Die sechs Mündungen
Fifis herbstliche Passion
Brigitte: Und begreifst du nun das Leben?
Ulrich: Jetzt begreife ich den Tod.
Carl Sternheim
Und niemals wieder war die Liebe so sanft, demütig und rein,
So voller Musik wie da . . .
Ernst Stadler
Die Straßen mit den tagmüden, grauen Trottoirs wurden gesprengt, und die
schweifhaften, breiten Güsse, die den säenden und starken Gesten der Männer
entflogen, legten sich klatschend und eigenwillig auf den Boden. Es wurde
Abend. Die Weiden und Eschen der Gärten schwebten scheu und flimmernd vor
der ungeheuren Ruhe des opalenen und tiefgelben Himmels. Und wie das
Wasser das Irisierende aus der Luft sog, schritten die Menschen über die Straßen
wie über Bilder von Signac oder Croß: Eine Viertelstunde brannte die Stadt in
einer stillen Glut von gelbem Getupf.
Brandfeuer rannen in dünnen Strähnen dann in die Stadt und mischten sich
Glockengeläut und dem grausamen Drang einer fressenden Dämmerung. Wie
Schlünde tagelang entfeuerter Kanonen brachen die Schloßfenster über die
auslöschenden Häuserquadrate, feierlich, hart und alt, eine Zeit noch hinaus.
Dann sprangen die Laternenreihen die Straßen hinunter und erreichten,
leichtes Geknatter der Zündung zurücklassend, den Platz, der mit rasender
Wucht an tausend Ecken, Schnüren und Windungen von Licht geborsten und
aufgerammt war und über den ein tiefdunkler, sterndurchlochter Herbsthimmel
schräg und kühl heraufwuchs.
Fifi erschien auf dem Podium.
Von den Schießbuden klang schon das Hämmern der Treffer, die Spielorgel
setzte ein. Aber aus dem rechten Ausgang der Baracke trat ein herkulischer
Mann, winkte ungeduldig mit der Achsel, die Orgel schwieg: Fifi setzte die
Spitze des rechten Fußes nach hinten auf, stellte die Arme wie Henkel auf die
Hüften und wartete. Der Große fing an zu schreien. Seine Arme ruderten durch
die Luft, sie umschrieben die gewagtesten Figuren, hemmten sich gegenseitig
und warfen sich in gelungenem Überschwall auf das Publikum, weit geöffnet,
hinaus. Ein verknickter Hut saß ihm auf dem Kopf. An den Griffstellen glänzte
er. Der Rock war zerdrückt und hing um den Körper, dessen Fleisch schwammig
und unangenehm schien. Es ist zu betonen, daß die Figur herkulisch war, um die
Augen zu verstehen, die, wenn die Brust und die Gebärde sich herausspreizten
und mit pompösen Auftakten in die Höhe stiegen, klein und feig dies alles
wieder leugneten und ängstlich wie Wassertropfen von einer öligen Fläche an dem angesammelten Publikum abliefen. Sein Mund rief heisere Worte hinunter.
Er schrie. Er warf geifernde Reden den Leuten ins Gesicht. „Seht,“ rief er, „auf
Fifis Tanz. Kommt herein, alle,“ und er winkte, „nur Erwachsene dürfen
kommen: Plastische Darstellungen . . . pikante Szenen . . . (es war, als zerdrücke
er etwas Klebriges im Munde.) Der König von Griechenland haben uns beehrt in
Wien. Höchste Herrschaften drückten ihre Bewunderung“ . . . und so sehr lief
eine Welle von Ekel von seinen Sätzen und dem wissenden Winken seiner
plumpen Hände aus, daß zwei forsche Unteroffiziere selbst sich brüsk wandten
und gingen. Über der Baracke stand rot auf blau: Pariser Relief!
Der Alte hob die Hand, die Orgel schlug an, und vor dem in einem Teil aus
dem Strudel wieder zusammengeschlossenen Publikum trat Fifi in ihren Tanz
ein.
