Entscheidung aus Liebe 3
Entscheidung aus Liebe 3
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 5 Teile geteilt.
Any Cherubim
KAPITEL 16
Es waren genau 7 Tage nach ihrem Geburtstag, als Kate schon ein merkwürdiges Gefühl am Morgen hatte, als sie aufstand. Sie fühlte sich nicht wohl, konnte aber nicht genau sagen, woran das lag. Vielleicht würde sie ihre Periode bekommen. Alles war wie jeden Morgen. Pat hatte ihr das Müsli und eine Schale auf den Tisch stehen gelassen. Sie brauchte nur zum Kühlschrank gehen, um die Milch heraus zunehmen.
Jeff und Phil waren schon zur Arbeit gefahren. Kate hatte Unterleibschmerzen und ihr Kreislauf kam auch nicht richtig in Schwung. Sie überlegte, ob sie Pat anrufen sollte, um sich für heute krank zu melden. Die Ereignisse in den letzten Tagen waren viel gewesen.
Jeff hatte sich bei Darren, als er Kate vom Blumenladen abholte, entschuldigt.
Es war ihm nicht leicht gefallen. Die Abneigung die er gegen Darren hatte, konnte Kate noch deutlich sehen. Trotzdem hatte Jeff es über sich ergehen lassen, weil er genau wusste, das Kate ihm sonst nicht verziehen hätte.
Darren hatte seine Entschuldigung akzeptiert, aber sich nicht dazu geäußert. Darrens Stimmung war schon düster genug. Und Kate fragte sich, was in ihm eigentlich vor sich ging. Kate schob die Müsli-schale beiseite, der letzte Bissen bekam sie einfach nicht runter.
Sie beschloss bei Pat im Laden anzurufen und sich krank zu melden. Pat machte sich wie immer Sorgen um sie. Sie wollte sie gleich zum Arzt schicken und sie gründlich untersuchen lassen, aber das konnte Kate gerade noch abwenden. Manchmal ging ihr das übertriebene mütterliche Getue schon ein wenig auf die Nerven. Und heute war eben “manchmal”. Sie ging an ihre Tasche und holte ihr Tagebuch heraus. Ihre Gefühle waren so intensive, das sie eine Art Schublade brauchte.
Was würde aus ihr werden, wenn Darren sich nicht verwinden konnte? Vielleicht könnte Katharina es für sie tun. Aber Katharina würde ihr die gleiche Antwort geben, wie James, das war sie sich sicher.
Darren würde das Risiko nicht eingehen und Kate würde älter werden und seine Liebe verlieren, irgendwann. Was konnte sie schon dagegen unternehmen.
Er fehlte ihr. Jeden Tag spürte sie seine versteckten Zurückweisungen. Sie hinterließen kleine Blessuren, die vor allem wenn sie allein war, schmerzten.
Sie legte das Tagebuch wieder in ihre Tasche, als das Telefon klingelte.
„Ja!”
„Kate, ich bin´s!” Ihr Herz schlug schneller als sie Darren erkannte. „Hi, woher weißt du, das ich hier bin?”
„Deine Tante hat es mir gesagt! Was ist los? Geht es dir nicht gut?”
“Doch, ich hab mich nur nicht wohlgefühlt heute morgen, aber es geht mir wieder besser!”
„Ich würde gerne mit dir spazieren gehen, ….. ich muss mir dir sprechen.”
Kate erkannte deutlich seine Besorgnis und noch etwas anderes aus seiner Stimme heraus hören. Kate wurde etwas unruhig, weil sie Besorgnis schon oft gehört hatte, aber das andere war seltsam. „Ist alles in Ordnung bei dir?”
„Ich hole dich gleich ab, bis gleich!” Er legte auf. Schon wieder ausgewichen! dachte Kate.
Sie ging nach oben und zog sich ihre Jeans an. Ungeduldig wartete sie am Fenster, bis sie sein Auto kommen sah. Irgendwie konnte sie sich nicht vorstellen was los war. Aber sie spürte, das es etwas schweres war. Sie sah es in seinem Gesicht, als er vom Auto auf sie zu kam.
„Komm, wir gehen hier ein Stück. Sie gingen gemeinsam die Straße entlang, die zu einem kleinen Wald führte. Darren sagte kein Wort den ganzen Weg entlang. Seine Laune war düsterer als je zu vor. Kate war fürchterlich angespannt und langsam begann Kate sich ernsthaft Sorgen zu machen.
Er lief weiter, sein dunkler Blick blieb auf dem Boden. Dann blieb er stehen und Kate konnte sein trauriges Gesicht jetzt ganz deutlich sehen. Glatt, weiß, makellos und schön. Das leuchten in seinen Augen war ganz verschwunden und seine Züge waren hart. Lange suchte er nach Worten. Dann atmete er tief ein und aus. „Kate, …. ich muss fort.” Sie sah ihn lange an und verstand nicht. „Was heißt das, du gehst fort?”
„Ich werde Pleasentview verlassen, für immer!” Jetzt hatte sie begriffen. Sie starrte auf seinen Mund, in der Hoffnung das schiefe Grinsen zu sehen. Aber seine Mundwinkel bewegten sich nicht. Langsam schüttelte sie den Kopf. „Es... ist nicht deine Schuld, Kate. Glaub mir, es ist besser so!“ „Nein, Darren bitte tu das bitte nicht!”
„Ich habe keine andere Wahl, Kate. Ich kann das nicht mehr länger zu lassen. Ich kann dir dein Leben nicht nehmen. Ich habe kein Recht dazu.”
„Aber das bedeutet, das du uns aufgibst!” Ihre Stimme wurde zittrig und dünn.
Er nickte.
„Ich gebe dich frei.”
„Nein, Darren, ich will nicht frei sein. Ich will mit dir zusammen sein.” Ihr Herz pochte kämpferisch gegen ihre Brust und schrie: <du verlierst ihn, tu was, du verlierst ihn , tu was!> „Du hast Jeff, er ist dein Freund. Er liebt dich wirklich, mit ihm fühlst du dich nicht allein, Kate. Es ist besser für uns beide, glaub mir.” Kate konnte nichts erkennen in seinem Gesicht, außer Härte und in seinen Augen nur Kälte.
Sie suchte es vergeblich, aber sie konnte nichts finden. „Wir werden alle gehen, Kate. Den Menschen ist schon aufgefallen, das James viel jünger aussieht, als er in Wahrheit ist. Wir werden nicht wieder herkommen.”
Innerlich begann ihr Herz zu reißen.
Kate hielt den Moment inne. Sie war wie betäubt und konnte nichts fühlen.
