Entscheidung aus Liebe 3
Entscheidung aus Liebe 3
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 5 Teile geteilt.
„Warum?” fragte sie und versuchte in sein Gesicht zu sehen. Er schwieg eine Weile und suchte offenbar nach einer Antwort. „Aus verschiedenen Gründen,” sagte Jeff knapp. Jetzt richtete er sich auf und nahm den Stapel Papier und ging an sein Regal, holte einen Ordner herunter und heftete die Papiere sorgfältig ein. „Sind wir den noch Freunde?”
Diese Frage traf ihn wie ein Schlag. Er blieb regungslos in seiner Bewegung und sah Kate an. „Wieso fragst du mich das?” „Du hast sehr kalte Augen, wenn du mich anschaust. Und ich frage, mich ob wir noch Freunde sind!” sagte Kate langsam.“ „Ich denke schon!” sagte Jeff und setzte sich zu Kate aufs Bett. „Was ist los?” wollte Kate jetzt wissen.
Jeff wusste, das sie gleich etwas merken würde. Aber ihm blieb keine andere Wahl, als sie zu belügen. Er konnte ihr nicht erzählen, das er über die Wahrheit Bescheid wusste. Oder sollte er es doch wagen? Sein schlechtes Gewissen war übermächtig und er bereute es tief, je in ihrem Tagebuch gelesen zu haben. Das hätte er nicht machen dürfen.
Die Wahrheit zu lesen, war erschreckend und schockierend zugleich. Und auch schmerzlich, weil er nun wusste, das Kate Darren wirklich geliebt hatte oder es immer noch tat.
Er hatte viel darüber nachgedacht, was sich ändern würde, wenn er ihr gestand, was er getan hatte.
Er hatte keine Ahnung, ob sie ihm verzeihen würde. Das Risiko war ihm doch zu groß, oder vielleicht ….? Jeff wusste nicht, was er jetzt tun sollte.
„Kate, ich muss diesen Papierkram noch fertig bekommen.” sagte er tonlos.
Ohne sie auch nur einmal anzusehen, sortierte er seine Papiere weiter.
„Seit wann redest du nicht mehr mit mir?” Jeff sah ihr nun endlich in die Augen. Er hätte so gerne mit ihr gesprochen.
„Seit dem du damit aufgehört hast! Lass uns morgen reden, ja?” Er musste versuchen das Gespräch in eine andere Richtung zu wenden, oder es beenden. Er hatte keine andere Wahl. „Wieso nicht jetzt? So spät ist es noch nicht, außerdem wollte ich dir etwas wichtiges sagen!”
„Was wolltest du mir sagen?”
Jetzt war Kate es, die zögerte.
„ Ich habe eine Entscheidung getroffen!” Er setzte sich zu ihr auf sein Bett.
„Was für eine Entscheidung?”
„Das erzähle ich dir, wenn du mir deinen Kummer auch erzählst.” sagte Kate und sah Jeff fordernd an. Es war ein bisschen wie früher. Sie hatten sich öfters gegenseitig so hochgeschaukelt. Darüber das es den leichten Unterton von früher wieder war, wie sie mit ihm redete, spielte ein leichtes Grinsen seine Mundwinkel. „Außerdem hast du versprochen, mit mir am Wochenende an den Strand zu fahren, und bist einfach ein paar Tage abgehauen. Dann kommst du wieder nachhause und hast dich so verändert. Dann willst du mir auch nicht sagen, was los ist. Das ist nicht fair, Jeff!”
Sie hatte recht. Es war nicht fair, aber …..! “Also komm, hol dir eine Jacke! Wir gehen jetzt zum Strand!” Ja, das war der Jeff, den sie kannte. Spontan und dynamisch. Ein ungespieltes und ganz leichtes Lächeln huschte ihr über die Lippen. „Was? Jetzt?” Kate war etwas irritiert, als er seine Autoschlüssel in seine Jeans steckte und seine Jacke vom Bett nahm. „Was ist?” Er ging zur Tür und wartete darauf, das Kate sich erhob und ihre Sachen holte.
„Du meinst das ernst?” fragte sie und wollte es wirklich wissen. „Meinst du etwa ich mach Spaß?” Die Sache war viel zu ernst, aber Kate konnte das ja nicht wissen.
Sie sagte nichts mehr und ging in ihr Zimmer und holte eine Jacke. Schweigend fuhren sie zu St. Louise Bay. Die Nacht war klar und die Sonne hatte die Luft den ganzen Tag aufgewärmt. St. Louise Bay war schon immer ein beliebtes Ausflugsziel gewesen. Kate war hier öfters mit Darren gewesen. Deshalb versteifte sie sich, als sie merkte das Jeff die gleiche Richtung einschlug. „Kannst du bitte weiter fahren und für uns eine andere Stelle aussuchen?” Kate sah aus dem Fenster.
Sie konnte und wollte nicht wieder an den Ort. Ihr würde es sonst schlecht gehen. Sie wollte unbefangen sein. Jeff hatte verstanden, ohne das sie ihm das erklären musste. Das war genau die Eigenschaft, die sie an ihm so mochte. Sie musste ihm nie lange erklären, er verstand die Zusammenhänge. Es war so unkompliziert.
Er fuhr ein paar Meilen weiter. Dann schließlich kamen sie an einer Bucht. Sie lag einsam, niemand war zu sehen. Sie würden allein sein. Jeff nahm Kates Hand und ging mit ihr ein paar Schritte einen Hügel hinunter. Es war fast selbstverständlich, das sie sich an den Händen hielten. Als sie den Hügel hinunter gelaufen waren, behielt sie seine Hand.
Das Rauschen des Meeres war das einzige, was sie hörten. Ruhig war die See an diesen Abend und Kate war froh gewesen, über seine Idee. Sie liebte das Meer. Sie atmete tief die salzige Luft ein und schloss dabei ihre Augen. Jeff hatte sie beobachtet, wie sie frei atmete und die Brise genoss.
Jetzt konnte Jeff aber nicht mehr warten und wollte von Kate wissen, von was für einer Entscheidung sie gesprochen hatte. „Du hast etwas von einer Entscheidung gesagt. Was hast du vor?” „Ich werde Pleasentview verlassen, Jeff!” Kate sagte es ohne es auszuschmücken, ohne lange um den heißen Brei zu reden. Jeff sah an den dunklen Horizont und dachte darüber nach, was sie gesagt hatte.
