Die sechs Mündungen

Kasimir Edschmid · Kapitel 1 von 5

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Die sechs Mündungen

Der aussätzige Wald

Benoit de St. More:

Ceste historie n’est pas usée

 

Jehan Bodel, Sire d’Arras ritt durch den Wald.

Er ritt ein gelbes Maultier und trug aus Verachtung keine Waffen außer dem

kleinen damaskenischen Messer im Gürtel. Seine Arme hingen laß auf beiden

Seiten des Sattels herunter.

Nach zwei Stunden pfiff es scharf.

Aus einem Gebüsch sauste ein Knäuel Menschen den Abhang herunter in die

grelle Sonne. Einige hielten Keulen aus Holz in den Fäusten. Der vorderste

tanzte geduckt, auf demselben Platz sich stetig hochschnellend. In seiner linken

Hand drehte sich ein quirlendes Instrument aus Eisen, die andere, deren Finger

aus dem Fleisch herausgekrochen waren und die am Knöchel zu einem dicken

roten Schorf ward, krallte sich um ein altes rostiges Schwert. Alle waren von

furchtbaren Fetzen schmutzigen Tuchs umhängt. Geschwülste und Narben

fraßen sich durch die Gesichter der meisten. Langsam rollte etwas die Böschung

auf allen Vieren ihnen nach herunter, hob sich mit langen weißen Haaren, stand

ehrfürchtig zögernd, die Hände in Bewunderung und Tasten hebend und streckte

zwei rote leere Augenhöhlen mitten in das stechende Licht.

Jehan Bodel griff nach seinem Messer. Es war zu klein. Sein Blick fuhr

herum. Nichts war im Bereich seiner Hände. Er trat einen Schritt zurück und

spie aus vor Wut.

Die Männer krochen wie Spinnen auf ihn zu. Ihr Anführer umtanzte ihn

lautlos mit gierigen Sprüngen.

Da warf Jehan sein Maultier auf die Erde, hieb drei Kerbschnitte in den

Oberschenkel, drehte das Bein aus dem Gelenk und erschlug ein paar der

Angreifer, ging zurück, streichelte rasch das schreiende Tier über Maul und

Hals, tötete es und schritt lässig, hochmütig den freien beschienenen Waldweg

weiter.

Es bewegte ihn ein Gefühl: Zorn, daß er keine Zeit hatte, das Maultier zu

töten, eh’ er es verwundete. Er dachte nicht daran, daß er auf ihm hätte fliehen

können. Jehan floh nicht.

Kam am Mittag nach Erigny, wo großer Markt war. Viele Auslagen färbten

den Platz bunt, und ein erschütternder Tumult bewegte sich über die Straßen.

Jehan stellte sich auf eine Tribüne mitten im Platz, und als Ruhe war und Kopf

an Kopf gesät sich gegen ihn schoben, verhieß er, vor Ekel geschüttelt, jedem,

der im Wald einen Aussätzigen erschlüge, zwanzig Denare.

Darauf kaufte er zwei Bracken, silbernes Sattelzeug, einen schneeweißen

Hühnerhund und eine Stute, deren Schweif den Boden peitschte.

Er ließ alles an seinen Gasthof bringen, bestellte Spielleute und aß. Als er

seinen Lieblingsfisch auseinanderlegte, schob sich ein Mönch durch die Tür und

suchte zu Jehan zu kommen. Doch der Wirt spreizte die Arme und drückte ihn

zurück. Jehan Bodel liebte allein zu speisen. Allein der Mönch bestand darauf

und schwur lang und laut bei St. Vinzenz, bis Jehan aufmerksam ihn

herbeiwinkte. Bis auf zwei Meter, denn er wünschte nicht, von seinem Atem

belästigt zu werden. Der Mönch schlug ein Geschäft vor. Jehan aber machte eine

so abweisende Geste, daß er zu winseln begann und schwur bei den runden

Blutstropfen von St. Morant, Jehan werde nächtelang aus Reue seine Brust

schlagen. Und wie er von dem gesättigten und zufriedeneren Mund des

Gegenübers die herbe Strenge abfallen sah, stieß er hastig einen Schritt vor und

sagte leis etwas.

Jehans Gesicht blieb kaum bewegt, des Mönchs Fratze bedeckte sich aber mit

einer fetten Vertraulichkeit und sagte und schwor bei dem Leibe der heiligen

Afflise, die Ware sei gut.

Jehan lachte ungläubig und edelmännisch und folgte ein wenig

zurückgestoßen, mehr aber neugierig. Sie überquerten den Hof, schoben einen

Strohhaufen zur Seite, gingen durch einen Stall . . . dann riß der Mönch eine

verborgene Tür auf.

Ein kahles Zimmer tat sich auf, das nur ein schräg in die Mauer gerammtes

Bett enthielt, auf dem ein Mädchen kauerte in südlicher Haltung, von vielleicht

siebzehn Jahren, die sich nun zu einer adligen und beschämten Haltung erhob

und eine rührend große Schönheit entfaltete. Der Mönch wollte ihr die Tunika

abziehen, allein Jehan wies ihn zurück, verbeugte sich und fragte, wie sie heiße.

