Die kleine Stadt: Roman

Heinrich Mann · Kapitel 4 von 4 · Teil 3/5

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Die kleine Stadt: Roman

Kapitel V

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 5 Teile geteilt.

Sie umschritten den Brunnen; die Tauben flogen auf.

„Sie fliegen auf und setzen sich wieder“, sagte der Sekretär. „Das ist der

menschliche Fortschritt. Die Stunde, als sie mit mir zusammen die Dampfspritze

ablehnten, jene Stunde, Advokat, war Ihre weiseste.“

„Ah! ich verwahre mich. Nicht aus denselben Gründen haben wir sie

abgelehnt. Ihnen, Herr Camuzzi, kam schon eine Dampfspritze zu schnell und zu

neu, ich aber war ihr voraus, voraus . . .“

„Gleichviel.“

„Gleichviel“, wiederholte der Advokat und streckte die Hand hin. „Wir sind

uns wenigstens einmal begegnet, — als wir denselben Fehler machten. Lassen

Sie uns Freunde sein!“

Er stieg, schleppenden Schrittes, in die Treppengasse hinein. Der

Gemeindesekretär wandte sich nach dem Café „zum Fortschritt.“ Von der

anderen Seite kam die alte Ermenegilda aus dem Pfarrhause. Eine Strecke vom

Tisch der Herren blieb sie stehen.

„Ich grüße die Dame“, rief der Gevatter Achille. „Wünscht Don Taddeo etwas

Stärkendes? Und wie geht es dem heiligen Mann?“

„Ja, wie geht es ihm?“ fragten die Herren. Ihr taubes Gesicht bewegte sich

nicht unter der Haube; sie sagte:

„Ist der Herr Giocondi da?“

„Was gibts?“ fragte der Herr Giocondi. Sie sah ihn sich mit ihren still

durchdringenden Augen an.

„Kommen Sie mit mir, Herr“, sagte sie. „Der Reverendo will Sie sprechen.“

„Wie?“ — und der Herr Giocondi setzte sich die Finger auf die Brust. „Irrt Ihr

Euch nicht? Ich bin der Herr Giocondi.“

„Sie suche ich. Der Reverendo hat etwas für Sie. Das sind seine Sachen.“

Der Herr Giocondi ließ die Backen hängen, als habe er etwas ausgefressen,

und sah von einem zum andern. Sie zuckten stumm die Achseln. Darauf gab er

sich einen Ruck.

„Nun also. Es ist nur, wenn man so viele Jahre nicht in der Beichte war . . .“

„Meinen Respekt dem Reverendo, wissen Sie“, sagte ihm der Gevatter Achille

noch, und die andern riefen ihm nach:

„Auch den meinen, weißt du.“

Darauf räusperten sie sich und rückten mit den Gläsern. Der Leutnant

Cantinelli wagte zu sagen:

„Eine sonderbare Geschichte;“ — und der Kaufmann Mancafede, wispernd:

„Was mag er wollen?“

„Eh!“ machte Polli, aber er hustete rasch. Der Gemeindesekretär wischte seinen Klemmer ab, er vermutete gelassen:

„Er wird wissen wollen, wieviel der Malandrini von der

Versicherungsgesellschaft bekommen wird. Die Priester sind neugierig, wie man

weiß.“

Die andern schwiegen vor Schrecken. Drüben hatte sich der Lärm gelegt; die

Hände in den Taschen, kam der Savezzo herüber.

„Was gibts?“ fragte er, ohne an den Hut zu greifen. Die Herren Salvatori und

Polli rückten sofort auseinander und zogen einen Stuhl zwischen sich.

„Auch wir fragen uns umsonst, Herr Savezzo. Was hat Don Taddeo mit dem

Giocondi zu tun?“

„Ein Heiliger mit einem Versicherungsinspektor!“

„Die Sache ist einfach“, erklärte der Savezzo, faßte den Stuhl und stieß ihn

auf das Pflaster. „Don Taddeo will sein Leben versichern, denn er hat gesehen,

wessen der Advokat fähig ist.“

Die Herren nickten starr; nur Camuzzi wiegte den Kopf, — indes der

Apotheker nicht aufsah. Der Gevatter Achille rollte die Zunge im Munde.

„Dahin also wäre es mit dem Advokaten gekommen?“

„Der Advokat!“ und der Herr Salvatori lachte bitter auf. „Wissen Sie, daß er

meinen Arbeitern eine Lohnerhöhung versprochen hat, wenn sie für die Freiheit

wären?“

„Bezahlen Sie also die Freiheit!“ sagte der Savezzo. Der Kaufmann

Mancafede wimmerte:

„Ihre Partei kauft nicht mehr bei mir, ich sehe keine Bauern kommen, ich bin

ruiniert, und doch habe ich nie etwas mit dem Advokaten zu tun gehabt.“

„So wenig wie ich“, behauptete der Gevatter Achille. „Der Advokat hat uns

alle ruiniert. Sie, Herr Savezzo, sind ein anderer Mann, Sie haben dem Freund

Giovaccone zu einer Teufelskundschaft verholfen.“

Der Leutnant Cantinelli sagte:

„Niemand sollte, wie der Advokat, die Parteien zum Bürgerkriege antreiben.

Uns Soldaten kann der Bürgerkrieg, so oder so, unsere Stellung kosten; in

Mailand sind die Carabinieri ins Gefängnis gesetzt; — und ich habe eine Frau.“

„Der Advokat wird sie trösten“, sagte der Savezzo.

Polli schlug plötzlich zwischen die Gläser. Sein Hals schwoll an, und er schrie

erstickt:

„Jetzt habe ich eine Schwiegertochter! Und was für eine!“

„Und Sie verdanken sie der Politik des Advokaten“, sagte der Savezzo.

„Die Komödianten packen ihre Koffer und hüten sich hervorzukommen; sie

wissen wohl, daß ich ihnen die Köpfe einschlagen würde. Aber statt ihrer werde

ich den Advokaten durchprügeln! Ich werde ihn zwingen, die große Gelbe selbst zu heiraten!“

Camuzzi bemerkte trocken:

„Es war einfacher für Sie, heute nacht in ihrem Bett zu bleiben; dann würden

Sie noch immer keine Schwiegertochter haben. Überhaupt, wenn die Herren

ruhig geschlafen hätten wie ich —“

„Was denn!“ murrte der Herr Salvatori. „Man kann nicht schlafen, wenn in

der Stadt ein Räuber umgeht, der den Arbeitern mehr Lohn verspricht. Als heute

nacht die Feuerglocke zu läuten anfing, — fragen Sie nur meine Frau, ob nicht

mein erstes Wort war: was wird der Advokat wieder angerichtet haben.“

„So ist es!“ und alle riefen durcheinander. „Wir sind in den Händen eines

Räubers.“

„Wer rettet uns!“ wimmerte Mancafede.

„Wir sind schon gerettet“, sagte der Leutnant und verbeugte sich gegen den

Savezzo. Der alte Acquistapace richtete sich unversehens auf, er holte unter dem

Tisch die geballte Faust hervor. Aber als alle ihm auf den Mund sahen, schloß er

ihn wieder und senkte den Kopf. Nur der Gemeindesekretär neben ihm verstand,

was er murmelte.

„Zwei Söhne auf der Universität . . . Die Zeiten sind vorbei . . . Man muß

leben . . .“

„Es ist eine Tatsache, Herr Savezzo,“ äußerte der Gevatter Achille, „daß Sie

der einzige sind, der uns retten kann.“

Angstvolles Schweigen; — aber der Savezzo stemmte die Fäuste auf die

Schenkel und ließ sich Zeit.