„Ich möchte neu anfangen, Jeff verstehst du das?” „Ja, endlich! Es wird Zeit, das unter allem einen Schlussstrich ziehst. Aber wieso nicht hier bei mir ….. und meinen Eltern?” Zu sehr würde es ihn schmerzen, wenn sie gehen würde. „Ich kann das hier nicht? Hier ist so viel, was mir weh tut und es wirft mich immer wieder zurück.
Kannst du das ein kleines bisschen verstehen?” Natürlich konnte er, nach allem was er jetzt wusste. Es war für ihn klar gewesen, das sie in Pleasentview niemals darüber hinweg kommen würde. Aber das sie allein weg fahren würde und er sie lange Zeit nicht sehen würde, war schwer für ihn. „Du glaubst gar nicht, wie gut ich dich verstehe. Es ist nur …. Du bist dort allein.”
Kate konnte die Wärme in seinen Augen sehen. Sie überrascht, das noch immer mehr als nur Freundschaft sich darin spiegelte. Aber diesmal verunsicherte es sie nicht.
„Du kennst jetzt meinen Plan. Sagst du mir jetzt auch, was bei dir los ist?”
„Genau davor habe ich Angst, Kate!”
Kate runzelte fragend die Stirn.
„Wovor hast du Angst?”
Jeff wandte sich ab von ihr und ging ein paar Schritte zurück, und setzte sich in den leicht warmen Sand. Kate lief ihm hinterher. Sie setzte sich neben ihn und legte ihre Hand auf seine Schulter. „Wovor hast du Angst, Jeff!” wiederholte sie ihre Frage. „Ich …. Habe etwas getan, Kate und ich bereue es zu tief. Aber leider kann ich es nicht rückgängig machen.” Kate erschrak, als sie sein Gesicht sah. Es ging ihm wirklich nicht gut, das konnte sie deutlich sehen. Aber sie konnte sich nicht erklären, was er getan haben könnte, das es ihn so quälte.
„Erzähl mir davon!”
„Das kann ich nicht Kate!”
„Wieso kannst du es mir nicht erzählen?” Lange sah Jeff auf die Wellen.
„Ich habe etwas getan, was dich verletzt. Und ich möchte dich nicht verlieren.”
Kate konnte nicht glauben was er da sagte. Wieso sie?” „mich nicht verlieren? Jeff, ich verstehe nicht? Bitte, sag mir was du getan hast!”
Er schluckte schwer, als er nach den richtigen Worten suchte. Wie sollte er es ihr am besten sagen?
Er hatte keine Ahnung, wie sie reagieren würde. Jeff war sich bewusst, das es jetzt auch das Ende ihrer Freundschaft bedeuten konnte, wenn er ihr die Wahrheit sagen würde. Aber sein schlechtes Gewissen war so groß, das er es nicht aushalten konnte. „Du hast so gelitten in den letzten Monaten, das für mich die schlimmste Zeit meines Lebens war.“ Kate sah ihn mit großen Augen an und hörte ihm aufmerksam zu.
„Ich wollte dir helfen wieder ein normales Leben zu führen und suchte verzweifelt nach Möglichkeiten, deinen Kummer dich vergessen zu lassen.
Doch du warst nicht die selbe Kate, die ich kannte. Jeden Tag fragte ich mich, was passiert war. Jeden Tag auf´s Neue. Der Gedanke lies mir einfach keine Ruhe. Meine Tage und meine Nächte waren schlecht, sowie deine auch.
Ich war zerrissen und wusste mir nicht mehr zu helfen, Kate. Die Wahrheit war so ernüchternd und schockierend für mich, Kate. Jetzt kann ich dich etwas besser verstehen.”
Kate riss plötzlich ihre Augen auf und starrte ihn fassungslos an. Ein leiser Verdacht kam in ihr auf. Nein, das konnte er nicht gewagt haben!
„Oh, mein Gott!” kam es aus ihr heraus und sie schüttelte ganz langsam ihren Kopf.
„Was hast du getan?” Kates Stimme war kräftig, aber leicht heiser. Ihre Hände hatte sie zu Fäusten geballt und ihr Körper verkrampfte sich.
Jeff sagte kein Wort mehr. Sie wusste es!
Jetzt konnte er nur hoffen, das sie endlich anfangen würde mit ihm darüber zu sprechen und schließlich ihm verzeihen. „Sag mir, das du mein Tagebuch nicht gelesen hast!” Jeff sah auf seine Hände mit gesenktem Kopf und durch seine Geste bestätigte er es.
„Wie konntest du es wagen? Wie konntest du nur?” flüsterte Kate und sah ihn an. Ungläubig, über das was er getan hatte, schaute sie ihn wütend an.
„Ich hatte deinen Zustand statt, Kate. Ich konnte es nicht mehr ertragen, dich so zu sehen.”
„Das gibt dir noch lange nicht das Recht, mein Tagebuch zu lesen!” Wütend war sie aufgestanden und lief unruhig hin und her. Sie wirbelte Sand dabei auf.
„Wenn man es genau betrachtet, lag es eigentlich auf der Hand. Aber wir alle waren blind.”
„Darum geht es nicht, du hast mein Tagebuch gelesen!” fast schrie Kate dabei.
Sie war wütend und das konnte er ihr nicht verdenken. Aber Jeff glaubte das Kate nur deshalb so böse auf ihn war, weil er jetzt wusste, das sie eine von ihnen werden wollte. Sie ging ein paar Meter von ihm weg und setzte sich an eine einsame Stelle und sah aufs Meer hinaus. Jeff wollte ihr Zeit geben. Sie musste diese Nachricht erst einmal verdauen. Er lies sie mit ihren Gedanken allein.
Wie konnte er nur? Wie konnte er ihr das an tun? Sie fasste es nicht, aber darüber hinaus fragte sie sich jetzt, was würde er wohl tun?”
Er hatte keine Chance. Sie würden ihn ganz leicht töten. Sie würden es tun, wenn er sie in Gefahr brachte. Sie war so enttäuscht von ihm. Enttäuschung war etwas, was Kate nur zu gut kannte. Deshalb war dieses Gefühl ihr vertraut.
Jetzt wusste er auch, wie weit sie bereit war zu gehen. Jeff hätte die Verwandelung nie verstanden.
Dafür liebte er das Leben zu sehr, oder er hatte noch nie richtig geliebt. Beides Stimmte vermutlich.
Aber für Kate war das Vergangenheit. Leise hörte sie ihren Funken zischen. Doch jetzt wollte sie ihn nicht mehr hören. Die Wut das Jeff in ihren Sachen gewühlt hatte, verletzte sie. Konnte sie ihm noch vertrauen? Sie wusste es nicht! Mehr verunsicherte Kate, dass Jeff nun über alles Bescheid wusste. Das sie Vampire waren, das sie einen Vampir liebte und das sie bereit war, zu sterben für ihn.
