Die Majoratsherren
unsern
anständig von den Pensionen zweier Prinzessinnen, die sie bedient und überlebt
hatte, und die Besuche von Hofleuten und Diplomaten an ihrer silbernen
Toilette, während welcher sie vielerlei Brühen zur Erhaltung ihrer Schönheit zu
genießen pflegte, waren zu einer herkömmlichen Feierlichkeit geworden und
zugleich zu einer Gelegenheit, die Neuigkeiten des Tages auszutauschen.
Es geschah aber an einem Frühlingssonntage, daß die Hofdame durch ein
Zusammenlaufen der Leute in der Straße auf eine außerordentliche Neuigkeit
aufmerksam gemacht wurde. Diese Außerordentlichkeit war aber diesmal der
Leutnant, oder vielmehr sein vom Frühling verjüngtes Laub. Ein neuer,
moderner Hut mit einer Feder statt der Wolle, ein glänzendes Degengehenk, eine
neue Uniform mit geschmälerten Rockschößen, verkürzten Taschen an der Weste
und neue, schwarze Samthosen verkündeten eine neue Periode der
Weltgeschichte. Auch trat der Leutnant bald mit frohem Gesichte ins Zimmer
und mit dem Berichte ihr entgegen: „Liebe Kusine, der Majoratsherr kommt in
diesen Tagen; seine Mutter ist gestorben, ihm ist von einer prophetischen
Kranken geraten, hierher zu gehen, wo er seine Ruhe finden werde, nachdem ihn ein heftiges Fieber um seine Gesundheit gebracht hat. Nun denken Sie sich, der
junge Mann hat aus den Erzählungen der Mutter einen Abscheu gegen das
Majoratshaus; er will durchaus bei mir wohnen und hat mich ersucht, ihm bei
mir ein Zimmer recht bequem einzurichten, wozu er mir ein Kapital übermache.
Mein Häuschen ist für einen so verwöhnten, reichen Herrn nicht eingerichtet; in
unsern hohen Familien ist es leider wie bei den Katzen, ein junges wird als
erstgebornes gut aufgefüttert, und alle jüngern Geschwister werden ins Wasser
geworfen.“ — „Sie waren einmal schon recht nahe, das Majorat zu erhalten?“
sagte die Hofdame. — „Freilich,“ antwortete er, „ich war dreißig Jahre alt, mein
Oheim sechzig und hatte in erster Ehe keine Kinder bekommen. Da fällt es ihm
ein, noch einmal ein junges Fräulein zu heiraten. Umso besser, dachte ich, die
Junge ist des Alten Tod. Aber umso schlechter gings; sie brachte ihm kurz vor
seinem Tode einen jungen Sohn, diesen Majoratsherrn, — und ich hatte nichts!“
— „Wenn der junge Mann stürbe, würden Sie Majoratsherr,“ sagte ruhig die
Hofdame; „junge Leute können sterben, alte Leute müssen sterben.“ —
„Leider!“ antwortete der Leutnant; „der Prediger sprach heute auch davon auf
der Kanzel.“ — „Was wurde denn gesungen?“ fragte die Hofdame; „ich wollte
es zu meiner Hausandacht wissen.“ — Der Leutnant schlug die Lieder auf; sie
sang leise, und er kämmte den Pudel nach Gewohnheit, indem er ihr mit
Bewunderung zuhörte. — Als er sich empfahl, trug ihm die Hofdame auf, den
jungen Vetter doch gleich, wenn er angekommen, bei ihr einzuführen.