Sie sagte: „Beautrix“ und sagte es in limusinischem Dialekt, dessen dunkle

Schwingung Jehans Ohr entzückte. Sie hatte eine so schmelzend weiße Haut,

daß sie unmöglich aus der Provence sein konnte. Der Mönch sagte: Aus Byzanz.

Da kaufte Jehan sie ohne Prüfung um zweitausend Denare.

Er setzte sie auf ein Maultier und sie ritten zusammen aus der Stadt. Jehan

sprach nichts zu einer Sklavin. Sie ritten schweigend, sie ein wenig hinter ihm.

Plötzlich kam ihnen Gebrüll entgegen, schäumende Rufe spritzten durch die

leere und helle Luft, in der vorher nur das Knirschen lag vom Huf der Tiere

durch den mahlenden Sand.

An dem Kreuzweg raste eine nackte Prozession an ihnen vorüber, Männer,

die Fahnen trugen, schmutzig bestaubt, Frauen und Kinder, einige mit

Säuglingen an den strotzenden Brüsten, Greise, die ihre müden Glieder vorwärts

schnellten, und alle die Munde voll Geheul. Manche hatten den Arm um die

Weiber geschlungen und sich in sie verkrampft, Mädchen liefen mit gelösten

Haaren und ließen sie vom Wind hinter sich aufbäumen, in die Männer wieder ihre Gesichter tauchten . . . und alle sausten singend und schreiend mit

stampfenden Sprüngen vorbei.

Beautrix errötete und wandte den Kopf, als der Zug vorbeischoß.

Da wußte Jehan, daß er einen guten Kauf getan. Er schnallte seine Bügel

hoher und hob sie herüber vor sich auf die Knie, jagte ihr Maultier mit Gelächter,

lachte, küßte sie und rannte mit ihr durch den Wald. Die Hunde jagten vor ihm.

Er dachte nicht an die Aussätzigen. Denn er fühlte, wie die Glieder von

Beautrix heiß wurden. Noch einmal küßte er sie. Da war es schon dämmerig

geworden. Der Hühnerhund sprang vor ihnen hin wie ein weißer Strich.

Der Wald lag dann hinter ihnen in einem dunklen Bogen gleich einer

Augenbraue. Dumpf rauschend wie zwei Fledermausflügel zogen sich die Tore

von Arras im Abend hinter ihnen zusammen.

Jehan Bodel empfand das eben in dieser Weise und sagte es so zu Beautrix.

Denn Jehan Bodel war (ohne daß er die kleine und falsche Schäbigkeit beging,

es in seinem Leben auszudrücken und ohne daß es aus seinem Tun bewußt nur in

einem Funken erhellte) der größte Dichter der Pikardie.

Er stieg an seinem Hause ab, legte ihre Kniekehlen auf seinen linken Arm,

und indem er sie mit dem andern an der Schulter stützte, trug er sie in ein großes

getäfeltes Zimmer, in dem ein ungeheures Bett stand, und sagte ihr, daß dies ihr

Eigentum sei.

Dann wechselte er seine Kleider und ging zu einer Dame im Westen der

Stadt, der er dort ein Haus unterhielt. Die Dienerin sagte ihm, die Dame sei in

der Kirche, und er kam gerade recht, als sie die Abendmesse verließ. Er nahm

sie und ein paar Weiber, die mit ihr waren, mit in eine trübe Schenke in der Ecke

des Platzes.

Ein dumpfes Licht schwelte in dem Zimmer, das sie allein hatten.

Holzpritschen mit Teppichen belegt umliefen die Wand und schlossen einen

Kreis um den Tisch, der rund in der Mitte stand. Der Boden war mit leuchtend

gelben und weißen Platten belegt. Es roch nach Wein und Rosen. Jehan ließ

gemischten Wein kommen und nahm seine Dame neben sich. Eine Stunde später

kamen noch einige Männer. Die Weiber lagen auf den Bänken und sangen.

Zwei wiederholten larmoyant ihre Beichten. Eine Rote erzählte, die Zähne

fletschend, was ihr ein Minoritenprior gestern vorgeschlagen: sie möge die

Haare kürzer schneiden und als Mönch bei ihrem Orden eintreten. Und ob sie

sich dann auch die Haare blond färben und den Namen „Innozenz“ annehmen

würde, fragte ein junger Mann . . . worauf sie beleidigt tat und ihm ihr Glas

zwischen die Busenkrause goß. Ihm aber dann sich auf die Knie warf und ihn

reuig in den Ohrlappen biß.

Jehan ließ Gewürze in den Wein kochen. Sie tranken stark und lachten. Die Weiber schaukelten auf den Pritschen und lallten Gesänge und Lieder

durcheinander.

Allein Jehan langweilte sich. Die Zerstreuungen, die ihm Stellung und

Temperament zur sonstig mittelmäßigen Erfreuung — mehr geduldet in der

vagen Notwendigkeit, als erfreut genommen — machten, ließen ihn grenzenlos

öd.

