Die Universität Basel in den fünfzig Jahren seit ihrer Reorganisation im Jahre 1835
15. Geburtshilflich-gynækologische Klinik.
Die Frequenz des Besuchs von Seiten der Studierenden war von Anfang an eine stetig zunehmende. Während der ersten fünf Jahre war das Mittel per Semester 12 Zuhörer und Praktikanten; in den darauffolgenden fünf Jahren stieg dasselbe auf 22,3. In den letzten zehn Jahren betrug es 30. Im Ganzen inskribierten sich während der verflossenen zwanzig Jahre 946 Studierende.
Da heutzutage von jedem jungen Arzt verlangt wird, dass er ein durch vorherige sorgfältige Uebung gesichertes Wissen und Können fertig in die Praxis mitbringt, und da er selbst nur unter dieser Bedingung den schweren Verpflichtungen, die er gleich bei Anfang seiner Berufsthätigkeit übernimmt, Herr zu werden vermag, ist es eine der Aufgaben des Unterrichts, die Erwerbung praktischer Kenntnisse und Fertigkeiten so viel wie möglich zu erleichtern. Ein ganz wesentliches Mittel hiezu sind die Assistentenstellen. Sie stehen jedem Mediciner aus den älteren Semestern offen, vorausgesetzt, dass er sich sonst durch seinen Charakter dazu qualifiziert und für ein Jahr sich verpflichtet. Seit 1865 sind über 40 Studierende als Assistenten der chirurgischen Klinik thätig gewesen.
Den finanziellen Bedürfnissen der Klinik durch Anschaffung von Lehrmitteln jeder Art wurde im Lauf der Zeit in verschiedener Weise genügt. Anfangs bezog hierzu der Vorstand jährlich eine bestimmte Summe aus dem »Klinischen Kredit.« Nach 1875 übernahm die Spitalverwaltung diese Ausgaben für sämtliche klinische Institute gegen eine bestimmte jährliche Gesamtvergütung. Ausserdem erhielt die chirurgische Klinik einen Zuschuss von Fr. 200 aus dem medizinischen Vermächtnissfond. Endlich wurde durch Regierungsrathsbeschluss vom 23. December 1882 eine Summe bis auf Fr. 2000 jährlich dem jetzigen Vorstand der Klinik zu Unterrichtszwecken bewilligt. Dadurch wurde letzterer in den Stand gesetzt, sein Privatlaboratorium auch einzelnen Studierenden zu eröffnen und einen Assistenten zur Unterstützung ihrer wissenschaftlichen Arbeiten anzustellen.
August Socin.
15. Geburtshilflich-gynækologische Klinik.
Bis zum Sommersemester 1868 fehlte jeder praktische Unterricht in Geburtshilfe und Gynækologie.
Theoretischer Unterricht wurde in verdankenswerther Weise von dem Privatdocenten Herrn Dr. Achilles Burckhardt ertheilt.
Am 3. Juni 1868 wurde die geburtshilflich-gynækologische Klinik im Neubau des Bürgerspitals eröffnet. Als Leiter der Klinik war im April 1868 der bisherige Privatdocent Dr. J.J. Bischoff berufen worden im Einverständnisse mit löbl. Spitalpflegamte, welches demselben die Leitung der Abtheilung übertrug, deren Belegraum ohne Privatzimmer etwa 22 Betten betrug, welche Zahl später auf 44 stieg. Im Anfang hatte der Vorsteher die Leitung von Abtheilung und Klinik allein zu besorgen und erst mit Januar 1875 wurde hauptsächlich aus klinischen Rücksichten ein Assistenzarzt angestellt, welcher im Spitale Station hat.
In den ersten Semestern wurde die Klinik regelmässig viermal wöchentlich von 8-9 Uhr gehalten, später dreimal; dagegen wurde vom Wintersemester 1877/78 an wöchentlich einstündig ein diagnostischer geburtshilflicher Kurs gehalten und zwar bis zum Sommersemester 1885 von dem jeweiligen Assistenzarzte und von da vom Vorsteher. Ausser den regelmässigen Stunden wurde den Klinicisten Gelegenheit gegeben, den Geburten bei Tag und bei Nacht beizuwohnen, indem dieselben jeweilen durch einen Bediensteten des Spitals herbeigerufen wurden.
Anfänglich wurden in der Klinik fast ausschliesslich geburtshilfliche Fälle vorgestellt; von Jahr zu Jahr mehrten sich aber die Aufnahmen Frauenkranker, so dass die Klinik jetzt beiden Disciplinen der Gynækologie im weitern Sinne gerecht wird.
Um die Aufnahme auch auswärtiger klinisch interessanter Krankheitsfälle zu ermöglichen, war die Klinik von Anfang mit vier klinischen Freibetten ausgestattet worden, welche Zahl dem Bedürfnisse aber lange nicht genügte. Später wurde die Zahl auf zehn erhöht, wobei wie in den andern Kliniken ein Theil unentgeltlich, ein anderer gegen die übliche Taxe aufgenommen wird.
In den ersten Jahren ihres Bestehens litt die Klinik (und dies steht in Zusammenhang mit der Anzahl der Freibetten einerseits und mit der anfänglichen Scheu der Bevölkerung vor Aufnahme in Spitalabtheilungen, an welchen Klinik gehalten wurde, andrerseits, eine Scheu, die seit Jahren nur zu vollständig abgelegt worden ist) einigermaassen Mangel an für die Klinik verfügbaren Krankheitsfällen; ziemlich bald aber mehrten sich diese so, dass gegenwärtig immer genügend für den klinischen Unterricht gesorgt ist. Es geht dies am besten aus folgenden Zahlen hervor.
Im Jahre 1868 betrug die Zahl sämtlicher verpflegten Frauen 88 (wovon 83 Schwangere, 2 Wöchnerinnen mit 67 Geburten und 3 Frauenkranke) und die Zahl der Kinder 74; im Jahre 1884 dagegen betrug die Zahl der Frauen 644 (wovon 442 Schwangere und Wöchnerinnen mit 420 Geburten und 202 Frauenkranke), die der Kinder 421. — Hiezu kommen noch 102 weitere gynækologische Fälle, welche nur ambulatorisch behandelt wurden.