Die kleine Stadt: Roman
Kapitel V
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 5 Teile geteilt.
krochen, schnappten nach Bissen wie Hunde. Der weiße Koch von den
‚Verlobten‘ traf mit einem riesigen Kessel ein, und alles stürzte sich darauf. Der
Cavaliere Giordano rief umher nach Nello Gennari. Frau Camuzzi hielt ihn
zurück.
„Ich errate, Cavaliere, daß Sie im Begriff sind, eine Dummheit zu machen. Sie wollen dem jungen Manne sagen, er solle nicht mehr zum Schneider gehen.“
„Sie haben sich versöhnt! Ich bin gerettet, verstehen Sie? gerettet,“ — und der
Alte hüpfte auf. „Die Unsichtbare hat das Nachsehen, ich sterbe noch lange
nicht!“
„Ich werde für Sie beten“, sagte Frau Camuzzi. „Aber darum trägt dennoch
der Schneider Hörner. Wie? Ein Mann von Ihrer Erfahrung merkt nicht den
Zusammenhang? Die Frau des Schneiders und der Gennari kennen sich schon
längst.“
Da der Alte zurückwich:
„Machen Sie sich doch sogar Zeichen! Man hat die beiden Tenore verwechselt
und den Verdacht auf Sie geworfen, Cavaliere. Ist es zu verwundern, daß man
den Besieger der Frauen in Ihnen sieht?“
Frau Camuzzi seufzte. Der Alte wendete angstvoll den Kopf umher.
„Er darf nicht mehr zu der Frau des Schneiders gehen“, jammerte er. „Wenn
der Schneider aufs neue Mißtrauen faßt, schlägt er, ohne hinzusehen, mich tot.
Ah! was für verwickelte Dinge. Nello!“
Frau Camuzzi packte hart seine Hände.
„Schweigen Sie! Schweigen Sie doch!“ zischelte sie, und ihr Mund stand
verzerrt offen in ihrem kleinen, bleichen Kopf. Er hielt auf einmal still, er
musterte sie aus gekniffenen Lidern. Sie ließ ihn sofort los und schlug die Augen
nieder.
„Wie Sie mich quälen“, murmelte sie. „Schon so lange, ach, verrate ich Ihnen
meine Eifersucht auf die Frau des Schneiders, aber Sie, Böser, wollen nichts
sehen.“
Mit einem Ruck bekam der Alte eine Miene voll gnädiger Zärtlichkeit.
„Beruhigen Sie sich, nur meine allzu große Liebe zu Ihnen war schuld, daß
ich nichts sah.“
Sie schickte vom Rande des Lides einen raschen Blick umher. Ihr Mann
fuchtelte zusammen mit dem Advokaten. Polli, der Bäcker Crepalini, Malagodi,
der Apotheker, Herren und Mittelstand lagen sich ringsum geräuschvoll in den
Armen.
„Jetzt wissen Sie es, Grausamer. Sie werden geliebt.“
„Teure Frau! Welches Feuer ich fühle!“
Da sah sie auf. Der Alte erbebte.
„Wenn Sie nicht mehr an die andern denken wollen, nur noch an mich —.
Gehen Sie nach Hause, ich folge Ihnen.“
In dem rauhen Gesang der Trinker schwebte, dünn und durchdringend, die Stimme des Kaufmannes Mancafede.
„Trinkt nur! Es ist mein Wein, und er kostet euch nichts. Wenn es nichts
kostet, würde sich auch die Madonna betrinken. Dies Glas aber bekommt sie
nicht.“
Und er goß es hinunter. Die Höhlen in seinen Wangen waren rosig, und seine
gewölbten Hasenaugen glänzten wie Glas. Der alte Zecchini schlug ihn auf den
Rücken; ob seine Tochter es vorausgewußt habe, daß er heute am hellen Tage
betrunken sein werde.
„Eh!“ machte der Kaufmann. „Wenn sie es nicht gewußt hat, sieht sie es auch
jetzt noch früh genug.“
„Aber das Unglück?“ fragte der Bariton Gaddi. „Ihre Tochter hat doch
prophezeit, daß ein Unglück geschehen solle, während wir Künstler da seien.