War es ihm nicht, als ob durch all den Qualm des Zimmers ein fremder Duft

wie von Frauenhaaren, die er kaum kannte, an seinen Händen schwebe?

Er begriff die Wandlung, faßte das Unbehagen nicht ganz in seinem

bewußten Grund, aber ergriff es in brutalem Wohlgefühl wie die Lösung dieser

Spannung, als er im Lauf des Abends von einer der anderen erfuhr, wie seine

Dame ihn betrog. Und da (siehe) es wiederum ein Mönch war, dessen Schatten

hier seinen Weg kreuzte (nur daß er nahm dieses Mal und nicht darreichte),

lachte alles in ihm über den Ausgleich. Er stellte die Kanne, die seine Hand

gerade umfing, nicht einmal weg, griff seiner Dame mit der Linken ins Haar und

warf die vor Erstaunen kaum Schreiende durch die Tür. Erhob sich lächelnd und

frisch und schenkte das Haus im Westen der Stadt jener, die zuerst fünf Glas

Mischwein trank und ging aufatmend, den Kopf schräg nach dem Himmel

hinaufgelegt, die Arme hochgereckt hinaus in die Nacht.

In einer Nebenstraße fiel es ihm ein: er klopfte noch an ein Tor und befahl

einem Händler, dessen Kopf am Fenster erschien, daß er am nächsten Mittag mit

seinen besten Sachen zu ihm komme.

Die Dämmerung schlug sich durch die Straßen, und mit einem Anheben

fingen alle Glocken an zu schwingen, als Jehan sein Haus betrat. Er wusch sich

die Hände und das Gesicht, stieg in den anderen Stock und öffnete in einem

schmalen Ritz eine Tür. In dem gewaltigen Bett sah er Beautrix und wie ihre

lichten Glieder im Morgen blitzten.

Dann schlief er bis zum Mittag und ging frei hinüber, Beautrix zum Essen zu

holen. Es tat ihm leid, wie sie in dem weißen und groben und unreinen Kleid,

das sie am vorigen Tage getragen, erschien. Allein ihre Bewegungen waren so,

als ob sie nichts trüge oder so; als ob sie persische Stoffe über den Gliedern hätte

und wie es Jehan in einer raschen Erkenntnis schien so in einem; als ob dies gar

nichts bedeute für den Adel ihres Wesens.

Während sie aßen, geschah etwas Seltsames; Jehan, der spürte, wie etwas, je

näher er kam, etwas wie unbewußte und ungekannte Achtung sich zwischen ihn

und die Sklavin schob, sah sie plötzlich in Tränen ausbrechen. Er fragte. Da wies

sie halb lächelnd wieder auf ihren Teller und sagte, daß sie dieses Gemüse nicht

essen könne. Es war Kohl. Jehan lachte sehr. Dann überließ er sie dem Händler

mit den Stoffen.

Am nächsten Morgen brachte er ihr ans Bett rote Blumen und Steine aus

Alamanda. Den Abend sang sie ihm eine provencalische Dansa:

 

Amic, s’eu vos tenia

Dinz ma chambra garnia,

De ioi vos baisaria,

Qar n’audi

Ben dir l’autre di.

Qant lo gilos er fora,

Bels ami,

Vene-vos a mi.

 

Sie schürzte sich ein wenig und tanzte. Die Flammen zuckten auf dem Leuchter.

Den Morgen darauf brachte er ihr ein Falkenpaar, das in Brunst war, und

nannte sie: Silberne Drossel — und blieb und küßte sie. Sie nahm keine Scham

vor ihm und zog sich an, während die ersten Lichtstreifen den Boden kräuselten.

Sie bat ihn zur Messe gehn zu dürfen, und er begleitete sie. Vor drei Altären

betete sie. Die aneinandergelegten Hände hob sie vor jedem hoch auf im Dank,

und dies war wie der Anfang einer Unsägliches ausstreuenden Gebärde. Als sie

das Münster verließen, war der Ausgang versperrt. Eine Frau lag da in

Kreuzform die Arme geweitet auf Bauch und Gesicht und betete fieberhaft. Vier

Kreuze standen um sie und neben jedem Kreuz eine armlange Kerze mit

zuckendem rötlichen Licht. Einige Leute standen um die Büßende, die nicht

aufsah. Beautrix zögerte.

Aber Jehan ließ sich nicht verwirren. Er kannte die Frau. Er nahm Beautrix

auf die Arme wie am ersten Tag, schritt über die Liegende und durch den dunkel

aufgewölbten Mund der Kirche hinaus ins Licht. Und setzte sie nicht nieder; trug

sie so über den Markt. Als er in die Straße einbog, setzte ihm schrilles Geschrei

nach. Ein wenig wandte er den Kopf: Schwarz, schäumend stand mit wehenden

Armen die Dame vor dem Portal und nannte Beautrix eine Dirne.

Jehan jedoch trug die Errötete in sein Haus.

Am nächsten Tag kam Jehan nicht. Er brachte keine Geschenke.

Aber wie die Dämmerung die Schatten vom aufgewühlten Gesicht der

Beautrix abpflückte, nannte Jehan sie seinen Falken. Denn er war die ganze

Nacht mit ihr.

