Die kleine Stadt: Roman
Kapitel II
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
Händedruck den andern eine kleine Ermutigung spendete:
„Ah, mein braver Acquistapace . . . Immer munter, Polli!“
Er bestellte einen besonders starken Kaffee für seine Freundin, und sie mußte
zugeben, daß sie ermüdet sei.
„Es gibt so vieles zu sehen beim Advokaten“, erklärte sie.
„Die Bilder, die er hat! Sie würden nicht glauben —“
„Sst!“ machte er.
„Und das viele Essen! Man muß gestehen, daß im Hause des Advokaten gut
gekocht wird. Er hatte nur Fleisch erster Qualität.“
„Darauf hat er sich immer verstanden!“ schrie Polli. „Er hat immer das zarte
und volle Fleisch zu finden gewußt.“
Der Advokat fand die schmeichelhafteste Seite seiner Leistung nicht
genügend beleuchtet.
„Und der Baron“, flüsterte er dem Tabakhändler zu. Auch der Apotheker hatte
es gehört und flüsterte zurück:
„Du hast sie ihm aufgesetzt, Advokat. Ah! wenn jemals einer sie ihm
aufgesetzt hat, bist du es.“
„Du bist groß, Advokat!“ sagte Polli voll ehrlicher Bewunderung.
Die schneidende Stimme des Gemeindesekretärs störte den Advokaten im
Genuß der Huldigungen.
„Da haben wirs!“ — und Camuzzi wies nach dem Dom. Auf der Treppe drängten die Jungen sich und folgten gierig den Vorführungen des
Konditorlehrlings. Seine Hände sah man hier und dort aus dem Kreis steigen und
hörte den Chor lachen.
„Es ist keine Kunst, zu erraten, wovon die Bande sich unterhält.“
„Was meinen Sie denn, Camuzzi?“ fragte der Advokat, immerhin betroffen.
„Ich habe keine Ahnung.“
Ein Blick auf die tief errötete Italia machte, daß er die Hand ans Herz legte.
„Ich versichere auf meine Ehre, daß der Junge nichts gesehen hat.“
Der Sekretär nickte ingrimmig.
„Jetzt schlägt ihm das Gewissen, dem alternden Lüstling, da er sein Werk
sieht. Denn er verdirbt uns die Kinder. Die Jugend, ihr Herren, ist in Gefahr!“
„Das ist doch wohl übertrieben“, meinte der Advokat; und da er in den
Gesichtern Zustimmung erkannte, richtete er sich kühner auf.
„Diese Rangen sind ja schlimmer als wir. Der Coletto vom Konditor Serafini
ist mit der Kleinen abgefaßt worden, die beim Malandrini die Teller abspült. Ich
rufe den Leutnant als Zeugen auf . . . Und im übrigen, ihr Herren, seht hier, seht
den Priester!“
Don Taddeo hatte die Ledermatratze von der Domtür gehoben und belauschte,
sprungbereit, die Buben. Unversehens war er über ihnen und zersprengte sie
unter einem Hagel von Püffen. Die ersten, die sich gefaßt hatten, waren schon
davon, im Corso verschwand schon die weiße Mütze des kleinen Konditors, aber
Don Taddeo hieb noch immer, und seine Soutane flog, besinnungslos auf die
Ungewandtesten und Schwächsten ein, die sich duckten und schrien. Die Bürger
waren empört.
Der Gevatter Achille schob seinen Bauch ins Freie und murrte:
„Sieh doch, ei sieh doch, welch häßliches Tier!“
„Wenn man ihn selbst einmal —“ schlug Polli vor, und sogar der Kaufmann
Mancafede gestand, daß der Priester es stark treibe.
„Solche Verbündete“, stellte der Advokat fest, „hat der Herr Camuzzi.
Solchen Leuten besorgt er das Geschäft.“
„Die moralischen Gesetze“, versuchte der Sekretär einzuwenden, „verlieren
dadurch nicht an Wert, daß —“
„Ach was!“ — und der Advokat schob seine Tasse weit fort. „Lassen Sie doch
die moralischen Gesetze in Ruhe! Die freie Menschlichkeit, der wir anderen
huldigen —“
Er sah auf Italia.
„— ist sittlicher und sicher auch gottgefälliger, als eure düstere Verneinung!“
„Bravo, Advokat!“ sagte der Cavaliere Giordano.
„Er hat gut gesprochen“, bestätigte Gaddi. Der junge Savezzo setzte hinzu und schielte auf seine Nase:
„Aufklärung, Fortschritt und Blüte: wer würde sie uns herbeiführen, wenn
nicht der Advokat es täte!“
Und der Advokat konnte, mit strenger Miene, die Glückwünsche der Bürger
entgegennehmen. Auch Italia hatte ein Gesicht voll Würde bekommen und ließ
den Blick, Anerkennung fordernd, um den Tisch gehen. Wie der letzte der
Jungen, heulend und die Hand am wehen Körperteil, herbeihinkte, holte der
Advokat ihn zum Tisch und tröstete ihn entrüstet, Italia steckte ihm Zucker in
den Mund. Der Gemeindesekretär betastete seine elegante Krawatte, begann
seinen Klemmer zu wischen und sah mit Fischaugen darein. Um nicht ganz
vernichtet zu erscheinen, knüpfte er mit den Komödianten an.
„Nicht, daß ich ein Duckmäuser oder Obskurant wäre: aber ich liebe das
Prahlen nicht. Denn dem Anschein zum Trotz, glaube ich nicht, daß der Advokat
eine Frau erobert hat, weil ich an keinen seiner Erfolge glaube; weil ich nicht
glaube, daß bei uns irgend etwas geschieht oder geschehen kann.“
Der junge Savezzo murmelte und schielte gelb:
„Es könnte immerhin manches geschehen, aber man dürfte nicht auf den
Advokaten warten. Man dürfte nicht erwarten, daß gewisse Familien, unter
Ausschluß aller übrigen, das Genie hervorbringen.“
Unter dem spöttischen Blick des Sekretärs vergaß er sich:
„Man schmeichelt hier Unfähigkeiten; auch ich muß ihnen schmeicheln; und
Talente, die für das öffentliche Leben unschätzbar wären, gehen verloren in
kleinen Geschäftskabinetten, in irgendeinem Hinterhaus.“
„Zum Beispiel in dem Ihres Vaters?“ fragte der Sekretär.
„Warum nicht in dem meines Vaters. Weiß man von den politischen Plänen,
die ich im Kopfe wälze? Andere, bei Gott, als die Anlage von Waschhäusern und
Vizinalwegen. Nichts fehlt mir, als größere Verhältnisse, Bewegung und freier
Wettbewerb. Aber weil sie mir fehlen, muß ich mich ducken vor
Mittelmäßigkeiten.“
Er hatte dick gewulstete Brauen, und an seinen verschränkten Armen stiegen
die Muskeln auf und nieder. Der Gemeindesekretär hob die Schultern.
„Sie werden vielleicht noch davon abkommen, in irgend jemand einen großen
Mann zu sehen: sei es auch nur in sich selbst.“
Nello Gennari bemerkte hinten in der Gasse der Hühnerlucia die kleine, einsame
Gestalt der Primadonna. Er stürzte sich in die Gasse.
„Hier ists kühl“, sagte er aufatmend; und über sie geneigt:
„Du bist ein sehr anständiges Mädchen, daß du mich nicht verraten hast.“
„Was hätte ich davon? Ich lasse dir deine Schmutzereien.“
Er biß sich auf die Lippe.
„Du bist hart, Flora. Aber du hast wohl ein Recht dazu: der Schein ist gegen
mich.“
Da sie Luft durch die Nase stieß:
„Dich beneide ich! Wer, wie du, nur in der Kunst lebte! Einen einzigen
Zweck, einen einzigen Ehrgeiz haben!“
Sie betrachtete ihn mit ihren kalten, raschen Augen.
„Das ist nicht deine Sache, mein Kleiner. Bleibe, wie du bist!“
„Aber auch ich —“ und er schluchzte trocken auf, „— habe nun etwas
Einziges, etwas Großes —“
Leise, und in den Worten weitete sich ein Herz:
„— für das ich leben will, — für das ich sterben will.“ Ihre Miene ward
unruhig.
