Ein Hungerkünstler
Abschnitt 2
EIN HUNGERKÜNSTLER
Erzählung von
FRANZ KAFKA
I n den letzten Jahrzehnten ist das Interesse an Hungerkünstlern sehr
zurückgegangen. Während es sich früher gut lohnte, große derartige
Vorführungen in eigener Regie zu veranstalten, ist dies heute völlig unmöglich.
Es waren andere Zeiten. Damals beschäftigte sich die ganze Stadt mit dem
Hungerkünstler; von Hungertag zu Hungertag stieg die Teilnahme; jeder wollte
den Hungerkünstler zumindest einmal täglich sehn; an den spätern Tagen gab es
Abonnenten, welche tagelang vor dem kleinen Gitterkäfig saßen; auch in der
Nacht fanden Besichtigungen statt, zur Erhöhung der Wirkung bei Fackelschein;
an schönen Tagen wurde der Käfig ins Freie getragen, und nun waren es
besonders die Kinder, denen der Hungerkünstler gezeigt wurde; während er für
die Erwachsenen oft nur ein Spaß war, an dem sie der Mode halber teilnahmen,
sahen die Kinder staunend, mit offenem Mund, der Sicherheit halber einander
bei der Hand haltend, zu, wie er bleich, im schwarzen Trikot, mit mächtig
vortretenden Rippen, sogar einen Sessel verschmähend, auf hingestreutem Stroh
saß, einmal höflich nickend, angestrengt lächelnd Fragen beantwortete, auch
durch das Gitter den Arm streckte, um seine Magerkeit befühlen zu lassen, dann
aber wieder ganz in sich selbst versank, um niemanden sich kümmerte, nicht
einmal um den für ihn so wichtigen Schlag der Uhr, die das einzige Möbelstück
des Käfigs war, sondern nur vor sich hinsah mit fast geschlossenen Augen und
hie und da aus einem winzigen Gläschen Wasser nippte, um sich die Lippen zu
feuchten.
Außer den wechselnden Zuschauern waren auch ständige, vom Publikum
gewählte Wächter da, merkwürdigerweise gewöhnlich Fleischhauer, welche,
immer drei gleichzeitig, die Aufgabe hatten, Tag und Nacht den Hungerkünstler
zu beobachten, damit er nicht etwa auf irgendeine heimliche Weise doch Nahrung zu sich nehme. Es war das aber lediglich eine Formalität, eingeführt zur
Beruhigung der Massen, denn die Eingeweihten wußten wohl, daß der
Hungerkünstler während der Hungerzeit niemals, unter keinen Umständen,
selbst unter Zwang nicht, auch das Geringste nur gegessen hätte; die Ehre seiner
Kunst verbot dies. Freilich, nicht jeder Wächter konnte das begreifen, es fanden
sich manchmal nächtliche Wachgruppen, welche die Bewachung sehr lax
durchführten, absichtlich in eine ferne Ecke sich zusammensetzten und dort sich
ins Kartenspiel vertieften, in der offenbaren Absicht, dem Hungerkünstler eine
kleine Erfrischung zu gönnen, die er ihrer Meinung nach aus irgendwelchen
geheimen Vorräten hervorholen konnte. Nichts war dem Hungerkünstler
quälender als solche Wächter; sie machten ihn trübselig; sie machten ihm das
Hungern entsetzlich schwer; manchmal überwand er seine Schwäche und sang
während dieser Wachzeit, solange er es nur aushielt, um den Leuten zu zeigen,
wie ungerecht sie ihn verdächtigten. Doch half das wenig; sie wunderten sich
dann nur über seine Geschicklichkeit, selbst während des Singens zu essen. Viel
lieber waren ihm die Wächter, welche sich eng zum Gitter setzten, mit der trüben
Nachtbeleuchtung des Saales sich nicht begnügten, sondern ihn mit den
elektrischen Taschenlampen bestrahlten, die ihnen der Impresario zur Verfügung
stellte. Das grelle Licht störte ihn gar nicht, schlafen konnte er ja überhaupt nicht
und ein wenig hindämmern konnte er immer, bei jeder Beleuchtung und zu jeder
Stunde, auch im übervollen, lärmenden Saal. Er war sehr gerne bereit, mit
