Eyrin, Verrat auf der Elfenburg

Anja 1993 · Kapitel 3 von 3 · Teil 3/3

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Eyrin, Verrat auf der Elfenburg

Die restlichen Seiten handelten von den Elfen…

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.

Zweiunddreißig

 

Zuerst traute Mejoné sich nicht so recht Karla vor die Augen zu treten, doch dann nahm sie all ihren Mut zu-sammen und verschwand im Gemach ihrer Herrin. Lo-rena, Mefirian und ich warteten draußen auf sie und wünschten ihr viel Erfolg. Es dauerte eine Weile bis sie wiederkam, mit einem erleichterten Lächeln auf dem Gesicht und funkelnden Augen. „Du hattest recht Mefi-rian. Karla war sehr verständnisvoll und ich musste ihr versprechen meine Pflichten nicht mehr zu vernachläs-sigen und Verdan muss dasselbe Versprechen abge-ben, sobald er wieder gesund ist.“ Ein Schatten huschte über ihr Gesicht, als sie hinzufügte: „Wenn er wieder gesund wird...“ „Mach dir da keine Sorgen!“, versuchte Lorena sie zu beruhigen und die Zofe atmete tief durch und zwang sich ruhig zu bleiben. „Ich danke euch für eure Unterstützung. Ich muss jetzt wieder arbeiten. Kann einer von euch auf Verdan achtgeben?“ „Ja ich übernehme das gerne, schließlich ist Verdan mein Cousin“, erklärte Mefirian sich bereit. Er verschwand in Verdans Zimmer und Mejoné ließ mich und Lorena alleine auf dem Flur zurück. „Und was tun wir jetzt?“, wollte sie wissen. „Ich weiß nicht. Was könnten wir denn machen?“ „Lass uns zu unseren Müttern gehen.“ Ich nickte, hakte mich bei meiner Freundin unter und suchte mit ihr nach unseren Müttern.

