Die sechs Mündungen

Kasimir Edschmid · Anhang

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Die sechs Mündungen

Der Lazo

Inhalt

Der Lazo 1

Der aussätzige Wald 33

Maintonis Hochzeit 69

Fifis herbstliche Passion 99

Yousouf 129

Yup Scottens 201

Der Lazo

Raoul Perten verließ das Haus.

Seine Füße stiegen die Treppe herunter, er fühlte es und die Bewußtheit des

mechanischen Vorgangs erfüllte ihn ganz, beruhigte ihn fast, obwohl keine

Erregung in diesen Tagen vorangegangen war, und dies erstaunte ihn ein wenig.

Es hatte ausgeregnet, die Erde strömte nach den Umwälzungen des Gewitters

aus aufgerissenen Ventilen dankbaren Geruch in die Höhe. Zwischen den gelben

Kieswegen lagen kleine schrägsteigende Dampfwolken, und die wassergefüllten

ungeheuren Dolden der weißen Fliederbüsche betteten sich schwer, geneigt und

getrunken in das Feuchte der Blätter, und als einziges Geräusch klang das

Rieseln seiner ablaufenden Tropfen in der Luft.

„Das ist alles so einerlei wie ungerecht,“ sagte Raoul. „Wenn ich dies so

durch die Nase ziehe, überjagt mich etwas wie etwa die Ahnung eines maßlosen

Flugs. In fünf Minuten aber ist das vorüber und ich weiß nur noch, daß wir den

Abend zu sechs Gängen soupieren, daß Onkel den Louis Schütz mitbringen

wird, daß Blumenthal morgen (was macht es mir?) seinen zweiten Rekord feiern

wird, übermorgen vielleicht Hans stirbt oder Mella mit dem Russen

verschwindet. Und was geht das Wissen da all mich im Grunde an . . .? Onkel

hat einen neuen Chablis entdeckt und denkt, daß man ihn den Abend drum feiert.

Der Präsident wird gegen zwölf wie gewohnt seinen Witz erzählen. Rosenheim

lacht durch die Nase. Mella wird im Orpheum meinen leeren Platz sehen, sich

ärgern oder freuen oder auch nur erschrocken sein.

Fiele ich dort an der Straßenecke in einen gewaltigen und (oh!) varietègrünen

See oder sauste ich in einen grandiosen Backofen — — — es wäre objektiv ganz

gleich, ich würde mich in dem einen Falle nicht mehr erstaunen als in dem

zweiten oder andere Bewegungen machen, man würde die Tatsache als eine

kleine zwischenakthafte Sensation anständig, vielleicht graziös aufarbeiten — —

— ohne viel Verwunderung . . . nur Onkels bedauernswerte schwarze Glacès

würden einige Tage lang steigen und sinken, monoton und heftig wie

Pumpenschwengel . . . — Doch dieses Möglichkeitsausdenken ist sehr

langweilig. Monologe sind literarisch. Die Geste ist verwundert — alt und

blasiert. Bin ich blasiert? Bestimmt? Ehrlich? Nein! Wenn ich am Sonntag reite,

den Dreß spüre, das leichte Keuchen höre aus der Gurgel des Gauls und von

seinem Mundschweiß beschneit dahänge zwischen Zügeln, Rücken, Gegnern

und Welt — — — weiß ich, daß dies eine Sekunde Seligkeit sein wird, ist. Auch

wenn wir im Auto den Rhein hinunterrasen und dann quer über Holland und die

mitteldeutsche Hypothenuse zurück . . . dann sitze ich nicht, Beine ausgeklemmt,

weit voraus, das Rad zwischen zwei Händen hebelnd und von Zeit zu Zeit das

kratzende Geräusch des bewegten Vergasers über das Gehämmer des Motors setzend . . . sitze ich nicht, braun, die Nase wie ein Akzent über dem

eingummierten Gesicht mit dicken hellbraunen Lederhandschuhen auf dem

Apparat — — — vielmehr irgendwo bin ich darüber, in der Höhe, fliegend

(doch keineswegs so wie im Aero: göttlich und doch gebunden!), sondern aus

einer großen Ruhe heraus gewaltig herunterlugend und das Gefühl ruckweise

wie Bissen genießend: Das weiße Netz der Landstraßen, hell, weiß, flimmernd

vor Staub, sei eine Befriedigung, eine stolze Sache . . . die hellen Schläuche

führten alle in eine Seligkeit, in einen ungeheuer kreisenden Horizont, dessen

unermeßliche Offenheit anzuschauen so etwas sei wie ein Ziel.