solchen Wächtern die Nacht gänzlich ohne Schlaf zu verbringen; er war bereit,
mit ihnen zu scherzen, ihnen Geschichten aus seinem Wanderleben zu erzählen,
dann wieder ihre Erzählungen anzuhören, alles nur um sie wachzuhalten, um
ihnen immer wieder zeigen zu können, daß er nichts Eßbares im Käfig hatte und
daß er hungerte, wie keiner von ihnen es könnte. Am glücklichsten aber war er,
wenn dann der Morgen kam, und ihnen auf seine Rechnung ein überreiches
Frühstück gebracht wurde, auf das sie sich warfen mit dem Appetit gesunder
Männer nach einer mühevoll durchwachten Nacht. Es gab zwar sogar Leute, die
in diesem Frühstück eine ungebührliche Beeinflussung der Wächter sehen
wollten, aber das ging doch zu weit, und wenn man sie fragte, ob etwa sie nur
um der Sache willen ohne Frühstück die Nachtwache übernehmen wollten,
verzogen sie sich, aber bei ihren Verdächtigungen blieben sie dennoch.
Dieses allerdings gehörte schon zu den vom Hungern überhaupt nicht zu
trennenden Verdächtigungen. Niemand war ja imstande, alle die Tage und
Nächte beim Hungerkünstler ununterbrochen als Wächter zu verbringen,
niemand also konnte aus eigener Anschauung wissen, ob wirklich
ununterbrochen, fehlerlos gehungert worden war; nur der Hungerkünstler selbst konnte das wissen, nur er also gleichzeitig der von seinem Hungern vollkommen
befriedigte Zuschauer sein. Er aber war wieder aus einem andern Grunde
niemals befriedigt; vielleicht war er gar nicht vom Hungern so sehr abgemagert,
daß manche zu ihrem Bedauern den Vorführungen fern bleiben mußten, weil sie
seinen Anblick nicht ertrugen, sondern er war nur so abgemagert aus
Unzufriedenheit mit sich selbst. Er allein nämlich wußte, auch kein Eingeweihter
sonst wußte das, wie leicht das Hungern war. Es war die leichteste Sache von der
Welt. Er verschwieg es auch nicht, aber man glaubte ihm nicht, hielt ihn
günstigstenfalls für bescheiden, meist aber für reklamesüchtig oder gar für einen
Schwindler, dem das Hungern allerdings leicht war, weil er es sich leicht zu
machen verstand, und der auch noch die Stirn hatte, es halb zu gestehn. Das alles
mußte er hinnehmen, hatte sich auch im Laufe der Jahre daran gewöhnt, aber
innerlich nagte diese Unbefriedigtheit immer an ihm, und noch niemals, nach
keiner Hungerperiode – dieses Zeugnis mußte man ihm ausstellen – hatte er
freiwillig den Käfig verlassen. Als Höchstzeit für das Hungern hatte der
Impresario vierzig Tage festgesetzt, darüber hinaus ließ er niemals hungern, auch
in den Weltstädten nicht, und zwar aus gutem Grund. Vierzig Tage etwa konnte
man erfahrungsgemäß durch allmählich sich steigernde Reklame das Interesse
einer Stadt immer mehr aufstacheln, dann aber versagte das Publikum, eine
wesentliche Abnahme des Zuspruches war festzustellen; es bestanden natürlich
in dieser Hinsicht kleine Unterschiede zwischen den Städten und Ländern, als
Regel aber galt, daß vierzig Tage die Höchstzeit war. Dann also am vierzigsten
Tage wurde die Tür des mit Blumen umkränzten Käfigs geöffnet, eine
begeisterte Zuschauerschaft erfüllte das Amphitheater, eine Militärkapelle
spielte, zwei Ärzte betraten den Käfig, um die nötigen Messungen am
Hungerkünstler vorzunehmen, durch ein Megaphon wurden die Resultate dem
Saale verkündet, und schließlich kamen zwei junge Damen, glücklich darüber,
daß gerade sie ausgelost worden waren, und wollten den Hungerkünstler aus
dem Käfig ein paar Stufen hinabführen, wo auf einem kleinen Tischchen eine
sorgfältig ausgewählte Krankenmahlzeit serviert war. Und in diesem Augenblick