„Ihr habt den Zorn des Volkes verdient. Ihr habt dem Advokaten die Stange

gehalten, dafür müßt ihr nun büßen, in der Politik und in den Geschäften. Adieu,

ich gehe dem Volk zu sagen, daß ihr euren Untergang vorauswißt und ihn

fürchtet.“

Er stand auf, aber die Herren Salvatori und Polli legten sich auf seine Arme.

„Ein Wort, Savezzo! Verständigen wir uns! Was kostet es Sie, ein Wort

anzuhören. Der Advokat hat uns betrogen, er hat uns gedroht, durch Schrecken

hat er uns gezwungen, das Geld des Volkes zu verschwenden und mit Don

Taddeo und dem Mittelstand in Krieg zu leben.“

„Wie oft“, — und der Leutnant legte die Hand aufs Herz, „haben wir

untereinander dem Advokaten geflucht!“

„Wäre nicht der Advokat gewesen,“ rief der Gevatter Achille, „niemand hätte

uns gehindert, die öffentliche Sache in Ihre Hand zu legen, Herr Savezzo.“

Und alle durcheinander:

„Wer hat gegen Sie intrigiert? Wer hat Ihnen den Advokatentitel genommen

und Sie bei den Gemeindewahlen von der Liste gestrichen? Etwa ich? Etwa ich? . . . Aber ich bin es, der Sie auf die Liste setzen wird . . . Ich vielmehr, ich, denn

ich habe im stillen die Sympathien des Advokaten untergraben . . . Hören Sie

mich, ich habe mehr getan!“ — und der Kaufmann Mancafede zeigte, über den

Tisch gereckt, seine blanken, flehenden Augen. „Ich bin heimlich beim

Bürgermeister gewesen. Ich habe ihn gebeten, er solle Sie in den Gemeinderat

bringen, er solle, wenn denn sein Alter ihn zum Rücktritt nötige, nicht den

Advokaten zu seinem Nachfolger machen, sondern den Herrn Savezzo, unsern

großen Mann.“

„Unsern Staatsmann, den Retter der Stadt!“ rief der Herr Salvatori und

schwang anfeuernd den Arm.

„Einen Künstler,“ setzte der Gevatter Achille hinzu, „der so gut auf dem

Bleistift bläst!“

„Ah!“ machten alle, — indes der Savezzo dastand und heftig auf seine Nase

schielte.

„Was verlangen Sie?“ fragte der Herr Salvatori. „Wir sind bereit, den

Advokaten zu opfern;“ — und Polli bestätigte es.

„Beim Bacchus, hat nicht etwa er auch uns geopfert?“

„Wir liefern ihn aus!“ schrie Mancafede in der Fistel. „Ich bin der erste

gewesen, der es verlangt hat. Wir schicken ihn, wie das Volk es will, auf die

Galeere!“

„Das ist nur gerecht, wenn er das Haus des Malandrini angesteckt hat“, meinte

der Gevatter Achille. „Nur müssen wir Zeugen haben.“

„Eure Sache, sie zu finden“, ließ der Savezzo vernehmen. „Beseitigt den

Advokaten, und ich will an euch Gnade üben.“

„Wir haben Zeugen, so viele wir wollen“, riefen sie; der Kaufmann packte

sich vorn an seiner wolligen Jacke und schüttelte sich.

„Ich! Ich habe es gesehen. Und meine Tochter: sie, die, wie die ganze Stadt

weiß, alles sieht und hört, meine Tochter sagt, es ist der Advokat.“

Camuzzi drückte ihn an den Schultern auf seinen Stuhl.

„Ihnen wird es sogleich sehr schlecht werden, das ist leicht vorauszusehen.

Auch Ihre Tochter sollte ihre Diät ändern, dann würde ihr vielleicht manches

vergehen.“

Sogleich fuhren alle gegen ihn los.

„Wie? Sie, Camuzzi, wollen die Evangelina leugnen?“

„Noch niemand“, — und der Kaufmann schnellte den Finger gegen den

Sekretär, „hat es je gewagt, auch Sie nicht; und es wird Ihnen Unglück bringen!“

Camuzzi hielt still und blinzelte nur; um ihn her stürmte es.

„Sie werden sehen, ob wir den Advokaten seinem Verderben preisgeben! Wer

sein Freund ist und nicht der des Herrn Savezzo, muß fallen. Hüten Sie sich, Herr Camuzzi!“

Der Gemeindesekretär wehrte ab.

„Von alledem wird nichts geschehen. Geht, ich kenne die Stadt; und ich

glaube nicht, daß irgend etwas geschieht.“

Da rief in den Lärm der Gevatter Achille:

„Der Herr Giocondi! Seht ihr nicht, daß er wieder da ist?“

Alle fuhren herum, jeder mit seiner halb hinausgeworfenen Geste. Da der Herr

Giocondi mit umständlichem Ächzen Platz nahm:

„Nun, was sagt Don Taddeo?“

„Soll ich den Advokaten sogleich verhaften?“ fragte der Leutnant.

„Keine Scherze, Giocondi! Was gibts?“

„Nichts“, sagte der Herr Giocondi, bewegte flüchtig eine Schulter und sah

weg. „Nichts. Er ist verrückt geworden.“

„Wie? Von wem sprichst du?“

„Ich spreche von Don Taddeo. Er ist verrückt geworden, er will meiner

Gesellschaft den Schaden des Malandrini bezahlen.“

Alle setzten sich, stumm, nur der Savezzo nicht. Nach einer Weile sagte Polli

und zog die Stirn in Falten:

„Versteht sich, er ist ein Heiliger.“

Der Herr Giocondi fuhr fort:

„Er sagt, er sei an allem schuld . . . Nun ja, was wollt ihr von mir, ich

wiederhole, was ich gehört habe. Der Advokat sei unschuldig, sagt Don Taddeo,

und er will zahlen.“

Ein wilder Schrei des Jubels: und der Apotheker Acquistapace tanzte auf

seinem Holzbein um den Tisch.

„Er wird nicht zahlen“, meinte zögernd der Herr Salvatori.

„Wenn er mir doch die Papiere schon in die Hand schieben wollte. Ich hatte

Mühe, ihm begreiflich zu machen, daß zuerst die Gesellschaft sich entscheiden

müsse, ob und unter welcher Form sie seine zwanzigtausend Lire annehmen

will. Denn das ist alles, was er hat.“

Der Savezzo tat, die Arme verschränkt, einen Schritt gegen den Herrn

Giocondi:

„Was Sie sagen, ist nicht wahr! Sie wollen das Volk betrügen! Hierher!“ rief er

über den Platz, „da ist ein Spion des Advokaten!“

Der Barbier Nonoggi lief schon herbei. Dahinten setzte das ganze Café „zum

heiligen Agapitus“ sich in Bewegung. Aber der Herr Giocondi polterte, rot vor

Entrüstung:

„Ich ein Spion? Ein Inspektor der ‚Gegenseitigen‘ bin ich, und wenn mir

jemand anbietet, er wolle für die Gesellschaft zahlen, dann weiß ich, was ich zu tun habe.“

„Er weiß, was er zu tun hat!“ brüllte der Apotheker, „und der Advokat bleibt

ein großer Mann!“

„Und warum will er zahlen?“ fragte der Barbier. Der Bäcker Crepalini, an der

Spitze des murrenden Haufens, wiederholte gebieterisch:

„Und warum will er zahlen?“

„Ah das —“ und der Herr Giocondi zog Brauen, Schultern und Arme hoch,

„das ist ein anderes Paar Ärmel. Er stand vom Betstuhl auf, wie ich kam, und

kaum daß er sich auf den Beinen hielt. Wird Besuch gehabt haben von den

anderen Heiligen. Wie soll ich das wissen, ich bin ein Inspektor der

‚Gegenseitigen‘.“

„Er hat nicht gesagt, daß der Advokat unschuldig ist!“

Der Savezzo hielt dem kleinen Alten die beiden Fäuste vors Gesicht. Der Herr

Giocondi schob sie weg.

