Die Könige der Elben, Zweiter Band der Elben-Trilogie

Alfred Bekker · Kapitel 1 von 4 · Teil 3/4

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Die Könige der Elben, Zweiter Band der Elben-Trilogie

Erstes Buch

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 4 Teile geteilt.

Ein Geräusch riss Magolas aus seinen Gedanken. Es kam aus großer Ferne und glich dem Hufschlag eines Pferdes. Aber Magolas erkannte schon im ersten Moment, dass es kein gewöhnlicher Hufschlag war, auch wenn er dessen Andersartigkeit nicht zu erklären vermochte. Dieses ferne Geräusch drang durch all die vordergründigen Laute und Gesprächsfetzen durch und überlagerte sie zeitweilig sogar.

Ein Streich, den ihm die feinen Elbensinne spielten? Eine Überreizung des Elbengehörs, die vielleicht sogar das Aufsuchen eines Heilers notwendig machte? Oder war dies ein Phänomen, das auf irgendeine Weise mit Magie zu tun hatte?

Mit einer Magie, die nicht den Kräften entsprach, mit denen jeder Elb von klein auf gewohnt war umzugehen, auch wenn die Talente bezüglich der Beherrschung dieser Mächte sehr unterschiedlich ausgeprägt waren.

Magolas erkannte, dass er offenbar der Einzige war, der diese Laute registrierte. Er ging auf das Tor des inneren Burghofs zu und folgte damit einfach einer spontanen Regung. Seine Hand legte sich um den Griff des namenlosen Schwertes an seiner Seite. Aus den Augenwinkeln bemerkte er den Ausdruck von Enttäuschung auf Sarámwens Gesicht, die wohl gehofft hatte, der Königssohn würde sie ansprechen und sich einem kurzen Gespräch mit ihr widmen.

Seine Schritte wurden schneller, der Hufschlag, den er vernahm, lauter und drängte schließlich alle anderen Geräusche derart in den Hintergrund, dass Magolas sie kaum noch wahrnahm. Die Gedanken rasten ihm nur so durch den Kopf. Eine seltsame Empfindung beherrschte ihn, die ihm irgendwie bekannt vorkam.

Und dann dachte er plötzlich wieder an die Bootsfahrt, die Andir und er damals unternommen hatten. Er sah die Küste Naranduins vor sich, spürte wieder die Anziehungskraft dieser vollkommen andersartigen uralten Magie, die dieses Eiland beherrschte.

Magolas überkam ein Frösteln. Was ging nur mit ihm vor?

Waren auf einmal Kräfte am Werk, die mit der Magie von Naranduin vergleichbar waren? Wie war sonst diese Ähnlichkeit der Empfindung zu erklären? Unter dem Burgtor, dessen beide Flügelhälften offen standen, blieb Magolas stehen. Den Gruß der Wachen gegenüber einem der höchsten Repräsentanten des Elbenreichs nahm er überhaupt nicht zur Kenntnis. Alles, was um ihn herum geschah, wirkte auf Magolas nicht mehr wirklich.

Der Hufschlag dröhnte inzwischen so laut, dass seine empfindlichen Elbenohren zu schmerzen begannen. Und doch war weit und breit kein Reiter zu sehen, auf den dieser schier unerträgliche Lärm zurückzuführen gewesen wäre, und zudem schien noch immer niemand sonst den Hufschlag wahrzunehmen.

Magolas dachte an die beiden Zauberstäbe im Verlies seines Vaters. Weggeschlossen waren sie und mit einem zusätzlichen Zauber gesichert, diese Artefakte, die Waffenmeister Thamandor einst mit Zustimmung König Keandirs von der Insel des Augenlosen Sehers mitgebracht hatte. Ursprünglich hatten die Elben ihre Funktionsweise erforschen wollen, doch das war gründlich misslungen; Waffenmeister Thamandor hatte es nicht geschafft, die den Stäben innewohnenden Kräfte auch nur ansatzweise zu wecken, und da hatte er rasch das Interesse an den Artefakten des erschlagenen Sehers verloren.

Magolas aber hatte die dunklen Kräfte, die in diesen Artefakten schlummerten, so deutlich gespürt, dass es manchmal schwer zu ertragen gewesen war, sie nicht berühren und benutzen zu können. Wiederholt hatte er vor der schweren, mehrfach gesicherten Tür des Verlieses gestanden und mit sich gerungen, ob er nicht das Verbot seines Vaters missachten und das Schloss aufbrechen sollte. Den magischen Bann zu lösen, mit dem die Stäbe gesichert waren, hätte für ihn, dem man ein ähnlich großes, wenn auch nicht so ausgebildetes magisches Talent nachsagte wie seinem Bruder, kein ernsthaftes Problem dargestellt – mal davon abgesehen, dass König Keandir die Missachtung seines Verbotes dann sofort bemerkt hätte.

Magolas vergaß nie die Zeit, in der die Schlacht an der Aratanischen Mauer getobt hatte und er dazu verurteilt gewesen war, in Elbenhaven zurückzubleiben. In dem Moment, in dem die Nachricht vom Tod des Königs ihn erreicht hätte, wäre er sofort dazu bereit gewesen, die Stäbe hervorzuholen und deren Magie gegen den Feind einzusetzen.

Dass deren Kräfte auf ihn reagierten, daran zweifelte er nicht; anders war die geistige Anziehungskraft, die sie auf ihn ausübten, nicht zu erklären. Was Waffenmeister Thamandors Erfolglosigkeit in dieser Hinsicht betraf, so fehlte ihm wahrscheinlich nicht nur das Talent, sondern auch die besondere finstere Kraft im Inneren, die sowohl in Keandirs als auch in Magolas’ Seele schlummerte.

Magolas war sich plötzlich vollkommen sicher: Die Art der Magie, die er in diesen Augenblicken wahrnahm, entsprach jener in den Stäben. Es war die Magie von Naranduin, die Kraft der Dunkelheit. Ein Frösteln überkam ihn. Er hatte das Gefühl, dass diese Macht ganz nahe war.

Der Königssohn bewegte sich vorwärts. Seine Schritte waren unsicherer und vorsichtiger als sonst. Er betrat den äußeren Burghof, wo viele Händler ihre Stände aufgebaut hatten. Es herrschte ein buntes, aber keineswegs übermütiges Treiben.

Angehörige des Elbenadels flanierten daher, am Arm zumeist eine ihrer grazilen Damen, und ergingen sich in kultivierter Konversation.

Und dann sah Magolas einen Reiter durch das Burgtor preschen. Er saß auf einem pechschwarzen, ungewöhnlich großen und mit einer Rüstung aus Eisenplatten geschützten Kaltblüter. Er selbst trug eine dunkle Kutte, und sein Gesicht lag verborgen in dem finsteren, undurchdringlichen Schatten der Kapuze. Auf dem Rücken trug der Reiter eine monströs wirkende Streitaxt.

Rücksichtslos preschte der düstere Axtkrieger durch die Menge. Aber das Erstaunliche war, dass niemand ihn zu bemerken schien.