wehrte sich der Hungerkünstler immer. Zwar legte er noch freiwillig seine
Knochenarme in die hilfsbereit ausgestreckten Hände der zu ihm
hinabgebeugten Damen, aber aufstehen wollte er nicht. Warum jetzt gerade nach
vierzig Tagen aufhören? Er hätte es noch lange, unbeschränkt lange ausgehalten;
warum gerade jetzt aufhören, wo er im besten, ja noch nicht einmal im besten
Hungern war? Warum wollte man ihn des Ruhmes berauben, weiter zu hungern,
nicht nur der größte Hungerkünstler aller Zeiten zu werden, der er ja
wahrscheinlich schon war, aber auch noch sich selbst zu übertreffen bis ins
Unbegreifliche, denn für seine Fähigkeit zu hungern fühlte er keine Grenzen. Warum hatte diese Menge, die ihn so sehr zu bewundern vorgab, so wenig
Geduld mit ihm; wenn er es aushielt, noch weiter zu hungern, warum wollte sie
es nicht aushalten? Auch war er müde, saß gut im Stroh und sollte sich nun hoch
und lang aufrichten und zu dem Essen gehn, das ihm schon allein in der
Vorstellung Übelkeiten verursachte, deren Äußerung er nur mit Rücksicht auf die
Damen mühselig unterdrückte. Und er blickte empor in die Augen der scheinbar
so freundlichen, in Wirklichkeit so grausamen Damen und schüttelte den auf
dem schwachen Halse überschweren Kopf. Aber dann geschah, was immer
geschah. Der Impresario kam, hob stumm – die Musik machte das Reden
unmöglich – die Arme über dem Hungerkünstler, so als lade er den Himmel ein,
sich sein Werk hier auf dem Stroh einmal anzusehn, diesen bedauernswerten
Märtyrer, welcher der Hungerkünstler allerdings war, nur in ganz anderem Sinn;
faßte den Hungerkünstler um die dünne Taille, wobei er durch übertriebene
Vorsicht glaubhaft machen wollte, mit einem wie gebrechlichen Ding er es hier
zu tun habe; und übergab ihn – nicht ohne ihn im geheimen ein wenig zu
schütteln, so daß der Hungerkünstler mit den Beinen und dem Oberkörper
unbeherrscht hin und her schwankte – den inzwischen totenbleich gewordenen
Damen. Nun duldete der Hungerkünstler alles; der Kopf lag auf der Brust, es
war, als sei er hingerollt und halte sich dort unerklärlich; der Leib war
ausgehöhlt; die Beine drückten sich im Selbsterhaltungstrieb fest in den Knien
aneinander, scharrten aber doch den Boden, so als sei es nicht der wirkliche, den
wirklichen suchten sie erst; und die ganze, allerdings sehr kleine Last des
Körpers lag auf einer der Damen, welche hilfesuchend, mit fliegendem Atem –
so hatte sie sich dieses Ehrenamt nicht vorgestellt – zuerst den Hals möglichst
streckte, um wenigstens das Gesicht vor der Berührung mit dem Hungerkünstler
zu bewahren, dann aber, da ihr dies nicht gelang und ihre glücklichere Gefährtin
ihr nicht zu Hilfe kam, sondern sich damit begnügte, zitternd die Hand des
Hungerkünstlers, dieses kleine Knochenbündel, vor sich herzutragen, unter dem
entzückten Gelächter des Saales in Weinen ausbrach und von einem längst
bereitgestellten Diener abgelöst werden mußte. Dann kam das Essen, von dem
der Impresario dem Hungerkünstler während eines ohnmachtähnlichen
Halbschlafes ein wenig einflößte, unter lustigem Plaudern, das die
Aufmerksamkeit vom Zustand des Hungerkünstlers ablenken sollte; dann wurde
noch ein Trinkspruch auf das Publikum ausgebracht, welcher dem Impresario
angeblich vom Hungerkünstler zugeflüstert worden war; das Orchester
bekräftigte alles durch einen großen Tusch; man ging auseinander und niemand
hatte das Recht, mit dem Gesehenen unzufrieden zu sein, niemand, nur der
Hungerkünstler, immer nur er.
