Die Könige der Elben, Zweiter Band der Elben-Trilogie

Alfred Bekker · Kapitel 1 von 4 · Teil 1/4

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Die Könige der Elben, Zweiter Band der Elben-Trilogie

Erstes Buch

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 4 Teile geteilt.

EIN KÖNIG

Die Schlacht an der Aratanischen Mauer verlief für beide Seiten so verlustreich) dass daraufhin für ein ganzes Zeitalter niemand in der Lage war, erneut einen Krieg zu entfachen.

Das galt sowohl für das Elbenreich unter König Keandir als auch für die Menschen, die man in jener Zeit Rhagar nannte, obgleich es auch damals schon kultiviertere Völker unter diesem Geschlecht gab, die es nicht verdienten, mit den Rhagar gleichgesetzt zu werden. Doch während dieses Zeitalters des Friedens konzentrierten beide Seiten einen Großteil ihrer Ressourcen auf die Vorbereitung des nächsten Krieges. Traditionsgemäß wurde dies damit begründet, dass diese Maßnahmen den Frieden erhalten sollten. Den kurzlebigen Menschen konnte sich diese sich stets

wiederholende Ironie der Geschichte nicht erschließen, doch auch die langlebigen Elben handelten entsprechend.

Dennoch fragte sich König Keandir immer öfter, ob er tatsächlich sein Schicksal selbst erschuf, wie er nach dem Kampf gegen den Furchtbringer auf der Insel des Augenlosen Sehers geglaubt hatte. Immer häufiger wurden ihm die Verstrickungen eines neuen Schicksals bewusst. Im Süden des Zwischenlandes bildeten die Menschen unterdessen neue Reiche, mächtigere als je zuvor – Kossarien, Karanor, Aybana, Haldonia und das Kaiserreich der Südwestlande, von dem sich das Reich des Seekönigs von Ashkor und Terdos später in einem blutigen Krieg abspalten sollte. Uneinigkeit und die Lust, einander zu töten und Krieg zu führen, waren die größten Feinde der Rhagar. Inzwischen schüchterten sie sich gegenseitig weit mehr ein, als es die Armee der Elben vermocht hätte, die unter dem Befehl des Prinzen Sandrilas stand, und viele von ihnen beteten zum Sonnengott, auf dass er ihnen seinen zweiten Sohn schicke, um sie anzuführen. Einen Mann, der die Verheißungen eines Messias mit dem militärischen Genie des Eisenfürsten Comrrm verbinden sollte.

Die Götter von Elben und Menschen aber blieben stumm und griffen nicht in die Geschicke beider Rassen ein. Doch während sich dadurch auf Seiten der Elben die Hoffnung verminderte, wuchs sie auf seiten der Rhagar ins Grenzenlose.

Sie waren sich sicher: Eines Tages würde jemand kommen, sie zu einen, ihre Heere anzuführen und sie erneut gegen die Elben in den Krieg ziehen zu lassen.

Es war König Keandir bewusst, dass die Elben von Elbiana auf diesen Tag vorbereitet sein mussten, wenn sie nicht untergehen wollten.

Der Chronist von Elbenhaven

Die Flotte der Elben hatte die Küste des Zwischenlandes erreicht, und König Keandir gründete dort ein neues Reich. Er nannte es Elbiana, und seine Hauptstadt wurde das prächtige Elbenhaven. Über Zeitalter hinweg beherrschten die Elben von dort aus das Zwischenland, und das Reich wuchs und wuchs.

Keandir blieb der König aller Elben. Er selbst regierte über Elbiana und setzte in Nordbergen, Nuranien und Elbara Herzöge ein, die in seinem Namen die Herrschaft ausübten.

» Wenn wir gewusst hätten, dass wir in der glücklichsten Epoche der elbischen Geschichte lebten!« So seufzte später der Namenlose Sänger, der glaubte, durch seine Namenlosigkeit den Namenlosen Göttern ähnlicher zu sein – Götter, zu denen die Schamanen der Elben längst den Kontakt verloren hatten und die ihrerseits wenig interessiert am Schicksal ihrer Gläubigen zu sein schienen.

Das grobe Menschengeschlecht der Rhagar setzte mit ungezählten Schiffen über die südlichen Meere. Sie verließen ihre Heimat in den Sandlanden und ließen sich ebenfalls auf dem zwischenländischen Kontinent nieder. Zuerst verehrten sie die Elben als Götter, und Keandir galt ihnen als der König der Lichtgötter, die für sie unerreichbar weise Wesenheiten waren, denn die Fähigkeiten der Elben überstieg die Vorstellungskraft dieser Barbaren ebenso wie deren lange Lebensspanne.

Doch es kam die Zeit, da die Rhagar erkannten, dass die Elben nur langlebig, aber nicht unsterblich waren, dass sie mit hoher

Selbstheilungskraft gesegnet, aber nicht unverwundbar waren und dass sie zwar von überlegenem Wissen, aber keineswegs gottgleich waren.

Es kam zum Krieg zwischen Menschen und Göttern, zwischen Rhagar und Elben.

Comrrm der Eisenfürst, unter dem sich die Massen der Barbaren zu einem gewaltigen Eroberungszug vereinigt hatten, starb in der alles

entscheidenden Schlacht an der Aratanischen Mauer. Der Eroberungszug der Rhagar fand damit ein Ende, denn es war niemand mehr da, der die Horden der Rhagar erneut zu einem schlagkräftigen Heer hätte einen können. Ihre Toten bedeckten die Ebene von Aratan, und ganze Schwärme von Aasvögeln kreisten über dem Gebiet zwischen dem Zwischenländischen Meer und den ersten Anhöhen von Hocherde.

Aber auch die Elben zahlten einen furchtbaren Preis. Auch ihre Verluste waren ungeheuer hoch, und ihr König Keandir wurde nicht nur schwer verwundet, er verlor auch die Elbensteine während dieser Schlacht. Ein Rhagar-Krieger raffte das Wahrzeichen der elbischen Herrschaft an sich, woraufhin die Steine für lange Zeit unauffindbar waren. Ein böses Omen für die Zukunft von Elbiana…

Das Ältere Buch Keandir

Der Raub der Elbensteine durch einen namenlosen Rhagar aber war ein noch schlimmeres Omen für die Zukunft Elbianas, als es selbst der Tod des Königs hätte sein können!

Sie waren das Symbol des Elbentums und galten als unersetzbar. Sechs waren es an der Zahl, und jeder dieser Steine von unvorstellbarer Reinheit trug einen eigenen Namen: Athrandil, Pathrandil, Cathrandil, Ithrandil, Nithrandil und Rithrandil.

Keandir ließ der Gedanke an diese Steine keine Ruhe. Aber selbst er hätte es nicht für möglich gehalten, dass aus den Symbolen des Elbenreichs einst die Symbole seines Untergangs werden sollten…

Die Verbotenen Schriften

(früher bekannt als: Das Buch Branagorn) O Keandir, mein König und Gemahl!