Die Tatsache, das es sie wirklich gab, hatten ihn bestimmt genauso umgehauen, wie sie damals.
Sie hörte wie der Sand unter seinen Schuhe knirschte. Er setzte sich zu ihr.
Jetzt war der Moment gekommen. Er musste mit ihr darüber sprechen.
Er saß schon ein paar Minuten bei ihr, ohne das sie etwas sagten. Kate hatte ein Grashalm in der Hand, das vor ihr aus dem Sand gewachsen war. Sie spielte damit unsicher zwischen ihren Fingern. Dann fasste sie allen Mut zusammen.
„Als ich ihn kennenlernte, war es wie Magie zwischen uns. Wir wussten beide, das wir zusammen gehörten. Es war schwierig, weil er kein Mensch war. Aber das war mir von Anfang an egal.” „Sie sind eine Gefahr, Kate!”
„Nein, Jeff, da irrst du dich. Sie sind keine Gefahr, genau wie die Bewohner von Pleasentview nie in Gefahr waren, genauso wenig, wie ich jemals in Gefahr war. Sie hatten sich seit mehreren Jahren daran gehalten, kein Menschenblut zutrinken. Sie konnten sich alle kontrollieren.
Sie wollten ein normales Leben führen, was hätten sie schon für eine Chance gehabt? Um so zu leben, mussten sie die Menschen täuschen. Sie waren alle nicht glücklich mit dem Wissen, was sie waren oder besser, sind. Vor allem er nicht. Er konnte sich nur schwer damit abfinden, weil er wusste, das genau das zwischen uns stand.
Wir liebten uns so sehr, das es für beide von uns schwer war, mit dem Gewissen weiterzuleben, das die Zeit gegen uns lief. Verstehst du mich?”
Fragen sah sie ihn. Sie wollte unbedingt erreichen, dass Jeff ihre Beweggründe verstand.
„Kate, ….!” Jeff schüttelte den Kopf.
„Versuch mich bitte zu verstehen, Jeff. Es hat mich fast umgebracht, als er die Entscheidung getroffen hat, mich zu verlassen. Ich liebe ihn noch immer und das werde ich auch vermutlich immer tun. Jeder Tag, der vergangen ist, ohne ihn ist eine Qual für mich. Ihr denkt alle, das ich es geschafft habe, aber so weit bin ich noch lange nicht. Meine Seele ist zerstört, Jeff. Ich bin am Ende. Oft weiß ich nicht mehr weiter. Er hat alles was mich glücklich macht mitgenommen. Und es ist ein Schmerz, den ich noch immer spüre.” Jeff konnte sehen, wie sehr sie gelitten hatte und wie sehr sie es immer noch tat. Ihre Worte trafen ihn, aber er wollte es hören. „Ich hatte eine Entscheidung getroffen. Ich wollte zu dem werden, was er war, um für immer bei ihm zu bleiben. Nichts sollte uns mehr trennen können.
Aber er trennte sich. Ich weiß nicht genau, was seine Beweggründe waren. Er sagte nur, das er diese Verantwortung nicht mehr tragen wollte und auch nicht konnte.
Er will das ich ein schönes Leben führe, ohne ihn. Aber er wollte mir nicht das Leben nehmen, damit wir für immer zusammen bleiben konnten.
Ich werde ihn nie wieder sehen, Jeff und für mich ist das, fast das gleiche, als Tod sein. Ich lebe nicht. Ich bin tot, nur mein leerer Körper tut, was man von mir erwartet. Ich weiß, es muss sich schrecklich für dich anhören, aber so fühle ich.” Jeff sah nachdenklich die junge Frau neben ihn an. Das Leben auf geben zu wollen, für etwas was noch nicht einmal ein Mensch war, war zu viel für ihn. Er verstand, das sie verliebt war in ihn, und das sie über vieles hinweg gesehen hatte, aber ihr eigenes Leben aufzugeben? Die Menschen, die sie liebte so zu betrügen. Nein, das widersprach sich für ihn.
„Kate, vielleicht irrst du dich. Was ist wenn du irgend wann wieder glücklich bist? Dann stellst du eines Tages fest, das du dich umbringen wolltest für etwas, was …..!”
Er fand keine richtigen Worte, die das beschrieben, aber er musste ihr das sagen.
„In dem Moment, als ich es erfuhr, fragte ich mich, was ich oder meine Eltern für dich sind. Wärst du wirklich in der Lage gewesen, das uns an zu tun? Kate, um Gottes willen, denk mal nach.” Sie sagte dazu kein Wort mehr. Schweigend dachte sie daran, aber sie würde sich wieder dafür entscheiden. „Er wollte dir dein Leben nicht nehmen, das du hattest, weil er wusste, das es richtig ist, ein Leben zu leben. Du weißt ich hatte Probleme mit ihm, aber seit ich die Wahrheit kenne, kann ich ihn verstehen. Ich bin ihm sogar dankbar dafür, auf gewisse Weise.” „Jeff, das Leben, das er mir gelassen hat, ist für mich jeden Tag und jede Nacht die Hölle. Mein Leben ist zerstört, ohne ihn.” Tränen stiegen auf und rannen ihr die Wange hinunter. Jeff war sich sicher, das sie das nur jetzt so sehen würde, aber irgend wann, hätte sie es bestimmt überstanden und konnte ihr Leben wieder genießen. Davon war er überzeugt. Sie brauchte Geduld und Zeit. Das war das Rezept, das er ihr geben wollte. „Deshalb muss ich aus Pleasentview fort, sonst weiß ich nicht was ich tue. Überall werde ich an ihn erinnert und ich ertrage das nicht mehr. Und ich will es auch nicht mehr. Ich versuche einen Weg da raus zu finden, und der Weg führt mich nach Portland. Dort möchte ich neu anfangen, zumindest bis ich weiß, was ich mit mir noch anfangen kann.
Ich muss es einfach tun. Verstehst du, Jeff?” Sie sah ihn und konnte in seinem Blick Verständnis erkennen. Das tröstete sie.
Sie war erleichtert. Zum ersten Mal in dieser ganzen Zeit, hatte Kate das erste Mal mit jemanden darüber sprechen können. Es war befreiend. Trotzdem war die Last die sie trug, schwer. „Ich kann verstehen, das du gehen musst, aber wieso nimmst du mich nicht mit?”
Jeff konnte nicht ertragen, das sie ging und allein sein würde. Er hatte auch Angst, wenn Kate doch nicht allein klar kommen würde, was würde sie tun?