Darren hatte sie noch einmal ganz kurz am Arm berührt. Noch einmal nahm Kate den süßen Schauer war, den er mit seiner Bewegung ausgelöst hatte, wahr. Schnell schloss sie die Augen, um ihn intensive zu empfinden, riechen und zu speichern.
Kate stand immer noch mit geschlossenen Augen da und hatte den Geruch ganz tief in sich eingezogen. Sie würde ihn sie wieder heraus lassen.
„Darren warte!” flüsterte sie, doch er war schon verschwunden. Panisch blickte Kate in die Richtung, in der er verschwunden war. Sie rannte los.
„Darren!“ All das Rufen seines Namens führte dazu, das Kate in Panik durch die Straßen lief.
Sie war allein. Sie musste ihn unbedingt finden und lief schneller, bis sie nicht mehr konnte.
Jeder Atemzug stach in der Brust. Sie war müde und ausgelaugt, hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Sie hatte keine Ahnung, wie viele Minuten sie gerannt war. Oder waren es auch Stunden? Ihre Stimme rief seinen Namen immer leiser.
Kate stolperte über eine alte Baumwurzel und viel auf den feuchten, kalten Laubboden.
Die Blätter, die in diesem frühen Herbst schon von den Bäumen gefallen waren, betteten sie weich.
Kate wollte nur für einen Moment so liegen bleiben. Nur eine kurze Pause machen, dann weiter nach ihm suchen. Ein Blatt fiel vom Baum und fiel sachte auf sie. Alles war so still. Man hörte nur das atemlose Keuchen ihres Atems. Vielleicht sollte sie liegen bleiben?
Ihr Körper war schwer und sie konnte nichts fühlen. Nichts spüren, nichts empfinden. Nichts mehr geben.
Sie hatte keine Ahnung, wie lange sie da lag. Es machte ihr nichts aus. Sie fühlte keinen Schmerz, keinen Liebe, keine Angst. Alles war vorbei.
Sie beschloss so liegen zu bleiben, bis der Tod kommen würde. Zumindest hoffte sie es.
Langsam neigte sich der Tag dem Ende zu. Alles war friedlich um sie herum. Sie schloss ihre Augen.
Hunde bellten und von irgendwo hörte man die Echos von Rufe. Dunkle Gestalten mit Taschenlampen liefen durch den Wald und riefen immer wieder einen Namen.
Die Hunde wurden immer lauter, weil sie immer näher kamen. Sie hatten die Witterung aufgenommen und suchten zielstrebig nach dem einen Duft.
Männerstimmen wurden lauter und dann hörte Kate wieder diesen Namen, aber sie verhielt sich ganz still. Die vielen Hände, die jetzt nach ihr ausgestreckt waren, verursachten Panik in ihr. Das kam ihr alles so bekannt vor. Sie wollte doch hier warten, bis der Tod kommt. Es würde bestimmt nicht lange dauern. Kate glaubte in ihrem Traum zu sein. Alles war so verworren und unklar. Eine dunkle Gestalt mit einer Taschenlampe leuchtete ihr direkt ins Gesicht und schrie laut etwas. Bewegungslos blieb Kate liegen, vielleicht würden er wieder weg gehen, wenn sie sich nicht bewegte. Aber sein Rufen bewirkte nur, das noch mehr dunkle Gestalten kamen.
Kate zitterte vor Angst. Sie hatte Angst vor ihnen. Vor ihren Händen, die jetzt alle nach ihr griffen.
Die vielen Hände hoben sie hoch und dabei geriet Kate in Panik. Sie wollte sich nicht halten lassen, sie wollte hier bleiben. Sie wollte hier sterben. Doch sie hatte keine Chance.
Sie schlug um sich, wehrte sich mit aller Gewalt, bis ihr Körper nur noch schwach in sich zusammen fiel. Es wurde dunkel um sie. Sie war gefangen von den Händen, die sie trugen und mit sich nahmen.
Die Polizisten trugen Kate zum Krankenwagen. Sanitäter kamen ihnen auf halben Weg schon entgegen. Vorsichtig legten sie Kate auf eine Trage. Sofort wurde sie medizinisch versorgt. Pat stand beim Krankenwagen und weinte, als die Männer riefen, dass sie eine junge Frau, dessen Beschreibung auf Kate passte, gefunden hatten. Phil und Jeff kamen aus dem Wald gerannt, als sie hörten, das Kate gefunden war. Die Dunkelheit hatte das Suchen erschwert, doch jetzt war alles gut, Kate war in Sicherheit. Es war spät, schon kurz vor zwölf, als Kate das Bewusstsein wieder erlangte.
Sie öffnete ihre Augen nur halb, sie konnte nichts erkennen, alles war verschwommen.
Und ihre Augen waren schwer, das sie es nicht lange schaffte. Sie hörte Stimmen.
Sie hatte sich schon einmal so schwerelos gefühlt, aber diesmal wollte sie das Gefühl behalten. Sie wollte nicht aufwachen, den sonst würden ihr die Erinnerungen das Herz herausreißen und das konnte Kate nicht ertragen.
„Kate!” hörte sie eine Stimme. “Kate! Es ist alles in Ordnung, wir haben dich gefunden. Du bist im Krankenhaus.“ Es war Tante Pat, die natürlich nicht von ihrer Seite gewichen war, so wie eine Mutter es tun würde.
<Es ist alles in Ordnung> das hatte sie mehr zu sich selbst gesagt. Nichts war in Ordnung.
Dann öffnete Kate ihre Augen wieder und konnte Pat erkennen. Sie war zu Kate gebeugt und sprach leise. Ihre Augen waren glasig und gerötet vom weinen. Tiefe Sorgenfalten hatten sich auf ihrer Stirn gegraben. Aber sie lächelte Kate mütterlich und liebevoll an. Sie sah, lieb aus.
Dann sah Kate Jeff in dem Zimmer sitzen. Auf der anderen Bettseite saß Phil, der sie auch freundlich anlächelte. Aber es war kein echtes Lächeln. Sie alle machten sich große Sorgen um Kate und sie konnte es ihnen nicht verdenken.
Die Erinnerungen kamen wieder und Kate konnte gegen die Tränen nicht ankämpfen. Sie hatte keine Kraft dazu. Sie bereute es sofort von diesem tiefen Schlaf aufgewacht zu sein, der ihr die Erinnerungen, Schmerzen und das ganze Ausmaß ihres Leid wieder spiegelte.
Sie hatte kein Herz mehr, jemand hatte es brutal heraus gerissen und war damit verschwunden.
Der Druck, den sie jetzt, statt dem Herz, spürte war so groß, das sie nicht sprechen konnte. Sie konnte noch nicht einmal jaulen oder einen leisen Ton von sich geben. Es tat so unglaublich weh, das am liebsten Geschrien hätte.
