Die sechs Mündungen

Kasimir Edschmid · Kapitel 4 von 5

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Die sechs Mündungen

Yousouf

. . . ich glaube indessen, daß, hier wie

überall, Liebe eine Kunst ist wie das

Reiten und Flöteblasen.

Der Marquis de Langle

 

Die Herren standen in dem Vorsaal und klirrten leis mit den Degen. Ihre

Gespräche liefen verhalten und erwartungsvoll.

Dann flogen die Flügeltüren auf und Las Casas trat aus dem Kabinett. Sie

sahen sofort sein Gesicht, das beherrscht in der Rampe stand und dann an ihnen

vorbeischritt. Sie sahen Stolz darin und verbeugten sich. Einer ging auf ihn zu

und sagte ein paar Worte. Man sah nur seinen gekrümmten Rücken. Der andere

dankte mit der Höflichkeit einer wahnsinnigen Verachtung und ging weiter.

Im folgenden Saal standen größere Gruppen. Er mußte wie durch eine Gasse

gehen. Alle grüßten ihn tief. Las Casas dankte herablassend, denn es war

niederer Adel.

Darauf glitt er durch eine Flucht von Räumen, die in Röte brannten von

Decken und Möbeln und in denen auf beiden Seiten verwischte Bilder von ihm

über die Spiegel fuhren und Hellebardiere standen, die den König zum Bad

begleiteten . . . und wo sonst nichts war als das einsame Hallen seines Schrittes.

Und dann löste sich aus einer Nische ein junger Mann und ging auf ihn zu

mit einer sicheren und allgemeinen Haltung.

„Sie haben . . .?“ fragte er.

„Ich habe . . . Luis Quijada . . .“, sagte Las Casas und riß die Papierrolle auf,

die seine linke Hand trug. Der junge Mann zuckte leis und verbeugte sich kalt

und so unwillkürlich, wie wenn er auf einem Schiff stünde. Er hatte blonde

auffallende Haare.

„Ich werde“, sagte er fest und beiläufig, „dann eigene Segler ausrüsten — —

— auf jede Gefahr.“

Er zeigte durch das Fenster nach dem Meer. Der Abend hatte das Glas

dunkel-silbern gemacht, und sein Kopf schwamm schwer wie auf Pergament

gemalt in der Füllung.

Las Casas lächelte leis, und seine Stimme bebte ein wenig in

Geringschätzung, indem er erhabenen Erfolg wünschte und die Treppen

hinunterstieg, aus denen die Dämmerung ihm entgegenschwoll.

Er eilte nach einem Palast, der in zwei Gärten lag, und ließ sich nieder und

wartete, bis man ihn gemeldet hatte. Darauf erhob er sich. Es war kühler

geworden.

Ein Stern blinkte über der Mauer.

Die Zofe ging vor ihm über den bläulichen Kies. Sie kamen über ein Boskett, und dann blieb sie stehen und öffnete eine Tür.

Las Casas trat aus dem Garten in einen Pavillon und schritt durch ein Boudoir

in ein helles Zimmer, in dessen Mitte das Bett stand. Ein weißer Arm streckte

sich ihm entgegen, von dem ein weiter Ärmel zurückfiel. Er stürzte darauf und

küßte ihn. Er fiel auf die Knie und legte seinen Kopf neben den der Frau und

seine Wangen brannten nach ihren hinüber und machten sie rot, obwohl sie sich

nicht berührten.

„Sie haben die Erlaubnis . . .?“

„Ich habe sie . . .“ und seine Hände fuhren nach ihren Hüften und zuckten

rasch zurück. „Ich fahre heute nacht . . .“

Sie schnellte auf: „Nein — — — morgen!“

Dann schloß sie den allzu heftigen Verrat der Augen mit den Lidern und

meinte, als ob sie nun erst in Besinnung und klug spräche, lächelnd und ruhig:

„Wie könnten Sie das möglich machen, Marques? Sie waren gestern noch

beklagt, weil Sie des Königs Gaben verschleuderten und portugiesische

Kaufleute abstechen ließen. Sie erhalten heute den Auftrag, den Räuber zu jagen,

nach dem jedes Herz lechzt. Und da wollen Sie dazu auch schon gerüstet sein?“

„Ich habe drei Schiffe.“

Sie verriet sich wieder und gab ihre Augen preis, indem sie nach ihm blickte.

Seine Hände zitterten, und die Lippen verzerrten sich vor Stolz:

„Ich habe dem König bedeutet, daß ich die Dörfer nur verkauft habe, um

Geld zu bekommen für diese Expedition. Doch sein Gesicht blieb kalt. Ich sagte

ihm, daß ich es getan hätte, obwohl ich wußte, daß seine Ungnade darauf folge,

weil er es nicht liebe, daß seine Geschenke sich zersplitterten und so fortfliegen

und so . . . daß ich es aber getan hätte, weil mein Wunsch, ihm durch die

Expedition zu nützen, heftiger gewesen als die Scheu vor seinem Zorn.

Darauf nahm der König sein Lieblingswiesel und setzte es am Fenster in die

Sonne und spielte und sprach mit ihm.

Es war mir einen Augenblick, als ob ich nicht in dem Raume sei — — so

sehr nahm diese Bewegung den Glauben an die eigene Wirklichkeit.

Dann aber ward ich zornig, Juana, und da mir Tränen in das Gesicht

schwammen, drehte ich mich um und schrie das entsetzliche Bild seines

Großvaters, das mich reizte und nicht hilflos machte wie seine Ruhe, mit

heftigen Worten an, als ob er es sei.

Sire, rief ich, es ist schade um die Seelen der beiden Kaufleute aus Lissabon,

um die ich beklagt bin. Denn ich ließ sie nur töten, um angeklagt zu werden und

so unter Eure Augen zu kommen, was ich anders nicht konnte, da Ihr zornig auf

mich wart der Dörfer wegen. Denn meine Petitionen werden nicht gelesen. Es ist

schade, denn mein Wort scheint leer wie ein geschriebenes zu sein.

Der König sagte: Und wenn ich es nicht erlaube . . . — Ich sagte: Dann tue

ich es auf die Möglichkeit hin, daß Sie mich als Briganten erklären. Ich fange

Yousouf . . . auch dann und — gegen Sie, Sire.

Er sah mich an, zum erstenmal, und lächelte: Auch dazu hätten Sie mein Geld

zum Equipieren nötig. Ihre unbedachte Ehrlichkeit nimmt Ihnen selbst das.

Ich sagte ihm, daß ich das Geld für die Dörfer hätte, aber da er wußte, wie

gering es war, lächelte er wieder.

Da zwang mich das Weh meiner Lippen — und es schrie in meiner Brust wie

ein Degen im Gefecht — daß ich ihm meinen Hals hinwies und ihm zurief, daß

ich wisse, daß er nach seinem Gesetz verfallen sei, aber daß ich es ihm doch

sage: Daß ich drei Schiffe hätte, ausgerüstet im spanischen Viertel von Brügge,

gebaut in Barcelona, Santa Maria, Coruña . . . daß ich die letzten Kredite auf

meinen Namen genommen, die Kerker der Dominikaner nach Sklaven

geplündert, daß ich den Albaycin in Granada nächtelang durchsucht und aus den

Schenken und verschrienen Gassen alles herausgerissen, was in meine Fäuste

fiel und kräftig war . . . Zuhälter, arabische Matrosen, drei hünenhafte Priester . .

. und daß ich fahren würde die Nacht — so oder so.

Da lächelte er wieder und sagte: Ich werde Sie verhaften.

Ich könnte Sie töten, Sire, rief ich; Juana, mein Kopf brannte, aber ich

zerbrach den Degen nur und warf ihn gegen die Wand.

Ah, sagte der König und ließ das Tier und zweifelte: Haben Sie Mut . . .

Da nahm ich das Wiesel und zerdrückte es in der Hand, langsam . . . während

das Furchtbare des königlichen Zornes mir entgegenquoll.

Ich ließ das Tier fallen. Aber des Königs Arme kamen über seine Wut auf

mich zu und drückten die meinen, und er zerriß das Diplom, das auf den Grafen

von Oropesa, Luis Quijada, gezeichnet war, und ließ die Fetzen durch das

Fenster fliegen und klebte sein Siegel auf meines — — —“

„Sie machen mich stolz auf Sie, Marques!“ Juana warf sich zurück und gab

ihre feuchten Blicke frei, die auf seinem trotzigen Körper weideten und in dem

Erglühen seines Gesichts wie zwischen jungen und heftig aufgebrochenen Rosen

spielten.

Dann fragte sie rasch: „Weiß es Luis Quijada?“

„Er fragte mich.“

„Was sagten Sie ihm, Marques?

„Ich sagte ihm wenig. Sie werden ihm morgen sagen, daß ich nicht, wie ich

könnte nach meinem Diplom, ihn als Briganten erklären werde, (denn mir allein

gehört nun der Stolz dieser Jagd) wenn er die Expedition, von der er sagte,

rüstet. Das Meer ist ihm frei.“

Juanas Körper streckte sich. Sie riß sich an den Händen nach ihm hin: „Sie werden den Auftrag da zurücknehmen!“ Er verneinte.

Sie flehte: „Marques, erklären Sie ihn als zum Töten erlaubt, als Brigant!“ Da

schwoll Las Casas’ Gesicht, der Körper wand sich, und aufzischend stampfte er

den Fuß auf den Boden und bat sie hochmütig und verächtlich, nicht zu scherzen

und in diesem Sinne die Demütigung von ihm zu verlangen, daß er Luis Quijada

für wert hielte, seine Rivalität zu fürchten. Und er bewegte die flache Hand nach

der Seite, als ob er nach einer Fliege schlage.

Juana sagte kühl mit gesenktem Kopf: „Ich werde den Auftrag nicht

ausrichten. Aber nur um des nicht, weil ich den Grafen Oropesa von heute nie

mehr bei mir sehe.“

Las Casas aber warf sich nieder und wälzte sich neben ihrem Bett und zwang

sie so lange, bis sie zugestand, daß sie mit dem Grafen verkehre wie früher.

Denn sein Stolz wäre dadurch schon erregt gewesen, wenn sie Quijada die

Beachtung des Hasses geschenkt hätte.