Allein wenn ich nach außen fasse, nach rechts außen, und den Hebel

zurückschmeiße und — der Wagen steht, so weiß ich: Alle Chausseen seien doch

nur ineinanderfließend und auf das erste zurücklaufend nicht mehr als ein stumpf

machender Kreislauf und eine Schlange, die sich in den Schwanz beißt. Mein

Rücken sofort dann krümmt sich ein wenig wie im gutsitzenden Cutaway, mein

Bizeps erlahmt in dem Ärmel, der wieder korrekt darüberfällt, sich erst an der

Manschette von neuem erweiternd. —“

Innere Monologe dieser Art dauern in der Regel straßenweit und haben den

Vorzug, in abenteuerliche Stimmung zu versetzen und den Weg aufs

angenehmste zu verkürzen, da man sich hierbei des Gehens als physischer

Erscheinung nicht bewußt wird. Daher war Raoul Perten schon tief in die Stadt

hineingekommen. Er bewegte sich an einem Tramwayhalteplatz vorüber. Der

Wagen leerte sich beinahe völlig. Das Gesicht eines der ausgestiegenen Herren

schwebte plötzlich über Raouls Gesicht und sammelte seine ganze

Aufmerksamkeit langsam auf sich. Raoul sah eine Hakennase, von der viele

parallele kleine Adern nach den Augensäcken liefen und sich dort in einem

Chaos von disharmonierenden Linien austobten. Die Ohren waren oval, steif,

fast gespitzt und ganz hell.

„Mein Junge,“ sagte dieser Mann. Es war sein Onkel. Sie reichten sich die

Hand.

In diesem Augenblick, während dieses Vorgangs, der sich täglich in

unzähligen Variationen, der sich seit Raouls sechstem Jahr (also fünfzehn Jahre

hindurch) vollzog wie irgendeine Funktion (denn teils durch Zufall, einigerseits

auch aus einer hyperbolischen Marotte des Alten waren sie in dieser Zeit kaum

einen Tag getrennt gewesen), in der schamlosen Selbstverständlichkeit und

Verbrauchtheit dieser Gebärde vollzog sich, die gewaltigste Umwälzung in

Raouls Leben.

Er stand da, den Stock auf der Spitze seines Schuhs, ihn oben leicht drehend,

die andere Hand im Paletot und sagte, obwohl er keine Sekunde daran gedacht

hatte, sagte wie in einem Trance: „Ich werde ein paar Tage verreisen, Onkel“ und diese Worte erstaunten ihn selbst nicht . . . und wie er ruhig die Scheine

einsteckte, nein, wie er sie ergriff mit drei gespitzten Fingern, als der Onkel sie

ihm reichte und ihn bat, doch jedenfalls den Abend da zu sein und daß er sich

überlegen wolle, ob er auch mitkomme ohne die Frage, wohin überhaupt . . . da

spürte Raoul in einer großen Erregung schon, wie sich neue Dinge in ihm von

diesem seitherigen Leben schon wieder lösten und andere nachbrachen und in

der angegrabenen Rinne der neuen Erkenntnis weiterrannen — denn er begriff

plötzlich, daß diese gespitzte Bewegung seines Armes keine sei, die nur

irgendwie seinem Bizeps korrespondiere, und Mißverhältnis zwischen seiner

Situation und seiner Anlage und Natur klafften ihm klar auseinander.

Er packte die Scheine und rollte sie wie Stanniol zusammen („Ja! wie

Stanniol“ lachte er) und steckte sie in die Tasche. Er wartete, bis des Onkels

Gang, der selbstbewußt und sehr nach außen war, nicht mehr sichtbar blieb.

Dann rannte er auf einem abkürzenden Wege nach Hause. Wie er die Treppen

hinaufsauste, empfand er nicht mehr die Tatsache des Bewegens. Wie sollte er

die Existenz seiner Beine im Bewußtsein haben, wo er lief! Er kam bis unter das

Gegiebel des Dachs. Ergriff die Kugel mit den Scheinen und legte sie ganz

sachte in ein großes Spinnennetz, das seit Jahren dahing, und setzte mit einem

Schwung, der gewohnt aus der Hand kam, trotzdem er seit der Kommunion nie

so hoch im Haus gestiegen war, die rotpunktierte Spinne darauf. Worauf er

lachte, ein Stück die Treppe hinabstieg, plötzlich niederkniete auf beide Knie

und vor Entzücken einige Male in die Hände klatschte. Dann durchsuchte er

seine Zimmer nach Geld, die im ersten Stock lagen, packte, was er fand, und

rannte wie ein Tremolo die Stufen herunter.

