Die Majoratsherren
A c h i m v o n A r n i m
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The Project Gutenberg EBook of Die Majoratsherren, by Achim von Arnim
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Title: Die Majoratsherren
Author: Achim von Arnim
Illustrator: Alfred Kubin
Release Date: January 3, 2016 [EBook #50833]
Language: German
*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE MAJORATSHERREN ***
Produced by Jens Sadowski
A c h i m v o n A r n i m
D i e M a j o r a t s h e r r e n
A c h i m v o n A r n i m
D i e M a j o r a t s h e r r e n
M i t 2 4 F e d e r z e i c h n u n g e n
v o n
A l f r e d K u b i n
A v a l u n - Ve r l a g · W i e n u n d L e i p z i g
Alle Rechte vorbehalten
Wir durchblätterten eben einen ältern
Kalender, dessen Kupferstiche manche
Torheiten seiner Zeit abspiegeln. Liegt sie doch
jetzt schon wie eine Fabelwelt hinter uns! Wie
reich erfüllt war damals die Welt, ehe die
allgemeine Revolution, welche von Frankreich
den Namen erhielt, alle Formen
zusammenstürzte; wie gleichförmig arm ist sie
geworden! Jahrhunderte scheinen seit jener
Zeit vergangen, und nur mit Mühe erinnern wir
uns, daß unsere früheren Jahre ihr zugehörten.
Aus der Tiefe dieser Seltsamkeiten, die uns
Chodowieckis Meisterhand bewahrt hat, läßt
sich die damalige Höhe geistiger Klarheit
erraten; diese ermißt sich sogar am leichtesten
an den Schattenbildern derer, die ihr im Wege standen, und die sie riesenhaft
über die Erde hingezeichnet hat. Welche Gliederung und Abstufung, die sich
nicht bloß im Äußern der Gesellschaft zeigte! Jeder einzelne war wieder auch in
seinem Ansehn, in seiner Kleidung eine eigene Welt, jeder richtete sich
gleichsam für die Ewigkeit auf dieser Erde ein, und wie für alle gesorgt war, so
befriedigten auch Geisterbeschwörer und Geisterseher, geheime Gesellschaften
und geheimnisvolle Abenteurer, Wundärzte und prophetische Kranke die
tiefgeheime Sehnsucht des Herzens, aus der verschlossenen Brusthöhle
hinausblicken zu können. Beachten wir den Reichtum dieser Erscheinungen, so
drängt sich die Vermutung auf, als ob jenes Menschengeschlecht sich zu voreilig
einer höheren Welt genahet habe und, geblendet vom Glanze der
halbentschleierten, zur dämmernden Zukunft in frevelnder Selbstvernichtung
fortgedrängt, durch die Notdurft an die Gegenwart der Erde gebunden werden
mußte, die aller Kraft bedarf und uns in ruhiger Folge jede Anstrengung belohnt.
Mit wie vielen Jahrhunderten war jene Zeit durch Stiftungen aller Art
verbunden, die alle ernst und wichtig gegen jede Änderung geschützt wurden!
So stand in der großen Stadt ... das Majoratshaus der Herren von ..., obgleich seit
dreißig Jahren unbewohnt, doch nach dem Inhalte der Stiftung mit Möbeln und
Gerät so vollständig erhalten, zu niemands Gebrauch und zu jedermanns
Anschauen, daß es, trotz seiner Altertümlichkeit, noch immer für eine besondere
Merkwürdigkeit der Stadt gelten konnte. Da wurde jährlich, der Stiftung gemäß,
eine bestimmte Summe zur Vermehrung des Silbergeschirrs, des Tischzeugs, der
Gemälde, kurz zu allem dem verwendet, was in der Einrichtung eines Hauses auf
Dauer Anspruch machen kann, und vor allem hatte sich ein Reichtum der kostbarsten, ältesten Weine in den Kellern gesammelt. Der Majoratsherr lebte
mit seiner Mutter in der Fremde und brauchte bei dem übrigen Umfange seiner
Einnahme nicht zu vermissen, was er in diesem Hause unbenutzt ließ. Der
Haushofmeister zog der Stiftung gemäß alle Uhren auf und fütterte eine
bestimmte Zahl von Katzen, welche die nagenden Mäuse wegfangen sollten, und
teilte jeden Sonnabend eine gewisse Zahl von Pfennigen an die Armen im Hofe
aus. Leicht hätten sich unter diesen Armen, wenn sie sich dessen nicht geschämt
hätten, die Verwandten dieses Hauses einfinden können, dessen jüngere Linien
bei der Bildung des großen Majorats völlig vergessen worden waren. Überhaupt
schien das Majorat wenig Segen zu bringen, denn die reichen Besitzer waren
selten ihres Reichtums froh geworden, während die Nichtbesitzer mit Neid zu
ihnen aufblickten.
