Die Majoratsherren

Achim von Arnim · Kapitel 2 von 4

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Die Majoratsherren

unsern

anständig von den Pensionen zweier Prinzessinnen, die sie bedient und überlebt

hatte, und die Besuche von Hofleuten und Diplomaten an ihrer silbernen

Toilette, während welcher sie vielerlei Brühen zur Erhaltung ihrer Schönheit zu

genießen pflegte, waren zu einer herkömmlichen Feierlichkeit geworden und

zugleich zu einer Gelegenheit, die Neuigkeiten des Tages auszutauschen.

 

Es geschah aber an einem Frühlingssonntage, daß die Hofdame durch ein

Zusammenlaufen der Leute in der Straße auf eine außerordentliche Neuigkeit

aufmerksam gemacht wurde. Diese Außerordentlichkeit war aber diesmal der

Leutnant, oder vielmehr sein vom Frühling verjüngtes Laub. Ein neuer,

moderner Hut mit einer Feder statt der Wolle, ein glänzendes Degengehenk, eine

neue Uniform mit geschmälerten Rockschößen, verkürzten Taschen an der Weste

und neue, schwarze Samthosen verkündeten eine neue Periode der

Weltgeschichte. Auch trat der Leutnant bald mit frohem Gesichte ins Zimmer

und mit dem Berichte ihr entgegen: „Liebe Kusine, der Majoratsherr kommt in

diesen Tagen; seine Mutter ist gestorben, ihm ist von einer prophetischen

Kranken geraten, hierher zu gehen, wo er seine Ruhe finden werde, nachdem ihn ein heftiges Fieber um seine Gesundheit gebracht hat. Nun denken Sie sich, der

junge Mann hat aus den Erzählungen der Mutter einen Abscheu gegen das

Majoratshaus; er will durchaus bei mir wohnen und hat mich ersucht, ihm bei

mir ein Zimmer recht bequem einzurichten, wozu er mir ein Kapital übermache.

Mein Häuschen ist für einen so verwöhnten, reichen Herrn nicht eingerichtet; in

unsern hohen Familien ist es leider wie bei den Katzen, ein junges wird als

erstgebornes gut aufgefüttert, und alle jüngern Geschwister werden ins Wasser

geworfen.“ — „Sie waren einmal schon recht nahe, das Majorat zu erhalten?“

sagte die Hofdame. — „Freilich,“ antwortete er, „ich war dreißig Jahre alt, mein

Oheim sechzig und hatte in erster Ehe keine Kinder bekommen. Da fällt es ihm

ein, noch einmal ein junges Fräulein zu heiraten. Umso besser, dachte ich, die

Junge ist des Alten Tod. Aber umso schlechter gings; sie brachte ihm kurz vor

seinem Tode einen jungen Sohn, diesen Majoratsherrn, — und ich hatte nichts!“

— „Wenn der junge Mann stürbe, würden Sie Majoratsherr,“ sagte ruhig die

Hofdame; „junge Leute können sterben, alte Leute müssen sterben.“ —

„Leider!“ antwortete der Leutnant; „der Prediger sprach heute auch davon auf

der Kanzel.“ — „Was wurde denn gesungen?“ fragte die Hofdame; „ich wollte

es zu meiner Hausandacht wissen.“ — Der Leutnant schlug die Lieder auf; sie

sang leise, und er kämmte den Pudel nach Gewohnheit, indem er ihr mit

Bewunderung zuhörte. — Als er sich empfahl, trug ihm die Hofdame auf, den

jungen Vetter doch gleich, wenn er angekommen, bei ihr einzuführen.

Als der Leutnant zu Hause kam, trat ihm ein großer, bleicher, junger Mann

entgegen, in einer Kleidung, wie er sie noch nicht gesehen: seine Haare waren

phantastisch ohne strenge Ordnung emporfrisiert, und Figaroslocken in leichten,

dünnen Röhren umliefen wie ein Halbkreis die Ohren. Hinten vereinigte ein

dicker Katillon die Haare, welche in einer Locke hinübergekämmt waren. Ein

streifiger Rock mit prächtigen Stahlknöpfen und große silberne Schuhschnallen

verrieten ihm den Reichtum des Majoratsherrn. Auch dieser hatte aus den

Briefen an die Mutter gleich den Vetter erraten und berichtete ihm, daß er Tag

und Nacht mit Kurierpferden gereist sei und ihm nicht genug sein Wohlgefallen

über das Haus ausdrücken könne, das ganz nach seinem Geschmack sei, nur

müsse er ihm erlauben, daß er neben dem für ihn bereiteten großen Zimmer auch

ein kleines nehme, das nach der engen Gasse hinaussehe; denn da er nie oder

selten ausgehe, so liebe er vor allem diese Beweglichkeit der engen Straßen. —

Der Vetter bewilligte ihm gern das schlechte Zimmer an der Judengasse und

wollte gleich Anstalt machen, die trüben, von der Sonne verbrannten Fenster

durch andere mit großen Scheiben zu ersetzen. —

„Mein lieber Herr Vetter!“ rief der Majoratsherr, „diese trüben Scheiben sind

 