Im Garten blieb er stehen. Er pflückte einen Zweig von der alten Vogelbeere

und behielt ihn, leicht damit spielend, in der Hand. Dann ging er. Ging ohne

Erregung, Posse, Sentimentalität. Ging wie ein Passant, der eine stille Gewißheit

hat oder jemand, der eine Freude in sich spürt, die noch nicht klar und reif

geworden ist. Ging wie von einer Stelle, die einem so vertraut und dadurch so

entfernt geworden ist, daß es selbst eine fabelhafte seelische Vergeudung

bedeutet, sich auch nur die Komödie einer Traurigkeit einzureden. Es war ihm,

er sehe seines Onkels Schatten über eine Gardine gleiten, doch mochte dies ein

Irrtum sein. Er kam auf die Straße. Da stand eine Laterne, die einmal ein

betrunkener Fahrer umgeworfen hatte. Er schritt an ihr vorbei. Ging immer

weiter. Aus einer Abendschule strömten Kinder, und wie er sah, daß sie

begehrlich vor einem kleinen Bäckerladen standen, kaufte er einen Arm voll

klebrige Sachen und warf es über sie.

Es ward ihm heiß beim raschen Gehen. Denn er eilte übermäßig, weil ihm

keineswegs klar war, wohin er gehe; nur daß er sich entferne, wußte er, und das genügte ihm. Er zog seinen Covercoat aus und nahm ihn über den Arm. Es war

dunkel. Laternen flammten auf, und er sah mit einem Male einen ganz hellen

Filzhut, der oben in eine Linie zusammengepreßt war, eine saloppe und

originelle Haltung und ein Gesicht mit einer Zigarette, und er nahm seinen

hellen Mantel, nannte den Menschen seinen Freund und schenkte ihn dem, der

überrascht sich oft verbeugte und vielemals „Sehr geneigt“ sagte. (Er hieß

Keybbell und war das an Willkürlichkeiten der Stunde nicht ungewohnte

abonnierte Modell eines sehr jungen Bildhauers.) Darauf rannte er weiter und

kam an eine Litfaßsäule, die grell erleuchtet war.

An ihr entschied sich sein Schicksal.

Er sah eine Reeling. Ein paar Buchstaben sogen seinen Blick auf. Seine

Haltung ward mit einem Ruck ganz gestrafft. Er schob die Beine auseinander

und warf mit einer eigentümlichen Bewegung die rechte Schulter zurück und

ging von dunklen und heißen Gefühlen überflutet in den spritzenden Regen einer

schmalen Wolke hinein, die den silbernen Himmel rasch und scheu noch

überschwamm.

Er dachte, daß er in einem glänzenden Paradox das Negative des

Mantelverlusts gewissermaßen zu einem Äquivalent mit dem Positiven einer neu

übergestreiften Psyche gemacht habe. Aber er sagte es nicht, weil ihm schien,

die Zeit der zynischen und geistvollen Glossierungen sei vorbei. Er dachte kurz

an eine Zigarette. Aber er zündete keine an.

Zündete keine an, sondern ging mit aufgeblasener Brust auf seinen großen

Horizont zu. — — —

Die Überfahrt machte er ruhig im Zwischendeck. Zehn russische Polen lagen

im selben Raum mit ihm. Es ärgerte ihn, daß er sich abends ein feuchtes Tuch

vor die Nase band, weil dieser Geruch zu entschieden war. Denn es war ihm

klar: daß es wertlos sei, sich mit seinen Allüren und Gewohnheiten in

irgendwelche Strudel hineinzuwerfen. Daß es vielmehr nötig sei, statt von einer

Mittellage aus unsicher nach zwei Richtungen hin und her zu schwanken, von

ganz unten her und ohne jede Voraussetzung die Welt zu durchstoßen nach oben

hin. Und daß er hierzu alles Angelernte abtun und an sich töten müsse. Das nasse

Tuch aber lehrte ihn, daß viel schwieriger wie die Überwindung größter

Leidenschaften der Verzicht sei auf gewohnte Zivilisierung. Aber er verzagte

nicht. Drei Tage darauf nahm er an einem schmierigen Fest der Polen als

Solosänger teil. Sein Bariton ward so zu etwas nutz, und seine Methode erwies

sich zukunftsreich. Nach fünf Tagen spielte er täglich Karten mit Hamburger

Sträflingen, die noch den transparenten Teint ihres letzten Aufenthaltsortes

hatten. Er fühlte schon, daß er steige. Sinken konnte er nicht, da er keine

Erwartungen hatte.

