Erdgeist
Sechster Auftritt
Lulu
Zum Arzt schicken ...
Schön
Du bist nicht bei Trost.
Lulu
Das geschieht Ihnen recht.
(Es läutet auf dem Korridor. Schön und Lulu starren einander an.)
Schön
(schleicht nach hinten, bleibt in der Tür stehen)
Ich darf mich jetzt hier nicht sehen lassen.
Lulu
Vielleicht der Kunsthändler. (Es läutet)
Schön
Aber wenn wir nicht antworten ...
Lulu
(schleicht nach der Türe)
Schön
(hält sie auf)
Bleib. Man ist sonst auch nicht immer gleich bei der Hand. (Geht auf den Fußspitzen hinaus)
Lulu
(kehrt zu der verschlossenen Tür zurück und horcht)
Sechster Auftritt
Alwa. Schön. Die Vorigen. Später Henriette
Schön
(Alwa hereinführend)
Sei bitte ruhig.
Alwa (sehr aufgeregt)
In Paris ist Revolution ausgebrochen.
Schön
Sei ruhig.
Alwa (zu Lulu)
Sie sind totenbleich.
Schön
(an der Tür rüttelnd)
Walter! — Walter! (Man hört röcheln)
Lulu
Gott erbarm dich ...
Schön
Hast du kein Beil geholt?
Lulu
Wenn eines da ist ... (Zögernd nach rechts hinten ab)
Alwa
Er mystifiziert uns.
Schön
In Paris ist Revolution ausgebrochen?
Alwa
Auf der Redaktion rennen sie sich den Kopf gegen die Wand. Keiner weiß, was er schreiben soll.
(Es läutet auf dem Korridor)
Schön
(gegen die Tür stampfend)
Walter!
Alwa
Soll ich sie einrennen?
Schön
Das kann ich auch. Wer da noch kommen mag! (Sich emporrichtend) Das freut sich des Lebens und läßt es andere verantworten!
Lulu
(kommt mit einem Küchenbeil zurück)
Henriette ist nach Hause gekommen.
Schön
Schließ’ die Tür hinter dir.
Alwa
Geben Sie her. (Nimmt das Beil und stößt es zwischen Pfosten und Türschloß)
Schön
Du mußt es kräftiger fassen.
Alwa
Es kracht schon. (Die Tür springt aus dem Schloß. Er läßt das Beil fallen und taumelt zurück) — — (Pause)
Lulu
(auf die Tür deutend, zu Schön)
Nach Ihnen.
Schön
(weicht zurück).
Lulu
Ihnen wird — schwindelig ...?
Schön
(wischt sich den Schweiß von der Stirn und tritt ein)
Alwa
(auf der Chaiselongue)
Gräßlich!
Lulu
(sich am Türpfosten haltend, die Finger zum Mund erhoben, schreit jäh auf)
Oh! — Oh! (Eilt zu Alwa) Ich kann nicht hier bleiben.
Alwa
Grauenhaft!
Lulu
(ihn bei der Hand nehmend)
Kommen Sie.
Alwa
Wohin?
Lulu
Ich kann nicht allein sein. (Mit Alwa nach links ab.)
Schön
(kommt von rechts zurück, ein Schlüsselbund in der Hand; die Hand zeigt Blut; zieht die Tür hinter sich zu,
geht zum Schreibtisch, schließt auf und schreibt zwei Billets)
Alwa
(von links zurückkommend)
Sie zieht sich um.
Schön
Sie ist fort?
Alwa
Auf ihr Zimmer. Sie zieht sich um.
Schön (klingelt).
Henriette (tritt ein).
Schön
Sie wissen, wo der Doktor Bernstein wohnt.
Henriette
Gewiß, Herr Doktor. Gleich nebenan.
Schön
(ihr ein Billet gebend)
Bringen Sie das hinüber.
Henriette
Im Falle, daß der Herr Doktor nicht zu Hause sind?