Magolas blieb stehen.

Der Axtkrieger zügelte sein Ross. Die Finsternis unter seiner Kapuze war sowohl für das Sonnenlicht als auch für den scharfen Blick eines Elbenauges vollkommen undurchdringlich. Beinahe so, als wäre dort buchstäblich nichts. Doch ein dumpfes Grollen drang aus dieser Finsternis hervor. Ein Laut, der sowohl eine tierhafte, unartikulierte Drohung sein konnte als auch Worte einer unbekannten Sprache.

»Wer seid Ihr?«, rief Magolas.

Der Axtkrieger streckte den Arm aus, und unter dem Ärmel der dunklen Kutte kam eine gewaltige, jedes elbische Maß überschreitende Pranke hervor. Eine Pranke mit sechs Fingern, an deren Enden krallenartig verlängerte Nägel wuchsen.

Die Axt auf dem Rücken des Reiters bewegte sich. Von einer unheimlichen Kraft getrieben schnellte sie hervor, und das Ende ihres Schaftes landete in der geöffneten Hand des Kriegers, die sich um das dunkle Holz schloss. Der Axtkrieger stieß einen barbarischen Schrei aus und schwang die monströse Axt mit einer Leichtigkeit, als hätte sie kein Gewicht. Mit einer weit ausholenden Bewegung ließ er sie über dem Kopf kreisen.

Magolas riss sein Schwert hervor. Während das Auftreten des Axtkriegers von niemandem bemerkt worden war, rief die Handlung des Königssohns sogleich eine Reaktion bei den elbischen Passanten hervor. Die feinen Damen des elbischen Adels stießen helle Schreie des Erschreckens aus, ihre Begleiter starrten irritiert auf Magolas.

Das Streitross des Axtkriegers stieg wiehernd auf die Hinterbeine. Irgendetwas ließ das Tier zurückscheuen. Etwas, das auch den Axtkrieger selbst zu irritieren schien.

Magolas fasste das Schwert mit beiden Händen. »Wer auch immer Ihr seid, ich habe keinen Hader mit Euch – aber wenn Ihr es darauf anlegt, werdet Ihr den Stahl meiner namenlosen Klinge kosten!«

»Magolas! Da seid Ihr ja!«, rief eine Stimme in seinem Rücken. Er hörte Schritte. Magolas wandte kurz den Kopf und erkannte Thamandor den Waffenmeister.

Als er sich wieder dem fremden Axtkrieger zuwenden wollte, war dieser verschwunden. Die Passanten starrten den Königssohn noch immer völlig verstört an. Das anfängliche Erschrecken war tiefer Ratlosigkeit gewichen. Konnte es sein, dass der Sohn des Elbenkönigs unter Wahnvorstellungen litt?

Dass die Elben an und für sich eine gewisse Anfälligkeit für Gemütskrankheiten aufwiesen, war seit Langem bekannt, und auch wenn der schreckliche Lebensüberdruss mit seinen tödlichen Folgen lange Zeit die gesamte Aufmerksamkeit der Elbenheiler auf sich gezogen hatte, so war es doch keineswegs das einzige bekannte Leiden dieser Art.

Thamandor deutete auf das blank gezogene Schwert in Magolas’ Hand. »Eine Waffe gegen unsichtbare Gegner habe selbst ich noch nicht erfunden, werter Magolas«, bekannte der Waffenmeister.

In seinen Worten klang eine besondere Sorge mit, was Magolas keineswegs entging. Eine Sorge hinsichtlich der seelischen Gesundheit des Königssohns.

Magolas schob das namenlose Schwert zurück in die Scheide und straffte sich. »Es ist alles in Ordnung.«

»Dann ist es ja gut.«

»Was ist Euer Begehr?«

»Ich habe Euch schon überall gesucht, aber niemand konnte mir sagen, wo Ihr Euch befindet – bis ich die hübsche Sarámwen traf, die mir etwas betrübt darüber schien, dass Ihr ihre Gesellschaft offenbar verschmäht.« Auf dem glatten Gesicht des Waffenmeisters erschien eine tiefe Furche, während er Magolas musterte. »Bei den Namenlosen Göttern!

Ihr seht so bleich aus, dass man Euch für ein Gespenst aus Maldrana halten könnte!«

Die Elbenmenge, die sich kurzzeitig um den Prinzen gebildet hatte, zerstreute sich rasch wieder. Hier und dort wurden hinter vorgehaltener Hand ein paar Bemerkungen gemacht, die meisten davon so leise, dass Magolas nicht einmal mit seinem feinen Gehör mitkriegte, was gesagt wurde.

Er wartete einige Augenblicke, dann wandte er sich an Waffenmeister Thamandor. »Habt Ihr den Reiter nicht gesehen?«, vergewisserte er sich.

»Von welchem Reiter sprecht Ihr?«

Magolas ließ den Blick schweifen. Welchen Streich hatten ihm seine Sinne gespielt? Und welche finstere Macht war dafür verantwortlich? Ich werde mit dem König darüber sprechen müssen, ging es ihm durch den Kopf.

»Ich sollte Euch Bescheid geben, wenn die verbesserte Version der Flammenlanze einsatzbereit ist«, sagte Thamandor. »Das ist sie jetzt!«

»Meinen Glückwunsch, Erfindungsreichster aller Elben«, sagte Magolas, aber Thamandor spürte sehr deutlich, dass sich die Begeisterung des Königssohns in engen Grenzen hielt, und dies, obgleich er bisher die Entwicklung dieser Waffe mit großem Interesse verfolgt hatte.

»Unglücklichweise gilt noch immer das Verbot Eures Vaters, eine solche Waffe innerhalb der Stadtmauern mit sich zu führen. Er will es erst dann aufheben, wenn Ihr die Feuerlanze für unbedenklich erklärt. Offenbar will er sich keinen Ärger mit den Bürgern von Elbenhaven einhandeln. Also müsstet Ihr mich wohl oder übel zu meiner Manufaktur begleiten.«

»Das werde ich«, versprach Magolas.

»Fein, dann würde ich vorschlagen, reiten wir sogleich los.«

»Nicht heute«, wehrte Magolas ab. »Vielleicht in ein paar Tagen.

Oder im nächsten Monat. Jetzt habe ich erst mal etwas anderes zu erledigen.«

Mit diesen Worten ließ Magolas den ziemlich verdutzten Waffenmeister stehen. Thamandor seufzte. »Gutes Handwerk bekommt auch nicht mehr die Anerkennung, die es verdient…«

4

BOTEN DES GRAUENS

Magolas suchte seinen Vater auf, um ihm von der merkwürdigen Erscheinung des Axtkriegers zu berichten.