Allein seine Haltung viel auf und seine Hände noch mehr. Er beobachtete den

Gang der Matrosen und prägte ihn seinen Gliedern ein. Ihm fiel dann die Unsitte

eines Freundes ein, der den rechten Fuß grundlos in einer kleinen Kurve bei

jedem Schritt nachschleifte. Er verband diese Note mit dem Seemannsmarsch

und fiel nun nicht mehr auf. Seine Hände aber schienen sofort demokratisch, als

er sie einen Mittag lang zum Putzen einer verschmergelten Maschine großmütig

auslieh. Längere Zeit umschlich ihn ein bärtiger Kerl aus Sachsen und erzählte

ihm lange Elendgeschichten in der Art wie sie jedermann weiß. Er gab ihm zwei

Mark und hörte kaum auf ihn. Aber er sah gleich ein, daß diese Handlung töricht

war, denn sogleich kamen andere und dann wieder der Bärtige. Da lernte er auch

dies: nahm den Hund und warf ihn die fettglänzende Treppe herunter. Und hatte

nun Respekt.

Auch machte er, um den Umkreis dieser Lebenserkenntnisse zu vollenden, in

diesen Tagen die erste Bekanntschaft mit einer ihm unbekannten Sorte Tiere.

Nach zwei Tagen Quarantäne stand er in New York. Es enttäuschte ihn nicht,

aber es drückte auch nicht auf ihn. Vielmehr blieb er dieser Stadt gegenüber

völlig indifferent. Denn warum sollte ihm das eine größere Begeisterung oder

eine Erweiterung seiner Seele verschaffen, daß hier die Dimensionen mehr nach

Hoch verschoben waren wie sonst.

Er stieg in eine Bahn und fuhr so lange, bis er bescheidene Straßen sah. Dort

mietete er und dorthin schaffte er am Abend selbst sein Gepäck. Es gab zuerst

für ihn noch die Schwierigkeit der Sprache, denn von der Schule aus wußte er

wohl, wie Bescheidenheit heiße und daß Reichtum nicht glücklich mache, aber

ein Zuschlagbillett zu nehmen erlaubten ihm seine Kenntnisse noch nicht.

Jedoch fand er bald, daß Sicherheit im Auftreten und Bewußtsein mehr wiege

wie planloses Wissen. Er schien Chance zu haben. Da sah er eines Abends im

Hafen ein Kind, das weinte. Er wagte es nicht zu fragen, warum. Er schenkte

ihm nur sein Abendbrot, das er in der Hand hielt, und fuhr am folgenden Morgen

nach Milwaukee, denn diese Stadt war ihm zuwider geworden.

Er versuchte dort in den bekannten Formen unterzukommen: als Lehrer,

Kindergärtner, Feuerversicherungsagent . . . doch ohne Erfolg. Er begriff, daß

diese Positionen zu gesucht seien, eben weil sie zu bekannt seien, schlug sich an

den Kopf, kaufte einen blauen Leinenanzug und von einem Nigger eine ölige

Mütze und bot seinen Dienst an als perfekter Schlosser, Chauffeur und Monteur.

Ein Fabrikant fragte einmal: „Kannst du Milchseparators machen?“ Er

antwortete, es sei seine Spezialität. Am nächsten Tag erfuhr er, daß es

Blechkonstruktionen seien mit einer einfachen Mechanik, so daß auf der einen

Seite die Buttermilch, auf der anderen die Butter herausspritze. Er machte am

ersten Tag so viel, als die Mindestzahl der Einlieferung betragen mußte, und bekam für das Stück fünf Cents. Soviel stellte er die ersten vier Wochen weiter

fertig. Jeden Tag hatte er einen Dollar. Nach vier Wochen beschwerte er sich, die

Arbeit sei zu hart. Er schaffe solidere Arbeit als die anderen und deshalb

weniger. Man kontrollierte ihn und gab ihm sieben Cents fürs Stück. Von diesem

Augenblick an machte er täglich so viel, daß er drei Dollars hatte.

Nach vier Monaten weckte man ihn nachts. Er stand auf und fragte. „Auf!

rasch . . .“ sagten sie ihm.

Mit vier Möbelwagen rasten sie durch die Stadt.

Endlich roch er, was war. Kurz darauf sah er es auch. Ein riesiges

Häuserquadrat stand in Flammen. Schnell band man ihnen Tücher mit roten

Sternen um den Arm, und sie holten überall die Gegenstände des Wertes:

Kassenschränke und Klaviere heraus. Nigger halfen unter der Inspiration von

Rippenstößen. Man gab ihm fünfzig Dollars dafür.

Er betrachtete sie schweigend. Die Spinne saß auf einer Papierkugel, die

zehnmal so viel wert war. Allerdings: für irgend jemand nur. Nicht für die

Spinne. Auch nicht für ihn in dem Sinn und Umstand seines Lebens von damals.

Er steckte die Summe vorsichtig und andächtig in die Tasche.

