Die Könige der Elben, Zweiter Band der Elben-Trilogie
»Was, wenn er alle Elbensteine zerstört?«, fragte Magolas.
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 4 Teile geteilt.
»Ein Gedanke, der mir gefällt«, gestand Keandir.
»Das kann ich mir gut vorstellen.«
»Inwiefern?«
»Nun, habt Ihr nicht auch Euch und Euer Volk von der Herrschaft der Toten über die Lebenden befreit, indem Ihr den Anspruch erhoben habt, Euer eigenes Schicksal zu schaffen?«
Keandir zuckte mit den Schultern. »Man könnte es so interpretieren.«
»Doch begingen die Elben beim Aufbau ihres Reiches einen Fehler«, sagte Sokranos überzeugt, »indem sie ihren Toten keinen bestimmten Ort zuwiesen.«
»Unsere Toten gehen zumeist ein in jene Sphäre, die wir Eldrana nennen, das Reich der Jenseitigen Verklärung«, erläuterte Keandir.
Der Zentaur lächelte. »Ich meinte einen Ort auf dieser Welt.
Einen Ort, der unmittelbar und letztlich für jeden zugänglich ist, der mit den Toten in Verbindung zu treten wünscht.«
»Da habt Ihr recht, einen solchen Ort haben wir Elben nicht.«
»Meiner Überzeugung nach ist das der tiefere Grund dafür, weshalb Ihr Elben die geistige Verbindung zu Euren Vorfahren verloren habt.«
»Ehrlich gesagt, ich habe das unter diesem Aspekt noch nie betrachtet«, gab Keandir zu. »Ich bin der Ansicht, dass die zunehmende spirituelle Schwäche unserer Schamanen und Magier daran schuld ist und gewisse Veränderungen in der Natur der Magie, die sich bereits erkennen lassen.«
»O nein«, widersprach Sokranos. »Ich kenne diese These, und ich habe sie mit vielen Eurer Art in langen philosophischen Streitgesprächen diskutiert. Meiner Ansicht nach verwechselt Ihr Elben, was dies betrifft, Ursache und Wirkung.«
»Ein Zentaur, der sich mit dem König der Elben in einen philosophischen Disput begibt!«, staunte Thamandor. »Es gibt doch immer wieder Dinge, die man kaum für wahr halten mag!«
Immer dichter wurde der Wald, und Siranodir mit den zwei Schwertern machte den Vorschlag, doch mit der Flammenlanze einen Weg zu bahnen. Aber dagegen sprach nicht nur die Gefahr, einen Waldbrand zu verursachen in diesem Gebiet, das den Zentauren heilig war, sondern auch die Überlegung, dass bisher niemand wusste, wie viele Flammenschüsse diese Waffe mit ihrer bisherigen Ladung an
»Naranduinitischem Steingewürz« abgeben konnte – obwohl Thamandor selbst glaubte, dass man damit mindestens ein Jahrhundert lang fleißig herumsengen konnte. Er stützte diese Aussage auf seine Beobachtungen, die er einst auf der Insel des Augenlosen Sehers gemacht hatte: Die Ouroungour genannten geflügelten Affen hatten dort mit Hilfe jener Gesteinsart, aus welcher der Waffenmeister das
»Naranduinitische Steingewürz« gewonnen hatte, ihre Waffen stetig erneuert. Sicherlich hatten sie die Steine, aus denen das dafür notwendige magische Feuer schlug, nicht sehr häufig gewechselt. Xaror hatte sie ihnen vor Urzeiten gegeben, damit sie dafür sorgen konnten, dass sein Bruder, der Augenlose Seher, seiner Verbannung nicht entkam.
Aber Keandir teilte die optimistische Einschätzung des Waffenmeisters nicht so ohne Weiteres, denn sie basierten letztlich nur auf Spekulationen, und der Elbenkönig wollte das Risiko nicht eingehen, während des Feldzugs plötzlich ohne die wichtigste Waffe dazustehen, die seinem Volk derzeit zur Verfügung stand.
12
ELBENBLUT UND TRORK-RACHE
Drei Tage lang zog das Heer König Keandirs bereits entlang der nord-bergischen Höhenkette gen Westen. Hier und dort entdeckten sie Feuerstellen der Trorks und außerdem Reste ihrer Mahlzeiten. Reste, die Rätsel aufgaben. Sie bestanden zum Teil aus Knochen, die wohl von im Wald beheimateten Kleintieren stammten. Offenbar führten die Trorks kaum Vorräte mit, was unter den Elben niemanden verwunderte, da diese augenlosen Barbaren ja auch weder Reittiere noch Handkarren zu kennen schienen; wahrscheinlich war unter ihnen die Erfindung des Rades unbekannt.
»Sie können nur das mitführen, was sie zu tragen vermögen«, erklärte Sokranos; dass der Zentaur Keandirs Zug begleitete, erwies sich als immer wertvoller, da den Elben so das gesammelte Wissen seines Volkes über die Trorks zur Verfügung stand. Das war zwar nicht besonders tiefgehend, da es nahezu ausschließlich kriegerische Begegnungen zwischen Zentauren und Trorks gegeben hatte, machte aber manche Verhaltensweise des Feindes verständlicher.
Viele der aufgefundenen Knochen machten den Eindruck, als sei an ihnen genagt worden. Mitunter waren sogar nur noch Bruchstücke vorhanden. Für Sokranos war das nichts Verwunderliches. »Wir wissen, dass die Trorks Knochen verzehren«, sagte er. »Allerdings scheinen sie da eine besondere Auswahl zu treffen. Das gilt auch für Blut. An ihren Lagerplätzen findet man ab und zu Tiere, die man hat ausbluten lassen, und Zentauren, die in Gefangenschaft gerieten, wollen Trorks dabei gesehen haben, wie sie ganze Tonkrüge voller Blut tränken. Aber es scheint so, als würde auch dafür nicht jedes Tier in Frage kommen.«
»Vielleicht hängt das mit den Göttern zusammen, an die diese Barbaren glauben«, vermutete Isidorn.
»Gut möglich«, meinte Sokranos.
Anhand der Anzahl der Lagerplätze war zu erahnen, wie groß die Horde der Trorks gewesen sein musste, die auf Turandir zumarschiert war. König Keandir entsandte auch immer wieder Kundschafter in die nähere Umgebung. Sokranos gab diesen Elben einige Regeln mit auf den Weg, um keinen Frevel gegen die verstorbenen Zentauren zu begehen. Immerhin musste man davon ausgehen, dass im Laufe der Jahrtausende nahezu jeder Flecken im Nordosten des Waldreichs eine nach Zentaurenart unbezeichnete Grabstelle war und jeder Baum – den religiösen Vorstellungen dieses Volkes entsprechend – die Seele mindestens eines Zentauren aus dem Boden gezogen und in sich aufgenommen hatte.
Die Kundschafter berichteten bei ihrer Rückkehr von zahlreichen weiteren Lagerplätzen mitten im Wald.
Lagerplätze, die in großer Hast errichtet und wieder aufgegeben worden waren, wie deutlich erkennbar war. Das sprach dafür, dass sie der Einsatz des Flammenspeers während der Schlacht vor den Mauern Turandirs offenbar doch nachhaltig beeindruckt hatte, denn sie waren offenkundig noch immer auf der Flucht. Welche Macht es auch immer geschafft hatte, ihre zersplitterten Horden auf ein Ziel einzuschwören –
es war ihr bislang noch nicht gelungen, sie wieder zu formieren.