So ging täglich vor dem Majoratsgebäude zu bestimmter Stunde ein Vetter des
jetzigen Besitzers, ihm durch dreißig Jahre überlegen, aber an Vermögen ihm sehr untergeordnet, mit ernsten Schritten vorbei und schüttelte den Kopf und
nahm eine Prise Tabak. Niemand war vielleicht so bekannt bei alt und jung in
der ganzen Stadt, wie dieser alte, rotnasige Herr, der gleich dem eisernen Ritter
an der Rathausuhr durch sein Heraustreten, noch ehe die Glocke angeschlagen,
den Knaben zur Erinnerung der Schulstunde diente, den älteren Bürgern aber als
wandernde Probeuhr, um ihre hölzernen Kuckucksuhren darnach zu stellen. Er
trug bei den verschiedenartigen Klassen von Leuten verschiedene Namen. Bei
den Vornehmen hieß er der Vetter, weil seine Verwandtschaft mit den ersten
Familien des Reiches unleugbar und er diese einzige, ihm übrig gebliebene Ehre
auch gern mit dieser Anrede geltend machte. Unter den gemeinen Leuten hieß er
nur der Leutnant, weil er diese Stelle in seinen jungen Jahren bekleidet hatte,
sowie sie ihn noch jetzt bekleiden mußte. Es schien ihm nämlich völlig
unbekannt, daß der Kleiderschnitt sich in den dreißig Jahren, die seitdem
verflossen, gar sehr verändert hatte. Etwas stärker mochte das Tuch damals wohl
noch gearbeitet werden, das zeigten jetzt die mächtigen, wohlgedrehten Fäden,
nachdem die Wolle abgetragen war. Der rote Kragen war schon mehr verdorben
und gleichsam lackiert; die Knöpfe aber hatten die Kupferröte seiner Nase
angenommen. Gleiche Farbe zeigte auch der fuchsrote, dreieckige Militärhut mit
der wollenen Feder. Das Bedenklichste des ganzen Anzuges war aber das
Portepee, weil es nur mit einem Faden am Schwerte, wie das Schwert über dem
Haupte des Tyrannen am Haare, hing. Das Schwert hatte leider das Unglück des
armen Teufels gemacht und den Lebensfaden eines vom Hofe begünstigten
Nebenbuhlers in den Bewerbungen bei einer Hofdame durchschnitten; und diese
unglückliche Ehrensache, bei welcher ihm doch niemand mehr Schuld als
seinem Gegner zumessen konnte, hatte seine militärische Laufbahn versperrt.
Wie er sich seitdem durch die Welt fortgeholfen, war freilich seltsam, aber es
war ihm doch gelungen. Er hatte eine höchst vollständige Wappensammlung mit
unablässig dreistem Fordern und unermüdlichem Briefschreiben
zusammengebracht, verstand diese in verschiedenen Massen nachzuformen,
auch abzumalen, wo jenes nicht gelang, sauber aufzukleben, und verkaufte diese
Sammlungen durch Vermittlung eines Buchhändlers zu hohen Preisen, sowohl
zum Bedürfnisse der Erwachsenen als der Kinder eingerichtet.
Nebenher war es eine Liebhaberei von ihm, Truthähne und anderes Federvieh zu
mästen und Raubtauben über die Stadt auszusenden, die immer mit einigen
Überfliegenden in die geheime Öffnung seines Daches heimkehrten. Diesen
Handel besorgte ihm seine Aufwärterin Ursula, eine treue Seele; ihm durfte
niemand von diesem Handel sprechen, ohne sich Händel zuzuziehen. Von dem
Erworbenen hatte er sich ein elendes, finsteres Haus im schlechtesten Teile der Stadt, neben der Judengasse, und vielerlei alten Kram gekauft, womit die
Auktionen seine Zimmer geschmückt hatten, die er dabei in einer Ordnung
erhielt und in einer Einsamkeit, daß niemand wußte, wie es eigentlich darin
aussehe. Übrigens war er ein fleißiger Kirchengänger und setzte sich da einer
Wand gegenüber, die mit alten Wappen von Erbbegräbnissen geschmückt war,
machte aber übrigens alles mit wie andere Menschen, welche in die Kirche zum
Zuhören gehen. Nach der Kirche aber pflegte er jedesmal bei der alten Hofdame
anzutreten, vor deren Tür er an anderen Tagen mit einer Prise Schneeberger
Schnupftabak, auf die er wohl funfzig Male niesen mußte, den geckenhaften
schöntuenden Hahnentritt und Stutzerlauf sich vertrieb, der ihn in das Haus
hineinzutreiben drohte, während ihm dabei der Degen, den er nach alter Art
durch die Rocktasche gesteckt hatte, zwischen die Beine schlenkerte. Diese alte,
hochauf frisierte, schneeweiß eingepuderte, feurig geschminkte, mit
Schönpflästerchen beklebte Hofdame übte auch nach jenem unglücklichen
Zweikampfe seit dreißig Jahren dieselbe zärtliche Gewalt über ihn aus, ohne daß
sie ihm je ein entscheidendes Zeichen der Erwiderung gegeben hatte.
Er besang sie fast täglich in allerlei erdichteten Verhältnissen, in kernhaften
Reimen, wagte es aber nie, ihr diese Ergießungen seiner Muse vorzulegen, weil
er vor ihrem Geist besondere Furcht hegte. Ihren großen, schwarzen Pudel
Sonntags in ihrer Nähe unter hergebrachten Fragen zu kämmen, war der ganze
Gewinn des heiß erflehten Sonntags; aber ihr Dank dafür, dies angenehme
Lächeln, war auch ein reicher Lohn, — wer ihn nur zu schätzen wußte. Andern
Leuten schien dies starre, in weiß und rot mit blauen Adern gemalte Antlitz, das
am Fenster unbeweglich auf eine Filetarbeit oder in den Spiegel der nahen Toilette blickte, eher wie ein seltsames Wirtsschild. Sie lebte übrigens sehr