Die Majoratsherren
Unnamed
und fordern Arme und Beine von dem Grausamen zurück, der sie mit
kannibalischer Begierde ansieht. Seine Ankläger laufen mit Geschrei hinter ihm
drein; es sind die Seelen, die er vorzeitig der Welt entriß — bester Vetter! ist
denn hier keine Polizei?“ — „Ich will den Mann rufen, lieber Vetter, daß er Ihren
Puls fühle,“ entgegnete der Vetter, „es ist unser bester Arzt und Chirurgus. Sie
haben ihn gewiß an seinem schmalen, einsitzigen Wagen erkannt; sein Kutscher
ist freilich mager und seine Pferde abgetrieben, aber die den Wagen umflattern,
sind Sperlinge, und die ihm nachbellen, Gassenhunde.“ — „Nein,“ antwortete
der Majoratsherr, „um Gotteswillen rufen Sie keinen Arzt! Wenn die meinen
Puls fühlen, der immer in abwechselnden Takten sich bewegt, dann ganz stille
steht, so schreien alle, ich sei schon gestorben; und am Ende haben sie recht,
denn mich erhält nur der Gedanke einer guten Seele, die auch krank ist.
Übrigens habe ich Sie diesmal ohne Grund erschreckt, lieber Vetter, meine Worte
drückten nur die Gefahr aus, worin sich der französische Adel befindet; ich
bildete mir die Unruhe ein, die Frankreich in den alten Schlössern von den
Geistern erfahren muß, Ihre Sammlung ist Geist-los. Ich kann genau
unterscheiden, was ich mit dem Auge der Wahrheit sehen muß, oder was ich mir
gestalte; wirklich bin ich ein guter Beobachter meiner selbst, und die Physik der
Geister war von je mein Lieblingsstudium.“
Der Leutnant, der mit dieser Physik der Geister durchaus nichts zu tun haben
mochte, brachte die Rede auf häusliche Einrichtungen. Der Majoratsherr
erklärte, daß er nur wenig Aufwartung bedürfe, nur die wenigsten um sich leiden
könne und deshalb sich selbst frisiere und rasiere, auch alle Dienerschaft
entlassen habe. „Die Aufwärterin hier“, sagte er, „ist eine herrliche Seele, sie
trägt nicht mit Unrecht diesen Heiligenschein um ihr Haupt.“ —
„Heiligenschein?“ brummte der Vetter vor sich, „das ist wohl das weiße Tuch,
womit sie sich den Kopf eingebunden hat!“ Dann sprach er laut: „Wenn Gott aus
der eine Heil’ge schnitzeln wollte, die ginge wohl ganz in die Späne!“ Noch
berichtete der Majoratsherr, daß er gewöhnlich bei Tag schlafe und erst, wenn
die Sonne im Sinken, aus dem Bette aufzustehen und seine stille Arbeit zu
betreiben pflege, wogegen der Vetter heimlich brummte: „Davon kommt der
Geisterspuk im Kopfe; er lebt ja wie die Nachteulen.“
Nachdem das Abendessen eingenommen, hatte sich der Vetter mit einer guten
Nacht empfohlen. Auch die Aufwärterin war zu Bette gegangen, während der Majoratsherr sein großes Zimmer mit Wachskerzen tageshell erleuchtet hatte,
um seine Bücher und Handschriften, auf- und abgehend, mit gleicher
Bequemlichkeit zu durchlaufen und die Hauptarbeit seines Lebens, sein
Tagebuch, fortzuführen. Dieser glänzende Kerzenschein war eine neue
Erscheinung für die Bewohner der Gegend und die erste Unruhe, die er ihnen
machte; denn bei der Sparsamkeit des Leutnants mußten sie vermuten, daß dort
ein Feuer ausgebrochen sei. Als sie sich aber vor dem Hause sammelten und die
klagenden Töne einer Flöte durch das offene Fenster erschallen hörten,
beruhigten sie sich wieder und freuten sich des neuen Lichtes, das ihnen den
Schmutz der Straße deutlich machte. Der Flötenspieler war der Majoratsherr,
aber seine Töne sollten sich eigentlich zu Esther hinrichten, die er am Fenster
des dunklen Nebenzimmers belauschte, wie sie ihre Kleider abwarf und im
zierlichsten Nachtkleide vor einem eleganten Spiegeltische ihre Haare flocht.
Der enge Bau jener Gasse, in welche die Balkenlagen jedes Stockwerkes immer
weiter hinausragten, um den Zimmern noch etwas Raum zu gewinnen, brachte
ihm ihr Fenster so nahe, daß er mit einem kühnen Sprunge zu ihr hinüber hätte
fliegen können.