„Du bist so erbärmlich auch nur anzunehmen er könnte dich auch nur hübsch finden!“ „Nein... er liebt mich, das weiß ich ganz genau. Er hat es mir selbst gesagt...“ „Und das glaubst du naives Ding? Wie könnte ein Mann wie er so ein einfaches Mädchen aus dem Dorf lieben? Du dienst ihm doch nur als willkommene Abwechslung!“ Die Stimmen waren gedämpft und dennoch hörte man den Hohn und die Gehässigkeit der einen, und die Unsicherheit der anderen. Es waren zwei weibliche Elfen die da sprachen, ich konnte sie von meinem Standpunkt aus jedoch nicht sehen. Ich stand in einer dunklen Nische im Schatten verborgen und lauschte dem Gespräch der beiden Frauen. Die eine erkannte ich als Mejoné, aber die andere kam mir nur wage bekannt vor und das konnte auch ein Irrtum sein. „Das ist nicht wahr! Warum hat er mir dann gesagt, dass er mich liebt und seine Stellung aufs Spiel gesetzt um sich mit mir zu treffen?“, fauchte Mejoné aufgebracht und ihre Stimme zitterte vor Wut. Die andere Frau lachte gehässig auf und höhnte: „Er weiß ganz genau, dass er hoch in der Gunst der Königin steht und nichts zu befürchten hat. Jeder Mann mit seiner Stellung hätte sich ohne Gefahr mit einem Dorfmädchen einlassen können!“ Ich hörte ein wütendes Fauchen und dann ein klatschendes Ge-räusch. Kurz darauf schrie Mejoné wutentbrannt: „Ich werde dein Verhalten der Königin melden du gemeine Hexe!“ Und rannte mit Tränen in den Augen an mir vorbei, ohne mich auch nur zu bemerken. Die andere Frau lachte nur und ihre Stimme hallte von den Wänden wider als sie rief: „Das wird dir nicht viel nützen Kleine!“ Sie rauschte an mir vorbei, während ich mich eng in die Nische presste und den Atem anhielt. Ich erkannte die Frau als Karlas neue Zofe und beschloss ihr aus einem Impuls heraus zu folgen. Ich wartete ungefähr zehn Sekunden lang, dann löste ich mich aus dem Schatten und schlich lautlos hinter Demirah her. Jedes Mal, wenn sie sich misstrauisch herumdrehte, verschwand ich blitzschnell in Nischen, hinter geöffneten Türen oder Vorhängen. Zuerst glaubte ich Demirah würde zum Gemach der Königin gehen, um Mejoné davon abzuhalten der Königin von dem Vorfall zu erzählen, doch sie lief einfach weiter und die Treppe herunter. Sie ging denselben Weg, wie ich und Arlene an meinem ersten Abend in der Burg. Wir verließen den Turm und jetzt war es erheblich schwieriger ihr zu folgen. Sie überquerte den Burghof ohne auf die vielen Menschen zu achten und beinahe hätte ich sie aus den Augen verloren, als ein Knecht mit zwei Pferden vor mir auftauchte und mir für ein paar Sekunden die Sicht auf Demirah raubte. Wo wollte sie nur hin? Zum Wäsche waschen bestimmt nicht! Die Zofe verließ den Burghof durch ein kleines Tor, das von Ranken und Efeu überwuchert und kaum zu sehen war. Dann stand auch ich auf den Klippen. Das Rauschen und Donnern der Wellen klang hier viel, viel lauter als in der Burg und die Luft schmeckte salzig. Das Wasser glitzerte und schimmerte im Sonnenlicht. Demirah sah sich noch einmal um, ich sprang schnell hinter einen großen Stein, und rief einige Worte, in einer dunklen, harten Sprache, die ich nicht verstand. Dann begann sie sich plötzlich vor meinen Augen zu verwandeln. Das braune Haar wurde länger, blond und lockig, die Gestalt schlanker, und groß. Die vorher schwarzen Augen wurden dunkelblau und das Gesicht nahm eine herzförmige Form an. Ich musste mich zu-sammenreißen um einen Schrei des Entsetzens zu un-terdrücken und wich erschrocken zurück. Die Frau vor mir war Symra! Sie hatte ihre Gestalt gewechselt und sie war hier! Sie war hier und wusste dass ich hier war, dass Verdan hier war... Ich musste den anderen von ihr erzählen! Ich musste mich beherrschen um nicht aufzu-springen und loszurennen. Symra pfiff einmal kurz und Sekunden später sauste ein riesiger Eisvogel von unten hervor und Symra schwang sich auf seinen Rücken. Sie bemerkte mich noch immer nicht und als sie weggeflo-gen war rannte ich los um die anderen zu warnen, doch auf halbem Weg blieb ich stehen. Was war, wenn die Schmerzen kamen? Ich würde sie nicht aushalten kön-nen und Symra würde mich töten. Ich hatte sie schon einmal verraten. Plötzlich traf es mich wie ein Blitz: Wenn ich den anderen erzählte, dass die Hexe hier war, würden die grausamen Schmerzen Verdan befallen. Nein, das konnte ich ihm nicht antun, aber was sollte ich sonst unternehmen? Ich wusste ja noch nicht ein-mal was Symra vorhatte und erzählen konnte ich es doch auch niemandem, wollte ich Verdans Leben nicht gefährden. Aber Symra war doch weg und konnte mir nichts mehr anhaben. Natürlich konnte sie Verdan Schmerzen bereiten, aber er verriet sie ja nicht, son-dern ich. Ich weiß, ich klang herzlos und selbstsüchtig, aber was blieb mir anderes übrig? Außerdem würde die Königin mir sowieso nicht glauben, wenn ich ihr erzählen würde, dass Symra eine durchtriebene Hexe war. Und der König hatte nichts mit den Zofen seiner Gemahlin zu schaffen. Und ich musste ja auch noch herausfinden wer mein Armband gestohlen hatte. Es gab ein paar Verdächtige, und einige die durchaus in Betracht kämen mein Armband zu haben. Arlene, Mama, Mejoné, Mefirian und Lorena könnten es genommen haben. Oder meine Kammerzofe. Aber meine Freunde und Familie schloss ich gleich wieder aus, denn warum sollten sie mein Armband stehlen? Und wann hätten sie das denn machen sollen? Die Person die sich neulich in mein Zimmer geschlichen hatte, war wahrscheinlich auch der Täter. Warum sonst sollte jemand bei Nacht in mein Zimmer schleichen? Außerdem konnte Symra es auch gewesen sein, nur was wollte sie mit meinem Armband? Es war doch nichts besonderes, na gut, es war aus Gold, aber ich glaube nicht, dass meine Feindin das Armband wegen seines Werts gestohlen hat. Etwas anderes steckte dahinter. Nur wusste ich nicht was und Symra würde es mir bestimmt nicht sagen, wenn ich sie ganz nett darum bat! Wenn ich nur wüsste wo ihr Zimmer war, dann könnte ich selbst nachsehen. Aber natürlich nur, wenn sie nicht da war. Ich fand es immer noch erschreckend, dass Symra vielleicht die ganze Zeit in meiner Nähe gewesen war, mich vielleicht sogar beo-bachtet hatte und ich nichts bemerkte. Und Verdan hat auch nichts bemerkt, er war zu sehr mit Mejoné und Mefirian beschäftigt und seine Feindin hatte es ja auch geschickt eingefädelt, sich mit einem anderen Ausse-hen als neue Zofe auszugeben. Sie führte Karla schon die ganze Zeit an der Nase herum, die ganzen fünf Jah-re und noch länger, da war ich mir sicher...

Dreiunddreißig

 

Eine günstige Gelegenheit mich in Symras, besser ge-sagt Demirahs Zimmer, umzusehen. Ich hatte eine der Mägde ausgehorcht und erfuhr, dass Demirah ein Zim-mer gleich ein paar Türen weiter in der Nähe der Köni-gin hatte. Vermutlich gleich neben Mejonés. Die Magd, die mir verraten hatte wo ihre Kollegin wohnte, erzählte mir auch munter, und ohne dass ich nachfragen muss-te, dass sie gerade nicht da sei und sie alle froh darü-ber wären. Und dass sie Mejoné mit einer geschwolle-nen Wange bei Verdan vorgefunden hatte. Ich nahm mir vor später mit der Zofe zu reden, doch zuerst musste ich Symras Zimmer inspizieren.

