Frau Pauline Brater
VI. 1855–1858
Eine Enttäuschung nach der andern trug Frau Brater tapfer mit ihrem Mann und hatte dabei doch selbst gar schwere Jahre. Einen halben Winter lang litt sie an peinlicher Augenentzündung und mußte nach damaliger Methode der Augenärzte wochenlang im halbdunkeln Zimmer fast untätig sitzen. Auch verschlimmerte sich ihr Kopfleiden durch die unzähligen schlechten Nächte. Aber trotz alledem griff keine Verstimmung, keine Verbitterung Platz. Die Außenwelt vermag nicht viel gegen ein Paar, das sich glücklich fühlt durch die gegenseitige Liebe. Nur nicht trennen durfte man sie, jedem einzelnen wurde die Last zu schwer, sie konnte nur gemeinsam getragen werden. Von Erlangen aus schreibt Pauline ihrem Mann: »Ich habe eine wahre Todesangst, daß Du nach meiner Heimkehr bald verreisen mußt.«
Wie sehr in diesen Jahren des Kampfes gegen widrige Schicksale Pauline an Energie des Wesens gewann, zeigt sich nicht nur im Inhalt ihrer Briefe, es macht sich auch an der Handschrift auffällig bemerklich. Die dünnen, schrägen Strichlein ihrer Schrift verwandeln sich in feste, geschlossene, fast trotzig dastehende Buchstaben und bald erinnern die charaktervollen Schriftzüge Frau Braters kaum mehr an die einstige Handschrift von Pauline Pfaff.
VI.
1855–1858
Die Nördlinger Jahre auf der stillen Bleiche gingen zu Ende. Ein literarisches Unternehmen war es, das die Familie Brater veranlaßte, nach München zu übersiedeln. Schon im Jahr 1854 lesen wir in der Chronik, daß Professor Bluntschli beabsichtige, ein Staatswörterbuch herauszugeben, und sich wegen dieses groß gedachten Werkes an Brater wandte. Schon war der Verleger nach Nördlingen gekommen, man hatte sich über alle Einzelheiten des Unternehmens geeinigt, die Prospekte waren gedruckt, als die Sache noch in letzter Stunde scheiterte zur großen Enttäuschung für Brater, der in der Chronik berichtet: »Die Arbeit hätte mich fünf Jahre lang unter günstigen Bedingungen beschäftigt, aber die türkischen Verwicklungen schüchterten den Verleger ein und ich wurde zum zweitenmal ein gelegentliches Opfer der Politik.«
Im folgenden Jahre tritt der Plan aufs neue auf: »Das Projekt Bluntschlis nähert sich jetzt, nachdem es infolge der politischen Konjunkturen längere Zeit geruht hatte, seiner Ausführung. Ich übernehme die Redaktion eines von Bluntschli herausgegebenen Staatswörterbuchs, das in zirka zehn Bänden in den Jahren 1856–60 erscheinen soll. Einstweilen handelt es sich um Ausarbeitung des Planes und Gewinnung der Mitarbeiter. Friedrich Rohmers Staatswissenschaft und Politik wird die Grundlage dieses Werkes sein, es ist also ein großer Schritt, den man wagt. Die Verleger sind Schultheß und Scheitlin.«
Es ist oft interessant, den Wirkungen nachzugehen, die der Gedanke eines Menschen auf das Leben anderer ausübt. Professor Bluntschli faßt den Plan, ein Werk herauszugeben, und dieser Gedanke des Münchner Professors hat die Wirkung, daß Frau Brater in eifriger Tätigkeit ist, ihren Nördlinger Haushalt aufzulösen; dieser Gedanke ist die Ursache, daß zwei kleine Mädchen von den Wiesen und Obstgärten abgerufen werden, um nie mehr diese goldene Freiheit zu genießen. Ja, wenn auf der Löpsinger oder Bopfinger Kirchweih irgend ein junger Bursch umsonst auf das Dienstmädchen von der Bleiche wartet, das zum Tanz kommen sollte, so ist an seinem vergeblichen Harren wieder der Gedanke des Münchner Professors schuld, der das Mädchen in die Residenz zieht. Der Abschied von Nördlingen galt zunächst nicht für einen definitiven, nur für die Dauer der geplanten Arbeit sollte der Aufenthaltsort gewechselt werden. Doch lag die Aussicht der Rückkehr in unbestimmter Ferne und das junge Ehepaar verließ nicht leichten Herzens den stillen Ort, in dem es vor fünf Jahren sein Nest gebaut hatte. Die erste Heimstätte, der Geburtsort der Kinder, behält für ein glückliches Paar seinen eigenen Reiz und auch die Bekannten der ersten Zeit haben ein besonderes Interesse für eine Familie, deren Entstehen sie mit erlebt haben. Dies galt vor allem von der Witwe des Buchhändlers Beck und von Ernst Rohmer und seinen Schwestern Lina Rohmer und Witwe Bruckmann. Mit diesen treuen Freunden wurde denn auch der Verkehr zu allen Lebenszeiten fortgesetzt und ein lebhafter sowohl geschäftlicher als auch freundschaftlicher Briefwechsel verband Brater und seine Frau mit Ernst Rohmer, der dem Beck’schen Verlag vorstand und einige Jahre später sich mit der Witwe Beck verheiratete.