Es waren nur die Tränen, die an ihren Wangen herunter tropften. Eine Schwester kam herein und spritze Kate ein Beruhigungsmittel. Augenblicke später wurde das schwerelose Gefühl übermächtig und Kate lies sich einfach fallen.
Kate wurde zwei Tage später aus dem Krankenhaus entlassen. Sie sprach nicht viel und aß kaum etwas. Sie war die meiste Zeit in ihrem Zimmer. Sie wollte allein sein. Und eigentlich hatte sie immer mal wieder die Hoffnung, das er kommen würde um seinen Fehler wieder gut zu machen.
Aber je mehr Tagen vergingen, desto verschlossener und betrübter wurde Kate.
Jede Nacht weinte sie sich die Seele aus dem Leib. Wenn sie schlief, sah sie immer sein Gesicht.
So makellos, weiß und wunderschön. Es war oft zum greifen nah. In der Dunkelheit ihres Zimmers griff Kate oft nach ihm, doch sie griff immer ins Leere. Nur manchmal fühlte sie eine starke Schulter, die Nachts in ihr Zimmer kam und sie wieder in den Schlaf wiegte, wie ihre Mutter es getan hätte.
Sie konnte es nicht glauben, nicht wahrhaben, nicht fassen. Er hatte sie für immer verlassen. Es tat so unglaublich weh. Er hatte sich entschlossen ihr das Leben zu schenken, aber sie hasste ihr Leben jetzt. Sie wollte es auch nicht mehr. Kate hätte es gerne beendet, aber die Hoffnung, die nur ganz leise, ganz tief im letzten Winkel ihres Körpers funkte, verbot es ihr.
Das war der einzige Grund. Dieser Funken. Dieser Funke war ihr Lebenselixier, der sie am Leben hielt. Der sie versorgte, der dafür sorgte, das sie das Atmen nicht vergaß. So verging viel Zeit. Er hatte gesagt, das es weh tun würde und das es vorbei gehen würde, aber das tat es nicht. Es wurde jeden Tag schlimmer. Die Stelle, wo vorher Kate´s Herz war, heilte nicht. Alle waren bemüht um sie. Sie versuchten sie aufzumuntern, sie zum lachen zu bringen, aber es half nichts. Sie hätte ihnen allen so gern den Gefallen getan, aber die Kate von früher, gab es nicht mehr.
So blieb Kate in ihrer Welt zurück.
Kapitel 17
Kate wachte an diesen Morgen auf und sah sofort aus dem Fenster. Es war Sonntag morgen und alle schliefen noch. Ihren Funken, den sie ganz tief in sich versteckt hatte, zischte leise. Jeden Morgen überprüfte sie ihn, ob er noch da war. So lange sie ihn ganz leise zischen hören konnte, war sie beruhigt. Sie zog sich an und schlich sich aus dem Haus. Es war das erste mal, das sie das Haus überhaupt verließ. Sie war meistens nicht in der Lage gewesen irgend wo hinzugehen, da die Erinnerungen an verschiedenen Ort die leere Stelle, wo früher ihr Herz war, sie so sehr schmerzte.
Aber heute war es anders. Heute würde sie es schaffen. Sie wollte es schaffen.
Sie zog sich an und suchte aus ihrem Kleiderschrank eine Winterjacke.
Leise schlich sie sich aus dem Haus. Sie nahm ihre Autoschlüssel und schloss seit langer Zeit ihr Auto wieder auf. Als sie endlich und unbemerkt auf der Straße war, wusste Kate genau wo sie hinfahren wollte.
Diese Erinnerungen würden ihr helfen, das der Funke, in ihr, ein wenig mehr zischen konnte.
Als sie vor dem Parkplatz stand, sah sie das verlassene Haus vor sich.
Überall, wo vorher Blumen und Büsche gepflegt worden waren, sah Kate, wie die Zeit und der Winter alles verwildert hatte. Das Haus stand leer. Sie hörte nichts, wie nur das Gezwitscher der Vögel, die Morgens ihr Lied sangen.
Sie kramte in ihrer Handtasche und holte den Metallschlüssel, den er ihr einmal gegeben hatte.
Die große Eingangstür ließ sie weit offen stehen, falls der Schmerz zu groß werden würde, konnte sie schnell das Haus verlassen. Langsam schritt sie durch alle Räume. Alles stand leer. Nichts hatten sie dagelassen, nichts hatten sie vergessen. Nur den Absätze ihrer Schuhe waren zu hören, die in den leeren Räumen hallten. Und doch fühlte sie sich ihm näher. Das Zischen in ihr wurde lauter und es beruhigte sie.
Das Wohnzimmer, die Erinnerung an ihren Geburtstag. OK. Alles Klar, bis hierher schaffe ich es, dachte Kate. Es ging. Sie sah hinaus, in den verwilderten Garten. Der Pool.
Bilder erschienen wieder vor ihren Augen. Sie musste schnell die Augen schließen, es tat zu sehr weh. Sie drehte sich um und ging schnell aus dem Zimmer.
Einen Moment überlegte sie, ob sie in ihr Zimmer sollte. Doch das war würde sie nicht ertragen können. Das würde sie heute nicht hinbekommen.
Die große Eingangstür hatte sie schnell wieder verschlossen und machte sich auf den Nachhauseweg. Nicht das Pat und Phil bemerkten, das sie nicht wie gewohnt in ihrem Zimmer war.
Zuhause schloss sie leise die Eingangstür auf und fluchte innerlich. Pat und Phil saßen mit Jeff am Frühstückstisch. Ob sie wissen würden, das sie weg war?
Sie versuchte, durch die Unterhaltung heraus zu hören, ob sie etwas bemerkt hatten.
„Also, ich denke schon, das sie auf jeden Fall einen Psychologen aufsuchen sollte. Das kann ja so nicht weiter gehen.” Das war Tante Pat, dachte Kate.
„Sie fängt sich schon. Geben wir ihr noch Zeit. Es war ein schweres Jahr für Kate. Sie hat ihre Mutter verloren, dann wurde sie von ihm verlassen, ... das steckt man ja nicht einfach so weg.” Das war Onkel Phil und sie unterhielten sich. Keine Aufregung und auch keine Hektik. Sie hatten nicht bemerkt, wie Kate sich leise aus dem Haus geschlichen hatte. Kate war sehr erleichtert darüber. „Ich weiß nicht, ich finde sie sollte endlich abschließen!” Das war eindeutig Jeff.