Heute reisen wir ab: wo ist nun das Unglück? Vielleicht kommt es noch?“
„Warum soll es noch kommen? Ist es nicht schon Unglück genug, daß ich
euch meinen Wein geben muß?“
Und der Kaufmann begann zu kichern. Er krümmte sich über seinen Magen
und ward blau. Man wich mit den Stühlen zurück.
„Ob man dich jemals so gesehen hat, Mancafede!“
„Gebt acht! Ich sage euch etwas.“
Und als er genug Luft hatte:
„Meine Tochter ist — ist eine —“
Der Schluckauf fuhr dazwischen. Mit unsicherer Hand machte der Kaufmann
nach dem verschlossenen Fensterladen seines Hauses eine lange Nase. Entsetztes
Murren erhob sich. Die Trinker brüllten.
„Still da!“ rief man. „Der Tenor singt.“
Denn Nello stand auf einem Tisch, hatte den Kopf in den Nacken gelehnt und
sang in den blauen Himmel hinein:
„Sieh, Geliebte, unser umblühtes Haus —“
Alle drängten sich zusammen unter den Rathausbogen, im schmalen Schatten
der Leinendächer: nur er hatte das weiße Gesicht mit den scharfen kleinen
Spitzen der Wimpern nach der Sonne gebreitet, und wenn die Leidenschaft der
Töne seinen Kopf schüttelte, schwankte ihm das Haar, düster glänzend, in die
Stirn.
„Immer die ‚Arme Tonietta‘“, sagte der Herr Giocondi. „Diese jungen Leute
wissen entschieden nichts weiter.“
„Tut nichts“, — und Polli tätschelte seine Schwiegertochter. „Da nun einmal
diese in die Familie eintritt, soll sie manchmal des Abends mit dem
Phonographen zusammen die ‚Arme Tonietta‘ singen, und man lädt die Freunde
ein.“
„Wir wissen nicht von Schatten, noch Tod. Unser Himmel ist rein und ewig
unser Glück“, schloß Nello, und sein hoher Ton dauerte, dauerte . . . Zuletzt
hielten alle den Atem an und starrten, dem Schrecken nah: als schnitte durch den
Himmel der unvergängliche Ruf eines Unsterblichen, eines Marmors, glühend
von ungeheurem Leben.
Plötzlich sprang er herab.
„Welch tüchtiger Junge! Wir werden ihn nie vergessen.“
Alle griffen nach ihm. Mama Paradisi wogte fassungslos; sie küßte ihn laut
auf beide Wangen. Wie er schwindlig unter der schwarzen Wolke ihres Hutes
hervortauchte, zog Gaddi ihn in das Tor der Post.
„Auch ich, mein Nello, nehme nun von dir Abschied. Ich will dich nicht mehr
warnen . . .“
Da Nello die Hand bewegte:
„Ich weiß, es wäre umsonst. Auch kenne ich keinen vernünftigen Grund,
weshalb ich Furcht habe um dich. Aber ich habe Furcht. Ich ahne dich hier in
einem Netz. Durchbrich es! Komm mit uns! Nein: ich weiß, daß du nicht kannst,
und ich sollte schweigen. Aber ich sehe Blicke, die dich treffen, ich bin seltsam
hellhörig; ich erscheine mir wie eine Frau und lächerlich.“
„Du bist nicht lächerlich, Virginio, du bist mein Freund. So wohl wie du will
keiner mir von den Menschen. Alba: ah! das ist mehr als menschlich.“
„Die Sache ist,“ sagte Gaddi, „daß du der späteste Freund meiner Jugend bist.
Solange ich dich jung sehe —. Als wir Freundschaft schlossen, war auch ich es
fast noch. Erinnerst du dich an jenen Abend am Meer in Sinigaglia? Wir hatten
nichts zu essen und brachen Muscheln von den Pfählen. Für die Nacht gingen
wir in eine Sandgrube und fanden dort ein Mädchen, in das wir uns teilten. Die
Zeiten sind vorbei.“
Nello lachte hell auf.
„Ja, sie sind vorbei. Aber es kommen immer schönere.“
„So grüße ich dich denn“, — und Gaddi umarmte ihn lange. „Adieu, mein
Bruder!“
Gerade keifte der Bäcker Crepalini gegen den dicken Corvi, der noch immer aß.