Zwei junge Leute waren inzwischen gegenüber eingetreten in „die
Schönheiten des Orients.“ Vor der Bude standen zwei Palmen und ein dickes
Weib, alt, voll Vergangenheit, mit bösen weißen Augen. Sie war die Frau des
Athleten; Orient und Paris lagen gleich zwei Rachen auf den beiden Seiten der
Meßstraße und bissen sich Opfer heraus. Doch ging der Orient besser, und Paris
sank von Stadt zu Stadt. Fifi hatte feine Fesseln, aber Lizzy, genannt Luise, hatte
Hüften wie ein Dynamo. Und an ihren Zoten gingen die beiden Männer vorbei,
schauten durch runde Gläser eine Photographie von Dschiseh und traten, indem
sie einen Teppich zurückstießen, bei Lydia ein, der Dame ohne Unterleib, die, in
grünem Samt, in einem Sesselstuhl saß und rote entzündete Augen hatte.
Der eine der Herren zog seine Handschuhe an, und nach dieser symbolischen
Handlung traten sie rasch den Rückzug an. In Jena hätten sie Ringkämpfe
aufgeführt mit den Studenten, rief ihnen Lizzy nach, genannt Luise.
Gleich einer unangenehmen Luftschicht fiel dies hinter sie zurück, und sie
traten hinaus in das Erregte des Platzes, in dem die breiten, musikbeladenen
Karusselle schwammen und sich überrasten und Geglitzer von Spiegeln,
Lichtschnüren und bunten Mädchen vorüberdrehten und auf dem ein Meer von
Menschen schiebend, erregt und drückend sich schaukelte, über denen Schüsse
knallten, Schreie hin und her zuckten und laute Glocken dunkel aufzitterten.
Da wandte sich Franz plötzlich herum und zog den anderen mit. Sie brachen
durch den Strom, und indem sein Gesicht sich erhellte, zeigte Franz auf Fifi und
sagte: „Die leichten Bogen dieser Beine sind entzückend schön . . .“ Sein
Gesicht hatte eine vollendete Güte, die das Kühne und Auffallende dieses Profils
in einen seltsamen Adel steigerte.
Und wie er dies sprach, die Lippen nur wenig bewegend, fielen Fifis Blicke
plötzlich auf seine Augen, und die Blicke hingen sich ineinander, bis die Orgel
mit einem aufflammenden Stoß plötzlich schwieg. Der Herkulische trommelte rasselnd auf einem Schild, Fifi war zurückgetreten, er winkte zum Eintritt, aber
nur ein Einziger folgte, die Menge schob weiter.
Und Franz und sein Freund wurden weiter gedrückt, als sie sich der
Strömung übergaben, vorbei an dem grünbemalten Gerüst, in dem
Menschenfresser hausten. Drei Cowboys, mit roten Blusen, kokett, über die eine
ganze Prärie unbändig eine halbe Woche lang eitel brüllendes Gelächter wäre,
schossen zeitweise Revolver prahlerisch in die Luft. Ein echter Mexikaner hielt
eine Harpune hoch mit rotblänkerndem Fleisch. Überall lief der Witz, daß die
Menschenfresser — Krokodile seien, und weil das Volk voraus wußte, daß es
geleimt würde, zog man in Scharen hinein.
Dann kam die große Bude mit den „Fliegenden Menschen“, zwei Mädchen in
blauen Trikots mit Silberschnüren: die eine blond und mit dem Anfang der sich
wölbenden Formen, die eine sonderbare Sinnlichkeit aussprühten, und die
andere mit ziselierten, knabenhaften Gliedern, schwarz, das Gesicht Toulouse
Lautrecs Durchschnittsmodell (breit, gemein, verworfen) mit einem
unheimlichen Gerank von Feinheit, Seele und Keuschsein darüber. An der
Galerie entlang stand die Familie, sechs Menschen, und bliesen
Blechinstrumente, und die Mädchen oben wiegten in das Derbe, Kommune der
Straßenwalzer das Gezitter ihres Tanzes. Ihre Bude war ganz voll. Immer!
Und als Franz dem Strom entkam und wieder zurückeilte, sah er, wie Fifi, mit
einem Stoß herausgedrückt, aus der leeren Baracke taumelte, rasch sich faßte
und anfing zu tanzen, mühselig, müd und fein und beschwingter, als sie Franz
erblickte. Nur kleine Truppen blieben stehen, die Masse strömte zu den
Fliegenden Menschen.
„. . . Augenstern . . .“ rollte es von unten herauf.