„Die Ärzte waren der Meinung, wir sollten sie für ein paar Wochen einweisen, damit sie intensive Gruppengespräche führen und mit ihr an dem Verlust arbeiten können. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich davon halten soll. Aber falls es ihr bald nicht besser geht, sollten wir alle Maßnahmen in Betracht ziehen!” hörte Kate Pat noch sagen. Kate wurde blass, als sie verstand, was Pat damit andeutete. Einweisen? Nein! Warum auch! Sie war doch nicht verrückt! Sie hatte wirklich Schmerzen, auch wenn kein Arzt etwas finden würde. Und reden konnte sie nicht mit einem Fremden. Sie schüttelte den Kopf und überlegte.
Sie hatten recht, irgend etwas musste Kate unternehmen. Aber was? Auf keinen Fall würde sie freiwillig in eine Klinik gehen. Jetzt wollte sie erst mal wieder in ihr Zimmer. Leise ging sie die Treppe nach oben. Es nervte Kate, das sie über sie sprachen. Was wussten sie schon? Sie hatten keine Ahnung wie es ihr ging! Sie wussten nicht, das sie kein Herz mehr besaß. Das nur der versteckte Funken sie am Leben hielt. Sie konnten es auch nicht wissen. Als Kate in ihrem Zimmer ankam, schloss sie leise die Tür hinter sich und lehnte gegen die Tür.
Geschafft! Fürs erste. Aber sie brauchte einen Plan. Sie musste sich etwas einfallen lassen, sonst
könnten sie wirklich auf die Idee kommen, das so eine Klinik für Kate das Beste sein würde.
Sie setzte sich vor das Fenster und sah hinaus. So hatte sie schon viele Stunden verbracht.
So konnte sie dem leisen Zischen lauschen, das wie Balsam für ihre Seele war.
Es klopfte an ihrer Tür. Ohne abzuwarten kam Jeff herein. Kate sah nicht auf, sie wusste genau, dass es Jeff war. „Guten Morgen Kate, hast du gut geschlafen?” Jeff hatte keine Reaktion von ihr erwartet. Er setzte sich auf ihr Bett. „Ich muss dringend mit dir sprechen, Kate. Und es ist wichtig, das du mir ganz genau zuhörst.
Es geht darum, das die Ärzte und meine Eltern ernsthaft darüber nachdenken, das du in eine Klinik gehen sollst. Versteht du das?” Er sah sie eindringlich an. Er wollte sehen, ob Kate ihn verstand. „Da werde ich nicht hin gehen!” sagte sie tonlos. Kate hatte noch nicht einmal ihn dabei angesehen.
„Dann musst du endlich wieder versuchen zu dir zu kommen, Kate. Das Leben geht weiter. Fang endlich wieder an zu leben.” Ein leise Anflug von Verzweiflung konnte Kate in seiner Stimme hören. Jeff war gekommen um sie zu warnen. Er wollte, das sie endlich aufwachte. Endlich wieder die Kate sein würde, die er kannte und auch … liebte.
„Es ist so schwer, ich weiß nicht wie!”
„Geh wieder arbeiten im Blumenladen oder such dir einen anderen Job, lach mal gelegentlich und verabrede dich Kate. Das kannst du doch nicht alles verlernt haben? Fang endlich an mit mir zu reden, wenn du das willst. Du weißt, ich bin immer für dich da, wenn du mich brauchst. Bitte Kate, ich weiß wirklich nicht, wie lange ich sie hinhalten kann. Sie machen sich große Sorgen um dich. Und du verhältst dich wirklich nicht normal. Das macht uns allen Angst, nach all dieser Zeit.”
Jetzt drehte Kate ihren Kopf in seine Richtung und suchte seinen Blick. Stumm nickte sie.
Ja, sie konnte es verstehen, aber nichts daran ändern. Es war so schwer. Wie sollte sie wieder leben? Ohne ihn? Nein, sie hatte alles verloren. Es gab nichts das sie wirklich wollte, außer dem Funken zu lauschen. Der Funken, war alles was sie noch hatte. Ihr Wille so war schwach. Fast war sie machtlos. Das wusste Kate. „Ich werde es versuchen, ich verspreche es!” sagte sie, um ihn zufrieden zu stellen. Dann sah sie wieder aus dem Fenster.
Jeff konnte nicht glauben, was er vor sich sah. Das war nicht die Kate, die er kannte. Das war eine verstörte, traumatisierte, junge Frau. Aber das hatte nichts mit der Kate zu tun, die er einmal liebte. Er liebte sie noch immer und es war für ihn eine Qual, sie so zu sehen. Wie sie daran zerbrach.
Und Schuld war allein Darren. Er hasste ihn so sehr dafür. Er nahm sie bei den Schultern und zwang sie, ihn anzusehen. „Streng dich an, hörst du! Ich kann dich dort nicht mehr schützten, wenn du eingesperrt bist. Was hat er nur mit dir gemacht?” Ungläubig schüttelte er den Kopf. Irgend etwas musste er tun, aber was? Was ging in ihr vor? Er musste es versuchen raus zu finden. Wortlos verließ er das Zimmer.
Jeff hatte recht, dachte Kate. Sie musste etwas tun. Sie brauchte dringend einen Plan. Was hatte er gesagt? Sie solle wieder zu sich kommen! Einen Job und versuchen zu Lachen, hatte Jeff gesagt. Das mit dem Job könnte sie probieren, aber das Lachen hatte sie verlernt. Diesen Gesichtszug gab es lange nicht mehr in ihrem Gesicht. Ob ihre Muskeln das überhaupt noch hin bekamen? Sie ging ins Badezimmer und stellte sich vor den Spiegel. Mit den Fingern versuchte sie ihre Mundwinkel anzuheben. Aber das, war alles andere als ein lachen. Sie wusste genau wie ein Lachen aussah.
Sie versuchte es noch einmal und ganz langsam zog sich ihre Mundwinkel hoch. Die Muskeln, in ihrem Gesicht schafften es eine kleine Weile. Ja, das war schon besser. Das Lächeln sah noch etwas künstlich aus, aber vielleicht, mit viel Übung, könnte sie es trainieren. Vielleicht konnte sie das schlimmste so abwenden. Nach außen hin würde keiner bemerken, wie schlecht es ihr wirklich ging, aber es war ein Anfang. Sie könnte allen vorspielen, das es vorbei war, dann würden sie sie auch in Ruhe lassen. Und sie konnte versuchen, keine Gefühle hochkommen zu lassen, damit der Schmerz so klein wie möglich blieb.