Aber das Springen war nicht seine Sache; dagegen übte er die seltene Feinheit
seines Ohres, das auf bedeutende Entfernung ihm hörbar machte, was jedem
andern verhallte. Er hörte zuerst einen Schuß oder einen ähnlichen Schlag; da
sprang sie auf und las ein italienisches Gedicht mit vielem Ausdruck, in
welchem der Dienst der Liebesgötter bei einem Putztische beschrieben wurde;
und gleich sah er unzählige dieser zartbeflügelten Gestalten das Zimmer beleben, wie sie ihr Kamm und Bänder reichten und ein zierliches Trinkgefäß,
wie sie die abgeworfenen Kleider ordneten, alles nach dem Winken ihrer Hände,
dann aber, als sie sich in ihr Bett gestreckt, wie ein gaukelnder Kreis um ihr
Haupt schwebten, bis sie immer blässer und blässer sich im Dampfe der
erlöschenden Nachtlampe verloren, in welchem ihm dagegen die Gestalt seiner
Mutter erschien, die von der Stirn des Mädchens eine kleine beflügelte
Lichtgestalt aufhob und in ihre Arme nahm, — wie das Bild der Nacht, die das
Kindlein Schlaf in ihrem Gewande trägt — und in dem Zimmer bis zur
Mitternacht damit auf- und niederschwebte, als wenn sie ihm die unruhigen
Träume vertreiben wollte, es dann aber über den schwindelnden Straßengrund
dicht an das Auge des Staunenden trug, der Esthers verklärte Züge in der
Lichtgestalt deutlich erblickte, sie aber mit einem Schrei des Staunens
unwiderruflich zerstreute. Denn mit diesem Schrei war er aus dem höheren
Seelenzustande, aus dem Kern in die Schale zurückgesunken, und kein Wunsch
führte ihm diesen seligen Anblick zurück. Er sah Esther in ihrem Bett nicht mehr
liegen, ihr Zimmer war dunkel, nichts regte sich in der Gasse als die Ratten, die
eine muntere Jagd unter den Brücken der Gossen hielten, auch hustete die alte
Vasthi mit hoher Pelzmütze aus einem Fenster und fing an zu beten, als ein Stier
in der Nähe ein heftiges Gebrüll erhob.
Diesem Gebrüll ging der Majoratsherr im Hause nach und erblickte durch ein
Hinterfenster beim Schein des aufgehenden Mondes auf grüner, mit
Leichensteinen besetzten, ummauerten Fläche einen Stier von ungeheurer Größe
und Dicke, der an einem Grabsteine wühlte, während zwei Ziegenböcke mit
seltsamen Kreuzsprüngen durch die Luft sich über sein Wesen zu verwundern
schienen. Hier stand dem Majoratsherrn der Verstand still; diese schreckliche
Wirtschaft auf einem Gottesacker empörte ihn, er klingelte der Aufwärterin. Sie erschien bald und fragte ihn, was er befehle? „Nichts, gar nichts,“ antwortete er,
„aber was deutet dieser Spuk?“ — Die Frau trat ans Fenster und sagte: „Ich sehe
nichts als die Majoratsherren der Juden, das sind die erstgebornen Tiere, welche
sie nach dem Befehle ihres Gesetzes dem Herrn weihen, die werden hier köstlich
gefüttert, sie brauchen nichts zu tun; wenn sie aber ein Christ erschlägt, so tut er
den Juden einen rechten Gefallen, weil er ihnen die Ausgabe spart.“ — „Die
unglücklichen Majoratsherren,“ seufzte er in sich, „und warum haben sie Nachts
keine Ruhe?“ — „Die Juden sagen, daß einer aus der Sippschaft stirbt, wo sie
nachts so wühlen am Grabe,“ antwortete die Frau; „hier, wo dieser wühlt, ist der
Vater der Esther, der große Roßtäuscher, begraben.“ — „O Gott nein!“ rief er
und ging in den betrübtesten Gefühlen auf sein Zimmer und suchte sich wieder
mit heftigem Flötenspiel zu zerstreuen.
Endlich wurde es Tag; die großen Schatten der Häuser lagerten sich unter dem
hellen Himmel, die Mägde sprangen frisch geschuht, als ob sie sich an diesem
Tage durchaus nicht beschmutzen wollten, von einem trocknen Stein zum
andern, die Schwalben dagegen kreuzten hin zu dem köstlichen Baumörtel, den
ihnen der gestrige Regen bereitet hatte, und füllten damit alle Lücken der
menschlichen Architektur. Auch an dem Fenster, das zu Esther blickte, hatten
sich heute zwei von den zwitschernden Grauröcken eingefunden und wollten ihr
Nest gerade da ankleben, wo er durch die einzige helle Scheibe zu Esther
hinblickte. Da stand der Majoratsherr zweifelnd, ob er sie stören, ob er alles
abwarten solle, was ihm so bedeutend erschien. Seine Sinnesart überwog für das
Abwarten. Nun ihm Esther verborgen, konnte er sich an den lieben Geschöpfen,
an ihrer Lust, an ihrem Fleiße nicht satt sehen, es war ihm zumute, als ob er sich
selbst da anbaue, als hänge sein Glück davon ab, daß sie fertig würden, und ehe
er sich zu Bette legte, sang er noch zu seiner Mandoline:
Die Sonne scheinet an die Wand,
Die Schwalbe baut daran;
O Sonne, halt nur heute Stand,
Daß sie recht bauen kann.
Es ward ihr Nest so oft zerstört,
Noch eh es fertig war,
Und dennoch baut sie wie betört,
Die Sonne scheint so klar!
So süß und töricht ist der Sinn,
Der hier ein Haus sich baut, —
Im hohen Flug ist kein Gewinn,
Der fern aus Lüften schaut,
Und ging er auch zur Ewigkeit,
Er paßt nicht in die Zeit,
Er ist von ihrer Freudigkeit
Verschieden himmelweit.