Es war spät geworden. Die Orgel schloß. Fifi verbeugte sich. Der Athlet rief
den Beginn der Vorstellung aus. „Soeben Beginn . . .“ rief er und schnalzte. Aber
niemand stieg auf. Er schrie. Niemand. Da ging er, von der Leere beschämt,
verlegen einmal über das Podium, verschwand ins Innere, lauerte bis die Gruppe
sich ganz verlaufen hatte und trat wieder vor. Fifi schlich wieder heraus. Wie
eine große Spinne hing der Herkulische auf seinem Podium. Franz stand
beiseite, beobachtend, den Kopf schief aufgelegt. Und wie eine Truppe nahte,
fing der oben an, Schlüpfriges zu reden, ein Wink, die Orgel: Fifi . . .
Die Leute hielten, schoben ab, es wurde später, das Gesicht des Alten rötete
sich, er suchte die Uhr. Immer wieder verschwand Fifi, immer begann der
Spektakel, rascher, hastiger wandelte Szene auf Szene: das Greifen und Locken
nach spärlichen Passanten, das Weitergehen, das Versinken Fifis und die bleierne
Schwere ihres Tanzes, angezündet manchmal und heftiger im Erblicken von
Franz. Dann ward es zehn Uhr. Polizei drängte mit Seilen vor, die Pfeife des Dampfwerkes heulte, die Menge lief ab.
Über den leeren Platz, durch einen schmalen Gang, den Schutzleute
freihielten, und um den Gruppen Neugieriger standen, kamen nun die Artisten,
zum Teil mit Mänteln, die sie über das Bunte und den Flitter gehängt hatten und
die so zwischen den Angestellten, den lichtlosen Buden und mit ihren
andersgewordenen Gebärden plötzlich desillusionierend und doch noch von dem
erregenden Arom ihrer Gewerblichkeit umwittert, in die Straße hineinströmten.
Zuerst kamen großspurig und in der starken Lüge der hohen bespornten
Lederschuhe sich wiegend, die Cowboys aus Dresden und Garmisch.
Ihre Sombreros hingen im Genick. Die Hand stak in der Revolvertasche, so
daß Dienstmädchen erschauerten und in Knaben dramatische Perspektiven sich
loslösten.
Hinter der bewußten Brutalität der Ringkämpfertruppe mit dem haarlosen Bär
schritt die Besatzung der Schießbude links ganz hinten. Sie hatten alle halblange
Röcke an und Kleider, welche schöne und zierliche kleine Blumenmuster trugen,
im pfingstlichen Stil mancher Bauernkattune, und wie sie, zu zweien links und
rechts der ebenso gekleideten und schön aufrechten Mutter eingehängt, die
Köpfe gebeugt, zierlich zu ihrem Wagen trippelten, erschienen sie wie eine
Porzellangruppe aus einer kleinen, bürgerlich-graziösen, deutschen Manufaktur.
Dann: Leere . . . und Fifi . . . Schmal, doch köstlich in einen gelben
Gummimantel gehüllt, fröstelnd, den Platz mit Adel ausfüllend, kam sie auf den
Ausgang zu. Mit der dünnen linken Hand krampfte sie den Kragen über die
Brust vor dem Hals zu wie mit einer weißen Agraffe. Die Lippen waren rot und
merkwürdig wie mit feinem Lack auf das bleiche Gesicht aufgetragen. Sie stieß
kurz vor der Straße mit den anderen zusammen. Die Alte trug einen Milcheimer.
Der Herkulische schlappte unangenehm her, schrie ihr etwas zu, Lydia — ein
dickes aufgeschwollenes Tier — ging idiotisch, faul nebenher, ohne Umhang in
grünen Samthosen. Lizzy lachte mit allen Herren. Mit gierigen Augen schloß
sich der Mexikaner von den Krokodilen Fifi auf der anderen Seite an, daß sie
zwischen ihm und dem Athleten um so reiner erschien.
Schräg auf der Holztreppe, die in den großen gelben Wagen hineinlief, in
dem sie wohnten, wandte Fifi den Kopf und sah somnambul verklärt nach der
Stelle, an der Franz stand (den sie nicht — dies war auffallend und seltsam
zugleich — gesehen haben konnte) mit dem Bruchteil eines Lächelns, während
der Mexikaner in lüsternem Scherz sie, mit auf ihre Hüften aufgesetzten Händen,
ins Innere drängte.
Worauf sie mit schmerzlichem Aufziehen der Achseln reagierte.
