Die kleine Stadt: Roman

Heinrich Mann · Kapitel 1 von 4 · Teil 2/3

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Die kleine Stadt: Roman

Kapitel II

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.

Meint ihr, er würde so vor mir gekrochen sein, hätte er kein böses Gewissen

gehabt? Er hat Angst geschwitzt! Am liebsten wäre er, sobald er mich sah,

davongelaufen!“

„Das ist wahr“, sagte der Bariton, und die andern gaben es zu.

„Der Sieg ist beim Advokaten“, stellte der Leutnant fest. Der Apotheker

Acquistapace schlug auf den Tisch.

„Bravo Advokat! An dem Tage, wo er den Schlüssel herausgibt, zahle ich

zwei Flaschen A —“

„Asti“, sagte er zu Ende und hatte schon ganz leise die Hand vom Tisch

gezogen. Aus der Apotheke war, ihr schwarzes Tuch über Scheitel und

Schultern, seine Frau getreten; ihr Blick ließ sich so schwer auf den alten

Krieger nieder, daß er darunter kleiner ward; und sie ging auf Don Taddeo zu.

Der Priester stand noch beim Brunnen mit der Frau des Perückenmachers

Nonoggi, die klagend die Arme erhob. Und während Frau Acquistapace ihm

beide Hände drückte, erschien auf dem Platz Frau Camuzzi. Drei Schritte vom

Tisch der Herren kam sie vorüber, ohne die Lider zu heben, und gesellte sich zu

den anderen.

„Ah, die Frauen“, seufzte der Advokat, schmerzlich getroffen durch die

Mißbilligung der hübschen Frau Camuzzi. Ihr Mann sagte:

„Auch die Baronin Torroni wird sogleich zu der Partei des Priesters stoßen.“

Der Advokat und seine Freunde sahen sich mit niedergeschlagenen Mienen

nach dem Palazzo Torroni um. Statt der Baronin zeigte sich dort hinten an der

Ecke zum Gasthaus Italia Molesin, die Komödiantin.

„Wie sie um ihn her schnattern und Flügel schlagen, die Gänse!“ sagte der

Tabakhändler Polli, voll Mut durch die Abwesenheit seiner Frau. „Warum sie

ihm nicht die Fettflecken von der Soutane schlecken!“

Der Gemeindesekretär grub weiter in der Wunde.

„Sie müssen nicht glauben, Advokat, daß Sie mit Don Taddeo und den Seinen

leicht fertig werden. Er weicht Ihnen aus: um so schlimmer. Er versteckt sich

hinter dem Schlosser Fantapiè, der alle Arbeiten für die Kirche und das Kloster

macht und den Schlüssel keinen Augenblick früher beendet haben wird, als es

dem Priester recht ist . . .“

Ein Schwarm Schulkinder brach aus dem Corso hervor, wickelte Italia ein,

schnellte über sie hinaus und lärmte so sehr, daß nichts mehr zu verstehen war.

Die Tauben flüchteten vom Pflaster in die Luft, zu den Vorsprüngen am Dom.

Einige kehrten zurück und ließen sich auf den Rand der Brunnenschale nieder. Italia kam näher; das Tuch war ihr von den Schultern geglitten, Hüften und

Augen drehte sie hin und her und kaute dabei. Wie sie die Tauben sah, machte

sie sich heran und hielt ihnen, zärtlich kreischend, die Handfläche mit Brot hin.

Zugleich hob sie den Kopf nach Beifall. Statt dessen sagte Frau Acquistapace:

„Ist es erlaubt, Reverendo, daß eine verlorene Frau die Kirchentauben

füttert?“

Indes Don Taddeo seufzte, fügte die Nonoggi hinzu:

„Ich werde meinen Besen holen. In der ersten Nacht, wenn man denkt! Und

mit einem Edelmann!“

Frau Camuzzi hielt immerfort die Lider gesenkt. Unversehens drückte sie

ihren Spitzenschal gegen den Hals und spie aus, — was ihr gut stand. An ihrem

schwarzen Kleid vorbei sah man es silbern niederfallen. Italia richtete sich

fragend auf. Vor dem Café sagte niemand ein Wort. Endlich versuchte der

Advokat:

„Diese Damen scheinen etwas zu wissen. Sollte denn Nonoggi —“

 

Ohne ihn anzusehen, erwiderte der Apotheker:

„Auch ohne Nonoggi kommt schließlich alles heraus.“

„Das ist abscheulich“, rief der Advokat. „Ich wasche meine Hände in

Unschuld, — obwohl ich, wie ich hinzusetzen muß, der erste gewesen bin, der

die Sache erfahren hat.“

Aber da Jole Capitani, die Frau des Doktors, denn inzwischen war sie

angelangt, sich mit ihrer trägen Stimme bei dem Priester erkundigte, ob man die

Komödiantin nicht einsperren könnte, damit sie niemanden mehr verführe,

empörte sich der Advokat.

„Die nun nicht! Ah! die nicht. Eine Frau, die so dick ist, sollte nicht von

andern Böses reden!“

Italia war da, hatte Tränen in den Augen und fragte:

„Was haben diese Damen?“

Das Schweigen der andern machte den Advokaten noch betretener.

„Nichts“, brachte er hervor. „Wir sind in einer kleinen Stadt, was wollen Sie;

man sieht hier nicht gern, daß eine Frau lange schläft.“

„Aber das Fräulein hat sich den Schlaf verdient“, meinte Polli bieder.

„Das glaube ich! Die Reise mit der Post, und in Sogliaco jeden Abend gespielt

. . .“

„Und vielleicht auch die Liebe?“ schlug der Leutnant vor und rückte sich

zurecht.

„Die Leidenschaft!“ rief der Advokat eifersüchtig. „Denn die Künstlerinnen lieben mit Leidenschaft, und das reibt sie auf. Ich kenne es.“

„Wie wahr!“ — und Italia dankte ihm, indem sie ihn mit den Augen kitzelte.

Der Advokat schnaufte.

„Diese hier“, erklärte der Bariton Gaddi, „ist nicht leicht aufzureiben, sie ißt

zu viele Makkaroni.“

„Man sollte sich über die Frauen niemals lustig machen“, erwiderte der alte

Giordano süß. „Sie sind eine zu ernste Angelegenheit.“

„Danke, Cavaliere,“ — und sie kitzelte auch ihn. „Ich liebe den galanten

Mann.“

„Man weiß, man weiß!“ — mit einem Schlage zwischen die Gläser; und der

Tabakhändler sah sich, krebsrot, nach dem Apotheker um. „Der Baron!“

wisperten sie erstickt und platzten gleichzeitig aus.

„Was haben diese Herren?“ fragte Italia. Um sie für sich zu gewinnen, kitzelte

sie beide mit den Augen und zur Sicherheit auch noch den Leutnant.

Der Advokat drohte ihr mit dem Finger; sie lachte; und inzwischen kam Frau

Camuzzi, vom Dom her, mit tief gesenkten Lidern vorüber. Italia sah ihr voll

Spannung und Unterordnung nach.

„Ist das die Dame, die ausspie?“ flüsterte sie. „Und warum spie sie vor mir

aus?“

„Auch ich bin beleidigt“, sagte der alte Giordano dumpf und grübelte, wieder

ganz in Falten, vor sich hin.

Nello Gennari fuhr zusammen, als erwachte er, und starrte irgendeinen an.

„Hier ist jemand, der alles weiß. Alles, versteht ihr? Ist das nicht

schrecklich?“

„Ich hatte es vergessen“, sagte der alte Giordano schaurig. „Mein Gedächtnis!

Aber jetzt erkenne ich, woher hier das Unglück kommt. Dort im Winkel hinter

dem Turm —“

Er zwang Italia, in seine aufgerissenen Augen zu sehen, und wies mit dem

Daumen rückwärts. Der Advokat machte leise „Sst“. Polli raunte:

„Man sieht nicht hin.“

„Das ist doch schrecklich, immer solche Augen einer Unsichtbaren auf sich zu

haben“, wiederholte Nello Gennari, den Blick gesenkt. Der Bariton nahm seine

Uhrkette in die Hand.

„Ich sage nicht, daß es eine große Annehmlichkeit ist.“

„Was gibts? O was habt ihr?“ — und Italia hatte den Handrücken am Munde.