„Er hat sogar gesagt, er selbst sei sündhafter als der Advokat. Die ganze Stadt

sei sündhaft, er aber am meisten. Und er will keinen Bürgerkrieg mehr, sondern

lieber zwanzigtausend Lire zahlen. Übrigens wird er euch sogleich in seiner

Predigt alles selbst erklären, also laßt mich und geht zum Teufel! . . . Zum

Teufel!“ schnob er den Männern zu, die ihn bedrängten.

„Don Taddeo soll bezahlen, und der Advokat soll die Macht behalten!“ riefen

sie, einander über die Köpfe weg, auf den Platz hinaus, der sich füllte.

„Wir sind verraten!“ keifte der Bäcker; und ein Gemurmel des Schreckens

griff um sich.

„Don Taddeo soll hunderttausend Lire bezahlen, weil wir den Advokaten nicht

mehr wollten . . . Was denn, Don Taddeo: wir alle sollen zahlen. Der Advokat

wird uns aus Rache aushungern.“

„Wo ist Don Taddeo?“ kreischte in der Mitte des Gedränges eine Frau auf.

„Sie halten ihn gefangen!“

„Das ist ein wenig stark,“ sagten die Männer, daß es an den Mauern hinrollte.

Beim Turm stieg eine Stimme auf:

„Der Advokat ist in der Unterpräfektur; man hat ihn gesehen!“

Und drüben beim Rathaus eine andere:

„Die Regierung steckt mit ihm zusammen; sie haben telegraphiert, und

sogleich wird ein Regiment Soldaten hier sein.“

„Wir sind verloren!“

„Was, verloren! Auf, nach der Unterpräfektur!“

„Nein, zu Don Taddeo, ihn befreien!“

Die Menge stieß sich hin und her. Durch sie hindurch brach, die Stirn

vorgestreckt, der Savezzo.

„Lügen!“ brüllte er rauh und unförmlich. „Alles Lügen! Ich hole euch den

Don Taddeo, damit ihr die Wahrheit hört. Auf die Galeere der Advokat! Oder ich

selbst auf die Galeere!“

Aber beim Dom prallte er zurück: Don Taddeo erschien im Corso. Schon

umringten ihn Frauen, sie hängten sich an ihn: „Unser Heiliger! Wer ihn uns

nehmen will, ist tot!“ Das Volk warf sich ihm, die Arme erhoben, entgegen:

„Sprich, Don Taddeo!“ Er aber: mit einem gehetzten Lächeln, mit roten Lidern,

die zuckten, wich er im Zickzack den Anstürmenden aus; seine bleich tastenden

Hände, auf die so viele Hilfesuchende sich stürzten, schienen selbst zu flehen.

„Sprich, Don Taddeo!“

Er öffnete die Lippen, fuhr mit der Zunge darüber, man sah seinen Kehlkopf

arbeiten, aber niemand hörte etwas . . . Nun stand er oben auf der Domtreppe;

alle sahen ihn nun; ein Klatschen erhob sich — und gleich fiel es wieder. Er war

fort.

„Er hat etwas gesagt? Was ist es?“

„Er hat uns ein Geheimnis gesagt, denn es geschehen furchtbare Dinge.“

„Niemand hat es gehört. Niemand wird es je hören. Der heilige Mann wird

sterben.“

„Er wird uns retten. Er wird predigen. Kommt alle in den Dom!“

„Alle in den Dom!“

Sie ergossen sich hinein, ihr Strom gurgelte durch die Tür. Ihr Getrappel,

Gemurr, ihre Aufschreie waren schon verschlungen; die letzten Rinnsel Volkes

waren hinweg; — und beim Café „zum heiligen Agapitus“ stand, das Kinn über

den gekreuzten Armen, der Savezzo auf dem leeren Pflaster . . . Plötzlich griff er

um sich, riß vom Tisch eine Flasche und schmetterte sie hin. Dann plumpste er

auf einen Stuhl. Der Freund Giovaccone schlüpfte aus seinem dunkeln Spalt,

dienerte schief, rieb sich die Schenkel und wollte das Geld für seinen Likör; aber

der Savezzo nahm nicht die Faust von der Schläfe. Der Freund Giovaccone

berührte sein Knie: da war der Savezzo mit einem Krach auf den Beinen; er grub

in den Taschen, zog die Finger leer heraus, stieß den Freund Giovaccone um und

sprang polternd in den Dom.

Beim Café „zum Fortschritt“ sahen sie noch immer versteint einander an. Der

Apotheker schlug ein neues Freudengebrüll auf und stampfte. Darauf schalt

Polli:

„Es hat keinen Zweck, den Verrückten zu spielen. Es handelt sich darum, was

man jetzt tut.“

„Deixel, man geht in die Predigt“, meinte der Herr Giocondi. „Vielleicht, daß

Don Taddeo von der ‚Gegenseitigen‘ spricht.“

Der Herr Salvatori äußerte starr:

„Der Advokat ist entschieden stärker, als man glauben konnte. Was hat er nur

angezettelt.“

„Wenn man es wüßte!“ sagte der Leutnant. „Für die bewaffnete Macht ist es

schwierig zu handeln, bevor wir den Ausgang kennen.“

Der Kaufmann Mancafede wimmerte in sich hinein.

„Ich habe genug davon. Ich schließe mich ein und lasse sie die Stadt

verbrennen oder beschießen, wie sie wollen.“

„Auf jeden Fall scheint es, —“ und Polli kratzte sich den Kopf, „daß wir uns

übereilt haben. Der Savezzo ist vielleicht nur ein Prahlhans.“

Der Gemeindesekretär betrachtete lächelnd seine Fingernägel.

„Habe ich euch nicht vorausgesagt, daß nichts geschehen werde? Jetzt schlage

ich den Herren vor, in den Dom zu gehen. Denn das einzige Sichere ist

schließlich die Religion.“

„Tatsächlich“, erklärte der Gevatter Achille, „wird es das Klügste sein, sich

dort aufzuhalten, wo alle sind.“

Polli schlug vor:

„Wir werden uns nicht gerade so hinstellen, daß alle uns sehen, und wenn Don

Taddeo siegt, sind wir dennoch dagewesen.“

„Auch verlangt der Sicherheitsdienst meine Gegenwart“, schloß der Leutnant,

und man brach auf. Der Apotheker wollte sich davonmachen, um den Advokaten

vom Umschwung der Dinge zu unterrichten; alle mußten ihn festhalten.

„Du bist ein Mann ohne Gewissen, daß du deine Freunde bloßstellen willst.“

Beim Dom fing man den Kaufmann ein, der fast entwischt wäre.