So lebte er mit regelmäßigen kleinen Ruhepausen viele Jahre, in
scheinbarem Glanz, von der Welt geehrt, bei alledem aber meist in trüber Laune,
die immer noch trüber wurde dadurch, daß niemand sie ernst zu nehmen
verstand. Womit sollte man ihn auch trösten? Was blieb ihm zu wünschen übrig?
Und wenn sich einmal ein Gutmütiger fand, der ihn bedauerte und ihm erklären
wollte, daß seine Traurigkeit wahrscheinlich von dem Hungern käme, konnte es,
besonders bei vorgeschrittener Hungerzeit, geschehn, daß der Hungerkünstler
mit einem Wutausbruch antwortete und zum Schrecken aller wie ein Tier an dem
Gitter zu rütteln begann. Doch hatte für solche Zustände der Impresario ein
Strafmittel, das er gern anwandte. Er entschuldigte den Hungerkünstler vor
versammeltem Publikum, gab zu, daß nur die durch das Hungern
hervorgerufene, für satte Menschen nicht ohne weiteres begreifliche Reizbarkeit
das Benehmen des Hungerkünstlers verzeihlich machen könne; kam dann im
Zusammenhang damit auch auf die ebenso zu erklärende Behauptung des
Hungerkünstlers zu sprechen, er könnte noch viel länger hungern, als er hungere;
lobte das hohe Streben, den guten Willen, die große Selbstverleugnung, die
gewiß auch in dieser Behauptung enthalten seien; suchte dann aber die
Behauptung einfach genug durch Vorzeigen von Photographien, die gleichzeitig
verkauft wurden, zu widerlegen, denn auf den Bildern sah man den
Hungerkünstler an einem vierzigsten Hungertag, im Bett, fast verlöscht vor
Entkräftung. Diese dem Hungerkünstler zwar wohlbekannte, immer aber von
neuem ihn entnervende Verdrehung der Wahrheit war ihm zuviel. Was die Folge
der vorzeitigen Beendigung des Hungerns war, stellte man hier als die Ursache
dar! Gegen diesen Unverstand, gegen diese Welt des Unverstandes zu kämpfen,
war unmöglich. Noch hatte er immer wieder in gutem Glauben begierig am
Gitter dem Impresario zugehört, beim Erscheinen der Photographien aber ließ er
das Gitter jedesmal los, sank mit Seufzen ins Stroh zurück, und das beruhigte
Publikum konnte wieder herankommen und ihn besichtigen.
Wenn die Zeugen solcher Szenen ein paar Jahre später daran zurückdachten,
wurden sie sich oft selbst unverständlich. Denn inzwischen war jener erwähnte
Umschwung eingetreten; fast plötzlich war das geschehen; es mochte tiefere
Gründe haben, aber wem lag daran, sie aufzufinden; jedenfalls sah sich eines
Tages der verwöhnte Hungerkünstler von der vergnügungssüchtigen Menge
verlassen, die lieber zu anderen Schaustellungen strömte. Noch einmal jagte der
Impresario mit ihm durch halb Europa, um zu sehn, ob sich nicht noch hie und
da das alte Interesse wiederfände; alles vergeblich; wie in einem geheimen
Einverständnis hatte sich überall geradezu eine Abneigung gegen das Schauhungern ausgebildet. Natürlich hatte das in Wirklichkeit nicht plötzlich so
kommen können, und man erinnerte sich jetzt nachträglich an manche zu ihrer
Zeit im Rausch der Erfolge nicht genügend beachtete, nicht genügend
unterdrückte Vorboten, aber jetzt etwas dagegen zu unternehmen, war zu spät.