Nachdem ich es betreten hatte, schloss ich die Tür und sah mich um. Der Raum war nicht besonders groß, bot aber genug Platz für ein schlichtes Bett, einen kleinen Tisch, eine Kleidertruhe und ein kleines Nachttisch-chen. Ich schlich zum Nachttisch und zog die Schublade auf, wühlte darin herum, fand jedoch nichts Auffälliges und mein Armband erst recht nicht. In der Kleidertruhe war es auch nicht. Ratlos sah ich auf und schaute sogar unter dem Bett nach, doch ich fand nichts. Mehr Verstecke blieben nicht übrig. Seufzend lehnte ich mich gegen den Spiegel, der an der Wand lehnte und konnte ihn gerade noch auffangen, als er zur Seite rutschte und beinahe auf dem Boden aufschlug. Vorsichtig wuchtete ich das schwere Ding wieder an seinen Platz und schob ihn gleich wieder weg, denn hinter dem Spiegel hatte ich einen schwarz bemalten Stein gesehen, der lockerer zu sein schien, als die anderen Steine der Wand. Ich kniete nieder, quetschte meine Finger in einen Spalt und löste den Stein von seinem Platz. Dahinter befand sich ein Hohlraum, in dem etwas Rechteckiges in ein schwarzes Tuch gewickelt war. Mit klopfendem Herz und leicht zitternden Fingern nahm ich das Etwas heraus und wickelte es aus dem Tuch. Es war ein ovales Metallkästchen mit Obsidian und Opal verziert und mit seltsamen Schriftzeichen, die ich nicht verstand. Wahrscheinlich Hexenschrift oder etwas Ähnliches. Das Kästchen besaß kein Schloss und ließ sich ganz leicht öffnen, was ich sehr verwunderlich fand. Für so dumm und leichtsinnig hätte ich Symra nicht gehalten. In dem Kästchen befanden sich ein paar schwarze Kerzen, eine Rabenfeder, zwei kleine Glasfläschchen und mein Armband! Beinahe hätte ich vor Freude laut aufgejubelt, beherrschte mich jedoch und legte schnell alles an seinen Platz zurück. Ich rückte alles so, dass es aussah als wäre nie jemand hier gewesen. Mein Arm-band versteckte ich in einem kleinen Beutel an meiner Hüfte, den Mama mir genäht hatte. Sie versuchte so gut wie Arlene zu werden. Hastig verließ ich den Raum, sah mich auf dem Flur um, ob auch wirklich niemand mich gesehen hatte und ging dann gleich zu Verdan, wo ich auch Mejoné fand. Sie saß da, eine Hand des Drachenritters haltend und tief in Gedanken versunken. Ich trat leise ein und räusperte mich. Sie schrak zusammen und sagte: „Eyrin... ich habe dich gar nicht gehört...“ Sie sah mich nicht an, hatte das Gesicht abgewandt. Ich nahm ihr Gesicht und drehte es behutsam zu mir, damit sie mich ansah. Sie wollte zuerst den Kopf wegziehen, hielt dann aber still, während ich sie betrachtete. Ihre linke Wange war geschwollen und gerötet. Sie senkte den Blick. „Ich weiß wer dir das angetan hat“, sagte ich, bevor ich mir auf die Zunge beißen konnte. Aber nichts geschah. Die Decke krachte nicht ein und Symra stürmte auch nicht drohend ins Zimmer. „Woher?“, flüsterte Mejoné und wagte es, mich anzusehen. Ich lächelte leicht verlegen. „Ich habe dich und... eine andere Frau belauscht. Auf dem Flur. Ihr hattet Streit, nicht wahr?“ „Ja, sie ist zu allen so und macht uns das Leben schwer. Mir besonders. Dabei kann ich das gar nicht verstehen, wir kennen uns doch kaum und ich habe ihr nie etwas getan und woher weiß sie von Verdan und mir?“ „Weil sie keine neue Zofe ist.“ „Wie?“, machte Mejoné verwirrt. „Sie ist keine neue Zofe. Sie sieht nur anders aus. Eigentlich ist sie schon länger hier... und schon seit mehr als fünf Jahren“, erklärte ich vorsichtig und erwartete eine Schmerzattacke, aber die kam nicht. Erleichtert sprach ich weiter. „Demirah ist eigentlich Symra... und sie verfolgt mich schon seit einer Weile.“ „Was? Das ist Symra? Die Hexe die dich umbringen wollte und Verdan so hasst und mit der Vergewalti-gung...“, stammelte Mejoné verwirrt und sah aus als verstünde sie die Welt nicht mehr. „Ja, genau die. Sie hat die Königin die ganze Zeit an der Nase herumge-führt und uns auch. Außerdem hat sie irgendetwas vor.“ „Wir müssen es meiner Herrin sagen!“ Die junge Zofe sprang auf, doch ich hielt sie zurück. „Nein! Wenn du sie verrätst... weißt du, sie hat mich verflucht oder so ähnlich denn immer wenn ich sie verraten wollte, hat sie mir Schmerzen zugefügt. Doch jetzt geschieht nichts.“ „Warum nicht? Ich dachte sie wolle unbedingt verhindern, dass...“ weiter kam sie nicht, denn sie wur-de von einem Stöhnen unterbrochen. Verdan hatte plötzlich die Augen aufgeschlagen und sah uns an. Ich wusste nicht wie lange er schon mitgehört hatte. Ich wollte schon freudig auflachen, bis ich den Ausdruck auf seinem Gesicht sah. Verdans Augen waren dunkel und seine Lippen waren fest aufeinander gepresst. Er schien noch bleicher geworden zu sein. „Verdan was ist...“, fragte Mejoné und nahm seine Hand. Mit einem Zischen ließ sie sie wieder los und starrte darauf, als wäre sie eine giftige Schlange. Ich folgte ihrem Blick und erschrak. Verdans Hand glühte unter dem Verband eisblau und plötzlich wurde mir ganz elend zumute, als mir klar wurde was gerade passierte: Symras Fluch war auf Verdan übergegangen, doch er zeigte sich auf andere Weise als bei mir. Da Verdan keine Verletzung in der Hüfte hatte, so wie ich, fügte Symra ihm eben mit seinem noch nicht verheilten Arm Schmerzen zu. „Was machen wir denn jetzt?“, rief ich beinahe panisch und gab mir die Schuld. Hätte ich doch bloß den Mund ge-halten... „Ich kenne mich mit Magie nicht aus!“ Mejoné klang genauso panisch wie ich, zwang sich tief durch-zuatmen und biss sich auf die Unterlippe während sie auf Verdan hinabsah. „Macht euch keine Sorgen um mich“, erklang plötzlich Verdans Stimme, wenn auch sehr leise. Mejoné schüttelte heftig den Kopf und sagte: „Nein, wir müssen dir doch irgendwie helfen können!“ „Nein mein Liebling, es gibt nichts was ihr tun könnt. Aber es war richtig von dir Eyrin Mejoné alles zu erzäh-len.“ „Woher weißt du das?“, fragte ich erschrocken. Er lächelte schwach, zuckte die Schultern und meinte: „Wer weiß? Vielleicht hatte ich ja eine Eingebung oder ich kann hellsehen!“ Er versuchte zu lachen, aber es wurde eher ein Zischen daraus und seine Geliebte sah ihn tadelnd an. „Wie kannst du in deinem Zustand scherzen?“ Der Drachenritter ließ sich von ihrem Blick nicht einschüchtern und Mejonés Gesichtszüge wurden weicher. So saßen wir bei Verdan und wachten über ihn. Die Schmerzen wurden schlimmer, doch Verdan schrie nicht, weinte nicht, zuckte nur ab und zu zu-sammen oder fluchte in jener seltsamen Sprache die er so oft verwendete. Mejoné versuchte alles um ihn den Schmerz zu erleichtern und ihn abzulenken. Ich blieb bei Verdan, da ich mir die Schuld an seinem Zustand gab und verfluchte mich dafür, geredet zu haben. Aber ich konnte es nicht ändern. Es wurde bereits dunkel, als Verdan erschöpft einschlief. Mejoné sah betrübt drein und ich ahnte, dass sie die ganze Nacht hier sit-zen würde. Sie wirkte auch nachdenklich, wahrschein-lich dachte sie darüber nach, was ich ihr erzählt hatte. Verdan, Mejoné und die Königin waren die einzigen die alles wussten. Außer meinen Freunden natürlich. Und ich hatte auch nicht vor Mutter oder Arlene alles zu er-zählen. Ich wollte sie nicht in eine Sache hineinziehen die sie beinahe nichts anging. Es war einfach zu gefährlich. Irgendwie musste es doch möglich sein Symra ein für allemal loszuwerden. Nur wusste ich nicht wie.