Später glitt der Mexikaner aus dem Wagen. Eine Zigarette drehend, mit der
Eleganz des Romanen alle Glieder bewegend, schlenderte er zur Artistenschenke. Franz, der noch lange den Wagen umkreiste, sah Licht aus den
schmalen Luken dringen und hörte keifende Stimmen das Innere des Raumes hin
und her zerreißen. Dann nahten mit schwerem, gleichabgetöntem Schritt die
Patrouillen.
Es ward spät.
Er ging.
Alle Tage tanzte Fifi. Es war kühler geworden. Ungeheuer gewölbt spannte
sich der Himmel. Sinnlose Monde stiegen über die Nächte hin. Franz sah sich
aus allen Beziehungen zu Welt, Gesellschaft und Dingen herausgerissen und in
die Aura dieses Tanzes mit allen auffassenden Fiebern hineingerissen. Bei den
„Fliegenden Menschen“ stieg täglich der Kassensturm und die Sensation. Der
„Orient“ verdiente gut an reiferen Herren. „Paris“ brachte es von 8—10 abends
manchmal nur auf eine Vorstellung. In den Pausen tanzte Fifi. Der Alte winkte,
schrie, ward gieriger, je später die Zeit hinlief. Verkündigte Anfang der
Vorstellung, er öffnete die Vorhänge, Fifi tänzelte ins Innere. Niemand kam.
Manchmal vielleicht zwei Herren. Und dann packte der Alte Fifi mit seiner Tatze
an der Schulter und schleuderte sie hinaus. Die Orgel hob an, Fifi erhob die
Füße, hinten der blaue Horizont der Draperien gab ihren Bewegungen Haltung
und Relief, und die müden Schwingungen ihrer Arme und Beine waren wie das
kurze Geflatter einer Libelle, die, in der Luft anhaltend, über einem schönen
Gewässer erblitzt. Langsam im Fortschreiten des Abends wurden ihre Gesten
müder, von einer schmerzlichen, bleihaften Schwere überhaucht. Franz hörte das
Pfeifen ihres Atems. Und wenn sie, leicht gerötet die Wangen, schloß, fiel die
Kühle des Herbstes auf ihren Schweiß.
Einige Tage blieb Franz an der Peripherie des Zuschauens von Mitleid und
schmerzlicher Bewunderung angefüllt. Manchmal schien es, als müsse der
nächste Pas sie stürzen, in sich zusammensinken lassen. Doch sie blieb. Ihm aber
widerstrebte es, auf diese leichte Weise an sie heranzukommen, die unter den
Augen des klebrigen Athleten oder mit dem Beigeschmack der gewohnten
leichterotischen Anknüpfung sich vollziehen mußte. Er fühlte, daß er Inhalte in
sich trüge, die in ihrem Wesen auf dieses Kind abgestimmt seien, und die
Schwere dieses Bewußtseins nahm ihm den Mut zur Leichtigkeit. Ihre Blicke
trafen sich hin und wieder — nicht oft — aber in einem berückenden,
außerweltlichen Zusammenhang.
Sie waren schon tief ineinander eingewöhnt, als sie ihre Stimmen noch nicht
kannten.
Dann kam jener Abend. Donnerstags.
Es war ein schöner Abend, mit bunter Kühle, sternhart, der Park voll
gärendem Geräusch. Er zog sich wie ein Strom durch die Stadt, englisch, überdunkelt und alt im Sommer, winters bereift, immer schön. Die Lichtgurte
ganzer Grenzstraßen warfen sich in ihn hinein, schimmerten im kleinen Teich,
aber er gab kein Dunkel wieder zurück. Nahm alles auf mit großer, tiefer
Selbstverständlichkeit. Stand geborgen, bergend, unberührbar, geschlossener
Komplex von Vornehmheit, asylhaft wie ein Zentrum, um das die Stadt mit
Geleucht rotierte. Donnerstag abends . . .
Es war schön.