König Keandir beriet sich gerade mit den Kapitänen seiner Elbenflotte. Ithrondyr, der ehemalige Kapitän des Kundschafterschiffs »Jirantor«, war inzwischen zum Admiral der Flotte Elbianas erhoben worden. Er legte dem König seine Pläne zu einem künftigen Flottenausbau vor und erläuterte sie in gestelzten Worten, als der Königssohn in die Unterredung platzte und seinen Vater zu einem Gespräch unter vier Augen aufforderte. Keandir war zunächst ebenso irritiert wie die versammelte Führung der Elbenflotte. Aber der König spürte rasch, wie ernst es seinem Sohn war. Es musste etwas wirklich Gravierendes vorgefallen sein.

»Ich würde Euch nicht damit bedrängen, Vater, wenn diese Sache Aufschub duldete«, erklärte er.

Keandir nickte und ging mit seinem Sohn in ein angrenzendes Gemach, und dort berichtete Magolas dem König eingehend, was ihm widerfahren war. Dieser runzelte die Stirn.

»Ein Reiter mit einer sechsfingerigen Hand?«, murmelte er.

»Er war nicht zufällig von gnomenhaftem Wuchs wie der Augenlose Seher?«

»Ganz im Gegenteil«, erwiderte Magolas. »Unter der Kutte muss sich eine mächtige Gestalt verborgen haben. Und der Reiter schwang zudem die riesige Axt, als hätte sie keinerlei Gewicht.«

»Der Augenlose Seher sprach davon, dass er einst dem Volk der Sechs Finger angehörte. Vielleicht haben sich diese Kreaturen von niedrigem Wuchs weiterentwickelt – oder der Körper des Augenlosen selbst war durch sein ungeheures Alter bereits deformiert und entstellt, sodass man ihn nicht als repräsentativ für sein Volk ansehen kann.« Keandir zuckte mit den Schultern. »Xaror, der Bruder des Augenlosen Sehers, soll noch lange Zeit über das Zwischenland geherrscht haben. Aber nie fanden wir bisher Spuren dieses Reiches, geschweige denn Hinweise auf Xaror selbst. Vielleicht ist das Auftauchen dieses Reiters der erste Hinweis…«

»So haltet Ihr den Axtkrieger für eine reale Erscheinung, Vater?«

Keandir musterte seinen Sohn eindringlich und zog die Augenbrauen zusammen, sodass sich auf seiner Stirn eine Falte bildete. »Du etwa nicht, mein Sohn?«

»Ich bin mir nicht sicher. Er könnte ein Trugbild gewesen sein.«

»Oder eine Sphäre, die von unserer Existenzebene durch Zeit, Raum oder beides getrennt ist, überlagerte sich mit unserer Wirklichkeit«, überlegte Keandir laut.

Magolas nickte. Daran hatte er auch schon gedacht. Drei solcher normalerweise nur geistig erreichbaren Sphären kannten die Elben: Eldrana, das Reich der Jenseitigen Verklärung, in dem die Seelen der Toten ihrer Vergeistigung entgegengingen; Maldrana, das Reich der Verblassenden Schatten, in dem die Seelen jener Toten vor sich hindämmerten, derer man sich nicht mehr erinnerte oder erinnern wollte; und zu guter Letzt die Sphäre, in der die Namenlosen Götter ihre ätherische Existenz fristeten, abgewandt von denen, die über Zeitalter hinweg zu ihnen gebetet und ihre Hilfe erfleht hatten. Die theoretische Möglichkeit, dass es noch mehr Sphären dieser Art gab, wurde von der Mehrheit der elbischen Schamanen, Schriftgelehrten und Magier nicht bestritten. Allerdings gab es keinen überlieferten Fall, in dem es einem Elben gelungen wäre, zu einer vierten oder fünften Sphäre eine geistige Verbindung aufzunehmen.

»Leider haben unsere Schamanen die Fähigkeit verloren, die Bewohner der drei Sphären zu rufen«, stellte Magolas mit tiefempfundenem Bedauern fest. »Es war die Interesselosigkeit der Sphärenbewohner am Schicksal der Elbenheit, die sie dazu bewog, diese Versuche endgültig aufzugeben.«

»Nicht zu vergessen die Furcht vor weiterem Versagen«, ergänzte der König. Er teilte das Bedauern seines Sohnes. »Der Letzte, der es versuchte, war unser ehemaliger Oberster Schamane Brass Elimbor. Und er starb nach seinem letzten Versuch, und mit ihm leider auch vieles von dem praktischen Wissen, das nötig ist, um die Sphären zu erreichen.«

»Wenn dieser Reiter aus einer geistigen Sphäre kam, dann ganz gewiss aus keiner, die wir kennen«, war Magolas überzeugt, »sondern aus einer, in der die Magie Naranduins sehr mächtig ist. Könnt Ihr Euch keinen Reim darauf machen, was diese Erscheinung zu bedeuten hat? Ich bitte Euch, denkt intensiv darüber nach, denn ich bin mir sicher, dass dieser Axtkrieger zurückkehren wird.«

König Keandir machte ein sehr ernstes Gesicht. Magolas kannte seinen Vater gut genug, um zu erkennen, dass er innerlich mit sich rang. Es schien da etwas zu geben, das er seinem Sohn hätte mitteilen können, aber offenbar überlegte er noch, ob er ihn darin einweihen solle oder nicht.

»Sagt es mir ruhig, Vater. Euer Schweigen könnte uns alle teuer zu stehen kommen.«

»Dass ich von düsteren Träumen heimgesucht werde, das weißt du, mein Sohn.«

»Ja.«

»Seit dem Raub der Elbensteine in der Schlacht an der Aratanischen Mauer quälen sie mich. Es sind oftmals wirre Folgen von Bildern und Eindrücken – aber auch sie kreisen immer wieder um die Magie des Augenlosen Sehers. Es ist wie ein Fluch.« Keandir blickte auf. »Ich halte es durchaus für möglich, dass diese Träume und die Erscheinung, die dir begegnete, denselben Ursprung haben.«

»So?«

»Die Mächte des Bösen schlummern irgendwo auf diesem Kontinent. Von Xaror und seinem Reich muss etwas geblieben sein. Und vielleicht ist dies ein Hinweis. Eine Botschaft, die uns warnen soll.«

»Nein, Vater«, widersprach Magolas. »Dieser Axtkrieger war eine Kreatur, die töten wollte. Was ihn davon abgehalten hat, weiß ich nicht. Ebenso wenig wie ich eine Antwort darauf habe, weshalb er so plötzlich verschwand.«

»Ich werde mit Brass Shelian darüber sprechen und mich beraten lassen«, erklärte König Keandir. »Mit ihm und…« Er stockte plötzlich.

»Ihr könnt den Namen meines Bruders durchaus aussprechen, Vater«, sagte Magolas, und der scharfe Unterton in seinen Worten überraschte ihn selbst. »Er ist der größte lebende Elbenmagier. Dass Ihr ihn um Rat fragt, ist natürlich und verletzt mich nicht.«

Einige Tage später suchte König Keandir seinen Sohn Andir in dessen Bibliothek auf. Tausende von edlen Folianten waren dort zu finden, dazu noch viele uralte Schriftrollen. Das Gros dieser Rollen war in der Alten Zeit von Athranor entstanden, aber manche waren sogar noch älter, sodass ihre Ursprünge in der Vorzeit des Elbengeschlechts zu finden waren. Andir war schon seit frühester Jugend ein leidenschaftlicher Sammler von Schriften.