„Willst du singen lernen? Sage, ob du singen lernen willst!“
„Ich werde wohl niemals viel mehr können als das, was ich von Natur kann.“
„Und so paßt es für dich“, sagte sie befriedigt.
Beim Café stand alles auf, um ihr Platz zu machen. Der Advokat legte die
Rechte aufs Herz und begann zu singen. „Sieh, Geliebter, unser um —.“
Die versagenden Töne ersetzte er durch Augenaufschlag.
„Ah! Fräulein Flora Garlinda, wer das von Ihnen gehört hat, vergißt es nicht.“
„Da Sie es singen, Fräulein,“ sagte Polli galant, „brauche ich meinen
Phonographen nicht reparieren zu lassen; das ist immerhin eine Ersparnis.“
„Könnten Sie es nicht meiner Frau beibringen?“ fragte Camuzzi; und gerade
wollte auch der Leutnant für die seine bitten, da führte der Apotheker die Hand
ans Ohr. Man hörte es knarren, dann knallen; die Jungen rannten die
Rathausgasse hinab; und endlich zeigte sich Masetti auf seinem Kutschbock.
„Es wird niemand darin sein“, sagte der Kaufmann.
„Ich habe beobachtet,“ sagte Polli, „wenn der vorige Tag zu gut war, dann
kommt gar nichts.“
„Da wir das Fräulein schon unter uns haben“, und der Advokat verbeugte sich
vor der Primadonna. Italia stieß ihn vorwurfsvoll in die Seite, und er trat sie, um
seinen Fehler gutzumachen, auf den Fuß.
Dem Postwagen entstiegen zwei Nonnen und verschwanden sofort in der
Treppengasse. Der Apotheker fluchte.
„Es ist unbegreiflich,“ bemerkte der Advokat, „wo diese Mädchen sich
umhertreiben. Was mögen sie —“
Er brach ab; aus der Post schwang sich, in seinen Ledergamaschen, der Baron
Torroni.
„O,“ machte der Leutnant, „man weiß von sehr sonderbaren Fällen . . .“
Der Sekretär lächelte unbekümmert.
„Ah! der Advokat sieht den Feind und zittert.“
„Tatsache ist,“ sagte Polli, „daß der Advokat gewisse Rechte des Barons nicht
ganz —“
Und er warf einen Blick voll Bedenken auf Italia. Sie fuhr auf:
„Aber was haben Sie alle? Mir scheint gar, Sie glauben —. O! seid ihr
schlecht! Wenig fehlt, und ich sage alles!“
Sie schluchzte. Der Advokat erhob sich.
„Das Fräulein ist unter meinem Schutz, und Herr Camuzzi hofft vergebens,
daß ich zittere. Habe ich etwa vor Don Taddeo gezittert? Und niemand wird
leugnen wollen, daß die Kirche ein gefährlicherer Feind ist als der Adel.“
„Immerhin muß man wissen,“ sagte der Apotheker, „daß heute früh ein Bauer
aus Borgo bei mir war, dem der Baron ein Loch in den Kopf geschlagen hat.
Denn er läßt sich auf Prügeleien ein, wie ein Bauer.“
„Aber der Baron wird von der Baronin erwartet!“ rief Polli; „und da du mit
dem Fräulein Italia bist: was willst du noch von ihm?“
Auch der Advokat sah die Baronin bei den Löwen stehen, und das machte
seinen Schritt noch tapferer. Italia holte ihn ein, sie legte die Hand auf seinen
Arm.
„Keine Dummheiten, Advokat!“
Und etwas weiterhin:
„Du glaubst also noch immer, daß ich mit dem Baron —? Trotz allem glaubst
dus, was ich dir gesagt und was ich für dich getan habe? O ich Unglückliche!“
Die Zeit der galanten Beschönigungen schien dem Advokaten in dieser
kritischen Lage vorbei.
„Versteht sich! Da ich es selbst gesehen habe!“ sagte er.
Aber sein stärkster Beweis war, daß Italia sich ihm ergeben hatte. Er war
überzeugt, daß er sie nicht bekommen haben würde, hätte sie nicht mit dem
Baron den Anfang gemacht.
„Du lügst!“ — und sie ward bleich, mit einer Art zorniger Begeisterung, weil
man ihr, der schon so vieles vorzuwerfen war, endlich einmal etwas Falsches
zuschob. „Was hast du gesehen?“
„Was Teufel! Er kam in aller Frühe aus dem Gasthaus, und der Wirt wußte,
warum.“
„Nein, er wußte es nicht; aber ich, ich will es dir sagen. Von der Frau des
Wirtes kam der Baron! Denn der Geist ihres Vaters, der ihr erschienen ist, war
der Baron Torroni: ich bin zu gütig, daß ich es nicht allen erzählt habe.“
Der Advokat murmelte:
„Sprich wenigstens leiser! Wir sind nicht allein auf diesem Platz“ — und
nachdem er überlegt hatte:
„O Weiber! Und das soll ich dir glauben?“
Er hob die Schultern, hielt die Handflächen hin und sah umher, als sollten alle
ihm bestätigen, daß dies zweifelhaft bleibe. Freilich, wenn sie die Wahrheit
sprach, war der Konflikt mit dem Baron aus der Welt geschafft! Aber wo blieb
der Stolz, ihn betrogen zu haben? Andererseits war es schmeichelhaft, der erste
zu sein, — und sofort nahm er sich, kühn gemacht, vor, sie dafür zu verlassen.
„Ich liebe nur dich“, sagte Italia versöhnlich.
„Eh!“ machte er und kehrte um.
„Liebst du mich nicht mehr?“ fragte sie. Er sagte herablassend:
„Du bist ein gutes Mädchen.“
Als sie wieder am Tische saßen, raunte der Apotheker dem Advokaten zu:
„Glücklicher Mann, der du bist! Sie liebt dich mehr als den Baron. Man sah
wohl, daß sie Furcht um dich hatte.“
„Du glaubst?“ — und der Advokat strich sich den Schnurrbart.
„Man weiß in betreff dieser reisenden Nonnen“, begann der Leutnant wieder,
„von sehr sonderbaren Fällen . . .“
Nello Gennari sah sich plötzlich um. Wie? die Post war da? „Mit ihr kam ich
gestern: ists möglich, erst gestern? Und dann stand ich dort drüben und sah Alba
in den Dom gehen . . . kann das geschehen sein? Habe ich nicht geträumt? O! nie
wieder wird es geschehen. Ich sehe sie nie wieder!“ Und er errötete bei der
Erinnerung, daß er gegen Flora Garlinda sich großer Dinge gerühmt habe. „Ich
bin klein, klein und komme nur vorüber und verwehe, wie ein wenig Staub, den
ihr Fuß aufhebt.“ Aber hundertmal hatte schon in seinem Herzen die Gewißheit
geschlagen, er werde sie lieben und keine Zukunft mehr haben, als diese! Und
hundertmal schon war er verzweifelt! „Ich begreife mich nicht. Mein Geist hat
das Fieber, und was ich denke, ist abwechselnd wie Feuer und wie der Tod.“
„Wo bleibt der Maestro?“ fragte der Cavaliere Giordano, der die ganze Zeit
starre Augen gehabt hatte. „Die Chorprobe müßte aus sein.“
„Wohl“, sagte Gaddi. „Aber diese Anfänger haben einen solchen Eifer.
Welche ungesunde Aufregung heute morgen! Ich möchte wissen: wenn einer
seine Pflicht tut und seine Familie erhält, ist das nicht genug?“
Der alte Tenor prägte seiner Miene einen erhabenen Spott auf. Der Bariton
bemerkte es nicht, weil er einen seiner Söhne von anderen Jungen bedroht sah
und hineilte, um ihm beizustehen. Als er sich allein fand, zog über den Blick des
Alten sogleich wieder, dicht wie ein Tuch, die Sorge, und er murmelte:
„Vielleicht kommt es wirklich auf dasselbe hinaus?“
Flora Garlinda betrachtete ihn, ohne daß er es merkte. Sie saß in schlechter Haltung an der Hausmauer, einen Arm auf dem Tisch und die Faust unter dem
alten weißen Filzhut, so daß er hinüberrutschte, — trank nicht, rauchte nicht und
riß manchmal, indes sie alles umher im Auge behielt, anzusehen wie ein böses
Äffchen, mit den Zähnen ein Stück von ihrer Semmel ab.