„Das ist nicht hübsch, Mancafede. In einem solchen Augenblick!“

 

Auf den Fußspitzen drückten sie sich durch den Schweif von Menschen im

Vorraum. Drinnen war es still zum Erschrecken, und nur die Stimme vom

Hochaltar:

„Feuer! Alles wird brennen!“

Sie fuhr durch die tausend, von ihrem Sturm gebeugten Köpfe hin. Ihr Echo

fiel von den Pfeilern herab und schlug mit ein auf die demütige Menge.

„Nicht nur das Haus Malandrini wird brennen; auch das Haus Polli und alle

Häuser am Corso! Der Platz wird brennen, und niemand weiß mehr, wohin

flüchten!“

Die Menge zitterte. Die Ohren zuckten bei jedem neuen Schreckenswort. Polli

drehte wirr den Hals umher.

„Vielleicht hat er recht, und es brennt bei mir?“

„Denn diese Stadt wars, über die Jesus weinte, als er über Jerusalem weinte!

Kein Stein, sage ich euch, bleibt auf dem anderen. Wehe! schon stürzt das

Rathaus ein, und ich sehe, wie es euch erschlägt: dich, Fierabelli, dich, Coccola,

euch Weiber da, — und haltet das Kind, haltet!“

Ein langer Schauder. In der Kapelle Torroni fiel vom Schenkel des

Posaunenengels ein kleiner Druso herunter und winselte. Die Mutter überrannte

jammernd die Leute.

„Die Sache wird ernst“, murmelte unter dem Chor der Gevatter Achille. „Hat

er nicht auch mich genannt?“

„In den Dom!“ rief Don Taddeo, und seine Stimme überschlug sich. „Alle in

den Dom! Kein anderes Dach mehr gegen den Feuerregen. Vielleicht, daß Gott

ihn aufhält, wenn ihr betet. Nein, Gott zählt euch: ist ein Gerechter unter euch,

einer? Dies ist die äußerste Minute . . .“

Die Augen des Priesters gingen von Mensch zu Mensch; jedem brach die

Hitze aus, niemand atmete mehr. Seine Lippen öffneten sich wieder; noch kam

aus ihnen kein Hauch, aber eine Frau schrie schwach auf: Frau Zampieri war in

Ohnmacht gefallen, — und da kreischten sie, eine hinter ihr, eine drüben,

kreischten, die Augen verdreht, in ihre gepreßten Hände, kreuz und quer durch

das Schiff bis vor die Füße des Priesters. Er ließ langsam den Kopf auf die Brust

hinab und sagte, halb erloschen:

„Keiner. Es komme das Feuer.“

Ein Fall: alle lagen auf den Knien. Die gebückten Nacken zitterten, als

erwarteten sie einen Griff. Die Menge gab Laute von sich, wie der bewegte

Halbschlaf eines Sterbenden.

„Nur ein Haus bleibt stehen!“ befahl Don Taddeo schrill. „Von der ganzen

Stadt nur eins: das Haus in der Via Tripoli!“

„Wie?“ fragte man und richtete sich auf. Frauen kicherten. Junge Leute sahen

sich nacheinander um. In der Kapelle Cipolla entstand ein Gewühl; der Konditor

Serafini steckte den Kopf hinter das Grabmal der guten Prinzessin Ginevra und

sagte:

„Da seid ihr. Heute abend komme ich und gehe gar nicht mehr fort, — da ihr

die einzigen sein sollt, die übrig bleiben.“

Theo und Lauretta widersprachen.

„Wir sind wie die anderen, und wenn Don Taddeo alle umkommen läßt, ist es

nicht gerecht, daß wir allein übrig bleiben sollen.“

Und sie schluchzten feucht ins Tuch, — indes Mama Farinaggi, unbekümmert

um die Damen draußen in den Bänken, Kreuze schlug und die große Raffaella

aus ihren gemalten Augen den Blick der Frau Camuzzi erwiderte, noch

verächtlicher und fremder als sie.

Der Kaufmann Mancafede nahm die Hände vom Kopf, über den er sie als

Dach gestellt hatte, und hob sich aus seiner hockenden Stellung.

„Wie? Ah! welch schlechter Scherz. Ich glaubte wirklich, mein Haus stände

nicht mehr, meine Tochter sei tot, und nun ginge es an mich.“

„Wer weiß, wie es jetzt draußen aussieht“, entgegnete Camuzzi. „Es geschieht

so wenig, daß wohl endlich Gott selbst eingreifen muß, damit etwas geschieht.“

Don Taddeo schlug mit der Hand wie nach Fliegen; er bekam rote Flecken,

und er schrie:

„Es bleibt stehen und eure verdammten Seelen wohnen darin!“

„Gute Unterhaltung!“ sagten die Mägde Fania und Nanà, und obwohl sie

immer fester an die Wand gedrückt wurden, glucksten sie laut. Hier und da

pruschte jemand ins Tuch. Don Taddeo brach ab; sein Gesicht entfärbte sich

ganz, — und dann, wie einzeln ausgesandte Glockentöne, und so sanft:

„Darüber am Himmel aber steht geschrieben: die Stadt ging unter durch ihre

Laster. Jesus hat über sie geweint, aber sie hat nicht gehört.“

Die Töne zitterten dahin, bis in die dunkeln Winkel; — und als alle die Lider

gesenkt hatten, senkte Don Taddeo selbst sie. Leiser, in der gepreßten Stille:

„Denn alle Laster — und die Stadt hat sie alle — sind eins. Sie kommen alle

daher, daß wir Gott nicht lieben. Das höchste Gebot heißt, wir sollen Gott lieben

und unsern Nächsten. Aber wir liebten sie nicht: darum verdarben wir.“

Und mild eindringlich, überallhin, wo ein Schluchzen sich löste: „Denn wir

lieben auch Gott nicht, wenn wir unsern Nächsten nicht lieben. Es ist nicht wahr.

Es genügt nicht, einen Geist zu lieben, der Gott heißt. Liebt die Menschen, dann

liebt ihr Gott!“

Er sah Frau Acquistapace an, in der vordersten Bank.

„Sei gut und duldsam gegen deinen Mann, und du liebst Gott, auch wenn du

nicht jede Woche beichtest.“

Vor den Bänken der Bürgerfrauen, gleich zu seinen Füßen, hockten hinter

ihren Strohstühlen die kleinen Leute. Er neigte die Augen zu ihnen.

„Hasse den Krämer Serafini nicht,“ sagte er zu der Frau des kleinen Zollbeamten Cigogna vom Tor; „wenn er schlecht gewogen hat, denke, daß er

sechs Kinder hat . . . Sprich Gutes von der Rina,“ sagte er zu Elena, der

Arbeiterin des Schusters Malagodi, „obwohl sie dich verklatscht hat.“

Und zu der Pipistrelli:

„Verfolge die Sünder nicht! Wir sollen weder die Komödianten noch den

Advokaten verfolgen, denn was sind wir selbst. Wenn die Stadt brennt, wo ist

dann der, der nicht mitschuldig wäre, weil seine Sünden das Feuer herabriefen.“

Don Taddeo seufzte und schloß die Lider.

„Was sagt er? Was will er?“ — und bei den Männern in dem Raum zwischen

den Bänken und den Pfeilern ward es unruhig.