»Welch schändlicher Frevel!«, stieß Sokranos hervor, als er von den weiteren Lagerplätzen der Trorks erfuhr und davon, dass sie dort ebenfalls Feuer entfacht, Knochen mit ihren Zähnen zermalmt und das Blut von Tieren getrunken hatten, die daraufhin nicht verzehrt, sondern achtlos weggeworfen worden waren. »Welch eine Qual für die Seelen unserer Vorfahren, die diesen Ort bevölkern!« Keandir kam der Gedanke, dass es durchaus auch seine Vorteile hatte, den verstorbenen Vorfahren einen Ort zuzuweisen, der nicht in dieser Welt lag, sondern in anderen, eigens für die Jenseitigen reservierten Sphären.
Es war die fünfte Nacht des Feldzuges gegen die Trorks, als Keandir plötzlich erwachte. Zwischen den Bäumen raschelte es. Äste knackten. Dumpfe, dröhnende Stöße erschütterten den Boden ganz leicht – aber für die verfeinerten Elbensinne durchaus deutlich wahrnehmbar. Und Keandir vernahm die charakteristischen stampfenden Tritte der Trorks. Es mussten Tausende sein, die über den weichen Waldboden stampften.
Noch war das Gros von ihnen meilenweit entfernt, aber sie kamen näher. Keandir ließ den Blick schweifen und sah, dass auch die anderen Elben sie hörten und nach und nach erwachten. Nur der Zentaur Sokranos vermochte ihre Schritte nicht zu hören. Noch nicht.
Offenbar wussten die Kreaturen genau, wo sich die Elben befanden, wurde Keandir klar. Jemand lenkte sie, führte sie zum Ziel. Oder verfügten die Trorks über so feine und weitreichende Sinne, dass sie vielleicht sogar denen der Elben ebenbürtig waren? Keandir gefiel dieser Gedanke ganz und gar nicht, aber er ließ sich nicht ignorieren.
Keandirs Hand umfasste den Knauf des
Schicksalsbezwingers. Die Trorks suchten offenbar die Entscheidung. Grenzenloser Hass, grenzenloser Wille zur Gewalt und noch etwas anderes trieb sie an. Furcht, dachte Keandir. Dieses Maß an Gewalttätigkeit, das auch bei dem überfallenen Grenzposten erkennbar geworden war, musste zum Gutteil auch aus Furcht und Angst erwachsen. Aber Angst wovor?
Einige Augenblicke lang lauschte er den Geräuschen, die immer deutlicher zu hören waren. Ein Klangteppich, der mehr und mehr anschwoll und schließlich von einem dumpfen, brummenden Singsang unterlegt wurde, mit dem sich die Trorks wohl selbst Mut machen wollten. Für einen Moment empfand Keandir paradoxerweise sogar Mitleid mit jenen augenlosen Geschöpfen, die sich anschickten, das Heer der Elben zu stellen und zu vernichten. Eine prompte Rache für die Niederlage, die man ihnen an den Mauern Turandirs beigebracht hatte.
»Mirgamir!«, rief Keandir den Kommandanten seiner Leibwache herbei, der seinen Lagerplatz bereits verlassen hatte. Es war ihm anzusehen, dass er noch nicht ganz wach war. »Lasst zum Kampf blasen!«, verlangte Keandir.
»Jawohl, mein König!«, antwortete Mirgamir, noch schlaftrunken.
Der Hornbläser der Leibgarde, dessen Name Eskidor lautete, wartete nicht erst ab, bis sein Kommandant den Befehl weitergab, sondern nahm das Horn an den Mund und schmetterte das entsprechende Signal, eine Tonfolge, die sogleich von anderen Hornbläsern aufgenommen wurde.
Innerhalb weniger Augenblicke wusste jeder der Elbenkrieger, was die Stunde geschlagen hatte. Wenn man König Keandirs Kämpfer und jenen Teil von Isidorns Heer zusammenzählte, der sie auf diesem Zug begleitete, kam man auf fast zweitausend Krieger. Sie alle griffen zu den Waffen und wappneten sich für den bevorstehenden Angriff eines zumindest zahlenmäßig übermächtigen Gegners. Pfeile wurden bereitgelegt und Armbrüste gespannt, sowohl die Einhandarmbrüste aus Thamandors Manufaktur mit ihren besonderen Giftbolzen als auch ganz konventionelle Modelle.
Dann starrten die Elben mit ihren empfindlichen Augen in die Dunkelheit des Waldes, schaudernd vor dem, was von dort auf sie zukam.
Thamandor, der bestbewaffnete Elb überhaupt, war als einer der Ersten vollständig gerüstet, seine Einhandarmbrüste geladen und gespannt. Es war nicht ratsam, sie in diesem Zustand zu belassen, wenn man sich zum Schlafen niederlegte, wollte man ungewollten erheblichen Schaden vermeiden.
Zuletzt nahm der Waffenmeister den Flammenspeer und überprüfte die Einstellungen der einzelnen Hebel an der zylinderförmigen Verdickung in der Mitte der Waffe. Den Sinn der einzelnen Handgriffe, die er vornahm, kannte nur er selbst und man konnte durchaus den Eindruck gewinnen, dass er auch wenig Wert darauf legte, dass noch irgendjemand anderes damit vertraut wurde.
Aber da schritt Sokranos ein, als er sah, was Thamandor tat.
»Nein, edler Waffenmeister!«, rief er mit einer Entschiedenheit, die auch Keandir aufhorchen ließ. »Nicht den Flammenspeer!«
Thamandor blickte auf. Auf seiner glatten Stirn bildete sich die für ihn so charakteristische Falte. »Was ist, Botschafter Sokranos?«, wollte der Waffenmeister wissen. »Wollt Ihr mich daran hindern, unser aller Leben zu retten?«
Sokranos machte einen stark erregten Eindruck und brauchte einen Augenblick, um sich zu fassen. »Der Einsatz dieser Waffe kommt hier nicht in Frage!«, brachte er schließlich hervor.
»Aber weshalb nicht?«, fragte Thamandor verständnislos, der den Flammenspeer bereits schussbereit hatte. »Wie kann man gegen seine eigene Rettung vernünftige Einwände haben?«
»Ihr würdet Hunderte von Bäumen niederbrennen. Bäume, die unserem Volk heilig sind, Thamandor!«
Thamandor wies mit einer Hand ins dichte Unterholz, in dem bei Nacht selbst für Elbenaugen kaum etwas auszumachen war. »Dort nähern sich mindestens zehntausend Trorks! Eure Zentaurenohren vermögen ihre schleichenden Schritte nicht zu vernehmen, aber mir dröhnen sie im Gehör, als wollten mich diese Kreaturen in den Boden stampfen und zermalmen. Wie sollte ich da zögern, die Waffe einzusetzen, die als einzige Rettung verspricht gegen diese Bestien?«
»Sie sind uns zahlenmäßig mindestens fünf zu eins überlegen«, glaubte Hauptmann Rhiagon, der seine Einhandarmbrust spannte. »Wir werden ums nackte Überleben kämpfen!«
Siranodir mit den zwei Schwertern, der seine beiden Klingen
»Hauen« und »Stechen« gegeneinander wetzte, hatte ebenfalls wenig Verständnis für die Bedenken des Zentauren. »Auch ich spüre die Gefahr. Und ich bin ehrlich froh darüber, dass wir Thamandors Flammenspeer mit uns führen!«
»Und was ist mit den Seelen meiner Vorfahren?«, wandte Sokranos ein. »Was ist mit den Generationen von Zentauren, deren Leiber eins wurden mit diesem Waldboden und deren Seelen ins Holz der Bäume aufstiegen?«
»Wir werden nicht viel Zeit haben, über diese Frage zu beratschlagen«, sagte Thamandor. »Dieser Boden mag den Zentauren heilig sein, aber das Leben unserer Krieger hat Vorrang! Außerdem böte sich die Gelegenheit, die Trorks ein zweites Mal – und diesmal vielleicht endgültig – zu schlagen!«
»Ich persönlich kann Eure Sichtweise durchaus teilen, werter Thamandor«, erklärte Sokranos missmutig. »Aber ich glaube nicht, dass die Ältesten der Söhne Axanos’ oder irgendeines anderen Stammes es je verzeihen werden. In ihren Augen wäre es ein entsetzlicher Frevel!«
»Sie werden davon nicht erfahren, wenn Ihr es ihnen nicht berichtet«, mischte sich Siranodir wieder ein.