Den Abend, als er aufwachte, fand er den Vetter schon mit einem guten
Abendessen in seinem Zimmer, auch sprach er von einer unangenehmen
Überraschung, die er ihm gemacht. — Deswegen führte er ihn in das
Nebenzimmer, von wo er die Gasse beobachten könnte, und der Majoratsherr
fand es mit Sofa und Stühlen, mit Schränken und Tischen geschmückt, auch war
das Fenster gewaschen — aber die Schwalben waren herabgestoßen. „Meine
guten schützenden Engel sind vertrieben“, dachte der Majoratsherr. „Ich soll sie
sehen, meinen Todesengel, soll den ganzen Traum durchleben, der mich plagte;
denn eins ist schon erfüllt, was ich im Schlafe sah.“ — „Warum so traurig,
Vetter?“ fragte der Leutnant. — „Ich habe unruhig geschlafen,“ antwortete der
Majoratsherr, „und mir träumte von der Esther, sie sei mein Todesengel.
Närrisches Zeug! Ihr Kleid hatte unzählige Augen, und sie reichte mir einen
Schmerzensbecher, einen Todesbecher, und ich trank ihn aus bis zum letzten
Tropfen!“ — „Sie hatten Durst im Schlafe,“ sagte der Leutnant. „Setzen Sie sich
zum Essen, da steht guter Wein, echter Unger, ich habe ihn selbst gemacht, aus
Rosinen und schwarzem Brote. Apropos, Sie müssen die gute alte Hofdame bald
einmal besuchen; sie hat mich heute halbtot gequält, daß ich Sie zu ihr bringe,
sie wäre eine Freundin Ihrer Eltern.“ — „Dazu muß ich einen Tag leben, und ich
verschlafe meine Tage viel lieber,“ antwortete der Majoratsherr. „Lassen wir das,
nehmen Sie meinen Dank für die Ausschmückung des Zimmers! Eins möchte
ich mir noch kaufen, seidene Vorhänge vor jenes Fenster; Sie haben die Scheiben
so hell polieren lassen, daß ich nicht mehr versteckt bin, wenn ich in die Gasse
schaue.“ — „Die finden Sie gleich unten bei der schönen Esther,“ rief der Vetter,
„da können Sie ihre Bekanntschaft viel näher machen als durch die
Fensterscheiben. Alle unsere Majoratsherren waren verliebter Komplexion, Sie
müssen keine Ausnahme machen, bester Vetter! Ich will Sie auch begleiten,
damit Sie im Handel nicht betrogen werden, und daß Sie sich nicht abschrecken
lassen, wenn das Mädchen sehr spröde tut.“ So gingen beide, der Majoratsherr
vom Leutnant fortgezogen, in die Gasse, und der letztere konnte sich eines
Schauers nicht erwehren; ihm wars, als wären die hohen, hölzernen Häuser nur
aus Pappdeckeln zusammengebaut, und die Menschen hingen wie ein Spielzeug
der Kinder an Fäden und regten sich, wie es das Umdrehen der großen
Sonnenwalze ihnen geboten. Jetzt fingen sie an, ihre Läden zu schließen,
räumten auf, zählten den Gewinn, und der Majoratsherr wagte in dem Lärmen,
in dem Dufte nicht aufzublicken.
„Hier, hier!“ rief der Leutnant, und der Majoratsherr wollte eben in einen
Laden treten, als er statt der Esther ein grimmig Judenweib, mit einer Nase wie
ein Adler, mit Augen wie Karfunkel, einer Haut wie geräucherte Gänsebrust, einem Bauch wie ein Bürgermeister, darin erblickte. Sie hatte sich ihm schon mit
ihren Waren empfohlen und gefragt, ob sie auf sein Zimmer kommen solle, sie
wolle ihm das Schönste zeigen, auch wenn er keine Elle kaufen möchte; denn er
sei ein schöner Herr! — Schon wollte er eintreten, als der Leutnant ihn am Rock
zupfte und zuflüsterte: „Hier im andern Laden ist die schöne Esther!“ — Da
wendete er sich fort und sagte verlegen, er wolle nichts kaufen, er hätte sich nur
nach einem Komödienzettel an der Ecke umgesehen, und mit diesen Worten
wandte er sich nach dem Nebenladen, wo er Esther zu sehen erwartete. Aber die
alte Jüdin ließ ihn noch nicht los. Sie rief eifrig: „Junger Herr! hier im Winkel ist
auch ein Zettel, ich habe vielleicht auch einen im Laden! Treten Sie ein, ich habe
auch den Zettel von den spanischen Reitern!“ Der Majoratsherr ward dadurch
gestört und blickte sich um, erschrak aber, daß die Jüdin einen schwarzen Raben
auf dem Kopfe trug, und verweilte. Unterdessen hatte der Leutnant schon ein
Gespräch mit Esther angeknüpft, welche ihm ohne Zudringlichkeit Bescheid
gegeben. Dieser zog den Majoratsherrn in den Laden der Esther, und nun
erschallte hinter ihm ein fürchterliches Rabengekrächze aus dem Munde der
alten Jüdin. In halb hebräischen Schimpfreden und im verzerrtesten Judendialekt
zeihte sie die arme Tochter der Unkeuschheit, mit der sie Christen in ihren Laden
locke, um ihrer eigenen Mutter den Verdienst zu rauben, und verfluchte sie dabei
zu allen Martern. Endlich ließ der Atem des wütenden Weibes nach, der trotz der
warmen Luft wie im Winter geraucht hatte, und sie hetzte vergeblich ein paar
vorübergehende kleine Buben auf, daß sie ihr sollten schimpfen helfen, wofür sie
ihnen Kuchen versprach. Esther glühte von Schamröte, aber sie erwiderte nichts.