Die Lust zur Übersiedelung nach München war nicht groß, denn schon bei dem ersten Aufenthalte hatte das junge Paar empfunden, daß mit knappen Geldmitteln und schwacher Gesundheit von den Vorzügen der großen Stadt nicht viel zu genießen ist. Aber ob gern oder ungern – es mußte abgeschlossen werden mit allem, was man an Freude und Leid in dem traulichen Städtchen erlebt hatte, es galt jetzt die neue Heimat zu gründen.
Im Oktober 1855 finden wir die Familie Brater in München Augustenstraße Nr. 5. Diese, heutzutage längst ausgebaute und mitten im Verkehr stehende Straße war damals noch eine stille Vorstadtstraße, einzelne Gärten unterbrachen noch auf beiden Seiten die Häuserreihen, gestatteten den Ausblick in die Ferne und gewährten Pauline die Möglichkeit, den Lauf der Gestirne zu beobachten; Luft und Licht hatten überall Zutritt.
Die erste Sorge der Hausfrau mußte sein, möglichst rasch das Studierzimmer des Mannes einzurichten, auf den schon dringende Arbeit wartete. War erst sein Schreibtisch gestellt und der große Lehnsessel davor – das einzige luxuriöse Stück der Ausstattung – waren Bücher, Papier und Kielfedern ausgepackt und war das Tintenzeug gefüllt, so mochte im übrigen noch chaotischer Zustand herrschen, er sah und hörte es nicht mehr. Das Staatswörterbuch brachte sofort und für lange Jahre eine Menge mühsamer und oft ärgerlicher redaktioneller Geschäfte, aber diejenigen Artikel, die er selbst dazu lieferte, waren eine Arbeit, die ihn freute. Von dem mächtigen innern Drang getrieben, dem Vaterlande vorwärts zu helfen und auf die Einigung Deutschlands hinzuwirken, schrieb er mit Aufbietung all seiner Geistesgaben und das Bewußtsein, daß es ihm gegeben war, mit scharfem Blick und treffendem Wort etwas beizutragen zur Lösung der höchsten nationalen Aufgabe, erfüllte ihn mit tiefinnerer Befriedigung und ließ ihn auf äußere Anerkennung verzichten.