Als König Keandir den Raum betrat, dessen Wände bis unter die Decke mit Regalen voll gestellt waren und der durch einfache Elbenmagie vollkommen staubfrei war, saß Andir in seiner weißen Kutte aus Elbenzwirn an einem großen, mit Schnitzereien in elbischem Stil versehenen Tisch. Genau genommen war es elbianitischer Stil, in dem diese Schnitzereien gehalten waren. Viele Athranor-Geborene – wie auch manche Seegeborene – waren der Meinung, dass sich das Schnitzhandwerk der in Elbiana zur Welt gekommenen Elben nicht mit den Kunstwerken der Alten Zeit messen konnte. Ja, manche verstiegen sich sogar zu der Ansicht, alles, was innerhalb des neuen Reichs der Elben hervorgebracht worden war und wurde, stelle nichts weiter als einen schwachen Abklatsch einstiger Größe dar. Aussagen, die durch die Überlieferungen in den Büchern und Schriftrollen klar widerlegt wurden. Aber angesichts der Probleme der Gegenwart neigte offenbar so mancher dazu, die Vergangenheit zu verklären.

Andir hielt einen funkelnden Kristall von der Größe einer Faust über ein aufgeschlagenes Buch. Ein greller, feuerfarbener Schein ging von diesem Kristall aus und hatte das Buch erfasst. Einige Augenblicke lang schien es so, als würde es verglühen. Dann murmelte Andir ein paar Worte auf Alt-Elbisch, der Sprache, die in der Vorzeit Athranors üblicherweise gesprochen worden war und in der noch immer viele Zaubersprüche und magische Formeln formuliert waren.

Der Schein verblasste, zog sich zurück. Wie ein Fächer, der sich zusammenklappte, bildete er zunächst einen schmalen Strahl, der wie ein leuchtender Faden wirkte, dann verschwand auch dieser völlig, während der Kristall selbst pulsierend aufleuchtete.

Andir war vollkommen konzentriert. Keandir bezweifelte, dass sein Sohn ihn überhaupt bemerkt hatte, so entrückt wirkte der größte lebende Elbenmagier in diesem Moment.

Der Kristall begann seine Farbe zu verändern. Er wurde dunkelrot und leuchtete in einem pulsierenden Rhythmus auf, der Keandir an ein schlagendes Herz erinnerte. Das Herz der Weisheit, dachte er. Keandir wusste, dass sein Sohn schon seit Längerem damit experimentierte, den Inhalt von Büchern durch die Anwendung weißer Magie auf Kristalle zu bannen.

Anfänglich waren seine Bemühungen von wenig Erfolg gekrönt gewesen; häufig bekam er keinen Zugang mehr zu den Kristallen und konnte auf das darin gespeicherte Wissen nicht mehr zugreifen. Offenbar hing das in sehr starkem Maße von der Beschaffenheit des verwendeten Kristalls ab und von dessen Reinheitsgrad.

Diesmal aber machte Andir ein zufriedenes Gesicht. Ein leises Lächeln spielte um seine Lippen.

»Offenbar hast du die richtige Art von Kristallen gefunden«, stellte Keandir fest.

Erst da bemerkte Andir seinen Vater. Er schaute auf, erkannte Keandir und erhob sich. »Vater! Tut mir leid, aber die innere Versenkung, die nötig ist, um…«

»Schon gut«, wehrte Keandir ab. »Deine Tätigkeit verlangt volle Konzentration, das weiß ich.«

»Gewiss.«

»Allerdings muss ich zugeben, dass meine Freude geteilt ist, denn wenn du es schaffst, deine Bibliothek auf Kristall zu bannen, heißt das auch, dass der Tag deiner Abreise näherrückt. Und ehrlich gesagt lasse ich dich ungern ziehen.«

»Wir haben lange darüber gesprochen, Vater. Immer wieder.«

»Ich weiß. Und dies ist auch kein erneuter Versuch, dir deine Reisepläne auszureden. Ich habe es akzeptiert, mein Sohn –

doch heißt dies nicht, dass ich deine Entscheidung begrüße.«

»Aber Ihr seid nicht gekommen, um dieses Thema erneut zu erörtern?«

»Nein, mein Sohn. Ich bin hier, weil ich deinen Rat brauche.«

Keandir berichtete Andir von dem Erlebnis, das Magolas ihm geschildert hatte, und davon, dass es mit seinen Träumen in Zusammenhang zu stehen schien. »Sechs Finger – dieser Hinweis auf das Volk, aus dem der Augenlose Seher und sein Bruder Xaror stammten, ist überdeutlich«, war der Elbenkönig überzeugt. »Könnte es sein, dass diese Wesen in einer fremden Sphäre – einer, die sich von den uns bekannten geistigen Sphären unterscheidet – noch existieren? Fanden wir deswegen keine Spuren von ihnen im Zwischenland?«

»Hmm…« Andir wusste darauf keine Antwort und stellte eine Gegenfrage: »Und Ihr denkt, dass sie sich nun anschicken zurückzukehren?«

»Wäre das denn ausgeschlossen?«

»Keineswegs, Vater… keineswegs.« Sein Gesicht wurde ernst. »Ihr berichtet von Erscheinungen, von Träumen und dem Empfinden, eine finstere magische Kraft wäre anwesend und würde ihre sechsfingrigen Pranken nach Elbenhaven ausstrecken…«

»So ist es.«

»Aber ich habe nichts Derartiges gespürt, Vater. Nicht einmal einen seelischen Schatten habe ich bemerkt.« Er zuckte mit den Schultern. »Ihr wisst, dass meine magischen Kräfte überall als unvergleichlich gelten.«

»Vielleicht hast du keinen Zugang zu jener Sphäre, der dieser Axtkrieger entstammt.«

»Mag sein«, flüsterte Andir, dann hob er wieder die Stimme.

»Allerdings war der Kontakt zu den drei Sphären auch nie meine Stärke, wie Ihr wisst. Auch gilt mein Interesse anderen Dingen. Darum habe ich mich ganz bewusst für die Mitgliedschaft in der Gilde der Magier entschieden und gegen die Zugehörigkeit zum Schamanenorden.«

»Eine weise Entscheidung«, meinte Keandir. »Weshalb soll man mit fruchtlosen Beschwörungsversuchen den Namenlosen Göttern nachstellen, da sie doch offenbar jedes Interesse an der Elbenheit verloren haben.«

»Inzwischen bin ich in dieser Frage zu anderen Erkenntnissen gelangt«, sagte Andir.

»So?«, fragte sein Vater verwundert. Allerdings musste er zugeben, dass sie sich zwar beide die meiste Zeit über auf Burg Elbenhaven aufhielten, ihr letztes längeres Gespräch über philosophische Themen jedoch schon mehr als ein Jahrzehnt zurücklag.