Sokranos verzog das Gesicht und schüttelte dann energisch den Kopf. »Oh, doch! Sie werden davon erfahren! Darauf könnt Ihr Euch verlassen. Selbst wenn ich ein Schweigegelübde ablegte – diese Nachricht wird sich verbreiten!«
»Niemand außer den Trorks und uns wäre Zeuge!«, wandte Thamandor ein.
»Die Seelen der Zentauren wären Zeugen!«, widersprach Sokranos. »Sie leben im Holz dieser Bäume, sind in den Blättern und in den jungen Trieben. Sie sehen Euch. Jetzt, in diesem Moment! Und sie sehen auch die Trorks. Und genauso, wie Ihr früher Verbindung mit den Eldran hattet, nehmen wir Zentauren hin und wieder Kontakt mit unseren Toten auf. Ihre Seelen werden es bezeugen, werter Thamandor, darauf verlasst Euch! Für uns Zentauren wird es vielleicht lange dauern, bis es sich herumgesprochen hat, aber für Euch Elben mit Eurem besonderen Zeitempfinden wäre es nur eine sehr kurze Spanne, und plötzlich würde kein Zentaur mehr Dienst an der Aratanischen Mauer tun und die Elben als seine Verbündeten ansehen.«
Sokranos wandte sich an den Elbenkönig. »Ich weiß nicht, ob Ihr das wirklich aufs Spiel setzen wollt, König Keandir. Auch angesichts der Tatsache, dass wohl zurzeit kaum ein Volk so sehr darauf angewiesen ist, Verbündete zu haben, wie das Eure. Wenn Ihr Thamandor erlaubt, den Flammenspeer einzusetzen, macht Ihr damit die Zentauren zu Euren Feinden!«
Keandir hatte bisher dazu geschwiegen, doch er wusste, dass die Entscheidung bei ihm lag, darauf hätte ihn Sokranos nicht extra hinweisen müssen. »Wir werden zunächst versuchen, den Angriff der Trorks mit unseren Einhandarmbrüsten und Bogenschützen abzuwehren«, bestimmte er nach kurzer Überlegung. »Fast hundert Schützen stehen unter dem Kommando von Hauptmann Rhiagon. Das magische Gift in den Bolzen ihrer Waffen müsste ausreichen, um die Trorks zurückzuwerfen, auch wenn sie uns zahlenmäßig überlegen sind.« Er wandte sich an Sokranos. »Oder habt Ihr auch dagegen etwas einzuwenden? Ihr seht, dass mir sehr viel an dem Bündnis mit den Zentauren gelegen ist. So viel, dass ich mein eigenes Leben in Gefahr bringe.«
»Auch davon wird man erfahren, König Keandir«, versprach Sokranos. »Aber wenn einer der Bolzen aus Euren speziellen Armbrüsten einen Stamm trifft und sein magische Gift freisetzt, wird der Baum trotzdem zerstört«, gab er zu bedenken.
»So werden die Schützen umso exakter zielen müssen«, mischte sich Rhiagon in den Disput ein.
»Und Ihr könnt versprechen, dass kein Baum getroffen wird?«, hakte Sokranos nach, und als er keine Antwort erhielt, fügte er hinzu: »Unbedenklich erscheint mir einzig der Einsatz von Pfeil und Bogen und konventionellen Armbrüsten.«
»Aber bei einem solchen Kampf werden auch etliche Pfeile und Bolzen der normalen Armbrüste die Bäume treffen«, versetzte Thamandor. »Weshalb diese unterschiedliche Beurteilung der Waffen?«
»Der Unterschied liegt im Ausmaß des Schadens«, erklärte Sokranos. »Das magische Gift der Einhandarmbrüste würde den getroffenen Baum, vollständig vernichten. Aber was Pfeil und Bogen angeht, so werden die Seelen der toten Zentauren Verständnis haben. Sie waren zum Großteil selbst Jäger und wissen, dass nicht jeder Schuss treffen kann.«
»Und was ist mit konventionellen Armbrüsten?«, fragte Keandir.
»Meinetwegen«, gestand Sokranos ein. »Nun, es ist ein Frevel, aber keiner, der unverzeihlich wäre.«
»So könnten auch die Einhandarmbrustschützen konventionelle Bolzen verwenden«, schlug Keandir vor.
»Unmöglich«, widersprach Thamandor. »Die Spurbreite für die Geschosse ist unterschiedlich!«
Keandir atmete tief durch. Der dröhnende Schritt von zehntausend Trorks wies ihn nachdrücklich darauf hin, dass die Situation allmählich brenzlig wurde. »Mirgamir! Siranodir!
Isidorn!«, rief der König der Elben. »Wie viele Bogenschützen haben wir unter unseren Kriegern?«
»Alles in allem – etwa vierhundert«, glaubte Herzog Isidorn.
»Wenn man Eure und meine Kräfte zusammenzählt natürlich!«
»Und konventionelle Armbrustschützen?«
»Etwa fünfzig.«
»Das würde ich auch in etwa sagen«, stimmte Siranodir mit den zwei Schwertern zu, und Mirgamir ergänzte: »Bedenkt bitte, dass die Bogenschützen kein magisches Gift verwenden und ihre Kampfkraft daher sehr viel geringer ist als mit den Einhandarmbrüsten. Gerade gegen Wesen, die so widerstandsfähig und zäh sind wie die Trorks.«
Keandir wusste, was Mirgamir meinte. Schon in den ersten Berichten, die der legendäre Fährtensucher Lirandil über die Trorks und das Wilderland geliefert hatte, in dem eine Unzahl weiterer feindseliger Kreaturen hauste, war von der enormen Widerstandskraft der Trorks die Rede gewesen. Die Elben verfügten über eine besondere Selbstheilungskraft, die sie Verletzungen überleben ließ, an denen ein Mensch oder ein Zentaur unweigerlich gestorben wäre; die kennzeichnende Eigenschaft der Trorks hingegen konnte man wohl besser als eine besondere Form der Unempfindlichkeit bezeichnen.
Gegen das magische Gift der Einhandarmbrüste waren sie natürlich machtlos, wohl ebenso wie gegen die Feuersbrunst des Flammenspeers. Aber man musste damit rechnen, dass nicht immer ein einziger Pfeil ausreichte, so gut er auch gezielt sein mochte, um einen Trork zu töten oder zumindest kampfunfähig zu machen. Die Durchschlagskraft der Beidhandarmbrüste war hingegen deutlich höher, aber sie hatten den Nachteil einer sehr langsamen Schussfolge, weil das Nachladen und Spannen eine gewisse Zeit in Anspruch nahm.
Dennoch – König Keandir wollte die Heiligkeit dieses Waldgebiets respektieren und damit die Freundschaft zu den Zentauren erhalten. »Die Bogenschützen sollen vortreten und sich zu einer Schützenformation aufstellen!«, ordnete er an.