Sie richtete sich hoch, und er berührte dabei ihre Brust. Seine Hand fing an

heftig zu schwanken vor Verhaltenem.

Er stand auf.

„Ich gehe.“

Juana schnellte auf. Das Fertige des Entschlusses verwirrte sie und blätterte

sie auseinander in Begehr und Hilflosigkeit: „Nein . . . morgen —!“

Ihre Glieder rauschten unter der dünnen Decke. Wie sie auffuhr, sah er nur

das Innige ihrer Form, den Druck des Körpers in den Kissen — und dann roch er

sie. Es beugte ihn nieder, aber er zwang sich zurück und roch sie nur, sah nichts,

hatte kein Gehör und atmete mit geschwellten Nüstern.

Ich habe noch nie den Duft ihres Körpers gespürt, war es ihm.

Es spannte ihm das Hirn dunkel und süß zusammen.

„Morgen —?“ knirschte er, denn selbst die Stimmbänder waren mit Blut

überschwemmt. Und er legte seinen heißen Kopf neben den ihren und riß ihn

weg, taumelnd, und legte ihn wieder hin und Härte und Knabenhaftes verstießen

sich gegenseitig von seinen Mienen.

Dann riß er sich hoch. Juana faßte seinen Nacken und zog ihn von neuem

herunter: „Warum — du . . . heute?“ Sie stieß es brennend heraus und in Scham.

Sie stand halb und war halb gekauert in der Ecke des Bettes. Sie faßte seinen

Kopf, daß ihre Ellenbogen schräg nach oben standen und ihre Fingerspitzen sich

unter seinem Kinn berührten, während die Handflächen kühl nach den Schläfen

hinauf lagen. Nun war nur noch das Kreisen der Gesichter voreinander und das

Liegen von Auge auf Auge.

Endlich stammelte sie es, was ihre Glieder lange schon schrien: „Sie sollen

bleiben, Marques . . . hier — —“ und zitterte.

Er entrann gewaltig ihren Händen und wie von einer Welle aufgejagt und

gesteilt warf er sich auf die Knie, wühlte den Kopf in ihren Leib und drückte die

trockenen Lippen in einer Schnur von Küssen den Körper hinauf nach dem Hals

auf den dünnen Batist.

„Corazon!“ . . . stammelte sie. Und wieder: „Corazon!“ . . . mit hingebenden

Lippen. Seine Hände hatte Las Casas auf dem Rücken übereinander geschlagen

und mit entsetzlicher Anstrengung ineinander verkrampft.

Sein Mund spannte sich in allen Qualen und mit von Küssen halbzerfressenen

Worten sagte er: „Nein!“ und viele Male: „Nein.“ Und als er ruhiger war, kam es

ihm in das Bewußtsein, daß er sie liebe und daß sie ihn liebe und daß er es

immer schon wisse, aber heute erst sehe. Aber er haßte die Erkenntnis, und sein

Blick stieß gegen die Wand und kam nicht weiter, und sein Kopf füllte sich

schwer mit Blut und er sagte ihr, daß dies ihm nicht genug sei. „Ich habe Durst

nach dir, aber das Fliegende und Schreiende in meinem Blut geht weit darüber.“

Und er weinte und zerbiß den dünnen Stoff ihres Hemdes. Er stammelte gehetzt

von seinem Brande nach dieser Tat, die endlich soweit vorbereitet war, und

indem er davon sprach, sprühte das Aufleuchtende der Meere und Flotten vor

seinen Augen auf und raste in grellroten Kreisen über ihn: „Ich will den Bassa

nicht nur jagen, aufhängen, schinden, weil er meinen Bruder fing, unsere Schiffe

fraß und Isabella, die eine Verwandte ist, schändete und seinen Leuten ließ zwei

Wochen lang. Seit ich sehen kann, sehe ich ihn. Seit mein Gehirn Gedanken

packt, denke ich an ihn. Ich weiß jede Phase des Kampfes, mag er sein vor

Venedig, bei Cadix, in Marokko . . . ich weiß wie eingebrannt im voraus die

kleinste Schwankung des Gefechts. Es gibt keine Stelle, auf der ich ihn nicht im

Traum schon niederstieß. Meine Gedanken haben ihn so umkreist, daß ich jede

Narbe an ihm kenne, daß ich mehr von ihm weiß wie von mir. Der Name Bassa

Yousouf macht mich blind. — — Ich fahre heute nacht.“

Er stand kalt auf. Ihre Hand spielte auf seinem Haar. Sie ließ ihn, denn sie

begriff das Heiße in ihm und auch, daß sie ihn noch nicht ganz umschloß, aber

sie wußte, daß er sie liebe, und ihr war stolz, als er sich aufriß und sie nicht

nahm und sie brennend verließ.

Im Boudoir schlief die Zofe. Er beschenkte sie mit Gold, als käme er von

einer Liebesnacht.

Die Nacht war noch dicht über den Gärten, ein wenig gepreßt schon von

Jasmin, aber der Mond, der fast rund war, machte den Hafen heller, und eine

flaue Dämmerung hing zwischen den Masten.

Auf seinen Zuruf kam eine Barchette aus dem Schatten einer Mauer, nahm

ihn und landete im Dunkel, das um eine riesige Galeere lag. Er stieg am

Hinterdeck hinauf, eine Fahne rauschte hoch, jemand schoß eine Pistole in das Schweigen. Sofort rasten Männer über den Steg und schlugen mit langen Stäben

die Sklaven wach, Ketten rasselten, am Vorderdeck sammelten sich dunkle

Haufen, hinten um den rotbeschlagenen Sessel auf der Poppa blitzten die

Offiziere.

Auf jeder Seite hockten auf vierzig Bänken zu sechst an jedem Ruder

zweihundertvierzig Sklaven. Las Casas trat ein paar Schritte vor bis zur sechsten

Reihe, und alle Köpfe waren gegen ihn gerichtet. Die letzten und die Massen

Soldaten auf der Proda erkannte er nur im Mond wie weiße Bogen und Flecken.

Wie ein brennender Bienenschwarm funkelten die blutunterlaufenen Hunderte

Augen um ihn. Er schrie sie an:

„Wir werden den Bassa jagen, ihr Schweine! Dazu habe ich euch gekauft.

Das wißt ihr. Ihr werdet gutes Fressen haben und Wein Sonntags. Dafür spritzt

ihr das letzte Blut aus den Nägeln. So ist dies ausgemacht. — — Ihr sollt noch

mehr haben: Am Abend, an dem der Bassa gefangen ist, sei jeder frei. Jeder

kriegt tausend Maravedis. Grinst nicht! Es kommt noch mehr. Ihr bekommt

Kleider aus Wolle von Murcia, die innen rot ist. Ich gebe euch die Offiziere zum

Schinden frei, wenn ich falle und sie hindern euch. — — —“

Er hob den Blick zum Himmel. Denn das Schweigen schwelte dumpf unter

ihm. Die Augen der Sklaven waren so rot geworden, als seien hundert Lichter

auf den Bänken.

„Ich will jedem noch zwei Weiber geben aus Yousouf Bassas Harem. Eine

braune und eine helle. Am selben Abend noch . . . —“

Las Casas trat zurück. Die Ketten rasten auf. Grunzende Töne johlten herauf.

Schreie rissen sich los. Einer bäumte sich und bellte wie ein Hund. Ganz am

Ende hoben sich ganze Reihen und fielen zurück, glänzend wie Fische im

Wasser. Viele knieten hin und brüllten mit den geketteten Armen zu ihm

winkend oder den Kopf auf den Steg legend, daß er darauf trete.

Drei Pfiffe. Noch einige Standarten sausten hoch. Eine große Fanale senkte

sich über die Poppa. Am Vorderdeck lösten sich schwer Kartaunen. Fünfhundert

Rücken warfen sich mit vorgestreckten Armen zurück, zogen sie an, Ruder

schäumten durchs Wasser. Wie eine schmale schwarze Zunge schnellte die

Galeere aus dem Maul des Hafens in das leichte blaugelbe Band, das über dem

Wasser lag und Horizont war. Links und rechts zwei Zungen stießen nach.

Von drei Vorderdecks blies man: Benedito sea Dioz.

Die Sonne ging auf.

 

Die Schiffe fuhren zuerst nach Genua. Sie kamen eines Abends an. Eine

Goelette legte an bei ihnen. Ein Mann brachte Nachrichten, und sie fuhren in die

Nacht zurück. Am nächsten Tage fingen sie ein paar holländische Segler, die in

der Windstille lagen. Sie hatten Perlen, Seide und Pomeranzen. Sie verkauften

die Schiffe in San Sebastian.

„Wir werden Yousoufs Turban auf den Mast setzen und ihn nachts im

königlichen Garten aufpflanzen“, sagte Las Casas zu seinen Offizieren, und sein

Gesicht zuckte, während seine Hände mit den besten Perlen spielten, die er zu

einer Kette gebunden hatte und indem seine Gedanken um den Nacken Juanas

flossen.

Am Abend bliesen sie Hörner und Zinken auf der Proda. Aus dem Korb rief

einer und meldete etwas. Es war eine Walfischherde, die spielte.

Am folgenden Mittag stießen sie auf eine Flottille mit gekappten Masten. Die

Besatzung fehlte; nur einige Verstümmelte hockten auf den Rahen und schnitten

Grimassen. Sie waren vor Schreck wahnsinnig geworden. Ihre Ladung war

Florentiner Brokat und lombardische Mützen. Vor drei Tagen waren sie

überfallen worden. „Hui“, rief einer, auf einem nackten Widder-Gallion reitend,

immer: — — „die Weiberchen“ und schälte mit einem Nagel an dem Horn. Man

ließ sie weiter treiben. Man war auf der Spur. Mittags brannte es neben der

Munition.

Sie fuhren die Küste von Tunis entlang. Der Abend war ruhig, und es ging

kein Löffel Wind. Die Ruder liefen langsam und fast ohne Geräusch. Las Casas

saß in seinem Sessel und fühlte die gewaltige Stille und das maßlos blaue Meer,

auf dem die Sonne schwamm. Er wollte seine Gedanken davon lösen, aber es

legte sich über ihn. Er befahl zu musizieren, die Offiziere warnten. Doch er ließ

die Stücke abfeuern und mit achtzig Rudern das Meer aufwirbeln. Aber die

ganze entfesselte Wut war wie das Hüpfen einer kleinen Welle gegen das

Ungeheuere um ihn, dessen Stummheit ihn mit tausend Stimmen: Juana!

anschrie.

