Ein Hungerkünstler

Franz Kafka · Kapitel 1 von 1

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Ein Hungerkünstler

Abschnitt 2

EIN HUNGERKÜNSTLER

 

Erzählung von

FRANZ KAFKA

 

I n den letzten Jahrzehnten ist das Interesse an Hungerkünstlern sehr

zurückgegangen. Während es sich früher gut lohnte, große derartige

Vorführungen in eigener Regie zu veranstalten, ist dies heute völlig unmöglich.

Es waren andere Zeiten. Damals beschäftigte sich die ganze Stadt mit dem

Hungerkünstler; von Hungertag zu Hungertag stieg die Teilnahme; jeder wollte

den Hungerkünstler zumindest einmal täglich sehn; an den spätern Tagen gab es

Abonnenten, welche tagelang vor dem kleinen Gitterkäfig saßen; auch in der

Nacht fanden Besichtigungen statt, zur Erhöhung der Wirkung bei Fackelschein;

an schönen Tagen wurde der Käfig ins Freie getragen, und nun waren es

besonders die Kinder, denen der Hungerkünstler gezeigt wurde; während er für

die Erwachsenen oft nur ein Spaß war, an dem sie der Mode halber teilnahmen,

sahen die Kinder staunend, mit offenem Mund, der Sicherheit halber einander

bei der Hand haltend, zu, wie er bleich, im schwarzen Trikot, mit mächtig

vortretenden Rippen, sogar einen Sessel verschmähend, auf hingestreutem Stroh

saß, einmal höflich nickend, angestrengt lächelnd Fragen beantwortete, auch

durch das Gitter den Arm streckte, um seine Magerkeit befühlen zu lassen, dann

aber wieder ganz in sich selbst versank, um niemanden sich kümmerte, nicht

einmal um den für ihn so wichtigen Schlag der Uhr, die das einzige Möbelstück

des Käfigs war, sondern nur vor sich hinsah mit fast geschlossenen Augen und

hie und da aus einem winzigen Gläschen Wasser nippte, um sich die Lippen zu

feuchten.

 

Außer den wechselnden Zuschauern waren auch ständige, vom Publikum

gewählte Wächter da, merkwürdigerweise gewöhnlich Fleischhauer, welche,

immer drei gleichzeitig, die Aufgabe hatten, Tag und Nacht den Hungerkünstler

zu beobachten, damit er nicht etwa auf irgendeine heimliche Weise doch Nahrung zu sich nehme. Es war das aber lediglich eine Formalität, eingeführt zur

Beruhigung der Massen, denn die Eingeweihten wußten wohl, daß der

Hungerkünstler während der Hungerzeit niemals, unter keinen Umständen,

selbst unter Zwang nicht, auch das Geringste nur gegessen hätte; die Ehre seiner

Kunst verbot dies. Freilich, nicht jeder Wächter konnte das begreifen, es fanden

sich manchmal nächtliche Wachgruppen, welche die Bewachung sehr lax

durchführten, absichtlich in eine ferne Ecke sich zusammensetzten und dort sich

ins Kartenspiel vertieften, in der offenbaren Absicht, dem Hungerkünstler eine

kleine Erfrischung zu gönnen, die er ihrer Meinung nach aus irgendwelchen

geheimen Vorräten hervorholen konnte. Nichts war dem Hungerkünstler

quälender als solche Wächter; sie machten ihn trübselig; sie machten ihm das

Hungern entsetzlich schwer; manchmal überwand er seine Schwäche und sang

während dieser Wachzeit, solange er es nur aushielt, um den Leuten zu zeigen,

wie ungerecht sie ihn verdächtigten. Doch half das wenig; sie wunderten sich

dann nur über seine Geschicklichkeit, selbst während des Singens zu essen. Viel

lieber waren ihm die Wächter, welche sich eng zum Gitter setzten, mit der trüben

Nachtbeleuchtung des Saales sich nicht begnügten, sondern ihn mit den

elektrischen Taschenlampen bestrahlten, die ihnen der Impresario zur Verfügung

stellte. Das grelle Licht störte ihn gar nicht, schlafen konnte er ja überhaupt nicht