Ein Jahr lang wachte ich an deinem Lager und half deine Wunden zu heilen, die man dir in der Schlacht an der Aratanischen Mauer schlug.

Die Wunden des Körpers sind verheilt, die Narben der Seele werden bleiben

und den dunklen Schatten wachsen lassen, der dich durchdringt, seit dich

die Insel des Augenlosen Sehers in ihren Bann schlug.

Seine Zauberstäbe hast du in das finsterste Verlies von Elbenhaven verbannt;

ihre Macht wirkt noch immer, und wir ahnen es beide: Das Böse wird sich erheben.

O Keandir, mein König und Gemahl!

Ein Jahr lang wachte ich an deinem Lager, und ich weiß, welche Schatten dich quälen.

Andir und Magolas – die Zwillingskinder unserer unsterblichen Liebe,

die Hoffnungsträger der Elben,

die begabtesten Magier unseres Volkes –

entzweit sind sie wie Feuer und Wasser, zwei Königssöhne, verfeindet bis in den Tod.

Was soll nur werden, wenn ein neuer Krieg heraufzieht und die Mächte der Finsternis sich sammeln?

Was soll nur werden, wenn die Könige der Elben einander mehr hassen, als es die Menschen je vermögen?

Aus den Gesängen Ruwens

1

DIE ELBENSTEINE

Dunkle Wolken hingen in jener Nacht über Aratania, der großen Rhagar-Stadt an der Küste des Zwischenländischen Meeres. Es regnete in Strömen, und ein scharfer Wind blies aus Nordwesten und trieb stetig neue Wolken heran. Wie wabernde dunkle Schatten hingen sie über der Stadt mit ihren verwinkelten Gassen und dem befestigten Palast des Herrschers im Zentrum. Dieser Palast glich einer Trutzburg, deren Mauern alles übertrafen, was die Baukunst der Rhagar bisher hervorgebracht hatte. Um sie errichten zu können, hatte Herzog Krakoon I. einst das gesamte Stadtzentrum niederreißen lassen. Nach fünfzig Jahren Bauzeit hatte sein Sohn Krakoon II. schließlich dort seine Residenz nehmen können. Er war es auch, der für die Herzöge von Aratan künftig den Königstitel beanspruchte.

In Demut vor König Keandir von Elbiana hatten sich die Rhagar-Herrscher von Aratan einst »Herzog« genannt, so wie die Regenten der von Elben bewohnten Nachbarländer Elbara und Nuranien. Aber die Zeiten, da man die Elben als Götter betrachtete, da die Rhagar ihnen nacheiferten und sogar den hellen Klang ihrer Namen nachahmten, waren nur noch Legende, und so war die Krönung von Krakoon II. zum ersten aratanischen König nur folgerichtig gewesen.

Der Mann, der in dieser Nacht sein Pferd zwischen den bis zu vier Stockwerken hohen Häuserfronten entlanglenkte, trug den Mantel eng um die Schultern. Das Wasser troff von der typischen tellerförmigen Lederkappe eines Söldners aus Norien. Erst vor wenigen Jahrzehnten hatte sich die südwestlich an Aratan angrenzende Rhagar-Provinz Norien für unabhängig erklärt und stand seitdem nicht mehr unter der Herrschaft des aratanischen Königs.

Trotzdem vertrauten die Herrscher Aratans im Hinblick auf ihre persönliche Sicherheit nach wie vor eher einer Garde von Noriern als ihren eigenen Landsleuten, was durchaus seinen Grund hatte: Zahlreiche Volksaufstände und Adelsrevolten hatten die Könige Aratans gelehrt, dass man sich besser auf die Söldner aus dem Süden verlassen konnte, deren Loyalität einem sicher war, solange sie ihren Sold bekamen – bis ihnen jemand eine höhere Summe bot. Und um Letzteres zu verhindern, hatten die Könige von Aratan alle Mittel in den Händen, konnten sie doch nach Belieben Gesetze erlassen, die in ihrer Konsequenz dafür sorgten, dass der aratanische Adel zu arm blieb, um sich der Dienste der Norischen Garde versichern zu können.

Der Norier zügelte sein Pferd und ließ den Blick schweifen.

Bei Todesstrafe war es einem Aratanier verboten, die Lederkappe eines norischen Gardisten zu tragen. Die Spitze eines schmalen Langschwerts ragte unter dem Mantel hervor, geschmiedet aus norischem Stahl. Schon früh hatten die Rhagar aus Norien versucht, ihren Stahl so hart und geschmeidig wie Elbenstahl zu machen, und die Form der norischen Schwerter kopierte die elegante Form jener Waffen, wie sie traditionellerweise von den Elben benutzt wurden.

Auch wenn sie weit davon entfernt waren, deren Perfektion zu erreichen, so waren ihre Schwerter doch sowohl von der Form als auch vom Material her besser, härter und leichter zu handhaben als jede andere von Rhagar-Schmieden geschaffene Waffe.

Einen Monat Urlaub vom Dienst in der Königlichen Garde hatte dieser Norier hinter sich. Ein Urlaub, der ihm aus besonderem Anlass gewährt worden war, hatte ihn in die norische Heimat geführt, um am Begräbnis seines Vaters teilnehmen zu können. Seit Generationen dienten die Vorfahren des Noriers den Herrschern von Aratan, schon in jener Zeit, als sich die Herrscher Aratans noch »Herzöge«

genannt hatten und dem Eisenfürst Comrrm auf dessen Eroberungszug gegen die Elben gefolgt waren. Nach seiner aktiven Dienstzeit war sein Vater in die Heimat zurückgekehrt, wo er sich mit seiner Abfindung als Gardist in der Nähe der Küstenstadt Nor niederließ, die der ganzen Provinz ihren Namen gegeben hatte. Den Hof hatte der jüngere Bruder des Noriers geerbt, während ihm selbst etwas hinterlassen worden war, über dessen Besitz er inzwischen schon gar nicht mehr besonders glücklich war.

Der Norier griff unter seinen Mantel. Erneut ließ er den Blick schweifen. Dunkelheit herrschte in den zahllosen Türnischen.

Aus manchen Häusern drangen Stimmen. Musik ertönte aus Tavernen. Eines der Fenster fiel ihm auf. Es war offen –

während überall dort, wo es Fensterläden gab, diese aufgrund der Witterung verschlossen waren.

Eine Bewegung in der Dunkelheit warnte ihn.

In den Jahren als Gardist hatte er einen untrüglichen Instinkt für Gefahr entwickelt. Er duckte sich, obgleich dazu kein fassbarer Anlass bestand. Etwas schnellte durch die Luft.