So sei es nicht gemeint, und er solle nicht die ganze Stadt bankerott essen, weil
er selbst es sei. Der dicke Alte blinzelte gelassen; er erklärte:
„Ich esse, weil der Advokat ein großer Mann ist. Lange genug hat man nicht
gewußt, was man glauben, zu wem man halten sollte. Jetzt, Gott sei Dank, habe
ich wieder Appetit. Es lebe der Advokat, und es lebe die Freiheit!“
„Denn der Advokat“, sagte der Apotheker Acquistapace, „ist, und das findet Ihr nicht wieder, ein großer Mann, der die Freiheit liebt.“
Der Bäcker bellte:
„Er liebt die Freiheit, er liebt die Freiheit. Aber wir haben es ihn erst lehren
müssen, sie zu lieben, indem wir ihm die Zähne zeigten. Die Freiheit ist eine
gute Sache; darum soll man genau achtgeben, daß niemand zuviel davon
nimmt.“
„Bravo Advokat!“ riefen alle, denn der Advokat erkletterte den Tisch in der
Sonne. Er stellte die Hand vor sich hin und hielt die Brauen ganz hoch, bis es
still wurde.
„Mitbürger! Unsre Künstler ziehen ab!“ keuchte er, und schon ward
geklatscht. Er wiederholte und bewegte den steilen Finger hin und her:
„Sie ziehen ab; aber sie verlassen uns anders, als sie uns gefunden haben.
Durch große Dinge —“ und er hob sich auf die Zehen, „durch große Dinge sind
wir hindurchgegangen . . . Aber so warte doch, Masetti!“
Denn der Kutscher war nicht länger zu halten. Er klapperte mit seinem
Gefährt aus dem Tor der Post und drohte alles umzuwerfen, wenn man ihn nicht
durchlasse.
„Auch du, Masetti,“ rief der Advokat, den Arm hingestoßen, „hast noch zu
lernen, daß der Wille aller ehrwürdiger ist als ein einzelner, mag er sich selbst
auf Regeln und Gesetze berufen!“
Er kehrte zum Volk zurück.
„Und mehr Schlimmes, mehr Gutes hat in wenigen Wochen unsere Herzen
und Gassen erregt, als sonst durch Jahre.“
„Es ist wahr!“
„Was sind wir? Eine kleine Stadt. Was haben jene uns gebracht? Ein wenig
Musik. Und dennoch —“
Der Advokat machte die Arme weit.
„— wir haben uns begeistert, wir haben gekämpft, und wir sind ein Stück
vorwärtsgekommen in der Schule der Menschlichkeit!“
Er zog die Hände vor die Brust und sah beglänzt in den Beifall. Dann, mit
einem großen Schwung und die Hände schwenkend droben in der Luft:
„Darum leben die Komödianten und lebe die Stadt!“
Alle wollten ihm herunterhelfen und alle schrien: „Sie leben!“ — indes schon
die Tische fortgetragen wurden und die Hausfrauen ihr Geschirr retteten, bevor
Masetti hineinfuhr.
„Warum weinst du denn?“ fragte Galileo Belotti seine Schwester Pastecaldi
und stieß ihr die Knöchel in die Seite. „Kann etwa eine andere Familie sich
rühmen, daß sie solch einen Buffonen in ihrer Mitte hat wie wir? Kein Grund zu
weinen.“
Aber er selbst riß die Augen auf, damit sie nicht überschwemmt wurden.
Masetti knallte mit der Peitsche, und aus den Gassen eilten die Komödianten.
Der Wirt Malandrini drückte die Hände seiner Gäste, des Fräuleins Italia und des
Herrn Nello Gennari, und er bat sie um Entschuldigung wegen der Störung ihrer
letzten Nachtruhe. Die Primadonna Flora Garlinda kam, die Hände in den
Taschen ihres Mantels, aus der Gasse der Hühnerlucia, und vor ihr her trug der
Schneider Chiaralunzi wie bei ihrer Ankunft ihren kleinen Koffer turmhoch auf
seinen Schultern. Der Cavaliere Giordano verabschiedete sich gnädig von allen,
er ließ ringsum den Brillanten blitzen. Und wie in einem Windstoß flatterte aus
allen Spalten der Stadt, mit den leichten Farben der Blusen, der gefärbten Haare
und bemalten Gesichter der Schwarm der kleinen Choristinnen, fremde Insekten,
aufgestört man weiß nicht wovon, die noch einmal die alten Häuser entlang
schillern und stäuben und sogleich verweht sein werden, man weiß nicht wohin.