„Lass mich mit kommen, Kate! Ich kann auf dich aufpassen und dir dabei helfen, das Leben zu führen, das du verdienst!” Wenn Kate es zulassen würde, wäre er beruhigter. Und er wäre bei ihr. „Nein Jeff, das ist etwas, was ich allein versuchen muss. Ich weiß das zu schätzten, aber ich muss es einfach allein versuchen.” Er hätte sich denken können, das sie ihn abweisen würde, dann musste er ihr eben ein Versprechen abnehmen, das sie jeden Tag telefonierten, damit er wissen würde, ob es ihr gut geht oder nicht.
Er selbst würde sonst verrückt werden.
„Ich wusste die ganze Zeit über, das etwas nicht stimmte, Kate. Und es hat mich fast verrückt gemacht, nicht zu wissen, was genau los war. Und als ich deine blauen Flecken gesehen hab, wäre ich auch beinahe zu ihm gefahren. Ich wollte ihm die Wahrheit aus seinem Körper prügeln.
Du hast mich belogen und ich fragte mich, was du vor mir verheimlichst, das du lügen musst. Ich habe von Anfang an gewusst, das etwas mit ihm nicht stimmte.
Und seit ich das Geheimnis kenne, bin ich froh, das ich mich nicht weiter mit ihnen angelegt habe, sonst wäre ich wahrscheinlich nicht mehr am leben.”
„Er hätte dich nicht getötet, Jeff. Sie töten nur, wenn sie in Gefahr geraten.” sagte Kate.
„Was ich aber nicht verstehen Kate, als du heraus gefunden hast, was sie sind, hast du keine Angst gehabt?” „Nein, ich hatte von Anfang an keine Angst. Warum auch? Ich wusste, wenn sie mich hätten töten wollen, dann hätten sie es schon lange getan. Nein, im Gegenteil, sie waren alle sehr freundlich zu mir und hatten mich in ihre Familie aufgenommen. Seine Mutter behandelte mich wie eine Tochter.
Ich war keine Sekunde in Gefahr, im Gegenteil, sie schützten mich und ich fühlte mich sehr wohl.
Sie vertrauten mir, so wie ich ihnen Vertraut habe. Ich hatte sogar einen Schlüssel für das Haus gehabt. Ich gehörte einfach zu ihnen. Und das wollte ich auch. Das hatte aber nichts mit deinen Eltern zu tun, das ist etwas ganz anderes.
Ich bin mir bewusst, was Pat und Phil für mich getan haben und ich liebe sie über alle Maßen, aber bei den Noir´s, hatte ich das Gefühl angekommen zu sein, wo ich hingehörte. Ich weiß, das hört sich bescheuert an, aber so war es für mich.”
Jeff schüttelte ungläubig den Kopf und versuchte Kate nach zu empfinden, aber es ging nicht.
Beide hingen in ihren Gedanken fest und sprachen lange nichts. Eine Frage quälte Jeff aber immer noch.
„Kannst du mir verzeihen?”
Kate gab ihm lange keine Antwort. Sie konnte verstehen, warum er ihr Tagebuch gelesen hatte. Und wenn sie ehrlich war, war sie froh, das er es getan hatte. So konnte sie endlich darüber sprechen und musste auch ihn nicht mehr belügen.
“Ja, ich verzeihe dir. Aber du musst mir versprechen, das dieses Geheimnis ein Geheimnis bleibt!”
„Wer würde mir schon glauben?” antwortete Jeff ernst und war erleichtert, das sie alles klären konnten. Kate lächelte leicht darüber. Jeff nahm sie in seine Arme und genoss es endlich, Ehrlichkeit und Vertrauen wieder zu ihr aufbauen zu können.
Am Sonntag morgen saßen Pat und Phil am Frühstückstisch, als sich Kate zu ihnen setzte.
Wie immer nahm sie sich das Müsli und die Milch. Phil las in seiner Zeitung und hatte wie immer nur kurz aufgesehen, als Kate die Küche betrat.
Es war schon fast wieder Normalität eingekehrt in dem Haus. „Ich muss euch etwas sagen!” begann Kate. Sie spürte Aufregung und freute sich über diese Empfindung, die hatte sie schon lange nicht mehr.
Pat und Phil sahen sie gespannt und neugierig an. Phil hatte eine Ecke seiner Zeitung herunter geklappt und blickte Kate nun fragend an. Kate schenkte sich einen Moment, bevor sie ihre Nachricht verkündete.
„Ich habe eine Entscheidung getroffen, über mein Leben. Und darüber wie es weiter gehen soll.”
Es war sehr still am Tisch. Pat hatte aufgehört mit dem Kaffeelöffel in ihrer Tasse zu rühren.
Sie ahnt bestimmt etwas, dachte Kate.
„Also, ich denke, ich möchte ganz neu beginnen. Ich denke, das ich stark genug bin dazu, aber hier schaffe ich das nicht. Es sind zu viele Erinnerungen hier. Einfach überall.
Ich werde nach Portland zurück gehen. Ich möchte nachhause.” Jetzt wo es endlich aus ihr heraus war, war Kate froh. „Du willst uns verlassen?” fragte Pat und Traurigkeit schwang in ihrer Stimme mit.
„Ja, Tante ich muss von hier weg.”
Kate sah zu Phil, der sie die ganze Zeit angesehen hatte. Sie wollte wissen, was er darüber dachte.
Aber er sagte nichts, sondern nickte zustimmend. „Ich werde selbstverständlich noch bleiben, bis du jemand eingestellt hast für den Laden,
Tante Pat.” Kate hatte schon ein wenig ein schlechtes Gewissen. Kate wollte ihrer Tante wirklich nicht das Gefühl geben, das sie sie im Stich lies.
Pat würde auch ohne sie zurecht kommen. „Bist du dir wirklich sicher, Kate?” Wie immer Tante Pat machte sich mal wieder Sorgen.
„Ja, ich bin mir sicher und es wird jetzt auch Zeit für mich. Ich muss abschließen.
Hier kann ich das nicht, es sind zu viele Erinnerungen. Überall, wo ich auch hingehen. ...
Er ist überall.” Sie schluckte als sie “ihn” erwähnte. Phil legte seine Hand auf Pats Arm und sagte im ruhigen Ton: „Sie hat Recht Pat, sie muss gehen um abzuschließen. Sie kann sich endlich dazu durchringen und wir sollten sie dabei unterstützen.”
Liebevoll sah er seine Frau an. Er hatte Kate verstanden, auch wenn er keine Ahnung hatte, wie viel Kate in Pleasentview lassen würde. Aber er sah es genauso klar, wie Kate.