Es klopfte an der Tür. Bevor ich den Besucher hereinru-fen konnte, wurde die Tür aufgestoßen und zwei Wa-chen traten ein. Mejoné sprang auf und fuhr die beiden Männer ärgerlich an: „Müsst ihr so hereinplatzen? Ver-dan...“ Einer der beiden unterbrach sie und mir fiel auf, dass es der Elf mit den blonden Haaren und den unge-wöhnlichen Augen war, der Verdan zuerst gar nicht auf die Burg hatte lassen wollen. „Ist ein Verräter und wir haben den Befehl ihn ins Verlies zu werfen.“ Mejoné schnaubte herausfordernd: „Und von wem?“ „Von der Königin und dem König höchstpersönlich.“ Jetzt wurde die Zofe totenbleich und es verschlug ihr die Sprache. Sie sah erschrocken zu, wie die beiden Wachen Verdan packten und aus dem Bett zerrten. Der Drachenritter wachte verwirrt auf und ehe er etwas sagen konnte, zerrten ihn die beiden Männer zur Tür. „Halt!“, rief ich und versperrte ihnen den Weg. Die beiden sahen mich wütend an, doch ich funkelte sie an und sagte: „Wes-halb glaubt die Königin Verdan sei ein Verräter? Er ist einer ihrer besten Ritter!“ „Weil Demirah eindeutige Beweise dafür hat. Und übrigens weiß sie auch, dass du ebenfalls eine Verräterin bist!“ Damit packte mich der Blonde, während der andere immer noch Verdan festhielt und wir wurden in die große Halle gebracht. Dort warf man uns vor der Königin auf die Knie. Der gesamte Hof hatte sich versammelt, selbst die Bediensteten. Mefirian und Lorena sahen verwirrt und ängstlich aus, Mutter und Arlene starrten mich unentwegt an. Alle Augen waren auf mich und Verdan gerichtet. Es war totenstill. Karla und der König saßen auf reich verzierten, gepolsterten Stühlen, den Blick auf uns gerichtet, doch ich sah nichts Freundliches in ihm. Ich schauderte und senkte hastig wieder den Blick. Das Königspaar erhob sich und Karla sprach: „Eyrin, Elfe aus dem Dorf Mirfehn und Verdan, Drachenritter ihr beide seid des Verrates für schuldig erklärt worden!“ Lautes Murmeln und Flüstern erhob sich, das aber sofort wieder verstummte als Karla gebieterisch die Hand hob. Sie fuhr fort: „Ich habe euch beiden vertraut aber ihr habt mein Vertrauen schändlichst missbraucht. Glücklicherweise hat meine treue Zofe Demirah mich rechtzeitig gewarnt.“ Symra trat hinter dem thronartigen Stuhl der Königin hervor und lächelte mich höhnisch an. Ich hätte am liebsten laut geschrieen, doch diesen Triumph wollte ich dieser Hexe nicht gönnen. „Und Ihr glaubt ihr? Was weiß sie denn schon? Wo sind denn ihre Beweise?“, rief ich wütend, Karlas Gesicht nahm einen drohenden Zug an, und ich schreckte vor ihr zurück, als sie vor mich trat. „Du wagst es die Stimme gegen deine Königin zu erheben, du verräterische Göre?“ Ich zuckte zusammen und kniff die Lippen zusammen. Die Königin blieb vor mir stehen, dann warf sie Verdan einen so vernichtenden Blick zu, dass er mir beinahe wehtat. Aber dem Drachenritter musste er noch viel mehr wehtun, denn er starrte seine Herrin entgeistert an und schüttelte immer wieder den Kopf, als könne er nicht glauben, dass tatsächlich die liebevolle, verständnisvolle, gütige Karla vor ihm stand. „Du willst Beweise kleines Gör? Dann werde ich sie dir zeigen!“ Plötzlich schoss Karlas Hand vor und riss mir den kleinen Beutel vom Gürtel. Ich schrie erschrocken auf und wollte ihn ihr entreißen, doch sie hatte ihn bereits geöffnet und hielt triumphierend mein Goldarmband hoch. Die Anwesenden brachen wieder in wütende Schreie, Gemurmel und Geflüster aus. Dieses Mal gebot der König ihnen zu schweigen und lächelte mich und Verdan kalt an. „Da habt ihr eure Beweise! Eyrin, du wolltest mithilfe deines Armbandes alle Elfen unter deine Kontrolle bringen und gegen uns aufhetzen! Gib es zu!“ „Aber...aber das ist doch Unsinn! Warum sollte ich so etwas tun?“, schrie ich hysterisch. Warum glaubten sie mir nicht? Merkten sie denn nicht was für einen Unsinn sie da redeten? „Das ist dein Armband und du hattest einen Grund dafür: Du wolltest Verdan helfen dich an uns zu rächen. Er ist wütend, weil die Königin ihn vor fünf Jahren wegge-schickt hat und ihre Zofe immer höher in ihrer Gunst stand als er. Du bist seine Komplizin und mit deinem Armband konnte er die schwarze Magie lange genug verstecken!“ „Was? Welche schwarze Magie! Verdan ist ein Drachenritter und kein Zauberer! Seht Ihr denn nicht wie lächerlich das alles klingt?“, rief ich aufgebracht und sah das Königspaar flehend an. Sie sahen mich jedoch nur geringschätzig und drohend an. „Du wagst es zu behaupten, dass wir lügen du unverschämtes Ding? Da haben wir doch den Beweis! Dein Armband, voll von schwarzer Magie! Du hast Verdan geholfen! Ihr beide seid schuldig daran gibt es keinen Zweifel“, donnerte Wyran und ich dachte er würde im nächsten Augenblick auf mich zuspringen und mir eine schallende Ohrfeige verpassen. „Euer Hoheit, dass könnt ihr doch nicht machen! Nur weil eine Zofe das sagt, muss es nicht stimmen! Jemand hat Eyrins Armband gestohlen und sie hat es sich zurückgeholt, nicht ahnend, dass schwarze Magie darin war! Die Zofe lügt, sie ist die Schuldige! Sie ist Symra!“, rief Mejoné, die plötzlich hereingestürmt war. Sie redete schnell weiter, bevor Wyran oder Karla sie anfahren konnten: „Eyrin hat es mir selbst erzählt! Eure Zofe hat das alles getan! Sie hasst Verdan und Eyrin und sie konnte es euch nie verzeihen, dass ihr Verdan immer bevorzugt habt. Sie hat die Magie in das Armband getan um sich an Euch und Verdan zu rächen! Symra hat Euch die ganze Zeit an der Nase herumgeführt, ihr müsst mir glauben! Meine Königin, ich bin eure treueste Dienerin! Ihr müsst mir glauben! Symra ist eine hinterhältige Hexe...“ „Schluss!“, donnerte Wyran in so lautem und herrischem Ton, dass alle erschrocken zusammenzuckten. Karla blinzelte einmal verwirrt, dann nahm ihr Gesicht wieder einen unnachgiebigen Ausdruck an, sie lief an mir vorbei und schlug Mejoné so hart ins Gesicht, dass diese mit einem Schmerzenslaut zu Boden sank. Verdan eilte erschrocken zu ihr und sah seine Königin schockiert an. „Halte den Mund du faules Ding! Du hast deine Arbeit vernachlässigt und hast dich mit diesem Drachenritter getroffen! Und du warst auch noch frech zu meiner besten Zofe! Du solltest dich schämen!“ Mejoné fing an zu schluchzen: „Es ist alles eine Lüge! Symra ist schuld, an allem! Sie hat ihre Pflichten vernachlässigt, sie hat das Armband verflucht, sie hat mich geschlagen und euch betrogen!“, rief sie und klammerte sich an Verdan. Plötzlich erschienen Mefirian, Arlene und Lorena neben mir. „Es stimmt, alles! Symra will Eyrin und Verdan die Schuld in die Schuhe schieben, um sie aus dem Weg zu räumen! Aber ihr dürft nicht auf sie hören!“ , beschwor mein Freund das Königspaar, aber ohne Erfolg. „Langsam reicht es!“ „Nein, wir können es bezeugen!“, sagte meine Mutter und verschränkte die Arme vor der Brust. Lorenas Mutter und Verdans Vater stellten sich zu uns. Davon ließen Karla und Wyran sich jedoch nicht beeindrucken. Symra trat vor und flüsterte ihnen etwas ins Ohr. Dann lächelte sie gewinnend und so siegessicher, dass mir angst und bange wurde und ich stieß einen lauten Schrei aus, als Wyran rief: „Nehmt sie alle fest und werft sie in den Kerker!“