Die Sehnsucht nach ihm, hatte sie heute morgen in das Haus getrieben. Kate hatte fast vergessen, das sie den Schlüssel dafür noch hatte. Hin und wieder musste sie einfach hin, damit sie ihren Funken, so etwas wie Nahrung geben konnte. Vielleicht würde es so gehen? Vielleicht könnte sie, durch die Nähe, die sie in diesem Haus spürte, einen Weg finden.
Heimlich stahl sie sich manchmal davon, wenn alle noch schliefen. Manchmal mitten in der Nacht, oder dann, wenn sie dachten, das sie schlief.
Sie setzte sich einfach in einen Raum. Meistens war es das Wohnzimmer oder die Küche und hörte angestrengt ihrem Funken zu, wie er tief in ihrem Körper sich drehte und wendete.
Eines Tages, als sie im dem verlassenen Haus war, neigte sich der Nachmittag, dem Ende zu und Kate hatte darüber nach gedacht, am nächsten Tag in den Laden zu fahren. Sie wollte mit ihrem Täuschungsmanöver morgen beginnen.
Sie fasste wirklich so etwas wie Mut. Sie war erstaunt über sich selbst, das sie wirklich soweit schon Pläne machte. Sie öffnete am nächsten Morgen die Ladentür. Der vertraute Geruch von Rosen und Lilien stieg ihr sofort in die Nase. Es war niemand im Laden, außer Pat, die gerade einen frisch gebunden Blumenstrauß beschnitt.
Als sie Kate bemerkte, war sie erst wie versteinert und konnte ihren Augen kaum glauben.
Doch dann strahlte sie und lief Kate sofort entgegen. „Kate, was machst du den hier?”
Sie freute sich so sehr darüber, das Kate es in den Laden geschafft hatte, das sie aber sofort leichtes Misstrauen verspürte. „Ist alles in Ordnung?”
Kate hatte das Lächeln geübt, aber es war noch immer schwer für sie. Trotzdem zwang sie sich dazu.
„Hast du Arbeit für mich?”
Pat konnte nicht glauben, was Kate da sagte. So lange war aus der jungen Frau kein Leben mehr sichtbar gewesen und jetzt aus heiterem Himmel stand sie einfach so im Blumenladen und fragte, ob sie Arbeit für sie hatte. Für Pat war das schon fast wie ein kleines Wunder.
„Ja, natürlich Kate. Glaubst du das schaffst du?” „Ja, die Arbeit wird mir gut tun und ich sollte etwas nützliches tun.” In Gedanken schickte Pat ein Stoßgebet zum Himmel. Sie konnte nicht anders, sie nahm Kate in ihre Arme. Ihre Freude darüber, das Kate versuchte aus dem Loch, indem sie saß wieder heraus zu finden, war die schönste Nachricht, die sie seit sehr langer Zeit gehört hatte.
Sie beschloss alles für sie zu tun, damit es ihr wieder gut gehen konnte.
Seit Kate im Laden nicht mehr gearbeitet hatte, hatten sich die Umsätze zwar nicht verschlechtert, aber es gab viele Kunden, die Kate Abwesenheit vermisst hatten. Pat hatte etwas von einer Krankheit und Urlaub erzählt. Damit waren die meisten Kunden zufrieden.
Und jetzt konnte Pat wieder Hoffnung fassen. Zu viele Monate hatte sie Angst gehabt, Kate würde daran zerbrechen. Das Kate jetzt neben ihr im Laden stand, war für Pat ein Zeichen, das es aufwärts gehen würde.
Kate beschäftigte sich mit den Gestecken und mit neuen Dekorationsmethoden. Es fing an ihr wieder Spaß zu machen. Sie war überrascht wie einfach es doch war. In ihren Gedanken war sie trotzdem oft weit weg. Aber das wusste niemand und das sollte auch so bleiben. Die erste Zeit hielt Kate sich im Hintergrund. Sie war froh, das sie keine Kunden bedienen musste. Pat übernahm das für sie. Dazu war es noch zu früh. Das Lächeln war noch schwierig. Außerdem hatte Kate viel abgenommen und ihr Gesicht war nicht mehr so rosig, wie es vor langer Zeit gewesen war. Ihr ganzer Körper wirkte schlaff und krank.
Sie musste beweisen, das es ihr besser ging. So würde sie überzeugender wirken.
Also beschloss sie wieder mehr zu essen und sich wieder um ihr Äußeres zu kümmern.
Dann war das Schlafproblem an der Reihe. All die Monate hatte sie viel geschlafen, um den abwesenden und leeren Zustand, nichts zu fühlen, zu vertiefen.
Wenn sie schlief war alles leichter gewesen, außer wenn sie wieder träumte. Aber das war ja nur Nachts so. Der richtige Schlafrhythmus kam wieder von ganz allein.
Von Tag zu Tag verschwand die schlaffe Körperhaltung. Alle sahen, wie es ihr besser ging. Aber keiner wusste, wie es in ihr aussah. Und das war es, was sie erreichen wollte.
Die Einweisung hatte sie umgehen können. Trotzdem war Kate aber nicht zufrieden. Ihr fehlte etwas und das machte ihr neue Probleme.
Wenn alle noch schliefen, ging sie manchmal zu dem leeren Haus. Dort war sie ihm Nahe und konnte ihn fast spüren. Sie fühlte sich wohl dort, obwohl es sie sehr schmerzte. Manchmal wurde das Gefühl von Einsamkeit so groß in ihr, das sie ihn hassen wollte. Sie versuchte es auch. Dann kam auch echte Wut hoch und die machte sie zeitweise stärker.
Die Einsamkeit war doch stärker, als all ihre Wut. Und dann war da noch Jeff.
Vom ersten Tag an, war er ihr Freund. Schon immer war er das. Er kümmerte sich um sie. Jeff fragte nicht und wollte auch nichts. Er war zufrieden, wenn sie einfach versuchte ein normales Leben zu führen.
Täglich machte sie ihre Lachübungen und es fiel ihr immer leichter. Ab und zu huschte ihr ein Lächeln über die Lippen, wenn sie etwas amüsierte. Das passierte ihr dann, wenn sie mit Jeff zusammen war. Er kannte sie. Er kannte sie ganz genau. Jeff wusste, das es eine Rolle war, die Kate spielte.
Jeff hatte es vom ersten Tag an gewusst. Aber er sagte nichts dazu. Er dachte, wenn sie die Rolle spielte, würde es ihr auch irgendwann wirklich besser gehen. Jeff hoffte, das Kate irgendwann merken würde, das sie diese Rolle nicht mehr brauchte. Für Jeff war die ganze Geschichte mehr als bedenklich. Er hatte nie aufgehört, darüber nachzudenken, was eigentlich zwischen Darren und Kate passiert war.