Zwar war es sicher, daß einmal auch für das Hungern wieder die Zeit kommen
werde, aber für die Lebenden war das kein Trost. Was sollte nun der
Hungerkünstler tun? Der, welchen Tausende umjubelt hatten, konnte sich nicht
in Schaubuden auf kleinen Jahrmärkten zeigen, und um einen andern Beruf zu
ergreifen, war der Hungerkünstler nicht nur zu alt, sondern vor allem dem
Hungern allzu fanatisch ergeben. So verabschiedete er denn den Impresario, den
Genossen einer Laufbahn ohnegleichen, und ließ sich von einem großen Zirkus
schnell engagieren; um seine Empfindlichkeit zu schonen, sah er die
Vertragsbedingungen gar nicht an.
Ein großer Zirkus mit seiner Unzahl von einander immer wieder
ausgleichenden und ergänzenden Menschen und Tieren und Apparaten kann
jeden und zu jeder Zeit gebrauchen, auch einen Hungerkünstler, bei
entsprechend bescheidenen Ansprüchen natürlich, und außerdem war es ja in
diesem besonderen Fall nicht nur der Hungerkünstler selbst, der engagiert
wurde, sondern auch sein alter berühmter Name, ja man konnte bei der Eigenart
dieser im zunehmenden Alter nicht abnehmenden Kunst nicht einmal sagen, daß
ein ausgedienter, nicht mehr auf der Höhe seines Könnens stehender Künstler
sich in einen ruhigen Zirkusposten flüchten wolle, im Gegenteil, der
Hungerkünstler versicherte, daß er, was durchaus glaubwürdig war, eben so gut
hungere wie früher, ja er behauptete sogar, er werde, wenn man ihm seinen
Willen lasse, und dies versprach man ihm ohne weiteres, eigentlich erst jetzt die
Welt in berechtigtes Erstaunen setzen, eine Behauptung allerdings, die mit
Rücksicht auf die Zeitstimmung, welche der Hungerkünstler im Eifer leicht
vergaß bei den Fachleuten nur ein Lächeln hervorrief.
Im Grunde aber verlor auch der Hungerkünstler den Blick für die wirklichen
Verhältnisse nicht und nahm es als selbstverständlich hin, daß man ihn mit
seinem Käfig nicht etwa als Glanznummer mitten in die Manege stellte, sondern
draußen an einem im übrigen recht gut zugänglichen Ort in der Nähe der
Stallungen unterbrachte. Große, bunt gemalte Aufschriften umrahmten den
Käfig und verkündeten, was dort zu sehen war. Wenn das Publikum in den
Pausen der Vorstellung zu den Ställen drängte, um die Tiere zu besichtigen, war
es fast unvermeidlich, daß es beim Hungerkünstler vorüberkam und ein wenig
dort haltmachte, man wäre vielleicht länger bei ihm geblieben, wenn nicht in dem schmalen Gang die Nachdrängenden, welche diesen Aufenthalt auf dem
Weg zu den ersehnten Ställen nicht verstanden, eine längere ruhige Betrachtung
unmöglich gemacht hätten. Dieses war auch der Grund, warum der
Hungerkünstler vor diesen Besuchszeiten, die er als seinen Lebenszweck
natürlich herbeiwünschte, doch auch wieder zitterte. In der ersten Zeit hatte er
die Vorstellungspausen kaum erwarten können; entzückt hatte er der sich
heranwälzenden Menge entgegengesehn, bis er sich nur zu bald – auch die
hartnäckigste, fast bewußte Selbsttäuschung hielt den Erfahrungen nicht stand –
davon überzeugte, daß es zumeist der Absicht nach, immer wieder, ausnahmslos,
lauter Stallbesucher waren. Und dieser Anblick von der Ferne blieb noch immer
der schönste. Denn wenn sie bis zu ihm herangekommen waren, umtobte ihn
sofort Geschrei und Schimpfen der ununterbrochen neu sich bildenden Parteien,
jener, welche – sie wurde dem Hungerkünstler bald die peinlichere – ihn bequem