Was dann geschah, passierte so schnell, dass ich mich kaum daran erinnern kann. Verdan und Mejoné wurden gepackt ehe sie wussten wie ihnen geschah. Mama, Arlene und Lorena wehrten sich und schrieen, doch es half nichts. Auch sie wurden gepackt und davon geschleppt. Ich riss der Königin das Armband aus der Hand, bevor sie wusste wie ihr geschah. Mefirian und ich sahen uns von Wachen umringt. Ich handelte ohne zu überlegen und tötete eine der Wachen mit einem Messer, das ich im Stiefel gehabt hatte. Mefirian half mir so gut es ging und bald lagen fünf Wachen tot am Boden. Ein Tumult brach aus, die Leute schrieen entsetzt oder wütend, beschimpften uns oder mischten sich in den Kampf ein. Da Mefirian und ich sie nicht verletzen wollten, erhoben wir uns in die Luft und ergriffen eilig die Flucht. Da die Tür verschlossen war, nahm ich im Vorbeifliegen einen Kerzenständer von der Wand und schmiss damit ein Fenster ein. Mefirian und ich flogen durch die Öffnung, über den Burghof und zu Moira, die uns wachsam entgegensah. Wir schwangen uns auf ihren Rücken und ohne zu zögern flog der Drache los. Der Burghof unter uns schrumpfte schnell zusammen und wir flogen über das Meer. Glücklicherweise waren Satteltaschen an Moiras Sattel befestigt, sodass wir Proviant und Verpflegung für eine Reise hatten. Als hätte Verdan gewusst was passieren würde... Ich lehnte mich an Mefirian und weinte, weil ich meine Freunde und Familie im Stich gelassen hatte.

