Die Universität Basel in den fünfzig Jahren seit ihrer Reorganisation im Jahre 1835
14. Chirurgische Klinik.
Aus vorstehendem Ueberblick über die Verhältnisse der medicinischen Klinik während der ersten zwanzig Jahre ihres Bestehens erhellt, dass die Entwicklung des Institutes in allen Hauptbeziehungen eine sehr glückliche genannt werden darf. Es fehlt ihm namentlich weder an einer ausreichenden Frequenz der Zuhörer, noch an dem nöthigen Lehrstoffe in Bezug auf klinisch-brauchbare Fälle. Zu wünschen wäre dagegen sehr, dass ihr für die grössere Zahl der Besucher auch ein grösserer und zweckmässig eingerichteter Hörsaal nach dem Muster anderer Kliniken im Spitale eingerichtet würde, und dass namentlich dem Kliniker und dessen Mitarbeitern daselbst etwelche passend gelegene und hinlänglich grosse Arbeitsräume zugewiesen würden, da es an solchen schon seit mehreren Jahren nahezu völlig gebricht, und die früher disponibeln Räume zu Krankenzimmern eingerichtet werden mussten. Es steht zu erwarten, dass diesen Uebelständen bei der bevorstehenden Verlegung des Irrenhauses Rechnung getragen werde, da andernfalls ein Hauptzweck der Klinik, wissenschaftliche Forschung zu fördern und überhaupt in strenger Methode zu ermöglichen, nur in der unvollkommensten Weise erfüllt werden könnte.
Hermann Immermann.
14. Chirurgische Klinik.
Die chirurgische Klinik in Basel datiert vom Jahre 1865. Wohl hatten schon früher die Oberärzte des hiesigen Bürgerspitals die Befugniss, bei ihren Krankenbesuchen und bei Vornahme von Operationen Studierende der Medicin zuzuziehen; einen geordneten regelmässigen klinischen Unterricht gab es aber nicht und konnte es aus Mangel an den nöthigen Einrichtungen nicht geben. An die Einführung eines solchen konnte erst gedacht werden, als den 15. März 1865 durch einen Beschluss des Kleinen Rathes die letzten Hindernisse fielen, welche der Vollziehung der zwischen der Universitäts-Behörde und dem löblichen Spitalpflegamt getroffenen Vereinbarung entgegenstanden. Schon für das Sommersemester 1865 wurde ein erster Anfang gemacht; doch fanden die angekündigten klinischen Vorträge wenig Berücksichtigung, weil der gleichzeitig neu organisierten medicinischen Klinik die entsprechende Leitung noch fehlte. Erst als durch Berufung von Herrn Professor Liebermeister für das folgende Wintersemester diesem Mangel abgeholfen war, konnte den 7. November 1865 vor 9 inskribierten Praktikanten und einer Anzahl hiesiger Aerzte die chirurgische Klinik in Basel als definitiv constituiert erklärt und eröffnet werden.
Von diesem Tage an bis heute wurde dieselbe, mit nur zwei nennenswerthen Unterbrechungen während der Kriegsjahre 1866 und 1870, jeweilen in anderthalb Stunden Vormittags an fünf Wochentagen vom Unterzeichneten gehalten.
Die schon erwähnte Uebereinkunft zwischen dem Regierungsrath und dem Stadtrath, welche im Jahre 1875 erneuert und erweitert wurde, beseitigte den Hauptübelstand früherer Zeit durch die Einführung der sogenannten Freibetten. Diese Einrichtung giebt dem klinischen Vorstand die Befugniss, »bis auf 10 Betten mit Kranken zu besetzen, welche nach seinem eigenen freien Ermessen, ohne Rücksicht auf Heimath, Zahlungsfähigkeit und sonstige Berechtigungsgründe aufzunehmen sind.« Da die gewöhnlichen Spitalkranken, ihrer Zahl und Beschaffenheit nach, in keiner Weise genügen konnten, um die nöthige Abwechslung in der Wahl der zum Unterricht zu verwendenden Krankheitsfälle zu ermöglichen, waren und sind diese Freibetten geradezu eine Lebensbedingung für die hiesige chirurgische Klinik, abgesehen davon, dass dieselben für viele arme, unglückliche Kranke der Stadt und der Umgebung eine grosse Wohlthat sind. Sobald daher durch den Ausbau des neuen Krankenhausflügels der Raum es erlaubte, wurde von der neuen Einrichtung ein im Laufe der Jahre immer steigender Gebrauch gemacht. Während in den ersten Jahren die Zahl der in die chirurgischen Freibetten aufgenommenen Kranken zwischen 40 und 60 schwankte, stieg sie später auf 100 bis 150. Im Ganzen sind während der letzten neunzehn Jahre 1854 Freibettpatienten, meist schwere und seltene Krankheitsfälle, zum Unterricht verwendet worden.
Der jeweilige Assistenzarzt der Abtheilung war auch stets in der Klinik thätig und unterstützte den Vorstand bei den Demonstrationen und Operationen; ebenso hielt derselbe regelmässig einen praktischen Kurs in der Verband- und Instrumentenlehre.