Endlich lief die Alte fort, weil ein Käufer kam. Der Majoratsherr fragte, wer die
grimmige Alte mit dem Raben auf dem Kopfe gewesen? — „Meine Stiefmutter,“
antwortete Esther, „haben Sie vielleicht das schwarze Tuch mit den langen
Zipfeln für einen Raben angesehn?“ — Der Klang der Stimme schien dem
Majoratsherrn nun erst bekannt, nun er sie so nahe hörte; noch deutlicher als aus
dem Fenster durchdrang ihn die Ähnlichkeit mit seiner Mutter. Esther war nicht
frischer, aber jugendlicher; eine schmerzliche Blässe hatte das zarte Antlitz,
selbst die feingeformten Lippen, wie ein schädlicher Frühlingsnebel überzogen;
auch ihre Augen schienen dem Lichte zu schwach und verengten sich
unwillkürlich, wie Blumen gegen Abend die Blätter um ihren Sonnenkelch
zusammenziehen. Während sie mit Eilfertigkeit seidene Zeuge entrollte, suchte
sie der Leutnant in ziemlich ungeschickter Art zu trösten, indem er ihr die
Hoffnung zusicherte, ihre Stiefmutter werde bald sterben. — „Ich wünsche ihr
langes Leben,“ antwortete die Gute, „sie hat noch Kinder, für die sie sorgen
muß. Wer weiß, wer zuerst den bittern Tropfen des Todesengels kosten muß. Ich
fühle mich heute in allen Nerven so gereizt und schwach.“ — Der Majoratsherr meinte einen Todesengel nicht nur fliegen zu sehen, sondern auch sein
Flügelsausen zu hören: „Wie schrecklich seine Flügel sausen!“ — Aber Esther
sprang nach einer Hintertür, schlug sie zu und entschuldigte sich wegen des
heftigen Zuges; ihr kleiner Bruder habe die Tür offen gelassen. Der Majoratsherr
wählte nun unter den Zeugen, fragte aber nach einer Farbe, die nicht im Vorrate
war.
Gleich sprang Esther zu ihrer Mutter nach dem andern Laden, und diese
brachte mit fröhlichem Antlitz den verlangten Stoff, als ob der Gewittervorhang
mit einem Hauche fortgezogen worden wäre. Der Leutnant wollte viel abdingen;
aber der Majoratsherr warf das Geld hin, was verlangt worden. Da gab ihm
Esther einige Taler heraus, denn soviel betrüge ihr Vorschlag; darüber fing die
Mutter wieder an zu wettern, aber diesmal ganz hebräisch. Als Esther wieder
geduldig die Augen niederschlug, antwortete der Leutnant ihr auf Hebräisch, so
daß die Alte, ganz erstaunt über seine seltene Fertigkeit, das Feld räumte und
sich in ihr Schneckenhaus verkroch. Esther schien sich darüber noch mehr zu
kränken als über den Schimpf, den sie erdulden müssen, und der Majoratsherr
zog aus Schonung den Vetter, der schon Triumph ausrufen wollte, mit sich fort,
indem er zugleich das seidene Zeug unter dem Arme selbst forttrug.
Als sie zu Hause, fragte er den Leutnant, woher er das Hebräische wisse? —
„Das brauchte ich zu meinem Verkehr mit den Juden,“ antwortete er, „und was
es mir kostet an Büchern und Lehrmeistern, hat es mir reichlich wieder
eingebracht, denn ich konnte nun alle ihre Heimlichkeiten verstehen. Sehen Sie,
Vetter, in dem Schranke sind lauter jüdische Sagenbücher und Beschreibung
ihrer Sitten und Gebräuche. Wissen Sie, was die Alte zuletzt sagte? Sie freue
sich darauf, wenn Esther stürbe, da würde es eine schöne Auktion geben!
Wirklich ist sie auch aus dem Nachlasse ihres Vaters mit allen eleganten Möbeln
versorgt, und die Leute erzählen, weil nun die feinen Herren nicht mehr, wie bei
ihres Vaters Lebzeiten, zu ihr kommen, daß sie sich abends prächtig anputze und
Tee mache, als ob sie Gesellschaft sehe, und dabei in allen Sprachen rede.“ —
Aber der Majoratsherr hörte wenig mehr darauf, denn er war mit ganzer Seele
über die Sagenbücher hergefallen.