Da ließ er den Gedanken fahren, ihr die Kette zu senden und löste sie von

seinem Gürtel und warf sie ins Meer, daß sie seine Gedanken nicht zwänge.

Eine halbe Stunde darauf kamen sie zu den Zaffarin-Inseln. Sofort meldete es

von oben: „Zwei Gallionen.“ Las Casas kletterte selbst hoch, beschirmte die

Augen. Es waren Mudjaren und Araber, die furchtbar ruderten. Er sauste

herunter. Seine Blicke schossen in die Sklaven. Er schrie schäumend, und die

Ruder überschlugen sich. Immer rascher raste seine Stimme, die selbst den Takt sang. Sie kamen näher. Schon lösten sich vorn Geschütze. Doch trafen sie nicht.

Die Galeeren waren schon so dicht herangekommen, daß die Soldaten anfingen,

in die kleinen Schiffe zu feuern, andere die Haken bereit hielten. Da schwenkten

die Gallionen, ein Vorsprung verschluckte sie. Die hinterste hißte eine Fahne. —

— — — — — —: Schwarz, ein goldener Arm mit einem Säbel und ein

Totenkopf — — — die Flagge der Hauptschiffe Yousoufs.

Las Casas blieb bleich und beherrscht. Er wählte einen großen Araber und

ließ ihn hinrichten (er wollte sie zwingen, stärker zu fahren), daß sein Blut in

einer dünnen Rinne den anderen Sklaven zwischen die Füße lief.

Er betrachtete sie genau während des Vorgangs. Doch es erschien kein

Ausdruck auf ihren von Stumpfheit abgefeilten Gesichtern.

In der Nacht umruderten sie die Inselgruppe. Fortwährend gingen Signale hin

und her. Am Strand liefen zwei Fackeln in spiralenhaften Biegungen

durcheinander. Von der Mitte einer Insel schoß in Abständen ein weißliches

Feuer hoch. Ein dumpfer Gong bellte eine Zeitlang über das Wasser.

Las Casas stand weiß und die Zähne zusammengeschlagen auf der Poppa. In

der Dunkelheit konnte er nicht landen. Er war fünfhundert Meter von dem Bassa

und konnte ihn nicht fassen. Die Sklaven ruderten die ganze Nacht in

Schweißwolken gehüllt. Es roch noch nach Blut.

Am Morgen brachen zwei Gallionen, als es noch dunkel war, nach

verschiedenen Seiten durch. Sie hörten auf den Galeeren nur ein fernes Brausen,

als streiche ein großer Vogel mit der Brust über das Wasser.

Las Casas folgte mit zwei Schiffen nach Tres Forcas zu. Die andere Galeere

schwamm eine Stunde nach Westen. Der Offizier ließ dann die Lichter löschen,

Anker werfen und ruhen. Denn ihm schien das Tempo Las Casas’ wahnsinnig.

Bei Tag sahen sie am Horizont die Gallione. Sie hetzten den ganzen Tag,

verloren sich, fanden sich. Inseln und Buchten der Küste versteckten sie. Am

Abend trieben sie sie auf hohe See, doch fraß das Dunkel sie weg. Die Nacht

kreuzten sie vor dem Land und fanden sie gegen Mittag im Kreise treibend auf

dem Meere. Die Besatzung war geflohen. Sie sprangen hinüber. Am Mast stand

ein großer athletischer Türke. Die Sonne brannte mit weißer Glut. Die Planken

waren gesprungen. Der Türke war mit nassen Stricken an den Baum gebunden,

die Seile hatten sich gestrafft in der Hitze und ihm das Fleisch eingeschnürt, bis

es geplatzt war.

Er warf ihnen Worte entgegen, die sie stutzen machten. Da sprang einer vor

und deutete in sein Gesicht. Die anderen schrien mit auf. Sie erkannten ihn an

dem einen grünen Auge. Sie schnitten ihn los, aber seine Haltung, die ihre Wut

durch Geringschätzung niederdrückte und ihre Freude ihnen selbst verächtlich

erscheinen ließ, bewahrte ihn davor, daß sie an ihn rührten.

Sie suchten noch zwei Wochen nach Las Casas. Als sie ihn nicht fanden,

brachten sie den Bassa nach Cartagena. Auf alle Verhöre schwieg er. Das Volk

schrie nach Las Casas, als man ihn zur Exekution führte.

Juana weinte vor Zorn, daß Las Casas’ größter Ehrgeiz, dem er sie opferte,

von einem Subalternen blind und dumpf ausgeführt worden sei. Sie empfand es,

als hätte man ihren Körper beschmutzt, und schien sich gering geworden.

Auf dem Gang zur Exekution drehte sich der Gefangene um und sagte kalt:

„Ist es zum Tod?“

„Ja!“ . . . brüllten ihm zehn ins Gesicht.

Da spie er ruhig den Henker an.

Vierzehn Tage hing sein Kopf auf dem Plaza-Mayor.

Von Las Casas keine Spur. —

Eines Mittags peitschte sich mit steigender Eile eine Fregatte in den Hafen.

Ein Kapitän stand vorgebeugt ganz vorn und rief es hinüber ans Land, eh er

nachsprang: daß Yousouf Bassa eine Flotte, die Silber aus Mexiko und Gold aus

Peru brachte, ausgeraubt habe, und daß er Las Casas, der ihn verfolgte,

geschlagen habe. — — — — — — — — — — — — — Der Hingerichtete war

nicht der Bassa gewesen . . .

 

Am Abend saß Juana im Parterre des Spielhauses, über dessen Bühne ein Stück

von Moreto ging. Luis Quijada stand neben ihr und sprach von Zeit zu Zeit auf

sie ein. Sie folgte angestrengt den schwerbeladenen Szenen und bat in der

Zwischenpause, als ein burleskes Entremes wie eine klebrige Kette von Küssen

sich vorne erhob und sie zu sehr belästigte, den Grafen, sich neben sie zu setzen.

Er betrachtete sie einige Minuten und fragte sie dann, an was sie denke. Sie

antwortete nicht, sondern beschäftigte sich ganz mit ihrem Fächer.

„Ich bedaure es, daß Ihre Hoffnungen Sie so enttäuschen“, sagte er dann und

legte die Hand auf ihren Fächer.

Sie sprach sehr nachlässig: „Bei Gott, was habe ich gehofft?“ . . . und wagte

nicht aufzusehen.

„Das scherzen Sie, weil Ihre Wünsche in eine niederschlagende — — Komik

ausgelaufen sind . . . wie auf der Bühne: der Schwur des Königs in die

Knutscherei des Zwischenaktes.“

Sie sah ihn überlegen lächelnd an, allein das Spöttische seiner Mundwinkel

besiegte sie. Sie brauste auf: „Was wollen Sie mit Las Casas?“

Er hob die Achseln: „Casas . . . toll . . . Aufschwung . . . ziellos ehrgeizig . . .

jung, jung! — —“ Quijadas Stimme klang kühl, klang gerecht. Er fuhr fort, in

dieser Weise zu reden. Sie fühlte wie Verwundungen, daß er grausam sprach. Sie

unterbrach ihn einmal höhnisch: „Neid.“ Er schüttelte nur den Kopf. Wirklich nicht. Sie empfand den Widersinn seiner Worte in der Auslösung in ihr selbst,

denn es waren Schmerzen, die ihr nicht wehe taten. Und sie erstaunte, was das

sei. Und haßte ihn nicht darum. Seine Form war unendlich häßlich in der

Wirkung, aber scharf und zergliedernd und langsam überlegt. Wie er Schlechtes

über Las Casas sagte, war es ihr, als ob sich kalte Stellen auf das unerträgliche

Heiß ihrer Haut legten und irgendwas Luft ihr einblase, die wohltuend in sie

ströme, wo sie am Ersticken war.

Sie fuhr noch einmal auf und herrschte ihn an, daß er schweige, weil sie

plötzlich begriff, daß seine Stimme Macht über sie bekam. Doch er fühlte in der

Schärfe die Verzweiflung und sprach weiter. Der klare und starre Intellekt seiner

Worte überschwemmte sie. Sie fühlte in einer wohligen Apathie, wie er das

Heiße, das Begeisterte und das ungenau, aber groß Aufstrebende in ihr wie

zwischen zwei Fingern langsam zerquetschte und Las Casas’ Wollen so lange

auseinanderlegte, zeigte und verschieden beleuchtete, bis seine Silhouette klein

vor seinen Worten stand und er phantastisch und dumm erschien. Und weil sie

sich niedrig vorkam und beschämt in der Schwankung der Ereignisse und sich

das Bewußtsein dahinein verstrickte, daß sie die höchste Sensation ihrer Liebe

dem Effekt einer Komik ausgeliefert hatte in den Ergebnissen und Wandlungen

dieser Dinge, zürnte sie Quijada nicht. Zorn und Scham bereiteten ihr eine

Wollust der Schmerzen, die sich auf ihr Gesicht ausbreitete. Sie hörte ihm gern

zu.

Als sie ihn plötzlich von der Seite ansah, merkte sie, wie sehr blond er war,

und sie zwang sich, daß es ihr gefiel. — — — — — — — — — — — — —

Am Morgen, der folgte, stand sie an ihrem Fenster. Meer lag unter ihr. Zwei

gelbe Segel kamen aus der Tiefe des Horizontes heraus aufeinander zu und

schnitten sich wie zwei Säbel. Dann kam eine Barchette mit singenden Sklaven

vorüber. Ein Vogel schoß hell vor dem Blau herunter auf das Wasser . . .

Da wandte sich Juana zurück, und eine Scham ergriff sie leicht über die

Worte und Gedanken des Tags vorher wie über eine geheime und später sich mit

Trauer mischende Lust, und sie legte die Hände vor das Gesicht . . . und tat sie

rasch hinweg, daß ihre Blicke groß gegen den ungeheueren Horizont schlugen . .