Sie sollten auf den Gepäckwagen klettern; der Bariton Gaddi beaufsichtigte,
in fester Haltung, das Laden, er hob seine Familie hinauf; — und inzwischen
mußten sie den jungen Leuten, die ihnen die Bündel trugen, ewige Treue
schwören. Renzo, der Gehilfe des Barbiers Bonometti, ließ seine kleine Bunte
nicht aus den Armen, er wollte bei ihr bleiben und Sänger werden; er versuchte
seinen Tenor zu zeigen und brachte vor Aufregung keinen Ton fertig. Die
Freunde trösteten ihn; er solle ein Stück mitfahren, auch sie kämen; und sie
holten ihre Räder.
„Wir alle kommen mit!“ — und das Volk nötigte Masetti, der durchgehen
wollte, im Schritt zu fahren. Kaum in der Rathausgasse, mußte er halten: der
Tenor Nello Gennari rief nach seinem Freund Gaddi, auch er wolle im
Leiterwagen nachkommen, und er stieg aus.
Masetti schrie auf die Pferde ein, da lief noch der Baron Torroni, zur Jagd
gerüstet, hinterher. Auch Polli, Acquistapace, der Kaufmann Mancafede und der
Herr Giocondi wollten mit hinein. Italia schluchzte immerfort.
„Und der Advokat?“ fragte sie, wehte mit dem Tuch und schluchzte.
Die Primadonna Flora Garlinda reichte noch einmal die Hand aus dem Fenster
nach dem Schneider Chiaralunzi, der reglos dastand und sie ansah. Er stürzte vor
mit plötzlich verstörtem Gesicht; aber der Wagen rollte schon wieder, der
Schneider verfehlte die Hand, er stolperte. Alle lachten; aber Flora Garlinda
nahm ernst von ihrer Brust eine kleine staubige Rose aus Leinen und warf sie an
die Brust des Schneiders.
Der Kapellmeister Dorlenghi stand abgewendet und sah zu Boden. Man
verlangte, daß er mit der ganzen Musik ausziehe, aber da begann er die Arme zu werfen: „Ich soll hinter diesen armseligen Komödianten hermarschieren? Ich,
der ich in Venedig die großen Opern dirigieren werde?“ — und auf einmal brach
er in Tränen aus. Das Volk schwieg, es ließ ihm eine Gasse; er entkam.
„Abfahrt! Alle hinterher!“ — und als die Diligenza durch das Tor fuhr,
wimmelte schon die ganze Rathausgasse. Die jungen Leute mit großen Hüten
und bunten Halstüchern überholten im Eilschritt die Post, sie ließen die flinke,
klirrende Musik ihrer Mandolinen dem Zuge voranspringen. Mitten darin
tänzelte das Pferd des jungen Severino Salvatori, der leichte Korb wippte
zwischen seinen zwei großen Rädern, und, ah! er hatte sie aufsteigen lassen, der
schöne Herr — bunt schwirrend quoll es heraus von kleinen Choristinnen. Sie
saßen übereinander, sie hingen dem jungen Salvatori um den Hals, nahmen ihm,
indes er auf seinem niedrigen Kutschbock die Beine bis unter das Kinn
hinaufzog, das Monokel aus dem Auge und setzten es, ohne daß er die elegante
Miene verzog, wieder ein. Vor ihnen auf bliesen der Chiaralunzi und seine
Freunde aus vollen Backen in ihre Instrumente, und, versteht sich, hinten lärmte
um so mehr der Barbier Nonoggi mit seiner Bande. Was die Damen in dem
weiten Landauer des Wirtes „zu den Verlobten“ für betäubte Gesichter machten!
— und dennoch erklärten alle, sie wollten bis Spello mitfahren. Eh! sie hatten es
bequem, aber ringsum das Volk mußte sich wehren, weil der Schlächter Cimabue
mit seinem Fleischwagen, worauf er seine Freunde hatte, durchaus allen
vorauswollte. Der Krämer Serafini sagte zu seiner Frau:
„Du glaubst doch nicht, daß er sie zum Vergnügen hinauskutschiert? Bei der
Rückkehr wird er ein Kalb mit einschmuggeln. Denn auch die vom Stadtzoll
sind ausgezogen.“
Sie antwortete:
„Dann könnten auch wir vom Rufini die Weintrauben holen.“ Und sie liefen
zurück, um den Karren zu nehmen. Noch immer kamen Leute. Die Männer
trugen die Kinder, die Frauen fächelten sich, ihre hohen Absätze klappten, und:
„Guten Tag, Sora Anna, so begleitet man denn die Komödianten nach Spello.