Vierunddreißig

 

„Verfolgen sie uns?“ „Nein, ich glaube nicht“, antworte-te Mefirian erleichtert, doch ich traute mich noch immer nicht mich umzudrehen. Ich hatte die Augen geschlos-sen und lauschte Moiras Flügelschlägen. „Wir sollten landen und uns einen Unterschlupf für die Nacht su-chen“, schlug er vor und ich nickte nur zustimmend. Noch immer sah ich Mejonés und Verdans fassungslo-se Gesichter und Symras höhnisches Lächeln vor mir und fragte mich plötzlich warum wir wie Feiglinge geflo-hen waren. „Wir hätten ihnen helfen müssen“, flüsterte ich und öffnete die Augen. Mefirian drehte sich zu mir herum und sah mich an. Ich sah in seinen Augen die-selbe Trauer und Ratlosigkeit, die auch ich fühlte. „Nein, wir hätten ihnen nicht helfen können“, sagte er nach einer Weile. „Doch, wir hätten die Wachen über-wältigen können...“ „Und was dann? Wir konnten uns doch nicht gegen das Königspaar und Symra stellen.“ „Sie wird uns verfolgen“, flüsterte ich und mich über-kam eine so große Angst, dass ich am liebsten geschrieen hätte. Mefirian musste es wohl bemerkt haben, denn er nahm meine Hand und meinte zuver-sichtlich: „Wir schaffen das schon. Wir müssen nur da-für sorgen, dass Symra das Armband nicht bekommt.“ Wir schwiegen wieder, während die Sonne langsam unterging. Mefirian brachte Moira irgendwie dazu zu landen und wir schlugen ein einfaches Lager auf. Wir waren den ganzen Tag ohne Pause geflogen und be-fanden uns außerhalb der Küste. Das Meer und die Burg lagen nicht so weit hinter uns, wie ich es mir ge-wünscht hätte. Nach einer schlichten Mahlzeit und einigen Stunden Schlaf brachen wir wieder auf, ohne genau zu wissen wohin. Da wir nicht wussten wie groß unser Vorsprung war oder ob wir verfolgt wurden, flogen wir die ganze Nacht durch, bis wir vor Müdigkeit drohten von Moiras Rücken zu fallen. Wir hielten abwechselnd Wache, schliefen wenig und hielten immer wieder nach Verfolgern Ausschau. Glücklicherweise schien Symra uns nicht zu verfolgen. Moira war schnell und ich konnte das Meer schon nicht mehr sehen, worüber ich sehr erleichtert war. Müde und durchgefroren zogen wir weiter und am Mittag waren wir so erschöpft, dass wir erneut ein Lager aufschlugen und fast den ganzen Tag verschliefen. Die verlorenen Stunden konnten den Vorsprung zwischen uns und möglichen Verfolgern schmelzen lassen. „So geht es doch nicht! Wir brechen irgendwann zusammen!“, meinte ich bei einer erneuten Rast. „So lange werden wir nicht unterwegs sein, als dass wir zusammenbrechen könnten“, erwiderte Mefirian leicht spöttisch, aber man hörte ihm an, dass er auch besorgt war. Am dritten Tag unserer Flucht, wurden wir verfolgt. Wir hatten gerade die Hälfte der Strecke hinter uns, die wir von Verdans Haus aus bis zur Burg geflogen waren, als hinter uns plötzlich ein Geräusch ertönte. Lautes Klirren und steife Flügelschläge. Ich drehte mich um und wünschte mir im nächsten Moment es nicht getan zu haben. Symras Eisvögel waren hinter uns her, ungefähr fünf und so plump die Bewegungen der Vögel auch aussahen, desto bedrohlicher blitzen ihre Klauen und Schnäbel im Sonnenlicht. Der Schnee spiegelte sich in ihren Federn aus Eiskristallen und sie holten rasch auf. „Mefirian! Sie verfolgen uns!“, rief ich gedämpft und umschlang meinen Freund mit beiden Armen. Er stieß einen Fluch aus und brachte Moira dazu noch schneller zu fliegen. Jetzt waren die Vögel nur noch einen Steinwurf von uns entfernt und ich glaubte bereits ihre Klauen in mir zu spüren. Moira flog plötzlich scharf nach unten und ich schrie überrascht auf. Im nächsten Moment spürte ich einen kalten Luftzug, sah nach oben und erblickte über mir die Krallen der Eisvögel. Ich duckte mich, als sie über mir hinwegfegten und entkam ihnen knapp. Moira begann im Zickzack zu fliegen, nach oben, nach unten und vollführte einmal sogar einen steilen Sturzflug, der mir schier den Magen umdrehte. Ich kniff die Augen fest zu, schrie ab und zu auf und wünschte mir Moira würde endlich mit den halsbrecherischen Manövern aufhören. Noch einmal entgingen