Zwischen sieben und acht, genauer: Eine Uhr im Schloß hakte ein: Fünf
Minuten bis halb acht Uhr! Franz ging langsam zur Messe, die acht Uhr begann,
die vorher um sieben aufgehört hatte: Zeit, in der die Artisten aßen. Seine
Gedanken gingen langsam, gemächlich, nichts erwartend, ohne Tatkraft um das
innerlich abgespiegelte Bild von Fifis Tanz sich bewegend, Erklärungen
ersinnend, von einer leisen Sehnsucht aufgelockert und beschwingt gemacht. Da
knirschte es, und noch ehe ihm durch sein Geträum das Bewußtsein heftiger
Schritte und haschender Bewegungen ins Gedächtnis stieß, hieb mit einem
unendlich scharfen Akzent ein Schrei in ihn hinein, warf ihn herum. Er lief über
ein Grasrondell, stolperte, stieß an ein Gitter, sprang darüber. Sein Hut war
verloren, der Ärmel geschlitzt, seine Brust zitterte. Er stürmte um ein
eingezäuntes Denkmal, mußte umkehren, lief in einen dunklen Weg, packte
einen Mann am Genick und schmiß ihn zurück, daß sein Körper krachend an die
Stakete knallte und an ihnen wie eine dumpfe Masse niedersank. Hinten im Weg
leuchtete der rote Kopf einer Zigarette auf, bewegte sich her. Neben ihm selbst
stand Fifi, die Arme noch schräg aufgehoben, die Augen ganz groß in der Form
und schalenhaft, in die nun plötzlich ein beinahe bläulich erglänzendes Licht
floß. Zwei schimmernde Kreise, standen die Augen in ihrem Gesicht.
Und so die Hände haltend, ungeschickt, doch ganz sich in der Geste
erfüllend, tat sie einen unnennbar müden und langsamen Schritt auf ihn zu, das
Gesicht transparent, mit zwei schimmernden Hostien. In diesem Augenblick lief
das Geknatter rasch folgender Schüsse neben ihnen hin, und wie sie umschauten,
war es nur noch Fifi, die sah: sah, wie Franz dem Hingesunkenen den Revolver
aus den Fingern riß, ihm den Kolben gegen die Schläfe hämmerte und ganz groß
auf sie, die zitternd harrte, zuging.
Doch ehe er sie erreichte, war die Zigarette heraufgekommen, zwischen sie
gesprungen und löste die Luftströme los, die zwischen ihnen liefen.
Es war der Mexikaner. Er fragte rasch, schrie es: „Verletzt?“ Franz zeigte den
Revolver; er deutete auf den Klumpen am Gitter. Der Mexikaner riß sein Gesicht
in Falten, fauchte, trat dem Klumpen in den Bauch, schnippte das Bein hoch, daß
der Körper herumfiel, senkte seinen Kopf dicht neben den Liegenden und sog
heftig an der Zigarette, daß ein roter Kreis auf die Erde fiel, in dem mitten ein asketisches, von vielen Narben und Stichwunden durchbohrtes Gesicht
auftauchte.
„Der Fakir,“ . . . schäumte der Mexikaner. „Man sollte ihn peitschen“, . . .
und fing an, ihn mit den Füßen zu bearbeiten. Wie Franz ihn hinderte, fiel sein
Blick auf Fifi.
Sie war ganz verändert. Ihr Gesicht war wie ein weißer Fels, über den in
zuckhaft raschen Stößen rote Wallungen strömten. Blitzhaft wechselten Hell und
Rot und drohten, den Hals zu sprengen.
Und während sie wieder auf Franz zuging, als trüge sie alles gegen ihn,
zitterte ein Klang, rauh, gegenströmend, in ihrer Kehle auf, und wie alle Glieder
zu ihm drängten, hielt sie ein Schluchzen zurück; sie warf den Kopf zur Seite,
gewaltige Erschütterungen lösten sich aus, und gleich einer Verurteilten ließ sie
sich gegen den Mexikaner fallen, der sie verwirrt aufnahm, der nach Franz
schaute, wieder auf sie, maßlos erregt und erstaunt schien. Dann plötzlich, aber
mit unverstehender Achselbewegung seinen Mund auf ihren warf und in langem
Kusse sie wegzog.
Franz stand noch eine Weile.
Dann drehte er um.
Hinter ihm stand der Fakir. Er bat um seinen Revolver. Er sagte es englisch.
Nichts schien Franz selbstverständlicher, wie diese Folge fremder Laute. Er
gab ihm den Revolver.