Von diesem Morgen her hieß Jehan Beautrix in jeder Frühe seinen Falken.

Manchmal auch: silberne Drossel. Doch dies geschah selten und nur bei

Gewittern, die mit roten, glühenden Netzen das Fenster äderten und in eine

überhitzte Glut anschwollen. Sie blieben einen kurzen Atem lang zitternd und

wie ein Segel und zum Sprung gespannt in der Öffnung hängen mit gelbgrünen

Drähten. Da warf sich Beautrix in seinen Arm und bebte ein wenig. Denn das

bedrückte ihr Herz und war ähnlich wie das im höchsten Entsetzen zerbogene maurische Gitter in Jehans Arbeitszimmer. Das haßte Beautrix.

Zwei Wochen später ging Jehan zu einem Puy nach Rouen. Als er

zurückkam, erwartete sie ihn lange blaue Stunden lang am Tor. Sie sah ihn die

weite Plaine heraufkommen. Er winkte ihr zu, hetzte sein Pferd heran und

schenkte ihr aus Freude seinen Preis, einen Mokoko. Der Affe schnurrte den

ganzen Tag in seinem Bauer aus Holzstäben. Aber Beautrix zog die Lippe hoch.

Da warf Jehan ihn aus dem Hause und ließ ihr eine weiße Blumennische bauen.

Kaufte ihr einen ungeheuer bunten Papagei, mit dem sie spielte und ließ ihr

einen Hengst in den Stall stellen, der weiß war wie seine Stute. Denn ihm kam es

vor, alles müsse hell sein um sie, und er peitschte einen Griechen, der ihm einen

Falken brachte, der nicht so weiß war, wie er ihn verlangt hatte. Beautrix’ Haut

war das strahlende Licht und die ewige Lampe von Arras.

Eines Morgens tanzte Pferdegeklapper auf ihrem Schlaf und holte sie aus ihm

hervor, und Jehan legte ihr selbst die gelben Strümpfe über die Füße und zog sie

zwischen Daumen und gerundeter Hand bis übers Knie. Beautrix warf ein kurzes

Kleid drüber und flocht ins Haar ein Band mit drei Sternen. Dann nahm sie zwei

Falken und Jehan nahm zwei Falken und ritten Hasen jagen. Und als einer der

Vögel mit einem maßlos trunkenen Aufstieg abbog und in den kühneren Kampf

aufstieß und in rasenden Kreisen einen Reiher überstieg und Beautrix den Kopf

auf das Genick gelegt mit einem Gesicht, das dies spiegelnd und das

Übermäßige des Tages und dieses sich in das Heroische des Horizonts

Verlierende wiedergab, aufsah, . . . da riß Jehan ihr den weißen, weiten

Handschuh über Ellenbogen und Hand und biß ihr hart in den Unterarm aus

unerträglich geschwellter Liebe. Sie ritten lang durch eine Ebene mit

Weidengestrüpp. Der ganze Busch war voll Reiter und Reiterinnen.

Als Jehan Beautrix, die er verloren hatte, in einiger Entfernung später an den

Pailletten erkannte, die ihr Kleid trug, ritt er gerade in dem Augenblick hinein, in

dem ein junger Ritter Beautrix den verlorenen Handschuh überreichte, indem er

ihn lang küßte, während seine Augen nach ihr langten.

Sie ritten durch den hellen Tag, bis sie voll waren von Jagd und satt und

behängt mit Glanz und Abenteuer. Sie einigten sich zu einer Masse, die glänzend

und schwer zurückritt, manchmal durchbrochen vom Gelächter einer der Frauen.

Jehan ritt mit dem Ritter, der Girard hieß.

Den Platz der Stadt fanden sie zerrissen von Schreien. Aufbäumende, in

wüste lange Schnörkel sich ausgießende Laute röhrten aus der Ecke. Ein Mann

in dicke Tücher vermummt, vor dem Gesicht die Larve, war an einen Pfahl

gebunden, die Arme verkreuzt. Sein Leib wand sich zwischen den Stricken hin

und her in den fanatischen Konvulsionen eines Berauschten. Sein Kopf stand,

am Hals in einer Klammer gefaßt unbeweglich darüber wie eine Plastik aus Stein, in der nur die Lippen sich verzerrten und die Augen, groß, rund und

aufgesperrt sich verdrehten. Über ihm hing eine Röhre, die ein Mann bediente.

Aus ihr fiel von Zeit zu Zeit ein Tropfen dampfendes Öl auf den Schädel des

Gemarterten.

Sie riefen und man antwortete aus einem Haus: es sei Thibaut de Nesle, den

ein Aussatz überfallen habe und den man so strafe dafür, daß er es verheimlichte

und nicht beim ersten Zeichen die Stadt verließ. Da schwoll Jehans Gesicht vor

Zorn. Er erinnerte sich des Todes seines gelben Saumtieres, das ein Preis war

von Toulouse, und er verdoppelte den Einsatz für den, der einen Aussätzigen im

Wald erschlüge und setzte ihn auf vierzig Denare. Dann warf er den Kopf

zurück. Er ritt genau vor den Ritter Girard und befahl ihm, dem Henker zu

sagen, daß er dem an den Piroli Gebundenen fünfzig Tropfen heißes Öl mehr

geben solle auf seinen Befehl. Er sagte es laut vor den anderen Reitern. Er sagte

es laut vor allen Köpfen, die in den Fenstern liegend, in Kreisen den Platz

umschnürten.