Der Leutnant wünschte ihm gute Nacht, und kaum hatte er ihn verlassen, so
sah der Majoratsherr beim Lesen der alten Bücher in seinem Zimmer alle
Patriarchen und Propheten, alle Rabbinen und ihre wunderlichen Geschichten
aus den Sagenbüchern hervorgehen, daß die Stube zu eng schien für die
ungeheure Zahl. Aber der Todesengel schlug sie endlich alle mit seinen Flügeln
hinweg, und er konnte sich nicht satt lesen an seiner Geschichte: „Lilis war die
Mitgeschaffne Adams im Paradiese; aber er war zu scheu und sie zu keusch, und
so gestanden sie einander nie ihr Gefühl, und da erschuf ihm der Herr im Drange
seines Lebens ein Weib aus seiner Rippe, wie er es sich im Schlafe träumte. Aus
Gram über diese Mitgenossin ihrer Liebe floh Lilis den Adam und übernahm
nach dem Sündenfalle des ersten Menschen das Geschäft eines Todesengels,
bedrohte die Kinder Edens schon in der Geburt mit Tod und umlauert sie bis
zum letzten Augenblicke, wo sie den bittern Tropfen von ihrem Schwert ihnen in
den Mund fallen lassen kann. Tod bringt der Tropfen, und Tod bringt das Wasser,
in welchem der Todesengel sein Schwert abwäscht.“
Unruhig lief der Majoratsherr bei diesen Worten im Zimmer umher, dann
sprach er heftig: „Jeder Mensch fängt die Welt an, und jeder endet sie. Auch ich
liebte scheu und fromm eine keusche Lilis, sie war meine Mutter; in ihrer ungeteilten Liebe ruhte das Glück meiner Jugend. Esther ist meine Eva, sie
entzieht mich ihr und gibt mich dem Tode hin!“ — Er hielt es nicht aus bei dem
Anblick des Todesengels, den er immer hinter sich lauernd zu schauen glaubte;
er eilte auf die Straße im Mantel verhüllt, um sich an dem Nachhall des Tages zu
zerstreuen. Endlich setzte er sich ermüdet hinter das Fußgestell einer Bildsäule,
die in der Nische eines hohen Hauses stand, und sah den eiligen Läufern zu, die
mit Fackelglanz einem rollenden Wagen vorleuchteten; die Lilis zog hinter ihm
her. Jubelnde Gesellschaften zogen lärmend aus der Trinkstube nach Hause und
klapperten noch mit den Nägeln gegen die Saiten, die sie so lange hatten
schwingen lassen; aber auch ihnen zog der Todesengel nach und — blies sie an
aus einem Nachtwächterhorn. Und es wurden der Todesengel so viele vor seinen
Augen, daß sie zueinander traten und paarweis wie Liebende nebeneinander
gingen in traulichen Gesprächen. Und er horchte ihnen zu, damit er wüßte, wie
er zu Esther reden müsse, um ihr seine Liebe kund zu tun. Aber die Liebenden
wurden von den Geschäftigen verdrängt, und er mochte nicht eher zuhören, bis
ihm die Stimme der Vasthi auffiel, die mit einem alten Rabbiner vorüberging und
ihm sagte:
„Was soll ich die Esther schonen; ist sie doch nicht
das Kind meines Mannes, sondern ein angenommenes
Christenkind, der er den größten Teil seines Geldes
zugewendet hat.“ — „Sei Sie still,“ sagte der
Rabbiner, „weiß Sie denn, wieviel der Mann mit dem
Kinde bekommen hat?“ „Alles. Er hatte nichts und
konnte damit anlegen großen Handel. Was kann das
Mädchen dafür, daß ihm sein Geld ist gestohlen
worden?“ — Hier kamen sie ihm aus dem Bereich
seines scharfen Gehörs, er eilte ihnen nach, aber sie
hatten sich schon in irgend ein Haus begeben. Auch
hier war er, wie gewöhnlich, zu spät zu einem
Entschluß gekommen, doch war ihm der Fingerzeig
seltsam bedeutend und führte ihn sinnend hin in sein
Haus.