»Wir werden zunächst versuchen, die Trorks mit Pfeilen abzuwehren. Zwischen den Bogenschützen postieren wir Schildträger, fünf Schritt dahinter sollen die Armbrustschützen Aufstellung nehmen, falls wir auf sie zurückgreifen müssen.«
Und was würden sie tun, wenn das nicht ausreichte? Diese Frage ging Keandir durch den Kopf, während die Bogenschützen Aufstellung nahmen. Fackeln wurden entzündet, um wenigstens ein bisschen den Wald zu erhellen.
Mochten Elbenaugen auch noch so gut sein und mit viel weniger Licht auskommen, als dies bei anderen Völkern der Fall war – ein wenig Licht brauchten sie schon.
Die Trorks hingegen waren davon völlig unabhängig.
Gleichgültig, wie wenig Mondlicht das dichte Blätterdach durchließ, sie konnten sich mit Hilfe ihrer geheimnisvollen Sinne perfekt orientieren. Die Dunkelheit war ihr Freund.
Die erste Reihe der elbischen Bogenschützen kniete nieder.
Die zweite stellte sich direkt hinter ihnen auf. Dazwischen wurden die Schildträger postiert, die ihre Kameraden mit ihren Schutzschilden schützen sollten. Außerdem sorgten sie mit Lanzen und Speeren für die Abwehr jener Angreifer, die bis auf eine direkte Nahkampfdistanz herankamen und die Schützen angriffen.
Auch Sokranos reihte sich zunächst ein, nahm seinen Bogen und legte den ersten Pfeil ein. Zwar waren die Augen eines Zentauren längst nicht so gut wie die eines Elben – und gleiches galt für alle anderen Sinne, abgesehen vom Geruchssinn –, aber dafür war ein Zentaur normalerweise im Wald zu Hause. Auf Sokranos traf das jedoch nur bedingt zu; die Mauern von Turandir waren ihm längst zur zweiten und wohl eigentlichen Heimat geworden.
Aber König Keandir hatte andere Pläne für den Zentauren.
Mit einer Handbewegung beorderte er ihn zu sich, und Sokranos folgte der natürlichen Autorität des Elbenkönigs.
»Wir schonen das Waldgrab Eurer Ahnen«, sagte König Keandir. »Und dafür riskiert jeder von uns sein Leben. Ja, mehr noch. Wenn wir in dieser Schlacht gegen die Trorks unterliegen sollten, ermutigen wir sie dadurch zu erneuten Angriffen auf Turandir und vielleicht auch auf andere von Elben besiedelte Städte.«
»Das ist mir durchaus bewusst, und ich weiß dieses Entgegenkommen außerordentlich zu schätzen«, erwiderte Sokranos. »Im Übrigen kann ich Euch versichern, dass man Eure Haltung unter den Zentauren auch in Generationen noch nicht vergessen haben wird.«
Keandir war das gleich. Diese Generationen würde er, wenn er nicht zwischenzeitlich in einer Schlacht fiel, weit überleben.
»Ich möchte, dass Ihr zu Eurem Stamm eilt und Hilfe holt, Sokranos. Mobilisiert so viele Zentauren wie möglich; ich glaube kaum, dass wir uns ohne Einsatz der Einhandarmbrüste oder gar des Flammenspeers hier ewig werden halten können.
Und es liegt ja auch im Interesse der Zentauren, dass die Trorks vertrieben werden.«
»Mein Kontakt zu den Axanitern brach vor einiger Zeit ab«, erklärte Sokranos etwas ratlos. »Genauer gesagt zu dem Zeitpunkt, da die Angriffe der Trorks begannen, und ich befürchte, dass sie weit nach Süden oder gar bis zum Nur gezogen sind, um den Attacken dieser Bestien zu entgehen.« »Dann sucht sie! Zwei Dutzend meiner Krieger sollen Euch begleiten. Und wenn Ihr auf Angehörige anderer Stämme trefft, so sprecht auch sie an! Macht ihnen klar, dass es um die Verteidigung der Gräber Eurer Ahnen geht.«
Der Zentaur neigte sein Haupt. »Ja, Herr.«
»Und falls Ihr uns nicht hier vorfindet, wenn Ihr zurückkehrt, so nehmt unsere Spur auf und folgt uns.«
Der Zentaur atmete tief durch. Die Aussicht einer ausgedehnten Suchaktion im Wald schien ihn mehr zu schrecken als der bevorstehende Kampf mit den Trorks.
Vermutlich wusste er beides nicht realistisch einzuschätzen, glaubte Keandir. Dem Wald war er wahrscheinlich bereits so entwöhnt, dass er Furcht davor empfand, und den Kampf kannte er vielleicht nur aus beschönigenden Heldensagen, oder der glimpfliche Ausgang der Schlacht um Turandir täuschte ihn darüber hinweg, wie blutig und grausam eine solche Auseinandersetzung war.
An den Mauern Turandirs jedoch hatte der Einsatz des Flammenspeers die schnelle Entscheidung gebracht – aber gerade diese Waffe durfte diesmal mit Rücksicht auf die Ahnen der Zentauren nicht eingesetzt werden.
»Mirgamir!«, beorderte Keandir den Kommandanten seiner Leibwache zu sich.
»Mein König?«
»Ihr begleitet mit Euren besten Kriegern den Botschafter! Ich brauche Euch wohl nicht extra darauf hinzuweisen, wie dringend dieser Auftrag ist.«
»Wir sind schon auf dem Weg, mein König«, versicherte Mirgamir, wobei er Haltung annahm. Er suchte die besten Krieger unter den Leibwächtern des Königs aus, und bereits wenig später brach der Trupp auf. Ab und zu beleuchtete sie noch das fahle Mondlicht, das hin und wieder durch das dichte Blätterdach fiel.
»Ich hoffe, sie werden sich nicht hoffnungslos verirren«, meinte Herzog Isidorn skeptisch.
»Zentauren vermögen ihren Weg allein aufgrund ihres Geruchssinns zu finden«, erklärte ihm Keandir.
»Sofern Ihr über Zentauren im Allgemeinen sprecht, mag das ja durchaus zutreffen, mein König – aber was unseren Freund Sokranos angeht, scheinen mir die ursprünglichen Instinkte seiner Art bei ihm durch den langen Aufenthalt in Turandir leicht verkümmert zu sein.«
»Hoffen wir in unserem eigenen Interesse, dass er sich ihrer wieder erinnert«, sagte Keandir. Die viel größere Gefahr sah er darin, dass Sokranos und der Trupp Elben, der ihn begleitete, geradewegs einer Horde von Trorks vor die Keulen liefen –
denn niemand konnte genau sagen, wie groß das Gebiet im Norden des Waldreichs nun eigentlich war, das momentan von den augenlosen Barbaren besetzt wurde.
Die Geräusche im Wald schwollen zu einem immer lauter und eindringlicher werdenden Klangteppich an. Das Stampfen der Unholde verschmolz zu einem einzigen Dröhnen, und für die Elben waren auch die Erschütterungen des Bodens deutlich spürbar.
Sie erwarteten mit finsterer Entschlossenheit ihre Gegner im Kampf. Niemand sagte noch ein Wort. Die Blicke waren in die Finsternis des Waldes gerichtet und alle Sinne auf jedes Zeichen ausgerichtet, das den unmittelbar bevorstehenden Angriff der Barbaren ankündigen mochte.
Endlich tauchten die ersten Trorks zwischen den Bäumen auf, und sofort schossen sie ihre mit Steinspitzen besetzten Pfeile ab, die jedoch größtenteils in den Schilden der Elben stecken blieben oder daran abprallten. Ihr sofortiges Handeln zeigte überdeutlich, dass die Trorks die Anwesenheit der Elben auf eine unbekannte und vielleicht sogar magische Weise deutlich spüren konnten, doch um den Gegner mit einem Pfeilhagel so einzudecken, dass dieser sich nicht mehr aus der Deckung seiner Schilde wagen und zurückschießen konnte, dazu war ihre Angriffsweise zu wenig geordnet.