ansehen wollte, nicht etwa aus Verständnis, sondern aus Laune und Trotz, und
jener zweiten, die zunächst nur nach den Ställen verlangte. War der große Haufe
vorüber, dann kamen die Nachzügler, und diese allerdings, denen es nicht mehr
verwehrt war, stehen zu bleiben, solange sie nur Lust hatten, eilten mit langen
Schritten, fast ohne Seitenblick, vorüber, um rechtzeitig zu den Tieren zu
kommen. Und es war kein allzu häufiger Glücksfall, daß ein Familienvater mit
seinen Kindern kam, mit dem Finger auf den Hungerkünstler zeigte, ausführlich
erklärte, um was es sich hier handelte, von früheren Jahren erzählte, wo er bei
ähnlichen, aber unvergleichlich großartigeren Vorführungen gewesen war, und
dann die Kinder, wegen ihrer ungenügenden Vorbereitung von Schule und Leben
her, zwar immer noch verständnislos blieben – was war ihnen Hungern? – aber
doch in dem Glanz ihrer forschenden Augen etwas von neuen, kommenden,
gnädigeren Zeiten verrieten. Vielleicht, so sagte sich der Hungerkünstler dann
manchmal, würde alles doch ein wenig besser werden, wenn sein Standort nicht
gar so nahe bei den Ställen wäre. Den Leuten wurde dadurch die Wahl zu leicht
gemacht, nicht zu reden davon, daß ihn die Ausdünstungen der Ställe, die
Unruhe der Tiere in der Nacht, das Vorübertragen der rohen Fleischstücke für die
Raubtiere, die Schreie bei der Fütterung sehr verletzten und dauernd bedrückten.
Aber bei der Direktion vorstellig zu werden, wagte er nicht; immerhin verdankte
er ja den Tieren die Menge der Besucher, unter denen sich hie und da auch ein
für ihn Bestimmter finden konnte, und wer wußte, wohin man ihn verstecken
würde, wenn er an seine Existenz erinnern wollte und damit auch daran, daß er,
genau genommen, nur ein Hindernis auf dem Weg zu den Ställen war.
Ein kleines Hindernis allerdings, ein immer kleiner werdendes Hindernis.
Man gewöhnte sich an die Sonderbarkeit, in den heutigen Zeiten Aufmerksamkeit für einen Hungerkünstler beanspruchen zu wollen, und mit
dieser Gewöhnung war das Urteil über ihn gesprochen. Er mochte so gut
hungern, als er nur konnte, und er tat es, aber nichts konnte ihn mehr retten, man
ging an ihm vorüber. Versuche, jemandem die Hungerkunst zu erklären! Wer es
nicht fühlt, dem kann man es nicht begreiflich machen. Die schönen
Aufschriften wurden schmutzig und unleserlich, man riß sie herunter,
niemandem fiel es ein, sie zu ersetzen; das Täfelchen mit der Ziffer der
abgeleisteten Hungertage, das in der ersten Zeit sorgfältig täglich erneut worden
war, blieb schon längst immer das gleiche, denn nach den ersten Wochen war das
Personal selbst dieser kleinen Arbeit überdrüssig geworden; und so hungerte
zwar der Hungerkünstler weiter, wie er es früher einmal erträumt hatte, und es
gelang ihm ohne Mühe ganz so, wie er es damals vorausgesagt hatte, aber
niemand zählte die Tage, niemand, nicht einmal der Hungerkünstler selbst
wußte, wie groß die Leistung schon war, und sein Herz wurde schwer. Und wenn
einmal in der Zeit ein Müßiggänger stehen blieb, sich über die alte Ziffer lustig
machte und von Schwindel sprach, so war das in diesem Sinn die dümmste
Lüge, welche Gleichgültigkeit und eingeborene Bösartigkeit erfinden konnte,
denn nicht der Hungerkünstler betrog, er arbeitete ehrlich, aber die Welt betrog
ihn um seinen Lohn.
