Monsalva und Sahabedra. Meine Mutter nahm mir Gott sehr früh, und mein

Vater, der noch ein sehr junger Mann war, warf sein Augenmerk auf eine Dame

derselben Stadt, und wollte sich mit ihr verbinden; sie hatte aber zwey Brüder,

die ihre Schwester gar zu gern geerbt hätten; sie setzten sich heftig entgegen,

und drangen durchaus darauf, daß sie Nonne werden sollte. Sie war meinem

Vater sehr geneigt; sie fanden Gelegenheit, sich öfters heimlich zu sprechen, und

kamen endlich überein, daß sie sich heimlich wollten trauen lassen. Sie thaten

es, und setzten ihre heimlichen Zusammenkünfte fort; ich war die Frucht ihrer

Liebe. Nun entdeckten die Brüder plötzlich durch eine treulose Magd das ganze

Geheimniß, stellten meinem Vater heimlich nach, und — tödteten ihn. Ich war

nun eine Waise, und ohne alles Vermögen; niemand nahm sich meiner an, als

eine Muhme, die mich in das Nonnenkloster San Leander zur Erziehung gab, wo

ich auch bis in mein sechzehntes Jahr blieb. Damahls erst fing mein Glück zu

dämmern an. Mit einer Flotte aus Indien kam ein ansehnlicher Cavalier an den

Hof; er war sehr reich, und hatte von einem Vetter meiner Muhme, bey der ich nun im Hause wohnte, ein Empfehlungsschreiben mit sich. Er besuchte sie

öfters, und sah auch mich bey dieser Gelegenheit. Er erkundigte sich, wer ich

wäre; meine Muhme erzählte ihm die unglückliche Geschichte meines Vaters,

und er gewann eine solche Neigung zu mir, daß er förmlich um mich warb.

Binnen vierzehn Tagen war ich ihm angetraut, und er gab mir zur Morgengabe

zwanzig tausend Escudo’s; sein ganzes Vermögen aber beträgt über hundert

zwanzig tausend Ducaten. Wir lebten sechs Jahre mit einander, in welcher Zeit

wir gar kein Kind mit einander hatten. Endlich starb der gute Mann, und machte

mich zur Erbinn des ganzen Vermögens: nur vierzehn tausend Ducaten

bestimmte er zu einer prächtigen Kapelle, die ich in dieser Stadt bey irgend einer

Kirche bauen lassen sollte. Er bestimmte aber nur die Summe, und räumt es

übrigens ganz meiner Willkür ein, wie ich sie bauen lassen wollte. Ich denke nun

es so einzurichten, daß vier Kapelläne mit einem jährlichen Einkommen von

zwey hundert Ducaten, und einer, dem die andern untergeben seyn sollen, mit

drey hundert dabey angestellt werden. Ich will sie auch nicht an diesen

Kapellendienst allein binden; denn warum sollt’ ich ehrwürdige Väter hindern,

ihr ohne dieß geringes Einkommen, das sie ohnehin meistens auf Almosen

verwenden, noch in etwas nebenbey zu vermehren. Ich bin nun vierzehn Tage

hier, und habe alle Kirchen besehen, aber hier nach meiner Meinung noch den

besten Platz gefunden. Man könnte unter der Kapelle die Gruft anbringen, was

ungleich prächtiger lassen dürfte, als der Kirchhof. Ob es mir nun erlaubt seyn

werde; ob mir die Stadtobrigkeit, oder der geistliche Rath nicht entgegen seyn

werden, wünsche ich jetzt aus Ihrem Munde zu hören.“

 