Von Baum zu Baum arbeiteten sich die Trorks heran, nahmen immer wieder Deckung hinter den knorrigen, teils sehr verwachsenen Urwaldriesen, von denen die größten einen Durchmesser von bis zu zwanzig Schritt hatten. Es war ein sehr alter Wald mit sehr alten Bäumen, von denen manche vielleicht schon die Herrschaft des Augenlosen Sehers und seines Bruders Xarors über das Zwischenland erlebt hatten.
Wenn das fahle Mondlicht sie durch die wenigen Lücken des Blätterdachs traf, wirkten die angreifenden Trorks wie blasse Gespenster. Kreaturen, die aussahen, als wären sie einem lichtlosen unterirdischen Reich entstiegen und hätten sich irgendwann dazu entschieden, künftig an der Oberfläche zu leben. Beim Anblick dieser Geschöpfe fühlte sich Keandir unwillkürlich an den Augenlosen Seher und dessen bizarre Existenz inmitten eines Berges der Insel Naranduin erinnert.
Das gleiche Schaudern, das er schon damals empfunden hatte, ließ ihn wieder frösteln. Vielleicht waren die Trorks die Erben jenes dunklen Imperiums, das nach der Verbannung des Sehers nach Naranduin von Xaror allein beherrscht worden war und dessen Schicksal vollkommen im Dunkel der Geschichte lag.
Ihre dumpfen Laute, aus denen offenbar auch ihre Sprache bestand, erfüllten die Luft mit einem Dröhnen, bei dem ein Elb die Empfindungen seiner Sinne willentlich abdämpfen musste, wenn er nicht den Verstand verlieren wollte. Es war ein raues Kriegsgeheul, das den Trorks offenbar half, sich in einen Kampfesrausch hineinzusteigern, und sie darüber hinaus jede Furcht vergessen ließ.
Der Pfeilhagel der elbischen Verteidiger trieb die Trorks, die bleich und unheimlich zwischen den dicken, knorrigen Bäumen auftauchten, zunächst zurück. Aber nur ein Teil der Pfeile traf auch tatsächlich sein Ziel. Der Rest blieb in den Stämmen der Bäume stecken.
Der ganze Wald erwachte zum Leben. Hinter jedem Baum schien sich mindestens ein Trork zu verbergen. Stamm für Stamm arbeiteten sie sich an die Reihen der Elben heran. Pfeil um Pfeil legten die Bogenschützen an die Sehnen und nutzten den Hauptvorteil, den diese Waffengattung gegenüber allen anderen Waffenarten hatte, die den Elben zur Verfügung standen: die schnelle Schussfolge. Ein geübter Schütze konnte alle fünf Herzschläge einen Pfeil abschießen und hatte dabei sogar noch Zeit, einigermaßen genau zu zielen. Hinzu kam, dass elbische Schützen zum Teil Jahrhunderte intensiven Trainings hinter sich hatten, sodass sie mit ihrer Waffe eins wurden: Den Pfeil aus dem Köcher ziehen, an die Sehne legen, zielen und schießen – das war bei ihnen eine einzige fließende Bewegung.
»Sie kommen Schritt für Schritt näher heran«, sagte Herzog Isidorn zu König Keandir. »Und da sie die Zahl der eigenen Verluste nicht so besonders zu interessieren scheint, gewinnen sie nach und nach an Gelände.«
»Das ist mir durchaus bewusst«, murmelte Keandir – genauso wie ihm auch klar war, dass das Elbenheer die Schlacht nur schwerlich für sich entscheiden würde, wenn es erst einmal zum Nahkampf kam. Denn dann würde sich die zahlenmäßige Überlegenheit des Gegners umso stärker auswirken.
Pfeile schwirrten durch die Luft. Hier und dort erhoben sich brüllende Todesschreie über den allgemeinen Kampflärm. Die Pfeile der Trorks hingegen richteten verhältnismäßig wenig Schaden an, wofür vor allem die geschlossene Schildfront der Elben verantwortlich war, die den Großteil der trorkischen Pfeile abfing.
Immer wieder nutzten die Trorks geschickt die knorrigen, verwachsenen Bäume als Deckung. Ob es Teil ihrer Taktik war, dass diese Bäume als heilig galten und die Elben daher versuchten, sie nach Möglichkeit nicht zu schädigen, hätte niemand mit Sicherheit zu sagen gewusst, doch Keandir nahm nicht an, dass sich diese Barbaren derart eingehend mit der zentaurischen Kultur und Religion beschäftigt hatten.
Allerdings schien ihnen tatsächlich jemand ganz erheblichen Nachhilfeunterricht in militärischer Taktik und Koordination gegeben zu haben. Obwohl sie keine konzentrierten Pfeilsalven zustande brachten, agierten sie ansonsten erstaunlich geordnet.
So zogen sie sich immer wieder zurück, wenn der Beschuss durch die elbischen Bogenschützen zu stark wurde. Doch schon wenig später waren sie dann wieder auf dem Vormarsch.
Dabei kamen sie zunehmend über die Flanken, um dem Beschuss durch die Formation der elbischen Bogenschützen nach Möglichkeit zu entgehen.
Keandir gab schließlich auch den Beidhandarmbrustschützen den Befehl, ihre Waffen einzusetzen. Denn einige der Trorks waren gefährlich nahe herangekommen, ehe Pfeile und konventionelle Armbrustbolzen sie im letzten Augenblick doch noch ausschalten konnten.
Aber es gelang dem Feind, immer mehr Boden zu gewinnen.
Schließlich erreichten die Ersten von ihnen die Reihen der Elben und droschen mit ihren Steinäxten und riesigen Hartholzkeilen auf die Verteidiger ein. So mancher der ihnen entgegengehaltenen Schilde wurde durch einen einzigen Schlag mit der Steinaxt einfach zertrümmert und brach auseinander. Die Trorks führten ihre Steinaxtschläge mit einer Wucht, der kein Elbenschild widerstehen konnte.
Ein Trork stürmte tollkühn auf die Schlachtreihen der Elben zu und drosch blindwütig auf den Feind ein. Wie ein Berserker brüllte er. Ein Pfeil traf den Trork in die Schulter und ein weiterer in den Oberschenkel, aber beides reichte nicht aus, um ihn aufzuhalten. Der Bolzen eines Einhandarmbrustschützen war es schließlich, der den Angreifer erledigte.
Der Bolzen drang fast vollständig in den Brustkorb des Trork ein, der markerschütternd aufbrüllte, als sich das magische Gift zischend in seinen Körper hineinätzte. Nach wenigen Augenblicken war nichts mehr von ihm übrig als eine graue, klumpige Masse.
Der Einhandarmbrustschütze hatte ohne Befehl gehandelt und seine Waffe trotz der damit verbundenen Gefahr eines Waldfrevels eingesetzt. Da die Trorks allerdings so nahe heran waren, war das Risiko, einen der Bäume zu treffen, sehr viel geringer, als wenn man auf größere Distanz in den Wald schoss.
Überall kam es zu Nahkämpfen, und immer mehr Trorks setzten aus dem dichten Unterholz nach. Brüllend stürmten sie auf die Elben zu und schwangen ihre Steinäxte und Keulen.
Die Formation der Bogen- und Armbrustschützen, die den Feind trotz seiner zahlenmäßigen Überlegenheit zunächst erfolgreich auf Distanz gehalten hatte, brach an immer mehr Stellen ein. Die Schildträger waren kaum noch in der Lage, sich selbst schützen, geschweige denn die Angriffe auf ihre Nebenmänner abzuwehren. Überall prallte der Elbenstahl aufblitzender Schwerter auf das Hartholz oder den Stein, aus denen die Waffen der Trorks gefertigt waren.