Ein Pfeil jagte dicht über ihn hinweg. Ein zweiter Pfeil schoss durch die Luft.

Sein Pferd stellte sich wiehernd auf die Hinterbeine. Der Norier riss einen mit Dornen aus norischem Stahl bestückten Wurfring unter dem Mantel hervor und schleuderte ihn dorthin, wo er den Schatten gesehen hatte.

Ein röchelnder Laut drang durch die Nacht, der nichts anderes als ein unterdrückter Todesschrei war.

Ein menschlicher Körper fiel aus dem Fenster und landete schwer auf dem gepflasterten Boden.

Der Norier brachte sein Pferd wieder unter Kontrolle. Er ließ es vorwärts preschen. Die Bewegung in einer der Türnischen bemerkte er nur aus den Augenwinkeln heraus und viel zu spät.

Die Schlinge eines Wurfseils legte sich von hinten um seine Schultern und zog sich zusammen. Ein heftiger Ruck holte ihn aus dem Sattel. Das Pferd preschte voran. Der klackernde Schlag der beschlagenen Hufe hallte zwischen den Häuserfronten wider.

Hart landete der Norier auf dem Boden.

Aus einem halben Dutzend Nischen drangen schattenhafte Gestalten hervor. Im Halbdunkel sah der am Boden liegende Norier die Klinge einer Streitaxt auf sich niedersausen.

Er wich zur Seite. Die Ausbildung der Norischen Garde war besser als die aller anderen Rhagar-Soldaten. Der Norier brauchte in diesen Augenblicken nicht zu überlegen, er folgte einfach den antrainierten Bewegungsabläufen. Dicht neben ihm schlug die Klinge der Axt klirrend auf die Pflastersteine.

Funken sprühten.

Der Norier zog nicht sein in dieser Situation unhandliches Langschwert, sondern eine Waffe, die man den »Norischen Stachel« nannte. Sie glich einem Rapier, das als Stichwaffe eingesetzt wurde, aber das erste Drittel vom Griff aus war breiter und verfügte über eine rasiermesserscharfe Schneide, die bestens geeignet war, um Gegnern die Kehle durchzuschneiden.

Der Norier stieß die Waffe seinem Gegner bis zum Heft in den Leib. Dieser sackte röchelnd in sich zusammen – eine kleine Gestalt, die kaum größer als ein halbwüchsiges norisches Kind war, dabei aber so breitschultrig wie ein Mann.

Sie trug eine Kapuze, deren Schatten verhinderte, dass man ihr Gesicht sehen konnte.

Die Schlinge um des Noriers Schultern zog sich enger, rutschte nach oben und legte sich Augenblicke später um seinen Hals. Jemand zog mit aller Kraft an dem Seil.

Der Norier hatte seine Waffe sofort wieder aus dem Körper des Gegners gezogen. Das Blut troff von der Klinge. Blut, das einer zähflüssigen, klebrigen Masse glich, was den Gardisten stutzig machte. Aber es blieb ihm kaum ein Augenaufschlag lang Zeit, darüber nachzudenken.

Der Gedanke tötet, lautete ein Ausbildungsaxiom der Norischen Garde. Im Kampf musste man schneller handeln, als sich der Gedanke bilden konnte, wollte man überleben. Und so tat der Norier das, was man ihm von frühester Jugend an beigebracht hatte: Er verließ sich auf das Gedächtnis seines Körpers, nicht auf seinen Verstand.

Die Schlinge raubte ihm für einen kurzen Moment den Atem.

Ein scharfer Ruck drohte ihm das Genick zu brechen, aber mit einer gleichermaßen elegant wie kraftvoll ausgeführten Bewegung durchschnitt er mit dem Norischen Stachel das Seil.

Er war frei, rollte sich über den Boden, sodass ihn ein Pfeil knapp verfehlte. Dann schleuderte er den Norischen Stachel in Richtung des Bogenschützen, der von ähnlich gedrungener Statur war wie der Axtkämpfer, den er getötet hatte.

Der Bogenschütze hatte bereits einen weiteren Pfeil eingelegt. Der Norische Stachel traf ihn im Oberkörper.

Zitternd blieb die Waffe in seinem Leib stecken. Der Angreifer ließ den Bogen sinken und brach zusammen.

Der Norier rappelte sich auf und griff zum Langschwert.

Gleichzeitig schüttelte er den Mantel von den Schultern, in den bereits die Axtklinge des ersten Angreifers einen langen Riss geschnitten hatte. Der Mantel behinderte ihn nur und durchnässt war der Norier ohnehin bis auf die Haut.

Fünf Gegner traten ihm entgegen. Sie alle waren von jener gedrungenen Gestalt, wie sie eigentlich für die Gnome aus dem benachbarten, aber sehr unzugänglichen Gebirgsland charakteristisch war, dessen elbischer Name »Hocherde« auch unter den Rhagar noch immer gebräuchlich war.

Die Angreifer hielten Schwerter und Streitäxte, einer auch eine Schleuder. Diesen griff der Norier zuerst an.

Sein Gegner legte ein mit Widerhaken versehenes metallisches Geschoss in die Schleuder. Der Norier wich zur Seite, war aber nicht schnell genug. Das Geschoss erwischte ihn an der Schulter. Nur einen Augenblick später zerhackten zwei diagonal ausgeführte Schwerthiebe des Gardisten sein Gegenüber in Stücke.

Gleichzeitig schnellte einer der anderen Angreifer vor und drang mit seinem Schwert auf den Norier ein. Doch dieser wirbelte blitzschnell herum und parierte die Schläge beinahe mühelos. Ein gezielter Hieb mit dem Langschwert trennte die Schwerthand seines Gegners ab, die mitsamt der Waffe in einem hohen Bogen durch die Luft flog, klirrend gegen eine der Hauswände prallte und dort zu Boden fiel.

Ein weiterer Hieb des norischen Langschwertes trennte dem Angreifer den Kopf von den Schultern, der die leicht abschüssige Gasse hinabrollte.

Dann drehte er sich herum und drosch auf die verbleibenden Gegner ein. Die Wunde an der Schulter schmerzte, und der Norier befürchtete, dass der Metallhaken, der ihn verwundet hatte, vielleicht vergiftet gewesen war, denn ein Taubheitsgefühl begann von der Wunde aus auf seinen gesamten linken Arm auszustrahlen. Mit beiden Händen fasste er das Langschwert und holte zu ein paar wuchtigen Hieben aus.

Er ahnte, dass ihm nicht viel Zeit blieb und er vielleicht schon sehr bald nicht mehr in der Lage sein würde, sich zu verteidigen.

Einem mit einer Axt bewaffneten Angreifer stach er die Schwertspitze in den Leib, einem anderen schlug er zuerst die Unterschenkel weg, ehe er ihn mit einem weiteren Hieb in Hüfthöhe zerteilte.