Der Advokat streckte die Hand aus.
„Was Sie da von jenem Priester in Nodi erzählen, Herr Leutnant, das könnte
auch unserem Don Taddeo zustoßen. Schon oft, wenn ich ihn zu den Nonnen
hinaufsteigen sah —“
Der Apotheker Acquistapace schüttelte ehrlich den Kopf.
„Ich glaube nicht. Er ist ein hassenswerter Fanatiker, aber in betreff der guten
Sitten läßt sich ihm nichts vorwerfen. Wir hatten sogar eine Magd, die mannstoll
war, eine schöne Person —“ Italia unterbrach die Erzählung.
„Advokat,“ sagte sie zitternden Tones, „der Blick des Priesters, als er uns
begegnete!“
„Versteht sich, er war neidisch! Ich hatte es vergessen, ihr Herren: er kam die
Gasse herab, wie wir aus meinem Hause traten. Vielleicht hatte er Unglück bei
den Nonnen gehabt, denn ich, der Advokat Belotti, glaube nicht an seine
Sittenstrenge; und genug, er sah das Fräulein Italia mit gewissen Augen an . . .“
Sie schlug die Hände vors Gesicht.
„Ich will bei ihm beichten. Vielleicht stimmt es ihn milder, und er sieht mich
nicht wieder so an. Ohnedies ist es gut, am Anfang einer Saison zu beichten.“
Der Advokat entsetzte sich über den Aberglauben, Camuzzi lobte Italia für
ihre Religion, die den Frauen so gut stehe, und die anderen schwankten zwischen
den beiden Auffassungen. Flora Garlinda sagte unvermutet:
„Auch ich werde beichten.“
Man stutzte.
„Sie sind fromm?“
„Warum nicht“, erwiderte Gaddi. „Auch beim Theater sind wir anständige
Leute.“
„Ich komme gern mit mir ins reine“, erklärte sie und bewegte die Augen hell
vom einen zum andern. „Habe ich dort im Schatten gekniet und alles
ausgesprochen, dann weiß ich ein wenig besser, wer ich bin und was mir
bestimmt ist.“
Der Advokat hielt sich nicht mehr.
„Und eine so gebildete Frau sollte glauben, daß ein Priester ihr die Sünden
vergeben kann?“
„Wenn er stark genug wäre?“ sagte sie und sah über die Köpfe hinweg. „Aber
fast immer muß ich selbst sie mir vergeben können: er versteht mich nicht.“
„Sie sind eine sonderbare Person“, bemerkte der Tabakhändler.
„Denn meine Sünden lassen sich nicht greifen wie ein Stück Fleisch“ — und
sie erfaßte Italias weißen Arm. „Sie sind schwierig, — und die Priester sind
grob. Da war in Sogliaco ein Pfarrer, ich ging an seinen Beichtstuhl und sagte:
‚Mein Vater, ich habe eine Frau unglücklich gemacht. Es ist die Zucchini, die,
obwohl groß und fett, es sich einfallen läßt, ehrgeizig zu sein. Da sie die Geliebte
des Direktors Cremonesi ist, wäre sie, die nichts kann, dennoch fast als
Primadonna nach Parma gekommen. Ich habe es verhindert, mein Vater, indem
ich sie die Lucia singen ließ, der sie noch längst nicht gewachsen ist. Ganz leise
und aus dem Hinterhalt machte ich ihr Lust darauf, und dann stellte ich mich
krank: da ließ sie sich die Rolle geben und sang sie. Welch Fiasko, mein Vater!
Auf lange ists aus mit ihr. Und die Arme: am Abend ihrer Niederlage kommt sie
weinend zu mir und bittet mich um Verzeihung; sie habe verdiente Strafe
erhalten für das Unrecht, das sie mir getan habe, als sie mir die Partie
wegnahm!‘“
„Welch guter Witz!“ rief der Apotheker, und alle schüttelten sich. Flora
Garlinda lächelte in die Runde.
„Seht ihr? So lachte auch jener Pfarrer, der nichts begriff. Die Gardine des
Beichtstuhls flog auf von seinem Schnauben.“
„Die Chorprobe ist aus: jetzt muß der Maestro kommen“, sagte der Cavaliere
Giordano.
Aus der Treppengasse quoll eine bunte Masse, stob auseinander, — und alle
die Farben der leichten Blusen, der gefärbten Haare und bemalten Gesichter
flatterten über den Platz, setzten sich auf die graue Menge, wie ein hergewehter
Schwarm fremder Insekten.
Der Advokat flüsterte Nello Gennari ins Ohr:
„Diese Mädchen! Sind Sie glücklich, daß Sie immer so viele zur Verfügung
haben!“
„Aber auch unsere Damen“, fügte er hinzu, „sind nicht zu verachten, und
nicht oft haben wir sie so zahlreich auf dem Platz beisammen wie heute.
Kommen Sie doch, ich werde sie Ihnen zeigen!“
Sie gingen. Der Advokat blühte; er nahm mit einer Hand den Arm des
schönen Tenors und steckte den Daumen der andern in das Ärmelloch seiner
Weste. Lauter bewundernde Blicke fielen auf den Liebhaber der Komödiantin: er
fühlte, wie sie seinen glücklichen Bauch und sein glänzendes Gesicht trafen.
„Die kleine Paradisi“, raunte er, „hat es auf Sie abgesehen, mein Lieber. Nur
Mut! Ah! wir beide: wir können sagen, daß wir begehrt sind.“
„Ich glaube sie schon zu kennen“, erwiderte Nello, und nachdem er gezögert hatte: „Gehen in einer Stadt wie dieser nicht täglich zur selben Stunde dieselben
Personen über den Platz? Werde ich nicht alle die wiedersehen, die ich gestern
gesehen habe?“
„Gewiß,“ sagte der Advokat, „und sogleich wird auch die Hühnerlucia da
sein. Sie kennen sie noch nicht, denn gestern kam die Post mit Verspätung, und
die Hühnerlucia verspätet sich nie. Ah! sie ist das Unterhaltendste, was wir
haben. Das heißt, nun ihr Künstler da seid, hat sich alles geändert. Da steht die
Post: gestern brachte sie euch. Mein Herr, ich teile Ihnen eine von mir gemachte
Beobachtung mit: Man weiß nie, was alles aus einem Postwagen steigt mit den
Personen, die daraus hervorkommen.“
Er sah sich nach Beifall um.
„Dort steht Frau Jole Capitani, die Frau unseres gesuchtesten Arztes. Er ist
fast immer abwesend, oft sogar nachts, Sie verstehen? Ich glaube, daß diese Frau
sich in einer Krise befindet. Ich werde Sie mit ihr bekannt machen, unter der
Bedingung, daß Sie mich jener großen Choristin vorstellen, der mit den gelben
Haaren, die mit dem jungen Polli spricht. Was will der Dummkopf von ihr? Ah!
und der Severino Salvatori mit zwei anderen Komödiantinnen auf seinem
Korbwagen. Er will auch die große Gelbe hineinheben: umsonst, mein Lieber,
sie bleibt bei ihrem Olindo. Welch Glück der kleine Polli hat! Sie müssen
wissen, mein Herr, daß der Severino Salvatori unser elegantester junger Mann
ist. Er bringt die Erbschaft seines Vaters durch. Immer hat er die schönsten
Pferde. Ich liebe zu sagen, daß er das väterliche Geschäft vergrößert hat, denn
sein Monokel ist größer als die Goldstücke des Alten.“
Der Advokat verbeugte sich vor denen, die lachten. Nello dachte:
„Dies ist die Stelle, von der ich sie gestern sah. Die Menge drängte sich wie
jetzt; und beim ersten Schlag des Aveläutens teilte sie sich. O! wird sie sich auch
heute mit solcher Kunst zerteilen? Wird auch heute am Ende einer Gasse von
Menschen Alba vor mir vorübergehen: unter den einsamen Klängen der Höhe
und dem Staunen der Stille, allein und rasch, dort hinten in dem Sonnenstreif,
der ihren Schleier durchleuchtet? Ich sehe sie! Ihr weißes Profil! Ihr Haarknoten,
kupferrot und besonnt!“
„Die Hühnerlucia!“ rief der Advokat und schüttelte ihn. „Da ist sie!“
Man sah sie stehn und Flügel schlagen mit ihren langen Armen. Von allen
Seiten bedrängte sie Volk, das gackerte, und die Alte verrenkte umsonst ihr
krummschnäbeliges, rotes kleines Gesicht, um lauter zu gackern als alle. Da
durchdrang ein Schrei von ihr den Lärm; sie stürzte sich, die Arme voran, über
den Brunnen nach einem Huhn, das aufgeflattert und hineingefallen war. Die
Jungen stießen sie mit dem Gesicht ins Wasser, sie spritzte es mit den Händen
um sich, man kreischte, man floh . . .