und ein wenig hindämmern konnte er immer, bei jeder Beleuchtung und zu jeder

Stunde, auch im übervollen, lärmenden Saal. Er war sehr gerne bereit, mit

solchen Wächtern die Nacht gänzlich ohne Schlaf zu verbringen; er war bereit,

mit ihnen zu scherzen, ihnen Geschichten aus seinem Wanderleben zu erzählen,

dann wieder ihre Erzählungen anzuhören, alles nur um sie wachzuhalten, um

ihnen immer wieder zeigen zu können, daß er nichts Eßbares im Käfig hatte und

daß er hungerte, wie keiner von ihnen es könnte. Am glücklichsten aber war er,

wenn dann der Morgen kam, und ihnen auf seine Rechnung ein überreiches

Frühstück gebracht wurde, auf das sie sich warfen mit dem Appetit gesunder

Männer nach einer mühevoll durchwachten Nacht. Es gab zwar sogar Leute, die

in diesem Frühstück eine ungebührliche Beeinflussung der Wächter sehen

wollten, aber das ging doch zu weit, und wenn man sie fragte, ob etwa sie nur

um der Sache willen ohne Frühstück die Nachtwache übernehmen wollten,

verzogen sie sich, aber bei ihren Verdächtigungen blieben sie dennoch.

 

Dieses allerdings gehörte schon zu den vom Hungern überhaupt nicht zu

trennenden Verdächtigungen. Niemand war ja imstande, alle die Tage und

Nächte beim Hungerkünstler ununterbrochen als Wächter zu verbringen,

niemand also konnte aus eigener Anschauung wissen, ob wirklich

ununterbrochen, fehlerlos gehungert worden war; nur der Hungerkünstler selbst konnte das wissen, nur er also gleichzeitig der von seinem Hungern vollkommen

befriedigte Zuschauer sein. Er aber war wieder aus einem andern Grunde

niemals befriedigt; vielleicht war er gar nicht vom Hungern so sehr abgemagert,

daß manche zu ihrem Bedauern den Vorführungen fern bleiben mußten, weil sie

seinen Anblick nicht ertrugen, sondern er war nur so abgemagert aus

Unzufriedenheit mit sich selbst. Er allein nämlich wußte, auch kein Eingeweihter

sonst wußte das, wie leicht das Hungern war. Es war die leichteste Sache von der

Welt. Er verschwieg es auch nicht, aber man glaubte ihm nicht, hielt ihn

günstigstenfalls für bescheiden, meist aber für reklamesüchtig oder gar für einen

Schwindler, dem das Hungern allerdings leicht war, weil er es sich leicht zu

machen verstand, und der auch noch die Stirn hatte, es halb zu gestehn. Das alles

mußte er hinnehmen, hatte sich auch im Laufe der Jahre daran gewöhnt, aber

innerlich nagte diese Unbefriedigtheit immer an ihm, und noch niemals, nach

keiner Hungerperiode – dieses Zeugnis mußte man ihm ausstellen – hatte er

freiwillig den Käfig verlassen. Als Höchstzeit für das Hungern hatte der

Impresario vierzig Tage festgesetzt, darüber hinaus ließ er niemals hungern, auch