Schön
Er ist zu Hause. (Ihr das andere Billet gebend) Und das bringen Sie auf die Polizeidirektion. Nehmen Sie eine Droschke.
Henriette (ab)
Schön
Ich bin gerichtet.
Alwa
Mir erstarrt das Blut.
Schön (nach rechts)
Der Narr!
Alwa
Es ist ihm wohl ein Licht aufgegangen?
Schön
Er hat sich zuviel mit sich selbst beschäftigt.
Lulu
(auf den Stufen links in Staubmantel und Spitzenhut).
Alwa
Wo wollen Sie denn jetzt hin?
Lulu
Hinaus. Ich sehe es an allen Wänden.
Schön
Wo hat er seine Papiere?
Lulu
Im Schreibtisch.
Schön (am Schreibtisch)
Wo?
Lulu
Rechts unten. (Kniet vor dem Schreibtisch nieder, öffnet eine Schublade und leert die Papiere auf den Boden) Hier. Es ist nichts zu fürchten. Er hatte keine Geheimnisse.
Schön
Jetzt kann ich mich von der Welt zurückziehen.
Lulu (knieend)
Schreiben Sie ein Feuilleton. Nennen Sie ihn Michel Angelo.
Schön
Was hilft das — (nach rechts deutend) Da liegt meine Verlobung.
Alwa
Das ist der Fluch deines Spiels!
Schön
Schrei es durch die Straßen!!
Alwa
(auf Lulu deutend)
Hättest du, als meine Mutter starb, an dem Mädchen gehandelt, wie es recht und billig gewesen wäre.
Schön (nach rechts)
Da verblutet meine Verlobung!
Lulu (sich erhebend)
Ich bleibe nicht länger hier.
Schön
In einer Stunde verkauft man die Extrablätter. Ich darf mich nicht über die Straße wagen.
Lulu
Was können Sie denn dafür?
Schön
Deshalb gerade! Mich steinigt man dafür!
Alwa
Du mußt verreisen.
Schön
Um dem Skandal freies Feld zu lassen!
Lulu
(an der Chaiselongue)
Vor zehn Minuten noch lag er hier.
Schön
Das ist der Dank, für das, was ich für ihn getan habe! Wirft mir in einer Sekunde mein ganzes Leben in Trümmer!
Alwa
Mäßige dich, bitte!
Lulu
(auf der Chaiselongue)
Wir sind unter uns.
Alwa
Und wie!
Schön
(zu Lulu)
Was willst du der Polizei sagen?
Lulu
Nichts.
Alwa
Er wollte seinem Geschick nichts schuldig bleiben.
Lulu
Er hatte immer gleich Mordgedanken.
Schön
Er hatte, was sich ein Mensch nur erträumen kann!
Lulu
Er hat es teuer bezahlt.
Alwa
Er hatte, was wir nicht haben!
Schön
(jäh aufbrausend)
Ich kenne deine Gründe. Ich habe nicht Ursache, Rücksicht auf dich zu nehmen! Wenn du alles in Bewegung setzst, um keine Geschwister neben dir zu haben, so ist das für mich ein Grund mehr, mir andere Kinder zu erziehen.
Alwa
Du bist ein schlechter Menschenkenner.
Lulu
Geben Sie doch selber ein Extrablatt aus.
Schön
(im Ton der heftigsten Empörung)
Er hatte kein moralisches Gewissen! (indem er plötzlich seine Fassung wiedergewinnt) Paris revolutioniert —?
Alwa
Unsere Redakteure sind wie vom Schlag getroffen. Alles stockt.
Schön
Das muß mir darüber hinweghelfen! — — Wenn nun nur die Polizei käme. Die Minuten sind nicht mit Gold zu bezahlen.
(Es läutet auf dem Korridor)
Alwa
Da sind sie ...
Schön
(will zur Türe)
Lulu (aufspringend)
Warten Sie, Sie haben Blut.
Schön
Wo ...?