Erdgeist

Frank Wedekind · Kapitel 31 von 35

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Erdgeist

Dritter Auftritt

Schön

(allein, sich umsehend)

Der reine Augiasstall. Das mein Lebensabend. Man soll mir einen Winkel zeigen, der noch rein ist. Die Pest im Haus. Der ärmste Tagelöhner hat sein sauberes Nest. Dreißig Jahre Arbeit, und das mein Familienkreis, der Kreis der Meinen ... (sich umsehend) Gott weiß, wer mich jetzt wieder belauscht! (Zieht einen Revolver aus der Brusttasche) Man ist ja seines Lebens nicht sicher! (Er geht, den gespannten Revolver in der Rechten haltend, nach rechts und spricht an die geschlossene Fenstergardine hin) Das mein Familienkreis! Der Kerl hat noch Mut! — Soll ich mich denn nicht lieber selber vor den Kopf schießen? — Gegen Todfeinde kämpft man, aber der ... (er schlägt die Gardine in die Höhe; da er niemand dahinter versteckt findet:) Der Schmutz — der Schmutz ... (er schüttelt den Kopf und geht nach links hinüber) der Irrsinn hat sich meiner Vernunft schon bemächtigt, oder — Ausnahmen bestätigen die Regel! (Er steckt, da er Lulu kommen hört, den Revolver ein)

Dritter Auftritt

Lulu. Schön (Beide links vorn)

Lulu

Könntest du dich für heute nachmittag nicht frei machen?

Schön

Was wollte diese Gräfin eigentlich?

Lulu

Ich weiß nicht. Sie will mich malen.

Schön

Das Unglück in Menschengestalt, das einem seine Aufwartung macht.

Lulu

Könntest du dich denn nicht frei machen? Ich würde so gerne mit dir durch die Anlagen fahren.

Schön

Gerade der Tag, an dem ich auf der Börse sein muß. Du weißt, daß ich heute nicht frei bin. Meine ganze Habe treibt auf den Wellen.

Lulu

Lieber wollte ich schon beerdigt sein, als mir mein ganzes Leben so durch meine Habe verbittern lassen.

Schön

Wem das Leben leicht wird, dem fällt das Sterben nicht schwer.

Lulu

Als Kind hatte ich auch immer die entsetzlichste Angst vor dem Tod.

Schön

Deswegen habe ich dich ja geheiratet.

Lulu

(an seinem Hals)

Du bist schlecht gelaunt. Du machst dir zu viel Sorgen. Seit Wochen und Monaten habe ich nichts mehr von dir.

Schön

(ihr Haar streichelnd)

Dein Frohsinn sollte meine alten Tage erheitern.

Lulu

Du hast mich ja gar nicht geheiratet.

Schön

Wen hätte ich denn sonst geheiratet?

Lulu

Ich habe dich geheiratet!

Schön

Was ändert denn das daran?

Lulu

Ich fürchtete immer, es werde vieles ändern.

Schön

Es hat auch viel unter die Füße gestampft.

Lulu