Keandir ließ Schicksalsbezwinger kreisen, hieb dem erstbesten Trork den augenlosen Kopf von den Schultern, Trorkblut spritzte auf.
Siranodir wirbelte die Klingen von »Hauen« und »Stechen«
derart schnell, dass es aussah, als würde er Blitze verschleudern, wenn sich ein Strahl des Mondes auf dem Edelstahl brach. Immer wieder ließ er sie durch das Fleisch seiner Gegner schneiden oder stach blitzschnell zu. Aber die Trorks waren zäh, und oft bedurfte es einer ganzen Reihe furchtbarer Stiche und Schnitte, um sie zu töten.
Auch Isidorn kämpfte mit dem Mut der Verzweiflung gegen die Übermacht und ließ immer wieder sein Schwert durch die Luft kreisen. Trorkköpfe rollten, abgehackte Arme, deren Pranken noch eine Steinaxt umklammerten oder eine der riesigen primitiven Keulen hielten, lagen am Boden, und das Blut troff nur so von der Klinge des Herzogs. Sein Schwert trug den Namen »Wächter Nordbergens«. Es hatte gegenüber den Schwertern anderer Elben eine leichte Übergröße, ohne die Monstrosität von Thamandors »Leichtem Tod« zu erreichen.
Vor zwei Jahrhunderthälften – eine unter Elben durchaus übliche Bezeichnung für eine noch gut überschaubare, kürzere Zeitspanne – hatte sich Herzog Isidorn in Thamandors Manufaktur dieses Schwert schmieden lassen. Es war aus dem gleichen Stahl wie der »Leichte Tod« des Waffenmeisters gefertigt und damit viel leichter als traditionelle Schwerter und besser zu führen.
Eine Jahrhunderthälfte lang hatte der »Wächter Nordbergens« in einem gläsernen Schrein gelegen, und es war keineswegs sicher gewesen, ob Isidorn sich je an die Klinge gewöhnen würde. Zunächst hatte er sogar bereut, den Auftrag zur Herstellung des Schwerts gegeben zu haben, und es war ihm als voreiliger Entschluss erschienen. Doch während eines Kampfes mit Rhagar-Piraten, die vermutlich aus dem Reich des Seekönigs von Ashkor und Terdos stammten und vor ein paar Jahrzehnten erstmalig die Küste Nordbergens erreichten, war ihm der »Seeteufel«, sein vorheriges Schwert, aus der Hand geschlagen worden und im Meer versunken. So hatte Isidorn im Verlauf der letzten Jahrhunderthälfte mit dem
»Wächter Nordbergens« geübt, schließlich hatte er die Vorzüge dieses neuen Schwertes erkannt, und inzwischen handhabte er die Waffe wie eine mit ihm verwachsene Verlängerung seines Arms.
Immer wieder sauste die Klinge durch die Luft und sandte Tod und Verderben unter die angreifenden Trorks.
Dutzendweise wurden sie erschlagen oder so schwer verletzt, dass sie nicht mehr kampffähig waren. Auch wenn häufig mehrere Hiebe notwendig waren, um einen von ihnen auszuschalten, so war es letztlich doch die pure Masse der Angreifer, die diesen Gegner so schwer zu bekämpfen machte.
Stundenlang zog sich der Kampf dahin, und Keandir erkannte, dass darin eine gewisse Zermürbungstaktik der Trorks lag. Sobald eine angreifende Horde zu sehr im Nahkampf dezimiert worden war, zogen sich die Überlebenden zurück in den Wald, um sich nach einer gewissen Weile neu zu formieren und mit neu anrückender Verstärkung einen weiteren Vorstoß zu unternehmen.
Auch im Morgengrauen wurde noch gekämpft, und Keandir hielt es inzwischen für illusorisch, dass es dem Trupp um Mirgamir und Sokranos gelingen konnte, in absehbarer Zeit genug Verstärkung durch zentaurische Verbände herbeizuschaffen, um die kämpfenden Elben spürbar zu entlasten. Die Zentauren hatten sich offenbar sehr viel weiter in die Tiefen des Waldes zurückgezogen als gedacht.
Es stand sogar zu vermuten, dass die ausgesandte Gruppe längst von den Trorks abgefangen und niedergemacht worden war.
Die ersten Strahlen der Morgensonne durchschnitten den aus den Wäldern aufsteigenden Frühdunst und riefen ein zauberhaftes Lichtspiel hervor, das in einem krassen Gegensatz zu dem tödlichen Geschehen am Fuße der nordbergischen Höhenkette stand.
Keandir überlegte schon, ob er seine Zusage, den heiligen Wald der Zentauren zu schonen, vielleicht doch noch einmal überdenken musste. Die allmählich voranschreitende Vernichtung des gesamten Elbenheers, mit dem der König von Elbiana und der Herzog von Nordbergen aufmarschiert waren, wäre ein zu hoher Preis für die Totenruhe der zentaurischen Vorfahren gewesen.
Der König hatte sich mit einigen wuchtigen Schwerthieben etwas freigekämpft. Das Trork-Blut troff von der ehemals geborstenen Klinge Schicksalsbezwingers. Das Gesicht des Königs war zur grimmigen Maske erstarrt.
Den unmittelbar an seiner Seite kämpfenden Elbenkriegern war es gelungen, die auf ihrem Abschnitt angreifende Trork-Horde ein ganzes Stück zurückzutreiben. Aber sie wussten, dass dies nur ein vorübergehender Erfolg war. Die Trorks würden sich erneut sammeln, ihre Reihen mit frischen Kämpfern auffüllen und wieder angreifen.
Keandir fasste den Griff Schicksalsbezwingers mit beiden Händen. »Eskidor!«, rief er den Namen eines der zum elbischen Heer gehörenden Hornbläsers.
»Hier bin ich, Herr!«, kam die Antwort mit heiserer Stimme zurück.
»Gebt das Signal zum Einsatz der Einhandarmbrüste! So leid es mir für Sokranos’ Ahnen tut, wir haben keine andere Wahl!«
»Jawohl, mein König!«
»Wo ist Thamandor?« Keandir brüllte die Worte geradezu heraus, sodass sich mancher seiner Mitstreiter unwillkürlich nach ihm umsah. So energisch hatte man den Elbenkönig seit mindestens anderthalb Jahrhunderten nicht mehr erlebt. Um genau zu sein, seit der Schlacht an der Aratanischen Mauer nicht mehr.
Siranodir und Isidorn wechselten einen kurzen Blick. Ein Blick, der nichts anderes als ein Zeichen der Anerkennung war. Vielleicht hatte der König der Elben die Phase der Agonie und Entscheidungsscheu, die ihm zeitweilig schwer zu schaffen gemacht hatte, endlich überwunden.
»Das war der alte Keandir!«, murmelte Siranodir mit den zwei Schwertern. Jener Keandir, setzte er noch in Gedanken hinzu, der mit seinem Schwert und dem puren Willen sein eigenes Schicksal schuf und das neue Reich der Elben gründete!
Keandir hatte Thamandor schließlich gefunden. Er war mit seinem Flammenspeer auf dem Rücken ein Stück die Steilwand emporgeklettert und hielt sich nun auf einem schmalen Vorsprung auf. Dass Thamandor so gut klettern konnte, hatte Keandir zuvor nie bemerkt, obwohl sich die beiden schon seit Ewigkeiten kannten und beide während der großen Seereise der Elben geboren worden waren.