. und da empfand sie deutlich wieder, in dieser Minute, daß dieser, daß er trotz

allem „O Las Casas!“ dessen Ehrgeiz an fremden Küsten wie eine heiße Linie

hinsause, tiefer in ihr Blut brenne als alles, was an sie herankam. Sie dachte an

Quijada, und es schien ihr jetzt, als sei er nur wie ein Spiegel, der den Glanz

eines allzu heftigen Gedankens an Las Casas aufnehme und bewahre.

Später kam Quijada. Er sprach wieder über Las Casas. Er sprach nie über sich

oder über sie. Aber da die Verwechslung aller Gefühlsstationen in der Beziehung

auf das eigene Ich ganz und allein Wesen und Eigenes der Frau ist und weil sie immer dies vertauschen: Daß, was heute, wie das Verschmähen ihres Besitzes

um einer Tat willen, sie bis zu den äußersten Grenzen der Idee entflammt, ihnen

beim ersten Hemmnis oder bitteren Wort eine Nichtachtung des Bluts erscheint

— und wie sie nur aus gekränktem Eros heraus denken können und tun . . . so

empfinden sie, unbewußt vielleicht, vielleicht oft, immer — es ist möglich und

einerlei — den Haß des Mannes auf den Mann als Liebe zur Frau. O wie die

Frauen über alles umronnen stehn von ihrem Blut!

Juana liebte Las Casas. Aber Luis Quijadas Grausamkeit gegen diesen lockte

ihr Blut. Seine Worte imponierten ihr. Das Zynische, der Trotz, der (es schien

ihr) aus Unverstandenem kam, zog sie an.

Einige Tage darauf gingen sie in den königlichen Gärten.

Von unten herauf kam ein Offizier in Gala, grüßte und ging nach dem Palast.

„Las Casas . . .?“

„Beruhigen Sie sich!“

Sie sah ihn an.

Bleich.

Da sagte er heiser: „Las Casas!“

 

Las Casas ging durch den Vorsaal. Zwei Hellebardiere vor ihm . . . öffneten den

Vorhang. Er stand vor dem König.

„Sie?“ sagte der.

Las Casas verbeugte sich.

„Warum kommen Sie?“

„Der Prinz ließ mich rufen.“

„Duell . . .?“

„Der Marques Siete-Iglesias (Sire, Sie kennen den Prinzen) nannte ihn

irgendwas. Ich schlage mich für den Prinzen.“

Der König winkte ab.

Langsam drehte er sich um und schaute durch das Fenster.

„Sie hatten schlechten Erfolg, Marques.“

Las Casas verbeugte sich. Da wandte der König ihm das Gesicht zu, nahm

einen verzierten Dolch, schenkte ihn Las Casas, gab ihm die Hand und sagte

gütig und klar:

„Das Wiesel soll nicht umsonst getötet sein.“

Las Casas lächelte verzerrt und ging.

Er schritt durch Säle und Verbeugungen, bis er in den Eckraum kam, den ihm

der Prinz überlassen hatte. Er ließ zuerst den Offizier kommen, der die Galeere

kommandiert hatte, die den falschen Bassa fing.

Als er eintrat, ein wenig dick und mit plumpem Lächeln, verlegen und geschmeichelt auf ihn zukam, griff Las Casas zwei schwere Beutel, die auf

einem Tisch neben ihm lagen, und warf sie mit erhobenen Armen ihm zu vor

ihn. Er rief ihm gleichzeitig, daß er sie aufhebe und als Belohnung nehme für

seinen Dienst. Und als der Offizier, rot geworden, nicht wußte, was das war,

befahl er ihm, den einen Beutel zu öffnen. Die Hand des Offiziers fuhr hinein

und auf seinem Gesicht erschien ein Reflex von fassungsloser Enttäuschung.

„Holländische Münzen . . . ge . . . fäl . . . schte . . . Molinillos —?“

„Wollen Sie, daß ich Sie für diese Tat mit anderem als mit einer — Imitation

belohne?“

Der Offizier begriff, daß dies ihm ins Gesicht geschlagen war. Er stemmte

sich auf, als wolle er den Beutel wegwerfen.

Da begann Las Casas’ Gesicht zu zittern: „He,“ tief er, „Herr!“ — und es

klang wie der Ton eines der krummen Hörner an einer königlichen Barchette: im

Befehl unabwendbar . . . und es knickte den Zornigen. Er ging mit hängenden

Armen.

Las Casas promenierte noch über eine Stunde in der Kühle des Korridors, bis

die Herren kamen, ihn zu holen und der Prinz, der ihn liebte, ihn umarmte. Das

Rendezvous war in einem gesperrten Teil des Gartens zwischen einer Fontäne

und einem Käfig mit zwei Löwen. Las Casas stieß nach wenigen Minuten seinen

Gegner durch den Nabel mitten durch, daß der Herzog von Medina-Sidonia mit

liebenswürdigem Lächeln die Bemerkung nicht unterlassen konnte, daß an der

Stelle, da ihm das Leben geworden sei, es wieder verströme.

Ein Strahl Blut war hochgezuckt und traf die Löwen. Ihre Augen wurden

grün vor Gier. Es pfiff durch ihre Nüstern, die sich nach außen bogen. Dann

brach die ungeheuere Wut des Verschlossenseins in ein erschütterndes Gebrüll

aus — durch die Stäbe, und sie warfen die Breite der Körper rasend dagegen, als

der Herzog sie mit seinem Degen kitzelte.

Mit Blut bespritzt, auf dem Rückweg zum Palast, traf Las Casas auf Juana

und Luis Quijada, der sich um sie bemühte. Sie war auf eine Bank

zurückgelehnt. Wie sie Las Casas sah, stand sie auf.

Reckte sich. Hoch. Stand schlank, gleich Stahl.

Ihre Blicke trafen sich. Ihre Herzen hämmerten einen gleichen in hetzenden

Takten selig geschwellten Rhythmus. Sie spürten, wie ihre Körper

aufeinanderdrangen und sich umschlossen, obwohl sie sich nicht bewegten . . .

und wie wenn ihr Blut aus den Adern presse, heraustrete und ineinanderströme.

Sie machte einen Schritt zu ihm hin, da sagte von irgendwo her, von der Seite

her? — — — neben ihnen wohllautend und dunkel eine Stimme, die Stimme

Quijadas:

„Ich, Marques, beglückwünsche Sie sehr zu Ihrem Erfolg heute — — wie ich ihr Unglück bedaure — sonst.“

Las Casas’ Blick fuhr an ihm vorüber wie an einer Wand. Drehte die

Schultern, entblößte seine Rechte von dem blutigen Handschuh, ging dicht an

Juana her und küßte ihr ernst und ehrerbietig die Hand. Sie sahen sich in das

Weiße. Dann ging er.

Nach drei Schritten wieder bog er um: „Graf Oropesa, . . . Sie sagten . . .

vielleicht, daß Sie mehr Glück gehabt, hätten Sie nicht versäumt, Ihre Segler zu

rüsten.“

Der Graf spürte, daß er eine schlechte Rolle spielte, sagte scharf, den

Schnurrbart kauend: „Sie haben mir nicht den Gefallen getan, mich für diesen

Fall Ihrem Diplom nach zum Briganten zu erklären. Auch im Großzügigen wie

in der Verachtung weiche ich Ihnen nicht.“

„Sie sollen es haben, Luis Quijada, die Erklärung haben, jetzt . . . gleich . . .

sofort — Auf Wiedersehen.“

Er machte eine schwache Geste nach dem Meere und ging.

Nach dem Refrescos, das er bei dem Prinzen nahm, brachte ein Diener ihm

einen Brief von ihr. Er trug ihn in sein Zimmer, las ihn. Las ihn wieder. Nur

dieses: „Komm —!“

Es durchzuckte ihn, blind, aufstammelnd: „Komm!“ Es fielen ihm ein die

Abende im Schweigen des Meeres, als er tiefer ward vor Sehnsucht wie der

Horizont und darüber erschrak, zürnte und zitterte. Und das betäubte ihn so, daß

er lange den Kopf gegen die Scheibe lehnte, bis er sich selbst empfindend,

langsam zurückkehrte in die Umgebung und sich gewaltig zufammenraffte und

toll gegen sein Blut, das stieg, schrieb:

„Wie kann ich nun, beschämt, zu Dir kommen, wo ich Dich aufschob bis

nach dem Erfolg. Ich müßte Scham haben über mich wie über einen Fuchs. Du

aber wärst feig, wenn Du nachher mich nicht verachtetest.“

Aber in der Dämmerung fand er sie in dem Garten. Sie spannte die Arme

nach ihm. Da fiel er vor sie hin und warf die Schmach, das Unbefriedigte und

die verbotene, selbstversperrte Sehnsucht in einem knabenhaften Weinen in

ihren Schoß. Sein Kopf bohrte sich zwischen ihre Schenkel, und sie sagten kein

Wort. Doch er warf ihre Robe zur Seite und küßte sie, eh er sie verließ, lechzend

auf beide Knie, so, als sei jedes Knie ein Mund.

Als er am nächsten Morgen sich einschiffen wollte, erhielt er ein Billet. Er

erbrach es am Ufer noch, einen Fuß in der Barchette.

Juana hatte die Nacht nicht geschlafen, weil das Dunkel ihr Blut quälte, und

raste nun nach ihm, daß er komme. Er schrieb: Nein! und: Lebewohl! auf den

Rücken des Papiers. Dann schiffte er ein.

Eh die Galeeren den Hafen verließen, stürmte ein ganz kleiner Hucker mit unmäßig geschwellten Segeln, schräg liegend, nach. Nur ein Mann stand darin.

Warf einen Brief herauf.

Sie schrieb: „Ich liebe . . . Deinen Stolz . . . die Härte . . . warte — trotz

alledem. —“

Er stand auf der Poppa, den Kopf rot, die Augen rot — eine überreife Frucht.

Die Lippen hatte er nach innen in den Mund gesogen. Wie eine weiße Falte lag

der Mund in dem Gesicht.

Seine Galeerensklaven durften sich in zwei Teilen an den beiden Abenden,

die folgten, ins sinnloseste betrinken. Er schenkte es ihnen.

Zehn Tage später liefen die drei Segler des Luis Quijada aus.

Juana sah beide nacheinander im Meer verschwinden.