Der Fakir verbeugte sich, ging. — —
Fifi erhielt Faustschläge, weil sie zu spät kam. Der Herkulische beulte auf sie
los und sie erschien unter seinen Händen wie ein feines Tuch Spitzen in der
wringenden Faust einer grobknochigen Wäscherin. Sie gab keinen Ton. Sie
tanzte den Abend, daß es vier Vorstellungen gab. Sie tanzte, daß ihre Beine
glühten wie die wundgespielten Saiten einer schönen Violine, während die
Kühle auf ihre Brust drückte, aus der in langen, keuchenden Stößen ihr Atem
rang.
Franz kam nicht.
Sie tanzte die Abende des Freitag und Samstag rasend und aufglühend
herunter wie Spulen, die ihre Füße abtraten. Es wurde kälter; erbarmungsloser
drang der Herbst ein. Fifis Mantel trug nun Luise, eigentlich Lizzy, unter dem
ihren. Als Fifi danach fragte, schrie der Alte sie nieder. Das dicke Weib mit den
weißen bösen Augen keifte, sie solle mehr verdienen und wies mit einer
vergleichenden und stolzen Gebärde auf den einträglichen Busen der Dame ohne
Unterleib.
Sonntag tanzte sie den ganzen Tag.
Das Landvolk strömte in die Stadt, schob sich, in Keile zusammengepreßt, über den Platz, der staubte, den eine am Tag mitleidlose Sonne
zusammenbrannte, auf die die Kühle so unmittelbar folgte, wie das Dunkel
plötzlich und hastig vorsprang.
Um sieben lief Fifi torkelnd nach dem Park, streichelte das Gitter, an dem sie
damals gelehnt, kniete nieder dicht neben der Pfütze, wo Franz gestanden und
berührte mit den Lippen den Boden. Dann lief sie weiter, kam durch ein Tor,
eilte durch eine Straße und stand wieder auf einem Platz mit stillen Bäumen.
Mitten darin stand ein rundes Kuppelhaus, zu dessen Tür viele Stufen
führten, über der Fahnen hingen und in gewaltigen Lettern das Wort erglühte:
„Deo“, das sie wohl nicht begriff, das sie aber sänftete und hineinzog, wo sie
Weihwasser nahm und in einer Nische unter einem in vielen Farben
erstrahlenden Fenster sich auf das Dunkele der Steinfliese warf und so weinend
ein Vaterunser schluchzte, daß von zwei vorübergehenden Damen eine erregt
und voll Neid über diese inbrünstige Stärke, höhnisch auflachte, wie von der
schrillen Einfachheit irritiert oder eine (schon im Klang der Stimme voraus
desavouierte) Überlegenheit heuchelnd und darstellend.
Fifi aber rief aus einem immer wilderen Weinen heraus, böhmisch, das die
Leute nicht verstanden, aber an dessen Lauten sie dennoch wie angeseilt hingen,
rief mit lauter und klarer Stimme, die aus allen Seiten der Kirche wieder auf sie
zurückströmte, ein Gebet.
Der Schweizer war herbeigelaufen. Er wollte der Störung nachgehen, die
Weinende, deren heftige Andacht sich über jene der anderen Gläubigen
übermäßig und sie gering machend auftürmte, beruhigen, sie hinausweisen . . .
aber er blieb wie gezwungen an einen Pfeiler gelehnt stehen, Staunen und nicht
begreifendes Wunderbare über sein wenig gescheites Gesicht gestreut, wie
hingewiesen und in diese Position gebannt von dem seltsamen Geläute dieser
Stimme.
Aus dem klaren und in langen tönenden Linien verschwebenden Glanz ihrer
Sätze aber lief in verströmenden Untertönen ihre Qual. Und ihr Gebet begann
mit dem dunklen Schmerz ihres Zimmers im gelben Wagen, das ganz ausgefüllt
ward von dem breiten Bett, in dem sie zu dritt schlafen mußten: Sie und Lydia
und Lizzy, genannt Luise. Und wo ihr Körper hinausgestoßen liege auf die
äußerste Kante, wo wenig Decke sei. Aber das alles sei wenig und tief im
Herzen sehr gering gegen die Reden von Lizzy und jenen Abend, an dem der
Alte den Teller, voll von heißer Suppe, ihr auf die Brust warf, als sie beten wollte
nach einer durchquälten Nacht. Und so in dem Gedanken daran sprangen alle
Ventile der Angst und Unterdrückung weit auf, und in einem köstlichen und
befreienden Erguß strahlte sich ihr verjochtes Leben heraus, wie eine lang im
Tiefen der Rohre. gehaltene Fontäne sich in einen späten Sommerabend mit starker und doch resignierter Kurve erhebt. Und in ihren Worten glommen die
Namen der beiden auf, zwischen denen ihr Leben in den letzten Tagen ein hin
und her gerissenes Spiel war: Franz und der Mexikaner, den sie Partufa nannte.