Als er sich kaum ein paar Minuten ausgeruht hatte,
hörte er einen Schuß, er sah zum Fenster hinaus, aber
niemand schien es gehört zu haben. Beruhigt rückte
er auf seine Warte am Fenster und wagte es, einen
Fensterflügel zu öffnen, so daß er noch genauer, als
die Nacht vorher, das Zimmer der, schönen Esther übersehen konnte. — Da hatte
sich vieles verändert, die Kappen der Stühle waren abgenommen, und sie glänzten in weißem Atlas um einen prachtvollen Teetisch, auf welchem eine
silberne Teemaschine dampfte. Esther schüttete wohlriechendes Wasser auf eine
glühende Schippe, dann sprach sie in die Luft: „Nanni, es ist höchste Zeit, daß
ich meine Locken mache, meine Gäste müssen bald kommen.“ Esther antwortete
darauf mit veränderter Stimme: „Gnädiges Fräulein, es ist alles bereit.“ — Im
Augenblicke des Worts stand eine zierliche Kammerjungfer vor Esther und half
ihr die Locken ausziehen und ordnen. Dann reichte sie Esther den Spiegel, und
diese klagte: „Gott, wie bin ich bleich! Hat es denn nicht Zeit mit dem
Erbleichen, bis ich tot bin? Du sagst, ich soll mich schminken. Nein, dann
gefalle ich dem Majoratsherrn nicht, denn er ist auch blaß wie ich, gut wie ich,
unglücklich wie ich; wenn er nur heut käme, die Gesellschaft macht mir ohne
ihn keine Freude.“ Nun war alles im Zimmer geordnet, und Esther, sehr elegant
angezogen, legte einige schön gebundene englische Bücher aufs Sofa und
begrüßte auch englisch das erste Nichts, dem sie in ihrer Gesellschaftskomödie
die Tür öffnete. Kaum antwortete sie englisch in seinem Namen, so stand da ein
langer, finsterer Engländer vor ihr, mit der Art Freiheit und Anstand, die sie
damals vor allen Nationen in Europa auszeichnete. Mit solchen Luftbildern von
Franzosen, Polen, Italienern, endlich auch mit einem kantischen Philosophen,
einem deutschen Fürsten, der Roßhändler geworden, einem jungen aufgeklärten
Theologen und einigen Edelleuten auf Reisen belebte sich der Teetisch. Sie war
in einer unerschöpflichen Bewegung durch alle Sprachen. Es entspann sich ein
Streit über die Angelegenheiten Frankreichs. Der Kantianer demonstrierte, aber
der Franzose wütete. Sie suchte sehr gewandt die Streitenden auseinander zu
halten und schüttete endlich, als ob sie angestoßen wäre, eine Tasse heißen Tee
dem Kantianer auf die Unterkleider, um eine Diversion zu machen. Das gelang
auch; es wurde entschuldigt, abgewischt, und sie versicherte, den Tritt des
Majoratsherrn zu hören, eine neue Bekanntschaft, die sie erst jetzt gemacht, ein
ausgezeichneter junger Mann, der Frankreich erst kürzlich verlassen habe und
jene streitigen Fragen am besten beantworten könne. — Bei diesen Worten
durchgriff eine kalte Hand den Majoratsherrn. Er fürchtete, sich selbst eintreten
zu sehen; es war ihm, als ob er wie ein Handschuh im Herabziehen von sich
selbst umgekehrt würde. Zu seiner Beruhigung sah er gar nichts auf dem Stuhle,
den Esther ihm hinrückte, aber den andern Mitgliedern der eleganten
Gesellschaft mußte sein Ansehen etwas Unheimliches haben, und während
Esther zu ihm flüsterte, empfahlen sich diese, aber einer nach dem andern. Als
alle sich entfernt hatten, sprach Esther lauter zu dem leeren Stuhle: „Sie haben
mir in aller Kürze gesagt, ich sei nicht, was ich zu sein — scheine, und ich
entgegne darauf, daß auch Sie nicht sind, was Sie scheinen.“ Darauf antwortete
Esther, indem sie zum Staunen des aufhorchenden Majoratsherrn seine Stimme täuschend nachahmte: „Ich will mich erklären: Sie sind nicht die Tochter dessen,
den die Welt Ihren Vater nennt, Sie sind ein geraubtes Christenkind, Ihren
wahren Eltern, Ihrem wahren Glauben geraubt, und mein Entschluß, Sie dahin
zurückzuführen, hat mich bestimmt, Ihnen meine Aufwartung zu machen.
Erklären Sie sich mir jetzt auch deutlicher.“ — Esther: „Es sei. Ich bin Sie und
Sie sind ich; sollte aber die Sache wieder in Ordnung gebracht werden, so
zweifle ich, daß ich dabei gewinnen kann, Sie aber verlören unglaublich viel,
und nur der schreckliche, rotnasige Vetter würde zu einer schwindelnden Höhe
erhoben.“
Sie schwieg und flehte sich selbst mit der Stimme des Majoratsherrn an,
weiter zu reden, denn eine Ähnlichkeit mit der geliebten Mutter enthüllte ihm
nun halb das Geheimnis. — Dann fuhr sie fort: „Ist Ihnen denn der Eigensinn
eines alten Majoratsherrn, der von seinem Vetter, dem Leutnant, mehrmals
gekränkt worden, einem eignen Sohne die geliebten Reichtümer überlassen
möchte, so geheimnisvoll? Nehmen Sie an, daß die Erfüllung dieser Hoffnung
ihm nahe bevorstand, daß seine Frau in Wochen kommen sollte, daß ihn aber die
Furcht quälte, die Geburt eines Mädchens könne alles vereiteln. Wenn diese oft
