Fes Denabre Kye, Das Schicksal spielt mit dir
Nahe Vergangenheit
„Alles was man vergessen hat, schreit im Traum um Hilfe.“
Elias Canetti
2. Feuer und Eis?
Und doch,
wenn du gehst,
dann sitze ich dort
und schaue hinauf,
hinauf zu den Sternen.
Wie schon gesagt, es war ein ganz normaler Tag.
Aufstehen, Arbeiten, nach Hause fahren. Nur das ich dieses mal vorher noch einkaufen fahren musste, da in meinem Kühlschrank mal wieder gähnende Leere herrschte.
Ich bin einfach in diesen Discounter gegangen, der auf meinem Heimweg lag. Da ich scheinbar nicht die einzige war, die so praktisch dachte, war der Laden voller Menschen.
Kurz fühlte ich mich unwohl. Was wenn jemandem etwas auffiel? Das durfte nicht sein! Doch schnell beruhigte ich mich wieder. Immerhin hat die letzten Jahre niemand etwas bemerkt und ich konnte mich ja sogar vor meinen Freunden gut genug verstellen. Und trotzdem blieb das Gefühl beobachtet zu werden. Fremde waren nun mal doch etwas andere. Vor allem, da man ihre Reaktionen nicht mal im Ansatz einschätzen konnte.
Bemüht mich normal zu benehmen und nicht aufzufallen, holte ich mir einen Einkaufswagen und fing an im Zick-Zack durch die Regalreihen zu gehen. Hin und wieder nahm ich etwas aus einem der Regale und legte es in den Wagen.
Doch ich hatte noch immer das Gefühl beobachtet zu werden. Es war stärker als normalerweise und meine Instinkte begannen mich nun ebenfalls vor Gefahr zu warnen.
Unruhig sah ich mich um. Es war nichts auffälliges zu erkennen, das Gefühl beobachtet zu werden blieb, obwohl ich nicht erkennen konnte, woher es kam. Außerdem war es verschwunden als ich aufgesehen hatte.
Kopfschüttelnd wand ich mich wieder meinem Einkauf zu, doch sobald mein Blick nicht mehr durch den Raum schweifte, spürte ich wieder diesen Blick auf mir.
Ich fühlte mich fast wie gelähmt. Meine Instinkte rangen miteinander.
Ich wollte mich auf die Person stürzen und dafür sorgen, dass diese Blicke aufhören. Aber gleichzeitig war mir zu lange eingetrichtert worden nicht aufzufallen, daher wollte ich nichts lieber als aus der Gefahrenzone zu verschwinden. Ich beschloss einfach zu versuchen es zu ignorieren und in aller Ruhe weiter einzukaufen. Ich wollte nur vergessen, dass mich jemand beobachtete, und nicht mehr daran denken. Doch das war leichter gesagt als getan.
Ich weiß nicht mehr, wann es war, doch irgendwann spürte ich eine Veränderung in dem Blick. Er sorgte nicht länger nur dafür, dass ich mich unwohl fühle. Nein, nun fing dieser Blick auch noch an mich anzuziehen.
Ich spürte eine tiefe Sehnsucht und Vertrautheit, wie ich sie schon viel zu lange nicht mehr gespürt hatte. Es fühlte sich beinah an wie früher, als die Welt noch in Ordnung gewesen war.
So in Gedanken versunken bemerkte ich kaum, dass ich jemanden umrannte. Ohne ihn wirklich anzusehen, da mich meine Gedanken noch immer zu sehr beschäftigten, half ich dem jungen Mann vor mir auf.
Ich will mich gerade entschuldigen, als ich wieder diesen Blick spüre. Er kommt von diesem Mann vor mir. Ängstlich sehe ich auf und mustere den Mann.
Er ist größer als ich, geht bestimmt auf die zwei Meter zu. Insgesamt ziemlich muskulös, seine Arme sind von Narben übersäht. Ich bin kurz versucht zu denen dass sie von Rangkämpfen stammen, so sehr wie sie nach Prankenhieben aussehen. Ich besinne mich aber schnell, dass kann ja immerhin nicht sein. Er ist ja kein Fes Denabre Kye. Als mein Blick bei seinem Gesicht ankommt, bin ich überwältigt. Sein Gesicht besitzt sehr feine Züge. Doch der Blick mit dem er mich aus seinen eisblauen Augen ansieht, lässt mich ahnen, dass man sich von diesen feinen Zügen nicht täuschen lassen sollte. Abgerundet wird sein Gesicht von schwarzen Haaren, die ihm wild ins Gesicht hängen. Von seinen Augen angezogen, bemerke ich erst jetzt das kleine Tattoo über seiner Augenbraue.