wir durch pures Glück, oder Moiras Können den scharfen Krallen und Schnäbeln der riesigen Vögel. Doch dann schien unsere Glückssträhne uns verlassen zu haben, denn Symras Kreaturen kamen jetzt auf die Idee uns zu umzingeln und uns jeden Fluchtweg abzuschneiden. Die Vögel beobachteten uns, jede kleine Bewegung mit den Augen verfolgend, bereit bei dem kleinsten Fluchtversuch anzugreifen. Wir dachten schon unser letztes Stündchen hätte geschlagen, als plötzlich etwas Kleines herangeschossen kam und begann mit den Krallen auf eine der Bestien einzuschlagen, direkt auf die empfindlichen Augen. Ich riss ungläubig die Augen auf, als ich sah, wer uns da zu Hilfe kam: Es war die weiße Eule die Verdan zu mir geführt hatte, als ich verletzt im Wald lag. Sie krächzte, schrie und hieb wie besessen auf Symras Kreaturen ein. Sie konnte den Vögeln keine schlimmen Verletzungen zufügen, doch sie zerkratzte ihnen die Augen und wich ihren Schnäbeln und Hieben geschickt aus. Dann kamen plötzlich noch mehr Eulen, immer mehr schienen aus dem Nichts aufzutauchen und attackierten die so viel größeren und stärkeren Vögel. Die kleinen weißen Eulen waren bald in der Überzahl und stürzten sich auf ihre Feinde. Diese Chance nutzten wir um zu flüchten. Wir machten uns nicht vor, früher oder später würden sie uns wieder aufspüren, aber vielleicht hatten wir das Armband bis dahin irgendwo sicher versteckt. Nur wohin sollten wir es bringen? Wo war es wirklich sicher? Wir flogen den restlichen Tag und die halbe Nacht, doch Moira wirkte nicht sonderlich erschöpft, nur mussten wir unseretwegen Rast machen. Die Angst saß uns im Nacken und wir wurden nervös und ängstlich. Ohne Verdans sichere Führung und seinen Mut fühlten wir uns klein und schwach. Doch wir mussten es einfach schaffen! Den Leuten zuliebe die wir liebten und gernhatten. Ich mochte mir gar nicht vorstellen, wie Mama, Arlene, Verdan und Mejoné in einem dunklen Kerker saßen und sich fragten wo wir gerade waren. Warum hatte ich meine Familie nicht besser beschützt? Warum hatte ich Symra nicht früher durchschaut? Ach, es nützte nichts, sich Fragen über Fragen zu stellen, es war wichtiger sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrie-ren. Ich dachte gründlich darüber nach, was an meinem Armband so besonderes war, dass Symra es unbedingt haben musste. Mir fiel plötzlich ein, dass auf dem Herz hinten ein Name eingraviert gewesen war. Anfangs hatte ich nicht erkennen können, was da stand, aber mit der Zeit war mir das Armband so vertraut geworden, dass ich jede Einzelheit kannte und mich auch an den Namen erinnerte. Esanah, nur wuss-te ich nicht wer sie war, aber ihr musste das Armband gehört haben. Und höchstwahrscheinlich gab es einen Zusammenhang zwischen der alten Hütte und dieser Frau. Instinktiv ahnte ich, dass wir zu ihr gehen muss-ten. Bei ihr würde das Armband sicher sein, sie allein wusste mit ihm umzugehen. Ich teilte Mefirian meine Gedanken mit und er nickte anerkennend. „Du könn-test recht haben. Wir müssen sie finden, einen Versuch ist es wert“, murmelte er vor sich hin und sah nach un-ten. Gerade lugte die Sonne zwischen ein paar Wolken hervor und ließ den Schnee glitzern. Plötzlich fiel mir auf, dass einige Stellen grün waren, der Schnee begann bereits zu schmelzen. Erst jetzt fiel mir auf, dass die Luft ein wenig wärmer geworden war. Himmel, der Frühling war nahe! Vor lauter Aufregung hatte ich gar nicht bemerkt, wie der Winter zu ende ging. Traurig dachte ich daran, dass wir eigentlich schon nach Hause aufgebrochen wären aber daraus wurde jetzt nichts... ich schüttelte diese deprimierenden Gedanken ab und konzentrierte mich auf unsere Umgebung. Wo könnte diese Esanah leben? Lebte sie überhaupt noch? Natürlich, was für eine Frage! Wir Elfen leben praktisch ewig, solange uns kein Pfeil ins Herz trifft oder uns jemand den Kopf abschlägt. Warum hatte sie das Armband nicht mitgenommen? Hatte sie in der alten Hütte gelebt? Ich hoffte sie das bald alles selbst fragen zu können, wenn wir nicht zu spät kamen...