Neben seinem Studierzimmer lag das Wohnzimmer. An einem seiner Fenster war ein sogenannter »Tritt« angebracht, eine Erhöhung, auf der nur der Nähtisch und ein Stuhl Raum hatten. Von hier aus war die Straße zu überblicken und dieser Blick erwies sich bald als nützlich; denn als das Frühjahr kam, erschien es Frau Brater ganz unmöglich, ihre Kinder, die auf der Bleiche aufgewachsen waren, im Zimmer zu halten, ebensowenig dachte sie daran, die Kleinen stundenlang täglich in die Anlagen zu schicken oder spazieren zu führen, sie hielt dies für einen unverantwortlichen Zeitaufwand. Also blieb nichts anderes übrig, als sie auf die Straße springen zu lassen. Anna war nun fünf Jahre, verständig, äußerst gewissenhaft und folgsam, warum sollte sie nicht mit der kleinen Schwester vor dem Hause spielen? Freilich, Kinder aus gebildeten Familien waren hier nicht zu treffen, es wurde kaum den Knaben, geschweige denn den Mädchen gestattet, auf der Straße zu spielen. So erregte es Aufsehen unter den besseren Familien der Augustenstraße, daß die Eltern dies erlaubten. Nun, der Vater hätte es vielleicht auch nicht so angeordnet, aber er mischte sich selten in die Einzelheiten der Erziehung; »das mußt D u wissen« sagte er bei solchen Anlässen in vollem Vertrauen zu seiner Frau, und sie war nicht ängstlich. »Die Kinder sollen nur aufpassen lernen,« war ihre Meinung, wenn jemand auf die Gefahren der Straße aufmerksam machte. War aber von dem ungünstigen Einfluß die Rede, den die Sprache der Gassenkinder ausüben konnte, so schreckte sie auch das nicht ab. »Unten mögen sie reden wie die andern,« meinte sie, »oben werde ich mirs schon verbitten.« Sie brachte das auch zustande. Bald kam es vor, daß die Kleine einer Spielgenossin in die Dachwohnung hinauf rief: »Marie, kimm abi« und dann der Mutter, die es hörte, die Erklärung gab: »Weißt’ das heißt: komm herunter!«
Die meisten Kinder, die sich in den Münchener Straßen aufhielten, waren katholisch. Von ihnen sah die kleine Agnes, daß sie den gelegentlich vorübergehenden Geistlichen die Hand küßten, und arglos folgte sie diesem Beispiel. Bei solchem Anlaß fragte ein katholischer Geistlicher das Kind, an dessen Art ihm wohl irgend etwas auffallen mochte, wie es heiße und wem es gehöre. Der Name Brater war gerade in jener Zeit durch verschiedene Artikel viel genannt in den Zeitungen und bei den Ultramontanen verhaßt wie kaum ein anderer. So mochte es dem geistlichen Herrn sehr merkwürdig vorkommen, daß das Kind dieses Mannes ihm den Handkuß gab, und er entließ es mit einem Gruß an ihren Vater. Gewissenhaft richtete die Kleine den Auftrag aus und die Eltern erfuhren auch, welchem Umstand sie den Gruß verdankten. Mit feinem, sarkastischen Lächeln sagte der Vater zu seinem Töchterchen nur: »Du brauchst künftig niemandem mehr die Hand zu küssen.«
Also durften die Braters Mädchen auf der Straße spielen und wurden von andern Kindern darum beneidet, vielleicht auch von manchen gering geschätzt. Aber sie achteten darauf nicht. Es lag sowohl an der außergewöhnlichen Lebensstellung des Mannes als auch in der natürlichen Anlage seiner Frau, daß die Frage: »Was sagen die Leute dazu?« gar nicht vorkam im Wörterschatz der Familie. Wer so gegen den Strom schwimmt, daß sein ganzes Leben zum Kampf wird, der horcht in kleinen Dingen nicht ängstlich nach der Meinung anderer.
Sehr bald wurden die Kinder auch zu Ausgängen verwendet, Anna war allerdings ein so praktisches Kind, daß man es wagen konnte. Um so unpraktischer war Agnes und bei ihr hatte die Mutter mehr von Glück zu sagen, daß doch immer alles gnädig ablief. So wurden der Kleinen einmal Druckbögen anvertraut, die sie in die Druckerei besorgen sollte. Diesen Gang hatte sie wohl schon oft mit der Schwester gemacht, aber sich immer ruhig deren Führung anvertraut und selbst nicht auf den Weg geachtet. Als sie nun zum erstenmal allein auf den großen Platz gelangt war, in dessen Mitte der Obelisk steht und von dem nach allen Richtungen Straßen abgehen, wußte sie nicht, welche sie einzuschlagen hätte. So stand sie denn ratlos in der Mitte des Platzes, wußte sich nicht zu helfen und fing an zu weinen. Nach einer Weile bemerkte ein Vorübergehender die trostlose kleine Gestalt am Obelisk, fragte nach ihrem Kummer und erfuhr, daß sie den Weg in die Druckerei nicht fände. Nun wollte aber der Herr wissen in welche Druckerei? und darauf wußte das Kind nicht Bescheid, zu Hause hieß es eben schlechthin: Die Druckerei. Vertrauensvoll gab sie ihm das Manuskript zur Besichtigung, gab auch Antwort auf allerlei Fragen und wurde dann wirklich zur richtigen Druckerei geleitet. Es hätte freilich auch anders ausfallen können, damals, wo oft nur die Anonymität den Verfasser geharnischter Artikel vor Verfolgung schützte.