»Ich frage mich, ob es nicht unsere Schuld war, dass sich die Namenlosen Götter von uns abwandten und auch die Verbindung zu den anderen beiden Sphären abriss. Wir haben ein großes Reich errichtet – aber inzwischen glaube ich, dass wir damit den uns vorbestimmten Pfad verließen.«

Keandir runzelte die Stirn. »Wäre es denn etwa unsere Bestimmung gewesen, wie Fürst Bolandor und seine Flotte die endlose Suche nach den Gestaden der Erfüllten Hoffnung fortzusetzen – einem Land, dem wir den klangvollen Namen Bathranor gaben und bei dem es sich sehr wahrscheinlich um ein reines Fantasiegebilde handelt? Wäre es unsere Bestimmung gewesen, weitere Jahrhunderte oder gar Jahrtausende dahinzutreiben in einem Nebelmeer, in dem jeglicher Bezug zur Zeit selbst verloren ging? Wäre es unsere Bestimmung gewesen, dass uns alle der Lebensüberdruss dahinraffte? Die Namenlosen Götter hatten sich längst von uns abgewandt, bevor wir diese Küste betraten!«

»Ihr braucht nicht aufgebracht zu sein, Vater«, sagte Andir.

»Ich kritisiere nicht Euch – ich stelle mir nur selbst ein paar Fragen, auf die ich mit den Mitteln des Geistes eine Antwort suche. Das ist alles.«

Keandir atmete tief durch und nickte schließlich. »Wie auch immer, ich hatte gehofft, du könntest vielleicht eine geistige Verbindung zu jener Sphäre herstellen, welche die Quelle dieser Erscheinungen sein muss. Aber wenn du nicht einmal die dunkle Magie wahrgenommen hast…«

»Es tut mir leid.«

»Das braucht es nicht, Sohn«, erwiderte Keandir mit einem versöhnlichen Lächeln.

»Allerdings habe ich eine Vermutung, was diese Kreatur angelockt haben könnte.«

»So?«, fragte Keandir verwundert.

Andir trat auf seinen Vater zu. Die Blicke beider Männer begegneten sich, und noch ehe sein Sohn auch nur ein einziges Wort darüber hervorbringen konnte, ahnte Keandir bereits, was er zu sagen beabsichtigte.

»Es sind die Zauberstäbe«, sagte Andir. »Ihr haltet sie noch immer in den Katakomben von Burg Elbenhaven verschlossen.

Ihr wisst, dass sie meinen Bruder Magolas bereits vor langer Zeit in ihren Bann geschlagen haben und er von ihnen magisch angezogen wird. Warum sollte das nicht auch bei anderen Wesen der Fall sein – bei Wesen, die ebenso von der Finsternis durchdrungen sind wie er.«

»Oder wie ich«, gab Keandir zu bedenken. Die Worte Andirs waren für den Elbenkönig wie ein Faustschlag gewesen. Aber je länger er darüber nachdachte, desto plausibler erschien ihm, was sein Sohn gesagt hatte. »Was soll ich tun?«, fragte er.

»Nehmt die Zauberstäbe an Euch, bringt sie weg und vergrabt sie irgendwo in der Wildnis. Wählt eine verwunschene Höhle in Hoch-Elbiana, einen Ort, den niemand kennt und wo sie niemand finden wird.«

»Und du glaubst, dass der Axtkrieger dann nicht wiederkehren wird?«

»Ich weiß es nicht, Vater. Aber die Möglichkeit besteht, dass er dann nicht mehr von ihrer Magie angezogen wird.«

Das Gesicht König Keandirs verfinsterte sich. »Ich werde über deinen Vorschlag nachdenken«, sagte er.

»Wenn ich Euch einen Rat geben darf: Wartet nicht zu lange damit, die Stäbe von hier wegzubringen. Jedes Zögern vergrößert die Gefahr.«

»Aber die Gefahr wäre vielleicht ebenso groß, würden diese Stäbe in falsche Hände geraten«, gab Keandir zu bedenken.

Und dabei fiel ihm seltsamerweise zuallererst der Name seines zweiten Sohnes ein – Magolas!

In den folgenden Nächten schlief Keandir sehr unruhig.

Immer wieder träumte er von der sechsfingrigen Hand, wie sie nach den Elbensteinen griff. Er wachte jedes Mal mitten in der Nacht auf und fand dann keinen Schlaf mehr. Für seine Gemahlin Ruwen war dies zunehmend Grund zur Sorge.

Sie hatte gehofft, dass sich nach mittlerweile mehr als einem Jahrhundert die Folgen der Schlacht an der Aratanischen Mauer bei dem Elbenkönig allmählich verflüchtigen würden.

Stattdessen wurde es auf einmal immer schlimmer, und Ruwen begann sich zu fragen, ob es sich bei den Albträumen ihres Gemahls tatsächlich nur um Nachwirkungen dieses Ereignisses handelte.

König Keandir hatte es sich angewöhnt, die große Bibliothek im Obergeschoss des Palas aufzusuchen, wenn er aus seinem Albtraum aufgeschreckt war. Dort versuchte er sich mit der Lektüre einiger erbaulicher Texte die Stunden bis zum Sonnenaufgang zu vertreiben. Manchmal fand ihn Ruwen dann in einer Art innerer Versenkung, die ihm zumindest einen Teil seines Friedens zurückgab.

»Da geschieht etwas, das wir noch nicht wirklich begriffen haben«, sagte Keandir eines Nachts, als Ruwen ihn einmal mehr in der Bibliothek vorfand. »Eine Macht greift nach Elbenhaven, von der kaum jemand ahnt, dass sie überhaupt existiert.«

»Von was für einer Macht sprichst du, geliebter Kean?«, fragte Ruwen, die neben ihm Platz nahm und seine Hand ergriff, die auf der Sessellehne ruhte.

»Sie ist sehr alt. Und sehr böse«, murmelte Keandir und sprach mehr mit sich selbst als zu seiner Gemahlin. »Und ich bin ihr bereits in anderer Erscheinungsform begegnet.«

»Ihr sprecht in kryptischen Worten, mein König«, antwortete Ruwen leicht irritiert und wechselte dabei von der selbst unter elbischen Eheleuten unüblichen vertrauten Anrede in die Höflichkeitsform der elbischen Sprache. Sie hatte das Gefühl, dass Keandir in diesem Moment, obgleich sie seine Hand hielt, geistig weit von ihr entfernt war. Eine unsichtbare Mauer schien ihn zu umgeben. »Hat diese Macht mit der Finsternis zu tun, die manchmal Eure Augen und Eure Seele erfüllt?«

Aber ihre Frage blieb unbeantwortet…

Ein paar Nächte später erwachte Keandir erneut. Doch diesmal hatte ihn ein anderer Traum heimgesucht, und der war noch wirrer und quälender gewesen als der von der sechsfingrigen Hand. Die Zauberstäbe des Augenlosen Sehers hatten darin eine besondere Rolle gespielt, doch mehr wusste Keandir nach seinem Erwachen nicht mehr. Doch bereits als er die Augen aufschlug, wusste er, dass diesmal etwas anders war. Es war ein tief empfundenes Gefühl, das ihm dies sagte, eine nicht näher zu beschreibende Wahrnehmung seiner geistigen Sinne. Er setzte sich auf. Das Bett neben ihm war leer, so als hätte seine Gemahlin Ruwen sich dort am Abend nie zur Ruhe gelegt.