„Dafür lassen Sie mich sorgen, gnädige Frau!“ antwortete der Pfarrer voll

Feuer, und sah sich schon im Besitze von drey hundert Ducaten. „Das wäre

schön, wenn der geistliche Rath die Erfüllung frommer Vermächtnisse hindern

wollte! Wie wollt’ er das? Wie könnt’ er das? Jeder Platz gehört Gott, um so viel

mehr ein Kirchhof, als ein eigens geweihter Ort. Und was gingen die

Stadtobrigkeit geistliche Dinge an? Sie mag ihre profane Nase in andere Dinge

stecken, mag Betriegern und Betriegerinnen auf die Spur zu kommen suchen;

aber unsere heiligen Sachen gehen ihr nichts an. O gnädige Frau! Gott hab’ Ihren

seligen Gemahl selig! sein Werk ist um desto verdienstlicher, da er dadurch in

einer so verdorbenen Zeit ein heldenmüthiges Beyspiel des standhaften

Christenthums gibt. Säumen Sie auch nicht, seinen frommen Wunsch zu

erfüllen, damit wir ihn nicht aufhalten, wenn seine Seele etwa bis zur völligen

Herstellung noch etwas zu leiden hätte.“

 

„Ich weiß aber noch nicht,“ sagte sie, „ob wir hier das volle Maß, das ich

gewünscht hätte, heraus bringen werden.“

„Wollen sie denn Euer Gnaden gar so groß bauen?“ sagte der Pfarrer. „Wie

viele Schritte haben Euer Gnaden angeschlagen?“

 

„Sechzig in die Länge, zwey und dreyßig in die Breite.“

 

Nun fing der leibige Pfarrer augenblicklich an, wie ein fettes Leichhuhn über

die Gräber fortzutrippeln, und den Raum mit kurzen Schritten abzumessen.

„Mehr als zu viel!“ schrie er endlich; „es gibt noch ein Beinhaus, und ein kleines

Leichenbehältniß. Wir kriegen aber doch auch ein Thürmchen, gnädige Frau?

Wir haben eine überflüssige Glocke, und irgend eine andächtige Seele wird uns

es auch nicht an einer Uhr fehlen lassen.“

 

„Um meines seligen Mannes Wunsch ganz zu erfüllen,“ sagte Constanze,

„wird es mir nicht zu viel seyn, auch diese Kleinigkeiten aus meinem Vermögen

zu bestreiten, das nach meinen Bedürfnissen ohne dieß viel zu groß ist. Ich

gestehe es Ihnen auch, hochwürdiger Herr Pfarrer, daß es mir in so weit wirklich

zur Last ist, als ich es nicht weiß, was ich damit anfangen soll. Übrigens habe ich

noch eine Bitte an Sie.“

 

„Sie befehlen, gnädige Frau! worin kann ich dienen?“

 

„Ich wünschte sehr, daß Sie es auf sich nähmen, meinen Bau gegen alle

Hindernisse zu schützen, mir erfahrne Leute zu dem Baue selbst vorzuschlagen,

und endlich — thun Sie es um meines seligen Mannes willen — nehmen Sie

dann die Oberaufsicht über die vier Kapläne an.“

 

„Mit Freuden,“ antwortete der Pfarrer; „zu was mich Gott in seinem Dienste

rufen will, dazu bin ich auch bereit. Sie haben mit mir zu befehlen; und da Sie

ein frommes Werk unternehmen, so bin ich Ihnen gewisser Maßen Gehorsam

schuldig.“

 

Sie wären nun über die Präliminarien einig gewesen. Sie sagte dem Pfarrer

ihre Wohnung; er besuchte sie sehr emsig, und befahl auch seiner Schwester, sie

zu besuchen, deren Liebe Constanze augenblicklich zu gewinnen wußte. Das

Erste, was sie that, war, daß sie dem Pfarrer ihres Mannes Testament zeigte, und

ihn versicherte, daß sie nun in einigen Tagen thätig Hand ans Werk legen werde.

 

Sonntags Abends kam sie mit ihrer Duenna und dem Escudero in der Pfarre

an, um der Schwester des Pfarrers den erhaltenen Besuch zu erstatten. Sie ward

mit allem, was Küche und Keller vermochten, bewirthet; und als sie mit

einbrechender Dämmerung wieder nach Hause fahren wollte, bath sie der

Pfarrer, noch ein wenig zu bleiben, und der Sitzung einer kleinen Akademie

beyzuwohnen, die er aus Liebe zu den Wissenschaften und der Musik, in seinem Hause, mit Hülfe einiger Freunde errichtet hatte. Constanze nahm die Einladung