Und der Klang ihrer Stimme sank etwas zurück in der schmerzlichen Erinnerung
der Abende, an denen jener bei ihnen eindrang, begrüßt vom entsetzlichen
Gelächter Luises, den tierisch und röter aufblinkenden Augen Lydias und
ausgezeichnet durch das indolente Nichtbeachten des Alten, in dessen
schmierigen Beutel die Hälfte von dem floß, was die Krokodile einbrachten.
Indem sie den Kopf im höchsten Schmerz tiefer senkte, dachte sie an das
Gefletsch und den Schaum um den Mund des Partufa, wenn er sich von Lydia
und Luise wegwandte zu ihr, die, den Kopf gegen die Wand gedreht, dieses nicht
sehen wollte und wie sie kalt blieb und im Gebet sich beruhigend, wenn die
anderen Mädchen (o über Lizzys Gelächter und schmutzige Reden!) sie bewegen
wollten, auch diese Dinge nur anzusehen . . . und wie Lydia aus Wut sie eine
ganze Nacht hindurch mit Nadeln stach. — Doch ihre Silben mäßigten sich
wieder zu einem verklärten Rhythmus, als ihr Gebet an den anderen stieß, den
mit dem gütigen Gesicht und den Sonnenaugen, und sie dankte Gott tief und
herrlich errötend für die Nächte, die er im Traum diese Augen über ihren Schlaf
wie hütende Gestirne verteilte und so die Nächte zu einem Berg erhob, den kein
Schmerz und keine Demütigung des Tages berennen konnte. Und wieder und
immer wieder dankte Fifi dafür, daß der Herr ihn, Franz, den Gütigen in ihre Not
sandte, damals, wie der Fakir im Park sie überfiel, um dann wie vor einer Mauer
und endlos erregt vor dem Wunder stehen zu bleiben (während ihre Stimme fast
erlöschte), wie sie damals plötzlich und wie von einer Macht, die aus ihr selbst
heraus allen ihren Wünschen entgegenströmte, sich in den Arm des Mexikaners
warf und die kalte Übelkeit seiner Lippen auf den ihren fühlte und den anderen
stehen ließ, gleich einer begnadeten Heimat, die man verläßt für immer, und
deren letzte Feuer, hoffnungslos für den Ziehenden, langsam am Ufer
verbrennen. Und sie sann mit flackernden Worten über den Sinn dieses
Ereignisses und die Ursache dessen, was einen Menschen zwingen kann, die
höchste, nie erhoffte Sehnsucht, wenn sie erscheint, liegen zu lassen . . . nein . . .
nicht nur dieses: sie zu verschmähen — o vieles mehr — sie zu höhnen und zu
begeifern schier, sie zu schmerzen mit einem strengsten Schmerz. Und wie sie
sich forschend, weinend, in Verzweiflungen wälzend um diese Fragen wand,
erschien es ihr, als ob es eine Angst vielleicht oder ganz gewiß gewesen sei, die
sie vor dem plötzlichen Glück überwältigt und ein Unbesonnenes hatte tun
lassen, und sie schrie auf, wie sie dieses Entsetzliche — sich selbst in den Armen
des Partufa — erblickte. Aber dann kam es ihr, daß es nicht die Angst gewesen
sei. Sie erkannte etwas, das einer Schuld ähnelte, in ihrer Brust und glaubte nun betend und es so versichernd, daß es Trotz gewesen sei, nicht Angst; daß es
Aufbäumen gewesen sei aus der allzu großen Tiefe dieses vergangenen Lebens
vor der plötzlich viel zu strahlend aufgereckten Perspektive jener höchsten
Erfüllungen. Aus diesen hin und zurück schwankenden Gefühlen brach dann der
Haß gegen den Mexikaner hervor, und nachdem sie in schrillen und ekstatischen
Rufen ihn hervorgestoßen hatte, fiel sie wieder in ein beruhigtes Beten zurück,
fühlte, wie diese gläubige Erschöpfung sie umfaßte, welche all diesen
Entladungen zu folgen pflegt und lag dann eine Zeitlang ausgestreckt auf den
Steinen, bis Menschen ihr zu Hilfe eilten, im Glauben, daß sie ohnmächtig sei.