„Du hast Hornbreloques, Gaddi?“ fragte der alte Tenor. „Man sollte sie nie

ablegen.“

Rasch und ohne sich umzuwenden, spreizte er zwei Finger gegen das Haus

Mancafede.

„Was gibts, mein Gott?“ flehte Italia. „Ich will fort.“

„Was denn“, machte der Advokat. „Wir leben doch alle hier, und es tut uns

nichts. Es ist ein Mädchen, das seit neun Jahren, ohne krank zu sein, das Haus

nicht verläßt und dennoch alles weiß, was geschehen ist, und zuweilen auch, was

noch nicht geschehen ist . . .“

„Man muß zugeben,“ — und der Gemeindesekretär lächelte spöttisch, „daß es

ein wenig unheimlich sein mag, wenn man es noch nicht gewohnt ist.“

„Ich will fort.“

Italia stieß ihren Stuhl zurück. Der Advokat packte sie an und drückte sie auf

den Sitz.

„Sie, eine Künstlerin, wollten fliehen vor einer einfachen Erscheinung der

menschlichen Natur?“

„Nun, einfach —“ meinte der Sekretär. Italia sah, umklammert vom

Advokaten, nach Hilfe umher.

„Darum bin ich beleidigt worden“, begann wieder der alte Giordano. „Ich, der

seit fünfzig Jahren —“

„Hat darum jene Dame vor mir ausgespien?“ fragte Italia erleuchtet.

„Aber die Wissenschaft —“ hob der Advokat an.

„Wer ist also noch sicher!“ rief Nello Gennari, sprang auf und machte, die

Arme verschränkt, eine stürmische Runde um den Tisch. „Sie weiß,“ dachte er in

plötzlichem Erkennen, „wo ich die Nacht war und daß ich Alba liebe! Ich wollte

eher tot sein, als ein menschliches Wesen im Besitz meines Geheimnisses sehen.

Sie aber hat es: schon gestern wußte sie den Namen! — und kann mich verraten.

Ich lebe von ihrer Gnade, wie ist das zu ertragen!“ Er setzte sich wieder und

nahm die Stirn in die Hände.

„Die Wissenschaft wird —“ sagte der Advokat. Der alte Giordano hob

plötzlich die Arme und riß die Luft in seinen offenen Mund hinein.

„Und meine Prophezeiung! Diese Stadt hat weniger als hunderttausend

Einwohner, und ich bin umgeben von Geheimnis. Ich werde hier sterben.“

„Ja, man muß vorsichtig sein,“ — und der Bariton drehte unerschüttert an

seinen kleinen Hörnern. Der Alte schrumpfte zusammen. Der Advokat bekam

unversehens eine Art Anfall. Er zuckte wild mit den Schultern, seine

Handrücken taten kleine krampfige Schläge in die Luft, die Adern schwollen

ihm, und seine Augen waren die eines Erstickenden.

 

Plötzlich stand der Kapellmeister Dorlenghi am Tisch und sagte, rasch atmend:

„Wenn es den Herren gefällt, zur Probe!“

Niemand antwortete ihm. Italia zerrte ihr Taschentuch durch die Zähne, der alte Giordano sah entrüstet weg. Dann nahm der Advokat das Wort.

„Guten Tag, Dorlenghi, setzen Sie sich!“

„Verlieren wir keine Zeit, ihr Herren! Diese elende Schule hat mich lange

genug aufgehalten. Denn ich bin ein kleiner Dorfmusiker und muß die Kinder

singen lehren. Kommen Sie!“

Da nichts sich regte, fragte er, stockend und erblaßt:

„Aber was ist geschehen? Ich verstehe nicht —“

Der Advokat fuchtelte verzweifelt. Auf einmal klappte er die Arme herunter

und sagte leichthin:

„Sie wollen nicht, Dorlenghi. Diese Herren haben den Plan gefaßt,

abzureisen.“

„Ach ja, abreisen!“ — und Italia nickte fliegend und verzerrt, als sei sie von

Schlangen umwickelt.

„Auch ich reise“, sagte der alte Giordano. „Ich will hier nicht sterben.“

Der Kapellmeister griff nach einem Stuhl und griff daneben. Der Advokat fing

ihn auf und setzte ihn hin.

„Mut, Dorlenghi! Auch mir ist dieser Zwischenfall peinlich; aber was wollen

Sie? Künstler sind Launen unterworfen, das wußten wir. Wer das Genie will,

muß auch die Launen wollen.“

„Immerhin,“ meinte der Bariton, der seine Anhängsel sorgfältig geprüft hatte,

„es wird vielleicht besser sein, wir reisen.“

Nello Gennari nahm die Stirn aus den Händen; er hatte einen wirren,

ringenden Blick; — schüttelte, die Lider eindrückend, langsam und stark den

Kopf und ließ die Stirn zurückfallen.

„Sie scherzen“, brachte der Kapellmeister hervor und lächelte wie eine Puppe.

„Ein gelungener Scherz. Aber sollten wir nicht gehen? Es wird spät und zum

Theater ists weit.“

„Es ist Ernst, mein armer Dorlenghi,“ — und der Advokat klopfte ihn.

„Unsere Künstler fürchten sich vor der Unsichtbaren dort hinten. Sehen Sie nicht

hin! Und schließlich, wer weiß; Gründe gibt es für alles; und selbst ich, Maestro,

frage mich —. Denn, sagen wir die Wahrheit! die merkwürdigen Dinge häufen

sich ein wenig. Warum mußte mir Don Taddeo just heute die Ungelegenheit mit

dem Schlüssel bereiten? Überdies hatte ich vergessen, daß der Frau des Wirtes

Malandrini, ja, der Ersilia Malandrini, letzte Nacht der Geist ihres Vaters

erschienen ist.“

Italia begann wild zu lachen. Alle sahen sie entsetzt an.

„Ein Geist?“ fragte sie.

„Gewiß, ein Geist, Fräulein“, bestätigte der Advokat ernst. „Denn ich gehöre

nicht zu denen, die die Seele leugnen. Ich bin kein Feind der Religion, nur ein Gegner der Priester.“

„Aber solch ein Geist, o, solch ein Geist —“ und Italia schüttelte sich.

„Eine Frau ohne Religion liebe ich nicht“, bemerkte der Apotheker

Acquistapace mit seiner biederen Stimme. Sie war unvermittelt still und sah ihm

gesetzt und treu in die Augen.

„Das Fräulein lacht! Sehen Sie, daß sie lacht?“ wiederholte der Kapellmeister

noch immer. Er war auf den Beinen, in seiner zarten Haut sah man die Röte bis

unter die blonden Kinnhaare fließen, und er sagte mit einer Stimme, die aus dem

Tiefsten bebte:

„Ich habe es gewußt, Sie würden mich nicht im Stich lassen. Wo bleibt das

Fräulein Flora Garlinda?“

„O,“ machte Gaddi, „auf die können Sie zählen, Maestro, die singt: auch

allein, ohne uns, und kein Unglück, böser Blick oder Geist hält sie ab, denn sie

glaubt an nichts.“

„Also gehen wir voran! Das Klavier ist oben,“ — und er wies nach der

Treppengasse; „ich habe große Mühe damit gehabt, bis es oben war . . . Wie?

Meine Herren, ich bitte Sie, ich bitte Sie.“

„Es wäre vielleicht besser, an nichts zu glauben?“ vermutete der Advokat.

„Wenn Sie nicht kommen: ja, was tue ich“, sagte der Kapellmeister und griff

sich fliegend an die Stirn.

„An gewisse Dinge nicht zu glauben, ist schwer“, bemerkte der Cavaliere

Giordano. „Beim Theater besonders.“

„Meine Zukunft! Sie werden nicht wollen, daß alles umsonst war?“

„Ich habe sie erlebt,“ — und der Bariton schlug sich auf die starke Brust. „In

Pesaro verschwanden die Schminktöpfe, die man soeben noch in der Hand

gehalten hatte, und in einer anderen Garderobe fand man sie wieder. Ich mußte

die meinen mehrmals von der Primadonna zurückholen.“

„Das soll deine Frau erfahren“, sagte Italia.

„Werde ich denn niemals hier herauskommen?“ — und der Kapellmeister

schlug hart auf seinen Stuhl auf und sah gebeugt seine Hände an, die in

dürftigen, zu langen Ärmeln staken, geschwollene Adern hatten und schwitzten.