in den Weltstädten nicht, und zwar aus gutem Grund. Vierzig Tage etwa konnte

man erfahrungsgemäß durch allmählich sich steigernde Reklame das Interesse

einer Stadt immer mehr aufstacheln, dann aber versagte das Publikum, eine

wesentliche Abnahme des Zuspruches war festzustellen; es bestanden natürlich

in dieser Hinsicht kleine Unterschiede zwischen den Städten und Ländern, als

Regel aber galt, daß vierzig Tage die Höchstzeit war. Dann also am vierzigsten

Tage wurde die Tür des mit Blumen umkränzten Käfigs geöffnet, eine

begeisterte Zuschauerschaft erfüllte das Amphitheater, eine Militärkapelle

spielte, zwei Ärzte betraten den Käfig, um die nötigen Messungen am

Hungerkünstler vorzunehmen, durch ein Megaphon wurden die Resultate dem

Saale verkündet, und schließlich kamen zwei junge Damen, glücklich darüber,

daß gerade sie ausgelost worden waren, und wollten den Hungerkünstler aus

dem Käfig ein paar Stufen hinabführen, wo auf einem kleinen Tischchen eine

sorgfältig ausgewählte Krankenmahlzeit serviert war. Und in diesem Augenblick

wehrte sich der Hungerkünstler immer. Zwar legte er noch freiwillig seine

Knochenarme in die hilfsbereit ausgestreckten Hände der zu ihm

hinabgebeugten Damen, aber aufstehen wollte er nicht. Warum jetzt gerade nach

vierzig Tagen aufhören? Er hätte es noch lange, unbeschränkt lange ausgehalten;

warum gerade jetzt aufhören, wo er im besten, ja noch nicht einmal im besten

Hungern war? Warum wollte man ihn des Ruhmes berauben, weiter zu hungern,

nicht nur der größte Hungerkünstler aller Zeiten zu werden, der er ja

wahrscheinlich schon war, aber auch noch sich selbst zu übertreffen bis ins

Unbegreifliche, denn für seine Fähigkeit zu hungern fühlte er keine Grenzen. Warum hatte diese Menge, die ihn so sehr zu bewundern vorgab, so wenig

Geduld mit ihm; wenn er es aushielt, noch weiter zu hungern, warum wollte sie

es nicht aushalten? Auch war er müde, saß gut im Stroh und sollte sich nun hoch

und lang aufrichten und zu dem Essen gehn, das ihm schon allein in der

Vorstellung Übelkeiten verursachte, deren Äußerung er nur mit Rücksicht auf die

Damen mühselig unterdrückte. Und er blickte empor in die Augen der scheinbar

so freundlichen, in Wirklichkeit so grausamen Damen und schüttelte den auf

dem schwachen Halse überschweren Kopf. Aber dann geschah, was immer

geschah. Der Impresario kam, hob stumm – die Musik machte das Reden

unmöglich – die Arme über dem Hungerkünstler, so als lade er den Himmel ein,

sich sein Werk hier auf dem Stroh einmal anzusehn, diesen bedauernswerten

Märtyrer, welcher der Hungerkünstler allerdings war, nur in ganz anderem Sinn;

faßte den Hungerkünstler um die dünne Taille, wobei er durch übertriebene

Vorsicht glaubhaft machen wollte, mit einem wie gebrechlichen Ding er es hier

zu tun habe; und übergab ihn – nicht ohne ihn im geheimen ein wenig zu

schütteln, so daß der Hungerkünstler mit den Beinen und dem Oberkörper

unbeherrscht hin und her schwankte – den inzwischen totenbleich gewordenen

Damen. Nun duldete der Hungerkünstler alles; der Kopf lag auf der Brust, es

war, als sei er hingerollt und halte sich dort unerklärlich; der Leib war

ausgehöhlt; die Beine drückten sich im Selbsterhaltungstrieb fest in den Knien

aneinander, scharrten aber doch den Boden, so als sei es nicht der wirkliche, den

wirklichen suchten sie erst; und die ganze, allerdings sehr kleine Last des

Körpers lag auf einer der Damen, welche hilfesuchend, mit fliegendem Atem –

so hatte sie sich dieses Ehrenamt nicht vorgestellt – zuerst den Hals möglichst

streckte, um wenigstens das Gesicht vor der Berührung mit dem Hungerkünstler

zu bewahren, dann aber, da ihr dies nicht gelang und ihre glücklichere Gefährtin

ihr nicht zu Hilfe kam, sondern sich damit begnügte, zitternd die Hand des

Hungerkünstlers, dieses kleine Knochenbündel, vor sich herzutragen, unter dem

entzückten Gelächter des Saales in Weinen ausbrach und von einem längst

bereitgestellten Diener abgelöst werden mußte. Dann kam das Essen, von dem

der Impresario dem Hungerkünstler während eines ohnmachtähnlichen

Halbschlafes ein wenig einflößte, unter lustigem Plaudern, das die

Aufmerksamkeit vom Zustand des Hungerkünstlers ablenken sollte; dann wurde

noch ein Trinkspruch auf das Publikum ausgebracht, welcher dem Impresario

angeblich vom Hungerkünstler zugeflüstert worden war; das Orchester

bekräftigte alles durch einen großen Tusch; man ging auseinander und niemand

hatte das Recht, mit dem Gesehenen unzufrieden zu sein, niemand, nur der

Hungerkünstler, immer nur er.