unter dem Bedingniß’ an, daß sie und seine Schwester ungesehen zuhören

könnten. Das war ausführbar, und er führte sie an ein Fenster mit einem

Vorhange, aus dem sie in den Saal sehen konnten, der auf eine merkwürdige Art

zubereitet war. Er war ganz mit Tannencisten geziert, und mit Sträußen von

Wiesen- und Gartenblumen behangen; oben am Saale standen drey lederne

Stühle an einem Schreibtische, und weil es schon dunkel war, begann man rings

um den Saal die messingenen Wandleuchter anzuzünden. In der Mitte war ein

Hängeleuchter, auf dem drey bis vier Altarkerzen brannten. Es währte nicht

lange, so erschienen die Akademiker. Der erste war der Pfarrer selbst, der die

Gesetze der Akademie, auf einer Rechentafel geschrieben, trug; der zweyte war

der Sacristeydiener, der in den Nebenstunden kleine Predigten verfaßte; der

Cantor und sein Bruder, der bey einem Sachwalter als Unterschreiber diente, und

welche beyde in dem ganzen Pfarrsprengel das Monopolium der Hochzeit- und

Leichengedichte an sich gerissen hatten; sie verfertigten auch Neujahrswünsche,

kleine Verse für die Zuckerbäcker, und Inschriften auf die Leichensteine. Nach

diesen kam der Kapellan, der aus Wachs kleine Opferthiere verfertigte, und mit

besonderer Geschicklichkeit verschiedene Figuren aus Pflaumen- und

Aprikosenkernen zu schnitzeln wußte. Indessen, weil sie nicht einig werden

konnten, unter was für eine der schönen Künste sie seine Arbeit rechnen sollten,

hatten sie ihm, ungeachtet seiner Geistlichkeit, einen so späten Rang

angewiesen. Nach diesem kam ein Musicus, der zuweilen auf dem Chore spielte,

sonst aber in den Wirthshäusern seine Kunst trieb, und Grab- Hochzeit- und

andere Lieder verfertigte. Endlich erschien der Student, der bey ihm im Hause

wohnte, und den sie der Tanzkunst widmeten, weil er geschickt Hunde

abzurichten wußte. Um Constanzen eine rechte Ehre zu erweisen, sagte ihr seine

Schwester, daß in der Gesellschaft noch ein Mitglied für die Baukunst fehle, und

daß sie gar nicht zweifle, ihr Bruder werde den Steinmetz, wenn er sich bey der

Kapelle auszeichnete, unter sie aufnehmen.

 

Sie begannen nun ihre Arbeit, und jeder legte einen neuen Beweis seiner

Fähigkeit ab. Der Pfarrer eröffnete die Sitzung mit einer Abhandlung über den

Ursprung des Gebeths, in der er nicht undeutlich vermuthete, daß Gott den ersten

Menschen eine Art von täglichem Breviarium vorgeschrieben, und ihnen daher

auch die Gabe, Geschriebenes zu lesen, eingegossen habe. Der Sacristeydiener

ging vor die Thür, weil der Saal zu ebner Erde war, zum Fenster herein, was eine

Kanzel vorstellen sollte, eine Predigt über die Raupen, die diesen Sommer alle

Bäume im Pfarrgarten verdorben hätten, zu halten. Der Cantor hatte drey

Gedichte gemacht, das eine enthielt die ganze Passion, und die andern zwey die Geschichte des linken und des rechten Schächers; und diese drey Gedichte hatte

er in der Form eines Kreuzes geschrieben, so, daß sie einen förmlichen Calvaria

vorstellten. Sein Bruder, der Schreiber, las unmittelbar darnach ein Gedicht zum

Lobe des Tabakschmauchens. Der Kapellan stellte ein neues Schwein dar, das er

aus Wachs gemacht hatte, und die Hälfte einer glücklich abgenommenen

Frauenbrust, wovon man aber das eine eben so gut für ein Schaf, und das andere

für die Hälfte eines Hinterbackens hätte ansehen können. Der Musikus hatte eine

neue Melodie auf das Nachtwächterlied verfertigt, und nun traf die Reihe den

Studenten, der seinen Hunden wieder neue Sprünge und Fratzen gelernet hatte.