Man erwiderte ihm mit Entrüstung:

„Sie waren froh genug herzukommen. Uns scheint, daß hundertfünfzig —“

Der Cavaliere Giordano bewog die Bürger mit einer Handbewegung zum

Schweigen.

„In Parma hat das Theater, wie viele selbst unter denen, die dort aufgetreten

sind, nicht wissen, — aber es ist Tatsache, daß das Theater einen Geist hat. Ich

habe ihn erblickt.“

Er nickte allen nacheinander in die Augen.

„Jener Geist war vor hundert Jahren eine Dame des Hofes und soll, obwohl

ein religiöses Gelübde es ihr verbot, einen Tenor geliebt haben. Nun kommt sie,

sooft ein junger, noch unbekannter Tenor singt, durch den Gang aus dem Schloß

ins Theater. Immer in derselben Loge sitzt der Geist, die er bei Lebzeiten hatte,

und wartet, ob der Fremde jenen Ton aushalten wird . . .“

„Jenen Ton?“ wiederholte man.

Der Kapellmeister war schon wieder aufgesprungen. Er tat einige Schritte,

schob wütend einen schreienden Haufen Jungen auseinander, ging dem Brunnen

zu.

„Und meine Ouvertüre!“ sagte er immer wieder, nun dumpf, nun ausbrechend,

nun knirschend. Er stützte die Hände auf die Brunnenschale und stöhnte laut.

„Sie soll im Theater aufgeführt werden! Die Garlinda soll meine Arie

‚Trauriges Geschick‘ singen! Wozu ist sie da, wozu sind sie alle da! Ah! Sie

wollen mir nicht ans Licht helfen, das ich verdiene? Sie wollen mich aufhalten?“

Er griff sich ins Haar, er ballte die Faust.

„Sie mögen sich hüten! Ich habe ihre Kontrakte, ich werde sie damit

vernichten, ohne Gnade vernichten!“

Und er spie in den Brunnen. Dann kehrte er zurück, etwas einwärts auf seinen

gekrümmten Beinen; und da er fühlte, daß beim Näherkommen sein Gesicht, er

mochte wollen oder nicht, einen bescheidenen Ausdruck bekam, zwang er es zu

drohen.

„Bei der Unmöglichkeit, dies genau zu wissen,“ sagte der Cavaliere Giordano,

„werden Sie verstehen, meine Herren, wie schwierig meine Lage war.“

„Teufel!“

„Denken Sie sich: ahnungslos trifft man in Parma ein, singt fröhlich drauf los,

— um in der letzten Pause von irgendeinem guten Herzen zufällig zu erfahren,

daß in der dritten Loge rechts eine geisterhafte Dame sitzt, die darauf wartet, ob

man jenen Ton aushält, bei dem vor hundert Jahren ihr Liebhaber gestorben ist.

Hält man ihn aus, stirbt man auch, das steht fest. Man erstickt an ihm.“

„Schönes Vergnügen!“

„Und man weiß nicht, welcher es ist! Die Überlieferungen stimmen nicht

überein. Es konnte auch das hohe d sein, meine Herren: das hohe d meiner

großen Arie ‚O bleiche Sterne‘ im letzten Akt der ‚Galathea.‘ Aber soll ich auf

mein hohes d verzichten? Mit ihm besiege ich jedes Publikum. Jetzt werde ich

dafür vielleicht sterben, elend ersticken? Es handelt sich um die Wahl zwischen

Leben und Ruhm . . . Meine Herren, ich war jung, ich nahm den Ruhm.“

„Bravo! Bravo!“

Der Advokat lachte keuchend dazwischen, ohne sich seiner Ungebühr bewußt

zu sein, nur aus Aufregung, weil er unter dem Tisch auf einen Fuß gestoßen war, der, wenn nicht alles täuschte, Italia Molesin gehörte. Der Cavaliere Giordano

sah ihn strafend an, und er riß, ertappt, die Brauen in die Höhe.

„Freilich sagte ich mir auch; es wird nicht das d gewesen sein, an dem jener

Charlatan erstickt ist; denn das hält niemand zwei Minuten lang aus, als nur ich.

Gleichviel: wie ich nun vor dem Souffleurkasten stehe, das ganze Haus den

Atem zurückdrängt und nur ich ihn hinausschmettere, lange, lange, lange: — o,

ich sage die Wahrheit, mir war nicht wohl. Vielleicht war ich ein wenig feucht,

vielleicht verschwamm es mir ein wenig vor den Augen. Es kann sogar sein, daß

meine Kräfte nachließen. Da aber lenkt Gott meinen Blick, und ich sehe in der

dritten Loge rechts eine Gestalt sich erheben und lautlos Beifall klatschen. Das

Blut schießt mir zum Herzen, mit Macht breche ich ab, höre das Haus tausend

Hände bewegen und fühle, daß ich gerettet bin. Ich verbeuge mich vor der

dritten Loge rechts in dem Augenblick, da die Gestalt zurücktritt und

verschwindet. Noch jetzt, scheint mir, habe ich sie vor Augen: sehr bleich ist sie

und gekleidet wie eine Äbtissin.“

„Wie eine —!“

Nello Gennari stand auf einmal lang aufgereckt da, die Hand am Herzen und

verstört und blutlos. Allmählich erlangte er Atem.

„Wie eine Äbtissin: ja, das ist sie gewesen. Eine Nonne! — und jener Tenor

starb für sie. Ihre Geschichte ist wahr, Cavaliere! Ich glaube an sie!“

Er setzte sich. Noch waren alle erschüttert.

„Cavaliere, ich muß Sie auffordern“, begann der Kapellmeister, schwach und

atemlos. Der Advokat gab seinem Stuhl einen Stoß und machte sich, die Hände

ausgestreckt, eilig drehend über den Platz.

„Was hat er?“ fragte Italia enttäuscht. Denn unter dem Tisch war inzwischen

auch ihr Knie dem des Advokaten begegnet. „Mit wem ist er?“

„Das ist der Kaufmann Mancafede, der Vater jener Frau dort hinter dem Turm:

nicht hinsehen, sie sieht uns.“

„Er scheint nicht gefährlich.“

„Meine Herren,“ begann wieder der Kapellmeister, „Sie haben wohl nicht

bedacht, welche Folgen es haben würde —“

Die beiden näherten sich. Der Advokat redete keuchend und die Luft

schlagend am Ohr des andern. Plötzlich schob er ihn vor und ließ ihn los. Der

Kaufmann dienerte und reichte seine trockene kühle Hand umher. Sein altes

Hasenprofil mit dem gewölbten Auge wendete sich ruckweise.

„Wenn die Herren es erlauben —“

Jeder einzelne mußte genickt haben, bevor Mancafede sich setzte. Man

betrachtete ihn milde, wie er sich in seiner dicken braunen Jacke, die aussah wie

sein Fell, rund und klein machte.

„Sie haben eine Tochter?“ fragte der Cavaliere herablassend. Mancafede

schmunzelte bescheiden.

„Meine Tochter hat von Ihnen gesprochen, Cavaliere.“

„Es wäre nicht nötig gewesen.“

„Nach Ihrem Belieben. Indessen, da sie viel allein ist, beschäftigt sie gern

ihren Geist, und so scheint es, daß sie, mehr als wir andern, von der Welt weiß

und von gewissen Dingen, die“ — mit der Hand auf dem Herzen — „uns andern

zu groß sind. Ihr Ruhm, Cavaliere, hat meine Evangelina nicht schlafen lassen.

Sie schläft sonst nach dem Mittagessen; gestern aber stand sie, nach einigem

Seufzen, wieder auf und sagte: ‚Papa, jetzt ist er unterwegs hierher!‘ ‚Wer,

Töchterchen?‘ ‚Er, der Cavaliere Giordano.‘ Und tatsächlich, bedenkt man es

wohl, o meine Herren, soll man ihr dann nicht recht geben, und ist es nicht ein

wahres Wunder, daß ein Mann, den sie in Paris und in London mit Angst

erwarten, alles ausschlägt, um gerade uns zu erwählen? Kaum glaubt man es,

daß er hier sitzt, mitten unter uns, wie einer von uns!“

„Tatsächlich“, sagten die Bürger nachdenklich. Der Advokat meinte:

„Dies wäre wirklich eine Gelegenheit, am Rathaus eine Gedenktafel

anzubringen.“

Der Sekretär Camuzzi verzog zweiflerisch das Gesicht, aber er hatte die

Mehrheit der Bürger gegen sich. Sie erklärten:

„Ein guter Gedanke! Eine patriotische Tat! Die Stadt schuldet es sich!“

Der Cavaliere Giordano verbeugte sich, groß und glücklich, nach allen Seiten.