Das Kaminfeuer brannte noch und spendete flackerndes Licht, das Schatten an den Wänden tanzen ließ. Aber es war kalt. Eiskalt – obwohl das Kaminfeuer die ganze Nacht gebrannt hatte und das Königsgemach eigentlich hätte warm halten müssen. Nichts war wie sonst, ging es dem König durch den Sinn, und ein eigentümlicher Schauder erfasste ihn. Ein Schauder, wie er ihn zuletzt empfunden hatte, als er auf Naranduin dem Augenlosen Seher gegenüberstand.

Und im nächsten Augenblick begriff Keandir auch, was ihn geweckt hatte. Es war der ferne Hufschlag von mindestens einem Dutzend Pferden. Der Hufschlag hatte eine ganz eigenartige Intensität, die ihn von allen anderen Wahrnehmungen dieser Art, an die ein Elb natürlich gewöhnt war, unterschied. Keandir dachte sogleich an Magolas’

Schilderungen von seiner geisterhaften Begegnung mit dem Axtkrieger.

Er schlug die Decke zur Seite, war hellwach und fühlte plötzlich eine unbestimmte Bedrohung.

»Ruwen?«, fragte er.

Vielleicht litt inzwischen auch seine Gemahlin unter Schlaflosigkeit. Verwunderlich wäre dies nicht, da er sie doch jedes Mal mit aus dem Schlaf riss. Vielleicht suchte auch sie Zerstreuung bei der Lektüre erbaulicher Elbenlyrik und hatte sich in die Bibliothek begeben. Aber tief in seinem Inneren wusste der König, dass er sich mit diesem Gedanken nur selbst beruhigen wollte.

Keandir rief nach einem Kammerdiener, erhielt aber keine Antwort. Einer plötzlichen Ahnung folgend trat er an eines der Fenster und zog den Vorhang zur Seite. Durch die Ritzen der geschlossenen Läden blitzte Licht, und ihm wurde klar, dass er sich hinsichtlich der Tageszeit völlig getäuscht hatte.

Er öffnete die inneren Fenster aus kunstvoll bemaltem Glas.

Ruwen selbst hatte sie mit Motiven verziert, die auf den ersten Blick nur wie arabeske Verzierungen aussahen, bei näherem Hinsehen aber Szenen der elbischen Überlieferung darstellten.

Danach öffnete Keandir die nach außen aufzuklappenden Läden. Das Sonnenlicht blendete ihn kurz, dann hatten sich seine hochempfindlichen Elbenaugen an die Helligkeit draußen gewöhnt.

Noch immer drang der Hufschlag einer unheimlichen Reiterschar an seine Ohren. Ein Geräusch, das ständig anschwoll und bereits so intensiv war, dass es schmerzte.

Als der König den Blick über die Türme, Wehrgänge und Zinnen der Burg schweifen ließ, glaubte er für einen Moment, seinen Augen und Ohren nicht mehr trauen zu dürfen. Nicht ein einziger Elbenkrieger patrouillierte auf den Wehrgängen, nicht ein Angehöriger des Elbenadels flanierte im Innenhof, und nicht eine einzige Elbenstimme drang an des Königs Ohr.

Das war unmöglich, durchfuhr es ihn, und er rief nach den Dienern und den Wachen, aber niemand antwortete ihm oder erschien. Es war, als würde sich der König allein im Palas befinden, was normalerweise nie der Fall war, da immer eine große Zahl von Dienern und Wächtern in dem großen Residenzgebäude der Inneren Burg weilte.

Keandir zog sich rasch an. Nachdem er die eng anliegenden Hosen und das Wams angelegt hatte, nahm er auch sein Schwert Schicksalsbezwinger von der Wand und schnallte sich den Waffengurt um die Hüfte. Er zog Schicksalsbezwinger aus der Scheide und berührte mit dem Zeigefinger der linken Hand die gut sichtbare Stelle, an der die Klinge einst gebrochen war.

»Vielleicht wirst du bald beweisen müssen, dass du deinen Namen zu Recht trägst, Schicksalsbezwinger«, murmelte er, dann schob er das Schwert zurück in die Scheide, riss die Tür des königlichen Gemachs auf und trat auf den Flur.

Die Krieger, die normalerweise über den Schlaf des Elbenkönigs wachten, schienen ihren Posten verlassen zu haben. Jedenfalls waren sie nirgends zu sehen.

»Ruwen!«, rief Keandir laut, dass seine Stimme zwischen den hohen Wänden des Korridors widerhallte. Er machte sich zunehmend Sorgen. »Ruwen!« Er hatte das Gefühl, schreien zu müssen, weil der Hufschlag der herannahenden Reiter so sehr in seinen Ohren dröhnte, als kämen sie direkt auf ihn zugeprescht.

Keandir ging auf direktem Weg in die Bibliothek, in der Hoffnung, dort vielleicht seine geliebte Ruwen anzutreffen.

Unterwegs traf er nicht auf einen einzigen Elben. Er schien vollkommen allein im Palas zu sein. Auch die Bibliothek machte einen verlassenen Eindruck. Von Ruwen keine Spur.

Keandir war mittlerweile davon überzeugt, dass Magie am Werk war. Eine andere Möglichkeit kam für ihn nicht in Frage, denn dies war ganz bestimmt kein neuerlicher Albtraum. Eine unheimliche Schattenwelt schien die Wirklichkeit mit ihrer Magie zu überlagern und war real geworden.

Er verließ den Palas und schritt über die Stufen des Portals in einen wie ausgestorben wirkenden inneren Burghof. Er durchquerte ihn, stieg eine steinerne Treppe empor zu einem der Wehrgänge und blickte hinaus auf den äußeren Burghof und die Stadt Elbenhaven. Nirgends war auch nur ein einziger Elb zu sehen. Völlig verwaist waren die normalerweise gut besetzten Befestigungsanlagen und die sonst so zahlreich frequentierten Plätze. Auch beim Hafen, in dem stets ein geschäftiges Treiben herrschte, rührte sich nichts. Die Schiffe zerrten im Rhythmus der Wellen an den Tauen, mit denen sie an den Kaimauern festgemacht waren, doch nirgends war jemand zu sehen, der mit einem von ihnen hätte in See stechen wollen. Selbst das Rauschen des Meeres schien nicht mehr vorhanden zu sein.

Zuerst glaubte Keandir, dass der unerträglich laute Hufschlag es überdeckte. Aber das fein ausgebildete Gehör eines Elben war durchaus in der Lage, sich auf einzelne Geräusche innerhalb eines scheinbar chaotischen Klanggemischs zu konzentrieren. Und mit Erschrecken stellte König Keandir fest, dass da außer dem Hufschlag der herannahenden Reiter nichts anderes war. Kein Meeresrauschen, kein Wind, der leise um die Türme pfiff. Nicht einmal das Klappern eines Fensterladens.