So lebte er mit regelmäßigen kleinen Ruhepausen viele Jahre, in

scheinbarem Glanz, von der Welt geehrt, bei alledem aber meist in trüber Laune,

die immer noch trüber wurde dadurch, daß niemand sie ernst zu nehmen

verstand. Womit sollte man ihn auch trösten? Was blieb ihm zu wünschen übrig?

Und wenn sich einmal ein Gutmütiger fand, der ihn bedauerte und ihm erklären

wollte, daß seine Traurigkeit wahrscheinlich von dem Hungern käme, konnte es,

besonders bei vorgeschrittener Hungerzeit, geschehn, daß der Hungerkünstler

mit einem Wutausbruch antwortete und zum Schrecken aller wie ein Tier an dem

Gitter zu rütteln begann. Doch hatte für solche Zustände der Impresario ein

Strafmittel, das er gern anwandte. Er entschuldigte den Hungerkünstler vor

versammeltem Publikum, gab zu, daß nur die durch das Hungern

hervorgerufene, für satte Menschen nicht ohne weiteres begreifliche Reizbarkeit

das Benehmen des Hungerkünstlers verzeihlich machen könne; kam dann im

Zusammenhang damit auch auf die ebenso zu erklärende Behauptung des

Hungerkünstlers zu sprechen, er könnte noch viel länger hungern, als er hungere;

lobte das hohe Streben, den guten Willen, die große Selbstverleugnung, die

gewiß auch in dieser Behauptung enthalten seien; suchte dann aber die

Behauptung einfach genug durch Vorzeigen von Photographien, die gleichzeitig

verkauft wurden, zu widerlegen, denn auf den Bildern sah man den

Hungerkünstler an einem vierzigsten Hungertag, im Bett, fast verlöscht vor

Entkräftung. Diese dem Hungerkünstler zwar wohlbekannte, immer aber von

neuem ihn entnervende Verdrehung der Wahrheit war ihm zuviel. Was die Folge

der vorzeitigen Beendigung des Hungerns war, stellte man hier als die Ursache

dar! Gegen diesen Unverstand, gegen diese Welt des Unverstandes zu kämpfen,

war unmöglich. Noch hatte er immer wieder in gutem Glauben begierig am

Gitter dem Impresario zugehört, beim Erscheinen der Photographien aber ließ er

das Gitter jedesmal los, sank mit Seufzen ins Stroh zurück, und das beruhigte

Publikum konnte wieder herankommen und ihn besichtigen.

 

Wenn die Zeugen solcher Szenen ein paar Jahre später daran zurückdachten,

wurden sie sich oft selbst unverständlich. Denn inzwischen war jener erwähnte

Umschwung eingetreten; fast plötzlich war das geschehen; es mochte tiefere

Gründe haben, aber wem lag daran, sie aufzufinden; jedenfalls sah sich eines

Tages der verwöhnte Hungerkünstler von der vergnügungssüchtigen Menge

verlassen, die lieber zu anderen Schaustellungen strömte. Noch einmal jagte der

Impresario mit ihm durch halb Europa, um zu sehn, ob sich nicht noch hie und

da das alte Interesse wiederfände; alles vergeblich; wie in einem geheimen

Einverständnis hatte sich überall geradezu eine Abneigung gegen das Schauhungern ausgebildet. Natürlich hatte das in Wirklichkeit nicht plötzlich so

kommen können, und man erinnerte sich jetzt nachträglich an manche zu ihrer

Zeit im Rausch der Erfolge nicht genügend beachtete, nicht genügend

unterdrückte Vorboten, aber jetzt etwas dagegen zu unternehmen, war zu spät.