Juana hielt die flachen Hände an die Brust und fing den Herzschlag auf darin

und warf ihn den Galeeren nach.

Doch als Luis Quijada lange weg war, bedrückte sie auch sein Fehlen doch,

da sie ganz allein war. Luis Quijada hatte ein Auge, wenn er von Frauen sprach,

das sie nicht liebte. Doch sie vermißte sehr das Kühlende seines Hasses. So

glaubte sie. Manchmal erschrak sie.

Es schien ihr, als ob ganz ferne ein großer Donner sich sammle, wie wenn ein

Bergwerk einstürze in allen Stollen und eine helle Lawine aus dem glatten

Himmel sause irgendwo. Und sie bedauerte, daß sie nicht tiefer hören könne,

und streckte sich im Kampf mit dem Unbewußten, auf, höher . . . und ward straff

gegen jeden Anprall und scharf wie eine Lanze.

 

Bandieren und Standarten spannten sich auf Las Casas’ Galeeren. Morgens und

abends bliesen sie Hörner auf dem Vorderdeck. Das Meer wechselte blau und

grün. Gegen Mallorka zu ward es wie Bernstein, als lägen glühende Monde auf

dem Grund. Die Sklaven ließen die Ruder und beugten sich über die Geländer

und starrten in die Tiefe. Doch Las Casas befahl sie zu prügeln, und sie krochen

wie die Hunde zurück.

Über die Poppa hing eine Fanale aus weißer Seide mit Las Casas’ Wappen in

Granaten bestickt. Menorkas Leuchtturm glühte in der Nacht vorüber.

Bei der Insel Galita war eine Falle für den Bassa gelegt. Zwei kleine Segler

mit Lamawolle und Wein aus Malacca. Doch sie verschwanden nachts, lautlos.

Las Casas kreuzte ganz Tunis ab.

In einem Felsversteck schloß er ein paar türkische Caramuzzals ein, die völlig

braun waren und fabelhaft in den schmalen Buchten lavierten. Sie schossen

verzweifelt mit Hagel und Ketten aus kleinen Kanonen. Beim Entern sprang ein

Mann zu ihnen herüber, Psalmen singend und Gott lobend. Las Casas ließ ihn

trotz dem Geplärr in Ketten legen. Die anderen schlug sein Henker mit der Keule tot und vierteilte sie. Die stärksten wurden auf die Ruderbänke geschmiedet. Die

Türken hatten eine Anzahl weggeschossen. Andere stach die Sonne zusammen.

Da der Renegat den ganzen Tag Hymnen sang (sein Blick hatte den

gewöhnlichen Wahnsinn der Überläufer), weigerten die Aufseher sich, ihn

langsam totzuschlagen. Las Casas besah das Wunder. Das fiel vor ihm hin und

nannte sich einen Franziskaner aus Jerusalem, der gezwungen übergetreten war.

Er küßte die Füße Las Casas’, und als der ihn nach dem Versteck des Bassa

fragte, heulte er auf, drohte und fluchte dem Türken und schrie, daß er den Platz

wisse. In den Kadenzen eines Pilgermarsches gab er singend die Weisungen für

das Schiff.

Las Casas ließ ihn an das Steuer schmieden und versprach ihm straflose

Freiheit, wenn sie den Bassa fingen. Legte aber eine Pistole in die Nähe seines

Blicks und sagte ihm, daß sie allein für ihn sei — — — für den anderen Fall.

Der Renegat allein lobte nur Gott.

Wie sie an die Stelle kamen, an der sie den Bassa überraschen sollten, sahen

sie eine gelbe Caramuzzal in einem schönen Bogen eine Mauer von Klippen

nach dem Lande zu durchschneiden. Von beiden Seiten wurden sie mit

Brandpfeilen und glühenden Eisen überschüttet.

Da befahl der Marques zu landen, schiffte zweihundert Soldaten aus, fing und

erschlug eine Anzahl Araber, die sich verzogen, und nahm die gelbe

Caramuzzal, die äußerst kostbar war. Zwei verschnittene Nubier saßen vor des

Bassas Kajüte. Er ließ sie foltern und sie gestanden, daß er wenige Tage entfernt

im Innern seinen Hauptpalast, ein stehendes Lager und den Harem hätte.

Las Casas beschloß die Expedition zum nächsten Morgen. Sein Herz ging

hoch, als ob er ganz dicht am Ziel sei. Er behielt nur fünfzig Soldaten. Die

Galeeren sollten so lange kreuzen.

Die Nacht war still. Feuer brannten am Ufer.

Von einem der Schiffe brüllte der Franziskaner seine Hymnen, bis ihm ein

Offizier mit einem Koran als Knebel das Maul verstopfte.

Am ersten Negerdorf, auf das sie trafen, erfuhren sie, daß am Abend der

Bassa in aller Flucht vorbei gekommen war. Sie nahmen ein Dutzend Männer

und Weiber als Geiseln mit und um den Weg zu weisen, obwohl sie schrien und

sich wehrten aus Furcht.

Sie brachen in die Wüste ein. Ein glühender fiebervoller Ring wälzte der

Himmel sich um den Horizont. Feiner metallischer Glanz schwebte in der Luft

wie Sand. Sie mußten die Augen senken, und das Blut zog sich ihnen wie

gefroren im Kopf zusammen. Manche fühlten, wie ihre Füße empfindungslos

wurden, schrien plötzlich etwas, rannten ein Stück in die leichten Dünen und

verbeugten sich . . . Sie hörten nirgends ein Geräusch, keinen Laut. Nur das war: wie wenn der grünliche Schlauch am Himmel sich langsam um sie

zusammenziehe.

Den Abend nahmen sie die Neger in die Mitte, zündeten Feuer an und stellten

Wachen aus. Die Neger pfiffen auf Muscheln und tanzten, auf der einen Seite die

Männer, auf der anderen Seite die Frauen, und wenn die Schlußtöne scharf in die

Höhe zischten, warfen sie sich wie zwei Brandungen in die Arme. Dann spielte

die Muschel allein. Auch sie schwieg.

Las Casas spürte eine große Ruhe und er glaubte, daß es Zuversicht sei. Er

wußte (ganz unstreitbar), daß er am folgenden Tage den Bassa griffe. Wie war zu

zweifeln? . . . Juana? Er würde sie dann in fiebernden Händen besitzen.

Auch das ohne Zweifel, wenn auch der Körper zitterte unter dem Gedanken.

Er hob den Kopf. — Ja . . . Bisamrosen hatten um die Bank gestanden und

geduftet. Und Nelken.

Sehr scharfe Nelken. — — —

Als er eingeschlafen war, wuchs ein Wald von Beduinen um das Lager und

senkte seine Lanzen in die Körper, die herumlagen. Las Casas banden sie und

einige andere, trennten ihn von ihnen und ritten mit ihm die Nacht durch und den

ersten Morgen. Dann rasteten sie. Las Casas ritt ein Kamel. Sie gaben ihm

Stutenmilch dieser Tiere. Er trank es nicht. Mittags ritten sie weiter. Rötlicher

Nebel schoß vor die Sonne und glühte die Kehlen aus.

Die Wüste war flach, ein wenig gewellt. Dann ritten sie eine hohe Düne

herunter. Ein Park von Zelten in grellem Karmesin, Gold und Grün stand um ein

paar Bäume und einen Brunnen. Las Casas trank Wasser. Abends fragte er, ob

sie ihn zu Yousouf brächten. Sie grinsten: Nein —! Da wuchs alle Kraft in ihm

und durchbebte ihn wieder.

Er liebkoste mit den Schenkeln sein Reittier: „Gute Stute . . .“ Denn seine

Hände waren gebunden. Nachts ritten sie in eine Stadt ein, er schritt durch

Gewölbe und Gänge und stand in einem Zimmer, plötzlich, mit hellgelben

Steinen, zwischen denen dunkle Ziegel in Figuren saßen. Eine Laterne stand auf

dem Tisch, Wein, Brot, Früchte.

Kurz darauf erhielt er den Besuch eines schönen bärtigen Türken. Sie

verhandelten über sein Lösegeld. Während sie sprachen, senkten des Türken

Augen sich auf den Tisch. Blitzhaft zuckte Las Casas’ Hand hoch, ein wenig.

Sein Dolch lag auf dem Tisch, den man ihm gelassen hatte. „Gib dir keine

Mühe!“ lächelte der Türke. Der Marques hatte die Waffe schon gepackt. Er

sauste mit einem heftigen Sprung durch die Tür. Er sauste gegen einen

dreifachen Ring Eunuchen, ohrfeigte einen aus Zorn und kehrte ruhig zurück.

„Ich sagte es dir“, achselzuckte der Türke, ein bißchen beleidigt.

Allein er ließ ihm den Dolch.

„Sag mir das eine!“ fragte der Marques scharf. „Bin ich bei Yousouf Bassa?“

Der andere lächelte: „Nein.“

Sie einigten sich über das Lösegeld und Las Casas blieb allein. Es ging schon

gegen Morgen. Er untersuchte sein Zimmer und schlief dann.

Drei Tage darauf entfloh er nachts. Die Tür war nicht verschlossen und er sah

keine Wache. Er stieß sich mit vorgestreckten Armen in das Dunkel eines

Ganges hinein, der sich in Windungen hinzog. Es roch modrig. Von Zeit zu Zeit

merkte er, daß Querstollen den Hauptgang kreuzten, aber er mied sie. Plötzlich

fühlte er Schwindel, und die Furcht, daß er sich im Kreise bewege, zog ihm das

Blut aus dem Gesicht. Er fühlte im Dunkel, wie er bleich ward und schlug hastig

den Gang in einen Kreuzstollen ein, der das Gewölbe durchbrach. Als er ein paar

Minuten sich die Wände entlang getastet hatte, bog der Stollen rechtwinklig ab,

eine Dämmerung schwoll auf, leichte Helle lockte, und er folgte der Anziehung

eines blauen Lichtes, das größer wurde und ihm entgegenströmte im Nahen und

Mond ward . . . und ihn hinauszog auf einen Hof, der ganz durchflutet war von

dem Licht.

Zwei große Steinlöwen lagen einander zugekehrt in der Mitte, als

schwämmen sie auf dem Glanz. Aus Mäulern und Nüstern stiegen ihnen

blitzende Strahlen Quecksilber.