Am folgenden Morgen fuhr er nach dem Westen, fünf Tage spannte sich Land

an ihm vorbei, heulte das Dunkel an die breiten Fenster.

Er ging nach seinem Gepäck in dieser Zeit, er rasierte sich, sprach mit den

Menschen und las. In den Couloirs ging er spazieren wie Unter den Linden oder

auf der Zeil. Sein ganzes Tun atmete eine sichere Ruhe aus; doch er fühlte, daß

er, obwohl entschieden und klar, in einem fiebernden Sausen sich befinde, das

überall um ihn war. Die Bekanntschaften dieser Tage erschienen ihm interessant

wie kaum andere (obwohl er viele kannte, die faszinierender und berühmt oder

bedeutend vor allem waren wie Blumenthal etwa, der Verse schrieb,

Bucheinbände machte und eine Nacht mit einer ganzen Barbesatzung über

Westdeutschland flog). Er empfand eine erstmalige Anteilnahme an den

Menschen und Schicksalen, die an ihm vorübersausten, es zuckte ihm in den

Fingern, von dem zu wissen, was sie ausspie, wohin sie rannten, was Farbiges

und Erhelltes um sie sei. Aber er griff nicht zu. Es war nicht seine Zeit. Er

schnitt alles durch. Stieg aus.

Ein Pfahl markierte die Station. Ein morscher Haufe Hütten (wie im

geduckten Bewußtsein, nur ihm die Existenz zu danken) klebte um ihn herum.

Einige Indianer verkauften geflochtene Gürtel mit Muscheln besetzt.

Über ihnen stieg ein gewaltiger Himmel auf. Gegen den fuhr er los, drei Tage

lang, im Büffelwagen.

Gegen Abend kamen sie an eine mächtige Niederlassung, und da sie ihm

gefiel, nahm er Stellung als Cow-Boy. Der Besitzer schlug ihm auf die Schulter und schüttelte seine Hand. Seine Frau nickte ihm kurz, freundlich zu. Die

Tochter sah ihn nicht. Sie ging an ihm vorbei zur Tür so dicht, daß ihr Ärmel den

Staub von seiner Schulter fegte. Raoul fand, daß dies seiner Lage entsprechend

sei. Aber nachdem er innerlich einverstanden gelächelt hatte, biß er die Zähne

zusammen und sah, daß sie zwei schwere Zöpfe hatte und ihren Nacken mit

einem elastischen Trotz hochtrug.

Es gibt drei Ideale, die der Cow-Boy kennt: Revolver, Lazo, seidenes

Halstuch. Im übrigen erscheinen sie als Schweine. Vom Hanf- über das Leder-

zum Seidenlazo zu kommen, ist die Gentkarriere des Cow-Boy. Allein es gibt

noch etwas in seiner schieren Unerreichbarkeit unermeßlich Köstlicheres. Das ist

der Lazo aus geflochtenen Pferdehaaren. Der Gaucho kommt selten in seinen

Besitz, obwohl er die Sehnsucht seines Daseins ist, weil er zuviel säuft und

schießt. Denn ein oder zwei Jahre auf die Sehnsucht des Tages zu verzichten, um

die Inbrunst eines Lebens einzutauschen dafür, ist eine Sache, die komplizierter

ist als die letzte Wissenschaft oder mit Größe in den Tod gehn. Die Tochter des

Besitzers aber hatte ihn, und Helen war stolz auf ihn, und siehe: breite

Silberringe unterbrachen seinen Lauf.

Die anderen Cow-Boy ritten später an, pflockten und nickten ihm zu. Einige

gaben ihm die Hand und einer nahm seinen Hut ab und sagte mit einem knappen

Einknicken der Hüften: „Heinz Freiherr von Kladern. Werde hier allerdings

selten mit vollem Titel angeredet.“ Die übrigen schauten dumm, weil er es

deutsch sagte. Doch Raoul liebte ihn darum noch nicht, denn obwohl ihm das

Originelle der Situation gefiel, sagte ihm die ins Humoristische stilisierte Form

des äußerlich Verkrachtseins nicht zu. Dagegen schloß er sich zusammen mit

Jim, einem frischen Kerl. Er sagte sich, daß er im Augenblick ungefähr im

Steigen auf der Höhe angekommen sei, die dieser Bursche hatte. Nämlich Kraft,

Saftigkeit und eine Helligkeit des Auges, die den Dingen und besonders dem

glänzenden Himmel etwas abzuzwingen immer bereit und sicher war.

Am nächsten Morgen haßte Raoul den Freiherrn.