Welch schöne Sonne!“ — da schlug schon Staub hinter ihnen auf. Die letzten
eilten nach.
„In der Stadt ist keine lebende Seele mehr! Die nicht gehen konnten, haben
sich wieder Beine gemacht. Seht nur! Die Frau Nonoggi fährt ihre
Schwiegermutter auf einem Schubkarren. Man muß ihr helfen.“
Sie waren beim Waschhaus, da kam von rückwärts Getrappel. „Es scheint, daß
es der große Schimmel des Schmiedes ist; aber wer sitzt darauf? . . . Beim
Bacchus, der Advokat! Gruß Ihnen, Herr Advokat!“
Der Advokat grüßte zurück mit dem Strohhut und wippte dabei auf seinem
breiten Roß.
„Ists erlaubt?“ fragte er das Volk. Es antwortete:
„Ob es erlaubt ist! Das ist nicht wie mit dem Schlächter. Nur vorwärts,
Advokat, Sie gehören an die Spitze.“
„Der Advokat an die Spitze!“ — und alles wich aus nach beiden Seiten. Den
Mund ein wenig offen von der Anstrengung, aber glorreich lächelnd, ritt der
Advokat hindurch.
„Da ist auch Galileo! Es lebe der Esel des Galileo!“
„Versteht sich, daß er lebt!“ polterte Galileo unter seinem glockenförmigen
Strohhut; und streng hinausspähend über den blauen Klemmer, durchmaß er, im
eiligen Getrippel seines kleinen braunen Tieres, die Spuren des Advokaten.
„Der Advokat ist ein großer Mann“, erklärte er. „Aber auch wir sind nicht von
Pappe.“
Den Damen im Landauer machte der Advokat, schief im Sattel, eine
Verbeugung.
„Welch schöner Tag! Welch Bild der bürgerlichen Eintracht, Fruchtbarkeit
und Größe!“ — und er führte die Rechte weithin über Stadt, Felder und Volk.
Dann aber fragte er nach dem Tenor Gennari. Sein Freund auf dem
Gepäckwagen wisse nichts von ihm. Aus der Post sei er ausgestiegen.
„Aber er ist wieder eingestiegen“, erklärte Frau Camuzzi.
„Sie haben es gesehen?“
„Alle haben es gesehen, nicht wahr, Ihr Damen?“
Der Advokat warf sich anmutig in die Brust für Jole Capitani, bevor er seinen
Schimmel wieder in Trab setzte. Alles strahlte, wo er hindurchritt; und die
Kinder klatschten, nun Galileo auf dem Esel kam.
„Aber — der Gennari?“ rief der Advokat, sobald er bei der Diligenza
anlangte. „Du hast ihn also nicht mit, Masetti? Weißt du wohl, daß wir für unsere
Gäste verantwortlich sind?“
„Beruhigen Sie sich, Advokat,“ — und der Cavaliere Giordano winkte ihn ans
Fenster, „es ist ein Zwischenfall von eher heiterer Art.“
Er flüsterte, und der Advokat schmunzelte.
„Ah! ihr Künstler. Ich hätte es mir denken können. Galante Abenteuer bis zum
letzten Augenblick! Aber die Schönste von allen — das ist die Rache von uns
Bürgern — die Schönste hat keiner von euch zu sehen bekommen. Denn sie tritt
selten aus ihrem Schatten hervor . . .“
Und er wies auf den schwarzen Garten, dessen Kühle soeben die
Vorbeiziehenden ergriff. Sie legte sich einem auf die Schultern, sie hatte den
toten Duft uralter Zypressen; man wendete, zusammenschauernd, den Kopf, und
bis man aus dem Knie der Straße heraus und wieder in der Sonne war, schwieg
man. Dann sagte der Advokat:
„Dort wohnen die einzigen, die sich um euch nicht bekümmert haben.