Der gut alte Phil, er sprach nie viel, aber er war ein guter Beobachter. Wenn er sich zu etwas äußerte, dann traf er fast immer den Nagel auf den Kopf. Sein Scharfsinn war einfach hervorragend. Pat hatte lange in ihren Kaffee gesehen und dann nickte sie endlich. Damit war die Sache beschlossen. Kate würde heimkehren! Pat hatte gleich am nächsten Montag eine Annonce in der städtischen Tageszeitung aufgegeben. Jetzt führte sie Vorstellungsgespräche und Kate half ihr. Sorgfältig suchten sie ihre Bewerberinnen aus. Sie hatten schon eine engere Wahl gefunden. In den nächsten Tagen wollten sie sich für eine Bewerberin entscheiden und sie einlernen. Damit konnte Kate auch gehen, ohne schlechtem Gewissen.
Kate hatte angefangen, die Dinge, die sie mitnehmen wollte in Kartons zu packen.
Phil hatte versprochen einige Sachen mit der Post ihr nachzuschicken.
Sie wollte unbedingt mit dem Auto fahren, daher konnte sie schon ihre wichtigsten Dinge mitnehmen.
Pat war traurig über Kates abreise aber sie verstand worum es Kate ging.
„Du wirst mir fehlen, Kate!”
„Du wirst mir auch fehlen, Tante Pat! Ihr werdet mir alle Fehlen.” Sie waren gerade dabei die letzten Kartons zu verpacken. In zwei Tagen war es soweit.
Kate sah aus ihrem Fenster und blickte auf Jeff, der in der Einfahrt gerade damit beschäftigt war, Phil beim überprüfen des Autos half. Phil und Jeff würden Kate niemals losfahren lassen, bevor sie selbst nicht überprüft hatten, ob mit dem Wagen alles in Ordnung wäre. Es würde eine lange Fahrt für Kate werden, aber bis dahin hatte sie noch viel zu tun.
In der ganzen Zeit, hatte Kate viel in ihrem Zimmer angesammelt, worüber sie jetzt entscheiden musste, was sie mitnehmen wollte. Es waren Dinge wie, mehrere Bücher, einige Kleidungsstücke, kleine Dekogegenstände, die sie vom Blumenladen für ihr Zimmer gemacht hatte.
Eigentlich hatte sie alles in Portland, was sie brauchte. Pat wollte das Zimmer nicht weiter nutzten. Sie wollte alles so lassen, das wenn Kate sie eines Tages besuchen würde. Es sollte Kates Zimmer bleiben. Sie sollte wissen, das auch hier ihr zuhause war. Am Nachmittag, als sie soweit, bis auf das Nötigste, was Kate noch brauchte, alles verpackt und auch schon verstaut hatte, spürte Kate schon den Abschied kommen.
Angst beschlich sie jedoch, wenn sie daran dachte, was sie in Portland erwartete.
Die Sonne schien noch am späten Nachmittag, aber Kates fror. Sie ging in ihr Zimmer und nahm die rote Strickjacke ihrer Mutter. Warm und eingekuschelt lag sie im Gartenstuhl. Sie hatte Jeff nicht bemerkt, der schon eine ganze Weile an der Türschwelle stand und sie beobachtete.
Sie sah so friedlich aus, und gleichzeitig wirkte sie wie ein kleines Kind, das hilfesuchend sich in eine rote Jacke ihrer Mutter versteckte.
Er würde sie vermissen. Sehr sogar. Es war nicht leicht für Jeff, sie gehen zu lassen. Es tat ihm weh, immer noch. Aber Jeff wusste, er hatte keine Chance. Er liebte Kate, aber das durfte er ihr nicht sagen, das würde sie zurück werfen und sie noch mehr verunsichern.
Aber er hätte es gerne getan. Er hätte sie gern in den Arm genommen und die bösen Geister, Vampire und alles, was sie je verletzt hatte, vertrieben. Das war sein Traum, der für immer einer bleiben würde. Aber für sie, würde er es ertragen. Jetzt spürte Kate, das sie nicht allein war und blickte sich um. Als sie Jeff sah wurde ihr warm und sie lächelte ihn an. Er kam zu ihr, zog einen Stuhl neben ihren und setzte sich. Ihnen blieben ein paar Stunden. Sie nahm seine Hand und legte ihre in seine. So saßen sie noch eine weile und genossen das Band ihrer Freundschaft, das sie wieder verband.
Lange hatte Kate sich ihm nicht mehr so nah gefühlt, wie in diesem Augenblick.
Kapitel 19
Es war soweit, in wenigen Minuten würde Kate auf dem Weg in ein neues, unbekanntes Leben.
„Wir telefonieren auch wirklich jeden Tag?” fragte Jeff und sah Kate beunruhigt an.
„Versprochen!” versicherte Kate ihm.
„Und wenn es dir nicht gut geht, wirst es mir ehrlich sagen?” „Auch das habe ich dir versprochen, Jeff! Mach dir keine Sorgen, wenn etwas ist, bist du der erste, der es erfahren wird.” Sie lachte ihn an. Kate war nervös und sie wollte es aber Jeff nicht zeigen. Er wäre sonst in der Lage gewesen, sie nicht gehen zu lassen. Tante Pat stand weinend neben Jeff. Onkel Phil hatte seinen Arm um Pat gelegt, um sie zu trösten.
„Also Kate, wenn etwas mit dem Haus ist, oder sonst irgend etwas, dann ruf uns bitte an,” Phil konnte nicht weiter sprechen, seine Stimme wurde heißer und erstarb mitten im Satz. Noch nie hatte Kate es erlebt, das ihr Onkel Phil so nahe den Tränen war. Sie schluckte ihre hinunter und nahm ihn ganz fest in den Arm. „Ich danke dir, Dad. Du warst immer wie ein Vater zu mir, deshalb verdienst du es auch, das ich dich so nenne.” Nachdem Kate in „Dad“ genannte hatte, konnte er seine Tränen nicht mehr zurück halten und nahm seine Kate, das Mädchen, das er immer wie eine Tochter geliebt hatte, in seine Arme. „Hast du gehört, was sie zu deinem Vater gesagt hat!” fragte Pat ihren Sohn mit tränenreicher Stimme, und konnte das Liebesgeständnis zwischen den beiden nicht fassen. Kate küsste Phil auf seine weichen Wangen und wendete sich schweren Herzen ihrer Tante zu.