Raoul hatte nicht Gewohnheit, ungesattelt zu reiten. Da nahm der Freiherr die

Kugel aus einer Patrone, steckte einen Seifenbolzen hinein und schoß ihn dem

Gaul auf den Bauch. Wie ein angedrehter Springbrunnen flog das Tier in die

Höhe und Raoul saß mit hartem Schlag auf der Erde. Wut stieg ihm in die

Fäuste, aber er entkrallte die Hände wieder, faltete sein Gesicht in Ruhe. Er

wußte, er würde in einigen Tagen besser reiten als der Freiherr und empfand

auch dies als Drang zum Handeln, Überwinden und Durchsetzen. Aber da die

anderen gelacht hatten und das bös war, bat er den Freiherrn, eine Flasche mit

der Hand wagerecht zu halten auf zwanzig Schritt von ihm. Der weigerte sich.

Jim zog seine Reithandschuhe an und hielt sie, und Raoul bluffte sich damit in alle Achtung und Bewunderung zurück, daß er seelenruhig zum Hals hinein und

den Boden heraus schoß. Und keiner lachte mehr.

Nach einem halben Jahre fand er zwei Werst von der Farm ein Buch. Er hob

es auf. Longfellow: Hiawatha . . . Helen stand vor dem Hause und knotete ihre

Zöpfe auf. Und er vergaß sich und redete das erstemal zu ihr, und gegen seinen

Willen, ohne daß er es spürte, gingen viele abgestorbene Formen wieder in ihm

auf, und er sprach, daß er das Buch gefunden hätte und daß er wisse aus seiner

frühen Jugend, wie rauschvoll es sei, und daß er es ihr bringe; denn er glaube,

daß es nur ihr gehören könne und fürchte, sie hätte diesen Verlust als einen

besonderen Schmerz empfunden. Und hier sei es nun.

Da entdeckte er an ihrem veränderten Wesen und ihrem schwer beherrschten

Erstaunen, daß er in seinen alten Leib zurückgefallen sei oder vielmehr sich

selbst in seiner neuen Entwicklung übersprungen habe. Er merkte, daß es in ihm

wüte, sah, wie sie den Blick hob. Spürte ihn steigen an seinem Körper, grausam

und langsam wie Quecksilber sich hebt, bis er die Richtung seiner Augen traf.

Da sagte sie: „Danke.“

Er kam wochenlang nicht auf das Gehöft aus Zorn gegen sich. Er schlief

nachts schlimmer als die anderen, frei im Gras, auf Steinen, fluchte und betrank

sich hin und wieder.

Aber sie kam zu ihm. Sie kam als Herrin, das tat ihm wohl. Sie kam

freundlich, und er wußte nicht, wie er sich hierzu stellen sollte. Aber sie nahm

ihn einfach mit in ihrer Art, riß ihn vorwärts, während er von Europa sprach und

sie Washington dagegen hielt, in dem sie zwei Jahre in einem Pensionat

interniert war, und sie sprach französisch und er entgegnete ebenso, doch sie

fragte ihn nie, wer er sei, und gab ihm zwischendurch leichte Aufträge, halb

Wünsche mehr mit ausgeprägtem Akzent. Einmal sah er den Freiherrn sich wo

beschäftigt machen. Er wies sie auf ihn. Sie hob kaum die Schultern. Wie konnte

der sie etwas angehn. Und Raoul liebte das Grenzlose dieser Verachtung und

haßte sie darum gleich. Denn sie war über ihm und der Geist seiner Kaste saß in

ihm.

Zwischendurch quälte er sich über das Ungewisse des Verhältnisses, das

zwischen geschenktem Vertrauen, das er durch nichts erworben hatte (und der

Teufel lasse sich von oben her unverdiente Sentiments schenken!), und der

Gefahr des Beiseitegeschmissenwerdens hin und her vibrierte. Da gab es einen

Tag, wo sie die Sache klärte, indem sie ihm mit ihrem Stolz wie mit einer Gerte

über das Gesicht schlug.

Sie hatte in seiner Herde eine helle Stute entdeckt mit ausgesprochen weichen

und feinen Formen und wünschte sie, fehlte aber mit ihrer Schnur. Raoul fing sie

mit seiner hanfenen. Zuerst war sie erfreut, klopfte dem zitternden Tier den samtenen Hals und schien dankbar, bis sich im Weiterreiten eine Falte in ihre

Stirn bohrte und sie mit einer hochmütigen Bewegung ihren Lazo ihm

hinüberschnickte und mit geschärfter Stimme sagte (und verzogenen Lippen):

„Sie können ihn haben. Da! Er taugt mir doch nicht mehr.“

Seit seiner Knabenzeit spürte er, wie zum erstenmal wieder rote Wallungen

sein Gesicht zudeckten, er rührte keine Hand nach der Schnur, wandte, ritt

davon, grußlos. Zornig. Wußte nun, daß es ein Ziel sei, sie zu besitzen, sie zu

gewinnen. Gott, wie die Wunde ihn freute, die sie ihm gerissen, wie er sich

freute, daß er heruntergeschmissen war von ihrem achtungsvollen Interesse, in

dem alle Handlung ihm gebunden war. Nun lag alles an der Gewalt seiner

Hände.