Keandir lief über mehrere Wehrgänge, bis er zwischen den Zinnen in Richtung des elbianitischen Hochlands schauen konnte. Dort glaubte er inzwischen den Ursprung des Hufschlags lokalisiert zu haben. Ihm war immer noch kalt, obwohl die Sonne schien. Deren Schein war ebenso wenig in der Lage, ihn zu wärmen, wie das Kaminfeuer im Königsgemach.

Seine Augen verengten sich. Er konzentrierte sich auf einen bestimmten Punkt in den nahen Bergen. Eine Straße führte dort in das Binnenland von Hoch-Elbiana und mäanderte in Serpentinen die Hänge empor.

Und da waren sie – Reiter, die im ersten Moment kaum mehr als winzige Punkte zu sein schienen. Aber der äußerst empfindliche Gesichtssinn des Elbenkönigs vermochte doch eine Einzelheit zu erfassen, auch wenn er sie mehr erahnte als tatsächlich sah. Es waren monströse, mit einer Doppelklinge ausgestattete Streitäxte, die jene Reiter mit sich führten.

5

KRIEGER DER DUNKELHEIT

König Keandir rief die Namen seiner Getreuen, dabei erwartete er nicht mehr, Antwort zu erhalten, sondern nur eine letzte Bestätigung dafür, dass er vollkommen allein in Elbenhaven war.

Welch mächtiger Zauber war nur in der Lage, die gesamte Bevölkerung aus der Hauptstadt der Elben verschwinden zu lassen? Aber Keandir sann auch über die andere Möglichkeit nach: Vielleicht war es umgekehrt, und nicht die Bevölkerung Elbenhavens war verschwunden, sondern ein Zauber hatte ihn in eine schattenhafte Sphäre versetzt, die gewisse Gemeinsamkeiten mit jener Welt aufwies, in der er zu Hause war.

Der Hufschlag wurde geradezu unerträglich laut. Er dröhnte Keandir in den Ohren und quälte sein empfindliches Gehör.

Außerdem spürte er die Anwesenheit von etwas sehr Altem, sehr Bösem und sehr Mächtigem.

Durch Konzentration war es für den Elbenkönig möglich, den donnernden Hufschlag in den Hintergrund zu drängen, wodurch die gespenstische Stille, die ansonsten über allem schwebte, drückend auf seinem Gemüt lastete. Der Hufschlag war tatsächlich das einzige Geräusch, das zu hören war. Selbst die eigenen Schritte vernahm er nicht. In welch eine geheimnisvolle, lautlose Albtraumwelt war er nur geraten?

»Vater!«, vernahm er eine Stimme hinter sich, und er wirbelte herum. »Den Namenlosen Göttern sei Dank!«

Es war Magolas, der auf einmal vor ihm stand. Er musste aus dem Westflügel der inneren Burg gekommen sein. Seine Stimme klang vertraut und doch auf eine gewisse Art auch vollkommen fremd in dieser stummen Albtraumsphäre.

Er schritt auf Keandir zu, die rechte Hand am Griff seines noch namenlosen Schwertes. Es war nicht zu hören, dass seine Stiefelsohlen den Boden berührten; abgesehen vom Klang seiner Stimme vernahm Keandir keinen Laut.

»Magolas!«, sagte Keandir, den es einerseits erleichterte, dass er doch nicht allein war, wie es zunächst den Anschein gehabt hatte. Andererseits beunruhigte es ihn, dass auch sein Sohn offenbar vom selben Fluch befallen war wie er selbst.

»Ich bin froh, dich zu sehen, mein Sohn – auch wenn ich, ehrlich gesagt, keine Erklärung habe für das, was hier geschieht.«

»Man könnte fast meinen, der Burghof wäre mit Watte ausgelegt, und die würde die Geräusche meiner Schritte schlucken«, stellte Magolas fest.

Keandir nickte. »Du sagst es. Wie ist es dir sonst ergangen, Magolas?«

»Ich erwachte aus einem unruhigen, fiebrigen Traum und fand mich vollkommen allein in den Mauern dieser Burg wieder«, erklärte der Königssohn. »Doch dann sah ich Euch auf dem Wehrgang stehen und…« Er verstummte und hob in einer ratlosen Geste die Schultern.

»Was geschieht mit uns, Magolas?«, fragte Keandir. Er fasste seinen Sohn bei den Schultern, so als müsste er sich erst der Tatsache versichern, dass er ihm tatsächlich gegenüberstand.

»Du weißt mehr über Magie als ich. Hast du irgendeine Erklärung für die grotesken Veränderungen, die wir erleben?«

»Wir scheinen in eine Art Albtraumsphäre versetzt worden zu sein«, murmelte Magolas nachdenklich und bestätigte damit des Königs Vermutung. »Doch eine Erklärung dafür kann ich Euch nicht liefern.«

Keandir streckte den Arm aus und deutete in Richtung der herannahenden Axtkrieger. »Hat es mit diesen Geschöpfen der Nacht zu tun?«

»Gewiss«, antwortete Magolas. Er trat an die Zinnen, seine Augen verengten sich, und auf einmal wurden sie von vollkommener Dunkelheit erfüllt, sodass das Weiße darin nicht mehr zu sehen war. Er wandte den Kopf, schaute seinen Vater an, und auch Keandirs Augen waren auf einmal vollkommen schwarz. Doch keiner der beiden Männer verlor darüber ein Wort.

Vielleicht, so dachte der König der Elben, würden sie die finsteren Kräfte, die in ihren Seelen schlummerten, nun brauchen, um sich dieser fremdartigen Schattenkreaturen erwehren zu können. Feuer bekämpfte man mit Feuer, warum nicht auch Finsternis mit Finsternis?

In diesem Moment herrschte ein stummes Einvernehmen und ein Gefühl der Gemeinsamkeit zwischen Keandir und seinem Sohn, dessen Werdegang er bis dahin immer mit einer Mischung aus Argwohn und Sorge betrachtet hatte. Sie teilten den gleichen dunklen Seelenkern – und vielleicht war dessen Existenz auch der eigentliche Grund dafür, dass offenbar nur sie beide in dieser Albtraumwelt gefangen waren. Sie und die Axtkrieger.

»Es ist, als habe diese seltsame Schattenwelt die Wirklichkeit, wie wir sie kennen, vollständig verdrängt oder überlagert«, sagte Magolas. »Ja, so muss es sein: Eine Sphäre überlagert eine andere, sodass wir uns in einer Zwischenwelt befinden. Die Burg, das Land darum herum – das ist die Realität. Und trotzdem ist es nicht unsere Wirklichkeit, die wir erleben.«

»Das heißt, all die anderen Elben dieser Stadt sind für uns unsichtbar geworden?«, fragte Keandir.