Als die Hühnerlucia schon wieder in ihrer Gasse verschwunden war, wand
sich der Advokat noch immer erstickt vor Lachen.
„Heute war sie gut. Haben Sie gesehen? Ich sehe das nun seit dreißig Jahren,
und es bleibt immer komisch.“
„Da kommt der Maestro die Treppe herab. He! Maestro“, rief er.
„Der andere ist der erste Chorist: o! ich kenne alle vom Theater“, erklärte der
Advokat seiner Umgebung. „Alles in Ordnung, Maestro?“ rief er durch die
Hände.
Der Kapellmeister hörte nicht. Er winkte den Männern zu, die ihn begleitet
hatten, und ging rasch durch die Menge nach dem Café „zum Fortschritt.“
„Es ist gut gegangen,“ sagte er und nahm die Hände, „ich bin zufrieden.“
„Werden diese Chormädchen uns nicht blamieren?“ fragte Italia.
„Sie werden besser sein als Sie, meine Teure. Das Volk ist immer das Beste in
diesem Lande; ich halte es mit dem Volk.“
Er setzte sich neben Flora Garlinda, ohne sie anzusehen, — lehnte den Kopf
an die Mauer, verschränkte die Arme und ließ sich, rosig durch die heimlichen
Wallungen seines besonnten Ehrgeizes, von den Leuten bestaunen. Sie kannten
ihn nur als den, der ihre Kinder das Singen lehrte und an patriotischen Festtagen
mit den Musik machenden Handwerkern durch den Corso zog. Jetzt aber gehörte
er zu diesen fremden und berühmten Künstlern, hatte eine Unzahl Menschen zu
befehligen, eilte umher als die beschäftigteste Person der Stadt, und auf seinen
Schultern lag die große, unerhörte und feenhafte Sache, derer sie harrte: die
Oper! Er griff sich ans Herz: es sprang zu hoch.
„Noch das Orchester, und der Tag wird nicht umsonst gewesen sein“, sagte er
und seufzte.
„Sie sind in der schönsten Zeit Ihres Lebens, junger Mann“, erwiderte der
Cavaliere Giordano. Der Bariton Gaddi gab dagegen dem reiferen Alter den
Vorzug, wenn man vom Mittagsschlaf erwachte und die Kinder zogen einen an
den Beinen. Die Bürger traten auf seiten des Cavaliere. Jung sein und lieben! Die
Poesie, was Teufel! Darüber erhob sich ein bewegter Austausch von Idealen.
Inzwischen wandte der Kapellmeister sich mit einem kleinen Ruck an Flora
Garlinda.
„Niemand sang doch ‚Sieh, Geliebter, unser umblühtes Haus‘ so gut wie Livia
Damanti“, sagte er und schöpfte Atem.
Flora Garlinda lächelte.
„Sie finden?“
„Sie hatte so viel Gefühl.“
Flora Garlinda krümmte die Lippe.
„So drücken die Dilettanten sich aus, Maestro . . . Und wann haben Sie die Livia gehört?“
„Letzten Winter“, sagte er rasch und errötete. „In Parma.“
„Sie ist seit einem Jahr in Amerika.“
Und immer mit ihrem reglosen Lächeln:
„Übrigens ist das ‚Sieh, Geliebter‘ nicht ihr Fach, denn sie singt Contralto.“
Er hielt die Lider gesenkt und schwieg, plötzlich ganz blaß. Sie zuckte
unmerklich die Achseln. Natürlich hatte es ihn gereut, daß er sich heute bei der
Probe eine Blöße gegeben hatte, als er sie so fassungslos lobte. Daher diese
Erfindung. Er war ertappt, und sein Schweigen genügte: sie sah weg.
„Ich werde mich geirrt haben“, sagte er und schluckte hinunter. „Auch zählt,
seit ich Sie gehört habe, das Früher nicht mehr. Das ist die Wahrheit.“
„Wahrheit oder nicht“ — und sie lachte kameradschaftlich, „wir kennen uns
schon ein wenig, nicht, Maestro? und wissen wohl, wem jeder von uns die
größte Zukunft voraussagt. Denn was denken Sie über sich, Maestro?“
„Über mich? über mich?“ — mit der Hand auf dem Herzen:
„Was kann ich denken? Ich bin ein Dorfkapellmeister, der —“
Der junge Savezzo reichte ihm elegant die Fingerspitzen.
„Maestro, Ihr Ruhm durchläuft die Stadt; bis in mein Studierzimmer ist er
gedrungen.“
„Sie sind aber selbst ein berühmter Mann, Advokat“, sagte der Kaufmann
Mancafede.
Der junge Savezzo schielte vor Freude auf seine pockennarbige Nase.
Plötzlich schrak er auf und sah sich nach Belotti, dem wirklichen Advokaten um.
Da er ihn nicht fand, bewegte er, den Kopf im Nacken, anmutig die Hand.
„Was wollen Sie, o meine Herren und Damen? Man bemüht sich, soviel die
Geschäfte es nur erlauben, um das geistige Leben der Stadt, in der man nun
einmal wohnt. Ist das ein Verdienst? Ich weiß es nicht. Für mich ist es ein
inneres Bedürfnis. Von Zeit zu Zeit kommt es über mich. Ich verschließe dann
den Landleuten, die meinen Rat suchen, die Tür meines Geschäftskabinetts; und
dort ganz hinten im Hause, wohin der Lärm der Welt nicht dringt, blicke ich
empor nach den Eingebungen, die mich suchen.“
Er legte, eine Hand am Ohr, das Gesicht nach oben. Seine lauschende Haltung
benutzte der Kapellmeister, um weiterzusprechen.
„Ich bin ein Dorfkapellmeister, der eine Oper schreibt. Wie viele mögen
gleichzeitig mit mir an einer Oper schreiben! — und doch, ich fühle eine Musik
in mir, nach der es ein ganzes Volk verlangt, und manchmal, inmitten des Fiebers
der Arbeit, meine ich in der Ferne das dumpfe Geräusch dieses Volkes zu hören,
das wartet.“
„Und Sie, Herr Savezzo?“ fragte Flora Garlinda.
„Ganz so!“ sagte er, fuhr sich durchs Haar und dachte, daß er wohl daran
getan habe, in der Nacht das weiche Kopfkissen fortzulegen, denn nun waren die
gestern gebrannten Locken noch unzerstört. „Ganz so! Als ich über die
Freundschaft meine Abhandlung, nein, mein Gedicht in Prosa schrieb, sah ich
fortwährend die Mitglieder unseres Klubs vor mir sitzen und vernahm das
beifällige Gemurmel. Vorne saßen die Damen und gerade unter meinem Podium
die schöne Alba Nardini: alles, wie es dann wirklich kam, nur daß Alba bloß ihr
Dienstmädchen schickte. Aber sogar die Limonade hatte ich schon im Geist
erblickt.“
„Der Ehrgeiz!“ sagte der Kapellmeister. „Der Ehrgeiz ist eins mit dem Drang
zu beglücken, und Ruhm und Liebe sind das gleiche. Sie verstehen mich, Flora
Garlinda! In die Welt hinausfahren, in die großen Städte, über das Meer; mein
Werk dirigieren und, indes sie jubeln, fühlen, daß ich spende! Nirgends fremd,
überall schon bekannt sein durch die Taten meiner Seele und, nun ich erscheine,
tausend Geliebte vorfinden, die mir danken!“
„Tausend Geliebte!“ — und der Savezzo stieß ein Freudengelächter aus. „Ich
sage nicht nein, da ich mir in dieser Beziehung manches zutraue. Aber auch das ist schon etwas, wenn nach meinem Vortrage über die Freundschaft eine gewisse
Dame, die Ehre verbietet mir, zu reden, aber eine unserer ersten Damen sich mir
—“
Er schielte auf seine Nase und massierte seine klotzigen Finger, um sie weiß
zu machen.