Einige Monate nach der Übersiedlung war Brater schon in so vielerlei Arbeit verwickelt, daß eine Rückkehr nach Nördlingen ganz undenkbar erschien. In dieser Zeit schrieb Pauline an ihre Freundin Lina Rohmer:
... »Die Erinnerung an Nördlingen liegt schon weit hinter mir, insofern ich nicht mehr wie anfangs Nördlingen als meine Heimat betrachte, wohin ich zurückzukehren strebe, sobald die Verhältnisse es gestatten. Ich sehe wohl, daß daraus nie mehr etwas werden kann, nicht um meinetwillen, sondern um Karls willen, denn den großen Unterschied für ihn sehe ich jetzt erst recht ein; also Nördlingen ist meiner Überzeugung nach abgemacht, mit schwerem Herzen sage ich dies und ich kann Dir versichern, daß mir oft die Tränen kommen, wenn ich die Kinder miteinander reden höre, wie sie sich vergnügen wollen, wenn sie wieder »heim« kommen; wie sie auf dem Gras springen und Obst aufklauben wollen u. s. f. Die armen Tropfen glauben immer noch, daß wir nächstens heimkehren werden.«
Derselbe Brief berichtet von geselligen Beziehungen und wieder tritt das Tischrücken auf, das damals eine merkwürdige Anziehungskraft sogar auf solche Männer ausübte, die ihre Zeit als kostbares Gut betrachteten. Frau Brater schreibt:
»Neulich war Dein Bruder Theodor bei uns, dann luden wir uns noch den Freund Bärmann mit Tochter und den Hausgenossen Herrn Maler Wiand, um das Experiment mit dem schreibenden Tischchen zu machen; der ganze Nachmittag wurde damit zugebracht, der Tisch schrieb was man nur wollte und ich konnte mich gar nicht genug über die Leichtgläubigkeit Deines Herrn Bruders und meines Gatten ärgern. Ernst hat Dir vielleicht erzählt, was für ein Wunder mit dem Tisch sich in Bärmanns Schreibstube zugetragen, mag das nun wahr oder nicht wahr sein, ich sehne mich darnach, den Theodor zu sehen, um ihm meinen Verdruß über seine Leichtgläubigkeit darzutun.«
Das Interesse für das Tischrücken war in jener Zeit erregt worden durch einen Artikel in der »Allgemeinen Zeitung«, der über wunderbare derartige Vorgänge in Amerika berichtete und in Deutschland in allen Kreisen zu Versuchen den Anlaß gab. Die Meinungen waren geteilt und es wurde mit Erregung darüber gestritten, ob man es mit Einwirkung von übernatürlichen Kräften oder mit Elektrizität und Magnetismus zu tun habe oder ob alles nur auf Betrug und Selbstbetrug beruhe. Das letztere scheint Paulinens Ansicht gewesen zu sein.
Der Verkehr mit dem obenerwähnten Theodor Rohmer und seinem älteren Bruder, dem Philosophen Friedrich Rohmer, erweckte auch bei Pauline das Interesse für deren religiöse und philosophische Ansichten. Zwar die persönliche Freundschaft ihres Mannes, seine hingebende Verehrung für Friedrich Rohmer teilte sie nicht, oft sogar war ihr diese ein Stein des Anstoßes und so innig sie befreundet war mit den anderen Geschwistern Rohmer, in die selbstbewußte, anspruchsvolle Art Friedrichs konnte sie sich nicht finden. Es war ihr unfaßlich, wie ihr Mann so hoch hinaufsehen konnte an einem anderen, dessen Charakterzüge seiner eigenen Natur ganz zuwiderliefen. Friedrich Rohmer sprach es frei als sein Prinzip aus: »Ich lasse mich gehen« und er handelte danach. Ihres Mannes Ideal dagegen war strenge Selbstbeherrschung, und er übte sie an sich, forderte sie von Frau und Kind. Widerwillig sah sie, wie ihr Mann, wie Bluntschli und andere bedeutende Geister, vor allem Friedrichs edler Bruder, Theodor, sich dessen Ansprüchen unterordneten. Die geistige Bedeutung dieses Mannes, seine selbstbewußte Eigenart übte eine unheimliche Macht aus. Er war, wie Bluntschli schreibt, »eine unglückselige Mischung von genialen Lichtgedanken und unheimlichen Leidenschaften«. Seine Freunde verziehen ihm alles, weil sie das Höchste von ihm erhofften, religiöse, politische und soziale Umgestaltung Deutschlands und demnach glaubten, diesen Geist nicht mit gewöhnlichem Maße messen zu dürfen. Aber tragisch ergreifend hat das Leben dieses Mannes gezeigt, wie die höchste geistige Begabung nur Unfrieden bringt, Harmonien zerstört und den Träger selbst unbefriedigt läßt, wenn sie nicht verbunden ist mit einem Charakter, der diese Gaben in Selbstzucht beherrscht.