Girard hob das Kinn. Auge stand in Auge. Jehans Blicke stachen lange in die

des Ritters, bis dieser langsam zusammensank und die Schande auf sich nahm

und zu dem Henker sprach. Als er zurückkam, war er bleich und Tränen liefen

aus seinen Augen.

Der Aussätzige warf einen Schrei aus der Kehle der aufschwirrte und

hinüberzischte wie ein Pfeil.

Auch in Beautrix’ Gesicht schwebte ein Weinen und ging nieder, als sie zu

Hause waren. Sie fragte, warum er den Hohn über den jungen Mann getan hätte

und zitterte, denn sie empfand, daß er grausam sei.

Doch Jehan wies ruhig auf ihren Handschuh aus weichem weißen Leder und

malte mit dem Finger die Stelle, die Girard geküßt hatte und sagte: „Ich hatte ihn

sonst töten müssen.“

Da empfand Beautrix in einer maßlosen Erhebung, wie sehr er sie liebte, und

sie wusch sich viele Male den Leib mit Moro-Öl und byzantinischen Wassern

am Abend, um ihn beflügelt und festlich zu empfangen und verzehnfachte sich

in den sieben Wochen, die diesem Tage folgten, deren Tage straff und klar waren

und deren Nächte überstrahlt über sie gingen, heller und furchtbarer als tausend

Gewitter.

Eines Tages erschien ein provencalischer Sänger und übernachtete in Jehans

Haus.

In dieser Nacht träumte Jehan Bodel, Sire d’Arras, er gehe durch einen Wald,

dessen Bäume gebogen seien und tönten und sängen. Es war ein Lied, das ihn

schmerzte. Er sah eine gläserne Tonne und floh in sie; sie bewegte sich, stürzte

ab und über ein Riff ins Wasser und bohrte sich auf den Grund eines Meers. Einige Zeit hörte er nur die klingende Musik des Wassers, das an dem Glas rieb.

Dann kamen Fische. Sie verschwanden. Dann war gar nichts als Meer, und die

Endlosigkeit überfiel ihn und eine weite Leere umringte seine Gedanken, und

wie er erwachte, war etwas in ihm, das wie eine Blumenspritze seine Sinne

zerstäubte und ihn machte, als schwebe er.

Mittags ging der Provencale.

Er kam von der Abtei Mont St. Michel in der Normandie und wallfahrte nach

San Jago de Compostella.

Sein Gesicht war dunkelbraun, seine Haare schwarz.

Er reichte Jehan dankend die Hand.

Als Jehan am Abend sein Kleid wechselte, erstaunte er. Er nahm den Spiegel

. . . und in die Leere, die den Tag in ihm war und die sein Wesen zu einer Tiefe

gehöhlt hatte, ergoß sich abstürzend, ihm neu und ihn zum erstenmal mit

Maßlosem belastend, eine brandende Erkenntnis.

Jehan legte die Hände auf den Rücken. Ging durch das Zimmer. Stunde um

Stunde. Beautrix klopfte. Er hörte nicht. Sie rief, es sei Nacht. Die ganze Nacht

lag Beautrix allein in dem großen Bett. Der Mond spielte um sie. Das war ihr

neu. Sie griff nach ihm. Sie schloß ihn in die Arme und weinte.

Jehan Bodel saß einen Tag reglos in einem Erker und sah durch das Fenster in

die Stadt. Er saß auf einer schmalen Ottomane. Reglos standen zwei Säulen auf

beiden Seiten neben ihm. Dann stand er auf, und Schaum lief von seinem Mund.

Er zerriß die schwarzzurückgeschlagene Portiere, schlug mit einem Damaskener

Fetzen aus seinen besten Schwertern und zerbröckelte sie dann in Stücke, daß

seine Hände von Röte brannten. Darauf saß er wieder und starrte auf die Stadt.

Eine alte Dienerin besorgte ihn. Er schlief auf der Erde und rieb sich den Körper

mit ascalonischen Zwiebeln. Dann saß er und schrieb fiebernd.

Beautrix wartete und klopfte.

Er gab ihr kein Wort.

Sie schrieb ihm einen Brief; wenig, überströmend. Jehan biß die Lippen

zusammen vor Schmerz und damit er nicht weine und sandte ihr lachend einen

Kohlkopf, damit er ihre Liebe tötete.

Aber er tötete ihre Liebe damit nicht.

Nach einer Woche schwirrte das Gerücht durch die Stadt und die Umgebung,

Jehan lese am Tage darauf sein neues Chanson.

Er trat an diesem Morgen selbst bei Beautrix ein. Sie lag, bleich, da sie nicht

mehr aß, auf einem flachen Kissen auf den Stufen zu ihrem Bett.