„Die Herren verstehen sich“, sagte Flora Garlinda und sah, reglos lächelnd,
gerade aus. Der Kapellmeister fuhr, die Hand gespreizt, vom Sitz; aber seine
empörten Worte schienen ihm, noch bevor er sie aussprach, widerlegt durch dies
Lächeln; schwer sank er zurück. Der Savezzo sagte:
„Sie wollten die Flasche, mein Herr? Ich bin der hiesige Vertreter für diesen
Vermouth.“
Er redete weiter; der Kapellmeister dachte: „Ists möglich, daß sie mich mit
diesem verwechselt? Aber sie hat recht; denn wem will ich beweisen, daß ich
ihm nicht gleiche? Die sichtbare Tatsache ist, daß wir beide in einer kleinen
Stadt sitzen und uns besser glauben, als die übrigen. Ich bins wohl gar nicht. Ich
werde nichts können. Meine Trunkenheiten, die von schlechter Musik kommen,
werden mir immer nur Übelkeit hinterlassen, wie der Rausch nach gefälschtem
Wein. Ich will nicht mehr schreiben.“
Er betrachtete ihr Lächeln.
„Das wollte sie! Sie wollte mich demütigen und zur Verzweiflung treiben! Sie
ist böse, ich hasse sie! — und würde doch keinen Menschen so gern an mich
glauben machen wie sie!“
Aus ratloser Pein sagte er:
„Aber Sie selbst, Fräulein Flora Garlinda?“
Sie hob die Schultern.
„Ich? O! ich bin bescheidener als die Herren, weniger überzeugt von meinem
Genie und seinem siegreichen Fluge. Ich werde sehr viel arbeiten: das ist alles,
was ich weiß. Vielleicht werde ich wieder nach Sogliaco zurückkehren,
vielleicht verbringe ich noch Jahre an solchen Orten. Fünf, mag sein sieben muß
ich darangeben, bis ich Mailand erreiche. Dann aber —“
Man sah ihre kleine Faust zittern, so fest ballte sie sie.
„Haben sie mich einmal gehört, werden sie mich nicht wieder vergessen. Ich
werde nicht vom Glück abhängen und werde nicht sinken. Ich bin jung, — und
meine Stimme, mein Reichtum, mein Ruhm, alles, was ich mir erobere, wird
dauern, bis ich alt bin, bis ich sterbe.“
Sie stand auf.
„Ich will meinen Spaziergang machen.“
„Es ist noch zu warm, Sie werden sich schaden“, sagten die Bürger.
Sie lachte und ging.
Der Kapellmeister sah vor sich nieder. „Ihr gehört die Zukunft; darum braucht
sie die Träume nicht, die vorauseilen.“
Der Cavaliere Giordano wandte sich plötzlich um und sagte wie vorhin:
„Aber Sie sind in der schönsten Zeit Ihres Lebens, junger Mann.“
Der Kapellmeister erblaßte . . . Nein, diese selbstgefällige Berühmtheit hatte
wohl nicht Geist genug, um ihn zu verhöhnen.
Die Sonne war fort, der Himmel beschattete sich violett. Die Menge floß rascher
in den Corso hinein und zurück auf den Platz. Um den Brunnen schwenkten sich
lange Reihen von jungen Mädchen, wie Strahlen eines Feuerrades. Plötzlich
stand es still, alles Geschrei brach ab, und durch die Schleier der Dämmerung
schwang sich vom Turm das Ave.
Der Advokat Belotti suchte es zu überschreien; er stellte sich, am Arm des
Tenors Nello Gennari, beim Café ein.
„Der Camuzzi ist früher fortgegangen als sonst!“ schrie er erzürnt. „Was fällt
ihm ein!“ — denn der Advokat vermißte seinen Feind ungern und hielt auf die
Gewohnheiten des andern wie auf seine eigenen.
„Im übrigen,“ sagte er, „die Hühnerlucia, Don Taddeo mit seinem heiligen
Lärm: Sie sehen, mein Lieber, wir führen ein regelmäßiges Leben.“
„Aber die Personen,“ sagte Nello, „die zum Dom gingen, waren nicht
dieselben. Ich weiß es gewiß, ich habe sie beobachtet.“
Der junge Savezzo lehnte an der Mauer und spähte unter seiner wulstig
gesenkten Stirne hervor.
„Ach ja,“ sagte er, „dieser Herr wünschte schon gestern eine der Personen
kennen zu lernen, die in den Dom gingen. Er möge sich merken, daß ihre
Bekanntschaft nicht leicht zu machen ist und daß andere davorstehen.“
„Was meint dieser Herr?“ — und Nello tat einen raschen Schritt.
„Dieser Herr hat mich sehr gut verstanden.“
Darauf schlug der Savezzo einen leichten Ton an.
„Man hat das Fräulein Flora Garlinda allein gehen lassen. Sind wir denn keine
Ritter? Ich werde ihr nacheilen und sie unterhalten, indem ich ihr meinen Vortrag
über die Freundschaft hersage.“
„Was hat er?“ ward gefragt, als er fort war.
„Ich verstehe nicht —“ stammelte Nello. Der Advokat bewegte den
Zeigefinger.
„Das gilt nicht Ihnen, mein Lieber; es gilt mir, dessen Freund Sie sind. Vor
mir aber hat dieser Elende Furcht, weil er sich in gewissen, an die Bauern
gerichteten Zirkularen, die mir zu Gesicht gekommen sind, schon wieder des Advokatentitels bedient hat. Sie müssen wissen, daß dieser Sohn eines
Käseverkäufers, dem man seine Herkunft anriecht, auf der Tür seines
sogenannten Geschäftskabinetts sich den Namen Advokat gegeben hatte, und
daß ich ihm mit einer Anzeige drohen mußte, bevor er das Schild entfernte.
Drum können mich seine Kriechereien nicht darüber täuschen, daß er mich
beneidet und haßt.“
„Er ist ein junger Mann von großem Genie“, wandte Polli ein. Der Advokat
versuchte es zu leugnen, aber man hielt ihm die Erfolge Savezzos im Klub vor.
Darauf erwiderte er:
„Das schönste Genie kann durch gewisse Charakterfehler befleckt werden.“
„Meine Hochachtung der ganzen Gesellschaft“, sagte der Perückenmacher
Nonoggi und schleifte, bei seinem Kratzfuß, den Hut über den Boden.
„Mein Kompliment insbesondere dem Herrn Advokaten!“
Er dienerte immerfort vor Italia und grimassierte dabei, daß die blutigen
Rinnsel in seinem Gesicht umherflogen.
„Eh! eh!“ machte der Advokat, und alles an ihm dehnte sich.
„Wenn ich gewußt hätte,“ versicherte der Barbier und drückte die Pickelflöte
fester unter seinen Arm, „ich wäre gekommen und hätte den Herrschaften ein
Ständchen gebracht.“
„Auch Sie sind ein Künstler, Nonoggi?“ fragte der Bariton Gaddi.
„Dem Herrn zu dienen. Hier üben alle die Kunst. Wären nur nicht Unwürdige
darunter! Ich weiß wohl, wen ich meine.“
„Ihr meint den Chiaralunzi“, sagte der Apotheker. „Aber wir alle wissen, daß
er ein sehr braver Mann ist.“
Der Barbier hüpfte auf.
„Der Schneider — ein braver Mann? Ach ja! Wenn es sich darum handelt,
Rechnungen zu machen, ist er brav. Wenn es gilt, einen verschnittenen Rock
dem Besteller anzuprobieren, ist er brav. Aber Tenorhorn blasen, das lernt sich
nicht beim Wein.“
„Der Chiaralunzi ist der nüchternste von allen.“
„Er? In Spaldine wollen sie ihn nicht mehr zum Aufspielen, weil er mit seiner
Bande zu viel trinkt.“
„Da haben wirs“, bemerkte der Advokat. „Ihr neidet euch gegenseitig die
Dörfer, in denen ihr aufspielt. Darum seid ihr Feinde. Das ist nicht schön,
Nonoggi.“
Der Barbier breitete die Arme aus und krümmte sich zu Boden.