Nun hatte aber der Pfarrer seinen Akademikern, wie gewöhnlich, frischen

Schinken, geräucherte Ochsenzungen, und kalte Pasteten auftischen lassen; und

da die Hunde des Studenten, da ihr Herr selbst von des Pfarrers Gnade lebte,

immer bey dem gesundesten Appetite zu seyn pflegten, hatten sie auch jetzt

kaum drey bis vier Sprünge durch den Reif gemacht, als sie sich erdreisteten, mit

ihren profanen Pfoten den Tisch zu besteigen, und unter den Libationen eine

solche Verheerung anzurichten, daß alle Akademiker von ihren Stühlen

aufsprangen, und diese frechen Schüler der Erato aus ihrem Hörsaale vertrieben.

Es war aber leider zu spät, und man mußte sich mit sehr geringen Überbleibseln

begnügen. Die Versammlung ging also sehr mißmuthig aus einander, und

Constanze ging vergnügt nach Hause.

 

Nun war keine Zeit mehr zu verlieren. Den nächsten Morgen mußte sich

Mogrobejo nach einem vertrauten Freund’ umsehen, der sich für einen erst aus

Toledo angekommenen Architecteur ausgeben, und zwey oder drey Risse von

einer Kapelle mit sich bringen sollte. Der Escudero war scharfsichtig, wie ein

Falke, und wendete sich daher an keinen untüchtigen Mann. Er sollte sich den

folgenden Tag, an dem sie vom Pfarrer Besuch erwartete, einfinden. Der Pfarrer

kam; der Baumeister kam; man vereinigte sich über den Plan, und ließ einen

Notar rufen, vor welchem und zwey Zeugen sich der Baumeister anheischig

machte, die Kapelle binnen einem Jahre herzustellen; dafür verlangte er zwey

tausend Escudo’s im vorhinein; Constanze fand aber diese Summe zu groß, und

erklärte sich, daß sie unterdessen drey hundert Escudo’s geben wollte, womit

sich der Baumeister befriedigte. Sie lud alle über zwey Tage zum Mittagmahle

ein, und da sollte sogleich Hand ans Werk gelegt werden.

 

Nun schickte Constanze den Escudero noch denselben Abend zu ihren

Freundinnen um den Schmuck, und erhielt ihn auch sogleich in einem

ansehnlichen Futterale von carmoisinrothem Saffian. Sie schickte dasselbe nun

unverzüglich zu einen Futteralmacher, und ließ ein so ähnliches verfertigen, daß

man es von dem rechten kaum unterscheiden konnte. Nun ließ sie den Pfarrer rufen, der sich auch im Augenblicke einfand. Sie nahmen Stühle, und Constanze

sprach: „Herr Doctor, ich habe acht tausend Escudo’s bey den Fuggern[B] stehen,

die ich zu ansehnlichen Zinsen genieße; mein seliger Mann hat sie aber nur unter

dem Bedingnisse untergebracht, daß er sie einen Monath vor der

Herausbezahlung aufzukündigen habe. In der Verwirrung, in die mich der

plötzliche Tod meines Mannes setzte, hab’ ich nun vergessen, die Aufkündigung

einzuschicken, und bin nun in der Verlegenheit, daß ich das Geld gerade jetzt, da

ich es am nothwendigsten brauche, nicht habe. Ich sehe mich denn, so schwer es

mir fällt, gezwungen, meinen ansehnlichen Schmuck bey einem vertrauten

Manne, gegen billige Bedingnisse, auf einen Monath einzusetzen. Hier ist er,“

sagte sie, indem sie aus der Estrata ein Lädchen unter dem Überzuge hervor

nahm, und dem Pfarrer, der in seinem Leben nie solchen Schmuck gesehen hatte,

die reichen Geschenke des Mailänders und des Genuesers zeigte.