„Tante Pat, vielen Dank für alles, was du für mich getan hast. Ich liebe euch so sehr.” Pat und Kate lagen sich in den Armen. Es war schwer für Kate, schwerer, als sie gedacht hatte. Aber das schlimmste hatte sie noch vor sich. …... Jeff. Sie lagen sich in den Armen und gingen ein Stück näher zu Auto. Es waren ihre letzten Minuten und die wollten sie etwas intimer haben. „Jeff, du bist und bleibst mein bester Freund. Ich liebe dich. Bitte mach dir um mich keine Sorgen.”
„Ich mache mir immer Sorgen um dich, Kate. Wenn du mich nicht mehr anrufst, bin ich sofort da!” Er lachte und zog sie fest an sich. Kate fühlte den Schmerz, den man Abschied nennt und weinte an seiner Brust.
Er hielt es fast nicht mehr aus und nahm ihr Gesicht in seine Hände, so das sie zu ihm aufsehen musste. Sie blickte in seine warmen Augen.
„Versuche glücklich zu werden, ich weiß, das du das trotz allem schaffen kannst. Bitte Kate, rette dich! Für mich!” Er küsste sie auf ihre Wangen und schloss dabei seine Augen. Innerlich schrie alles in ihm, vor Liebe nach ihr. Himmel, wie sehr er sie liebte! Aber er musste sie gehen lassen. Er lies von ihr ab, damit der Schmerz endlich aufhören konnte. Sie musste jetzt losfahren.
Und das tat sie auch.
Jeff sah ihr noch lange nach, als ihr Auto nur noch ein kleiner Punkt war, wendete er seinen Blick ab und ging. Pat und Phil hatten ihr noch lange nach gewunken und sahen nun ihren Sohn, der leidend die Straße entgegen geschaut hatte, wo die Liebe seines Lebens verschwunden war.
Kate musste auf hören zu weinen. Ihre Tränen nahmen ihr die Sicht. Und ihre Reise würde schnell beendet sein, wenn sie jetzt einen Unfall hatte. Nach ein paar Minuten fing sie sich wieder. Sie sagte sich: Sie sind ja nicht aus der Welt, ich kann jederzeit zurück. Aber jetzt wollte sie nach vorne sehen. Sie wollte ihr Leben zumindest versuchen. Aber bevor Kate Richtung Portland fuhr, hatte sie noch etwas zu erledigen.
Sie bog links in den kleinen Waldpfad ab. Dann steuerte sie ihr Auto auf den großen Parkplatz und sah das leere Haus an. Das Haus hatte sie all die Wochen getröstet. Es war verlassen worden, genau wie sie selbst.
Irgendwie hatte sie sich immer mit dem Haus verbunden gefühlt, aber jetzt war der Augenblick gekommen, wo sie diese Verbindung trennen musste.
Sie stieg aus und lief langsam vor die große Eingangstür. Andächtig blieb sie stehen, legte ihre flache Hand auf die Tür. Sie war kalt und glatt. Erinnerungen stiegen in ihr auf und der alte Schmerz war wieder da.
Es zischte laut in ihr, sie versuchte es zu ignorieren. Nur für einen Augenblick, schloss sie ihre Augen.
Sie griff in ihre Jackentasche und holte den Schlüssel heraus, den er ihr vor langer Zeit gegeben hatte. Sie behielt ihn noch eine kleine Weile in ihrer rechten Hand und dann war sie bereit. Sie warf den Schlüssel in den Briefkasten. Damit hatte sie die Verbindung zwischen Haus und ihr getrennt. Das Zischen wurde lauter und jetzt konnte sie den Funken fast deutlich spüren. Sie musste stark sein und keinen Rückzieher machen. Schnell lief sie zu ihrem Auto, warf den Motor an und fuhr endlich Richtung Portland.
Nach mehreren Stunden fahrt und dazwischen einige Pausen, hatte sie bestimmt schon vier mal mit Pat gesprochen. Es ging ihr gut und sie war jetzt guter Dinge und freute sich auf ihr zuhause. Ihre Mutter, die Nachbarn und alles, was sie dort kannte. Viele Stunden später, es war schon Abend, kam sie endlich an. Es war schon dunkel, aber soweit sie es sehen konnte, hatte sich nichts verändert. Alles sah noch genauso aus, genau wie an dem Tag, an dem sie es verlassen hatte.
Sie parkte ihr Auto und nahm nur ihre Handtasche mit. Um ihr Gepäck konnte sie sich später noch kümmern. Jetzt war sie einfach nur müde und wollte schlafen.
Sie schaltete Licht im Haus an. Alles war genau so, wie sie es verlassen hatte. Sofort fühlte sie sich zuhause. Sie nahm ihr Handy aus ihrer Handtasche und rief Pat an.
Nachdem sie in Pleasentview angerufen hatte und allen Bescheid gegeben hatte, das es ihr gut ginge und sie müde war, ging sie hoch in ihr Zimmer.
Sie war so geschafft, das sie sich nicht mehr wusch und zog gerade ein T-shirt an und legte sich ins Bett. Sofort schlief sie ein, ohne zu träumen. Ihre erste Traumlose Nacht seit langem. Aber das würde bestimmt nicht so bleiben. Warum auch, sollte sich das jetzt ändern, wo sie wieder zuhause war? Als Kate am nächsten Morgen auf der Suche nach einem Frühstück war, musste feststellen, das sie noch nicht einmal mehr Vorräte im Haus hatte. Also bedeutete dass, dass sie einkaufen gehen sollte. Sie fuhr ins nächste Einkaufszentrum und genehmigte sich erst ein Frühstück. Sie saß in einem kleinen Café und hatte sich einen Latte macchiato und ein Croissant bestellt. Kate liebte es, zuerst den Milchschaum, vom Glas herunter zu löffeln. Sie beobachtete die Leute, die an ihr vorbei liefen. Sie kauften, was sie so zum Leben brauchten, aber ob sie sich bewusst waren, das es noch eine andere Art leben gab?
Kate stellte sich vor, wie einige Passanten darauf reagieren würden, wenn sie es wussten. Ob sie in Panik verfallen oder es ganz cool auffassen würden? Sie hatten alle keine Ahnung, mit was für Kreaturen die Menschen zusammen lebten. Wahrscheinlich würden die meisten in Panik weglaufen. Oder es nicht glauben wollen. Sie selbst wäre nie auf so eine Idee gekommen, überhaupt an Vampire nachzudenken. So etwas gab es doch nicht. Sie hatte die Hälfte ihres Cafés schon getrunken, als sie ein alte Frau beobachtete, wie sie langsam durch Einkaufspassage lief. Ihre Taschen waren voll beladen und sie hatte mühe ihre schwere Last zu schleppen.
