Erdgeist

Frank Wedekind · Kapitel 23 von 35

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Erdgeist

Fünfter Auftritt

Lulu

Er scheint sich meiner zu schämen!

Alwa

Er hat keinen guten Platz mehr bekommen.

Lulu

(zu Alwa)

Fragen Sie ihn doch, ob ich ihm jetzt besser gefallen habe.

Alwa

Ich werde ihn heraufschicken.

Escerny

Er hat applaudiert.

Lulu

Hat er das wirklich?

Alwa

Gönnen Sie sich etwas Ruhe. (Ab)

Fünfter Auftritt

Lulu. Escerny.

Lulu

Ich muß mich ja wieder umziehen.

Escerny

Aber Ihre Garderobiere ist ja nicht hier?

Lulu

Ich kann das rascher allein. Wo sagten Sie, daß Dr. Schön sitzt?

Escerny

Ich sah ihn in der hintersten Parquetloge links.

Lulu

Jetzt habe ich noch fünf Kostüme vor mir: Dancinggirl, Ballerina, Königin der Nacht, Ariel und Lascaris ... (Tritt hinter die spanische Wand zurück.)

Escerny

Würden Sie es für möglich halten, daß ich bei unserem ersten Rencontre nicht anders gewärtig war, als mit einer jungen Dame aus der literarischen Welt bekannt zu werden? — — — (Setzt sich rechts neben den Mitteltisch, wo er bis zum Schluß der Szene sitzen bleibt) Sollte ich mich in der Beurteilung Ihrer Natur irren, oder habe ich das Lächeln, das die dröhnenden Beifallsstürme auf Ihren Lippen hervorrufen, richtig gedeutet? — —: daß Sie unter der Notwendigkeit, Ihre Kunst vor Leuten von zweifelhaften Interessen entwürdigen zu müssen, innerlich leiden? — — — (Da Lulu nicht antwortet) Daß Sie den Schimmer der Öffentlichkeit jeden Augenblick für ein ruhiges, sonniges Glück in vornehmer Abgeschlossenheit eintauschen würden? — (Da Lulu nicht antwortet) Daß Sie Hoheit und Würde genug in sich fühlen, einen Mann zu Ihren Füßen zu fesseln — um sich an seiner vollkommenen Hilflosigkeit zu erfreuen? — — — (Da Lulu nicht antwortet) Daß Sie sich an einem würdigeren Platz als hier in einer mit reichlichem Komfort ausgestatteten Villa fühlen würden — bei unbegrenzten Mitteln — um durchaus als Ihre eigene Herrin zu leben?

Lulu

(in kurzem hellen Plissé-Unterrock und weißem Atlaskorset, schwarze Schuhe und Strümpfe,

Schellensporen unter den Absätzen, tritt hinter der spanischen Wand vor, mit dem Schnüren ihres Korsets

beschäftigt)

Wenn ich nur einen Abend mal nicht auftrete, dann träume ich die ganze Nacht hindurch, daß ich tanze, und fühle mich am folgenden Tag wie gerädert ...

Escerny

Aber was könnte es Ihnen dabei ausmachen, statt dieses Pöbels nur einen Zuschauer, einen Auserwählten, vor sich zu sehen?

Lulu

Das könnte mir gleichgültig sein. Ich sehe ja doch niemanden.

Escerny

Ein erleuchteter Gartensaal — das Plätschern vom See herauf ... Ich bin auf meinen Forschungsreisen nämlich zur Ausübung eines ganz unmenschlichen Despotismus gezwungen ...

Lulu

(vor dem Spiegel, sich eine Perlenkette um den Hals legend)

Eine gute Schule!

Escerny

Wenn ich mich jetzt darnach sehne, mich ohne irgendwelchen Vorbehalt der Gewalt einer Frau zu überliefern, so ist das ein natürliches Bedürfnis nach Abspannung ... Können Sie sich ein höheres Lebensglück für eine Frau denken, als einen Mann vollkommen in ihrer Gewalt zu haben?

Lulu

(mit den Absätzen klirrend)

O ja!

Escerny (verwirrt)

Unter gebildeten Menschen finden Sie nicht Einen, der Ihnen gegenüber nicht den Kopf verliert.

Lulu

Ihre Wünsche erfüllt Ihnen aber niemand, ohne Sie dabei zu hintergehen.

Escerny

Von einem Mädchen wie Sie betrogen zu werden, muß noch zehnmal beglückender sein, als von jemand anders aufrichtig geliebt zu werden.

Lulu

Sie sind in Ihrem Leben noch von keinem Mädchen aufrichtig geliebt worden! (sich rücklings gegen ihn stellend, auf ihr Korset deutend) Würden Sie mir den Knoten auflösen. Ich habe mich zu fest geschnürt. Ich bin immer so aufgeregt beim Ankleiden.

Escerny

(nach wiederholtem Versuch)

Ich bedaure; ich kann es nicht.

Lulu

Dann lassen Sie. Vielleicht kann ich es. (Geht nach rechts)

Escerny

Ich gestehe ein, daß es mir an Geschicklichkeit gebricht. Ich war vielleicht im Verkehr mit Frauen nicht gelehrig genug.