Braters Freundschaft mit Friedrich Rohmer war ein Schatten im Haus, aber Pauline wurde sich dessen bewußt und sorgte, daß er sich nicht trennend zwischen sie und ihren Mann schob. Sie suchte ihre Abneigung gegen diesen Verkehr zu überwinden. Dabei kam ihr zu Hilfe, daß die Gedanken Friedrich Rohmers, über die sie ihren Mann und seine Freunde sprechen hörte, sie allmählich ergriffen, so daß sie die Rohmerschen Schriften las und nun auch mächtig durch dieselben bewegt wurde. Pauline gehörte zu den echt weiblichen Naturen, denen nur durch Vermittlung des Mannes ein neues Interesse erweckt, ein Verständnis aufgeschlossen wird.
Wie sie durch ihre Brüder gelernt hatte die Naturwissenschaften mit Liebe zu erfassen, so traten ihr durch Rohmer die religiös-philosophischen Fragen nahe und immer zunehmend in den folgenden Jahren die nationalen und politischen Interessen ihres Mannes. Nichts eignete sie sich etwa aus Lernbegier, aus absichtlichem Streben nach Weiterbildung an. So blieb sie z. B., trotzdem sie einen großen Teil ihres Lebens in der Kunststadt München zubrachte, der Kunst vollständig fremd, sah sie als einen Luxus an, ließ sie kaum als eine Lebensaufgabe, die auch ihren sittlichen Wert hat, gelten. Es trat eben kein Künstler in ihren Lebenskreis, der sie für seine Sache erwärmt hätte, und sie erfaßte nur, was ihr durch Persönlichkeiten nahe gebracht wurde, in denen es lebte, dann aber ergriff sie es mit solcher Wärme der Empfindung und Begeisterung, daß ihr Feuer sogleich wieder das der andern belebte, und da solches nie ein Strohfeuer war, sondern eine warme anhaltende Glut, so gewann sie im Laufe des Lebens immer mehr an innerem Reichtum und konnte viele anregen, erwärmen und begeistern.
An Lina Rohmer schreibt sie: »Gegenwärtig studiere ich Kritik des Gottesbegriffs (von Rohmer), was aber nur dazu beiträgt, meine Ungeduld nach dem Neuen Gottesbegriff zu vermehren; es wäre zu schade, wenn Friedrich nicht zu rechter Zeit sein Buch drein feuern könnte, besonders da ich immer glaube, daß er es dann überhaupt nicht mehr abfeuert, sondern eben auch da stecken bleibt, wo andere auch nicht hinüber kommen.« Diese Befürchtung sollte sich bewahrheiten. Noch im selben Sommer berichtet Brater in der Chronik: »Wir waren in den letzten Wochen in häufigem Verkehr mit Friedrich Rohmer gestanden, der eine lebhafte Zuneigung zu unserer kleinen Anna gewann, sich mit Pauline befreundete und mir ein offenes, unbedingtes Vertrauen erwies. Ich hatte in früheren Jahren den Eindruck seines G e m ü t e s selten so rein und tief wie jetzt in den Gesprächen, die sich über unser persönliches Verhältnis, über das seinige zu Theodor und Bluntschli, über sein Bedürfnis eines neuen Familienlebens und über politische Zukunftspläne erstreckten. Zu derselben Zeit war seine g e i s t i g e Produktion von solcher Größe und Fülle, daß Bluntschli, der diese Ideen aufzunehmen und sich anzueignen hatte, fast erlag.