Dann wandte er sich vertraulich an den Kaufmann:

„Und, nicht wahr, mein Herr, irgendein Zufall wird es sein, der Ihrer Tochter

meine bevorstehende Ankunft enthüllt hat? Sie hat diese Kenntnis nicht aus sich

selbst und nicht auf geheimnisvolle Art? Das alles hat nichts zu bedeuten?“

Mancafede hörte die Bitten des Cavaliere schweigend an. Wenn er sich den

alten Tenor zum Feind machte, drohte ein Ballen roten Flanells, den die Bauern

nicht gekauft hatten und den er jetzt an die Komödianten hätte loswerden

wollen, noch länger liegen zu bleiben. Aber sein väterlicher Ehrgeiz siegte, und

er hob die Schultern.

„Welch Zufall denn wohl, — da nur der Maestro darum wußte. Sagen Sie

selbst, Maestro, ob Sie einer lebenden Seele einen Wink erteilt haben!“

„Um nicht beschämt zu sein, wenn der Cavaliere nicht kam. Aber was hat es

mir genützt,“ — und die blauen Augen des Kapellmeisters waren feucht und

zornig — „da er nun fort will, ohne gesungen zu haben!“

Der Kaufmann schlug entsetzt die Hände zusammen; ein Murmeln der Trauer

ging durch den Kreis der Bürger. Der Cavaliere beschwichtigte sie mit einer

Geste von leichter Erhabenheit.

„Fürchten Sie nichts!“ sagte er, machte eine Pause und stellte sich die

Gedenktafel vor, „ich werde bleiben.“

„Ah!“

„Ich habe bedacht, daß ich auch in Parma blieb, trotz der Gefahr, die Sie

kennen. Möglich, daß dies die Stadt mit nicht hunderttausend Einwohnern ist,

die mir verhängnisvoll werden soll: aber, nicht weniger entschlossen als in

Parma, wähle ich statt des Lebens den Ruhm;“ — und er senkte die Hand im

Bogen auf den Tisch. Der Kapellmeister ergriff sie mit seinen beiden und

schüttelte sie wild.

„Cavaliere, nie werde ich Ihnen danken können, was Sie für mich tun!“

Er stammelte mit feuchter Stimme:

„Dann darf ich also hoffen, daß auch die andern Herren —“

„Sie werden bleiben“, ergänzte der Kaufmann. „Das wissen wir, ohne meine

Tochter zu fragen.“

Und er erinnerte den Familienvater Gaddi an die Erhöhung der Gagen, sobald

das Theater ausverkauft wäre. Der Bariton lächelte schwelgerisch. Dem Fräulein

Italia Molesin verhieß Mancafede einen reichen und mächtigen Freund. Sie und

der Advokat sahen errötet aneinander vorbei.

„Was aber den Herrn Nello Gennari betrifft,“ sagte der Kaufmann, „sind wir

sicher, daß alle seine Träume sich erfüllen werden.“

Gaddi streckte schon die Hand aus, um seinen Freund zu halten, aber Nello

brach nicht los; er schluckte hinunter und senkte zu aller Überraschung vor dem

spöttisch blinzelnden Kaufmann die Lider.

„Halten wir uns doch mit diesen Nebensachen nicht länger auf!“ verlangte der

Kapellmeister und trat von einem Fuß auf den andern. „Meine Herren, ich mache

Sie dafür verantwortlich, wenn wir —“

„Schließlich hat der Maestro recht“, sagte Italia, denn der Advokat trat sie zu

stark, und sie stand auf. Auch die übrigen machten sich fertig. Nello Gennari

allein blieb sitzen.

„Ich kann noch nicht singen“, behauptete er hartnäckig. „Ich muß vorher

allein sein. Geht nur zu, erwartet mich in zehn Minuten! Ich muß allein sein.“

Er nahm den Kopf zwischen die Hände und war nicht mehr zu sprechen. Die

Bürger fühlten sich zu angeregt, um heimzugehen. Da der Kapellmeister sie

durchaus nicht mitnehmen wollte, beschlossen sie, ihr Zusammensein im Laden

des Tabakhändlers Polli zu verlängern.

 

Der Kapellmeister stolperte in seiner Hast über Jungen, die am Boden mit

Steinchen warfen. Er riß sie auseinander und verlangte, daß sie den Platz

räumten. Er hielt sich nicht mehr; alles war ihm im Wege: die Hunde, die

gaffenden Handwerker an den Mauern. Da schlug es zwölf, und sie verzogen

sich im bunten Getöse des Mittagläutens.

Der Advokat begleitete Italia Molesin. Der Kapellmeister, der zwischen Gaddi

und dem Cavaliere Giordano ging, wandte sich auf den ersten Stufen der

Treppengasse um und rief: „Sie wissen wohl, Herr Advokat, wir können keinen

Fremden bei der Probe gebrauchen.“

„Versteht sich“, rief der Advokat zurück. „Sie werden nicht kommen, ich

bürge dafür, sie sind bei Polli.“

Und er bückte sich, um eine Ziege zu entfernen, die seiner Dame im Wege lag.

Aber Italia hüpfte kreischend über sie hinweg.

„Mir gefällt die Unerschrockenheit schöner Frauen“, sagte der Advokat.

Durch den Kot der Hühner, die gackernd flüchteten, stiegen sie zwischen den

schwarzen Häusern fort, aus deren Türen Rauch schwankte.

„Gut, daß wir dableiben,“ sagte Italia, und lachte; „ich hätte nicht gewußt, wie

ich meine Reise bezahlen sollte, oder auch nur den Wirt.“

„Wie? Aber hat denn der Baron nicht —?“

Er schlug sich auf den Mund.

„Wer?“ fragte sie.

„O, niemand!“

Italia wandte einen raschen Seitenblick nach ihm um, schüttelte lachend die

Schultern und sprang höher. Er keuchte, rechts und links winkend, hinterdrein.

„Bemerken Sie, wie alle auf die Schwellen treten? Jeder hat schon Rat und

Beistand von mir verlangt. Mit Recht oder Unrecht hält man mich für einen

mächtigen Mann . . . Und auch für einen reichen, darf ich sagen. Denn sehen Sie

den Palazzo? Das Eckhaus mit den beiden Säulen: es ist das größte und

schönste; und da meine Schwester, die Witwe Pastecaldi, bei ihrer Heirat

abgefunden wurde, gehört es meinem Bruder Galileo und mir, jedem zur Hälfte.

Ich habe darin eine Wohnung von vier schönen Zimmern —“

Der Advokat blieb stehen und schmatzte.

„— und eine Sammlung von gewissen Bildern: ah! gewissen Bildern . . . Man

zeigt so etwas den Leuten nicht; Ihnen aber, Fräulein: wenn Sie mich besuchen

wollen, — o! keine Furcht, Sie betreten das Haus eines Ehrenmannes;“ — und er

stellte die Hand steil zwischen sie und sich. Italia lachte, aber voll Achtung.

Einem Manne von solcher Ritterlichkeit begegnete man selten; und einem, der

sogleich seine ganzen Verhältnisse darlegte, wie bei einem ernsthaften Antrag!

„Nach der Probe will ich Sie besuchen“, sagte sie, „und mir Ihre schönen

Bilder ansehen . . . Auch Ihre schönen Zimmer“, setzte sie hinzu und zögerte, ob

sie ihm noch weiter entgegenkommen sollte. Statt dessen machte sie sich einen

bescheiden lockenden Senkblick. Er lächelte galant und führte seine welke Hand

ans Herz.

„O! Fräulein Italia, wir könnten uns verstehen.“

Sie versuchte ein paar Stufen höher zu gelangen, aber er hielt immer wieder

an.

„Ich war stets ein Verehrer der Schönheit; und bei Ihrem Anblick —“

„Da ist er! Und die Eier?“ rief es aus dem Hause herab; und eine große Frau

mit einem rot verschnürten Sammetmieder und kurzen Hemdärmeln stand im

Fenster und drohte mit dem Finger.