Die verbleibenden Angreifer flüchteten.

Der Norier griff an seinen Gürtel und zog einen Wurfdolch, der einen der Flüchtenden zwischen den Schulterblättern traf und zusammensinken ließ. Der letzte überlebende Angreifer verschwand in einer Seitengasse.

Der Norier folgte ihm.

Die Gasse war finster und unübersichtlich. Ratten huschten über das Pflaster. Aber ansonsten rührte sich nirgends etwas.

Einige Augenblicke lauschte der Norier noch angestrengt.

Dann ging er zurück. Er wollte keineswegs von der Stadtwache angetroffen werden und deren Offizieren erklären müssen, wie es dazu kam, dass ein halbes Dutzend Gnome tot auf dem Pflaster lag.

Der Norier kehrte zu den Toten zurück und steckte sein Schwert ein. Das Gefühl der Taubheit verstärkte sich. Ein Kribbeln durchlief, ausgehend von der Wunde, seinen gesamten Körper. Vorsichtig betastete er die Stelle an der Schulter, wo ihn der Haken gestreift und sowohl seine Kleidung als auch seine Haut aufgerissen hatte.

Erstaunlicherweise blutete sie kaum noch.

Dann schaute er hin zu der noch immer um den Schwertgriff gekrallten Hand, die er einem der Angreifer abgetrennt hatte.

Er verengte ungläubig die Augen.

Man hatte nicht viel Kontakt zu den Gnomen von Hocherde.

Nur gelegentlich kamen ein paar Händler von dort bis Aratania, und umgekehrt verschlug es Rhagar so gut wie nie in die unzugänglichen, verwunschenen Hochebenen und Schluchten von Hocherde. Viele glaubten, dass Hocherde ein Ort war, an dem böse Geister und abgrundtief-böse Dämonen ihr Unwesen trieben, deren verfluchte Seelen durch die Felsspalten aus dem unterirdischen Reich der Tiefe an die Oberfläche drangen, und trauten sich schon allein deswegen nicht in dieses unzugängliche Land.

Aber so wenig über die Gnome auch bekannt sein mochte, eines wusste auch der norische Gardist mit Sicherheit: Man hatte noch nie von Gnomen gehört, die sechs Finger hatten!

Der Norier blickte sich um. Er musste wachsam bleiben.

Schon während seines Rückwegs entlang der Küstenroute von Nor nach Aratania hatte er stets das Gefühl gehabt, verfolgt zu werden, und er ahnte, dass das alles möglicherweise mit dem Erbe zusammenhing, dass ihm sein Vater hinterlassen hatte: einem Beutel Edelsteine, die von unglaublicher Reinheit waren und manchmal auf eine Weise zu leuchten begannen, die nicht zu erklären war.

Der Norier ging die Gasse bis zu ihrem Ende, wo er sein Pferd fand. Das Kribbeln durchlief inzwischen vor allem seine linke Körperhälfte, während es aus der rechten fast verschwunden war. Er war kaum in der Lage zu gehen, ohne dabei wie ein Betrunkener zu schwanken. Als er schließlich das Pferd erreichte, hielt er sich am Sattelknauf fest. Er schloss für einen Moment die Augen. Ihm war schwindelig. Plötzlich glaubte er etwas zu hören.

Stimmen.

Namen.

Silben, die nichts bedeuteten.

Er drehte sich um und begriff, dass da niemand war, der zu ihm sprach, sondern dass diese Stimmen in seinem eigenen Kopf herumspukten wie Geister.

Athrandil.

Pathrandil.

Der Norier erkannte sie wieder. Schon während seines Ritts die norische Küste entlang hatte er diese Stimmen immer wieder gehört. Er erkannte auch die Namen wieder, und ein Gefühl verband beides mit den Steinen, die er geerbt hatte.

Cathrandil, Ithrandil, Nithrandil, Rithrandil…

Sechs Namen waren es, die immer wieder durch seinen Kopf geisterten, ohne dass er sich dagegen hätte wehren können. Es wird Zeit, dass ich die Steine loswerde, dachte er.

Sein Ururgroßvater hatte in der Schlacht an der Aratanischen Mauer in den Diensten des damaligen Herzogs von Aratan gestanden, dessen Truppen den Eroberungszug des Eisenfürsten Comrrm unterstützt hatten. Ein einzelner Krieger in einem gigantischen Rhagar-Heer, das den Abwehrwall der Elben an der Grenze zum Herzogtum Elbara angegriffen hatte.

Eine Schlacht, wie es sie in einem Jahrtausend nur einmal gab.

Und jener unbedeutende Krieger, dessen Name keine Chronik verzeichnete, hatte sich unsterblichen Nachruhm in zahllosen Legenden geschaffen, die man seither über ihn erzählte.

Legenden, die allerdings variierten, sodass nicht ganz klar war, was sich wirklich damals auf dem Schlachtfeld zugetragen hatte. Aber der entscheidende Punkt war, dass dieser Krieger –

Mitglied der Norischen Garde wie sein Ururenkel – einen Beutel mit leuchtenden Steinen an sich gebracht hatte, den König Keandir als Symbol seiner Macht und seines Herrschaftswillens um den Hals getragen hatte.

Die Elbensteine…

In der Familie des Noriers waren sie wie ein Vermächtnis von Generation zu Generation weitergegeben worden. Als magischer Glücksbringer hatten manche von ihnen sie in den Kriegen, die sie für die Herzöge und später für die Könige von Aratan ausgefochten hatten, bei sich getragen, immer gut verborgen unter einem dicken Lederwams, sodass das Leuchten, das sich bisweilen einstellte, nicht nach außen drang. Denn das hätte nur Begehrlichkeiten geweckt und dazu geführt, dass die Steine früher oder später gestohlen worden wären. Selbst die Kameradschaft innerhalb der Norischen Garde hatte ihre Grenzen.

Jener Krieger, der die Steine auf dem Schlachtfeld an der Aratanischen Mauer einst an sich genommen hatte, war von ihrer magischen Wirkung überzeugt gewesen. Mochten die Elben in Wahrheit keine Götter und nicht einmal annähernd so mächtig sein wie der Sonnengott, der Mondgott oder die Ahnengeister, an die viele Rhagar glaubten, so konnte doch niemand daran zweifeln, dass sie über eine sehr mächtige Magie verfügten.

Angeblich hatten die Steine eine heilende Wirkung und verlängerten das Leben. Tatsächlich hatten einige der Vorfahren des Noriers ein Alter von mehr als neunzig Jahren erreicht. Eine Spanne, die für einen Elben nichts weiter als eine Episode, für die Rhagar hingegen ein selten erreichtes Alter darstellte.