Da sprang sie auf und eilte durch Straßen und Park zur Messe. Sie kam zu spät.
Der Alte trat ihr mit dem Fuß in den Bauch.
Aber sie spürte es nicht.
Tanzte, wie sie nie getanzt hatte, groß, vorwurfsvoll, in Tragik und Schmerz
vertieft und einem brennenden Feuer zugebracht. So erblickte sie Franz, der
heute wieder unter dem Publikum stand.
Sie tanzte schöner, fühlte, wie eine Süße den Leib ihr hinanstieg, alles löste
und ihren Augen Glanz gab und Glauben. Sie tanzte nun, um den starren Blick
des da unten frei und klar wieder zu machen, und all ihr Sinnen stand danach,
die Güte dieses Auges neu zu erwecken. Ein berauschender Glaube überfiel sie,
daß der noch so sehr Enttäuschte und Erstaunte nun alles begreifen müsse: daß
es zuviel gewesen sei für sie damals, daß sie ängstlich, trotzig vor dem Schicksal
gewesen sei. All dieses tanzte sie nun. Und sah in seine Pupillen und lauschte
auf Wirkung, wie einer an Abenden hinter der Ebene den Mond über dem Strich
der Wälder sucht. Sie glaubte nicht mehr, daß alles verloren sei, wieder
überbrandete sie die absolute Zuversicht, jener da unten begreife allmählich,
was, als alles zu ihm allein zog, sie auf die andere Seite warf. Sie fühlte, wie jene
Schauer des Glücks, das Widerstreben in ihr gezeitigt hatte, weil es sie wie eine
Keule überfiel, nun in langsamen Zügen wiederum in sie einzogen.
Sie tanzte sich in einen leuchtenden frommen Glauben hinein, der sie
erschimmern machte, aber noch blieb das Gesicht von Franz (doch sie sah dies
nicht, sah nur die Wandlung, an die sie glaubte) kalt und hart.
Eine erdrückende Luft schob über den Platz, gleich Wellen stießen die
Anstürme der Menschen gegen die Wände der Buden. Alle Baracken hatten heut
eigene Orchester, die sich ineinanderwirrten. Kinderballons stiegen in die Höhe.
Das spitze Geknatter von den Schießbuden, das Gedudel der Karusselle und das
Geschrei übertönte das Geblitz der Revolver und das Stampfen und Pfeifen der
Maschinen
Fifis Augen strahlten, bettelten, wurden groß und erzählten alles, was sie
wußte noch von der dumpfen Dämmerung einer Wiese, die irgendwo in ihrem Hirn aus der Kinderzeit brütete bis zu der Liebe zu ihm, dem Gütigen. Sie riefen
um Verzeihung, wurden stolz in seinem Verstehen, das sie deutlich erstrahlen zu
sehen glaubte, und dankten ihm.
Aber er verstand sie nicht.
Ihre Beine bewegten sich immer rascher in gewölbten Bogen, ihre Hände
schienen etwas zu glätten, sie tanzte weiter. Ihre Augen wurden immer linder, ihr
Gesicht ward durchsichtiger und kleiner, die Beine hatten ein Tempo der größten
Ekstase erreicht, ohne daß sie etwas zu merken schien. Dann fielen sie langsam
in einen dumpferen Rhythmus, die Blicke strahlten überirdischer, ein leises
Lächeln zog dankend für seine Güte nach seinem immer noch unbewegten
Gesicht, in das sie viele Wunder hineinschaute . . . und so tanzend, geklärt und
eine merkwürdige Leisheit erregend, die kurz eine Sekunde sich über den Platz
verteilte, losch sie, während die Rohre der Dampfmaschine plötzlich lautlos
Säulen weißen Dampfes gegen den Himmel stießen und ein großes Haus hinter
dem Platz wie grundlos von einer hellen Strahlung mächtig aus dem Dunkel
herausgerissen aufflammte . . . losch sie, sich in sich selbst verströmend,
tanzend, zusammensinkend, hin wie ein seltsames und gutes Licht.