Zwar war es sicher, daß einmal auch für das Hungern wieder die Zeit kommen

werde, aber für die Lebenden war das kein Trost. Was sollte nun der

Hungerkünstler tun? Der, welchen Tausende umjubelt hatten, konnte sich nicht

in Schaubuden auf kleinen Jahrmärkten zeigen, und um einen andern Beruf zu

ergreifen, war der Hungerkünstler nicht nur zu alt, sondern vor allem dem

Hungern allzu fanatisch ergeben. So verabschiedete er denn den Impresario, den

Genossen einer Laufbahn ohnegleichen, und ließ sich von einem großen Zirkus

schnell engagieren; um seine Empfindlichkeit zu schonen, sah er die

Vertragsbedingungen gar nicht an.

 

Ein großer Zirkus mit seiner Unzahl von einander immer wieder

ausgleichenden und ergänzenden Menschen und Tieren und Apparaten kann

jeden und zu jeder Zeit gebrauchen, auch einen Hungerkünstler, bei

entsprechend bescheidenen Ansprüchen natürlich, und außerdem war es ja in

diesem besonderen Fall nicht nur der Hungerkünstler selbst, der engagiert

wurde, sondern auch sein alter berühmter Name, ja man konnte bei der Eigenart

dieser im zunehmenden Alter nicht abnehmenden Kunst nicht einmal sagen, daß

ein ausgedienter, nicht mehr auf der Höhe seines Könnens stehender Künstler

sich in einen ruhigen Zirkusposten flüchten wolle, im Gegenteil, der

Hungerkünstler versicherte, daß er, was durchaus glaubwürdig war, eben so gut

hungere wie früher, ja er behauptete sogar, er werde, wenn man ihm seinen

Willen lasse, und dies versprach man ihm ohne weiteres, eigentlich erst jetzt die

Welt in berechtigtes Erstaunen setzen, eine Behauptung allerdings, die mit

Rücksicht auf die Zeitstimmung, welche der Hungerkünstler im Eifer leicht

vergaß bei den Fachleuten nur ein Lächeln hervorrief.

 

Im Grunde aber verlor auch der Hungerkünstler den Blick für die wirklichen

Verhältnisse nicht und nahm es als selbstverständlich hin, daß man ihn mit

seinem Käfig nicht etwa als Glanznummer mitten in die Manege stellte, sondern

draußen an einem im übrigen recht gut zugänglichen Ort in der Nähe der

Stallungen unterbrachte. Große, bunt gemalte Aufschriften umrahmten den

Käfig und verkündeten, was dort zu sehen war. Wenn das Publikum in den

Pausen der Vorstellung zu den Ställen drängte, um die Tiere zu besichtigen, war

es fast unvermeidlich, daß es beim Hungerkünstler vorüberkam und ein wenig

dort haltmachte, man wäre vielleicht länger bei ihm geblieben, wenn nicht in dem schmalen Gang die Nachdrängenden, welche diesen Aufenthalt auf dem