„Ah! der Advokat, so ist er. Seine Familie würde er Hungers sterben lassen: er

aber, immer mit den Frauen.“

„Meine Liebe,“ sagte der Advokat hinauf, „es gibt gewisse Dinge, die du nicht

beurteilen kannst.“

„Immer derselbe, der Advokat!“ — und die Schwester breitete verzweifelt die

Arme aus; aber ihr Kindergesicht, in das zwei graue Strähnen fielen, lächelte

bewundernd.

„Welch schöner junger Mann, nicht wahr, Fräulein? Ah! geh, Taugenichts,

unterhalte dich! Laß deine Familie ohne die Eier!“

„Ich habe sie mitgebracht, im Café kannst du sie abholen. Aber merke dir,

meine Liebe, daß ich jetzt nicht immer Zeit haben werde für deine

Angelegenheiten, da ich mit Wichtigerem sehr beschäftigt bin.“

„Man sieht es“, rief die Witwe Pastecaldi noch, indes sie sich zurückzog. Der

Advokat bemerkte:

„Man muß Geduld haben. So ist das Leben in einer kleinen Stadt.“

Er hatte schon wieder die Hand auf der Brust, und Italia, die gekichert hatte,

bekam sogleich ihre fromme Miene zurück.

„Bei Ihrem Anblick“, fuhr er fort, „fühle ich deutlicher als je, daß große Dinge

in mir schlummern. Vielleicht war auch ich zum Künstler bestimmt? Ah! haben

Sie je über das Schicksal nachgedacht?“

Aber sie zeigte bestürzt auf die Gestalt, die hinter dem Palazzo Belotti ganz

allein auf dem breiten Treppenabsatz stand. Es war ein kleiner Uralter in

abgetragener Herrenkleidung. Mit seinen trockenen Falten, seinen Greisenaugen

schien er über eine Menge hinzulächeln, die nicht da war, bewegte dabei die

Lippen, schlug mit dem Fuß aus und schwenkte, die Linke am Herzen, im Bogen

seinen randlosen Hut.

„Es ist nichts“, erklärte der Advokat. „Es ist der Brabrà: so nennen sie ihn

nach dem Geräusch, das er verursacht, wenn er sprechen will. Ein armer Alter,

etwas verrückt, aber wenig interessant. Sehen Sie mich an! Ein Mann von

meinen Gaben! Ich hätte wohl Grund, dem Schicksal —. Aber nein: da ich Ihnen

begegnet bin!“

Er bot ihr für die letzten, sehr steilen Stufen den Arm.

„Da haben wir auf dem Plateau den Palast ihrer Exzellenz der Frau Fürstin Cipolla; ich bin in der Lage, ihn Ihnen zu zeigen wie mein eigenes Haus; — und

dort rechts das Nonnenkloster mit der Kirche. Ein Langobardenkönig namens —

Dingsda hat es gegründet, für seine Tochter, die einen Liebhaber hatte.“

„So streng war er!“ — und Italia sah ehrfürchtig an der wilden schwarzen

Mauer hinauf.

„Nachdem wir gesiegt hatten, hat der Staat alles versteigert, aber die Nonnen

haben es zurückgekauft. Man wird sie nicht los, die heiligen Unterröcke . . .

Versäumen Sie nicht, einen Blick auf die Landschaft zu werfen! Sie sehen von

hier zweiunddreißig Ortschaften. Welch wollüstiges Blau: würde man nicht

glauben, es sei das Meer, dem die Venus entsteigt? Wer die Einkünfte besäße aus

allem, was Sie hier mit zwei Augen fassen, der hätte jährlich nicht weniger als

drei Millionen zu verzehren.“

„Himmel! Es wäre Sünde, soviel auszugeben!“

„Für eine Frau würde ich es ausgeben!“ rief der Advokat, in Feuer, und kroch

ihr voran durch einen halb eingestürzten Bogen neben dem fürstlichen Palast.

„Meine Schwester hat vielleicht recht? Vielleicht wäre ich für eine Frau zu allem

fähig.“

Er richtete sich auf und streifte die Sohlen an den Stufen ab.

„Man hätte den Zugang zum Theater reinigen sollen. Gerade diesen Ort haben

sich die Leute aus den nächsten Gassen seit langen Jahren ausersehen. Sie

besitzen nämlich noch keinerlei Bequemlichkeit im Hause . . .“

Da sprühten Kalk und Kies die Treppe herab und oben stampfte und winkte

der Kapellmeister.

„Wo bleiben Sie, Molesin? Geht das so weiter, werden wir die ‚Arme

Tonietta‘ niemals herausbringen! Ein Jahr meines Lebens kostet ihr mich!“

„Sie haben recht, Dorlenghi“, sagte der Advokat und beschwichtigte mit der

Hand. „Wir kommen, gleich sind wir da.“

„Ich sagte Ihnen schon, daß ich Sie nicht brauchen kann. Aber die

Primadonna, nach der ich geschickt habe? Und der Gennari? Er sprach von zehn

Minuten, und das ist eine halbe Stunde her!“

Der Kapellmeister überrannte den Advokaten, der sich auf den Schutt setzen

mußte, und erwischte hinter dem Torbogen einen Buben.

„Lauf zum Gevatter Achille! Ein Herr sitzt dort. Wenn er nicht sogleich

komme, koste es Strafe. Und lauf zum Schneider Chiaralunzi! Er soll mir seine

Mieterin schicken. Bist du in zwei Minuten drunten, wirst du sehen, was ich dir

schenke.“

Der Junge rannte schon. Oberhalb des Hauses Belotti stieß er mit dem alten

Brabrà zusammen, schlug hin und lief zerschunden weiter. Beim Gevatter

Achille saß der Herr, aber er schüttelte nur die Schultern und schickte ihn fort. Sogar den Gevatter Achille, der mit ihm sprechen wollte, schickte er fort . . .

 

Als es halb eins schlug, schrak Nello Gennari auf, reckte sich, tat ein paar

widerwillige Schritte nach der Treppengasse und bog wieder ab. Diese Wege, die

nicht zu ihr führten, diese Menschen, die sie nicht kannten oder noch bei ihrem

Namen gemeine Gedanken hatten: sie beleidigten Nello. Alles, was nicht Alba

war, beleidigte ihn. Voll Verachtung blinzelte er über den leeren Platz hin, mit

seiner gewöhnlichen Sonne und seinen alltäglichen Schatten. Jetzt hatten sie alle

Fensterläden geschlossen. Am Abend öffneten sie sie wieder. Was das für ein

Leben war! Und in ein solches war Nello gebannt! Das edlere, nach dem ihn

verlangte, ließ ihn nicht ein. Würde Alba je von ihm erfahren? Sie war

erschreckend hoch und fern. Die Nacht unter ihren Fenstern lag schon weit

dahinten, und kaum konnte man sich denken, daß sie wiederkehre . . . Aber oben

im Rathaus hatte etwas sich geregt. Eine Jalousietür im zweiten Stock hatte

einen Spalt bekommen, darin betrachteten ihn ein paar Augen, und das weiße

Gesicht — hatte es nicht genickt? Er trat hinan: es senkte sich langsam.

Ein Zeichen! Frau Camuzzi, die keuscheste von allen, gab ihm ein Zeichen!

Nello verschränkte die Arme. Da hatte er, was ihm gehört: Vergnügen machen

und lügen! Warum nicht? War es nicht eine Rache an Albas zu fremder Reinheit,

wenn er sich beschmutzte? Und huldigte er nicht ihr, da er die betrügerische

Scham und den falschen Stolz der anderen Frauen zu Boden warf, daß nur die

eine aufrecht blieb? Das Gesicht droben neigte sich nochmals und verschwand.

Nello betrat die Arkaden, er setzte den Fuß auf die Stufe. Ein Geräusch — er

wandte sich hastig; und Flora Garlinda sah ihn an. Sie kam aus der Gasse beim

Café und überquerte den Platz mit ihrem Eilschritt. Ohne ihn zu verzögern, hatte

sie das Haus, den Spalt in der Balkontür und den jungen Mann auf der Treppe

gemustert, hatte verächtlich gelächelt und war fort. Nello Gennari errötete tief.

Dann warf er zornig die Schulter zurück und ging hinein. Die Absätze der

Primadonna klappten schon in der Treppengasse.