„Man erstickt, und Don Taddeo spricht nur zu den Weibern.“

„Er sagt, wir sollen den Advokaten lieben“, erklärte der Schneider Coccola;

und der Schlosser Fantapiè:

„Es fehlte nichts weiter.“

„Er sagt, wer den Advokaten haßt, ist mitschuldig an dem Brand beim

Malandrini.“

„Man muß gestehen,“ äußerte der Wirt von den ‚Verlobten‘, „daß Malandrini

bei der Partei des Advokaten ist. Sollte wirklich einer der Unseren —?“

„Du selbst, Gigoletti, wirst es getan haben, denn wer macht, nun der ‚Mond‘

abgebrannt ist, so gute Geschäfte wie du?“

„Alle, wenn man näher nachdenkt, alle sind verdächtig.“

„Es ist schrecklich.“

„Man hört nichts“, sagte hinten, unter dem Chor, der Herr Giocondi. „Spricht

er von der ‚Gegenseitigen‘?“

„An meinem Platz“, — und Polli hißte sich auf die Fußspitzen, „sitzt die Frau

des Schmiedes. Der Mittelstand nimmt uns die Kirchenbänke weg, dann soll er

uns wenigstens die Logen lassen.“

„Ihr alle seid mitschuldig“, wiederholte Don Taddeo, wich gegen den Altar

zurück und spreizte die Hände. Aber da traf er in ein Gesicht: mitten unter den

kleinen Leuten zu seinen Füßen in ein Gesicht, das er kennen mußte und doch

nicht kannte. Es hatte Augen, die forschten und forderten, still und fest. Umsonst

versuchte er fortzusehen; diese Augen riefen ihn zurück, wie die einer vertrauten

Heiligen, die viele Jahre lang über seinem Betstuhl gestanden hätte, alles von

ihm wußte, ja, so sehr mit seiner Seele vermengt war, daß sie seine Schwester

schien und tiefe Rechte an ihn hatte. Ihn schauderte, er sagte rasch:

„Nein! Sie haben keine Schuld. Was wissen sie? Einer nur war wissend genug,

um zu sündigen.“

Er atmete, ohne es zu wollen, tief auf zwischen den Worten. In seiner Brust

quoll es, als sollte sie springen.

„Denn einer nur liebte nicht die Menschen, liebte Gott im Geist, und das heißt,

daß er den Geist zu seinem Gott machte, und durch den Geist, seinen Gott, stolz

und einsam ward. Seine Strafe aber war, daß noch immer eins ihn an die

Menschen band: das Niedrigste. Er hatte die Liebe verleugnet, da mußte er die

Brunst leiden; mußte sich hassen, der vom Geist abgefallen war, und die Welt,

die ihn verführt hatte; mußte auf sie und auf sich das Feuer herabrufen; mußte

mit eigener Hand es entzünden . . .“

„Don Taddeo, man versteht ihn nicht, er muß sich sehr schlecht fühlen“, —

und Frau Salvatori beugte sich aus ihrer Bank zu Mama Paradisi hinüber. „Es ist

kein Wunder, nachdem er sich für die Komödiantin geopfert hat.“

„Man sagt, daß er vom Altar aus predigt, weil er voll Brandwunden ist und

nicht die Kraft hat, auf die Kanzel zu steigen.“

„Und dennoch will er die Komödianten, noch bevor sie fortziehen, zu

Christen machen. Denn er spricht nur noch zu der Primadonna, — als habe er

uns alle vergessen.“

Die Blicke der Frauen hefteten sich, ergriffen, an den großen goldenen

Haarknoten dort vorn, unter dem weißen, verbogenen Filzhut.

„Er spricht zu ihr! Wie er zu ihr spricht! Er hat die Tropfen auf der Stirn. Sie

muß eine Frau von großem Verdienst sein. Ich werde niemals wieder glauben,

daß eine Komödiantin keine anständige Frau sei. Welch Heiliger, Don Taddeo!

Er lehrt uns die Menschen kennen und gerecht sein gegen sie. Wie er leidet um

unserer Sünden willen! Seht seine Augen! Sie erlöschen . . .“

„Wie?“ fragte Don Taddeo, vorgebeugt, vorwärts gezogen von jenen hellen

unbeugsamen Augen. „Muß ich noch mehr sagen? Alles denn?“

Die Zähne schlugen ihm zusammen, er keuchte. Die Pipistrelli plapperte laut

aus ihrem Gebetbuch. Die Frauen ringsum raunten miteinander. Don Taddeo

griff sich an die Brust; er riß daran, er riß es heraus:

„Ja, ich bins, ich habe es getan.“

Da bewegten sich jene Lider, die nie gezuckt hatten. Jene schrecklichen und

erlösenden Augen senkten sich. Don Taddeo griff um sich.

„Er schwankt! Er fällt! Wehe! Der Heilige stirbt.“

Alles sprang auf, ein heißer Stoß warf alle nach vorn. Bevor sie ihn erreicht

hatten, rang Don Taddeo sich vom Altar empor. Das Chorhemd fiel zurück.

„Seht die Brandlöcher in seiner Soutane!“

Weinende Gesichter, betende Hände strebten zu ihm herauf. Er streckte über

sie hin die Arme.

„Friede!“ rief er auf einmal mit läutender Stimme. „Das Opfer ist gebracht,

wir sollen Frieden haben. Laßt euren Zwist! Fragt nicht länger nach dem

Brandstifter! Er hat gebeichtet, und er ist fort. Ihr habt ihn nicht gekannt. Beschuldigt niemand! Seine Tat gehört nicht ihm; wir selbst —“ und Don

Taddeo schlug sich, „haben sie begangen! Denn wir hatten nicht genug Liebe.

Wir haßten uns, wir befeindeten uns; jeder hielt sich für den Gerechten, und

dadurch wurden wir eine Stadt von Ungerechten, die brennen mußte. Ich klage

mich an —“

Die Hand hinaufgereckt:

„— des Bürgerkrieges, in den ich die Stadt gestürzt habe, des geistigen

Stolzes, der mich verdarb, — und ich will Buße tun. Holt den Advokaten, damit

ich ihm den Schlüssel zum Eimer ausliefere. Er ist ein großer Bürger —“

Don Taddeo stockte, er schluckte hinunter, — aber er breitete die Arme aus.

„— den ich ungerecht habe leiden lassen.“

Aus dem dichten Volk um den Altar stiegen Hände, Stimmen setzten an:

„Aber! Reverendo!“

„— den ich ungerecht habe leiden lassen!“ rief Don Taddeo noch einmal, hoch

und zitternd. „Niemand hat mehr für euch getan als er.“

„Ihr! Ihr!“ antwortete es ihm.

Er reckte den Hals noch höher, als entflöhe er den Stimmen dort unten.

„Liebt euch! seid gütig! gütig!“

Da geschah ein Krach, als stürzte das Gewölbe ein. Es polterte, inmitten eines

großen Aufschreies, durch das Schiff. Man sah Weiber rennen und am Boden

einen Knäuel. Alles stob fort vom Hochaltar; — und ein Kopf rollte herbei und

blieb liegen vor Don Taddeo: der steinerne Kopf einer Frau.

Im weiten Halbkreis starrte das lautlose Gedränge. Da lag in seinen

geflochtenen Weiberhaaren der Kopf und sah Don Taddeo an, der ihn ansah. Er

war weiß wie der Kopf, und die Hände hielt er gespreizt. Plötzlich schlug er sie

vors Gesicht und war fort. Kaum, daß im Vorhang hinter dem Altar noch eine

Falte von ihm flatterte.