Er sagte ihr kurz, sie solle ihr bestes Kleid anziehn und mit ihm kommen.

Sein Mund war streng. Sie wollte sich auf ihn stürzen, doch er wies sie zurück.

Da faltete sich ein Zug Trotz quer über ihr Gesicht, sie spielte mit dem Knauf des Bettes und regte sich nicht, wie er ging.

Dann aber lief sie hinüber und schaute durch das maurische Gitter. Er saß auf

der Ottomane wartend und sie sah, wie der Zorn aus seinen Augen geschmolzen

war und wie sie glanzlos starrten . . . Da zögerte sie nicht mehr.

Sie schlang den blauen und gelben Turban um die Haare und steckte sieben

Dolche hinein und band an den ersten einen weißen Schleier, führte ihn unter das

Kinn, das er schwebte, und hakte ihn wieder an dem siebenten ein. Dann schloß

sie um ihre kleinen Brüste ein weißes Mieder, das dünne gerötete Zwicken hatte

an den Achseln, welche in die Arme liefen mit engen Ärmeln aus reinem

Goldbrokat und zwischen denen die weiße Seide des Rockes hinunterströmte zu

den gekreuzten Schnüren aus Hermelin und dem Passepoil mit roten und lila

Augen.

Sie gingen zusammen zum Markt. Eine große Masse bedeckte ihn und schob

sich in Reihen durcheinander. Neue Ströme rauschten durch die Tore von außen.

Vereine mit Talaren und ein Priester, der in rotbekleideten Händen eine Fahne

hielt. Einige Partien sangen. Eine Schar Mädchen sang dann Sommerlieder, und

der Rhythmus der Kommenden hakte in sie hinein wie das abgerissen Zanken

von Papageien.

Jehan ging auf das Gerüst. Hinter ihm stand der figurenvolle, schlündige

Eingang des Münsters, aus dem schwache Kerzen flimmerten. Jehan grüßte

lachend das Volk. Ein seidiger blauer Himmel hing über dem Platz. Lachend

gaben sie ihm den Gruß zurück. Dann wandelte sich sein Gesicht in eine

undurchsichtige Strenge, und er las Li congie de Jehan Bodel d’Arras, das heißt,

er sagte den Bürgern Lebewohl. Er las weiter. Die Gesichter unter ihm strafften

sich. Sie spannten sich in eine atemlose Erregung. Einer hob die Hand. Alle

hoben die Hand. Ein Sturm von Händen hob an und warf seinen Willen gegen

die Brüstung, daß er bleibe. Und die Gesichter entstarrten sich und flammten auf

in Ekstase und sie schrieen es. Sie tobten und stürmten vor.

Da hob Jehan beide Hände zum Hals, hakte sie ein und riß nach zwei Seiten

das Kleid auseinander und stemmte ihrem Schreien seine nackte Brust entgegen.

Er breitete die Arme aus. Auf seiner Haut tanzten blaue Flecken, und ein rotes

Geschwulst durchbrach die Brust.

Ein Zittern lang stand das Brausen gegen das Ungeheure.

Die Arme sanken zurück Das Schreien ward Geheul. Männer rissen Weiber

zurück von dem Aussatz. Sie wichen. Wie unter Peitschenhieben verknirschte

der Aufruhr und duckte sich. Eins gab es nur: Flucht! —.

Einer wagte es noch, stieß die Faust in die Luft und brüllte „Pilori“.

Doch er blieb allein.

Als ginge ein Kreis von Jehan aus, der weiter wie im Wasser werde, kam etwas von ihm her und preßte die Menge vom Platz und warf sie in die Häuser

und Straßen. Zwei trugen Beautrix ohnmächtig.

Dann ward es still.

Kein Ton. —

Jehan lächelte: Wie in der Tonne.

Der Markt hatte zwei Ausgänge. Jehan schritt nach dem einen. Es war ein Tor

in einem Turm, der oben geteilt ist wie in zwei Henkel, zwischen denen eine

große Glocke hängt. In seiner Mitte quoll ein Auswuchs heraus, formlos

gewölbt, wie ein Nabel. Das war die Sonnenuhr. Jehan sah die Straße hinunter.

Er sah niemand. Darauf schritt er zurück über den Platz nach der anderen Seite.

Kein Auge stand an den Fenstern, die ihn anklafften. Er trug den Aussatz auf

seiner Brust gerade wie ein Schild. — Hier lief eine dunkle Passage durch kleine

wüste Gassen.

Jehan trug einen Turban aus Pelz. Seine Ärmel waren eng und trugen an den

Gelenken Krausen aus Pelz. Eng schmiegte sich, nur vorn die Brust offen

lassend, ein dunkelrotes Kostüm um seinen Oberkörper und rann dann unter dem

Gürtel (aus Krokodilshaut) in einer breiten Glocke auseinander zu den Füßen,

wo eine breite Pelzsäumung es aufhielt und ein Streifen aus Gold. Grün waren

seine Schuhe.

So schritt er in die dumpfschrägen Gassen und hoffte, daß ihn einer

erschlüge.