Als der Leutnant zu Hause kam, trat ihm ein großer, bleicher, junger Mann
entgegen, in einer Kleidung, wie er sie noch nicht gesehen: seine Haare waren
phantastisch ohne strenge Ordnung emporfrisiert, und Figaroslocken in leichten,
dünnen Röhren umliefen wie ein Halbkreis die Ohren. Hinten vereinigte ein
dicker Katillon die Haare, welche in einer Locke hinübergekämmt waren. Ein
streifiger Rock mit prächtigen Stahlknöpfen und große silberne Schuhschnallen
verrieten ihm den Reichtum des Majoratsherrn. Auch dieser hatte aus den
Briefen an die Mutter gleich den Vetter erraten und berichtete ihm, daß er Tag
und Nacht mit Kurierpferden gereist sei und ihm nicht genug sein Wohlgefallen
über das Haus ausdrücken könne, das ganz nach seinem Geschmack sei, nur
müsse er ihm erlauben, daß er neben dem für ihn bereiteten großen Zimmer auch
ein kleines nehme, das nach der engen Gasse hinaussehe; denn da er nie oder
selten ausgehe, so liebe er vor allem diese Beweglichkeit der engen Straßen. —
Der Vetter bewilligte ihm gern das schlechte Zimmer an der Judengasse und
wollte gleich Anstalt machen, die trüben, von der Sonne verbrannten Fenster
durch andere mit großen Scheiben zu ersetzen. —
„Mein lieber Herr Vetter!“ rief der Majoratsherr, „diese trüben Scheiben sind
meine Wonne; denn sehen Sie, durch diese eine helle Stelle seh ich einem
Mädchen ins Zimmer, das mich in jeder Miene und Bewegung an meine Mutter
erinnert, ohne daß sie mich bemerken kann.“ — „Ei, das gesteh ich,“ sagte der
Vetter und setzte sich in die Schultern und fing an gegen das Fenster zu
streichen, mit seinem Liebestritt, daß er in Eil eine Prise nahm, nieste und
kaltblütig sagte: „Die da ist ein Schickselchen.“ — „Mein Schicksal?“ fragte der
Majoratsherr bestürzt. „Wie Sie es nennen wollen,“ fuhr der Vetter fort, „ein
Schicksalchen also, ein Judenmädchen; sie heißt Esther, hat unten in der Gasse
ihren Laden, eine gebildete Jüdin, hat sonst mit ihrem Vater, der ein großer
Roßtäuscher war, alle Städte besucht, alle vornehme Herren bei sich gesehen, spricht alle Sprachen; das war eine Pracht, wenn sie hier ankam, und die
Stiefmutter Vasthi mit den jüngern Kindern ging ihnen in Schmutz entgegen. Es
konnte niemand was dagegen sagen; die Ursach, warum? Weil sie mit ihrem
Wesen dem Vater gute Käufer anlockte. Aber zuletzt hatte der Vater großes
Unglück durch einen Handelsgenossen, der ihm mit dem Vermögen durchging.
Da gings ihm knapp; das konnt er nicht vertragen und starb. Dieser Tochter
erster Ehe, der Esther, hinterließ er ein kleines Kapital, damit sie von der
Stiefmutter nicht zu Tode gequält würde; aber das läßt sich die alte Vasthi doch
nicht nehmen.“ — „Das ist ja entsetzlich!“ sagte der Majoratsherr, „zwei Leute,
die sich hassen, die sich totärgern, in einem Hause! Ich habe die alte Vasthi auch
schon am Fenster gesehen: ein schrecklich Gesicht!“ — „Sie wohnen wohl in
einem Hause,“ antwortete der Vetter, „aber jede hat ihren besonderen Laden und
Wohnung.“ — „Ich will ihr bald etwas zu verdienen geben,“ sagte der
Majoratsherr. „Es scheinen hier viele Juden zu wohnen.“ „Nichts als Juden,“ rief
der Vetter, „das ist die Judengasse, da sind sie zusammengedrängt wie die
Ameisen; das ist ein ewig Schachern und Zanken und Zeremonienmachen, und
immer haben sie so viel Plackerei mit ihrem bißchen Essen; bald ist es ihnen
verboten, bald ist es ihnen befohlen, bald sollen sie kein Feuer anmachen; kurz
der Teufel ist bei ihnen immer los.“ — „Nein, lieber Vetter, Sie irren sich darin,“
sagte der Majoratsherr und drückte ihm die Hände. „Wenn Sie gesehen hätten,
was ich in Paris bei meiner Kranken sah, Sie könnten den Teufel nicht für den
Vater des Glaubens ansehen; nein, ich versichere es Ihnen, er ist der Feind allen
Glaubens! Aller Glaube, der geglaubt wird, kommt von Gott und ist wahr, und
ich schwöre Ihnen, selbst die heidnischen Götter, die wir jetzt nur als eine
lächerliche Verzierung ansehen, leben noch jetzt, haben freilich nicht mehr ihre
alte Macht, aber sie wirken doch immer etwas mehr als gewöhnliche Menschen,
und ich möchte von keinem schlecht sprechen. Ich habe sie alle mit meinem
zweiten Augenpaar gesehen, sogar gesprochen.“ — „Ei der Tausend, da erstaune
ich,“ rief der Vetter, „das könnte uns erstaunliches Gewicht bei Hofe geben,
wenn wir sie den hohen Herrschaften zeigen könnten.“ — „So geht das nicht,