Augenblicklich erstarrte ich.
Ich wusste wer das vor mir war, doch ich war mir sicher, dass ich mich irren musste. Es konnte nicht sein. Er konnte mich nicht gefunden haben.
Doch dann überschwemmten mich wieder diese alten, verloren geglaubten Gefühle, allen voran das Gefühl von Zugehörigkeit.
"Hallo Alisa", drang seine Stimme langsam durch den Nebel meiner Gefühle. Ich registrierte es nicht wirklich, zu sehr schockierte mich das Begehren, welches begann in mir aufzusteigen.
Warum nur konnte ich mich seinem Blick nicht entziehen. Wieso gelang es ihm mich mit seinen Augen zu fesseln.
Nach und Nach kam die Erkenntnis, dass das alles kein schlechter Witz war, sondern, dass Kevyn wirklich vor mir stand, dass er mich wirklich gefunden hatte. Wie konnte das nur sein? Ich war so vorsichtig gewesen und hatte alle Spuren, die ich früher hinterlassen hatte, verschwinden lassen.
Es war einfach unmöglich möglich, dass er mich gefunden hatte und doch war es ihm irgendwie gelungen.
Sofort nachdem ich verstand, wer mich hier gefunden hatte, holte mich die Angst ein. Angst davor, was er nun tun würde, was er tun dürfte und vor dem, was er tun müsste.
Ohne nachzudenken riss ich mich los und stürmte einfach aus dem Landen raus.
Es war mir vollkommen egal, dass ich dabei Leute umrannte und auch die verwunderten Blicke der Mitarbeiter und Kunden nahm ich nicht wirklich wahr. Ich rannte einfach immer weiter. Zu groß war meine Angst vor Kevyn, vor allem, weil ich noch immer seinen Blick auf mir spürte.
Erst bei meinem Wagen stoppte ich. Ich wollte sofort die Tür aufreißen, doch stattdessen prallte ich gegen das Auto.
Mist, die Tür ist noch abgeschlossen, schoss esmir durch den Kopf.
Schon griff ich nach meiner Handtasche, doch meine Hand griff ins Leere. Ich hatte sie in meiner Angst wohl vergessen oder sie auf meiner Flucht verloren. Kurz überlegte ich nach Hause zu laufen, doch ich wusste, dass das viel zu weit wäre.
Da musste ich wohl oder übel in den sauren Apfel beißen und zurückgehen.
Innerlich flehte ich zu Gott, dass Kevyn nicht mehr da wäre. Große Hoffnungen, dass er mich erhörte, hatte ich aber nicht, da ich noch nie sehr gläubig war.
Wie ich es erwartet hatte, war Kevyn noch immer in dem Laden. Ich sah ihn zwar nicht, da ich es nicht wagte den Kopf zu heben, doch ich spürte wieder sehr genau seinen Blick auf mir.
Schnell lief ich in die Regalreihe, in der ich meinen Einkaufswagen hatte stehen lassen. Ich nahm nur meine Handtasche und lief dann sofort wieder zum Auto. Den Einkauf ließ ich einfach stehen.
Beim Auto angekommen, verschwendete ich keine Zeit damit mich anzuschnallen. Sobald ich saß, startete ich den Wagen und fuhr los. Den gesamten Heimweg fuhr ich in solch einem Tempo, dass man denken könnte, der Teufel höchst persönlich wäre hinter mir her.
So wurde aus der einen Stunde Fahrzeit eine dreiviertel Stunde.
Zuhause angekommen, rannte ich ins Haus und fing direkt an alles zu verriegeln: Fenstern, Türen, ja sogar meinen Kamin verschloss ich.
Dann setzte ich mich auf die Couch und versuchte tief durchzuatmen.
Okay, Kevyn hatte mich gefunden. Was sollte ich jetzt nur tun? Sollte ich fliehen? Oder sollte ich hoffen, dass er von selbst wieder verschwand? Obwohl das wohl eher sehr unwahrscheinlich wäre.
Seine ganze Gesetze verboten es schon. hoffentlich weiß er nicht wo ich wohne. Ich will nicht zurück. Auch wenn früher nicht alles schlecht war.
Nach und nach sackte ich immer mehr zusammen und meine Gedanken fingen an abzuschweifen. Ich begann mich an meine Kindheit zu erinnern.