Las Casas schlich über den taghellen Hof, an die Mauer geduckt und von

dem schmalen Gurt ihres Schattens bedeckt. Vor einem Fenster standen zwei

Palmen. Er zwängte sich hindurch und sah hinein.

Ein weißbärtiger Türke saß auf dem Boden und schaute müd und regungslos

dem Spiel eines jungen Hasen mit einer Schildkröte zu. Sie blieben eine Zeit so.

Innen der Türke in das Betrachten versunken, der Marques fand nicht den

Augenblick, sich von dem Posten geräuschlos zu lösen.

Da schoß etwas ins Zimmer. Der Alte hob die Augen. Die Augen mußten

über das Fenster . . . er hob die Hand, warf sie mit dem Arm in die Luft, Glas

splitterte, ein Dolch schlug neben Las Casas’ Kopf vorbei durch die Scheibe und

verlor sich zischend und blinkend nach den Brunnen.

Las Casas flog herum, kreiste um den Hof, seine Blicke faßten plötzlich eine

dunkle Öffnung in dem hellen Viereck. Er sprang hinein und fand keinen

Ausgang. Er tastete und die Wände waren feucht und glatt. Während er suchte,

fing ein runder Lichtfleck an, über die Mauer zu hüpfen. Wo er auftrat und hielt,

funkelte es auf. Andere Lichtbälle tauchten auf und spielten mit dem ersten. Sie

glitten übereinander und vermehrten sich, bis die eine Seite eine strahlende

Scheibe schien. Da erkannte Las Casas, die Wände seien Spiegel. Er suchte noch

einmal nach einer Öffnung, aber er fand keine mehr. Die Lichter stachen ihm

nun in die Augen. Da hieb er mit einem Aufschrei bebend vor Wut die Faust in eine der Scheiben, ein helles Gelächter lief über die Wände, irgendwo gab es

einen Ruck, eine Öffnung, durch die er schritt fünf Schritte bis in sein Zimmer.

Am Morgen flog die Türe auf, Mekkije wehte herein. Sie betrachtete ihn lang

und eingehend. Dann setzte sie sich vor seine Füße und fuhr fort, ihn anzusehen.

Darauf schüttelte sie wenig den Kopf und sagte: „Ich kann mit dir machen,

was ich will.“

Las Casas zuckte die Achseln.

„Wenn du mich liebtest“, meinte sie nach einiger Zeit ernst und überlegen,

„kostete es dich den Kopf. Zwei, drei Schnitte . . .“ . . . sie fuhr sachlich mit dem

Zeigefinger über den Handrücken. Sie sah ihn an, als ob sie immer mehr über

ihn erstaune.

Mit einem wegwerfenden Hochmut zog der Marques die Linien ihres

Körpers nach und wandte sich langsam nach der Wand.

Doch seine Blicke hatten sie aufgenommen und brannten ihr Bild in die

Mauer. Sie war sehr schön.

„Mein Vater hat sieben Monde“, fuhr ihre Stimme fort, „ich habe den Alten

schlagen lassen, dann habe ich mir zwei Ringe schenken lassen und dich.“

Las Casas drehte sich wieder langsam nach ihr. Da fuhr ein Lachen mit

tausend süßen Spitzen in ihr Gesicht: „Alle Querstollen führen in den Hof“,

lachte sie. Sie krallte die Hände auf und hielt sie ihm vor das Gesicht. Dann

lenkte sie ab: „Deine Haut ist schön. Sie ist nicht weiß und nicht sehr braun . . .“

Sie strich mit der Handfläche neugierig und schauernd über seinen Hals.

Der Marques packte ihre Hand und warf sie mit spitzen Fingern zurück. Sie

zog sie erstaunt an, legte sie in die Achselhöhle des anderen Arms und senkte

den Kopf schräg. Sie war enttäuscht und drohte ihrem hellbraunen Spielzeug

überrascht:

„Wenn ich will, kann ich dich an das Bein einer Kamelstute binden lassen,

die nach Tripolis geht. Du bekommst Schläge unterwegs und faules Wasser zum

Trinken. Oder du mußt Sand scharren im Hof, und wenn es mir paßt, auf dem

Kopf stehen und durch die Nase lachen.“

Ihr Mund verzog sich in ein glitzerndes Lachen. Rasch flog ihr Fuß aus dem

Pantoffel, das Bein schoß schlank aus dem weißen Hemd, hob sich und zupfte

ihn mit den Zehen am Schnurrbart. Las Casas schlug mit der Hand hart auf den

Fuß, der sich zurückzog.

Er stöhnte auf vor Schmach und schien sich gering gemacht und wie ein

Schwein oder gleich einem Hunde, mit dem man spielt. Sie sprang auf ihn zu

und drückte sich an ihn und strich ihm über den Arm und den Hals. Sie begriff

ihn nicht. Aber sie wollte ihn besänftigen. Doch er warf sie, während seine

Finger die ganze Schönheit ihres Körpers begriffen und im Gefühl bewahrten, ins Zimmer zurück. Sie taumelte gegen die Wand, stieß einen kleinen spitzen

Ruf aus, zog ihr Tuch bis unter die Augen und ging.

Einmal noch floh Las Casas.

Allein er kam in einen Garten, wo Mekkije mit vielen Begleiterinnen

dunkelblaue Bohnen und Winden begoß.

Er wußte nun, daß er ganz — wie ein Tuch und ein Stein — in ihren Händen

sei. Aber die Erniedrigung war nicht tief genug, daß er sich tötete. Er spielte oft

mit dem Dolch, und sie sah ihm aufmerksam zu. Einmal setzte sie sich auf seine

Knie und flüsterte etwas in sein Ohr, das er nicht begriff und das sie nie

wiederholte. Er sank, sank mehr. Um so stärker aber stieg das Bewußtsein der

Berufung in ihm.

Mekkije streichelte ihn oft und lächelte, wenn er sie abschüttelte, obwohl sie

sah, wie seine Lippen brannten.

Doch langsam sahen Las Casas’ Augen sie nicht mehr. Sie sahen trüb aus wie

Zisternenwasser. Es schien, als glotzten sie nach innen. Sie versuchte es drei

Tage nacheinander und hielt ihm ihren Finger vor die Pupille und stieß danach.

Sie brachte keinen Reflex heraus. Dumpf schwamm der Stern auf dem Weiß.

Da brachte sie ein Goldblech, auf dem viel Linien eingeritzt standen, und

flüsterte an sein Ohr: „Palast-Plan . . . Palast-Plan“, bis er begriff und ihn vor

ihre Füße warf. Denn er hielt das für eine List.

Allein sie verschloß sein bitteres Lachen mit den Lippen. Sie küßte ihn auf

den Mund und sah ihn traurig an: „Was willst du?“ Der ganze Körper bat.

Da floh er.

Er kämpfte sich durch Gewölbe und Tunnels, glitt über Terrassen und

Galerien und tauchte in einen Schlund, der schmal und lang vor ihm zog. Seine

Hände führten ihn tastend die Wand entlang. Er schritt minutenlang. In

Abständen waren in der Mauer Einlasse, die kleine Säulchen hatten. Einige

waren aus einem porösen Stein, andere völlig glatt. Er streichelte seine Hände

kurz und stolz: „Kluge Hände“. Ein Übermaß von Freude stand ihm bis zum

Kopf, bereit, durch Mund und Augen übermäßig aufzuspringen. Plötzlich packte

er einen Auswuchs und empfand im gleichen Moment, daß seine Hand in einer

Zahnreihe lag. Er half mit der anderen und erschrak, wie die Finger der beiden in

zwei hohlen Augenhöhlen verschwanden, die feucht waren und sich anklebten.

Da faßte er fest zu, brachte die Augen nahe und merkte, daß es ein Ornament aus

Gips sei. Wie er aufatmend vorwärts trat und sein Blut, das gehalten hatte,

aufsauste, griff er etwas Warmes. Mit dem Rücken stieß er dabei gegen die Tür,

die hinausführen mußte.

Seine Hände aber erkannten die Schönheit wieder, die sie einmal gefühlt

hatten, und packten sie. Es war heiß. Ein Mund saugte an seinem. Da gab er nach. — — —

Die Sonne draußen hatte schwarze Ringe, die um sie kreisten. Er senkte die

Augen. Zwei Beduinen empfingen ihn an der Tür, hoben ihn auf ein Tier und

ritten neben ihm. Er hatte den einen Tag ein Kamel. Am zweiten gaben sie ihm

einen Wechabitenhengst, Datteln und Wasserschläuche. Als sie ihn verließen,

sagten sie ihm, daß es knapp ein Tageslauf sei.

Er hielt sie an.

Er hielt sie an und fragte: „Wer war es, der mich losließ?“

„Die Tochter Yousouf Bassas . . .“ sagten sie. — — — — — — — — Er

wartete, bis sie verschwunden waren. Dann hielt er die Hand so, daß sie den

ganzen Horizont, aus dem er kam, bedeckte.

Hiermit und so war er fertig mit ihm.

Durch die Hand sah er sein Blut. „Juana . . . ja . . . mein Blut — — unser Blut

—“ schrie er und stachelte den Hengst mit dem Dolch.

Moos spann sich grau über die Wüste. Kranichzüge rauschten über ihm.

Endlos blendeten die weißen Kaktusfelder in der Ferne.

Ein Tuareg begegnete ihm.

Sie ritten scharf aneinander vorbei. Ihre Augen hielten sich so fest, daß ihre

Hände sich nicht rührten.

Endlich: Bäume . . . Bäume! Eine Allee. Orangenallee . . . Er fiel vom Pferde,

umarmte es, tanzte und küßte die dampfenden Flanken des Tiers. Am nächsten

Tag fand er die Galeeren. Am gleichen Mittag rannte eine Patrouille von ihm zu

Yousouf und bat ihn um eine offene Schlacht. Der Bassa schlug ein und

bezeichnete den Platz.