Aber es gab auch eine andere Wirkung. Der Norier hatte die Worte seiner Mutter noch im Ohr, die sie gesprochen hatte, als sie ihm das Erbe seines Vaters eröffnete: »Die Steine haben deinen Großvater und deinen Urgroßvater in die geistige Verwirrung getrieben!«

»War Vater auch davon betroffen?«, hatte seine Gegenfrage gelautet.

»Nein. Er hat die Steine zumeist in einem Versteck in den Bergen aufbewahrt und sich nur ab und zu ihrer Wirkung ausgesetzt; wenn er krank oder verletzt war.«

»Ich bin jung und gesund. Du brauchst in deinem Alter die Steine dringender.«

»Nein! Mir graut vor ihnen, mein Sohn. Ich habe ihren Einfluss gespürt, als ich mit ihrer Hilfe die schwere Geburt deines Bruders überstand. Das hätte auch mich beinahe den Verstand gekostet. Ich habe mir geschworen, sie nie wieder zu berühren, mein Sohn. Diese Steine sind nicht für uns gemacht.

Sie sind Elbenwerk. Vielleicht können sie den Stimmen der Steine widerstehen. Vielleicht hören die Elben sie nicht einmal. Aber uns Menschen führen sie in den Wahnsinn.«

»Was soll ich deiner Meinung nach mit ihnen machen? Sie etwa dem Elbenkönig zurückgeben? Damit würde ich das Vermächtnis jenes Kriegers verraten, der einst im Heer des Eisenfürsten zur Aratanischen Mauer marschierte, um die Lichtgötter zu stürzen.«

»Meine Empfehlung ist, sie zu verkaufen. Von dem Erlös könntest du dir ein Stück Land kaufen und dich zur Ruhe setzen.«

Da hatte er empört den Kopf geschüttelt. »Die Elbensteine haben meinen Vorvätern Glück gebracht!«

»Segen und Fluch haben sich allenfalls die Waage gehalten, mein Sohn…«

Dieses Gespräch ging dem Norier einmal mehr durch den Kopf, während er die Verletzung an seiner Schulter eingehender untersuchte. Schorf lag auf der Wunde. So als hätte sie schon einen Heilungsprozess von Tagen oder gar Wochen hinter sich. Das Kribbeln, das seinen Körper durchflutet hatte, wurde schwächer und konzentrierte sich wieder auf die Region um die Wunde. Er glaubte zu fühlen, wie die rätselhafte Kraft der Elbensteine in seinem Körper wanderte.

Es gelang ihm mit einiger Mühe, sich in den Sattel zu hieven.

Er trieb sein Pferd an, preschte die engen Gassen jener Stadt entlang, die er wie keine zweite kannte. Er musste die Steine so schnell wie möglich loswerden. Jemand wollte sie offenbar um jeden Preis in seinen Besitz bringen und hatte die sechsfingrigen Gnome geschickt. Aber der Norier hatte keine Neigung, weiterhin die Zielscheibe dieser Mörder abzugeben, noch wollte er sich der Gefahr aussetzen, im Zustand geistiger Verwirrung zu enden.

Athrandil! Nithrandil…

Die Namen der Steine klangen in seinem Kopf wider wie Geisterstimmen aus einer anderen Welt, und der Krieger hatte das untrügliche Gefühl, dass dies bereits die ersten Zeichen des Wahnsinns waren.

Der Weg des Noriers führte an den Kasernen der Garde vorbei zu einem Haus im Hafenviertel von Aratania. Dort zügelte er sein Pferd. Das Kribbeln war vollkommen verschwunden. Die Schmerzen in seiner Schulter ebenfalls. Für einen kurzen Moment überlegte er, ob er die Steine nicht vielleicht doch behalten sollte. Die Verlockung war groß, und die Stimmen, die die Namen flüsterten, waren auf einmal sehr einschmeichelnd. Das Gefühl, diese Steine unbedingt behalten zu müssen, machte sich in ihm breit.

Vorsicht, mahnte er sich, du wärst nicht der Erste, der von diesen Stimmen in den Bann geschlagen wird.

Der Norier stieg ab und machte sein Pferd an einer Querstange vor dem Haus fest. Es war das Haus von Pantanos dem Tagoräer. Er handelte mit allem, was sich gewinnbringend weiterverkaufen ließ, und es war ihm dabei gleichgültig, ob es sich um Diebesgut handelte oder um Dinge, auf die aus irgendwelchen Gründen ein Fluch lastete. Die Beamten des aratanischen Königs bestach er mit ebensolcher Selbstverständlichkeit wie die Priester des Sonnenkults, die in der Stadt seit der Zeit des Eisenfürsten einen fast so großen Einfluss ausübten wie die Büttel des Königs.

Der Norier klopfte an die Tür. »Mach auf, Pantanos!«

Es dauerte eine Weile, bis das Guckloch an der Tür geöffnet wurde. »Was willst du, Gardist?«

»Dir etwas verkaufen! Du wirst es nicht bereuen. Ein Angebot wie dieses bekommst du selten!«

Der Norier hörte, wie der Riegel beiseitegeschoben und mehrere Schlösser geöffnet wurden. Pantanos der Tagoräer war ein kleiner, hagerer Mann, dessen Gesicht an ein Wiesel erinnerte. »Komm herein!«, sagte er.

Später saß Pantanos an einem groben Holztisch und blickte fasziniert auf die Steine, die er vor sich ausgebreitet hatte.

Sechs waren es an der Zahl, und gleichgültig, ob die fantastische Geschichte stimmte, die der Gardist ihm erzählt hatte – sie waren jede Silbermünze wert, die er dafür bezahlt hatte.

Er nahm einen der Steine zwischen Daumen und Zeigefinger und hielt ihn in das Licht der großen Kerze, die in der Mitte des Tisches stand. Nie zuvor hatte er einen solchen Stein gesehen.

Athrandil…

Als er den Namen in seinem Kopf hörte, stutzte er.

Nithrandil…

Von diesen Steinen ging eine Kraft aus, die ihn erschreckte.

Ein unangenehmes Gefühl breitete sich in seiner Magengegend aus. Schauder erfasste ihn. Vielleicht hatte der Norier tatsächlich die Wahrheit gesagt, und es handelte sich wirklich um die Elbensteine, die vor hundertzwanzig Jahren ein Krieger aus dem Heer des Eisenfürsten in der Schlacht an der Aratanischen Mauer an sich genommen hatte. Auf jeden Fall war das nicht gänzlich auszuschließen, und so war sich Pantanos sicher, für die Steine leicht einen Käufer zu finden, der ihm das Zehnfache dessen bot, was er dem Norier hatte zahlen müssen.

Ein Klopfen an der Tür ließ den Tagoräer zusammenzucken.

War der Gardist etwa zurückgekehrt? Hatte er begriffen, wie unvorteilhaft der Handel für ihn war, und wollte er die Ware zurück?