So rasch, daß der Junge, der sie führen sollte, zurückblieb, lief sie in ihrem

langen, entfärbten Regenmantel, der schlenkerte, weil sie aus Sparsamkeit nur

den Unterrock darunter anhatte, und in ihrem schmutzigweißen Filzhut, den sie

um des Haares willen trug: lief hinauf und davon, um die Ecken, über die engen

Plätze zwischen zwei Stiegen, — und sooft durch eine Lücke der Häuser ihr

Blick in Gärten hinabfiel, wo Kinder spielten und eine Familie unter der Laube

beim Essen saß, richtete sie den Kopf noch höher. Droben sah sie nicht links

noch rechts: unter dem Bogen beim Schloß war ein kleiner Volksauflauf, und

irgendwo aus einer unentdeckbaren Öffnung kam die Kreischstimme der Italia Molesin. „Laßt mich durch!“ — und auch über den Kot unter dem Bogen sah sie

hin.

 

Sie riß eine Tür auf; dahinter fand sie, vom Mittagslicht noch blind, alles

schwarz. An einer Wand entlang geriet ihre Hand auf etwas Menschliches.

„Entschuldigen Sie!“ sagte jemand.

„Öffnen Sie mir doch die Tür zur Bühne! Ich sehe nichts. Wer sind Sie?“

„Ich bin der Advokat Belotti. Als Vorsitzender unseres Komitees wohne ich

der Probe bei.“

„Hier im Dunkeln? Kommen Sie doch fort! Kennen Sie den Weg nicht?“

„Ob ich den Weg kenne! Ich bin ja zu Hause im Palast!“

Da fiel er hin.

„Ja, hier waren Stufen. Ich wußte es, nur dachte ich nicht daran.“

Es ward immer finsterer, und Klavier und Gesang hörten sich weiter entfernt

an.

„Wir sind falsch gegangen“, entschied Flora Garlinda. „Wir wollen umkehren,

und ich will führen. Da es ein Theater ist, werde ich schon hinfinden . . . Diesen

Korridor hatten wir versäumt . . . Und warum sind Sie nicht mit drinnen?“

„Konnte ich denn? Ließ man mich denn?“ — und der Stimme des Advokaten

hörte man an, daß er im Dunkeln die Arme schwenkte. „Dorlenghi ist verrückt

geworden; er behauptet, daß Fremde nichts dabei zu tun haben. Ich ein Fremder!

Der Vorsitzende des Komitees ein Fremder! Er vergißt, daß er selbst hier fremd

ist und daß wir ihn fortschicken können.“

„Das ist unnötig. Woher wollen Sie so rasch einen andern nehmen? Aber ich

werde Ihnen helfen.“

„Ah! Sie werden —. Fräulein Flora Garlinda, ich habe sofort erkannt, daß Sie

eine große Künstlerin sein müssen. Ich sagte noch zu Polli, dem Tabakhändler

—“

„Nur gut, Advokat, daß Sie nicht fortgegangen sind.“

„Ich wagte es nicht. Draußen, nicht wahr, steht das Volk. Vielleicht würde es

erraten haben, daß ich nicht —, daß dieser Maestro mich —“

„Wir sind da“, sagte Flora Garlinda.

Die Bühne lag vor ihnen. Im Halbdunkel schien sie endlos; der Schein der

Blechlampe auf dem Klavier verlor sich, die vier menschlichen Schattenrisse

sahen weithin verstreut aus. Der Kapellmeister stand in der Mitte des

Lichtkreises und stieß die Faust in die Luft.

„Ich kann keinen Widerstand dulden, auch von Ihnen nicht, Cavaliere. Sie

sind, der Sie sind. Aber ich bin hier der Maestro.“

„Das ist immerhin etwas“, bemerkte der Bariton Gaddi, rittlings auf einem

Stuhl. Italia Molesin kam zur Tür.

„Was für ein schlecht erzogener Mann!“ sagte sie. „Mich hat er bereits Idiotin

genannt.“

Flora Garlinda trat ins Helle. Ihre Augen funkelten, ihr höhnischer Triumph

kniff ihr die Winkel der schmalen Lippen.

„Maestro,“ — ganz sanft — „ich bitte Sie für meinen Freund, den Advokaten

Belotti. Er möchte uns zuhören.“

Der Kapellmeister fuhr auf.

„Noch immer er? Wenn ich ihn doch hinausgeworfen habe!“

„Man wirft einen Mann wie mich nicht hinaus,“ — und der Advokat trat mit

Würde vor.

„Also nochmals,“ schrie der junge Musiker zitternd, „der Herr bin hier ich.

Wer nicht gehorchen will —“

„Nun?“ — und Flora Garlinda sah ihm grausam lächelnd in die Augen.

„Kann gehen“, ergänzte er viel leiser. Sie nickte.

„Sie haben zweifellos eine andere Primadonna.“

„Erst gestern“, stieß er hervor, „hat mir die Fusinati geschrieben.“

„Weil sie nämlich in anderen Umständen ist. Da kommt man schwer unter. Sie

aber, Maestro, der Sie kein Kind erwarten, Sie fänden natürlich sofort ein andres

Engagement, wenn die Herren vom Komitee sich entschließen würden —“

„O bitte, Fräulein Garlinda, davon ist nicht die Rede,“ — und der Advokat trat

von einem Fuß auf den andern. „Sind wir nicht alle Freunde?“

„Das kommt darauf an. Ich bin die Primadonna, mir muß es erlaubt sein, zu

singen, vor wem ich will.“

„Es liegt mir fern —. Wir haben uns mißverstanden —.“

Ihr grausames Lächeln war noch immer da: er schwieg, eingezogen und auf

Schreckliches gefaßt.

„Überdies“, begann sie wieder, „bin ich gewohnt, nur mit dem Regisseur zu

verhandeln.“

„Sehr richtig“, sagte der Cavaliere Giordano und schleuderte ein Heft auf das

Klavier. „Von wem lasse ich mir hier sagen, daß meine Stimme nicht genüge?

Dieser junge Mann hat an meinem Geronimo auszusetzen, und dabei singe ich

ihn aus Gefälligkeit, denn jedermann in Italien und draußen weiß, daß meine

Partie der Piero wäre!“

„Kurz: was will man von mir?“

Der Kapellmeister breitete die Arme aus und hatte rote Lider.

„Man will einen Regisseur, beim Bacchus“, sagte der Bariton.

„Der bin ich! Der bin ich!“

„Meine Herren,“ stammelte der Advokat und beschwor sie mit den Händen,

„ich möchte um nichts in der Welt, daß meinetwegen —“

„Maestro!“

Flora Garlinda legte den Kopf auf die Schulter.

„Sie waren noch bei keiner Bühne. O! Sie haben nicht nötig, es zu gestehen:

diese ganze Szene beweist es. Tun Sie uns und sich einen Dienst und bescheiden

sich! Wir machen unsern Gaddi zum Regisseur. Ohnedies ist er es, der die

Ausstattung beschafft hat.“

Italia Molesin und der Cavaliere Giordano beglückwünschten schon den

Bariton.

„Und ich,“ klagte der Kapellmeister, „ich habe den Chor zusammengebracht

und Sie selbst. Ich habe den Gedanken der Aufführung gehabt und die Bürger

für ihn gewonnen, habe alles möglich gemacht, alles ins Werk gesetzt. Das ist

nichts, das ist augenscheinlich nichts.“

Er ging, eine Hand vor der Stirn, wankend um das Klavier herum.

„Wer sagt das?“ — und Flora Garlinda folgte ihm. „Aber weil Sie ein Mann

von Verdienst sind, sollten Sie das Nebensächliche fahren lassen.“

„Aber ich verlange fünfzig Lire Zuschuß“, hörte man den Bariton sagen.

„Er verlangt fünfzig Lire“, wiederholte Flora Garlinda mit gesenkten

Mundwinkeln. Und in einem plötzlichen Blick des Einverständnisses:

„Wer kommt denn hier in Betracht, Maestro? . . . Sie haben eine Oper

geschrieben, nicht? Wenn ich Ihre Heldin sänge?“

Da er den Atem einzog und anhielt:

„Mit mir oder ohne mich: vielleicht sieht schon das nächste Jahr Sie in

Mailand. Wir —“

Sie knixte tief.

„— sind für Sie nur Staffeln.“

„O!“ machte er, aufgeblüht und gütig. „Sie nicht, Flora Garlinda: Sie nicht.