Knackige rote Äpfel hatte sie oben auf ihre Taschen gelegt. Bei jedem mühsamen Schritt drohten sie aus der Tasche zu fallen. Kate konnte nicht schätzen wie alt die Frau war, aber sie mussten schon sehr alt sein. Ihre Haare waren weiß und ihr Gesicht war sehr faltig. Sie ging leicht gebeugt. Ihr Gesichtsausdruck war von den schweren Einkaufstaschen gezeichnet. Kate tat die alte Frau leid, wie sie ganz allein durch die Passage ihre schweren Taschen trug und keiner sie beachtete. Menschen liefen im lockeren schnellen Schritten an ihr vorbei und achteten nicht auf sie.
Als sie es endlich schaffte an dem kleinen Bistrotisch von Kate vorbei zu laufen, fielen ihr ein paar rote Äpfel aus der Tasche. Niemand half der Frau. Einige Leute nahmen sogar einen kleinen Umweg in kauf. Aber niemand half ihr. Kate konnte das nicht länger mit ansehen und lief schnell zu ihr.
Sie hob alle heraus gefallenen Äpfel auf und legte sie der alten Frau in ihre Einkaufstasche zurück.
Die Alte sah Kate mit freundlichen Augen an. „Danke, mein Kind!” sagte die Frau.
„Möchten sie sich einen Moment an meinem Tisch ausruhen? Kommen Sie, setzten sie sich einen Moment!” sagte Kate und zeigte ihr einen Stuhl der neben ihren stand.
Die alte Frau war sehr überrascht und lies sich aber gerne auf den Stuhl nieder, den Kate ihr angeboten hatte. Kate hatte ihr die Einkaufstaschen abgenommen und stellte sie neben der Frau ab. „Vielen Dank, mein Kind!”
„Möchten Sie vielleicht etwas trinken?”
„Oh nein, keine Umstände bitte!” Ihre Stimme war dünn und zittrig. Kate bestellte trotzdem ein Glas Wasser für die Frau. Vielleicht traute sie sich nicht etwas von Fremden an zu nehmen. Als der Kellner mit dem Wasser kam und es direkt vor ihr hin stellte, trank sie es fast in einem Zug aus. Dankbar sah sie Kate an. „Es kommt selten vor, das ich einen Menschen treffe, der so hilfsbereit ist, wie sie, junge Frau. Vielen Dank!” Sie lächelte und Kate erkannte, die vergangene Schönheit in ihrem jetzt faltigen Gesicht. Sie hatte blaue Augen, die einst strahlend blau gewesen sein mussten.
Die alte Frau sah Kate lange an.
„Wie hübsch sie sind!”
Kate errötete leicht. Um ihre Unsicherheit zu überspielen, holte Kate eine Plastiktüte aus ihrer Handtasche und bot ihr an, die Äpfel in diese Extratüte zulegen, damit sie ihr nicht noch einmal aus der Tasche fallen konnte.
„Sie sind wirklich ganz außer gewöhnlich, vielen Dank!” „Ich helfe gern, wenn ich kann!” sagte Kate. Die alte Frau trank ihr Wasser aus und wollte nach ihrer Geldbörse greifen, als Kate eine Hand auf ihren Arm legte und sagte:
„Nein, das Wasser ist schon bezahlt!”
Wieder sah die alte Frau erstaunt zu Kate. Offenbar war sie es nicht gewöhnt eingeladen zu werden oder Hilfe zu bekommen. Sie hatte Kate dankbar angesehen und war nun aufgestanden. Sie nahm ihre Taschen und verabschiedete sich dankbar von ihr. Als sie sich abwenden wollte, blieb sie abrupt stehen und drehte sich noch mal zu Kate. Sie lächelte und ihre Augen waren nun ganz klar und strahlend.
Kate war gefesselt von ihrem Blick. Etwas hatte sich in ihrem Blick verändert. Kate hatte das Gefühl, das sie tief in ihre Augen sehen musste.
„Hab keine Angst. Er wird kommen und dich retten, mein Kind!” sagte die alte Dame und drehte sich um und ging ihren Weg weiter. Ihre Stimme war ungewöhnlich klar und deutlich, im Gegensatz zu vorher. Die Alte drehte sich noch einmal um und lächelte wissend, und lief von dannen.
Kate sah ihr verwundert hinterher, bis sie durch andere Leute nicht mehr sichtbar war.
Was sie wohl damit gemeint hatte? fragte sich Kate. Aber sie war eine alte Frau, die vielleicht ein schweres Leben gehabt hatte und zu viel allein war. Sie war bestimmt einsam.
>Er wird kommen und dich retten, mein Kind!> Was meinte sie den damit? dachte Kate. Sie aß ihr Croissant auf und schnell war sie mit ihren Gedanken wieder wo anders.
Sie war den ganzen Vormittag unterwegs gewesen und wollte nun endlich ihre Sachen auspacken.
Es war später Nachmittag, als Kate endlich mit allem fertig war. Endlich, sie gönnte sich eine Ruhepause auf dem Sofa. Ihre Füße schmerzten und sie fühlte sich geschafft. Wahrscheinlich saßen ihr noch die Strapazen von der Fahrt in den Knochen. Sie fiel in einen leichten Schlaf, kurze Zeit später, wurde sie aber von einem lauten Motorengeräusch wieder geweckt. Kate setzte sich auf und versuchte heraus zu finden, aus welcher Richtung das Geräusch wohl kommen würde. Sie stand auf und ging in die Küche. Von dort aus dem Fenster konnte sie sehen, wie ihr Nachbar, Mr. Kramer, der direkt neben ihr wohnte, seine Rasen im Garten mähte.
Mit einem kurzen Blick sah sie in ihren Garten. Oh je, da wartete aber viel Arbeit auf sie. Das Gras ging ihr schon bestimmt bis zu den Knien hoch und die Sträucher um ihren Garten herum, könnten auch einen Schnitt vertragen. Dann lief Kate zum Eingangsbereich, und sah sie die Bepflanzung an. Alles war vernachlässigt und teilweise auch verwildert. Und das, obwohl sie Floristin war. Was für eine Schande. dachte Kate. Das würde auf jeden Fall die Arbeit sein, die sie nun in den nächsten Tagen vor sich hatte.
Heute wollte sie auf jeden Fall noch zu ihrer Mutter fahren. Sie wollte sich das Grab anschauen und es neu bepflanzen. Das Wetter war unbeständig und so nahm sie die rote Strickjacke ihrer Mutter und einen Regenschirm und machte sich auf den Weg. Auf dem Weg hielt sie noch in einem Blumengeschäft und kaufte ein paar schöne Topfpflanzen, die sie auf dem Grab einpflanzen wollte. Es wurde ganz leise in Kates innerem, als sie sich dem Friedhof näherte. Sie hatte schon einen Kloß im Hals, aber sie wollte tapfer sein.