 

„Was ist geschehen? Das war der Teufel, rettet euch! . . . Nein nein! es kommt

aus der Kapelle Cipolla. Es ist der Kopf der guten Fürstin Ginevra.“

Man lief hin. Die Buben hatten auf dem Grabmal der Fürstin gehockt. Um

Don Taddeo zu sehen, waren sie ihr auf den Kopf geklettert, — und welchen

dünnen Hals die Ginevra hatte! Sie waren heruntergestürzt, als der Kopf

abbrach, über Fania und Nanà, über die Mädchen aus der Via Tripoli, und mit

ihnen allen gegen das Gitter der Kapelle, das zuschlug und einen Haufen Leute

von den Stufen fegte. Da wälzten sich noch welche.

„Seht den Savezzo! Er hat den Schuh verloren und sucht ihn zwischen den

Beinen der andern. Wie du komisch bist! Ja, dein Schuh hat ein Loch bekommen, es nützt nichts, daß du uns anbläst wie ein Kater.“

Die Frauen lachten. Der Savezzo hatte seinen Schuh wieder am Fuß und

stampfte auf.

„Seht ihr nicht, daß das wieder eine Intrige des Advokaten ist? Er wollte mich

umbringen lassen, weil ich ihn gestürzt habe.“

Die Männer sahen sich an. Der alte Seiler Fierabelli äußerte zögernd:

„Eh! der Advokat wird kein Mörder sein.“

„Man redet nicht mehr gegen den Advokaten“, sagte Frau Zampieri

entschlossen. „Don Taddeo will es nicht.“

„Don Taddeo will es nicht“, wiederholten die Frauen.

„Was, Don Taddeo! Er ist krank, und er schwatzt.“

Sofort war der Savezzo umringt und hatte gekrümmte, scharfe Finger vor den

Augen.

„Nichts gegen den Heiligen, oder du bist tot!“

„Frieden! Frieden!“ rief der Seiler. „Da kommt Don Taddeo mit dem Kelch.“

Die Frauen drängten eilig in die Mitte.

„Wie er doch schön ist in seinem Meßgewand!“

Aber sie sahen, daß ihm das Haar herabgefallen war und spitz bis über die

Nase lief. Das linke Auge war ganz klein, sein Gesicht schien schief. Sie

flüsterten:

„Wie er sich zerwühlt hat! Er hat geweint um uns.“

Der Barbier Nonoggi bohrte sich drehend durch die Menge.

„Ich habe es euch von Anfang an gesagt, wie? daß der Advokat wieder

obenauf kommen werde. Wer jetzt bei ihm in Gnade will“, — und er schnitt dem

Bäcker Crepalini eine Fratze „der wende sich an mich, seinen Freund.“

Da er des Schneiders Chiaralunzi habhaft ward:

„Rasch hinauf! Woran denkt Ihr denn? Der Maestro wartet nur noch auf

Euch.“

„So wird er umsonst warten,“ entgegnete der Schneider, „denn ich werde in

seiner Messe nicht spielen.“

Der Barbier entsetzte sich. Der alte Zecchini griff ein.

„Tut es für mich, Chiaralunzi! Ich liebe die Musik, sie ist die Schwester des

Weines.“

Alle redeten dem Schneider zu.

„Es handelt sich nicht um den Maestro, den Ihr haßt; es handelt sich um unser

aller Erbauung, was Deixel.“

Die Frauen sagten:

„Es handelt sich um Don Taddeo. Wollt Ihr ihn beleidigen?“

Und sie schoben, indes vom Chor herab der Kapellmeister stumm und wild die Arme warf, den Schneider vor sich her in die Wendeltreppe. Sie hielten

Wache, bis er droben war.

„Immer Ihr!“

Der Kapellmeister atmete regellos, er griff sich ans Herz.

„Ich sehe es voraus: Euretwegen wird meine Messe durchfallen. Aber dann

—: ah! Wenn ich Euch vor mir habe, fühle ich, wessen ich fähig wäre.“

Der Lehrer Zampieri vor der Orgel sah in seinem Spiegel das Gesicht des

Maestro zerrissen, Lohe in den blauen Augen, und wandte sich erstaunt um. Die

Musiker ließen die Instrumente sinken. Der kleine alte Beamte Dotti sagte:

„Seien wir vernünftig, Maestro. Wir spielen zur Ehre Gottes.“

„Und meine Ehre?“ fauchte der Kapellmeister. Die großen Schulmädchen im

Chor stießen sich an und kicherten.

Der Schneider sagte kein Wort, aber er blies, wie er es probierte, so stark in

sein Horn, daß alle auffuhren. Man lugte hinauf und lachte.

„Still doch, Don Taddeo betet, er bekennt seine Sünden . . . als ob er welche

hätte, der heilige Mann.“

„Signora Eufemia, Eurem Kleinen ist das Chorhemd zu groß.“ „Aber er

schwingt den Weihrauchkessel geschickter als Eurer.“

„Woran hast du während des Sündenbekenntnisses gedacht, Scarpetta? Ich

habe mich daran erinnert, daß der Advokat meinem Bruder den Schreiberposten

in der Unterpräfektur verschafft hat.“

Der dicke alte Corvi brummte:

„Soll es die letzte gute Tat des Advokaten bleiben, daß er mir die Stelle bei

der öffentlichen Wage gegeben hat?“

Der Schlosser Fantapiè schüttelte den Kopf.

„Man muß gestehen, daß wir seit vier Wochen nicht immer richtig gehandelt

haben. Ich glaubte wahrhaftig, der Advokat habe das Feuer gelegt. Wußten es

nicht alle, und war nicht der Advokat für die Freiheit und für die Komödianten?

Aber wenn Don Taddeo sagt, daß es ein anderer ist und daß er ihn kennt —“

„Es wird der Engländer sein, denn er ist in aller Frühe abgereist.“

„Du redest Unsinn, Coccola: ein Engländer! Aber ein Landstreicher hat bei

Malandrini im Hof gelegen, sagt man; er ist verschwunden.“

„Warum schickt nicht Cantinelli seine Leute auf die Suche! Was tut die

Regierung! Bürgerkrieg und Feuer: ah! man kann sagen, daß wir in Not sind,

dank unsern Sünden.“

Und da vorn rief Don Taddeo die Hilfe Gottes an. Dreimal rief er um Hilfe

gegen das Elend der Unwissenheit. „Ich habe dich nicht gekannt, o Herr, da ich

die Liebe nicht kannte; und ach, wie jene, die seufzen, mich bei dir anklagen,

weil ich dich ihnen nicht offenbarte!“ . . . Dreimal rief er um Hilfe gegen das Elend der Schuld. Dreimal rief er um Hilfe gegen das Elend der Strafe, — rief

langgezogen, nasal und zitternd; und sein letzter Ton irrte noch, ein armer,

suchender Mißklang, durch das Aufbrausen der Orgel hin, das wie der stöhnende

Atem von Tausenden war. Chorgesang brach aus gleich einem großen Weinen,

und alle Instrumente hoben leidenschaftlich zu klagen an.

„Das ist das Kyrie. Hört Ihr mich, Signora Eufemia? Ach, ach, ich will Euch

nur bekennen, daß Euer Carluccio hübscher ist als mein Lino. Darum sagte ich,

ihm sei das Chorhemd zu groß.“

„Ach, ach“, ging es durch die Bänke. Das Volk in den Kapellen erbebte.

Don Taddeo aber brachte alle Laute des menschlichen Elends zum Schweigen.