Bekümmern sie sich doch auch um uns nicht. Es ist erstaunlich, aber es gibt
Menschen, denen die Stadt nichts gilt; Fanatiker, die den großen Dingen der
Menschheit fremd bleiben. Ein enger Garten, und dann der Tod: das ist alles.“
Und eine Strecke weiterhin:
„Aber es ist ein Ort mit schwerer Luft. Am selben Fleck, wo man jetzt im
Banne des Klosters lebt, haben einst die Häuser jener Hetären gestanden, die der
Venus als Priesterinnen dienten und zuweilen sogar ihr Blut über den Altar der
Göttin gossen.“
Er schrie in die Musik hinein, denn jenseits des Gartens fing Chiaralunzi mit
den Seinen aus ganzer Kraft ein neues Stück an, und die Bande des Barbiers ließ
sich nichts nehmen. Es war der Hochzeitsmarsch aus der „Armen Tonietta“; alle
sangen ihn mit: ein wenig leiser und unsicherer, solange sie in dem düsteren
Winkel gingen, und um so herzhafter, wenn sie draußen waren. Und als die
Räder und die Mandolinen, die Diligenza, der Advokat, Galileo und das Volk,
die beiden Banden, der Korb voll Choristinnen und das Volk, die Damen im
Landauer, das Gefährt des Schlächters, der Gepäckwagen mit Gaddi und dem
männlichen Chor, das Volk ringsum und das Volk dahinter, bis zu den Kleinen,
die die noch Kleineren im Staub nachschleppten, bis zu einem Paar, das sich
versäumte, bis zu der alten Nonoggi auf ihrem Schubkarren: als sie alle einige
leisere Atemzüge lang den Schatten von Villascura auf sich getragen hatten und
ihm entronnen waren ins Licht, da bewegte er sich; ein Gesicht schimmerte
hervor.
Alba hielt hinter sich die Hand am Gitter, zog den Schleier enger um den Kopf,
spähte vorgeneigt . . . Noch hing der Staub der Menge in der Luft. Ein Zucken
— sie lief. Sie lief der Stadt zu, ungeschickt, als seis in einem Gedränge, mit
ungeregeltem Atem, angstvoll geöffnetem Munde, — und immer krampfte ihre
Hand sich auf der Brust, zwischen den dichten Knoten des Schleiers.
Plötzlich, ein Ebereschenbusch stand blutrot im Graben, riß sie den Schritt
zurück, sah entsetzten Blicks in den leeren Staub der Straße, als läge irgend
etwas Grauenhaftes quer darin, — und dann taumelte sie, die Hände vor das
Gesicht geschlagen, auf einen Stein.
Sie hob die Stirn; die Reste der Musik klangen herüber, klein, ineinander
gezogen, schwankend, und dazu ging das Glöckchen einer Kapelle in den
Feldern. Ihr war es, alle jene Stimmen sängen ihr nach; sie wiederholten, als sei
es Traum und Neckerei, ihren eigenen Schmerz. So hatte Piero, als er die
Tonietta verlor, im Hochzeitszuge weit dahinten die Flöte der Pifferari gehört! Und das machte, daß Alba aufstand und, den Kopf gesenkt, auf den Heimweg
trat. War ihr Schmerz nicht auch seiner? Gingen unser aller Schmerzen nicht ein
in die große Harmonie der Welt?
Schwindelnd warf sie sich wieder herum und lief weiter: in Stürzen, mit
Pausen der Atemlosigkeit, des Wankens. Einmal blieb sie stehen und sah,
langsam den Kopf schüttelnd, umher. Der Wind roch noch immer nach dem
Rauch auf den Feldern, sanft wie je glänzte das Öllaub, der Himmel war blau, —
und Alba rang zu den kühlen Bäumen hinan die Hände.
Vor dem Stadttor blieb sie, das Taschentuch in den Mund gewühlt, daß
niemand sie atmen höre, hinter der schwarzen Säule und horchte. Keine Stimme
in der Zollwache, auf dem Pflaster kein Fuß. Sie griff sich an die Stirn; wars
nicht vielleicht Lüge und Wahnsinn? Wenn sie bis zwanzig zählte und es blieb
still, wollte sie umkehren . . . Ein Hahn krähte, sie trat ein.
Sie schlich auf den Zehen, sie tastete an den Häusern hin. Von einem Blinken
in einer schwarzen Tür fuhr ihr Herz auf. Endlich: der Platz; sie lugte hinaus, er
lag grell und leer. Eine Katze, die in der Sonne ihren Buckel machte, entfloh.