Er hasste Darren dafür, das er es zugelassen hat, Kate so nah an ihre Grenzen getrieben zu haben.
Und er hatte sich vor genommen, sobald sich eine Gelegenheit ergeben würde, wollte er es ihm heimzahlen. Darauf konnte er sich verlassen.
Aber sein Unmut darüber, das er machtlos gegen Kates Verzweiflung war, brachte ihn selbst an den Rand. Er konnte nicht begreifen, das sie so sehr litt.
Seiner Meinung nach sollte sie froh sein, das sie ihn los war. Aber Jeff wusste auch, das Kate ihn geliebt hatte. Eifersucht kam in ihm auf. Oft hatte er versucht, das Gefühl zu verdrängen, aber es wurde stärker. Vor allem der Drang, Kate zu beschützten. Für Jeff hatte Darren, Kates Seelenfrieden auf dem Gewissen und er sollte dafür büßen. Dieser merkwürdige Darren war für ihn ein Rätsel. Seltsam, und irgendwie unheimlich. Und den Abend, als er seine Augen, rot leuchtend gesehen hatte, konnte er nicht vergessen. Er wusste, das mehr dahinter stecken musste.
Dann die blauen Flecken auf Kates Körper. Kate hatte versucht sie zu verstecken, aber er war davon überzeugt, das da noch mehr Flecken waren, die sie vor ihm versteckte. Jeff hatte damals keine Ahnung, was er dagegen unternehmen sollte. Kate hätte es nie zugegeben. Er machte ganz eindeutig Darren für die Flecken verantwortlich.
Aber jetzt war er endlich weg und so würde Jeff dafür sorgen können, das es Kate nie wieder so schlecht gehen würde. Nie wieder sollte sie so leiden müssen. Das war sein oberstes Gebot. Er war fast jede Nacht bei ihr, wenn sie schlief. Oft wachte er schon vorher auf, bevor die nächtlichen Schreie, die aus ihrem Zimmer kamen, ihn weckten.
Dann setzte er sich auf ihr Bett und wartete bis sie an einen Punkt im Traum ankam, bis er entschied sie zu wecken. Minuten lang sah er ihr dann in ihr Gesicht und versuchte heraus zu finden, was sie so quälte. Sie rief Darren immer, immer wieder. Aber wovor hatte sie Angst?
Was hat er getan, oder was ist mit ihm? Er wollte es unbedingt wissen und es quälte ihn selbst, nicht über diesen Teil von Kates Leben informiert zu sein. Jeff hoffte, das er irgendwann darüber mehr erfahren würde.
An einem Freitag hatte er Urlaub genommen. Der Wetterbericht hatte schönes Wetter voraus gesagt und er hatte vor, mit Kate an den Strand zu fahren am Wochenende.
Er hatte noch viel Papierkram zu erledigen und ein paar Sachen waren am Haus auch wieder fällig gewesen. In den zwei Tagen wollte er das meiste erledigen.
Er war allein im Haus und langweilte sich. Vielleicht war es doch keine gute Idee gewesen, zwei Tage Urlaub zunehmen. Kate und seine Mutter, wie auch Phil waren nicht zuhause. Er war allein. Schnell hatte er seine arbeiten erledigt. Seinen Papierkram hatte er schon immer vor sich her geschoben und er beschloss es auch für dieses Wochenende gleich zu tun. Er hasste das bürokratische. Wieder blieben seine Unterlagen unangetastet in seinem Zimmer. Er saß am Küchentisch und las Zeitung, als ihm ein Photo auffiel, von einer wunderschönen Frau.
Er war sich sicher, das er sie schon einmal gesehen hatte. Dann fiel sein Blick auf den Bericht. Und er traute seinen Augen kaum.
<Liliana Noir verlobt mit dem zukünftigen Generalsekretär>
stand in großen Buchstaben unter dem Foto. Jetzt erinnerte er sich wieder. Sie war die blasse Schwester, dieses Idioten. Sie war unglaublich schön, aber genauso seltsam wie alle Noirs. Und sie war vielleicht die schlauste von ihnen. Sie hatte die Familie verlassen, um ihr Leben zu genießen, dachte Jeff.
Plötzlich hielt er inne. Jetzt fiel ihm ein, wie er etwas über Kates Geheimnis erfahren konnte.
Aber dazu musste er etwas tun, was er unter anderen Umständen nie getan hätte. Er müsste dazu Kates Vertrauen missbrauchen. Gewissensbisse plagten ihn. Sollte er oder sollte er nicht?!? Aber es war die einzige Möglichkeit, alles zu erfahren. Erst wenn er die Wahrheit wissen würde, konnte er Kate besser helfen. Und er wollte ihr helfen, er wollte, das sie wieder so war wie früher.
Er wollte seine Kate wieder haben. Schon allein der Gedanke, das sie für immer in diesem Zustand bleiben würden, raubte ihm fast den Verstand. Er würde es für sie machen. Für Kate. Er musste es einfach tun. Jeff wollte Kate nicht länger in diesem Zustand sehen. Endlich hatte er etwas, was ihm helfen könnte. Er wollte ihr Tagebuch lesen.
Immer noch zweifelnd stand er auf und ging in ihr Zimmer. Aber wo war das Tagebuch?
Er hatte es seit Darren weg war, nie wieder bei ihr gesehen. Er fing an das Zimmer zu durchsuchen. Unter der Matratze fand er es nicht. Er sah in den Regalen nach. im Kleiderschrank in einem Karton am Boden versteckt, nichts.
Alle Schubladen hatte er geöffnet und kam sich schlecht vor. Er fühlte sich wie ein Eindringling.
Aber Kate zuliebe wollte er es ertragen.
Ihr Schreibtisch. Dort hatte er noch nicht nachgesehen. Die Schubladen waren verschlossen. Wo war der Schlüssel? Hatte Kate ihn nicht in ihre Schmuckdose vor dem Spiegel gelegt? Schnell sah er nach. Er öffnete mit fiebrigen Fingern die Dose. Da lag er. Mit dem Schlüssel öffnete er sie Lade des Schreibtisches und fand das Tagebuch in der letzten unteren Lade ganz hinten. Beinahe hätte er es fast übersehen. Kates hatte es gut versteckt, sie wollte schließlich nicht das es gefunden wurde. Langsam und mit Herzklopfen nahm er das Buch. Zweifel überkamen ihn. Würde Kate im verzeihen, wenn sie wusste, das er es gelesen hatte?
Vielleicht? Aber sicher konnte er nicht sein. Doch er wollte endlich wissen, was dieser Mistkerl getan hatte. Er wollte wissen, was Kate wirklich für ihn empfunden hatte.
Er öffnete es und begann zu lesen.