Es klopfte noch einmal. Energischer diesmal. Pantanos raffte die Steine zusammen und wollte sie zurück in den Beutel tun.

Doch einen der Steine umschloss er fest mit der Hand. Dieser Stein war reiner als jeder Diamant und jeder andere Edelstein, der jemals durch die Hände des Tagoräers gegangen war. Und er war sehr erfahren in diesem Metier. Seit Jahren brachten Schiffe aus Tagora regelmäßig Schmuck und kunstvoll bearbeitete Edelsteine bis Aratania, und Pantanos gehörte zu den wichtigsten Zwischenhändlern für solche Waren. Einen wertvollen Stein erkannte er auf den ersten Blick.

Erneut klopfte es.

»Ich komme ja schon! Nicht so ungeduldig!«

Er tat auch den letzten Stein in den Beutel und verbarg diesen unter der Kleidung.

In diesem Moment sprang die Tür auf. Sie wurde einfach eingetreten. Der Riegel brach aus der Halterung. Wer immer das getan hatte, musste dafür eine ungeheure Kraft aufgewendet haben.

Umso erstaunter war Pantanos, als er eine nur gnomengroße Gestalt in der Tür stehen sah. Das Gesicht war im Schatten einer Kapuze verborgen, die zu einem knielangen Wams gehörte. Ein breiter Gürtel spannte sich um die Hüften, in dessen Scheide ein Kurzschwert steckte. In der Rechten hielt der Gnom eine monströs wirkende Streitaxt mit doppelter Klinge. Der Gnom führte sie mit einer unglaublichen Leichtigkeit, als hätte die Waffe überhaupt kein Gewicht.

Die sechs Finger einer sehr großen Hand ließen Pantanos stutzen. Er hatte schon wiederholt Geschäfte mit gnomischen Händlern aus Hocherde gemacht und dabei, wie er meinte, zumeist einen guten Schnitt gemacht. Aber sechs Finger hatte er bei keinem von ihnen je gesehen.

Welch eine Missgeburt!, durchfuhr es ihn. Gleichzeitig bellte er: »Was willst du?«

Der Gnom trat ein. »Du hast etwas, das dir nicht zusteht, Elender!«, dröhnte die Stimme des Fremden, die trotz seiner zwergenhaften Gestalt erstaunlich voll und tief klang. Er ging auf den Händler zu, während dieser zurückging und erbleichte.

Ein zweiter Gnom kam aus der Dunkelheit der Nacht hervor.

Er trat neben den ersten, griff an seinen Gürtel und zog einen Wurfdolch, und ehe es Pantanos schaffte, noch einen weiteren Schritt in Richtung des hinteren Ausgangs zurückzulegen, traf ihn der Dolch genau in Höhe des Herzens. Seine Züge erstarrten. Er brach zusammen und blieb reglos auf dem Boden liegen.

Die beiden Gnome schritten auf ihn zu. Mit dem Stiefel wurde Pantanos’ Leichnam herumgedreht. Sechsfingrige Hände durchsuchten ihn und schlossen sich schon Augenblicke später um den Beutel mit den Elbensteinen.

2

DER ELBENKÖNIG ERWACHT

Der Geruch unvorstellbaren Alters, gemischt mit dem Atem des Todes und der Verwesung.

Kälte.

Flackernder Flammenschein.

Tanzende Schatten und dunkle Linien, die für die Dauer eines Lidschlags Muster und Umrisse bilden.

Eine Aura des Bösen. Schauder bis ins Mark und der Gedanke, an einem Ort zu sein, an den sich kein lebendes Wesen begeben sollte.

Eine sechsfingrige Hand legt sich um den Beutel mit den Elbensteinen. Triumphierend hallt ein Lachen zwischen den kalten, modrigen Wänden einer von flackerndem Licht erhellten Höhle wider.

Ein Lachen, das sich verwandelt in…

Schreie drangen durch das königliche Schlafgemach in der inneren Burg von Elbenhaven. König Keandir saß kerzengerade in seinem Bett. Schweiß perlte auf der elfenbeinfarbenen Haut. Die leicht schräg gestellten Augen waren schreckgeweitet, seine Züge zeigten einen Ausdruck tiefer Verstörung. Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und strich sich dann das lange dunkle Haar aus der Stirn, in dem sich die ersten Spuren von Silbergrau zeigten.

»Kean«, flüsterte eine weibliche Stimme neben ihm. »Kean, du hast geträumt.«

Wie aus weiter Ferne schien die Stimme seiner Gemahlin zu ihm zu sprechen. Keandir brauchte einige Augenblicke, um zu begreifen, wo er sich befand. Er schaute in Ruwens feingeschnittenes Gesicht und flüsterte: »Ja, ja, es war ein Traum. Ein… ein sehr böser Traum.«

Sie strich ihm über den Rücken und schmiegte sich an ihn.

»Die Schlacht an der Aratanischen Mauer ist gerade mal hundertzwanzig Jahre her, und du warst so schwer verwundet, dass die Heiler ihre ganze Kunst aufwenden mussten, um dich zu retten. Da ist es nur natürlich, dass dich immer noch böse Träume plagen. Du musst Geduld haben, Kean.«

»So viel Geduld, wie du an meinem Krankenlager hattest«, erwiderte Keandir und lächelte sie liebevoll an. Er strich Ruwen zärtlich über das seidige Haar, durch das die spitz zulaufenden Elbenohren hindurchstachen. »Es war nicht nur die hohe Heilkunst der Elben, die mich daran hinderte, nach Eldrana, ins Reich der Jenseitigen Verklärung, zu entschwinden. Es war vor allem deine Liebe, Ruwen. Ohne sie hätte ich es nicht geschafft.«

Auch auf ihrem Gesicht erschien ein Lächeln. Aber es wurde überschattet von der tiefen Sorge, die sie empfand.

Keandir nahm seine Hand von Ruwens Haar, und sie krampfte sich über seinem Brustbein zu einer Faust zusammen.

Genau dort, wo er den Beutel mit den Elbensteinen getragen hatte, als er in die Schlacht an der Aratanischen Mauer ritt. Die Wunden seines Körpers waren vernarbt, aber dieser Verlust schmerzte noch immer, war eine offene Wunde, und nie würde sie heilen. Er hatte das Gefühl, mit den Elbensteinen auch die Zukunft seines Volkes und die Herrschaft über das Schicksal verloren zu haben.

In den letzten hundertzwanzig Jahren hatte sich die Kunde vom Verlust der Elbensteine nicht nur in ganz Elbiana und den angrenzenden Elbenherzogtümern verbreitet, sondern auch in den Ländern der Menschen. Nicht nur das – im Laufe der Zeit war daraus eine mit farbigen Details ausgeschmückte Geschichte geworden, die sich die Rhagar erzählten, um sich gegenseitig unter Beweis zu stellen, wie verwundbar die Elben waren und dass die Überlegenheit der ehemals als Lichtgötter verehrten Wesen keineswegs unüberwindbar war.