In dieser Zeit kam ein Verwandter des Besitzers aus England auf die Farm. Er

hatte in New York Geschäfte gehabt und wollte den Westen sehen. Er hatte vor,

zwei, drei Wochen zu bleiben, ward aber nach ein paar Tagen schwer krank. Die

gewohnten Praktiken versagten. Raoul und Jim rissen eine Stange aus dem Zaun

und ritten vierundzwanzig Stunden hindurch. Dann waren sie wieder da. Auf

einem dritten Pferd hatten sie den Arzt, an der Stange zwischen sich die

Apotheke. Die Krankheit war jedoch nicht schlimm.

Helen traf Raoul im Gang zu ihrem Stall. Vielleicht hatte sie auf ihn gewartet.

Sie war ganz weiß und schien an ihm vorbei zu wollen. Dann blieb sie doch

stehen und sagte mit einer Stimme, die so beherrscht war, daß die Verzweiflung

aus jedem Vokal weinte und in jedem Konsonanten pfiff und mit einer Kälte, die

kaum die Wut markierte, daß ihrer Unnahbarkeit dies zugestoßen sei: der

Freiherr habe sie die Nacht angegriffen . . . Sie stockte, denn sie empfand, daß

sie nicht wisse, was sie eigentlich wolle. Und stotterte, daß ihr Vater zwar den

Freiherrn peitschen lassen würde . . . aber . . . nein . . . das . . . sie könne es ihm

nicht sagen. Raoul begriff, daß es Zorn von ihr sei gegen sich, so klein zu ihren

Vater zu kommen, denn sie hielt ihren Stolz allein durch die Möglichkeit einer

solchen Sache beschämt, aber er wunderte sich nicht und fragte nicht: warum sie

das ihm sagen könne. Provozierte nur einen Wortwechsel, warf dem Freiherrn

die Schlinge über und schleifte ihn ein Stück.

Dann erwartete er alles. Am selben Abend hörte er einen Schuß und die

Kugel. Zwei Tage darauf ritt er auf ein Gebüsch zu. Es fiel ein Schuß. Die Kugel

drang in den Sattel. Sie war von vorne gekommen und hatte ihm den Schenkel

gestreift. Trotz aller Schmerzen suchte er das Gebüsch ab, fand aber nichts.

Aber er spürte, daß ein Ende not sei. Die Nacht, ehe er nach den

Weideplätzen des Freiherrn ritt, nahm er Blei und Papier und schrieb seinem

Onkel, er solle ihm nicht übelnehmen, daß er heute erst dazu komme, ihm zu

schreiben, er sei jedoch sehr beschäftigt gewesen und habe die unmaßgebliche Absicht, seine Reise noch einige Zeit fortzuführen. Er sei übrigens in Amerika,

momentan wenigstens, für den Fall, daß der Präriestempel unleserlich sei. Doch

sei der augenblickliche Aufenthaltsort ebenfalls unmaßgeblich. Er könne auch

dem Wunsche des Onkels, etwas für ihn zu tun, womit er ihn das ganze Leben

stets im Übermaß bedrängt habe, gar nicht entgegenkommen, da er leider ganz

ohne Bedürfnisse sei. Vielleicht nehme er aber ihm zuliebe die kleine Mühe auf

sich, bis unter das Dach zu kriechen, wenn er wisse, wo das sich in seinem Haus

befinde, dort am dritten Dachfenster aus dem großen Spinnnetz, aber ohne die

Spinne zu töten, eine Papierkugel zu nehmen und ihren anbei präzisierten Wert

an seinen Freund Jim zu schicken. Jim sei nämlich ein entzückender Mensch,

Gourmand, und wünsche ein Hotel in der Prärie aufzutun. Woraufhin sich der

Onkel vielleicht entschlösse, die Gegend einmal zu besehen. Leider werde er

voraussichtlich (aber wer weiß das bestimmt!) nicht mehr dort antreffen seinen

Neffen Raoul.

Darauf schritt er am Morgen nach den Pferden. Wieder traf er Helen. Er hatte

wegen seinem Schuß am Abend die Apotheke benutzt. Möglich, daß es ihr

aufgefallen war. Sie war entschieden verlegen und hatte Ringe im braunen

Gesicht. „Wohin . . .?“

Raoul machte eine undefinierbare Bewegung. Ganz ziellos und groß ins

Weite.