Doch vergingen wieder viele Tage, und auch das nahm ein Ende. Einmal
fiel einem Aufseher der Käfig auf, und er fragte die Diener, warum man hier
diesen gut brauchbaren Käfig mit dem verfaulten Stroh drinnen unbenützt stehen
lasse; niemand wußte es, bis sich einer mit Hilfe der Ziffertafel an den
Hungerkünstler erinnerte. Man rührte mit Stangen das Stroh auf und fand den
Hungerkünstler darin. »Du hungerst noch immer?« fragte der Aufseher, »wann
wirst du denn endlich aufhören?« »Verzeiht mir alle«, flüsterte der
Hungerkünstler; nur der Aufseher, der das Ohr ans Gitter hielt, verstand ihn.
»Gewiß,« sagte der Aufseher und legte den Finger an die Stirn, um damit den
Zustand des Hungerkünstlers dem Personal anzudeuten, »wir verzeihen dir.«
»Immerfort wollte ich, daß ihr mein Hungern bewundert«, sagte der
Hungerkünstler. »Wir bewundern es auch«, sagte der Aufseher
entgegenkommend. »Ihr sollt es aber nicht bewundern«, sagte der
Hungerkünstler. »Nun, dann bewundern wir es also nicht,« sagte der Aufseher,
»warum sollen wir es denn nicht bewundern?« »Weil ich hungern muß, ich kann
nicht anders«, sagte der Hungerkünstler. »Da sieh mal einer,« sagte der
Aufseher, »warum kannst du denn nicht anders?« »Weil ich,« sagte der Hungerkünstler, hob das Köpfchen ein wenig und sprach mit wie zum Kuß
gespitzten Lippen gerade in das Ohr des Aufsehers hinein, damit nichts verloren
ginge, »weil ich nicht die Speise finden konnte, die mir schmeckt. Hätte ich sie
gefunden, glaube mir, ich hätte kein Aufsehen gemacht und mich vollgegessen
wie du und alle.« Das waren die letzten Worte, aber noch in seinen gebrochenen
Augen war die feste, wenn auch nicht mehr stolze Überzeugung, daß er
weiterhungre.
»Nun macht aber Ordnung!«, sagte der Aufseher, und man begrub den
Hungerkünstler samt dem Stroh. In den Käfig aber gab man einen jungen
Panther. Es war eine selbst dem stumpfsten Sinn fühlbare Erholung, in dem so
lange öden Käfig dieses wilde Tier sich herumwerfen zu sehn. Ihm fehlte nichts.
Die Nahrung, die ihm schmeckte, brachten ihm ohne langes Nachdenken die
Wächter; nicht einmal die Freiheit schien er zu vermissen; dieser edle, mit allem
Nötigen bis knapp zum Zerreißen ausgestattete Körper schien auch die Freiheit
mit sich herumzutragen; irgendwo im Gebiß schien sie zu stecken; und die
Freude am Leben kam mit derart starker Glut aus seinem Rachen, daß es für die
Zuschauer nicht leicht war, ihr standzuhalten. Aber sie überwanden sich,
umdrängten den Käfig und wollten sich gar nicht fortrühren.
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Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of electronic works in formats readable by the widest variety of computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks of life.
Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will remain freely available for generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit 501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information can be found at the Foundation's web site and official page at http://pglaf.org
For additional contact information:
Dr. Gregory B. Newby
Chief Executive and Director
gbnewby@pglaf.org
Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide spread public support and donations to carry out its mission of increasing the number of public domain and licensed works that can be freely distributed in machine readable form accessible by the widest array of equipment including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
The Foundation is committed to complying with the laws regulating charities and charitable donations in all 50 states of the United States. Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these requirements. We do not solicit donations in locations where we have not received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state visit http://pglaf.org
While we cannot and do not solicit contributions from states where we have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us with offers to donate.
International donations are gratefully accepted, but we cannot make any statements concerning tax treatment of donations received from outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including including checks, online payments and credit card donations. To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be freely shared with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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