„Es wird nicht schön sein; aber der Schneider und ich, wir stehen so
miteinander, wie der Herr Advokat mit dem Herrn Gemeindesekretär.“
Der Advokat legte den Kopf zurück.
„Das ist etwas anderes, mein Freund. Bei uns ist es die Verschiedenheit der
Ideen! . . . Da kommt er, euer Feind. Um euch zu versöhnen, werden wir euch
beiden einen Vermouth anbieten.“
„Ohne die Herren beleidigen zu wollen, aber dieser Vermouth wäre mir zu
bitter. Meine Hochachtung der Gesellschaft! An der Ecke erwarten mich der
Tapezierer und mein Schwager Coccola. Wir gehen schon hinauf, Maestro!“
„Wie?“ fragte der Kapellmeister aufschreckend.
Der Schneider Chiaralunzi kam mit seinem Horn und einer Federboa. Auf
seiner großen Hand, die er offen hielt, um das zarte Ding nicht zu drücken, und
weit von sich streckte, damit es ihn nicht einmal streife, balancierte er sie Schritt
für Schritt. Von der Anstrengung war er außer Atem.
„Das Fräulein Flora Garlinda ist fortgegangen?“ fragte er und setzte das Horn
auf das Pflaster, um den Hut zu ziehen. Die Boa ließ er nicht aus dem Auge.
„Die Herren mögen entschuldigen, aber wohin ist das Fräulein gegangen?
Gewiß bleibt sie wieder lange aus; auch gestern tat sie es, und in der Nachtluft
wird sie sich erkälten. Ich will ihr etwas bringen, um wenigstens den Hals zu
schützen.“
„Und die Probe?“ fragten sie ihn. Er bedachte und sah die Boa an.
„Ja, die Probe.“
„Sie muß schon ein gutes Stück Weg gemacht haben, Ihre Flora“, sagte der
Tabakhändler. Plötzlich stand der Kapellmeister auf. Er war rosig bewölkt und
streckte die Hand hin.
„Geben Sie sie mir, Chiaralunzi! Ich bringe sie ihr. Es macht nichts. Ohnedies
gehe ich ein wenig Luft schöpfen.“
„Aber — die Probe? Sie sind der Maestro!“
Der Kapellmeister griff sich an die Stirn und setzte sich wieder.
„Ich vergaß . . . Ich dachte an etwas anderes . . . Es war nur ein Einfall.“
Der Gevatter Achille erbot sich, die Boa in seinem Lokal aufzubewahren. Der
Schneider sprang entsetzt zurück.
„Im Café! Was denkt Ihr denn?“
Alle mußten ihm zureden. Endlich ging er selbst hinein, hängte seinen Schatz
an das Kleidergestell, trat davor von einem Fuß auf den anderen, zerrte
abwechselnd am linken und am rechten Ende seines rostroten, baumelnden
Schnurrbartes.
„Man wird sie anfassen. Hier kommen zu viele Leute“, entschied er endlich
und nahm sie herab. „Das beste wird sein, ich trage sie wieder nach Haus.
Entschuldigen die Herren!“
Sein Horn ließ er stehen, legte sich die Boa über beide Hände und trug sie
Schritt für Schritt die Gasse zurück, die er gekommen war. Hinter ihm zuckten sie die Achseln.
„Verliebt, der Arme!“
„Die Orchesterpartitur“, sagte der Kapellmeister, „liegt noch in meiner
Wohnung, ich muß eilen.“
Der Cavaliere Giordano stand rasch auf.
„Wir haben denselben Weg, Maestro. Denn Sie kommen wohl am Gasthaus
vorbei?“
Aber schon, als sie den Corso erreichten, sagte er:
„Ich gehe noch nicht zum Essen. Ob jetzt oder später, ich werde dabei allein
sein. Die Italia bleibt sicher mit ihrem Advokaten zusammen, Gaddi hat seine
Familie, Flora Garlinda begnügt sich mit dem Diner der Schneidersfrau, und
Nello, ich weiß nicht, wo der Junge immer steckt. Ich könnte zu meiner
Hausfrau, der kleinen Camuzzi, gehen; aber, Maestro, es kommen Zeiten, die Sie
noch nicht begreifen, wo die Nähe junger Frauen voll Bitternis ist. Wenn Sie
wollen, werfe ich einen Blick in das Manuskript Ihrer Oper.“
„Cavaliere . . . ich weiß nicht . . .“
Der Kapellmeister griff sich an den Hals.
„Sie wären der erste, der es zu sehen bekäme . . .“
Der alte Tenor lächelte mild.
„Ich habe schon andere zu sehen bekommen und, es ist lange her, sogar die
von ihm selbst geschriebenen Noten des großen Maestro Rossini, — die er mir
geschenkt hat.“
Nach einem Schweigen murmelte der Kapellmeister:
„Sie sind ein berühmter Mann . . . Ich fühle mich geehrt.“
Vor der Unterpräfektur stand Rina, die kleine Magd des Tabakhändlers, und
sah erschreckt und glücklich dem Kapellmeister entgegen. Da er vorbeikam, hob
ihre kleine rote Hand sich wie von selbst ein wenig von der Schürze und blieb,
von ihm unbemerkt, in der Luft stehen. Der Cavaliere Giordano wandte lange
den Kopf nach ihr. Sie hatte die Zähne in die Lippe gedrückt und starre, feuchte
Augen.
Am Ende des Corso bogen sie nach dem steilen Platz ein, mit dem Wirtshaus
„zu den Verlobten“ und der Schmiede. Über dem Bruchstück der alten
Stadtmauer, die zwischen den letzten Häusern stand wie ein großer Efeustock,
sah rauh der braune Berg herein. Der Kapellmeister zeigte auf das Dach der
Schmiede.
„Dort oben.“
Der Gipfel des Daches trug einen kurzen, breiten Aufsatz mit einer
geschwungenen Haube, Fenstern, beinahe so groß wie die Wände, und den
heitersten Arabesken aus Gips. Als sie das dunkle Haus erklommen hatten:
„Hier werden Sie sogleich wieder Atem erlangen, Cavaliere. An Luft fehlt es
hier nicht.“
Der Alte bat im Gegenteil, vor der Zugluft zu schließen.
„Sie haben recht, es bläst zu allen Seiten herein. Im Winter werde ich es in
meinem Bett ein wenig kalt haben. Aber das macht nichts. Tagsüber ist mir oft
fast zu warm von meinen Gedanken. Ich laufe durchs Zimmer, wie viel
tausendmal wohl; überall scheint der Himmel herein; mir ist, als laufe ich durch
den Himmel; — und aus den Glockentönen, die mir darin entgegenschweben,
aus dem Gehämmer der Schmiede, aus allem wird Musik. Aber vielleicht ist es
schlechte?“
Er zog das Manuskript hervor, wog es in den Händen und, rosig bis unter die
Barthaare, lieferte er es aus. Der andere blätterte und bewegte die Lippen. Der
Kapellmeister hielt nicht stand.
„Ich spiele es Ihnen vor. Ich spiele Ihnen den zweiten Akt vor, wenigstens den
Schluß, wenigstens das Duett. Sie müssen es anhören!“
Er setzte sich vor das Klavier und sprang wieder auf.
„Nur ein einziger Stuhl! Was tun? O! Cavaliere, Sie wollen wirklich —? Aufs
Bett? . . .“
Nach dem letzten Akkord sah er noch auf die Tasten und regte sich nicht. Der
berühmte Sänger klatschte leicht in die Hände und sagte:
„Bravo, Maestro!“
Darauf atmete der Kapellmeister wieder.
„Es gefällt mir, ich möchte versuchen, die Partie des Tenors zu improvisieren“
— und der Cavaliere stand schon da und schlug mit dem Zeigefinger den ersten
Ton an.
„Machen Sie den Bariton, Maestro! O! Ohne Komplimente. Es wird dunkel,
aber hier oben sieht man noch genug. Beginnen wir!“
Noch als es aus war, hatte der Kapellmeister die Miene des Lauschens.