Sie stachen sofort los. Las Casas kam in Streit mit den Offizieren. Er trieb die

größte Eile an, weil er vor dem Bassa an der Kampfstelle sein wollte. Denn er

mußte auf jeden Fall die Stellung an der Küste haben, damit er den Feind gegen

das offene Meer hatte und so Flucht eine Unmöglichkeit sei und auf diese oder

jene Form dieser Kampf ein Ende sei. Die Offiziere wollten erst Wasser

aufnehmen in einem Hafen, der nahe lag. Doch Las Casas sagte, daß sie nach der

Schlacht Wasser genug haben würden hier oder da, und er wies auf das Meer und

in die Richtung des Hafens; da schwiegen sie, denn er lächelte dabei.

Die Sklaven hatten ausgehöhlte Gesichter und knirschten, als die raschen

Takte des Vorsängers ihre Muskeln zu angespannten Zügen zwangen.

Las Casas ließ sie schlagen und stand auf dem Vorderdeck, unbeweglich, den

Blick auf das Meer ausgestreckt. Die Ruder hieben in kurzen Intervallen in das

ruhige Wasser.

Er spreizte die Arme aus, und sie schienen ihm wie zwei Segel, die ihn nach

der endlichen Tat hin aufbauschten und trieben. An Juana dachte er wenig und kaum. Nur dies eine erfüllte ihn. Ein Lächeln, fast spöttisch, kräuselte seinen

Mund. Er schüttelte den Gedanken an sie unwillig ab. Stolz durchfuhr ihn

stürmisch und sengte seine Augen.

Er drehte sich und es war ihm, daß einige Bänke die Ruder weniger tief

streckten und so den Lauf hemmten, und er ließ auf einer erhöhten Bühne mitten

auf dem Steg zwischen den Bänken mit Sklaven zwei Neger hinrichten. Die

nächsten schauten bleich zu. In den zerrissenen Gesichtern stand Wut.

„Wasser . . . !“ brüllte ein langer Portugiese und drohte. Las Casas lächelte

ruhig und sehr gefaßt und ließ ihm das Halsblut der Neger reichen.

Er fühlte einen starken Sturm in sich, der ihn hob, schwellte und maßlos mit

sich selbst erfüllte, daß sein Wollen ins Ungeheuerste gesteigert und seine endlos

beschwingten Gefühle über alle Schicksale hinausstiegen und der Tod ihm nur

ein geringschätziges Spiel (wie mit Masken) erschien.

Am Abend stellten sie sich auf für den folgenden Tag.

Früh riß die Sonne den Himmel tiefrot auf und färbte das Wasser so. Und als

bedrücke das Ungeheuere der Front vor ihm etwas in seiner Seele, horchte er in

sich hinein und fand wie ein Pizzicato in der Ruhe seines höchsten

Geschwelltseins den Gedanken an Juana und riß ihn heraus und maß ihn mit den

letzten Erlebnissen und der Idee seiner Tat. Die Kartaunen des Vorderdecks

lösten sich schon. Die türkischen Caramuzzals umsprühten die Galeeren mit

glühenden Kugeln. Eine zischte zwischen die Ruderer und verbrannte sie. Es

roch nach versengtem Fleisch. Die nächsten heulten auf und ließen die Ruder.

Da ließ Las Casas die Hörner blasen.

Auf den anderen Schiffen antworteten sie. Eine Schlinge fiel vom Hauptmast.

Sie legte sich um den Kopf des Portugiesen und zog ihn hoch und schwang ihn,

der sich verrenkte und mit den Armen, die Hände zu Fäusten gekrallt und die

Zeigefinger nur erhoben, die Luft schlug, in weitem Bogen über das Schiff.

Pfiffe rasten über die Decke. Alle Ruder hoben sich und schäumten auf die

Caramuzzals ein.

Las Casas zwang nun den Gedanken an Juana ganz aus sich. Nur die Tat

sollte sein. Er stand auf der Poppa und suchte die größte Caramuzzal. Eine

Flagge deckte sie: Rot mit sieben schwarzen Monden.

Endlich: Yousouf! —

Das Wasser spritzte karminenen Schaum, so war es von der Sonne

durchtränkt.

Las Casas suchte hier in der ungeheuersten Erhebung, in der durchbebtesten

Ekstase seines Lebens den Gedanken an Juana zu töten. Eine wahnsinnige

Freude durchschwang ihn. Er hatte den Dolch durch den Mund gezogen. Seine

Hände hielten kalt und verkrampft das Steuer. Alle Kanonen entluden sich und schrien gegeneinander.

Ein junger Offizier vor ihm drehte sich um und brüllte etwas mit leuchtenden

Augen zurück, was das Getöse verschluckte. Las Casas sah ihn an. Und als

hätten die nicht gehörten Worte etwas gelockert, als hätten sie ihn das gefragt,

um was er rang, brüllte er dem Jungen zu (der ihn nicht verstehen konnte) die

Arme um das Rad, mit Lippen, die sich zerrissen an dem Dolch im Mund:

„O alles . . . hätte ich auf den Bauch geschmissen Dreck gefressen, drei

Monate oder vier . . . wären meine Gedärme zerfetzt daran . . . hätte ich den Bart

säubern müssen des Bassa jeden Tag von Eiern und Speisen und schlechten

Küssen, wäre ich stinkend geworden und nach Übelem riechend und hätte ich

keine Zähne mehr im Mund und wäre ich gewesen wochenlang beschämt bei

alten Weibern, die hängende Brüste hatten und Riemen von Adern aus den

Gliedern quellend . . . o, alles nichts, klein, sehr klein, — — — kein Lachen . . .

keinen Wink wert ist es, ist die Schmach gegen diesen Moment, gegen dieses

Steigen — — — und was Juana ist — — — was ihr Andenken ist . . . es wiegt

nicht so viel, daß ich es nur so sage, nicht einmal mein Brüllen ist es wert . . .“

— — —

Nun hatte Las Casas Ruhe für seine Tat.

Seine Lippen zuckten zerrissen.

Ehrgeiz füllte seine Augen, daß sie grün blitzten.

Die Offiziere standen um ihn.

Blut rann über sein Gesicht.

Mit einem scharfen Ruck warf er das Steuer nach rechts. Geknarr und

Erschütterung knirschte auf. Die Galeere lag nun neben der Caramuzzal

Yousoufs, deren Geländer sie weggerissen hatte. Dunkle Massen strömten

hinüber.

Mit einem Lächeln (dies war sein Tag), ganz ruhig stand Las Casas auf der

Poppa. Sein Gesicht war hell und stet wie eine Fahne.

Aber dann: — — als er hinübersprang und sah, wie Bassa Yousouf mit vielen

Kugeln durch den Bauch geschossen erledigt war und sie ihn aufhoben und

vorbeitrugen dicht an ihm . . . kniete er, wo er stand, nieder, warf sich auf den

ersten Toten, der aus der Brust blutete, küßte die Brust — — — und stammelte:

„Juana“. Stammelte: „Juana“. Nichts weiter. Nur dies.

Sie legten den Toten auf die Poppa. Las Casas betrachtete ihn genau. Er sah

seiner Tochter ähnlich . . . die Wolke über der Stirn . . . die Braue und der

Nasenflügel . . . Las Casas erstaunte über die Leiche. Er wußte nichts damit

anzufangen. Er roch die Nelken im Garten von Cartagena. Jonquillen, fiel ihm

ein, waren auch dabei. Er fuhr mit den Fingern in die Wunden des Bassa und

untersuchte sie.

Dann zuckte er die Achseln und trat zurück.

Der junge Offizier kam und küßte ihm die Hand.

Die Kommandeure der beiden anderen Galeeren traten auf ihn zu: Sie seien

stolz . . . unter ihm . . . dieser Sieg — — —

Nun begriff er wieder: So, ja, Yousouf Bassa . . . Er strich die Stirn: Ja. Er lag

da. Auf der Poppa . . . tot? . . . Tot!

Stolz hob seine Schultern. Freude überflammte ihn. Es war die erste Tat im

Reich. Gewiß. Er hob die Hand. Sie bliesen: Benedito sea Dios.

Die Sonne ward schon gelb und stieg.

Dann sprang er zurück auf dem Hinterdeck und gab das Signal zur Abfahrt.

Ein Schrei der Wut peitschte über das Verdeck.

Offiziere hoben die Hände, bestürmten ihn: „Teilung der Beute . . . Ruhe . . .

Soldaten . . . die Sklaven seien ausgelaugt.“

Las Casas stemmte sich hoch: „Wir fahren!“

Sie fuhren in einem dumpfen Schweigen.

Niemand sprach.

Sieben türkische Caramuzzals waren erobert worden, auf die Soldaten verteilt

wurden. Die Gefangenen mußten rudern. Ein Schiff trug den Harem.

Als sie den ganzen Morgen gerudert hatten, sprangen den Leuten Arme und

Lippen auf. Die Sonne brannte einige tot. Doch sie wimmerten kaum.

Weißglühende Wut schwelte in den Augen der Soldaten.

Las Casas saß auf dem Vorderdeck, wo der Wind ihn zuerst kühlte. Die

Leiche Yousouf Bassas lag neben ihm. Seine Augen weilten manchmal auf ihr,

dann sogen sie sich wieder glühend, brennend in den Horizont fest. Er freute

sich über die Tat. Aber er begriff nicht mehr, daß er über Juana weggesprungen

sei wegen ihr. Er fühlte sie so um sich, als könne er ihre Umrisse mit den

Händen fassen. Es war unmöglich — wie konnte es sein, lachhaft und kindisch?

— daß er sie dreimal verschmäht hatte. Er blickte auf den Toten. Es war doch so.

Doch er verstand die Wichtigkeit dieser Tötung nicht mehr.

Offiziere baten ihn, das Tempo des Ruderns zu mäßigen. „Die Leute

verrecken vor Durst. Die Zungen kriechen ihnen wie böse Tiere aus den

Mäulern,“ sagte heftig der junge Offizier.

Las Casas ließ ihnen die letzten Rationen austeilen. Das Tempo blieb das

gleiche. Es ward Nachmittag.

Las Casas brannte in einer Flamme: Juana. —

Seine Blicke hoben aus dem Ende der Wasserfläche einen Garten voll Lauben

und Gerüchen und eine Nacht darüber, mit Sternen dicht verschnürt, in der er sie

besitzen wollte. Es nahm ihm den Atem. Es preßte alles beiseite. Er mußte ohne

einen Ruderschlag Pause nach Cartagena. Er schob den Toten mit dem Fuß zur Seite, da er ihn plötzlich haßte, weil er in ihn die Ursache verlegte (die in seiner

eigenen Brust saß), daß er Juana verschmäht hatte.