Der Brunnen rann schwach. Welche zitternde Müdigkeit! Wie schwer die Füße!
Kaum daß sie noch bis zur Gasse der Hühnerlucia gelangte, und sie fiel auf die
Mauer und schloß die Augen.
Die Stille fing an, zu schwingen und zu dröhnen, als gingen alle Glocken der
Stadt; und durch den Lärm ihres Fiebers hindurch neigte sie das Ohr nach der
Ecke der Gasse. Die Sonne brannte ihr auf den Lidern, den klaffenden Lippen;
ihr Rücken glitt kraftlos von der Wand ab, in dem Knoten des Schleiers krampfte
sich ihre Hand; — Alba wartete und lauschte.
In der leeren, verstummten Stadt, stumm, als wartete sie mit Alba, geschah eine
unmerkliche Regung: jener Fensterladen hinter dem Glockenturm zitterte, ganz
sacht zitterte er und hob sich ein wenig.
Und am Ende der Stadt, hinter dem Corso, in seinem luftigen Zimmer oben
auf der Schmiede setzte der Kapellmeister Dorlenghi über die Stühle weg, hielt
sich keuchend das Herz, jagte weiter. Nur einmal stockte er jäh, wie vor etwas
Unüberschreitbarem, ließ die Lippe hängen und die Hände sinken . . . Ein
trotziger Satz: er hieb im Triumph auf das Klavier ein, und bei jedem Takt
schnellte er mit kühnem Kopfrücken vom Sessel auf, als ritte er und hätte unter
den Hufen die Welt.
Vom Glockenturm aber blickte Don Taddeo. Er stand in der engen Krone des
Turmes, er sah unter sich nur den Ring der Zinnen. Von unsichtbaren Dächern
stießen braune Falken zu ihm empor; um ihn wehte die Bläue; — und sein inständiger Blick folgte jenseits der Stadt, im weiten Land einem kleinen
Gedränge, einem Häuflein Staub, das dahinschlich. Ein Korn dieses Staubes war
die Welt gewesen! Es war Sehnsucht und Haß, Brunst und Erkenntnis, Sünde
und Abdankung gewesen. Wo war es nun? Wer fand es heraus? Sie ging dahin,
dahin. Welche Angst! „Noch einmal! O Gott, zeige sie mir noch einmal! Tue ein
Wunder, zeige sie mir!“ . . . Da ward feierlich sein Herz berührt. Don Taddeo
kniete hin; Gott war vorbeigegangen, seine Worte klangen nach. „Da sie ein
Korn Staubes ist, nimm allen Staub an dein Herz! Da du einen Menschen nicht
lieben darfst, liebe alle Menschen!“
Ein Geräusch in der Gasse: Alba schlug die Zähne in die Lippe. Ein Schritt: der
Kopf fiel ihr in den Nacken, sie griff um sich . . . Nein, noch nicht sterben, nicht
ungerächt sterben! Sein unsichtbarer Schritt, näher und näher: wie er dumpf und
schrecklich war! Er ging ihr auf dem Herzen, es spritzte Blut. Sie riß, verzerrt,
am Schleier, sie würgte sich, schnitt sich, — bis endlich, endlich ihre Hand
aufblitzte gegen diese verhaßte Brust.
Er brach in die Knie, gleich an der Ecke, mit einem erschreckten und
unwissenden Blick. Dann sah er sie, seine Lippen bildeten, indes er vor ihr
kniete, ohne Laut ihren Namen; und dann fiel er um. Er wälzte sich auf die Seite,
wollte sich aufstützen . . .
Sie war taumelnd davongegangen, wenige Schritte, da drehte sie sich um sich
selbst, wendete den Hals umher. „Allein? Allein? Ich wußte nicht, daß ich allein
sein würde.“ Und sie stürzte dahin, wo er lag, sie rüttelte ihn.
„Nello! Auf!“ — den Atem angehalten.
„Böser, warum rührst du dich nicht?“
Und zusammensinkend, mit einem Blick in die leere Runde: „Habe ich es
denn getan?“
Sie warf das Gesicht auf seine Brust, sie wimmerte, wimmerte . . .
Dahinten der Fensterladen zitterte heftig.