Endlich sah er, rosig lächelnd, auf.
„Cavaliere, ich danke Ihnen, Sie haben mich heute glücklich gemacht.“
Die Stimme des Alten war nicht mehr hohl gewesen. Sie war stark: „Wo habe
ich heute morgen meine Ohren gehabt?“ Nie hatte sie tremoliert. Der
Kapellmeister schüttelte noch immer die Hand seines Sängers.
„Niemand hat diese meine Musik gesungen wie Sie!“
Er hatte vergessen, daß überhaupt noch niemand sie gesungen hatte. Mit
immer neuem Entzücken:
„Das Crescendo, das Sie eingeführt haben, tut die beste Wirkung!“
Der alte Tenor lächelte klug.
„Ganz dasselbe sagte mir auch der Maestro Verdi, als ich mir im ‚Don Carlos‘ das Crescendo erlaubte, das seither alle singen.“
„Ihm selbst haben Sie vorgesungen!“
„Ich war bei ihm in Busseto, ich stand neben ihm, der sein Werk für mich
spielte, wie nun Sie das Ihre, Maestro.“
„Ein Verdi!“
Der Kapellmeister sprang auf und lief durch das Zimmer. Der Cavaliere
Giordano trat an das Fenster.
„Hier hat man einen weiten Horizont“, bemerkte er. „Die vielen Dächer
bergab, und in der Dämmerung drunten, weithin verstreut, die Lichter. Sie haben
es gut, Maestro, Sie sind jung.“
„Wenn es nicht dunkel wäre, würden Sie sogar zwischen jenen blauen
Nebelwänden, die Berge sind, das Meer erkennen. Ich habe es bei meiner Arbeit
immer vor mir, als das Zeichen und das Versprechen meiner Zukunft, eines
weitreichenden Schicksals, der Unendlichkeit des Ruhmes!“
„Gewiß ist es Ihnen bestimmt, Maestro, über das Meer zu fahren und mit
Säcken voll Dollars zurückzukehren.“
„Sie waren drüben, Cavaliere.“
Der berühmte Tenor bewegte die Hand, als schöbe er dieses Erlebnis zu den
geringeren.
„Meine besten Jahre hatte ich in Rußland. Um mich in Petersburg singen zu
hören, bestellten die Leute telegraphisch Plätze von Moskau aus und von der
Krim. Während der ‚Gioconda‘ kam der Kaiser zu mir auf die Bühne; und am
Abend meiner letzten Vorstellung schickte er eine Militärkapelle vor mein Haus
und eine an den Eingang des Theaters. Das alles aber ist nichts, wenn ich mich
erinnere, wie es war, als ich zwanzig war. Zusammen mit dem Mustafà und dem
Rosati sang ich zu Rom in der Kirche Santa Maria in Vallicella den Sant’
Eustachio, ein Oratorium des Maestro Salvatore Capocci: und wie ich fertig war,
begannen die Gläubigen wütend zu klatschen und ‚bis‘ zu schreien. Die
bewaffnete Macht mußte eingreifen und sie beruhigen.“
„Als Sie zwanzig waren“, wiederholte der Kapellmeister.
„Ja“, sagte der Alte; und als sei er allein:
„Es ist nun bald fünfzig Jahre her.“
Der Blick des jungen Mannes streifte hinüber, wo er so lange das Meer und
die große Ferne gewußt hatte. War es noch dort? Ihm schien auf einmal unnütz,
es zu suchen. Dieser Alte hatte es befahren; er war zurückgekehrt, und was blieb
ihm? Er sang hohl und zitternd, vorhin nicht anders als sonst. „Nur das Glück,
meine eigene Musik gesungen zu hören, bestach mein Gehör, — und vielleicht
wollte ers bestechen?“ Dem Kapellmeister kam der Verdacht, der Cavaliere
Giordano habe dieses Zusammensein in der Absicht herbeigeführt, ihn sich milder zu stimmen. „Es ist wahr, ich habe ihn auf der Probe bloßgestellt vor den
andern. Welches Elend! Ich durfte das: ich, ein Anfänger, — und seinen Namen
kannte eine Welt.“ Er war froh der Dunkelheit, die diesen alten Mann nicht
sehen ließ, wie tief er errötet war: über sich, über ihn, über den menschlichen
Stolz.
„Ich muß eilen“, murmelte er. „Das Orchester wartet auf mich.“
Der Cavaliere Giordano stolperte auf der Treppe.
„Lassen Sie sich Zeit, Cavaliere, und entschuldigen Sie mich.“
Der Alte sputete sich, um mitzukommen, um noch einige Minuten lang nicht
allein zu sein. Aber er blieb zurück.
An der Ecke beim Wirtshaus „zu den Verlobten“ trat, als der Kapellmeister
heranstürmte, die kleine Rina aus dem Schatten und rief etwas. Er war schon
vorüber und rief zurück:
„Ein andermal. Ich bin aufs höchste beschäftigt.“
Er erreichte den Corso und zog im Laufen den Hut, denn in die Gasse drüben
bogen der Advokat Belotti, der Tabakhändler Polli und der Apotheker
Acquistapace ein. Sie drohten ihm mit dem Finger und stießen sich an.
„Ah! der Maestro. Wer weiß, von welchem Abenteuer er kommt.“
Sie selbst waren auf der Suche. Von Zeit zu Zeit blieben sie unter einem
Hause stehen, und einer von ihnen flüsterte:
„Dort oben wohnt eine.“
„Auch hier habe ich eine einquartiert“, bemerkte der Advokat ein Stück
weiter; und alle drei gaben ein angeregtes Glucksen von sich. Die Reihen der
alten, schwarzen, von seltenen Lichtern geröteten Häuser mit ihren schweren
und verzierten Portalen, aus denen es nach Gewürzen oder Handwerk roch, mit
ihren Balkonen, eng wie Kanzeln, ihren vergitterten Fenstern und den weit
vorstehenden Dächern, worunter in offenen Speichern Maiskolben und Reisig
trockneten: diese schmalen Steinläufe und ihre winklig umschatteten
Erweiterungen, die schon der Fuß der Bürger an den Schäden des Pflasters
wiedererkannt hätte, sie schienen ihnen verwandelt. Das alles machte sie wieder
neugierig, wie als Kinder. Sie hoben sich auf die Fußspitzen, um über die rote
Gardine hinweg in ein Schenkenzimmer zu spähen, wo Choristinnen mit ihren
Kameraden saßen, und sie berieten darüber, ob die Paare, die
zusammenwohnten, wirklich verheiratet seien. Als der Tischler Vittorino
Baccalà, im Arm ein ganz kleines, buntes Geschöpf, das Haus bei der nächsten
Laterne betrat, seufzte der Tabakhändler und sagte dann:
„Er hat recht.“
„Auch für andere ist noch etwas da“, erklärte der Advokat und klopfte ihn auf
die Schulter.
„Aber woher kommen sie alle?“ setzte er hinzu, denn dort hinten schlüpften
schon wieder zwei durch einen Lichtstreif. „Man weiß doch, daß es nur dreizehn
sind, und die ganze Stadt scheint voll von ihnen.“
„Überall riecht es nach Puder“, sagte der Apotheker mit seiner biederen
Stimme. Die anderen beiden schnupperten.
„Sie verlieren ihn in der Luft,“ sagte der Advokat, „wie Insekten ihren
Flügelstaub“ — und er sah sich um, denn ihm war, als schlüge über ihm ein
Flügel. Ja, wirklich, auf dem niederen Balkon des Hauses Filiberti fächelte sich
eine: eine große, — und jetzt roch man sie auch. Hinter ihr aber verschwand ins
Dunkel ein Mann; wer war es? Der Tabakhändler hatte ihn erkannt.
„He! Olindo! Willst du hervorkommen!“ — und er stieß mit dem Zeigefinger
nach dem Pflaster.
„Soll ich dich holen, du frecher Bengel?“
Der junge Polli zeigte sich am Gitter.