Sie werden größer werden als ich.“

„Glauben Sie?“ fragte sie mit herabgelassenen Lidern und zog sich zurück.

„Aber solange ich Dirigent bin,“ rief er den anderen zu, „darf ich vielleicht

verlangen, daß wir wiederholen, bis ich mich für befriedigt erkläre?“

Man beeilte sich, es ihm zuzugeben. Der Advokat verwahrte sich.

„Nie, Maestro, habe ich an Ihrem großen Talent gezweifelt.“

„Dann also, Cavaliere,“ rief der Kapellmeister, „noch einmal von vorn, bitte:

‚Seid fruchtbar, meine Kinder . . .‘“

Der alte Tenor stellte sich wütend auf und begann, hohle, zitternde Töne von

sich zu geben.

„Seid fruchtbar, meine Kinder! Das Feld, das meine Väter bebaut haben, auch meine Enkel sollen es bebauen.“

„Hören Sie ihn etwa?“ — und der Kapellmeister warf sich, die Stirn

trocknend, auf seinem Sitz umher. „Und dies ist nur ein Klavier! Was wird das

Orchester von seiner Stimme übriglassen?“

Das Gesicht des Alten war von Entrüstung so sehr verzerrt, als sollte es

weinen. Sein Kiefer arbeitete an Worten, die nicht kamen.

„Ich habe doch alles verstanden“, versicherte Italia Molesin mitleidig und sah

Flora Garlinda an, die schwieg und beobachtete. Der Bariton stellte fest:

„Ich als Regisseur finde den Cavaliere ganz auf seiner alten Höhe.“

„Wie sollte nicht ein so berühmter Künstler —“ sagte der Advokat mit

Nachdruck. Der Kapellmeister hielt sich plötzlich mit beiden Händen den Kopf.

„Wenn man den Advokaten nicht zum Schweigen bringt, stehe ich für nichts!

Ich stehe für nichts!“

Der Advokat wich zurück. Der Kapellmeister legte die Hände wieder auf die

Tasten.

„Fräulein Flora Garlinda!“

„Hier bin ich.“

„Sieh, Geliebter, unser umblühtes Haus . . . Aber der Piero! O Gott! ich dachte

nicht mehr an diesen Menschen, der nicht kommt. Begreift man eine solche

Gewissenlosigkeit?“

„Nun ja“, meinte Gaddi. „Nello wird jedem einen Vermouth zahlen müssen,

und das wird ihm zu denken geben.“

„Einen Vermouth!“ — und der Kapellmeister stieß die Luft aus.

„Aber wir können ihn doch zwingen! Wir werden die Gendarmerie

hinschicken! Wo ist er? Weiß niemand, wo er steckt? Fräulein Flora Garlinda,

Sie, die Sie zuletzt gekommen sind!“

„Was habe mit diesen Dingen ich zu schaffen?“ — und sie wandte sich ab.

„Steckt er bei einer Frau?“ raunte Gaddi. Sie regte sich nicht. Der

Kapellmeister präludierte wütend und überschrie seinen Lärm.

„Lassen wir uns nicht aufhalten! Fräulein Flora Garlinda!“

Sie fiel ein:

„Sieh, Geliebter, unser umblühtes Haus heißt uns blühen . . .“

Nach ihren ersten Noten wurden die Hände des Kapellmeisters behutsam und

weich, und er neigte das Ohr. Seine Miene versuchte, streng zu bleiben, aber ein

kindliches Entzücken drang aus ihr hervor. Und plötzlich überzog Schmerz sie.

Die Sängerin hatte abgebrochen.

„Es ist unnütz“, sagte sie. „Ich höre mich nicht, wenn mir der Partner fehlt.“

„Ich gebe seine Partie mit an. Dieser Elende! Ich singe sie mit! Alles, was Sie

wollen!“

„O lassen Sie, Maestro! Ich muß spielen können. Wenn ich ihn nicht neben

mir fühle, ist es unnütz. Zu Hause nehme ich mir den Buben meines Wirtes.

Geben Sie mir den Advokaten!“

„Herr Advokat!“ — und der Kapellmeister streckte die Hand hin. „Wir bitten

Sie. Ich hoffe, daß Sie mir nichts nachtragen?“

„Aber wie denn, Maestro!“

Der Advokat schüttelte die Hand. Dann stellte Gaddi ihn zurecht, legte seinen

Arm unter den ausgestreckten der Primadonna, seine Fingerspitzen auf ihre

Schulter, und richtete ihm den Kopf.

„Der alte Geronimo hierher! Italia geht umher mit dem Fächer. Advokat, Sie

starren in das Abendrot!“

Der Advokat riß die Augen auf. Er konnte nicht zur Ruhe kommen und

scharrte mit den Füßen.

„Sind wir soweit?“ fragte der Kapellmeister scharf; — und er nickte der

Sängerin zu . . . Wie die Melodie von ihr auf das Klavier überging und sie

schwieg, glaubte der Advokat seine Partnerin unterhalten zu sollen.

„Ah! da ist nun endlich diese berühmte Arie, und ich bin der erste hier, der sie

zu hören bekommt. Jahrelang hatten wir sie nur auf Pollis Phonographen.“

„Schweigen Sie!“ schrie der Kapellmeister, weiß im Gesicht.

„Aber er ist kaput“, sagte der Advokat noch und erschrak dabei.

Flora Garlinda sang schon wieder. Sie hatte jetzt die gefalteten Hände unter

dem Kinn und das Gesicht nach oben gelegt.

„Verzeih mir, o Himmel, so viel Glück!“

„Knien Sie!“ befahl der Regisseur mit lauter Flüsterstimme dem Advokaten,

aber der Advokat war nur darauf bedacht, mit den Fingerspitzen nicht die

Schulter der Primadonna zu verlieren und den Sonnenuntergang im Auge zu

behalten.

„Knien Sie doch hin!“ — und Gaddi drückte ihn zu Boden, daß es krachte.

„Au, au!“ machte der Advokat. Die Sängerin beendete gerade ihren

himmlischen Schlußschrei und sank mit der Stirn auf seine.

„Und würde sterben für dich!“

„Sie sind zu gütig“, murmelte der Advokat, aus aller Fassung. Gaddi wandte

sich um und drückte die Hände in die Seiten. Der Cavaliere Giordano ließ sich

auf einen Stuhl fallen. Hinter Italias Fächer rang sich ein Kreischen los. Der

Kapellmeister stand da, mit hängenden Armen, und was er endlich

hervorbrachte, war ein Stöhnen. Als er nun stammeln konnte:

„Was ist denn das? Sind wir Buffonen? Ich finde die Worte nicht. Und das in

diesem Augenblick, in diesem!“

Er kam hervor und verbeugte sich vor der Primadonna.

„Fräulein Flora Garlinda, ich bitte Sie um Verzeihung für diese Herren.“

„Warum denn“, sagte sie sehr kalt. Er errötete; er griff sich an die Stirn.

„Was ich sagen wollte: wir sind fertig für heute. Nachmittags habe ich den

Chor und am Abend das Orchester. Auf morgen!“

Und er war fort. Man sah sich an.

„Nun also, gehen wir essen!“ meinte der Bariton. „Wollen Sie nicht aufstehen,

Advokat?“

Als Gaddi und der Cavaliere Giordano drunten auf dem Platz sich von Flora

Garlinda verabschiedeten, bemerkten sie, daß Italia und der Advokat

verschwunden waren.

„Schon“, sagte der Bariton; und der alte Tenor:

„Italia hat recht. Das bringt der Beruf mit sich. In unserem Beruf ist es

empfehlenswert, jung zu sein.“

„Spricht nicht aus Ihnen, Cavaliere, der leere Magen?“ fragte Flora Garlinda.

Die beiden Männer riefen einander noch nach:

„Um fünf im Café!“

 

Und um fünf saßen sie dort: noch allein auf dem Platz. Der schöne Alfò bediente

sie, mit seinem von sich entzückten Lächeln. Drinnen ließ der Gevatter Achille

die Arme über das Büfett hängen und schnarchte. Lange Zeit taten sie nichts, als

hoffnungsvoll zusehen, wie der Schatten ihres Zeltdaches sich langsam

vergrößerte. Der Gasse der Hühnerlucia entströmte eine übelriechende Frische.

Der Cavaliere Giordano zog aus dem Handgelenk einen kleinen Papierfächer.