Wir befanden uns seit kurzer Zeit (zum Landaufenthalt) in Aibling und erwarteten seinen Besuch, als die Nachricht seines Todes eintraf. Bluntschli schrieb am 11. Juni: »Gestern noch war er gesund, heiter, auch am Abend frei und ruhig. Heute morgen ging er ins Bad. Im Bad traf ihn der Nervenschlag, der ihn zum ewigen Lichte rief.«
Auch Theodor Rohmer, der seine ganze Kraft selbstlos im Dienste des Bruders, den er verehrte, aufgerieben hatte, starb bald darauf und Brater verlor an den beiden Brüdern die Jugendfreunde, die ihn mehr als alle anderen gefesselt und beeinflußt hatten. Um so näher fühlte er sich mit Bluntschli verbunden. Längst waren zu den geschäftlichen Beziehungen mit diesem auch freundschaftliche Familienbeziehungen getreten. Pauline fühlte sich besonders zu Bluntschlis ältester Tochter Luise hingezogen, deren gerade, offene Natur zu der ihrigen paßte. Nach ihrer Verheiratung mit Prof. Dr. Hecker (später Obermedizinalrat) wandte die junge Frau ihr ganzes Vertrauen Frau Brater zu und eine treue Freundschaft verknüpfte die beiden. Als Bluntschli und seine Frau die silberne Hochzeit feierten, waren auch Braters mit einigen Freunden des Hauses, worunter Liebig und Kaulbach, dazu geladen. Daß dieses fröhliche Familienfest für lange Zeit ihr letzter Ausgang sein sollte, ahnte Frau Brater an diesem Abend noch nicht. Ein Schmerz im Knie, der sie schon manchmal belästigt hatte, trat plötzlich so heftig auf, daß sie nicht mehr gehen konnte. »Pauline ist genötigt, auf dem Sopha zu liegen,« berichtet ihr Mann und fügt hinzu: »es ist erstaunlich was dazu gehört, eine Familie von nur vier Köpfen imstande zu halten; keine Woche vergeht, daß es nicht da oder dort knarrt und eine Fuge aus dem Leime zu gehen droht.«
Der Zustand verschlimmerte sich, ein Gipsverband wurde angelegt und mehr als ein halbes Jahr verging, bis Pauline an Lina Rohmer schreiben konnte: »Der Gipsverband ist vor acht Tagen abgenommen worden. Die Möglichkeit des Gehenlernens scheint mir nun auch näher zu liegen als noch vor acht Wochen, auftreten kann ich freilich noch nicht, aber doch besser liegen. Du glaubst gar nicht, wie glücklich ich darüber bin, wohl ängstige ich mich und fürchte mich selbst vor meiner zuversichtlichen Hoffnung, aber nichts desto weniger habe ich sie .... Diesen Winter wird meine Mutter längere Zeit bei uns zubringen, was mich für sie und mich sehr freut, ich habe es eben überhaupt so gut auf dieser Welt, daß ich immer denke, so ein kleines Kreuz wie mein böses Knie sei mir eben nötig und ich fürchte deshalb oft, es wird mir schon noch bleiben.«
Im selben Briefe spricht sie der Freundin, die eine schwere Krankenpflege zu besorgen hat, Mut zu: »Halte nur Du Dich tapfer und laß Dich nicht übermannen, ich zweifle auch gar nicht daran, Du könntest mit Deinem Mut allen aushelfen, hast Du Dein Gesangbuch bei Dir, so lies das siebente Lied und denke, daß es mein Lieblingslied ist, denke besonders bei den drei letzten Versen an mich.« (Es ist das Gerhardtsche Lied: Sollt ich meinem Gott nicht singen, sollt ich ihm nicht fröhlich sein?)
Die Besserung des Knieleidens, an die Pauline nicht zu glauben wagte, hielt allerdings nicht stand und manchmal verlor sie die Geduld. Sie schreibt an Lina Rohmer: »Ich kann nur sagen, daß sich meine Geduld schon etwas gemindert hat, seit sich die erste Besserung eingestellt hat und eine zweite sich nicht recht einstellen will..... Überhaupt ist dies München ein heilloses Nest, ich habe es wohl geahnt, wir brauchen hier viel mehr und nehmen doch viel weniger ein, denn das Staatswörterbuch ist ein recht miserables Einkommen, das zeigt sich jetzt erst, ich habe eine große Wut, da ich ohnedies diesem Staatswörterbuch nie hold gewesen bin. Ich gehe mit dem Gedanken um, Hab und Gut zu verkaufen und einen Acker und eine Kuh anzuschaffen, meine Kinder hänge ich dann mit der Zeit einem Bauernburschen an und Karl erwirbt ein Heiratsgut für sie, dies ist die einzige Möglichkeit, ein anständiges Leben zu führen; ich warte nur noch, bis ich wieder gehen kann, damit ich den Stall selbst misten kann und wenn Du mich besuchst, so soll Dir meine Kuh einen Rahm in den Kaffee liefern, wie ich ihn hier nicht aufzutreiben imstande wäre und wenn ich 6000 fl. Besoldung hätte.«
Die Geduldsprobe sollte lange dauern. Die Entzündung am Knie war endlich gewichen, da zeigte sich dasselbe Leiden am anderen Knie. Pauline erzählte später manchmal, wie ihr Hausarzt bei dieser Mitteilung ihr den Rücken gewandt und ihre Verzweiflung teilend ausgerufen habe: »Nun holen Sie sich aber einen anderen Arzt!« Wieder mußte sie liegen und viele Pein ausstehen. Ihren Kindern ist das Bild im Gedächtnis geblieben, wie die Mutter trotz dieser Hemmnisse fleißig war. Sie hatte sich ein schmales Brett zuschneiden lassen, das quer über dem Kanapee ruhen konnte, auf dem sie lag; sie benützte das als Bügelbrett und hat alle Stärkwäsche ihres Mannes Jahr und Tag auf diese Weise gebügelt.