geäußerte Furcht eine listige Hofdame benutzt, um ihm einen Knaben
aufzuschwatzen, den sie eine Woche früher insgeheim geboren: bedarf es da
mehr als einer oft bestochenen Hebamme, wenn nun die Furcht erfüllt wird, und
ich statt eines Knaben geboren werde? Ich werde einem dienstbaren Juden
überliefert, der, außer dem Vorteil, auch seiner Religion dadurch etwas
zuzuwenden hofft. Haben Sie Nathan den Weisen gelesen?“ — Majoratsherr:
„Nein!“ — Esther: „Nun gut, Sie werden der Mutter an die Brust gegeben, wie
die Nachtigall auch Kuckuckseier ausbrütet, doch es versteht sich, ohne etwas
Böses damit sagen zu wollen. Und daß ich dies alles weiß, danke ich der
Sterbestunde meines Pflegevaters; er versicherte mir noch dabei, daß jenes
Kapital, was er mir zurücklasse, mehr betrage, als was ich nach der Stiftung des
Majorats fordern könne; er habe aber wohl das Dreifache vom alten
Majoratsherrn empfangen, um das Geheimnis zu bewahren, es sei die Grundlage
seines großen Handelsverkehrs geworden. Sie verstummen, Sie zweifeln, was zu
tun sei? Sie verfluchen die Eitelkeit des männlichen Geschlechts, seinen Namen
allein in Ansehen erhalten zu wollen? Aber was ist zu tun? Lassen Sie denn den
alten, lächerlichen Vetter Ihres Reichtums mit froh werden, wie Sie schon jetzt
getan; meine Bahn ist bald durchlaufen, und ich ertrage keinen großen Wechsel
der Witterung. Aber Sie lieben mich, sagen Sie. Ach ich habe Ihre Augen beim
ersten Anblick verstanden, aber unsre Liebe ist nicht von dieser Welt; diese Welt
hat mich mit aller ihrer Torheit zerstört. Freund, nicht alle Männer meinten es
mit mir so ehrlich wie Sie, und sie umstrickten mich mit jeder Eitelkeit des kindischen Verstandes. Scheiden wir für heute, denn es kostet mir viel Zeit,
Ihnen zu sagen, daß ich Ihnen kein ganzes Herz mehr schenken kann; es brach,
es ging in Stücken, und nur dort heilt sich der Riß.“ — Bei diesen Worten
verfinsterte eine Tränenflut die Augen des Majoratsherrn. Als er aufblickte, lag
Esther, nachdem sie das Nachtlicht ausgelöscht, in ihrem Hemdchen im Fenster
und atmete heftig die kalte Nachtluft ein; dann ging sie zu Bette, und er setzte
sich zu seinem Tagebuche, um alles Wunderbare, so treu er vermochte,
aufzuzeichnen.
Gegen Mittag kam der Vetter, wie gewöhnlich, vor sein Bette und fragte ihn,
ob er nicht endlich Lust habe, die Hofdame zu besuchen. Der Majoratsherr
überraschte ihn mit einem vernehmlichen Ja, hätte aber gern hinzugefügt, daß er
lieber allein den Besuch gemacht hätte. Er kleidete sich schnell an und machte
sich mit dem Vetter auf den Weg, der sich darüber freute, daß sie jetzt gewiß
noch allein sei. Wie sie sich dem Hause näherten, pochte dem Majoratsherrn das
Herz. „Was ist das für ein schrecklich großer Menschenkasten dort,“ fragte er,
„mit den Spiegelscheiben? In dieser Nische habe ich einmal nachts hinter der
Statue in der Nische gesessen!“ — „Kennen Sie noch nicht Ihr eigenes
Majoratshaus?“ fragte der Vetter, „da ließe es sich besser wohnen als in meinem
kleinen Neste!“ — „Bewahre der Himmel,“ antwortete der Majoratsherr, „ich
wollte, daß ich es nie gesehen hätte; die großen Steine scheinen mit Hunger und
Kummer zusammengemauert.“ — „Freilich, der es baute, hat sich kaum satt zu
essen gewagt, und Ihr Vater war nicht auf sonderliche Ausgaben eingerichtet, hat
mir einmal, als ich knapp von einem Tage zum andern lebte, einen Prozeß
gemacht, weil ich eine Schneiderrechnung, die er für mich ausgelegt, am
festgesetzten Tage ihm nicht wieder gezahlt hatte.“ — „Gott, das ist hart,“ sagte
der Majoratsherr, „das kann den Erben keinen Segen bringen!“
Unter solchen Gesprächen waren sie in das
Vorzimmer der Hofdame getreten, die darum bitten
ließ, daß die Herren eine halbe Stunde warten
möchten, sie hätte noch einige Worte zu schreiben.
Der Vetter sah an seiner Uhr, daß er nicht so lange
warten könne, wegen seines regelmäßigen
Spazierganges, und ließ den Majoratsherrn allein.
Diesem ward sehr unheimlich in dem Zimmer. Der
schreiende Laubfrosch auf der kleinen Leiter schien
von einem fatalen Geiste beseelt; auch die Blumen in
den Töpfen hatten kein recht unschuldiges Ansehen;
aus dem Potpourri glaubte er ein Dutzend abgelebte Diplomaten heraufhorchen
zu sehen. Aber mehr als alles quälte ihn der schwarze Pudel, obgleich sich dieser
vor ihm zu fürchten schien; er hielt ihn für eine Inkarnation des Teufels. Als nun
endlich die Hofdame wie ein chinesisches Feuerwerk mit dem steifen Wechsel
ihrer Farben aus dem andern Zimmer hervortrat, da vergingen ihm fast die
Sinne, denn ihm stand’s vor der Seele, daß die Abscheuliche seine Mutter sei.