Weg zu den ersehnten Ställen nicht verstanden, eine längere ruhige Betrachtung

unmöglich gemacht hätten. Dieses war auch der Grund, warum der

Hungerkünstler vor diesen Besuchszeiten, die er als seinen Lebenszweck

natürlich herbeiwünschte, doch auch wieder zitterte. In der ersten Zeit hatte er

die Vorstellungspausen kaum erwarten können; entzückt hatte er der sich

heranwälzenden Menge entgegengesehn, bis er sich nur zu bald – auch die

hartnäckigste, fast bewußte Selbsttäuschung hielt den Erfahrungen nicht stand –

davon überzeugte, daß es zumeist der Absicht nach, immer wieder, ausnahmslos,

lauter Stallbesucher waren. Und dieser Anblick von der Ferne blieb noch immer

der schönste. Denn wenn sie bis zu ihm herangekommen waren, umtobte ihn

sofort Geschrei und Schimpfen der ununterbrochen neu sich bildenden Parteien,

jener, welche – sie wurde dem Hungerkünstler bald die peinlichere – ihn bequem

ansehen wollte, nicht etwa aus Verständnis, sondern aus Laune und Trotz, und

jener zweiten, die zunächst nur nach den Ställen verlangte. War der große Haufe

vorüber, dann kamen die Nachzügler, und diese allerdings, denen es nicht mehr

verwehrt war, stehen zu bleiben, solange sie nur Lust hatten, eilten mit langen

Schritten, fast ohne Seitenblick, vorüber, um rechtzeitig zu den Tieren zu

kommen. Und es war kein allzu häufiger Glücksfall, daß ein Familienvater mit

seinen Kindern kam, mit dem Finger auf den Hungerkünstler zeigte, ausführlich

erklärte, um was es sich hier handelte, von früheren Jahren erzählte, wo er bei

ähnlichen, aber unvergleichlich großartigeren Vorführungen gewesen war, und

dann die Kinder, wegen ihrer ungenügenden Vorbereitung von Schule und Leben

her, zwar immer noch verständnislos blieben – was war ihnen Hungern? – aber

doch in dem Glanz ihrer forschenden Augen etwas von neuen, kommenden,

gnädigeren Zeiten verrieten. Vielleicht, so sagte sich der Hungerkünstler dann

manchmal, würde alles doch ein wenig besser werden, wenn sein Standort nicht

gar so nahe bei den Ställen wäre. Den Leuten wurde dadurch die Wahl zu leicht

gemacht, nicht zu reden davon, daß ihn die Ausdünstungen der Ställe, die

Unruhe der Tiere in der Nacht, das Vorübertragen der rohen Fleischstücke für die

Raubtiere, die Schreie bei der Fütterung sehr verletzten und dauernd bedrückten.

Aber bei der Direktion vorstellig zu werden, wagte er nicht; immerhin verdankte

er ja den Tieren die Menge der Besucher, unter denen sich hie und da auch ein

für ihn Bestimmter finden konnte, und wer wußte, wohin man ihn verstecken

würde, wenn er an seine Existenz erinnern wollte und damit auch daran, daß er,

genau genommen, nur ein Hindernis auf dem Weg zu den Ställen war.

 

Ein kleines Hindernis allerdings, ein immer kleiner werdendes Hindernis.

Man gewöhnte sich an die Sonderbarkeit, in den heutigen Zeiten Aufmerksamkeit für einen Hungerkünstler beanspruchen zu wollen, und mit

dieser Gewöhnung war das Urteil über ihn gesprochen. Er mochte so gut

hungern, als er nur konnte, und er tat es, aber nichts konnte ihn mehr retten, man

ging an ihm vorüber. Versuche, jemandem die Hungerkunst zu erklären! Wer es

nicht fühlt, dem kann man es nicht begreiflich machen. Die schönen

Aufschriften wurden schmutzig und unleserlich, man riß sie herunter,

niemandem fiel es ein, sie zu ersetzen; das Täfelchen mit der Ziffer der

abgeleisteten Hungertage, das in der ersten Zeit sorgfältig täglich erneut worden

war, blieb schon längst immer das gleiche, denn nach den ersten Wochen war das

Personal selbst dieser kleinen Arbeit überdrüssig geworden; und so hungerte

zwar der Hungerkünstler weiter, wie er es früher einmal erträumt hatte, und es

gelang ihm ohne Mühe ganz so, wie er es damals vorausgesagt hatte, aber

niemand zählte die Tage, niemand, nicht einmal der Hungerkünstler selbst

wußte, wie groß die Leistung schon war, und sein Herz wurde schwer. Und wenn

einmal in der Zeit ein Müßiggänger stehen blieb, sich über die alte Ziffer lustig

machte und von Schwindel sprach, so war das in diesem Sinn die dümmste

Lüge, welche Gleichgültigkeit und eingeborene Bösartigkeit erfinden konnte,

denn nicht der Hungerkünstler betrog, er arbeitete ehrlich, aber die Welt betrog

ihn um seinen Lohn.