Doch es erschlug ihn keiner.

Sein Haus hatte eine breite Front. In den oberen Teilen lagen große Fenster

mit Säulen. Unten mitten war eine hohe Tür. Sie stand auf den Tag und die

Nacht. Niemand kam. Jehan wartete.

Niemand kam.

Gegen Morgen gingen viele Türen auf, und Reihen von Menschen zogen mit

Kerzen durch die Stadt und zur Kirche.

Den ganzen Tag saß Jehan wieder auf seiner Ottomane. Das Zimmer war

verschlossen. Beautrix klopfte den Morgen nach jedem Glockenschlag. Sie rief

weinend Jehans Namen. Sie warf ihren Körper gegen die Tür. Sie fluchte auf den

Provencalen, der die Pest auf ihn geworfen hatte. Er hörte sie nicht. Die Tür

knirschte kaum.

Den folgenden Tag und die folgende Nacht stand das Tor offen an Jehan

Bodels Haus. Niemand kam. Kaum ging jemand vorüber. Gegen Abend schaute

Jehan durch das Gitter. Beautrix lag vor die Tür gestreckt wie ein feines helles

Tier. Später zog ein Zug fremder bretonischer Sänger durch die Stadt. Ihre Roten

und Violen klangen unten.

Nach Mitternacht sagte eine baritonale Stimme aus dem Dunkel hervorklingend unter Jehans Zimmer die Geschichte von Amis und Amile:

Sie waren Blutsbrüder, schön, ganz ähnlich und liebten sich. Da verführte

Amis die Tochter des Kaisers und sollte ein Gottesgericht auskämpfen, aber

Amile trat für ihn ein. Amile siegte und man erkannte ihn nicht und gab ihm die

Prinzessin als Frau. Allein weil Amis Brunst heller war auf sie, ließ er sie ihm

zum Ehebett und ward aussätzig zur Strafe. Aber Amis tötete seine beiden

Söhne. Mit ihrem Blut gebadet ward Amile gesund. — — —

Dann verlief sich die Stimme, die Nacht sog sie auf, und am Morgen bot ein

Mönch zwei Knaben an zum Verkauf.

Jehan lehnte ab.

An diesem Morgen bearbeitete Beautrix die Tür mit einem Messer und

schälte Span auf Span heraus. Doch die Tür hatte eine Mittellage aus Eisen. Die

Klinge brach ab.

Da legte sie sich stumpf über die Schwelle.

Gegen Abend hieb sie ihre Fäuste so lange gegen die Tür, bis sie das Gefühl

ihrer Hände verloren hatte. Sie sah durch das Gitter Jehan dasitzen. Es schien, er

schaue auf seine Hände. Da biß sie in das Metall der Klinke und sank blutend

auf den Boden.

Auch die dritte Nacht kam. Weit stand die Tür auf in Jehans Haus. Sie

spreizte sich auf, so offen stand sie. Niemand kam. Der Henker? Nein. Nacht.

Die Nacht war so still, daß das Dunkel brauste.

Wie . . . ?

Stille, kein Ton kam durch die Straße.

Einmal stand er auf. Beautrix lag quer vor der Tür, eine Rinne Blut über dem

Kinn. Er sah es. Allein . . . Er saß auch diese Nacht auf der Ottomane zwischen

den Säulen.

Als die Dämmerung kommen mußte, erhob er sich. Er ging gerade auf die

Tür und öffnete sie, Beautrix war verschwunden. Es war die Zeit der ersten

Messe. Jehan rieb sich Gesicht und Hände mit ascalonischen Zwiebeln, die die

erste Ansteckung verhinderten. Langsam ging er darauf in das Zimmer von

Beautrix. Er roch an den weißen Blumen in der Nische . . . der Kamin . . . das

Modell des großen Schiffes hatte er mitgebracht aus Dijon. Er empfand wie der

Papagei sich regte, sah das geschnitzte Holz des Büfetts mit derselben Drehung

und die Täfelung und die Teppiche aus Palästina darüber. Er zündete Lichter an

an der Wand, und sie blitzten auf. Sie spiegelten flackernd in runden

Metallplaketten und bestäubten das Zimmer mit einer dünnen Schicht Licht, in

der er es mit einem Blick noch einmal aufnahm.

Aber alles war nicht mehr scharf genug, um in die neue entsagensschwere

Tiefe seiner Seele einzuschneiden, und er fühlte es nur als ein Wehtun auf der Oberfläche und ließ den Raum wie in Bedauern zurück. Dann öffnete er das

Zimmer, in dem er drei Monate neben dem blendenden Leib von Beautrix

gelegen hatte. Er öffnete es in einem Ritz, sah das unbeschlafene Bett, sah die

schmerzende Dämmerung an dem Fenster wühlen. Er sog den Geruch ein und

sagte vor sich hin: Silberne Drossel . . . Scharf hoben in diesem Augenblick zwei

Mädchen im Nachbarhause eine Reverie an.

Es wurde heller.

Silberne Drossel . . .