meine Wonne; denn sehen Sie, durch diese eine helle Stelle seh ich einem

Mädchen ins Zimmer, das mich in jeder Miene und Bewegung an meine Mutter

erinnert, ohne daß sie mich bemerken kann.“ — „Ei, das gesteh ich,“ sagte der

Vetter und setzte sich in die Schultern und fing an gegen das Fenster zu

streichen, mit seinem Liebestritt, daß er in Eil eine Prise nahm, nieste und

kaltblütig sagte: „Die da ist ein Schickselchen.“ — „Mein Schicksal?“ fragte der

Majoratsherr bestürzt. „Wie Sie es nennen wollen,“ fuhr der Vetter fort, „ein

Schicksalchen also, ein Judenmädchen; sie heißt Esther, hat unten in der Gasse

ihren Laden, eine gebildete Jüdin, hat sonst mit ihrem Vater, der ein großer

Roßtäuscher war, alle Städte besucht, alle vornehme Herren bei sich gesehen, spricht alle Sprachen; das war eine Pracht, wenn sie hier ankam, und die

Stiefmutter Vasthi mit den jüngern Kindern ging ihnen in Schmutz entgegen. Es

konnte niemand was dagegen sagen; die Ursach, warum? Weil sie mit ihrem

Wesen dem Vater gute Käufer anlockte. Aber zuletzt hatte der Vater großes

Unglück durch einen Handelsgenossen, der ihm mit dem Vermögen durchging.

Da gings ihm knapp; das konnt er nicht vertragen und starb. Dieser Tochter

erster Ehe, der Esther, hinterließ er ein kleines Kapital, damit sie von der

Stiefmutter nicht zu Tode gequält würde; aber das läßt sich die alte Vasthi doch

nicht nehmen.“ — „Das ist ja entsetzlich!“ sagte der Majoratsherr, „zwei Leute,

die sich hassen, die sich totärgern, in einem Hause! Ich habe die alte Vasthi auch

schon am Fenster gesehen: ein schrecklich Gesicht!“ — „Sie wohnen wohl in

einem Hause,“ antwortete der Vetter, „aber jede hat ihren besonderen Laden und

Wohnung.“ — „Ich will ihr bald etwas zu verdienen geben,“ sagte der

Majoratsherr. „Es scheinen hier viele Juden zu wohnen.“ „Nichts als Juden,“ rief

der Vetter, „das ist die Judengasse, da sind sie zusammengedrängt wie die

Ameisen; das ist ein ewig Schachern und Zanken und Zeremonienmachen, und

immer haben sie so viel Plackerei mit ihrem bißchen Essen; bald ist es ihnen

verboten, bald ist es ihnen befohlen, bald sollen sie kein Feuer anmachen; kurz

der Teufel ist bei ihnen immer los.“ — „Nein, lieber Vetter, Sie irren sich darin,“

sagte der Majoratsherr und drückte ihm die Hände. „Wenn Sie gesehen hätten,

was ich in Paris bei meiner Kranken sah, Sie könnten den Teufel nicht für den

Vater des Glaubens ansehen; nein, ich versichere es Ihnen, er ist der Feind allen

Glaubens! Aller Glaube, der geglaubt wird, kommt von Gott und ist wahr, und

ich schwöre Ihnen, selbst die heidnischen Götter, die wir jetzt nur als eine

lächerliche Verzierung ansehen, leben noch jetzt, haben freilich nicht mehr ihre

alte Macht, aber sie wirken doch immer etwas mehr als gewöhnliche Menschen,

und ich möchte von keinem schlecht sprechen. Ich habe sie alle mit meinem

zweiten Augenpaar gesehen, sogar gesprochen.“ — „Ei der Tausend, da erstaune

ich,“ rief der Vetter, „das könnte uns erstaunliches Gewicht bei Hofe geben,

wenn wir sie den hohen Herrschaften zeigen könnten.“ — „So geht das nicht,

lieber Vetter,“ antwortete jener ernst, „der Mensch, der sie sieht, muß noch mehr

darauf vorbereitet sein durch jahrelanges Nachdenken, als jene Geister, die ihm

erscheinen sollen; sonst entsetzen sich beide voreinander, und der sterbliche Teil

erträgt es nicht. Aber wer auch bis zu der innern Welt vorgedrungen, — wenn

auch noch scheinbar lebend wie ich — ist dennoch abgestorben bei ihrem

Bestreben, ihrer Tätigkeit. Das wußte meine Mutter von mir und war darum so

unruhig auf ihrem Totenbette, was aus mir werden sollte. Sie hatte bis dahin alle