lieber Vetter,“ antwortete jener ernst, „der Mensch, der sie sieht, muß noch mehr
darauf vorbereitet sein durch jahrelanges Nachdenken, als jene Geister, die ihm
erscheinen sollen; sonst entsetzen sich beide voreinander, und der sterbliche Teil
erträgt es nicht. Aber wer auch bis zu der innern Welt vorgedrungen, — wenn
auch noch scheinbar lebend wie ich — ist dennoch abgestorben bei ihrem
Bestreben, ihrer Tätigkeit. Das wußte meine Mutter von mir und war darum so
unruhig auf ihrem Totenbette, was aus mir werden sollte. Sie hatte bis dahin alle
Geschäfte mit großer Einsicht und Ordnung betrieben, während ich mich den
Studien und der Beschauung hingab. Ich habe meine Zeit mit großer Anstrengung genutzt, ich habe gerungen wie keiner, ich habe erreicht, was
wenigen zuteil geworden. Aber verloren war ich, erdrückt, bis zum Wahnsinn
zerstreut von den Geschäften, die nach dem Tode der Mutter auf mich
eindrangen, ich wollte mich bezwingen, das Höhere dem Niedern zu opfern; die
Qual brachte mich um meine Gesundheit. Eine Kranke, deren Blick weit reicht,
sagte mir zu, daß ich hier Ruhe finden würde bei Ihnen, Vetter; Sie hätten ein
seltenes Geschick für das praktische Leben, mein Vermögen würde sich unter
Ihrer Spekulation verdreifachen. O Vetter! nehmen Sie mir die Last des Geldes
und der Güter ab, genießen Sie des Reichtums, ich brauche wenig, und auch auf
den Fall, daß ich den Luftgeist der Erde wieder binden könnte, daß Kinder mein
Haus füllten, soll Ihnen die Hälfte meiner Einnahmen für die Besorgung des
Ganzen bleiben.“ — Bei diesem Vortrage flossen zwei edle Tränen aus den
Augen des Majoratsherrn, während die großen Augen des Vetters mit
heraufgezogenen Augenbrauen ihn verwunderlich von der Seite anstierten, ohne
dem köstlichen Vortrage Glauben beimessen zu können. Dann fuhr der
Majoratsherr, um das Gespräch zu ändern, fort: „Als ich mit schwellendem
Gefühl, was mir in der Stadt bevorstehe, in welcher der Kreis meines Lebens
angefangen, die große Straße herabfuhr, da begegneten mir ausgemergelte Leute,
die sich kaum zu den Kaffeehäusern hinbewegen konnten, denn sie wurden fast
gewaltsam an den Röcken von unglücklichen Seelen zurückgezogen, die wegen
ungeendigter Prozesse nicht zur Ruhe kommen konnten und jammervolle
Vorstellungen ihnen nachtrugen. Auch meinen Vater sah ich dabei wegen des
einen Konkursprozesses, dessen Ende wohl keiner erleben wird. Schaffen Sie
Ruhe seiner Seele, lieber Vetter, ich bin zu schwach.“ — „Wahrhaftig,“ rief der
Vetter, „zu dem Tore gehen Sonntags die Räte, Schreiber und Kalkulatoren des
großen Gerichts gewöhnlich mit ihren Frauen und Kindern zum Kaffeegarten
hinaus.“ — „Der Postillon meinte auch, das wären Kinder, die sich ihnen an die
Röcke gehangen“, fuhr der Majoratsherr fort, „aber solche jammervolle
Gesichter haben Kinder nicht, das sind die Plagegeister, die sie wegen ihrer
Nachlässigkeit umgeben. Lieber Vetter! befriedigen Sie meines Vaters, Ihres
Oheims, arme Seele.“ — Der Vetter sah sich ängstlich in dem trüben Zimmer
um, ihm war es zumute, als ob die Geister, wie der Schnupfen, in der Luft lägen.
„Alles, alles will ich tun, was sie wünschen, bester Vetter“, rief er dann, „ich bin
nicht glücklich, wenn ich nicht so etwas zu betreiben habe. Prozesse sind mir
lieber als Liebeshistorien, und Ihre Angelegenheiten sollen bald in eine Ordnung
kommen wie meine Wappensammlung.“
Bei diesen Worten führte er ihn in ein Vorderzimmer und hoffte, den
Majoratsherrn durch den Anblick seiner zierlichen, gebohnten Schiebkasten, in
welchen die Wappen, zum Teil mit Zinnober abgedrückt, die Namen in
Frakturschrift beigefügt, glänzten, zu zerstreuen und zu befriedigen. Der
Majoratsherr schien auch hierin, wie in allen Kenntnissen wohlbewandert; der
Vetter mußte seine Bemerkungen achten. Als er aber den Schrank mit dem
französischen Wappen eröffnete, da fuhr der Majoratsherr auf: „Gott! welch ein
Lärmen! Wie die alten Ritter nach ihren Helmen suchen, und sie sind ihnen zu
klein, und ihre Wappen sind mottenfräßig, ihre Schilde vom Rost durchlöchert;
das bricht zusammen, ich halte es nicht aus, mir schwindelt, und mein Herz kann
den Jammer nicht ertragen!“ Der Vetter rückte den unglücklichen Schrank fort
und führte den Majoratsherrn ans Fenster, daß er Luft schöpfen möchte. „Und
wer fährt dort?“ rief er, „der Tod sitzt auf dem Bocke, Hunger und Schmerz zwischen den Pferden, einbeinige und einarmige Geister fliegen um den Wagen