Seine Stimme erhob sich, in einsamer Tapferkeit:

„Gloria in excelsis!“

Und es antwortete ihm der Chor:

„Gloria in excelsis!“

Der Strich der Violinen errichtete Staffeln nach oben, die Hörner stürmten

feierlich. Wie der Wind schwang sich die Orgel auf.

Als es wieder still war, bekreuzte sich der Schlosser Fantapiè.

„Mir scheint, daß Gott will, wir sollen den Advokaten zurückholen.“

„Ich sage nicht nein,“ antwortete der Krämer Serafini, „aber wird Crepalini

wollen?“

Denn der Bäcker wühlte umher.

„Eh! Coccola, eh! Malagodi, scheint es euch so leicht, den öffentlichen Feind

zurückzurufen? Don Taddeo: ah! Don Taddeo mag reden; er ist nicht in den

Geschäften. Wir aber; der Advokat wird sich an uns rächen! Dir, Scarpetta,

entzieht er die Arbeiten im Rathaus, und mir, wer weiß, erneuert er nicht das

Monopol.“

„Welch Glück für alle!“ riefen die jungen Leute mit bunten Halstüchern; —

und der Bäcker, kirschrot bis in die Augen, kollerte vergeblich gegen das Volk

an, das sich beglückwünschte.

Der Herr Giocondi wagte sich hervor:

„Seitdem der Advokat nichts mehr zu sagen hat, ist Euer Brot noch viel

kleiner geworden, Crepalini. Wenn Ihr an der Macht wäret, müßten wir alle

verhungern; —“ und der Herr Giocondi blinzelte dem Volk zu, das ihm recht

gab. Er kehrte, den Bauch heraus, zu den Herren unter dem Chor zurück.

„Mut!“ sagte er. „Ich haue euch alle heraus, und ich rette den Advokaten. Seit

ich mit Don Taddeo gesprochen habe, geht alles gut. Die Tätigkeit eines

Versicherungsinspektors ist die beste Schule für Diplomaten.“

Der Savezzo war da und sagte zwischen den Zähnen:

„Und die Herren glauben, der Advokat werde nicht erfahren, daß Sie alle von ihm abgefallen waren? Er wird es erfahren, ich schwöre es Ihnen.“

„Nicht antworten!“ raunte der Herr Giocondi dem Apotheker zu, der schon

losfuhr. „Man muß vorsichtig sein in unserer verwickelten Lage.“

Und alle zogen sich zurück von dem Savezzo. Er hörte ein Hüsteln und fand

sich neben der Bank, worin Frau Camuzzi kniete. Der Spitzenschleier stand weit

um ihren Kopf; niemand konnte sie sprechen sehen.

„Unsere Sachen gehen schlecht, wie es scheint . . . Blicken Sie auf Don

Taddeo! Er betet um unsere Würdigung; beten auch wir.“

Sie neigte sich tiefer; sie fingerte sanft am Rosenkranz. Er knirschte.

„Man kann es nicht leugnen. Der Tenor ist mir entkommen, und der Advokat,

den ich getötet habe, kehrt zurück, wie ein Gespenst.“

Sie blieb lange stumm; sie hob und neigte den Kopf, wie die Betenden. Dann,

flüsternd:

„Knien Sie hin!“

Und als sein Ohr ganz nahe war:

„Um den Tenor bekümmere ich mich: er mag ruhig sein. Er glaubt, er solle

heute abend eine große Sünde begehen und ein Mädchen entführen, das dem

Herrn bestimmt ist. Ich aber werde ihn hindern, zu sündigen, und werde Alba

retten. Lassen Sie mich beten!“

Nach einer Weile, mit Aufseufzen:

„Ich fühle, daß der heilige Agapitus mich hört. Wissen Sie nicht, daß er schon

einmal eine Jungfrau, die einem Verführer in die Hände gefallen war, rettete,

indem er durch sein Gebet dem Verführer jede Fähigkeit nahm, einer Frau

gefährlich zu werden?“

Da sie den Savezzo schnauben hörte:

„Hätten Sie doch den Glauben! Dann hätten Sie auch den Erfolg . . . Den

Advokaten lasse ich Ihnen. Sie haben nicht versucht, Don Taddeo

umzustimmen? Es wäre auch unnötig. Er ist krank, — und die Leute verehren

ihn als Heiligen, das macht ihn noch schwächer. Sie müssen ihn aufgeben und

sich an den Advokaten halten.“

„An wen?“

„An den Advokaten. Sogleich müssen Sie zu ihm gehen, denn sonst kommen

andere Ihnen zuvor, — und sich ihm anbieten. Sie sagen ihm, jetzt, da er Ihre

Kraft kennt, wollen Sie sie nicht mehr gegen ihn gebrauchen. Sie machen sich

anheischig, ihm Ihre Partei zuzuführen und gemeinsam mit ihm zu herrschen.“

„Niemals“, sagte der Savezzo ganz laut. Sie ließ Zeit verstreichen. Dann:

„Er wird zu glücklich sein, sich an Ihrer Hand halten zu können; und da Sie

den Frieden zurückbringen, werden alle Sie gut empfangen. Dann ist Zeit

gewonnen, etwas Neues anzuzetteln, das uns endgültig von dem Advokaten befreit.“

Sie neigte sich tiefer.

„Libera nos a malo!“

„Niemals!“ wiederholte er. „Ich hasse ihn zu sehr. Zu lange mußte ich

heucheln. Für einen von uns hat die Stadt nur Raum. Kehrt er zurück, dann habe

ich verspielt . . . Aber er wird nicht zurückkehren. Ich werde dem Volk verbieten,

ihn zurückzurufen. Ich werde Gewalt brauchen, ich werde —“

„Still da!“ — und Frau Camuzzi wandte sich zur Frau Acquistapace. „Finden

Sie nicht, man sollte nicht sprechen, während Don Taddeo betet?“

 

Don Taddeo verneigte sich und faltete die Hände, ergeben wie der, für den er

handelte, dessen irdisches Leben seine Gesten zurückbannten. Er ging von der

linken Seite des Altars auf die rechte. „Sein Wandel war noch schwerer“, dachte

er; und wie aus den Kesseln der kleinen Nonoggi und Coccola der Weihrauch

um ihn her dampfte: „Aber seine Werke duften. Seine duften.“

„Es ist höchste Zeit“, — und der Savezzo packte den Schlosser Fantapiè und

den Schuster Malagodi am Arm. „Don Taddeo liest die Epistel, jetzt heißt es

wählen. Wollt ihr die Macht nehmen oder den Tyrannen zurückrufen?“

„Eh! auch das kleine Volk ist noch da“, sagte der Schuster.

„Und Don Taddeo“, setzte Fantapiè hinzu. Druso, Scarpetta, die beiden

Serafini, alle sagten dasselbe.

„Ohne Don Taddeo gibt es keine Partei des Mittelstandes; denn wie

bekommen wir ohne ihn das Volk?“

Der Unterpräfekt Herr Fiorio stand in der Nähe, der Savezzo tat einen Schritt

auf ihn zu. Sofort verschwand er hinter dem Pfeiler, — und der Savezzo spürte

eine Kälte auf dem Scheitel: geradeso hatte der Unterpräfekt — wie viele

Stunden wars her? — den Advokaten fallen gelassen!

Jeder, nach dessen Hand er griff, steckte sie in die Tasche. Sie zuckten die

Achseln.