Magolas nickte. »Sie sind noch da, Vater, aber unerreichbar getrennt von uns durch die unsichtbare Grenze dieser tauben Sphäre, in der abgesehen von den Axtkriegern nur wir beide existieren.« Magolas machte eine kurze Pause, ehe er fortfuhr:

»Als ich dem Axtkrieger zum ersten Mal begegnete, bewegte ich mich in beiden Sphären gleichzeitig, doch diesmal ist es anders. Die Magie der Axtkrieger scheint beim ersten Versuch nicht stark genug gewesen zu sein, um unsere Wirklichkeit vollständig zu verdrängen.«

»Wie kann das möglich sein?«, fragte der Elbenkönig.

Wieder ein hilfloses Schulterzucken. »Es kann eine Art Zeitmagie sein. Ja, vielleicht steht die Zeit für alle anderen still, und wir beide – und diese Axtkrieger – bewegen uns in einer zeitlosen Zwischensphäre, in der sterbliche Wesen, zu denen wir Elben ja auch gehören, normalerweise nicht existieren können.«

»Aber wir existieren hier!«, widersprach Keandir.

»Weil wir in dieser Zwischensphäre gefangen sind, Vater«, vermutete Magolas. »Das wäre die Erklärung dafür, warum nichts zu hören ist, denn selbst Schall ist nichts weiter als in Schwingung versetzte Luft; wird die Zeit angehalten, kann sich der Schall nicht ausbreiten, und wir sind dann wie taub.«

»Aber ich höre deine Stimme«, sagte Keandir. »Und den Hufschlag der Reiter.«

»Ja, Vater, ja«, sagte Magolas. »Auch für mich ist das verwirrend.«

»Wo ist Andir?«, fragte Keandir.

»Ich weiß es nicht.«

»Er ist der größte Magier der Elben. Hat er denn nichts gespürt? Müsste er die immensen magischen Kräfte, die hier zweifellos freigesetzt wurden, um diesen grotesken Effekt zu erzeugen, nicht wahrnehmen?«

»Vielleicht besitzt er keinen Sinn, der dafür ausgebildet wäre«, sagte Magolas grübelnd. »Und das scheint auch für die anderen Elben dieser Stadt zu gelten. Ich bin überzeugt, dass sie sonst an unserer Seite stehen würden.«

»Aber gesucht hast du deinen Bruder nicht?«

»Ich war in seinen Gemächern. Sie waren so verlassen wie alle anderen Bereiche dieser Burg, Vater.«

Der König atmete tief durch. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass nur wir beide – Magolas und ich – von der Seelenfinsternis befallen sind!, überlegte er. Das scheint uns für die Wahrnehmung dieser Sphäre besonders empfänglich zu machen.

Keandir blickte wieder über die Zinnen zu den Reitern. Sie näherten sich mit einer übernatürlich großen Geschwindigkeit.

Kein gewöhnliches Pferd konnte sich so schnell fortbewegen, selbst die besten Pferde aus elbischer Zucht nicht. Nicht einmal die Zentauren des Waldreichs hätten mit den Schattenreitern mithalten können. Und ihre Geschwindigkeit schien noch zuzunehmende näher sie der Stadtmauer kamen.

»Wir werden uns ihnen zum Kampf entgegenstellen müssen«, war Magolas überzeugt. »Wir beide – ganz allein.«

Keandir zog sein Schwert Schicksalsbezwinger. »Es wäre nicht der erste scheinbar aussichtslose Kampf, den ich bestehe«, sagte er. »Und wenn du dereinst mein Nachfolger werden solltest, wirst du das vielleicht auch von dir sagen können…«

»Bis dahin werden noch Zeitalter vergehen, Vater.«

Keandir hatte damit einen wunden Punkt angesprochen. Aber Magolas verspürte in diesem Moment keine Neigung, darüber zu sprechen. Nun ging es darum, die akute Gefahr abzuwehren, alles andere hatte zurückzustehen.

Die Schar der Reiter erreichte eines der äußeren Stadttore von Elbenhaven. Es war geschlossen, so wie es eigentlich in der Nacht üblich war, während die Tore am Tage normalerweise offen standen. Aber es standen keine Wachen in der Nähe.

Eine unsichtbare Kraft sprengte das Tor einfach auseinander.

Die Torflügel wurden aus ihren Halterungen gerissen. Der Elbenstahl, aus dem die riesigen Scharniere bestanden, brach, als würde es sich um morsches Holz handeln. Ein Dutzend Schritte flogen die Torflügel durch die Luft, und die unheimlichen Reiter strömten ins Innere der Stadt.

Keandir und Magolas beobachteten sie noch immer von der Wehrmauer des inneren Burghofs aus. Der Elbenkönig war überrascht darüber, wie viele es waren. Aus der Ferne hatte die Gruppe kleiner gewirkt. Aber das war offenbar eine Täuschung gewesen.

Und noch etwas fiel ihm auf: Nur einer dieser Reiter hatte die Größe eines ausgewachsenen Elben- oder Rhagar-Mannes.

Magolas erkannte in ihm den Axtkrieger wieder, dem er bereits begegnet war, was er Keandir auch sagte. Bei den anderen Mitgliedern dieses Reitertrupps handelte es sich um gedrungene, gnomenhafte Gestalten, von denen jeweils zwei oder gar drei auf einem der gewaltigen Kaltblüter hockten. Ihre Äxte waren nicht weniger groß als die des hochgewachsenen Kriegers, und dadurch wirkten sie im Vergleich zu den untersetzten Körpern der Gnome noch sehr viel monströser.

Nichtsdestotrotz schwangen sie diese Waffen mit einer Behändigkeit, deren Ursache kaum in einer besonderen Leichtigkeit des Materials liegen konnte oder in einer besonderen Art und Weise, wie diese Waffen ausbalanciert waren. Da musste Magie im Spiel sein. Die Gnomenreiter waren mit einer Kraft ausgestattet, die in völligem Gegensatz zu ihrer kleinwüchsigen Gestalt stand.

Ebenso wie der große Axtkrieger, der sie anführte, trugen sie tief ins Gesicht gezogene Kapuzen, unter deren Schatten kein Lichtstrahl drang.

»Gnomenhafte Kreaturen!«, murmelte der Elbenkönig. »Wir haben uns immer gefragt, was wohl aus Xarors legendärem Volk der Sechs Finger geworden ist…«

»Und nun könnten wir eine erste Antwort auf diese Frage erhalten«, glaubte Magolas. Er zog nun ebenfalls sein Schwert, dann eilten der König und er die Treppe des Wehrgangs hinunter in den Inneren Burghof.

Unten angekommen, sagte Magolas plötzlich: »Ich ahne, weshalb die Reiter gekommen sind.«

»So?« Keandir blieb stehen und schaute seinem Sohn in die nachtschwarzen Augen.

»Ich bin überzeugt davon, dass auch Ihr es ahnt, Vater«, erklärte Magolas. »Es sind die Zauberstäbe des Augenlosen Sehers, die diese Kreaturen hergelockt haben. Da würde ich jede Wette eingehen.«

Weiter: Teil 4 von 4