In der Rathausgasse ward Nello Gennari sichtbar; er ging gesenkten Kopfes,

Schritt für Schritt, hatte nach seiner Gewohnheit die Schultern ein wenig in die

Höhe gezogen und hielt die Arme steif.

„Du siehst aus wie ein trübsinniger Pierrot“, rief Gaddi ihm entgegen. Der

junge Mensch hob langsam einen wehrlos klagenden Blick. Der andere stand

rasch auf, faßte seinen Arm, zog ihn um die Hausecke.

„Nello, sage mir, was dir seit gestern geschehen ist!“

Und er drückte sich den Arm des Jungen an die Brust.

„Nichts“, brachte Nello hervor.

„Aber du hast eine Miene, als hättest du deine Mutter verloren, und gereizt

bist du den ganzen Tag, wie ein unglücklicher Spieler. Warum hast du die Probe

versäumt?“

Nello begann plötzlich die Schultern zu heben und zu senken, sein Blick

verlor den Halt, und er atmete ungeregelt. Mit einem Griff nach der Hand des

andern:

„Virginio, du bist mein Freund: frage mich nicht!“

Er preßte, fiebrig bittend, die Hand.

„Ich bin ein verlorener Mensch! Du weißt nicht: mich ekelts, wenn ich an

deiner Hand die Wärme meiner eigenen fühle.“

„Du bist krank.“

„Nein, ich bin gesund: das ist schlimmer für einen, wie ich bin. Ich habe die

Glückseligkeit verscherzt; nun heißt es weiterleben.“

Er beugte sich über sich selbst, und der andre sah von seinem Gesicht die

Tropfen fallen. Er streichelte ihm das Haar.

Sie richteten sich auf und taten gleichmütig, denn ein Schritt ward laut: der

Kaufmann Mancafede kam über den Platz und sah sie. Nun galt es, sich

hervorzuwagen und in sein schmunzelndes Gesicht zu sehen. Er wußte schon

alles! Seine schreckliche Tochter wußte schon alles! Jetzt machte es die Runde

in der Stadt, drang vors Tor und nach Villascura. Nello gab die Hand, halb

gewendet, als sollte sie ihm abgehauen werden, und mit einem Blick von unten,

der nicht standhielt. Aber der Kaufmann dienerte eifrig, als beteuerte er seine

Harmlosigkeit. Er habe heute sein Lager revidiert, sagte er, und seine Tochter

habe Tomaten eingekocht; man wisse gar nicht mehr, was vorgehe. Und Nello

senkte die Stirn, errötet, weil er begnadigt war.

Da zeigte sich der Apotheker Acquistapace auf seiner Schwelle und hob den

Daumen, als wisse er etwas. Durch Nello fuhr ein neuer Schreck. Aber nun er

seinen Kaffee mit Rum bestellt, umständlich sein Holzbein unter dem Tisch

zurecht gelegt und jeden bedeutsam aufs Knie geklopft hatte, stieß der

Apotheker aus:

„Und der Advokat?“

Da die drei Sänger nur die Achseln zuckten, rieb er sich stürmisch die Hände.

„Sie werden es nicht glauben! Dieser Advokat! Aber ich habe Beweise. Er hat

sich aus der Apotheke Kirschen in Aquavita holen lassen. Er feiert Orgien, der

Advokat: Orgien, meine Herren, mit einer Frau, und Sie kennen sie.“

„Wir?“ fragte Gaddi.

„Ich weiß“, erklärte Mancafede; „meine Tochter hat es mir gesagt.“

Nello machte sich steif.

„So wiederholen Sie es doch!“

Aber der Kaufmann schmunzelte nur, und Nello sank zusammen.

„Wir haben keine Ahnung“, sagte der Cavaliere Giordano.

„Raten Sie nur!“ — und der Apotheker legte den Finger an die Nase.

„Sie haben eine schöne Kollegin: das Fräulein Italia . . .“

„Die“, behauptete der Bariton, „kann es nicht sein. Sie ist äußerst anständig.“

„Und doch, und doch —“

Die Hundeaugen des alten Kriegers leuchteten; er setzte sich den Finger auf

die Brust.

„Ich habe es aus erster Quelle.“

Denn die Schwester des Advokaten, die Signora Artemisia selbst, hatte bei

ihm die Kirschen geholt und ihm alles erzählt. Zwischen Tür und Angel hatte sie

im Zimmer ihres Bruders einen Weiberhut entdeckt, der am Sofa hing; und auf

dem Sofa saß die Frau.

„Ah! Ihr Herren, der Advokat!“

Der Tabakhändler und der Gemeindesekretär trafen ein.

„Ich kann es nicht glauben“, versicherte Gaddi und zwinkerte dem Cavaliere

Giordano zu; „eine so anständige Person wie unsere Italia.“

„Eure Italia!“ rief Polli und schlug sich auf die Schenkel. „Ah! reden wir ein

wenig von ihr. Der Schlächter Cimabue weiß manches von ihr.“

„Hat er sie geschlachtet?“

„Er hat ihr so viel Filet geschickt, daß sie eine dreitägige Indigestion davon

haben wird, — und wer hat es geholt? Niemand anders als die Schwester des

Advokaten Belotti.“

Der Sekretär spreizte die Hände.

„Ich glaube nicht daran. Der Advokat ist ein Prahlhans, ein Kapitän Spavento.

Nie ists ihm gelungen, eine Frau zu verführen: alles bloß Erfindungen.“

Polli und der Apotheker hoben die Arme.

„Wenn doch die Andreina in Pozzo ein Kind von ihm hat!“

„Ein Kind vom Advokaten, das wird die Welt nie sehen,“ — und Camuzzi

strich mit einem Finger alle Hoffnung fort. „Ah, man stelle sich vor: ein Kind

vom Advokaten.“

„Schon?“ fragte der Leutnant Cantinelli, der grüßte. „Bisher steht nur fest, daß

der Junge vom Konditor Serafini ihnen Gefrorenes hingetragen hat. Der Advokat

hat ihm selbst die Schüssel abgenommen, und der Junge konnte erkennen, daß er

unter seinem Schlafrock nichts anhatte. Im Hintergrunde aber schlüpfte die

Komödiantin vorbei, und sie hatte noch weniger an.“

„Ah! der Advokat.“

„Orgien: wie ich euch sagte!“ — und der Apotheker schlug zwischen die

Tassen. Der Kaufmann Mancafede ward auf seinem Stuhl immer unruhiger. Er

erhob die Stimme.

„Ich weiß mehr als ihr alle. Meine Tochter hat mir gesagt, wie oft die beiden

—; wie oft der Advokat sie —: ihr versteht mich.“

Der Sekretär lehnte es mit der Hand ab, zu verstehen; Polli aber, der Leutnant

und der Apotheker sahen sich an, röter und röter, — und auf einmal entließen sie

mit Geknatter die Luft aus ihren aufgeblasenen Backen. Polli war auf den Beinen, er trampelte und erteilte sich Faustschläge ins Gesäß. Der Leutnant stieß

ächzend seinen Säbel aufs Pflaster. Der Apotheker brach von Minute zu Minute

in ein Gebrüll aus, das die Leute um den Tisch sammelte. Plötzlich rief eine

schrille Stimme:

„Da sind sie!“

Und der Schwarm Buben mit dem weißen Konditorjungen voran, stürzte sich

nach der Treppengasse. Die am Brunnen schwatzten, kamen nach; schon traten

der Perückenmacher Nonoggi und der Konditor Serafini über ihre Schwellen;

zwei Reihen entstanden: und da sah man den Advokaten Belotti mit der

Komödiantin auf den Stufen erscheinen. Bevor er die letzte verließ, entsandte er,

in die Brust geworfen, ein Lächeln des Triumphes über die Menge, die ihm

huldigte, nach dem Café, wo alle verstummt waren; — und dann bot er seiner

Dame den galant zusammengerollten Arm, um sie durch das Spalier zu führen.

Der junge Savezzo war da und applaudierte.

Die Herren außer Camuzzi, der lächelnd den Kopf schüttelte, empfingen das

Paar stehend und alle Hände hingestreckt. Italia, mit frischem Puder auf einer

Wange, gab die ihre hin, indem sie sich in den Schultern ein wenig wand. Auch

blinzelte sie dazwischen zum Advokaten auf, der strahlte und bei jedem

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