Sie parkte ihr Auto und nahm den Korb, in dem sie Pflanzen hinein gestellt hatte.
Dann lief sie durch das große Eingangstor des Friedhofes. Sie vermisste sie schon sehr, hatte sich etwas verändert. Sie vermisste sie, aber es war nicht der ganz große, fürchterliche Schmerz, den sie empfand. Diese Wunde hatte angefangen zu heilen, oder sie wusste nun besser damit umzugehen. Ihre Mutter hatte in den letzten Tagen ihres Lebens, große Schmerzen gehabt. Das war für Kate schlimm gewesen, vor allem ihre Mutter so zu sehen. Aber jetzt wusste sie, dort wo ihre Mutter jetzt war es keine Schmerzen gab. Zumindest hoffte sie das. Dann stand sie direkt vor dem Grab.
„Hallo Mama, ich bin wieder da!” sagte Kate leise. Sie säuberte das Grab von vertrockneten Blätter und kleinen Äste, die auf das Grab gefallen waren und pflanzte die Blumen ein, die sie gekauft hatte. Dann setzte sie sich neben das Grab und blieb eine weile still bei ihrer Mutter sitzen.
Diese Ruhe und Stille war ein wahrer Segen für ihre Seele. Niemand war weit und breit. Sie war ganz allein und fühlte sich aufgehoben in der Stille.
Irgendwann, als es schon leicht dämmerte machte sie sich auf den Nachhauseweg.
In der friedlichen Stimmung ging sie nachhause. Das war ihr erster Tag, in ihrem neuen Leben und es war ein guter Tag gewesen. Endlich konnte sie optimistische Gedanken zulassen und sah gelassener in die Zukunft.
Jeff erzählte sie ihrem ersten Tag und welche Arbeit sie in den nächsten Tagen hatte. Sie schien
zufrieden zu sein und hoffte, das so die Tage verlaufen würden. In den folgenden Tagen hatte Kate viel im Garten zu tun. Es war schwerste Arbeit gewesen, die Sträucher zu säubern und zu kürzen. Der Schweiß stand ihr oft auf der Stirn, aber am Abend wusste Kate, was sie geleistet hatte, den sie spürte es in jedem ihrer Muskeln. Langsam nahm der Garten wieder eine saubere und seine frühere Form an. Die versprochenen Kartons die Phil mit der Post schicken wollte kamen auch an und Kate brauchte fast einen ganzen Tag und alles zu auszuräumen.
Einen kleinen Karton hatte Kate mit Absicht nicht ausgepackt, sondern so wie er war, in ihren Kleiderschrank in das oberste Regal geschoben. Pat hatte ihr einen lieben Brief zu den Kartons gelegt, den Kate jetzt gierig lesen wollte.
Sie schrieb, das das junge Mädchen, das sie eingestellt hatten, sich sehr bemühte und das sie zufrieden mit ihr war. Der Laden lief besser als früher, aber viele Kunden bedauerten doch sehr, das Kate nicht mehr war. Aber von allen sollte sie ihr viele Grüße ausrichten. Kate hatte gelächelt, als sie diese Zeilen las. Sie faltete den Brief zusammen und war in Gedanken bei den Bennets. Sie vermisste sie. Es war doch sehr still in Kates Haus. Deshalb beschäftigte sich Kate mit dem Haus.
Als Kate an einem Regentag mehr oder weniger gezwungen war im Haus zu bleiben, hatte sie langweile. Alles war im Haus geputzt und abgestaubt. Alle Blumen und Pflanzen waren versorgt, Wäsche hatte sie auch nur ihre zu waschen, es gab nichts zu tun. Sie stand mitten im Wohnzimmer und suchte dringend eine Beschäftigung. Der kleine Karton ging ihr nicht aus dem Kopf, aber sie hatte ein wenig Angst davor, das es sie in ihre alte Trauer zurück bringen konnte. Sie überlegte, ob sie schon stark genug wäre, die Sachen auszupacken und in ihre Hand zu nehmen. Dann beschloss sie es sein zu lassen. Vielleicht würde sie es aus ihrem Rhythmus bringen, den sie jetzt seit ein paar Wochen hatte. Stattdessen zog sie ihre Gummistiefel an und ihren Regenmantel, nahm ihren Regenschirm und ging spazieren. Sie dachte im Regen darüber nach und stellte fest, das es noch eindeutig zu früh sein könnte, den Karton öffnen. Sie kannte deren Inhalt. Und während sich sie ihre Gedanken nur um den kleinen Karton drehten, hörte sie wieder das Zischen in ihr. Wie beruhigend es doch war. Mit dem beruhigendem Gefühl, kamen auch der Schmerz und die Sehnsucht nach der Liebe, die sie für ihn empfand. Sie war traurig, aber sie wehrte sich gegen den Schmerz und die Sehnsucht, mit aller Kraft.
Kate wollte nicht mehr in diesen Schmerz so aufgehen, wie es vor ein paar Monaten noch der Fall gewesen war. Das war ja auch der Grund, warum sie Pleasentview verlassen hatte. Hier in Portland, konnte sie sicher durch die Straßen gehen, ohne daran erinnert zu werden.
Und das war eine reine Wohltat für sie. Sie genoss es. Der Karton lies ihr trotzdem keine Ruhe. Spät am Abend nahm sie ihr Bettzeug und legte sich auf das Sofa zum schlafen. Sie hatte Angst, das sie der Versuchung nicht widerstehen konnte, den Karton doch nicht aufzumachen.
Aber sie schaffte es. Der Karton blieb verschlossen in ihrem Kleiderschrank.
Kapitel 20
An einem sonnigen Montagmorgen, hatte Kate beschlossen in die Innenstadt zu gehen. Das hatte sie seit ihrer Ankunft nicht mehr getan.
Sie schlenderte an diesem Nachmittag die Straßen entlang und schaute sich die Schaufenster an. Sie Sonne schien warm und der Himmel war strahlend Blau.
In der ganzen Zeit, seit sie zuhause war, hatte sie kaum Kontakt zu anderen Menschen gehabt, außer die Telefonate mit Jeff und Pat. Und es fiel ihr schwer. Sie war einsam, wollte sich das aber nicht eingestehen. Sie hätte es nicht zugegeben. Sie ging viel spazieren und dachte über die verschiedensten Dinge nach. Aber hauptsächlich, war sie damit beschäftigt, ihren Kummer und Schmerz zu unterdrücken.