Es stellte sich als schwieriger heraus, Esanah zu finden, als wir gedacht hatten. Wir hatten keinerlei Anhaltspunkt und überlegten ob wir es wagen konnten in ein Dorf zu fliegen und die Bewohner zu befragen. Wir beschlossen es zu wagen, versteckten Moira aber gut und versuchten unsere Kleidung so zu verändern, dass sie nicht auffiel. Je gewöhnlicher wir aussahen, desto schlechter würde man sich an uns erinnern. Dann betraten wir das Dorf, dessen Namen wir nicht kannten und logen den Leuten das blaue vom Himmel herunter. Sie fragten nicht länger und hielten uns für harmlose Kinder, die kein Wässerchen trüben konnten. Wir hatten Glück, denn einige Bewohner erinnerten sich an den Namen Esanah. Die Dorfälteste konnte uns so-gar sagen, wo sie jetzt lebte: Bei den Silberelfen. Wir wunderten uns ein wenig darüber, aber vielleicht hatte sie ja sogar ihr Armband selbst hergestellt. Und wir erfuhren etwas sehr interessantes: Esanah war Symras Mutter und Mirabelle ihre Schwester! Diese Informationen schockten uns, konnten unserem Vorhaben jedoch dienlich sein. Wir hofften Symra hatte ihre Boshaftigkeit nicht von ihrer Mutter geerbt... vielleicht konnten wir Esanah auf unsere Seite ziehen. Wir hielten uns nicht länger als nötig in dem Dorf auf, dessen Namen wir immer noch nicht kannten und beschlossen uns nach einer Rast gleich auf den Weg zu den Silberelfen zu machen. Als ich die Satteltaschen nach einer Flasche durchsuchte, hielt ich plötzlich ein zusammengerolltes Stück Papier in der Hand. Und da wusste ich, dass ich die Karte in der Hand hielt, die Meir uns gegeben hatte. Auf ihr war ganz Mydia abgebildet, jeder Fluss, jedes Tal, jeder Wald und das Steinplateau auf dem die Silberelfen lebten: Joremin. Dorthin mussten wir uns wenden. Wir hatten uns in dem Dorf ohne Namen genug Proviant und Verpflegung besorgt um ein paar Wochen durchhalten zu können. Moira gehorchte uns und wir fühlten uns in Gegenwart der Drachendame sicher. „Dann brechen wir morgen zu den Silberelfen auf“, sagte Mefirian leise zu mir. Ich drehte mich zu ihm um und sah einen entschlossenen, aber auch leicht ängstlichen Ausdruck in seinem Gesicht. Ich fühlte mich hoffnungsvoller als noch vor Stunden, hatte aber auch angst. Doch ohne angst kann es keinen Mut geben, dachte ich und sah zum Horizont, wie die Sonne mit blutrotem Glanz unterging. Moira schnaubte leise und stieß mich leicht mit der Schnauze an. Während ich in den Himmel hinaufstarrte, sah ich die Gesichter meiner Freunde und Familie vor mir. Ich würde Symra besiegen, das schwor ich mir... Mefirian legte mir den Arm um die Schulter als wolle er mir zu-stimmen und ich lehnte mich an ihn. Gemeinsam sahen wir zu wie die Nacht hereinbrach und mit ihr eine neue Hoffnung...

Tag der Veröffentlichung: 28.07.2016

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Sie haben Eyrin, Verrat auf der Elfenburg zu Ende gelesen

Anja 1993

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