„Fragt das Volk, ob es Euch will, statt des Advokaten. Fragt das Volk.“

Der Savezzo stieß, die Stirn nach vorn, in die Kapelle Torroni, über deren

Stufen es, mit starkem Zwiebelatem, herausquoll. Es stand in Pyramiden bis auf

den Altar; es kniete, die Beine durcheinander; es trug Kinder auf den Schultern;

und in den verschränkten Händen eines jungen Mannes stand ein Mädchen, für

das am Boden kein Platz mehr war.

„Da bin ich! Da ist der, der euch befreit hat!“ — und der Savezzo wollte die

Arme schwingen; die aber, die er damit getroffen hatte, schlugen sie ihm

herunter. Statt der Arme rollte er die Augen.

„Der Advokat ist gestürzt! Jetzt sollt ihr die Freiheit kennen lernen!“

„Laßt uns in Ruhe! Siehst du nicht, daß du uns trittst?“

„Ich bin kein Herr, ich bin einer von euch: da seht!“ — und er hüpfte auf

einem Fuß, um den andern aus der Enge herauszuziehen. „Meine Schuhe sind

durchlöchert. Und hier!“

Er hielt ihnen seine plumpen Finger hin mit den abgerissenen Nägeln. Sie

antworteten:

„Schon recht, die Schuhe und die Hände. Aber dein Gesicht gefällt uns nicht.“

Der Mann, der das Mädchen trug, sagte:

„Du denkst zu viel an dich selbst, um die Freiheit zu lieben.“

„Don Taddeo will dich nicht, er will den Advokaten“, rief eine Frau; und eine

andere:

„Der Advokat ist lustiger als du, er liebt die Frauen und das Volk.“

Auf dem Altar hielt ein junger Mann in buntem Halstuch die Arme gekreuzt,

um Raum zu sparen für seine Nachbarn. Von dort oben sah er dem Savezzo in

die Augen.

„Der Advokat liebt die Freiheit, das fühlt man. Ihr, Herr Savezzo, wollt

bewundert werden; und wenn Ihr den Advokaten damit besiegen könntet, würdet

Ihr vom Gipfel des Glockenturmes bis hinüber zum Rathaus auf einem Seil

gehen.“

Alle murmelten Beifall. Aus einem großen Zahntuch sagte jemand:

„Der Advokat ist ein großer Mann.“

Dort in der Ecke versuchte sogar einer zu klatschen. Der Kapellmeister,

droben im Chor, hörte es.

„Ach ja, ich weiß wohl, daß das schön ist“, — und er dirigierte ganz leise, den

Kopf auf die Schulter gelegt, mit einem verkniffenen Lächeln.

„Und es ist so schön, dieses Graduale, weil ich es in jener Nacht erfunden

habe, als Flora Garlinda so böse war und mich so unglücklich machte. Wie gut,

daß ich jene schlimme Nacht gehabt habe! Damals zeigte sich, daß alles, was ich

um sie gelitten hatte, in diesen ‚Fortschritt des geistlichen Lebens‘ paßte; und als

er fertig war, da war ich sicher, ich hätte sie gewonnen, und vor Freude machte

ich sogleich mein Halleluja.“

Den Taktstock in der Schwebe, sah er nach Don Taddeo aus. Das Herz ging

ihm auf einmal heftig. „Mein Halleluja! Jetzt kommt es! Nur diese Minute noch

leben!“ Und der Stock zitterte.

„Halleluja!“ sang Don Taddeo.

Der Kapellmeister sah fliegend noch einmal alle an. Wie er langsam die Hand

senkte, ergriff ein Lächeln fiebriger Seligkeit ihn unwiderstehlich . . . Da zuckte

er auf. „Das Tenorhorn! Ich wußte es.“ Er war plötzlich weiß, wie der Pfeiler hinter ihm, hatte wirre Augen und streckte den Hals lang aus.

„Falsch eingesetzt, Chiaralunzi! Versteht sich, Ihr müßt falsch einsetzen.“

„Er tut es mit Absicht, um Euch den Erfolg zu verderben“, zischelte der

Barbier Nonoggi über seine Klarinette hinweg, während der Schneider,

dunkelrot, das Horn von sich stieß.

„Wie? Ihr wagt mittendrin aufzuhören? Ich tue Euch unrecht? Dann also“ —

und der Kapellmeister sprang, die Arme erhoben, vom Podium, „nehmt doch Ihr

den Stock, Ihr werdet es besser machen, Ihr kennt meine Musik besser als ich.“

Einer nach dem andern senkte sein Instrument, der Chorgesang versiegte. Die

Orgel allein führte das Halleluja zu Ende, und nur noch Nina Zampieri ließ ein

paar Harfentöne hineinfallen, wie Tropfen in ein Gewitter. Der Schneider hatte

seinen Stuhl umgeworfen; sie standen sich gegenüber. Dem Kapellmeister

quollen die Augen hervor, sein Gesicht lief blau an. Er griff sich an den Hals.

Ganz heiser:

„Ihr glaubt, Ihr versteht etwas von Musik, weil Eure Frau mit einem Tenor

schläft.“

Schon waren alle auf den Beinen. Blandini, Allebardi und der junge

Mandolini waren noch nicht genug, um den Schneider zu halten. Der schöne

Alfò hängte sich um seine Schenkel, — indes Nonoggi und der kleine alte

Beamte Dotti in die Wendeltreppe flüchteten. Der Chor drängte gegen die

Wände. Jemand rief: „Hilfe!“

„Was trampelt ihr dort oben?“ fragte man hinauf. „Was gibts?“

Der Lehrer Zampieri lehnte sich hinüber.

„Dem Maestro ist nicht wohl. Es ist ein so schwieriges Werk, und er hat es

selbst geschrieben.“

„Man muß jetzt still sein; Pipistrelli ist schon dabei, die Kerzen anzuzünden.“

Don Taddeo ging zurück auf die linke Seite des Hochaltars. „Wie er gebückt

geht!“ bemerkte Mama Paradisi; Frau Zampieri setzte hinzu:

„Man würde glauben, er steige einen Berg hinauf.“

Und auf den Stufen der Kapelle Cipolla, hingekniet im Gewühl, mit Augen

übergroß und voll Kerzenschein, drückten die Mägde Fania und Nanà die

kleinen schwarzen Hände vor die Brust.

„Siehst du das Kreuz? Er trägt das Kreuz. Er trägt für uns das Kreuz.“

Nun brannten alle Kerzen und vermischten auf dem goldenen Grund der Apsis

ihre Flammen zum Geflirr. Die Kessel der kleinen Druso und Coccola

schwangen höher, dichter ballte sich der Weihrauch, woraus die Stimme des

Evangeliums erklang.

Blandini, Allebardi und der junge Mandolini schoben den Schneider hinunter.

Er keuchte nach seiner Frau; aber sie saß dahinten im Haufen, er mußte in der Vorhalle bleiben. Man hörte noch seine ungleichen Schritte hin und her, man

riet, was er habe, — da stieg eine Melodie wie aus einer einzigen befreiten

Brust, schwungvoll und voll Zuversicht.

„Das Kredo! Aber das ist glänzend!“

„Es ist aus der ‚Armen Tonietta‘“, behauptete Polli.

„Sieh nur den jungen Mann, ich hätte es ihm nicht zugetraut.“ Und da das

Stück aus war, unterdrückt, mit Hälserecken:

„Bravo Maestro!“ — indes Don Taddeo sich, schillernd und funkelnd in

seinem bestickten Gewand, demütiger über den Altar neigte und seine Hände

höher hinauftasteten.

Weiter: Teil 4 von 5