Nach mehr als zwei Stunden, legte er das Tagebuch wieder in die Schublade! So das niemand etwas bemerken würde. Alles hinterließ er, wie er es vorgefunden hatte. Dann ging er in sein Zimmer und lief wie ein Tiger hin und her.
War das wirklich wahr? Oder hatte Kate eine blühende Phantasie? Nein, das gab es doch nicht. Das konnte doch gar nicht sein. Sollte Kate verrückt sein? Dann wäre es sicher besser, wenn sie sich Einweisen ließ.
Was sollte er nur tun? Zur Polizei gehen? Die würde ihm kein Wort glauben. Aber was sollte das?
Gab es wirklich Vampire? Was war dann mit Monster? Oder Spiderman? Oder King Kong?
Es war für ihn so unwirklich. War er jetzt verrückt? In was nur war Kate da hinein geraten?
Die Erkenntnis über der Wahrheit, lies ihn Bilder aus der Vergangenheit sehen.
Jetzt wurde ihm auch klar, warum er so eine Abneigung gegen die Noirs hatte. Warum die Noir´s für die Leute in Pleasentview so seltsam erschienen.
Er sah ihre Blässe und Darren hatte nie etwas gegessen, wenn er hier bei seinen Eltern im Haus war.
Seine Blicke und die Art wie er ging.
Plötzlich schien für Jeff alles so eindeutig. Es war so einfach es zu sehen, was sie in Wirklichkeit waren, wenn man bereit war, daran zu glauben.
Nie hätte er so etwas vermutet. Sie hatten wirklich alle getäuscht, nur nicht Kate. Sie war wohl die einzige, die es wusste und tolerierte. Warum nur? War sie wirklich so verliebt in ihn, das sie alles in Kauf genommen hätte.
In ihrem Tagebuch schrieb sie oft von Liebe bis in die Ewigkeit. Das konnte sie nicht ernst gemeint haben. Sie wollte sterben, für ihn. Das ist der reine Wahnsinn! War Kate verrückt geworden? Immer wieder schüttelte Jeff den Kopf, bei dem Gedanken. Wie konnte sie nur so etwas tun wollen? War sie den verrückt geworden? Verrückt vor Liebe?
Als er den ersten Schock überstanden hatte, musste er feststellen, das die Noir wirklich die Monster waren, in dessen Licht er sie schon immer gesehen hatte.
Bildlich sah er Darren mit seinen Blutaugen vor sich. Ja, es passte alles. Warum sollte Kate auch so etwas absurdes in ihr Tagebuch schreiben, wenn es nicht wahr wäre?
Kate! Sie liebte diesen Darren so sehr, das sie bereit war ihr Leben aufzugeben um …..!
Weiter dachte er den Gedanken nicht, zu abtrünnig war es für ihn. Er war total schockiert, das Kate sich überhaupt mit ihm eingelassen hatte. Sie war die ganze Zeit in Gefahr! Und das Bewusst. Wie konnte Darren sich nur an sie so heran machen. Wieso ausgerechnet Kate? Hätte Darren sich nicht ein anderes Mädchen aussuchen können?
Das einzige was Jeff nachvollziehen konnte, war die Entscheidung von Darren, sich aus Kates Leben heraus zu halten. Aber das hätte er sich alles vorher überlegen können.
Oh, wie sehr Jeff ihn hasste. Jetzt noch mehr als vorher. Hätte er seine Drecksfinger von Kate gelassen, dann wäre das alles nicht passiert.
Für Jeff war die Sache mit der Verwandelung absolut nicht tolerierbar. Wie konnte Kate nur so etwas denken? Wie konnte sie das seinen Eltern antun wollen, nach allem, was sie für Kate getan hatten?
Nein, er konnte nichts davon nachvollziehen. Er brauchte Luft zum atmen, das alles war zu viel.
Er schnappte sich ein paar Kleidungsstücke, stopfte sie in eine Tasche. In der Küche legte er seinen Eltern schnell noch einen Zettel hin. Er schrieb, er wäre bei Freunden übers Wochenende und er würde sich melden. Dann verließ er das Haus. Er musste nachdenken. Wenn er geblieben wäre, hätte Kate sofort gewusst, was mit ihm war. Er stieg in sein Auto und fuhr los.
Als Kate am Abend nachhause kam war sie müde. Sie war den ganzen Nachmittag damit beschäftigt gewesen, Kränze für eine Beerdigung zu binden. Sie hatte viel an ihre Mutter gedacht. Sie vermisste sie. Vielleicht würde sie eine Gelegenheit finden, das Grab zu besuchen.
Sie wunderte sich schon sehr, das Jeff über das Wochenende fort gefahren war. So etwas tat er sonst nie! Aber so hatte sie die Möglichkeit in das leere Haus zu gehen. Ohne das Jeff sie beobachtete.
Durch Jeff war es für sie schwierig gewesen. Er lies sie fast nie aus den Augen und beobachtete alle ihre Schritte. Als sie das letzte Mal von ihrem früh morgendlichen Ausflug kam, hätte er sie beinahe dabei erwischt.
Gleich am Samstag früh machte Kate sich auf den Weg. Es war noch halb dunkel und der Morgen würde bald erwachen. Wie immer lief sie durch alle Räume und fühlte seine Nähe. Es war so still und friedlich in dem Haus. Sie konnte den Wind hören, der draußen mit den Bäumen spielte.
Aber das reichte ihr heute nicht. Sie hatte die Sehnsucht nach mehr. Sie brauchte etwas, was den Funken wachsen lassen konnte. Langsam lief sie die Treppen zu den oberen Räumen hoch. Ihr Herz klopfte wild und Kate konnte das Zittern nicht unterdrücken. Jetzt stand sie direkt vor der Tür. Sie schloss ihre Augen. Mit ihren zittrigen Fingern öffnete sie langsam die Tür. Dann ging hinein.
Kapitel 18
Tageslicht durch flutete das Zimmer. Es lag leer und still, wie die anderen Räume auch.
Mit einem Unterschied. An der Stelle, an der das Bett stand, lag ein Laken. Wahrscheinlich war es vergessen worden. Aber Kate erkannte es sofort. Es war dunkelblau. Es war das Bettlaken, von ihrem gemeinsamen Bett. Regungslos stand sie davor und starrte es an. Sofort wurden die Bilder wieder schärfer in ihrem Kopf.
Wie sie mit ihm darin lag. Wie das Laken sie beide gehalten und gewärmt hatte.
Sie kniete vor dem Laken. Konnte es wirklich wahr sein? Hatten sie es hier vergessen?
Sie betrachtete es. Sie hatte Angst es zu berühren. Vielleicht bildete sie sich das Laken nur ein?