Er stieg hinunter in den Stall. Er strich seiner Stute über den Hals. Sie sah ihn

an. Da erst überfiel ihn in einem kleinen Teil seines Hirns noch einmal

Bewußtsein von dem, was nun alles von ihm abfalle. Er trat zurück. Ein Weinen

riß sich in ihm los. Er legte seine Hand in das Maul der Stute. Die breiten

Schultern zuckten. Lachen löste sich für immer von seinen Lippen. Dann wandte

er sich.

An der Tür drehte er sich um, schlug die Achseln zurück und als sei die Last

zu schwer und damit er auch dieses tilge, ging er zurück auf das Tier und tötete

es.

Dann ging er durch das Fahlgrau des Morgens über die Straßen. Er ging

vorüber, verächtlich an dem Pilori. Seine fleckige Brust stand offen. Alle

Glocken fingen an zu läuten. Es war die Zeit der Prim. Es war hell, wie er über

den Markt schritt. Ein Priester kam auf einer Stute zu dem Platz, sang laut und

betete. Menschen kamen zur Kirche. Jehan ging durch sie hin und sie traten

zurück und neigten sich vor ihm. So groß war an diesem Tage noch seine Macht.

Er kam an das Tor, überschritt die Brücke. Er ging weiter, drehte sich einmal

um. Die Tore waren zugefallen. Rechts lag der See. Schwer knieten die acht

Türme auf dem Nacken des Bollwerks um das Tor. Er sah es sinnend. Dann

schritt er aufs Feld. Der Wald der Aussätzigen lag vor ihm. Wie eine Braue . . .

schien es ihm.

Plötzlich traf ihn ein Schrei. Er sah einen Arm. Etwas Weißes trennte sich

von dem Busch. Beautrix warf sich ihm entgegen:

„Wo willst du hin?“

„Nach dem Wald.“

„Du nimmst mich mit!!“

Er öffnete die Brust. Sie stampfte mit dem Fuß: „Es ist mir gleich.“

Jehan sagte ruhig: „Nein.“ Sie hielt ihn am Arm: „Ich will auch aussätzig

sein. Was geht es dich an?“ Jehan wandte sich von ihr. Sie trat schäumend in den

Weg:

„Du, der du mich küßtest . . . dort . . . das erstemal . . . schliefst du in meinem

Bett Nacht auf Nacht . . . Weißt du, daß du mich hießest: Falke . . .“

Jehan wußte es noch. Er sagte: „Ja“ und nickte. „Silberne Drossel . . .“ sagte

er.

Aber sie — (die nicht begriff) wie alles in ihm getötet sei und daß alles

Weibliche in allen Beziehungen zu tief für ihn liege und kaum die äußersten

Ränder seines Horizonts noch streife, da sein Geist schon ganz eingerichtet war

auf den neuen Sinn seines Lebens, der ihr entrückt auf einem fremden

Schwerpunkt lag) — warf sich auf seine Füße und weinte, daß er sie mitnehme.

Doch er befahl ihr zurückzugehen. Sie wälzte sich und tat es nicht. Da schrie er

sie an: „Sklavin!“ und als sie erstarrt sich aufreckte:

„Sklavin um zweitausend Denare.“

Sie klammerte sich an ihn.

Da stieß er sie zurück und schlug sie.

Er zog weiter. Beautrix lag hinter ihm, ein großes Stück helles Fleisch,

durchrast und geschwellt von maßlosem Schmerz, auf der staubigen besonnten

Straße. Wie waren die Blumen farbig auf den Wiesen! Wie legte der Morgen

sich licht um die Welt!

Jehan schritt die Ebene hinunter. Er begegnete Wallfahrern, die in Jericho

Zweige gepflückt hatten. Die Palmiers sangen: Oltree, Dieus, aie! Er ging auf

die Seite, verbeugte sich.

Einmal noch mußte er wenden. Der weiße Hühnerhund lief ihm nach. Er trug

ihn in den Graben und tötete ihn.

Und setzte den Weg fort. Jehan Bodel, Sire d’Arras, trug das dunkelrote

Gewand mit der Bordüre aus Pelz. Er trug den Turban aus Pelz. Seine Füße

gingen in grünen Schuhen.

So schritt er hinunter. Dann bewegten sich seine Lippen. Er sann. Sang ein

Lied, das er wo gehört hatte. Es kam ihm wie durch einen Spalt: Von einem

Freund . . . An einem Kamin in der Bretagne . . . Gasse Brullè? — — —

Er wußte es nicht mehr. Seine Gedanken waren davon abgeschwommen. Er

verstand den Sinn der Worte nicht, die sein Mund hinauswarf, laut. Es war ein

Liebeslied. Er sah auf seine Hände, die in Blut trieften:

Hé blanche, clere et vermeille,

De vos sont tuit mi desir;

Car faites en tel merveille

Droiture et raison faillir.

Quant je vos vueill a amie,

Droiz nel poroit otriier;

Se vostre grant cortoise,

De gentil dousor garnie,

Ne me deigne conseillier;

Mar vos oi tant prisier.

Seine Haltung war stark und königlich.

Mit einer ungeheuer schlichten Gebärde ging er auf den Wald zu, der ihm

entgegenkam.