Aber vielleicht war das eine neue Eigenschaft bei dem genialen Waffenmeister. Schließlich befand sich die Manufaktur auf dem Felsmassiv namens »Elbenturm« mit seinen schroffen Hängen, sodass er vielleicht in Arbeitspausen Zeit gefunden hatte, das Klettern zu üben.
Jedenfalls war es in keinem Fall Feigheit vor dem Feind oder Furcht vor dem Kampf, die den Waffenmeister die Felswand hinaufgetrieben hatte. Jedenfalls meinte Keandir ihn gut genug zu kennen, um das ausschließen zu können. Thamandor wollte vielmehr um jeden Preis verhindern, dass sein Flammenspeer am Ende gar in die Hände der Trorks fiel. Ob diese Barbaren mit der Waffe überhaupt etwas anfangen konnten, war zwar fraglich, aber das Risiko war einfach zu groß, zumal niemand wirklich wusste, welche Macht die Trorks aus dem Hintergrund heraus beherrschte.
»Macht Euren Flammenspeer einsatzbereit!«, rief Keandir.
»Mit Vergnügen, mein König!«
»Aber wartet auf meinen Befehl!«
Keandir wollte zu dieser Option erst dann greifen, wenn es wirklich keine andere Möglichkeit gab. Er ließ den Blick über das Schlachtfeld am Waldrand schweifen. Die Trorks zogen sich gerade wieder einmal in Massen zurück. Der verstärkte Einsatz der Einhandarmbrüste aus kürzerer Distanz hatte so manchen von ihnen das Leben gekostet. Die Schützen gaben sich dabei größte Mühe, ihre Bolzen mit dem magischen Gift nicht direkt in den Wald zu schießen, sondern die Waffen nur aus nächster Nähe zu betätigen, wenn man sicher sein konnte, dass man auch traf. Nur hin und wieder schlug ein Bolzen durch einen Trork-Körper hindurch und fuhr dann zumeist in den Waldboden. Ein Frevel, den die Ahnen der Zentauren hoffentlich nicht allzu übel nahmen.
Aber hatten nicht auch sie, die Vorfahren der Zentauren, um ihr Leben kämpfen müssen, als sich die Rhagar über das südliche und südwestliche Zwischenland ausgebreitet hatten?
Damals waren die Zentauren nicht nur der erklärte Feind der Rhagar gewesen, sondern auch ihre Beute, deren Fleisch hunderttausendfach an den Lagerfeuern der menschlichen Barbaren gebraten worden war.
Warum sollten sie nicht auch Verständnis für den Überlebenskampf anderer haben?
Das Schlagen und Töten ebbte ein wenig ab. Die Trorks gingen hinter den ersten Baumreihen und im Halbdunkel des Waldes in Deckung. Aber das dröhnende Stampfen weiterer Horden war bereits überdeutlich zu hören. Die nächste Angriffswelle würde nicht lange auf sich warten lassen.
Hier und dort machten sich unter den Elben erste Anzeichen von Ermüdung bemerkbar. Die kurze Kampfpause, die sich ihnen im Moment bot, wurde dazu genutzt, Verletzte durch den Kriegsheiler behandeln zu lassen, die Waffen wieder zum Einsatz herzurichten, und es wurden sogar Pfeile, welche die ersten Baumreihen getroffen hatten, wieder aus den Stämmen gezogen, um sie noch einmal verwenden zu können; Gleiches galt für Projektile der Beidhandarmbrüste, sofern man sie zu finden vermochte. Bei den mit magischem Gift gefüllten Bolzen der Einhandwaffen war dies nicht möglich.
»Mein König, ich bin bereit!«, rief Thamandor ungeduldig; er hatte den Flammenspeer bereits angelegt und wartete nur noch darauf, dass Keandir seine Zustimmung zum Einsatz der Waffe gab, sobald die Trorks wieder angriffen.
»Ohne den Einsatz des Speers werden wir die nächste Angriffswelle kaum bestehen«, war Siranodir mit den zwei Schwertern überzeugt, und Keandir fürchtete, dass sein alter Kampfgefährte durchaus recht hatte. Und doch wollte er die Entscheidung darüber so lange wie möglich hinausschieben.
Die Elben warteten.
Die Geräusche aus dem Unterholz wurden lauter. Stampfen, Schreien, Rufen und dumpfer Singsang, der sich aber in der Tonlage hob und plötzlich nicht mehr so sehr Schrecken verbreitete, als von ihm kündete…
»Seid still!«, rief der König, obgleich ohnehin im Moment ein angespanntes Schweigen unter den Elben herrschte. Aber schon das Klappern mit der Ausrüstung oder die unbedachten Schritte von zweitausend Kriegern lenkten Keandir in diesem Moment ab und überdeckten eine akustische Nuance, die ihm beinahe entgangen wäre. Im nächsten Moment herrschte auf Seiten der Elben Totenstille.
Keandir lauschte – und ebenso seine Krieger. Ihre Gesichter veränderten sich.
»Furcht!«, murmelte Keandir. »Die Trorks sind halb wahnsinnig vor Furcht!«
Der Boden vibrierte unter ihren Füßen, aber diese Schwingungen wurden schwächer, und auch das Stampfen dröhnte von Augenblick zu Augenblick weniger in den elbischen Ohren, während die sich entfernenden Schreie der Trorks immer angsterfüllter und panischer wurden.
»Bei der Taubheit der Namenlosen Götter!«, rief Herzog Isidorn. »Sie flüchten!« Er steckte den »Wächter Nordbergens« in die Scheide an seinem Gürtel. Offenbar rechnete er nicht mehr damit, dass die nächste Angriffswelle der Trorks noch zustande kam.
»Ich frage mich, wovor zehntausend Trorks die Flucht ergreifen«, sagte Hauptmann Rhiagon nervös. »Das muss dann wohl ein Feind sein, der uns alle mit einem einzigen Fußtritt oder Bannspruch vernichten kann!«
13
LICHTGESPENSTER
Stunden dauerte es, ehe die letzten stampfenden Schritte und die letzten Schreckensschreie der Trorks verklungen waren.
Die Elben warteten eine ganze Weile, ohne ihre Verteidigungsformation aufzugeben. Zu tief war ihr Misstrauen, dass es sich vielleicht doch um eine Kriegslist der Trorks handelte. Sie hatten sich schließlich nicht zum ersten Mal zurückgezogen – wenn auch bisher nicht so vollständig.
Schließlich war nichts mehr von ihnen zu hören, und die natürlichen Geräusche des Waldes waren wieder vernehmbar.
»Spürt ihr das auch?«, fragte Keandir.
»Wovon sprecht Ihr, mein König?«, fragte Siranodir mit den zwei Schwertern, der neben ihm stand.
»Strengt Eure geistigen Sinne an, werter Siranodir, dann müsstet Ihr es eigentlich auch bemerken…«
»Magie!«, entfuhr es Isidorn.
»Und zwar eine sehr vertraute Art von Magie«, murmelte Eónatorn der Kriegsheiler. »Wir hätten einen Schamanen oder Magier auf diesen Zug mitnehmen sollen. Aber davon scheint sich niemand einen Kriegsvorteil erwartet zu haben.«
»Angesichts der spirituellen Schwäche, die sowohl der Magiergilde als auch dem Schamanenorden schon seit Langem zu schaffen macht, wären sie gegen die Trorks auch kaum eine Hilfe gewesen«, war Waffenmeister Thamandor überzeugt, der längst wieder von seiner erhöhten Position in der Felswand heruntergeklettert war.
»Jetzt kann ich es nicht mehr spüren«, stellte Keandir fest.