„Vielleicht — das wollte ich sagen — reiten Sie für diesmal mein Pferd. Ich

kann heute nicht reiten und es soll nicht aus der Gewohnheit kommen . . . und

dann (ihre Hand erschien hinter dem Rücken) . . . dann . . . nehmen Sie etwa

auch meinen Lazo mit — ?“

Raoul zögerte.

Sie: „Ich — bitte.“

Raoul ritt von der Farm. Helens Stute war das beste Pferd im Umkreis. Wie

leicht ihr Lazo war!

Der Freiherr erwartete ihn unruhig. Lang umkreisten sie, einander jagend,

einen großen Pferdetroß. Die Tiere schoben sich schnaubend in dicken Keilen

zwischen sie. Sie konnten nicht schießen. Die Lazos peitschten die Luft.

Plötzlich riß zwischen den Gäulen eine Gasse. Der Freiherr brach durch. Raoul

spürte, wie ihm das Blut gleich Nadeln in die Beine strömte unter dem Druck der

entsetzlich pressenden Berührung des Lazos, der seine Brust einschnürte. Wie

ein Paket sauste er auf die Erde. Die Arme waren angeschnürt, er konnte sie von

den Ellenbogen ab erst bewegen.

Es genügte. Eh’ der Gegner anzog, ihn zu schleifen, zielte er, stemmte das

Knie hoch, schrie etwas, schoß Heinz Freiherrn von Kladern eine Kugel mitten

durch den Kopf.

Dann setzte er sich auf das Gras und schlug die Beine zusammen. Das da war

ein Duell im Sinne des Landes. Dieses war klar. Er wußte, was das sagen wolle,

daß Helen ihm Pferd und Lazo geliehen hatte. Er würde wieder sehr reich

werden. Pah! Aber Helen würde auf ihn warten, wenn er nach Süden ritte. Und

sie war schön, war stolz. Und dies: er glaubte, daß er sie liebe. Aber es schien

ihm, daß er dann wieder da angelangt sei, wo er ausgegangen. Kein Himmel

werde seine nächtliche Lockung über ihn wölben. Der Himmel würde eine

Mauer sein, fest um ihn herum gebaut. Das Leben würde nichts mehr zum

Steigern für ihn haben. Er begriff in einer qualvollen Sekunde, daß er für dieses

Leben und seine Ansprüche verdorben sei, weil er mit einem satten Punkt

eingesetzt und mit einem Ende begonnen habe, und daß nur ein Reiz ewig und

wertvoll in ihm sei: sich selbst höher zu werfen und weiter zu steigern, und er

begriff, daß dies in diesen Zeitläuften nur so weiter ungebunden und von unten

weiterstoßend möglich sei.

Ein Schmerz stach sich in ihn hinein in dem Erfassen, daß er über Helen

hinausmüsse und ihre Liebe und seine Sehnsucht überwinden müsse. Ihre Haare,

der Nacken und das Bleiche, o vor allem, das ihren Trotz und ihre Erschütterung

färbte . . . Er schloß schmerzlich die Augen und hielt die Lider lange darüber.

Dann erhob er sich.

Er gab der Stute einen Schlag auf die Kruppe, daß sie schnaubend allein nach

Hause lief.

Er hatte einen Augenblick lang das Bewußtsein, daß er nun, wo diese

Schmerzlichkeit weiter über sein Leben hinaushänge, das Alte und

Schwermachende nicht mehr zu fürchten habe. Doch sogleich kamen Zweifel,

ob alles dies, was so qualvoll an Zeit und Geschick zu durchrennen ist, nicht

doch allein aus einer Kette von aufgerollten Schlingen bestehe, die sich

ineinanderfließend wiederholten im Hochhinaufgerissenwerden und in der

Müdigkeit. Aber er schüttelte sie ab.

Stemmte sich auf, fing mit Helens Lazo ein wildes Pferd, bändigte es und

sprang darauf. Der Lazo war aus weißen Pferdehaaren und aus dunkelen

geflochten und mit Silberringen breit geschmückt. Raoul Perten ritt nach Norden

zu. Und ritt und warf plötzlich die Arme hoch, daß sie hingereckt aufwärts

standen, als fasse er, sich eingliedernd, in den Schwung eines maßlosen Trapezes

und ließ den Lazo in mächtig sich vollendenden Ellipsen um seine Hände fahren

— — . . . und ritt auf ein Stück Himmel zu, das sich wie ein blaues Dreieck

zwischen zwei Hügel hineinbohrte und über dem ein Horizont aufbrach,

ungeheuer, voll Ewigkeit und in flimmernden Rotunden kreisend wie ein von

Rätseln durchstochener Schild.