Die Schlacht an der Aratanischen Mauer hatte keine Seite wirklich für sich entscheiden können. Der Kampf hatte beiden Seiten einen hohen Blutzoll abverlangt und sie erheblich geschwächt. Aber mit dem Verlust des Symbols der elbischen Herrschaft und der Macht des Elbenkönigs, sein Schicksal selbst zu schmieden, hatten die Rhagar den Elben auf einer anderen Ebene durchaus eine sehr empfindliche Niederlage beigebracht. Auf einer Ebene, die das Lichtvolk bisher stets als seine ureigene Domäne angesehen hatte – der geistigen. Die Verunsicherung, die durch jenes Ereignis vor hundertzwanzig Jahren in die Köpfe der Elben eingepflanzt worden war, konnte gar nicht überschätzt werden. Es war ein Gift, das schleichend zu wirken begann, dafür aber umso verheerender, denn es war im Begriff, den Elben das Bewusstsein der eigenen Überlegenheit zu nehmen.

Die Furcht kehrte in ihre Herzen zurück. Furcht gepaart mit Unentschlossenheit, wie sie seit jenen Tagen so nicht mehr unter den Elben verbreitet war, da sie die Küsten des Zwischenlandes erreicht hatten. Ihre alte Heimat Athranor hatten sie verlassen auf der Suche nach den Gestaden der Erfüllten Hoffnung. Sie hatten das zeitlose Nebelmeer durchsegelt und beinahe jeglichen Bezug zur Realität und dem Leben selbst verloren.

Seit dem Verlust der Elbensteine gab es wieder mehr Fälle von Lebensüberdruss, jener tödlichen Erkrankung des Gemüts, die die Betroffenen jeden Mut und jede Initiative verlieren ließ, bevor sie schließlich den eigenen Tod herbeiführten.

Keandir löste sich von Ruwen. Er schlug die aus feinem Elbenzwirn gewebte Decke zur Seite, erhob sich und trat an die Wand, wo sein Schwert hing. Er nahm die Klinge an sich, zog sie aus der Scheide und blickte auf die deutlich sichtbare Bruchstelle. Erinnerungen stiegen in ihm auf. Erinnerungen an den Kampf gegen den Furchtbringer, der aus dem See des Schicksals gestiegen war und den er mit dieser Waffe besiegt hatte. Dabei war die Klinge geborsten, aber sie war wieder zusammengeschweißt worden von der Magie des Augenlosen Sehers, und seitdem hieß das Schwert nicht mehr Trolltöter, sondern Schicksalsbezwinger.

»Du bist in Gedanken auf Naranduin«, stellte Ruwen fest, und Keandir hörte ihre Stimme wieder wie aus weiter Ferne.

Seit seiner Verwundung in der Schlacht an der Aratanischen Mauer kam es häufiger vor, dass Keandir über längere Perioden hinweg geistig entrückte. Ruwen war daher nicht irritiert, als er ihr nicht sofort antwortete, sondern sein Blick noch immer sinnend auf der Klinge ruhte. Er legte die kunstvoll verzierte Scheide auf einen Tisch und strich mit dem Zeigefinger der rechten Hand über die Bruchstelle.

Naranduin, die Insel des Augenlosen Sehers…

Das erste Land, das die Elben während ihrer Reise betreten hatten, nachdem sie ins zeitlose Nebelmeer eingedrungen waren. Ein von ungeheuer alten Kreaturen des Bösen besiedeltes Eiland, erfüllt von einer dunklen Magie, und der äonenlange Verbannungsort eines augenlosen Wesens, das sich selbst als Angehöriger des Volkes der sechs Finger bezeichnet hatte. Ein magiebegabtes Ungeheuer, das einst zusammen mit seinem Bruder Xaror den gesamten zwischenländischen Kontinent beherrscht hatte, dem die Insel vorgelagert war, und dann von diesem entmachtetet und nach Naranduin verbannt worden war. Xaror hatte offenbar die Alleinherrschaft ausüben wollen.

Was aus seinem Reich geworden war und den Kreaturen, die es bevölkert hatten, wusste niemand. Die Trorks genannten Bewohner des Wilderlandes, das jenseits des östlich von Elbiana gelegenen Waldreichs zu finden war, hatten wie der Augenlose Seher sechs Finger. Aber ob das mehr als ein Indiz für seine lockere Verwandtschaft mit Xarors Volk war, hatten die Elben bisher nicht in Erfahrung bringen können.

Ansonsten war das Reich Xarors beinahe spurlos verschwunden. Man hatte in den Gebieten des Zwischenlandes, die von Elben erforscht worden waren, weder Ruinen noch irgendwelche sonstigen Hinterlassenschaften entdeckt. Allerdings hatte man bisher auch nicht allzu intensiv danach gesucht.

Zunächst waren die Elben über lange Zeit damit beschäftigt gewesen, ihr neues Reich aufzubauen, und da wollte niemand an eine düstere Vergangenheit erinnert werden, in der das so einladend vor ihnen liegende Land das Zentrum eines düsteren Schatten-Imperiums gewesen war. Und seitdem die barbarischen Rhagar an den Küsten des südlichen Zwischenlands aufgetaucht waren, war die Sorge darüber in den Vordergrund getreten, wie man sich dieser Flut von Barbaren erwehren sollte. Deren bedrohlichste Waffe war nicht ihre ungeheure Brutalität und Grausamkeit, auch nicht ihre Fähigkeit, zumindest die technischen und kulturellen – weniger die magischen – Errungenschaften der Elben zu kopieren.

Nein, ihre auf lange Sicht wirkungsvollste Waffe war die erschreckend hohe Zeugungsfreudigkeit. Die Rhagar vermehrten sich rasch, ihre Kinder wuchsen schnell heran und neigten dazu, aufgrund ihrer kurzen Lebensspanne bereits selbst Kinder in die Welt zu setzen, noch bevor sie in ihrer eigenen Entwicklung ein Stadium erreicht hatten, das unter Elben auch nur annähernd als geistige Reife bezeichnet worden wäre.

Eines Tages, da war sich Keandir sicher, würden sie so zahlreich sein, dass sich ihnen keine noch so gut ausgerüstete Elbenarmee widersetzen konnte. Keandir hatte oft darüber nachgedacht, dass dieser ungehemmt ausgelebte Zeugungswille wohl die Art der Rhagar war, sich dem unumstößlichen Faktum ihres frühen Todes entgegenzustellen.

Das Zeugen von Nachwuchs war für sie die einzige Möglichkeit, die Zeitalter zu überdauern. In gewisser Weise waren sie aufgrund ihrer schon bei der Geburt gegebenen Nähe zum eigenen Tod bedauernswerte Geschöpfe, deren Grausamkeit jedoch dafür sorgte, dass das Mitleid der Elben mit ihnen nie überhandzunehmen drohte, obwohl sie sich vom Aussehen her sehr ähnelten.