Alba trocknete sich das Gesicht an seinem Haar, sie küßte ihn auf den Mund
und legte sich zu ihm, Leib an Leib. Indes ihre Hand am Boden suchte, sprach
sie zu ihm:
„Die Sonne wärmt nun uns beide nie wieder. Wie es schon dunkel ist! Ich sehe
mich nicht mehr in deinen Augen.“
Sie hatte das Messer gefunden; sie sagte:
„Wir Armen, die wir das Leben lassen mußten“; — und drückte es sich ins
Herz.
Der Fensterladen hinter dem Turm klappte zu. Von den beiden dort am Rande des stillen, grellen Platzes zog sich, Strich um Strich, der Schatten zurück. Dann
löste sich ein Glockenschlag, langsam und vergessen hallend . . . Als aber die
zwölf gleichen Klänge vergangen waren, kam den Corso herauf ein dünnes
Singen, eine Gespensterstimme mit einer Melodie, die kein Lebender kannte; —
und der kleine Uralte trippelte geziert auf den Platz hinaus. Er zog den Hut, und
er dienerte ringsum vor einer unsichtbaren Gesellschaft. Wie er jene beiden
umarmt am Boden sah, wich er weit aus und legte, schelmisch lächelnd, den
Finger auf die Lippen.
Dieses Buch wurde gedruckt bei
Breitkopf und Härtel in Leipzig
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Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
... hieher zu verschreiben gedächten. Und das war bereits kein ...
... hierher zu verschreiben gedächten. Und das war bereits kein ...
... Der Advokat wendete sich zum Reisenden; einer seiner mürben ...
... Der Advokat wendete sich zum Reisenden; einen seiner mürben ...
... nicht gehen? Es wird spät und zum Theater ists weit. ...
... nicht gehen? Es wird spät und zum Theater ists weit.“ ...
... Fremder! Der Vorsitzende der Komitees ein Fremder! Er ...
... Fremder! Der Vorsitzende des Komitees ein Fremder! Er ...
... Jungen, heulend und die Hand am wehen Körperteil, herbeihinket, ...
... Jungen, heulend und die Hand am wehen Körperteil, herbeihinkte, ...
... Advokat Belotti konnten beiide recht haben, denn Kirche wie ...
... Advokat Belotti konnten beide recht haben, denn Kirche wie ...
... Sie setzte sich in Marsch. Hintereinander überquerten die ...
... Sie setzten sich in Marsch. Hintereinander überquerten die ...
... und welch stolzer rote Vorhang das Parterre verdeckt! Die ...
... und welch stolzer roter Vorhang das Parterre verdeckt! Die ...
... ein Tier. Dann lassen sie mich kommen, indem sie pfeifen . . . ...
... ein Tier. Dann lassen sie mich kommen, indem sie pfeifen . . .“ ...
... wird der Priester uns nicht hindern, Sie fest anzustellen. ...
... wird der Priester uns nicht hindern, Sie fest anzustellen.“ ...
... Tür ihres Zimmes zu, verriegelte sie und brach in Lachen aus. ...
... Tür ihres Zimmers zu, verriegelte sie und brach in Lachen aus. ...
... im Ballkleid und der Gennari im Frack herauskommen nnd die ...
... im Ballkleid und der Gennari im Frack herauskommen und die ...
... „Er erschrak, besann sich, — und dann schlug er mit der ...
... Er erschrak, besann sich, — und dann schlug er mit der ...
... sie die Kleider lösen, er blickte den Glanz des Fleisches. Er ...
... sie die Kleider lösen, erblickte den Glanz des Fleisches. Er ...
... „Hinter ihm wisperte der Barbier Nonoggi: ...
... Hinter ihm wisperte der Barbier Nonoggi: ...
... in der Polilik und in den Geschäften. Adieu, ich gehe dem ...
... in der Politik und in den Geschäften. Adieu, ich gehe dem ...
... Giocondi. „Spricht er von der ‚Gegenseitigen‘? ...
... Giocondi. „Spricht er von der ‚Gegenseitigen‘?“ ...
... „Ich werde Sie nie mehr verlassen.“ ...
... „Ich werde sie nie mehr verlassen.“ ...
... Muais und Ginevra. (Bei Piper & Co., München.) ...
... Mnais und Ginevra. (Bei Piper & Co., München.) ...
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Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
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