 

Doch vergingen wieder viele Tage, und auch das nahm ein Ende. Einmal

fiel einem Aufseher der Käfig auf, und er fragte die Diener, warum man hier

diesen gut brauchbaren Käfig mit dem verfaulten Stroh drinnen unbenützt stehen

lasse; niemand wußte es, bis sich einer mit Hilfe der Ziffertafel an den

Hungerkünstler erinnerte. Man rührte mit Stangen das Stroh auf und fand den

Hungerkünstler darin. »Du hungerst noch immer?« fragte der Aufseher, »wann

wirst du denn endlich aufhören?« »Verzeiht mir alle«, flüsterte der

Hungerkünstler; nur der Aufseher, der das Ohr ans Gitter hielt, verstand ihn.

»Gewiß,« sagte der Aufseher und legte den Finger an die Stirn, um damit den

Zustand des Hungerkünstlers dem Personal anzudeuten, »wir verzeihen dir.«

»Immerfort wollte ich, daß ihr mein Hungern bewundert«, sagte der

Hungerkünstler. »Wir bewundern es auch«, sagte der Aufseher

entgegenkommend. »Ihr sollt es aber nicht bewundern«, sagte der

Hungerkünstler. »Nun, dann bewundern wir es also nicht,« sagte der Aufseher,

»warum sollen wir es denn nicht bewundern?« »Weil ich hungern muß, ich kann

nicht anders«, sagte der Hungerkünstler. »Da sieh mal einer,« sagte der

Aufseher, »warum kannst du denn nicht anders?« »Weil ich,« sagte der Hungerkünstler, hob das Köpfchen ein wenig und sprach mit wie zum Kuß

gespitzten Lippen gerade in das Ohr des Aufsehers hinein, damit nichts verloren

ginge, »weil ich nicht die Speise finden konnte, die mir schmeckt. Hätte ich sie

gefunden, glaube mir, ich hätte kein Aufsehen gemacht und mich vollgegessen

wie du und alle.« Das waren die letzten Worte, aber noch in seinen gebrochenen

Augen war die feste, wenn auch nicht mehr stolze Überzeugung, daß er

weiterhungre.

 

»Nun macht aber Ordnung!«, sagte der Aufseher, und man begrub den

Hungerkünstler samt dem Stroh. In den Käfig aber gab man einen jungen

Panther. Es war eine selbst dem stumpfsten Sinn fühlbare Erholung, in dem so

lange öden Käfig dieses wilde Tier sich herumwerfen zu sehn. Ihm fehlte nichts.

Die Nahrung, die ihm schmeckte, brachten ihm ohne langes Nachdenken die

Wächter; nicht einmal die Freiheit schien er zu vermissen; dieser edle, mit allem

Nötigen bis knapp zum Zerreißen ausgestattete Körper schien auch die Freiheit

mit sich herumzutragen; irgendwo im Gebiß schien sie zu stecken; und die

Freude am Leben kam mit derart starker Glut aus seinem Rachen, daß es für die

Zuschauer nicht leicht war, ihr standzuhalten. Aber sie überwanden sich,

umdrängten den Käfig und wollten sich gar nicht fortrühren.

 

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1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread public domain works in creating the Project Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic works, and the medium on which they may be stored, may contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by your equipment.

1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all liability to you for damages, costs and expenses, including legal fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH DAMAGE.

1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a written explanation to the person you received the work from. If you received the work on a physical medium, you must return the medium with your written explanation. The person or entity that provided you with the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a refund. If you received the work electronically, the person or entity providing it to you may choose to give you a second opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy is also defective, you may demand a refund in writing without further opportunities to fix the problem.

1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance with this agreement, and any volunteers associated with the production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, that arise directly or indirectly from any of the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.

 

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of electronic works in formats readable by the widest variety of computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will remain freely available for generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.

 

Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit 501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information can be found at the Foundation's web site and official page at http://pglaf.org

For additional contact information:

Dr. Gregory B. Newby

Chief Executive and Director

gbnewby@pglaf.org

 

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide spread public support and donations to carry out its mission of increasing the number of public domain and licensed works that can be freely distributed in machine readable form accessible by the widest array of equipment including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating charities and charitable donations in all 50 states of the United States. Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these requirements. We do not solicit donations in locations where we have not received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make any statements concerning tax treatment of donations received from outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including including checks, online payments and credit card donations. To donate, please visit: http://pglaf.org/donate

 

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be freely shared with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

 

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

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This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, including how to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.