„Mutter,“ sagte er, und sah sie scharf an, „deinem Sohn ist sehr wehe!“ Er
dachte, sie würde erschrecken, ihn für einen Toren erklären; aber sie setzte sich
ruhig zu ihm und sagte: „Sohn, deiner Mutter ist sehr wohl.“ Sie wollte ihm ein
emailliertes, großes Riechfläschchen reichen, aber er scheute sich davor und
sagte: „Da sehe ich eine Seele eingesperrt!“ Sie legte es leise beiseite und sagte:
„Wenn darin eine Seele, so ist es die Seele deines Vaters, des Schönen; ich
reichte es ihm, als er vom Leutnant, dem Vetter, durchstochen ward, im
unerwarteten Zweikampf vor meiner Türe.“ — „Ich lebe mit dem Mörder
meines Vaters unter einem Dache, und du bist seine geliebte Freundin?“ — „Du
weißt zuviel, mein Sohn,“ fuhr sie fort, „als daß du nicht alles wissen solltest,
wieviel du mir zu danken, was ich für dich getan habe. Dein Vater hieß der
schöne ... in der ganzen Stadt; dieser Ruf machte, daß ich gegen ihn alle Vorsicht
vergaß. Unser Liebeshandel blieb zwar heimlich; aber bei den Folgen, die ich
trug, mußte ich auf Verbannung vom Hofe gefaßt sein, wenn ich diese Folgen
nicht verheimlichen könnte, nachdem dein Vater erstochen war, ehe er sein
Versprechen, mich zu heiraten, erfüllen können. Das gelang mir.“ — „Ich weiß
es.“ — „Und zugleich rächte ich deinen Vater an seinem Mörder, indem ich dir
das Vermögen zuwandte, was jenem mit allem Rechte zugefallen wäre. Ich tat
noch mehr. Durch meinen Einfluß am Hofe hemmte ich jeden seiner Versuche,
sich in Ehren fortzuarbeiten, und erhielt ihn dabei in den Netzen meiner Reize.
Weder seinem Verstande noch seinem Mute wurde gerechte Anerkennung; so
veraltete er in sinnlosem Treiben und quälenden Nahrungsspekulationen, ein lächerliches Spottgesicht aller Welt, während die ältern Leute noch mit
Entzücken von der Schönheit deines Vaters reden, ihn noch als Sprichwort
brauchen, um Schönheit zu bezeichnen. Wenn ich dich in deinem Reichtum edel,
sorgenfrei aufgewachsen sehe, allem Höheren zugewendet, und den Vetter
denke, wie er da täglich unter schielenden Seitenblicken der Alten und mit
Hohnlachen der Gassenbuben in lächerlichen Hahnentritten vor meinem Fenster
vorübertrippelt, oder Sonntags meinen Hund kämmen muß, dann fühle ich, daß
ich deinen Vater gerächt, ihm ein rechtes Totenopfer gebracht habe. Oder soll ich
noch mehr tun, um den Vetter zu kränken, soll ich ihn heiraten, ihn in seinem
Stundenlauf durch die Stadt stören, seine Wappensammlung zusammenwerfen?“
— Der Majoratsherr hatte auf das alles nicht gehört, sonst möchte sein
Widerspruch sie früher unterbrochen haben. Er sprach halbträumend in sich
hinein: „Also ward ich der Edlen nur als ein Dieb an die Mutterbrust gelegt. Und
wo ist das unglückliche Kind, das meinetwegen verstoßen wurde? Ich weiß es,
Esther ist es, die unglückliche, geistreiche, von der Gemeinheit der Ihren, von
dem Fluch ihres Glaubens niedergebeugte Esther!“ — „Darüber kann ich dir
keine Antwort geben,“ sagte die Hofdame, „der alte Majoratsherr allein führte
die Sache aus; ich war beruhigt, als ich dich aus der Schande unehelicher Geburt
zu dem glänzendsten Schicksale erhoben sah. Du dankst mir nicht dafür?“ — Er
saß in sich versunken und hörte nicht, sondern sprach halblaut: „Ich sollte reich
sein auf Unkosten einer Armen? Habe ich nicht manches gelernt, was mir einen
Unterhalt verschaffen kann? Ich spiele mehrere Instrumente so fertig wie
irgendeiner; ich male, ich kann in mancher Sprache Unterricht geben. Fort mit
der Sündenlast des Reichtums, sie hat mich nie beglückt!“ — Die Hofdame
hörte ihm aufmerksam zu und sprach mit ihrem Pudel, der seine Vorderpfoten
auf ihre Knie stützte und ihr ans Ohr den Kopf ausstreckte, dann nahm sie die
Hand des Majoratsherrn und sagte: „Du bist deiner Mutter wenigstens Gehorsam
schuldig, und was ich fordere, ist nicht unbillig; nur vierundzwanzig Stunden
bewahre das Geheimnis deiner Geburt und schiebe jeden Entschluß auf, den es
in dir erregen könnte; darauf gib mir Hand und Wort!“ — Der Majoratsherr war
froh, daß er in vierundzwanzig Stunden zu keinem Entschluß zu kommen
brauchte, schlug ein, küßte die Hand, empfahl sich ihr und eilte nach Hause, um
zu einer ruhigen Fassung zu gelangen.
Aber eine neue Veranlassung zur tiefsten Beunruhigung seines Gemüts mußte
er dort vorfinden. Er sah vor dem Hause der Esther eine große Versammlung von
Juden und Jüdinnen, die heftig miteinander redeten. Weil er sich nicht darunter
mischen wollte, so ging er in sein Haus und befragte die alte Aufwärterin. Sie
berichtete ihm, daß der Verlobte der schönen Esther vor einer Stunde ganz
zerlumpt von einer Reise nach England zurückgekommen sei; er habe alles das Seine verloren.