Geschäfte mit großer Einsicht und Ordnung betrieben, während ich mich den

Studien und der Beschauung hingab. Ich habe meine Zeit mit großer Anstrengung genutzt, ich habe gerungen wie keiner, ich habe erreicht, was

wenigen zuteil geworden. Aber verloren war ich, erdrückt, bis zum Wahnsinn

zerstreut von den Geschäften, die nach dem Tode der Mutter auf mich

eindrangen, ich wollte mich bezwingen, das Höhere dem Niedern zu opfern; die

Qual brachte mich um meine Gesundheit. Eine Kranke, deren Blick weit reicht,

sagte mir zu, daß ich hier Ruhe finden würde bei Ihnen, Vetter; Sie hätten ein

seltenes Geschick für das praktische Leben, mein Vermögen würde sich unter

Ihrer Spekulation verdreifachen. O Vetter! nehmen Sie mir die Last des Geldes

und der Güter ab, genießen Sie des Reichtums, ich brauche wenig, und auch auf

den Fall, daß ich den Luftgeist der Erde wieder binden könnte, daß Kinder mein

Haus füllten, soll Ihnen die Hälfte meiner Einnahmen für die Besorgung des

Ganzen bleiben.“ — Bei diesem Vortrage flossen zwei edle Tränen aus den

Augen des Majoratsherrn, während die großen Augen des Vetters mit

heraufgezogenen Augenbrauen ihn verwunderlich von der Seite anstierten, ohne

dem köstlichen Vortrage Glauben beimessen zu können. Dann fuhr der

Majoratsherr, um das Gespräch zu ändern, fort: „Als ich mit schwellendem

Gefühl, was mir in der Stadt bevorstehe, in welcher der Kreis meines Lebens

angefangen, die große Straße herabfuhr, da begegneten mir ausgemergelte Leute,

die sich kaum zu den Kaffeehäusern hinbewegen konnten, denn sie wurden fast

gewaltsam an den Röcken von unglücklichen Seelen zurückgezogen, die wegen

ungeendigter Prozesse nicht zur Ruhe kommen konnten und jammervolle

Vorstellungen ihnen nachtrugen. Auch meinen Vater sah ich dabei wegen des

einen Konkursprozesses, dessen Ende wohl keiner erleben wird. Schaffen Sie

Ruhe seiner Seele, lieber Vetter, ich bin zu schwach.“ — „Wahrhaftig,“ rief der

Vetter, „zu dem Tore gehen Sonntags die Räte, Schreiber und Kalkulatoren des

großen Gerichts gewöhnlich mit ihren Frauen und Kindern zum Kaffeegarten

hinaus.“ — „Der Postillon meinte auch, das wären Kinder, die sich ihnen an die

Röcke gehangen“, fuhr der Majoratsherr fort, „aber solche jammervolle

Gesichter haben Kinder nicht, das sind die Plagegeister, die sie wegen ihrer

Nachlässigkeit umgeben. Lieber Vetter! befriedigen Sie meines Vaters, Ihres

Oheims, arme Seele.“ — Der Vetter sah sich ängstlich in dem trüben Zimmer

um, ihm war es zumute, als ob die Geister, wie der Schnupfen, in der Luft lägen.

„Alles, alles will ich tun, was sie wünschen, bester Vetter“, rief er dann, „ich bin

nicht glücklich, wenn ich nicht so etwas zu betreiben habe. Prozesse sind mir

lieber als Liebeshistorien, und Ihre Angelegenheiten sollen bald in eine Ordnung

kommen wie meine Wappensammlung.“

Bei diesen Worten führte er ihn in ein Vorderzimmer und hoffte, den

Majoratsherrn durch den Anblick seiner zierlichen, gebohnten Schiebkasten, in

welchen die Wappen, zum Teil mit Zinnober abgedrückt, die Namen in

Frakturschrift beigefügt, glänzten, zu zerstreuen und zu befriedigen. Der

Majoratsherr schien auch hierin, wie in allen Kenntnissen wohlbewandert; der

Vetter mußte seine Bemerkungen achten. Als er aber den Schrank mit dem

französischen Wappen eröffnete, da fuhr der Majoratsherr auf: „Gott! welch ein

Lärmen! Wie die alten Ritter nach ihren Helmen suchen, und sie sind ihnen zu

klein, und ihre Wappen sind mottenfräßig, ihre Schilde vom Rost durchlöchert;

das bricht zusammen, ich halte es nicht aus, mir schwindelt, und mein Herz kann

den Jammer nicht ertragen!“ Der Vetter rückte den unglücklichen Schrank fort

und führte den Majoratsherrn ans Fenster, daß er Luft schöpfen möchte. „Und

wer fährt dort?“ rief er, „der Tod sitzt auf dem Bocke, Hunger und Schmerz zwischen den Pferden, einbeinige und einarmige Geister fliegen um den Wagen