»Alles hat mit der Begegnung mit dem Augenlosen Seher angefangen«, sagte Keandir auf einmal zu Ruwens Überraschung, denn eigentlich hatte sie nicht damit gerechnet, dass er ihr noch eine Antwort geben würde. Sie hatte inzwischen gelernt, dass diese Phasen der inneren gedanklichen Versenkung weder ein Zeichen schwindender Liebe auf Seiten des Königs waren, noch eines für aufkommenden Lebensüberdruss. Er wandte sich ihr zu und sah sie an, als wollte er noch etwas sagen. Er öffnete halb den Mund, doch es kam kein einziges Wort über seine Lippen.

Ruwen stieg ebenfalls aus dem Bett. »Ihr habt mir gegenüber nie viel über Eure Begegnung mit dem Augenlosen erzählt«, sagte sie und wechselte dabei in die Höflichkeitsform, die übliche Anrede für einen Elbenkönig. Die sprachliche Distanz, die sie damit zum Ausdruck brachte, war ein Spiegelbild der inneren Ferne, die sie stets gespürt hatte, wenn es um dieses Thema ging. Lange Zeit hatte Ruwen sich einzureden versucht, dass es nicht wichtig wäre, denn schließlich hatte seinerzeit Prinz Sandrilas den Augenlosen Seher erschlagen.

Manches hatte Ruwen geahnt, anderes hatte sie selbst auf gewisse Weise mitempfunden, da sie während Keandirs Begegnung mit dem Augenlosen immer wieder für kurze Momente eine schwache geistige Verbindung zu ihm gehabt hatte. Etwa in dem Augenblick, als ein dunkler Schatten seine Seele bedeckte. Anderes hatte sie aus den Erzählungen jener Elben erfahren, die damals Zeugen von Keandirs Kampf mit dem Feuerbringer geworden waren, eines Geschöpfs, dem Xaror den Auftrag gegeben hatte, den Augenlosen Seher zu bewachen, und den dieser einen Bruder des Furchtbringers genannt hatte.

Das Wenigste aber hatte sie aus Keandirs eigenen Worten erfahren.

Keandir schloss die Augen. Sein Gesicht zeigte einen Ausdruck der Qual. Bilder erschienen vor seinem inneren Auge. Bilder der Vergangenheit.

Sechsfingrige Hände, die sich um das uralte Hartholz zweier Zauberstäbe legen, beide mit barbarisch anmutenden Schnitzereien versehen, der eine dunkel und von einem Schatten aus Schwarzlicht umgeben, der andere aus hellem, fast weißem Holz und aus seinem Inneren heraus leuchtend, sodass er von einem Lichtflor umrahmt wird.

Ein zum Leben erwachender, sich bewegender geflügelter Affe aus Gold an der Spitze des hellen Stabs – ein auf die Größe einer Elbenfaust geschrumpfter Totenschädel an der Spitze des dunklen Stabs…

Artefakte der Magie.

Licht und Schatten.

Gut und Böse.

Ordnung und Chaos.

Leben und Tod.

Wie zwei Aspekte ein und desselben.

Zwei Seiten einer Medaille.

Zwei Brüder.

Der Augenlose Seher und Xaror.

Andir und Magolas…

»Ihr könnt Eure Augen ruhig öffnen«, drang Ruwens Stimme in die Gedanken des Elbenkönigs. »Ich weiß, dass sie jetzt möglicherweise von Schwärze erfüllt sind. Von einer Finsternis, die Ihr vielleicht auf dieser Insel empfangen habt –

oder die immer schon in Euch war und nur durch jene dunkle Magie geweckt wurde. Aber das erschreckt mich nicht, denn ich weiß, dass diese Dunkelheit in Eurer Seele, die Ihr aus Naranduin mitbrachtet, die Quelle Eurer Kraft ist. Jener Kraft, die Euch das neue Reich der Elben errichten ließ, größer und herrlicher, als es selbst das Elbenreich in unserer alten Heimat Athranor war. Eine Kraft, die Euch vielleicht auch half, zu überleben, obwohl das Schicksal möglicherweise schon Euren Tod beschlossen hatte.«

Keandir öffnete die Augen. Sie waren tatsächlich vollkommen von Schwärze erfüllt. Nichts Weißes war in seinen Augen mehr zu sehen.

»Dem elbischen Ideal seelischer Reinheit und Unbeflecktheit entspreche ich schon lange nicht mehr«, sagte er. »Aber Eure Worte tun mir gut und helfen mir, mich mit dem zu versöhnen, was zu meiner Natur wurde.«

»Daran tätet Ihr gut, mein Gemahl…«

Keandir hob das Schwert, um erneut mit zwei Fingern der linken Hand über die Bruchstelle zu streichen. »Ihr sagtet gerade, dass das Schicksal meinen Tod schon beschlossen hätte…«

»Ich wollte Euch keine Angst machen. Es war so dahingesagt.«

»Aber Eure Worte sprechen den entscheidenden Punkt an, Ruwen. Dies ist nicht mehr das Schicksal, das ich geschaffen habe, Ruwen. Das Schicksal, das wir leben, wurde von bösen Mächten gewoben, welche die Vernichtung der Elben und ihres Königs beschlossen haben.«

»Ihr seid es, der den Schicksalsbezwinger trägt!«, gab Ruwen zu bedenken. »Ihr müsst an die Kraft in Euch glauben, dann werden es auch die Elben tun. Ihr müsst die Herrschaft über Euren Willen zurückerlangen, dann werdet Ihr diesen Willen dem Schicksal aufzwingen können, wie Ihr es schon einmal geschafft habt, als unser Volk nach der langen Seereise durch das zeitlose Nebelmeer ohne Hoffnung und ohne Zukunft war.«

Sie trat näher. Keandirs vollkommen schwarze Augen blickten sie an. Sie berührte ihn leicht am Oberarm, und die Finsternis in seinen Augen verschwand innerhalb der nächsten Herzschläge, während sich der Griff seiner Rechten so stark um den Schwertknauf krampfte, dass die Knöchel weiß hervortraten.

»Wenn das gelingen soll, muss ich die Elbensteine suchen und wieder in meinen Besitz bringen«, sagte er. »Das ist mir schon seit Längerem klar, aber bisher hatte ich nicht die Kraft, mir das einzugestehen und die entsprechenden Konsequenzen daraus zu ziehen.«

»Was habt Ihr vor, Keandir? Ihr wollt die Steine suchen? Wer weiß, wo sie geblieben sind! Irgendein rhagarischer Narr wird sonst was mit ihnen angestellt haben.«

Weiter: Teil 2 von 4