„Papa,“ stotterte er, „das Fräulein wünschte Räucherkerzen gegen die
Mücken, und weil der Laden zu war, habe ich sie ihr gebracht.“
„Augenblicklich kommst du herunter!“
Der junge Mensch wand sich umher. Man sah seine roten Haare und das
verstörte Liderklappen in seinem kalkigen Gesicht. Die Choristin stieß ihn, laut
lachend, an.
„So gehen Sie doch zu Ihrem Papa!“
Darauf verließ er den Balkon. Der Tabakhändler erklärte:
„Das denn doch nicht! Wenn diese Damen anfangen wollen, uns die Söhne zu
verführen, dann mag die Kunst zum Teufel gehen.“
Der Advokat warnte vor Übertreibungen; man reize die Instinkte der
Zwanzigjährigen, wenn man sie in die Kinderstube sperre. Da erschien Olindo,
vorsichtig abgewendet, unter der Tür und schlich dicht an der bauchigen
Rundung des Hauses hin.
„Ah! er will entwischen.“
Der Vater mußte aufhüpfen, um den Sohn an den Schultern zu packen. Aus
Ehrfurcht machte Olindo es ihm leichter, indem er sich bückte, — und nun
schleppte Polli den Besiegten am Rockschoß herbei.
„Ein Hosenmatz, der den Frauen nachstellt! Ein neuer Typus! Jetzt kommen
mir auch Vermutungen darüber, weshalb heute die zehn Trabukos verschwunden
waren. Sie sind also doch verkauft, und das Geld war wohl für diese Dame
bestimmt. Da hast du, da hast du! — und sage zu Hause deiner Mutter, ich ließe
sie bitten, dir von derselben Sorte zu geben.“
Mit einem Fußtritt, für den er ihn vorher zurechtstellte, schickte Polli den
Sohn von dannen. Erst beim Trocknen des vergossenen Schweißes bemerkte er
das Gelächter, das ihn umgab. In das Gebrüll des Apothekers und das Keuchen
des Advokaten stießen Kreischtöne vom Ballon. Dem Tabakhändler ward angst.
„Seid vernünftig“, bat er, „und weckt nicht alle Weiber auf. Sie liegen schon
halbnackt in den Fenstern. Schickt solche Szene sich für Leute, wie wir sind?
Kommt fort!“
„Aber es ist geradezu die Schönste“, sagte der Advokat und war nicht vom
Fleck zu bringen. „Dein Sohn hat sich geradezu die Schönste ausgesucht: die mit
den gelben Haaren. Schon heute nachmittag sah ich ihn mit ihr auf dem Platz.
Du hast recht, Polli, daß das nichts für Hosenmätze ist. Aber mit uns“, flüsterte
er durchdringend hinauf, „wird das Fräulein vielleicht im Gasthaus „zum Mond“
ein kleines gutes Souper einnehmen wollen. Ich bin der Vorsitzende des
Theaterkomitees und kann Ihnen nützlich sein.“
„Dann bin ich sofort bei Ihnen, meine Herren“, erwiderte sie. Man sah sie
drinnen im Schein einer Kerze den Puderquast schwingen. Die Röcke raffend,
die raschelten, erschien sie auf der Schwelle und streckte die Hand sogleich dem
Tabakhändler hin.
„Ihr Sohn ist ein Kind“, sagte sie; „Sie aber, mein Herr, sind ein wirklicher
Mann.“
„Wir wollen es hoffen“, erwiderte er mit grober Stimme und einem Lächeln,
das sich unwiderstehlich entfaltete. Dann besann er sich darauf, ihr den Arm zu
bieten. Der Advokat mußte mit dem Apotheker hinterhergehen. Er schnaufte.
„Dieser Polli hat mehr Glück, als ihm zukommt“ — und lauter:
„Fräulein, ich hatte schon von Ihnen gehört, denn Sie sind die Schönste, und
ich habe Ihr Engagement durchgesetzt.“
Sie wandte sich über die Schulter ihres Begleiters nach ihm um.
„Ah! der Herr ist der berühmte Advokat Belotti. Ich bin glücklich, mein Herr,
Ihre Bekanntschaft zu machen.“
Plötzlich streckte sie ihm die Zunge heraus, — und rasch machte sie sich
wieder an Polli, zu dem sie sich achtungsvoll bückte, wie Olindo getan hatte.
„Welch ein Weib!“
Der Advokat ward zu einer Geste hingerissen, für die kein Raum war; er
schlug heftig gegen die Mauer. „Au au! . . . Ich fühle, daß ich Tollheiten für sie
begehen könnte.“
Der Apotheker sagte vorwurfsvoll:
„Und dabei wirst du von einer Frau wie die Italia geliebt! Denn die Italia, ich
scheue mich nicht, es zu sagen, hat etwas Göttliches, das dieser hier trotz ihren
gelben Haaren fehlt.“
„Soll ich dir etwas sagen?“
Der Advokat drückte den Arm des alten Kriegers.
„Nimm dir die Italia! Ich lasse sie dir. Ich fühle, daß ich nicht werde treu sein
können, weder ihr noch einer andern. Mich verlocken sie alle, ich schrecke vor
dem Wort nicht zurück: alle. Die Beständigkeit des Bürgers hat mich im Grunde
immer gelangweilt; ich war zur Lebensweise des Künstlers geboren, ich, und
jetzt entdecke ich mein Temperament.“
Damit ließ er den Freund auf seinem Holzbein weiterstelzen, wie es ging, und
eilte dem gelben Schopf nach und den breiten schaukelnden Hüften, die im
Corso verschwinden wollten.
Als Polli und der Advokat, die Choristin zwischen sich, auf dem strohbesäten
Platz vor dem Gasthause anlangten, begannen beide zu schreien. Polli schlug auf
einen Tisch.
„Jemand soll kommen! Da sind Leute, die etwas trinken wollen.“
Der Advokat stellte die Hände um den Mund.
„Ah! Malandrini, es wird Zeit, daß du dich zeigst, denn wir brauchen ein
kleines feines Souper. Zuerst Salami und Schinken, dann eine gehörige Schüssel
voll Makkaroni, eine von den Schüsseln, worin du die ganzen Ferkel aufträgst;
dann Escaloppes in Madeira . . .“
„Sie werden zufriedengestellt werden“, sagte der Wirt und dienerte speckig.
„Meine Frau wird für eine solche Gesellschaft sogar Hühner à la Villeroy
machen, was eine schwierige, aber glänzende Sache ist.“
„Und Leber in Öl will ich“, erklärte das Mädchen.
„Leber in Öl, deine größte Pfanne, Malandrini!“ empfahl der Advokat, als der
Wirt schon ins Haus lief, und Polli schrie hinterher:
„Sorge für den Zabajone!“
Der Apotheker hörte es von draußen und rief über den Hof:
„Ich werde die Eier schlagen und den Marsala hineinmischen. Niemand gibt
dem Zabajone die richtige Dicke als nur ich!“
„Was schreit er?“ sagte hinten im Corso Italia Molesin zu Nello Gennari. Er
zuckte die Achseln.
„Sie werden sich betrinken wollen.“
„Und der Advokat schwänzelt um die gelbe Gina herum! Ist dieser Mann denn
unermüdlich?“
„Unsere Ankunft“, sagte Nello, „hat belebend gewirkt auf die Einwohner
dieser Stadt. Auf einmal ist ihnen der Mut gekommen, ihre Laster in Freiheit zu
setzen.“
„Ob das nicht abscheulich ist! Da glaubt man für sechs Wochen Ruhe
gefunden zu haben. Ich war entschlossen, ihm treu zu bleiben; und nun, am
selben Tage noch —“
Italia hatte eine feuchte Stimme.
„Diese Leute zwingen uns, ein unmoralisches Leben zu führen.“
„Wem sagst du es“, erwiderte der junge Mann mit geschlossenen Zähnen.
„Aber dich hat doch niemand betrogen?“ fragte sie. Er murmelte:
„Nur ich selbst mich. Ich nahm mir ein zu hohes Ziel. Zu Großes mutete ich
mir zu. Ich hätte reiner sein müssen, als ich bin.“
„Ich verstehe dich nicht.“
„Ach, auch ich habe der Forderung einer dieser Bürgerfrauen nachkommen
müssen.“
„Als ob wir dafür engagiert wären!“
„Ja, wir sind da, sie lustig zu machen. Es ist ein Handwerk für Hunde.“