 

„Lieber Gott!“ sagte der Pfarrer; „das ist ja über hundert tausend Escudo’s

werth.“

 

„Nicht doch, Herr Pfarrer!“ sagte sie; „Sie sind ein schlechter Kenner: der

ganze Werth besteht in etwas über dreyßig tausend Escudo’s; und gerade, weil

dieß doch keine Kleinigkeit ist, wünscht’ ich irgend einen Mann zu wissen, bey

dem ich nicht Gefahr liefe; denn bey jetziger Zeit kann man sich wahrhaftig

nicht genug hüthen.“ Während dieser Rede hatte sie das Futteral wieder

versperrt, und in das Lädchen gelegt. Der Pfarrer wünschte der großmüthigen

Dame in allem Genüge zu leisten, und both sich an, ihr die acht tausend

Escudo’s noch denselben Tag aus seinem eigenen Vermögen einzuhändigen.

„Belieben Sie nur,“ sagte er, „eine Schrift wegen Leben und Tod bereit zu

halten.“ Constanze nahm den Antrag mit Freuden an, und zog geschwinde unter

dem Überzuge der Estrata das andere Futteral, welches ebenfalls versperrt war,

hervor. Der Pfarrer nahm es, und wollte forteilen; an der Thür kehrte er aber

noch um, und sagte: „Hören Sie, gnädige Frau, die Baumeister sind Leute, die

immer bares Geld sehen wollen. Damit wir ihn nun nicht abschrecken, bring’ ich

Ihnen lieber gleich die tausend vier hundert Escudo’s an der Stelle, und des

Abends die andern acht tausend, damit Sie dann Ihr Geld ganz beysammen

haben.“ Er hielt auch genau Wort, und Constanze hatte die ganze Summe in

Händen. Der Pfarrer hätte den Schmuck gern seiner Schwester gezeigt, wagte es

aber nicht, zu Constanzen um den Schlüssel zu schicken, weil es einem

Mißtrauen ähnlich gesehen hätte.

 

So bald die schöne Wittwe das Geld in Händen hatte, machte sie sich mit

ihrer Duenna und dem Escudero nach Lescas auf. Ihrem Hausherrn schützte sie vor, daß sie das Quartier verlasse, weil es ihr zu melancholisch wäre, und so fuhr

sie denn mit allem Geräth’ ab, und verbarg sich bey ihren Freundinnen so gut,

daß sie niemand hätte finden können. Nun kam der Pfarrer, und hörte, daß seine

reiche Gönnerinn eine andere Wohnung bezogen habe; die Hausleute

versprachen ihrem hochwürdigen Herrn Pfarrer aber, daß sie ihm bis morgen

schon sagen wollten, wo sie wohne. Den andern Tag sehr früh kam er wieder;

man wußt’ es noch nicht: er kam des Abends, und man wußt’ es noch nicht. Nun

begann er erst Argwohn zu schöpfen; er lief nach Hause, und da seine Schwester

darauf bestand, daß er einer Betriegerinn in die Hände gerathen sey, beschloß er

endlich, das Futteral zu öffnen, und sich aus dieser peinlichen Ungewißheit zu

reißen, es kost’ auch, was es wolle. Er öffnete es denn, und fand anstatt der

Diamanten die schönsten und artigsten kleinen Kieselsteine. Die Pulsen standen

ihm stille; seine Schwester rieb ihm die Schläfe, und hielt ihm ein

Riechfläschchen vor. Er erhohlte sich wieder, und lief zu dem Richter: was half

aber alles Nachsuchen des Richters, wenn sich eine von unsern Heldinnen

verbarg? Er fiel in eine Todeskrankheit, von der er sich sehr langsam erhohlte,

und vom Tage des entdeckten Betruges an war er ein Teufel, der das ganze Haus

peinigte, und mit dem es niemand mehr aushalten wollte. Besonders hatten die

Akademiker seinen Unmuth empfunden; denn als sie ihn denselben Tag

besuchten, um wieder eine Sitzung zu halten, mißhandelte er sie so, daß sie

schworen, ihn vor Gerichte zu belangen.

 

[B] Eine reichsgräfliche Familie, deren Reichthümer in Spanien zum Sprüchworte

geworden sind.