»Aber ich will unbedingt wissen, was es war, das den Trorks eine so unglaubliche Furcht eingejagt hat!«
Er teilte mehrere Spähtrupps ein, von denen keiner mehr als ein Dutzend Krieger zählte. Er selbst ritt mit einem Trupp, den Hauptmann Rhiagon anführte und dem sich auch Thamandor und Siranodir anschlossen. Herzog Isidorn sollte beim Heer bleiben und dort den Befehl führen.
Ihre Pferde waren während der Angriffe der Trorks angebunden gewesen. Außerdem hatte etwas Elbenmagie dafür gesorgt, dass sie einigermaßen ruhig blieben. Dennoch hatten sich ein paar wenige Tiere der geistigen Kontrolle entwunden und losgerissen und waren davongeprescht.
Die Spähtrupps verteilten sich im Wald. Die Spuren der Trorks waren nicht zu übersehen. Die Barbaren hatten keinerlei Rücksicht auf die Ahnen der Zentauren genommen und hier und dort sogar Feuer entzündet.
Je tiefer die Elben in den Wald ritten, desto verwachsener und seltsamer wirkten die Bäume. Bei manchen konnte man den Eindruck gewinnen, dass die Runzeln und knollenartigen Verwachsungen in Wahrheit Gesichter waren, die jeden Moment aus ihrer Erstarrung erwachen konnten. Auch die Anwesenheit von Magie war für jeden Elben zu spüren. Eine fremdartige, aber nicht unfreundliche spirituelle Kraft, die vielleicht von den Seelen der zentaurischen Vorfahren herrührte.
Aber da war noch etwas anderes.
Etwas Vertrautes…
Hin und wieder drehte sich Keandir plötzlich im Sattel um und legte seine Hand an den Griff Schicksalsbezwingers, weil er erwartete, dass plötzlich jemand oder etwas hinter einem der verkrüppelten, uralten Bäume hervorsprang.
»Wir sind zweifellos nicht allein!«, glaubte auch Hauptmann Rhiagon.
»Ja, Ihr habt recht, Hauptmann«, murmelte der König.
Im nächsten Moment glaubte er von sehr weit her Stimmen zu hören. Sie sprachen Worte, die er nicht verstand. So als wäre da nur ein Gemurmel, das durch eine dicke Wand dermaßen abgedämpft wurde, dass nicht einmal das feine Gehör eines Elben in der Lage war, es zu verstehen.
Doch war das nicht Elbisch? Der König stutzte. Murmelte diese Stimme in der Sprache seines Volkes, oder war das nur eine Täuschung? Eine Wunschvorstellung vielleicht?
Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte Keandir einen Lichtblitz, der sogleich hinter einem besonders knorrigen und durch Blitzschlag gespaltenen Baum verschwand. Das dichte Unterholz, Sträucher, Moose und Rankpflanzen überwucherten den Stamm bis zur anderthalbfachen Höhe eines aufrecht im Sattel sitzenden Reiters.
Keandir lenkte sein Pferd herum. Er trieb es geradewegs dorthin, wo er den Lichtblitz gesehen hatte. Dabei zog er Schicksalsbezwinger, um sich seinen Weg durch das Gestrüpp zu bahnen.
»So wartet doch, mein König!«, rief Hauptmann Rhiagon, während Siranodir bereits sein Pferd vorantrieb, um Keandir zu folgen.
Der König war ihm jedoch ein ganzes Stück voraus. Keandir trieb sein Pferd rücksichtslos durch das Gestrüpp. Mit Schicksalsbezwinger schlug er sich den Weg frei, doch obwohl er damit eine Gasse zwischen Gestrüpp und Ästen bildete, hatten Hauptmann Rhiagon, Siranodir und die anderen Mühe, ihm zu folgen. Zeitweilig verloren sie ihren König sogar völlig aus den Augen, stießen dann aber auf einen breiten Trampelpfad, den die Trorks hinterlassen hatten, und holten Keandir schließlich ein.
Der sah das geisterhafte Leuchten und Blitzen erneut. Aber es war jedes Mal zu schnell verschwunden, um den Grund dafür erkennen zu können.
Vielleicht verließ er sich einfach auf den falschen Sinn, überlegte der König. Selbst die ausgesprochen guten Augen eines Elben konnten dem, was da von Baum zu Baum huschte, in seiner unvergleichlichen Schnelligkeit nicht folgen.
Ein heller Schein drang auf einmal durch das dichte Blätterwerk des Unterholzes. Keandir und seine Getreuen erreichten eine Lichtung mitten im Totenwald der Zentauren.
Aber der Lichtschein, der dort schimmerte, konnte unmöglich nur durch die Strahlen der Sonne verursacht sein.
Keandirs Pferd scheute, denn vor ihnen befand sich Dornengestrüpp. Der König glitt aus dem Sattel und bahnte sich erneut mit dem Schwert den Weg. Die anderen folgten ihm.
Als sie schließlich das Unterholz hinter sich ließen und auf die Lichtung traten, war das Leuchten so stark, dass es Keandir blendete. Er hob die Hand zum Schutz vor der Helligkeit.
Licht, heller als die Sonne, erfüllte diesen Ort.
Und Magie, dachte Keandir. Es musste sich um Elbenmagie handeln, das sagten ihm seine Sinne. Zwar war der König kein ausgebildeter Magier oder Schamane, aber die Elbenmagie wäre für jeden durchschnittlich begabten Elb spürbar gewesen, so stark war sie an diesem Ort. Sie überwältigte den König für einige Augenblicke, und es dauerte auch etwas, bis sich die Augen der Elben an die grelle, gleißende Helligkeit gewöhnt hatten.
Formen wurden erkennbar. Zuerst ähnelten sie Säulen aus purem Licht, die in unregelmäßigen Abständen auf der gesamten Lichtung verteilt waren.
Die Stimmen wurden lauter in Keandirs Kopf.
Geisterstimmen, von denen Keandir den Eindruck hatte, sie eigentlich verstehen zu müssen, aber etwas hinderte ihn daran.
Eine Barriere ganz eigener Art, die er nicht zu erklären vermochte. Aus den säulenartigen Formen schälten sich Gestalten – Umrisse und Schemen.
Und dann verstand der König eines der Worte…
Krieger!
»Wer seid ihr?«, rief Keandir.
Du weißt es!
Der König wusste nicht, ob es sein eigener Gedanke oder die Antwort der Gestalten war. Ein Gemurmel und Geraune kam auf. Die Lichtgestalten schienen sich untereinander zu verständigen. Das Leuchten wurde schwächer. Hier und dort konnte man für kurze Zeit Gesichter erkennen. Elbische Gesichter, wie Keandir sofort anhand der spitzen Ohren und der schräg gestellten Augen erkannte.
Der Lichtschein war schließlich zu einem schwachen Leuchten Flor zusammengeschmolzen, der ihre Umrisse nachzeichnete – so ähnlich, wie es beim Geist Brass Elimbors der Fall gewesen war.
»Seid ihr der Feind der Trorks?«, fragte Keandir. »Habt ihr uns beigestanden?«
Der König erhielt keine Antwort mehr. Die lichtumflorten Gestalten wurden durchscheinend und verblassten innerhalb weniger Augenblicke, dann waren sie verschwunden.
»Was haben wir gesehen?«, fragte Siranodir mit den zwei Schwertern sichtlich bewegt. Er konnte nicht fassen, was ihnen widerfahren war. Sein Gesicht zeigte einen Ausdruck vollkommener Verwirrung.
»Das waren Eldran!«, glaubte König Keandir.
OceanofPDF.com »Seid Ihr sicher, mein König?«, fragte Siranodir und schüttelte langsam den Kopf. »Das ist nicht möglich!«