Mehrmals hatte sie ihre Augen geschlossen und wieder geöffnet. Aber es lag noch genauso da, wie sie es gefunden hatte. Vorsichtig nahm sie es in ihre Hände. Sie fühlte den kühlen Stoff. Dann presste sie ihn an ihren Körper und roch an ihm. Hauch zart konnte sie seinen Geruch wahrnehmen. Ganz leicht nur, wahrscheinlich kaum. Aber die Erinnerung half ihr dabei. So oft hatte sie versucht, den Geruch für immer sich einzuprägen.
Diesen leicht süßlichen Geruch, den er verströmte. Stunden vergingen. Sie hatte keine Ahnung, wie lange sie eingehüllt, in diesem Laken in ihrem Zimmer, lag. Sie hatte jegliches Zeitgefühl verloren, genau wie damals im Wald.
Aber diesmal fühlte es sich anders an. Ihr Verantwortungsgefühl meldete sich.
Sie kramte in ihrer Handtasche nach ihrem Handy. Sie musste Pat Bescheid geben, das sie sich keine Sorgen machte. Als sie die SMS verschickt hatte, kuschelte sie sich wieder in das Laken.
Kate wurde klar, das sie sich nie von ihm los machen konnte, wenn sie hier und einfach überall sein Bild in ihren Kopf holte. Sie musste sich befreien. Sie wollte sich endlich wieder normal fühlen. Sie wollte endlich aufhören zu leiden, es würde sich nichts ändern. Langsam dämmerte es ihr.
Sie musste weg von hier, weg von den Bennets, weg von Pleasentview.
Was sollte sie mit ihrem Leben anfangen? Überall wo sie hin kam wurde sie von Erinnerungen an ihn getroffen. Im Haus, im Blumenladen, in den Straßen von Pleasentview, im Wald. Einfach überall.
Sie konnte das nicht mehr. Es machte ihr einfach das Leben, ohne ihn, zu schwer. Sie war noch nicht mal in der Lage seinen Namen laut zu denken.
Sie musste sich endlich damit abfinden. Er hatte sie verlassen. Er kam nicht wieder.
Das Zischen tief in ihr wurde leiser.
Sofort stieg Panik in ihr auf. Nein, das Zischen brauchte sie, um zu überleben. Sie würde sterben, wenn es aufhören würde und wenn dieser Funken erlöschte.
Sie hatte sich viele Gedanken gemacht, warum es diesen Funken gab. Vielleicht, weil es die Möglichkeit geben würde ihn einmal zu sehen? Ihn zu sehen! Das war genau das, was sie wollte. Ihn sehen! Nur einmal, das würde sie brauchen. Ihn nur einmal zusehen. Aber nicht in Pleantview. Er hatte gesagt, er würde nie wieder hier zurück kommen.
Also würde sie gehen. Nach Portland.
Dort war sie aufgewachsen. Dort hatte sie gelebt. Dort war ihre Mutter. Dort würde sie es ertragen können. Dort könnte sie damit leben können. Dort waren keine Erinnerung an ihn. Sie würde wieder zurück gehen, um stark für eine Begegnung zu werden. Sie würde Kraft tanken und stark genug sein, um ihm gegenüber zustehen. Das war ihr neues Ziel. Die Entscheidung war gefallen!
Kate war entschlossen, ihr Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen. Sie stand auf und legte das Laken sorgfältig zusammen und legte es in ihre Tasche. Sie wollte es mitnehmen. Es war das einzige, was ihr von ihm geblieben war, … was sie ertragen konnte. Die Kette, die er ihr geschenkt hatte, hatte sie abgelegt. Sie hatte das Gefühl, wenn sie die Kette weiter tragen würde, dann hätte der Anhänger sich in ihre Haut gebrannt.
So wie ihr Tagebuch hatte sie die Kette so verstaut, das sie auch nicht zufällig darüber stoßen konnte. Das hätte den dumpfen Druck in ihrer linken Brust erhöht. Die Schmerzen wären nicht auszuhalten gewesen.
Jeff tauchte erst zwei Tage später auf. Am Samstagabend schloss er die Tür auf und Kate sah sofort, das er sich verändert hatte. Seine Züge waren hart geworden und seine Augen waren dunkel. So sah der Jeff mit Sorgen aus, dachte Kate. Sie saß vorm Fernseher und tat schon seit einer Stunde so, als würde sie interessiert einen Krimi ansehen. Gedanklich in Portland, bei ihrem neuen Leben, das sie bald anfangen wollte. Am Sonntag wollte sie es den Bennets sagen. „Oh Junge, bist du wieder da? Hattest du ein paar schöne Tage?” fragte Pat ihren Sohn und nahm still und leise seine Sorgen und seinen Ausdruck auf.
„Ja, es war …. schön!” Er blickte Kate an. Was hat ihn so …. hart werden lassen? Und wieso weichte er ihren Blicken aus? fragte sich Kate.
„Ich geh schlafen, ich bin müde von der Fahrt!” sagte er noch kurz und verschwand in sein Zimmer.
Kate wandte sich dem Fernseher wieder zu und Pat, saß am Küchentisch und las in einem Modemagazin.
Sollte sie zu ihm gehen? Kate wusste nicht genau, was sie tun sollte. Sie stand auf und fand sie sollte versuchen mit ihm zu sprechen. Als Kate nach oben ging sah Pat ihr nachdenklich hinterher. Kate klopfte an seiner Tür. Sie wartete, bis er sie rein bat. Doch statt dessen öffnete er selbst die Tür. Ein Lichtstrahl seines Zimmerfensters warf sich auf Kate. Leicht musste sie ihre Augen zusammenkneifen. Jeff lies die Tür offen stehen, und widmete sich wieder seinen Unterlagen.
Kate deutete dies, das es ihm egal war, ob sie nun eintrat oder nicht. Deshalb beschloss sie, stehen zu bleiben, bis er merkte, das sie nicht einfach in sein Zimmer treten wollte. Es dauerte einen Moment, bis er auf sah und merkte, das Kate immer noch vor seiner Tür stand und nicht wie erwartet in seinem Zimmer.
Er ging ein zweites Mal zur Tür und blickte kurz in ihre Augen, die ihn offen und glänzend anstarrten.
„Entschuldige Kate, komm rein!” er lächelte sie nicht an. Er hatte keine Mimik. Sie wusste, das irgend etwas mit ihm nicht stimmte. „Wo warst du?” fragte Kate und setzte sich auf sein Bett, das belagert war mit Wäsche.
Er sortierte seine Papiere weiter und sah sie nicht an. „Bei Freunden!”