Da brüllte es hinter ihm plötzlich wie aus einem Ventil: „Wasser!“ Es war ein

gellender, trockener Ruf. Er fuhr herum. Murmeln erstickte in seiner Nähe. Aber

dort brach es aus: „Wasser!“ . . . und schlug hinüber und zündete und an hundert

Seiten zuckte es hoch und heulte aus den Mündern. Die Augen waren ihnen stier

geworden, und die weißschweißigen Gesichter brannten.

Las Casas’ Hirn schob blitzschnell den Gedanken vor: Gefahr! Sein

Bewußtsein packte zu und begriff dumpf, daß ihm ein Hindernis entgegentrete.

Rote Wut schüttelte ihn. Er sprang vor:

„Schmeiß,“ schrie er, „Geschmeiß,“ und wieder: „Vieh . . . Ihr wollt weniger

tun, Hunde, wo ich mehr Eile habe. — Sklavenführer, aufs Vorderdeck! . . . Die

Riemen in die Peitschen gezogen . . . Zehn Takte rascher gefahren im Viertel der

Stunde. — Den Bankersten die Bastonade!“ . . . Seine Stimme war wieder

beherrscht geworden. Die Riemen klatschten über die Rücken.

Die ganze Nacht ließ er sie mit Wasser begießen, das sie kühlte und ihren

Schweiß wegschwemmte. Allein das Meerwasser biß scharf in ihre Wunden, daß

sie schrien über das Geschenk.

Am Morgen stand einer auf als Deputat: „Wir können nicht mehr.“ Niemand

hörte auf ihn.

„Gib uns einen halben Tag. Wir legen uns auf den Bauch diese Zeit. Dann

streifen wir das Schiff wie einen flachen Stein übers Wasser.“

„Einen halben Tag . . .“ johlten die anderen.

Der Deputat drohte: „Wir brechen die Ruder . . .“ Da gab Las Casas Befehl,

ihm, dem die Ohren von Toledo her fehlten, die Zunge aus dem Munde zu

nehmen und ging hinunter, die Zähne in den Lippen und bleich. Denn es

schmerzte ihn, solches zu befehlen, aber seine Lippen hatten nur ein Wollen, das

wie ein ungeheueres Zittern daran hing und auf alles niederfiel, was es sperrte:

„Juana!“

Er ließ den Sklaven Wein geben. Das Geringe berauschte sie. Die Galeeren

zogen rascher.

Sie zogen rascher. Die Sklaven lechzten, Mäuler aufgesperrt, aber noch

entfeuert.

Sie bekamen neue Mengen und ruderten rasender, bis einer schrie:

„Weiber — — — — — — — — — — — —“

Langgedehnt zog der Laut über das Schiff. Eine Stille schob sich nach, die

alles preßte.

Dann rasten alle in die Höhe und hämmerten ihre Ketten gegen die Bänke:

„Dein Ver—spr—e—e—e—chen . . . am selben Abend . . . zwei . . .

Schuft! — — — Du . . .“

Las Casas stand ihnen mit blassem Lächeln entgegen. Die Aufseher

peitschten sie mühsam wieder an die Ruder zurück. Eine Bank hatte sich

ineinander verbissen. Sie bissen sich Stücke aus dem Fleisch.

„Ihr werdet sie haben, eh’ der Tag ’runter ist. Wenn ihr euch eilt, Bande!

Dann sind wir in Cartagena.“ Las Casas’ Stimme klang knapp, unendlich

beherrscht.

„Es ist gelogen, ist erlogen . . . Hund!“

Las Casas ließ sie.

Als aber ihre Bewegungen langsamer wurden, erschrak er. Es blitzte ihm

durch den Kopf — er müsse den Abend in Cartagena sein — — um alles.

Er ging auf dem Deck herum und zerbog die Hände ineinander, bis er den

letzten Entschluß sich abgepreßt hatte.

Er befahl ein halbes Dutzend Weiber aus dem Harem herüberzuschaffen. Er

wußte (in brennendster Qual), daß die Sklaven die Frauen des Harems beim

Umladen nach der Schlacht gesehen hatten: Sie waren nackt. Ihre Brüste waren

kobaltblau. Der Bauch glänzte nach ihrer Sitte rund mit Gold gemalt. Sie sollten

vor ihnen tanzen, daß sie rascher führen.

Alle mußten hinuntersteigen.

Nur die Sklaven blieben, einige Offiziere und Las Casas.

Die ungeheuerste Erwartung machte den Sklaven die Gesichter weiß wie die

Planken, die Augen rissen sich auf in erschreckender Weite. Auf Las Casas’

Gesicht saß ein Lächeln wie eine Dolchspitze.

Dann fingen die Boote an hinüberzufahren zur Caramuzzal, die den Harem

trug. Die Wächter hieben auf die Sklaven ein. Las Casas sah knirschend vor

Scham und Schmerz, wie irgendwo einem Geifer aus dem Maul rann, während

er blöd auflachte. Anderen brach der Schweiß in Strömen aus dem Gesicht. Sie

sahen aus wie Pilze, auf die plötzlich Tau fällt.

Keiner schrie. Eine furchtbare Lautlosigkeit fiel auf die Schiffe. Die

Gesichter waren ins Unkenntlichste verzerrt. Wo manches Nase oder Mund sonst

war, saß nun eine Falte der grausamsten Qual.

Las Casas hatte sich umgewandt, denn was er tat, empörte seine Seele. Er

schlug die Arme übereinander, daß sie ihm die Brust einbogen, biß die Lippen

zusammen und starrte ins Meer und weinte vor Zorn über sich. Er flüsterte:

„Juana“ und empfand Rechtfertigung für alles. Denn er mußte den Abend in

Cartagena sein (er kam den Abend nach Cartagena) oder wahnsinnig werden

oder zerplatzen vielleicht, und jedes Ding war blaß gegen diesen Willen.

Er hörte keinen Laut wie das Keuchen der Männer. Dabei empfand er, wie die

Galeere mit erstaunlicher Geschwindigkeit flog.

In der drückenden Stille hinter seinem Rücken bohrten die achthundert

Augen sich auf die Caramuzzal, an der die Boote gerade anlegten. Ein silbernes

Horn (wie rein es scholl zwischen den Masten und gelben Segeln!) hob sich mit

zartem Laut auf dem Verdeck drüben. Eine Stimme rief einmal (wie klang sie

jung und nach Andalusien!): „Seht! Sie tragen Sonnen auf den Leibern.“

Las Casas wandte sich nicht um.

Aber plötzlich trat er zur Seite, wie zerrissen von einem Gedanken und hob

den Arm mit einem raschen Mal streng und senkrecht . . . niemand wußte, wollte

er Einhalt rufen oder winken.

Doch die Geste wirkte unsächlich.

Es brach ein einziger, das Entsetzlichste aus allen Brüsten lösender Schrei

über die Galeere hin. Es war zu viel.

Einer der Sklaven hatte Las Casas’ Bein gepackt. Las Casas verschwand

unter der gebeugten Wut von sechs Leibern, tauchte auf, formlos, und flog wie

ein Ball auf die andere Seite. Sie warfen ihn sich zu. Vierzig Bänke links.

Vierzig auf der anderen Seite. Einer senkte seinen Mund auf seinen Hals. Ein

anderer schlug seinen Trinknapf aus Blei auf seinem Kopf fest. Dann blieb er

irgendwo liegen. Soldaten kamen herauf, Gefangene, erschlugen die Offiziere,

befreiten sich und vergaßen ihn über ihrem Gelage.

Nach einer Stunde brannten drei rote Punkte im Horizont auf.

Sie schwollen und wuchsen, flogen unterm Wind herauf. Drei Schiffe mit

roten aufgebauschten Segeln fuhren an die Galeeren heran. Die Sklaven wurden

überwältigt. Luis Quijada kam herüber von seinem Segler. Denn er war es.

Luis Quijada ließ sie im Kranz zu Vierhundert um die Reeling hängen. Die

Leiche Las Casas’ ließ er hinüberbringen und bedeckte sie mit seiner Fanale.

Dann ließ er die anderen Schiffe herankommen und bestieg die Caramuzzal,

die des Bassas Harem trug. Er teilte die Beute ein, sonderte die fünfzig Besten

aus und schiffte sie in seinen Segler ein. Die anderen schenkte er seinen

Soldaten. Darauf stieg er in die Kabine, in der die Favoritinnen Yousoufs lagen.

Es war eine kleine Kajüte mit lackiertem Mahagoni und Zitronenholz. Sie hatten

sich mit Alhenna gefärbt und rauchten. Er saß mit ihnen und sie tranken

gemächlich mit ihm, der lächelnd und zärtlich scherzend mit ihnen sprach,

zutraulich Kakao und Orangenwasser.

Er hatte einen Segler vorgeschickt. Es ward Abend, als sie in Cartagena

einliefen. Große Mengen standen am Kai. Man sah eine Flotte kommen. Das

Banner Las Casas’, Quijadas, das von Kastilien und die rote Fahne mit sieben

Monden wehten von einem einzigen Mast. Juana stand am Steg.

Eine Bahre ward aus dem Schiff herübergebracht und ans Land gestellt.

Quijada folgte. Las Casas’ Kopf erschien, wie einer das Tuch hob, unter der weißen Fanale, auf der sein Wappen stand. Um seine Stirn saß festgebissen mit

einem dunklen Strich das Bleigefäß des Sklaven wie ein schlechter

Heiligenschein.

Juana taumelte.

Dann aber fing sie sich mit einer maßlosen Bewegung wieder in sich selber

ein. Und da sie nicht allein das Stolze liebte und die Stärke, sondern das

Endgültige vor allem und den Sieg, ging sie um den Liegenden herum und raffte

ihr Gesicht auf, daß es glänzend ward wie das Metall einer über einem Heer

geblasenen Trompete, schritt kurz auf Luis Quijada zu und legte ihren Kopf an

seine Brust.

Luis Quijada fröstelte erstaunend über das Entsetzliche ihrer

Entschlossenheit, aber er tat doch den Arm um sie, denn er hielt sie nicht für

schlechter als die drei Besten aus seinem Harem.