Es dauerte volle zwei Jahre, bis ihr Mann in der Chronik berichten konnte: »Pauline hat heute ihren zweiten Gang ins Freie gemacht, in die Anlagen der Glyptothek, von denen sie, samt den Kindern, ganz begeistert ist .... Sie legt die Distanz von 600 Schritten allein gehend mit mäßiger Benützung des Stockes ohne allzu große Ermüdung und üble Nachwirkungen zurück.« Das waren schlimme Jahre, auch in pekuniärer Beziehung, denn Ärzte und Badereisen spielten eine unheimliche Rolle und die Einnahmen waren nicht im richtigen Verhältnis zu solchen Ausgaben. Unter diesen Umständen beschloß Brater, sich noch ein letztes Mal um eine Advokatur in Regensburg zu bewerben, obwohl ihm eine solche Stellung jetzt nicht mehr verlockend schien und die Annahme ein Opfer gewesen wäre, das er der Sicherstellung seiner Familie gebracht hätte. Den Bescheid, den er auf seine Eingabe erhielt, teilt er seiner Schwester Julie mit: »Nachdem Seine Majestät mein Gesuch gelesen hatte, befahl er es ad acta zu legen mit dem Beisatz: Advokaten sind so unabhängige Leute, man kann ihm eine solche Stellung nicht geben. Davon setzte mich der Kabinettsekretär in Kenntnis und meinte, eine a b h ä n g i g e Stellung sei vielleicht eher zu erlangen, ob ich nicht bei der S t a a t s anwaltschaft mein Glück versuchen wolle ....« Unter den gegebenen Verhältnissen erschien das Angebot einer Staatsanwaltschaft fast wie Hohn und Brater konnte daran nicht denken. Wie sollte er dem Staat als Anwalt dienen, so lange die Männer an der Spitze standen, deren reaktionäre und ultramontane Gesinnung er seit Jahren bekämpfte? Er mußte auf das Angebot verzichten, um seiner Grundsätze willen.
Seine Mutter mag wohl mit schmerzlicher Teilnahme über diese neue Enttäuschung an ihn geschrieben haben, denn er sucht sie zu beruhigen. Nachdem er den Hergang erklärt hat, schreibt er: »Du mußt außerdem bedenken, daß ich aus diesen Händeln mit e r h ö h t e m S e l b s t g e f ü h l hervorgehe, das keiner niedergeschlagenen Stimmung Raum gibt ... Wenn ein Mensch mit irgend einer Eigenschaft außerhalb des Zeitcharakters steht, auch wenn diese Eigenschaft eine Tugend ist, so wird er dafür büßen müssen, wie für ein Laster. So geht es mir mit meiner politischen Tugend und meiner Unfähigkeit, den Staat als eine Versorgungsanstalt anzusehen, in die man sich um den Preis der Menschenwürde einkauft.« Niemand würde sich wundern, wenn solch ein Brief abschlösse mit pessimistischen Bemerkungen über die schlechten Zustände und die Ungerechtigkeit der Menschen. Aber im Gegenteil: Brater läßt sich nicht erbittern und seinen Blick nicht trüben. Er schreibt: »Die heutige Armseligkeit ist noch immer ein Fortschritt gegen die tiefe Verderbnis der vorangegangenen Zeit und es geht mit dem öffentlichen Leben vorwärts.« Und an seine Schwester: »Einstweilen muß man an dem Gedanken festhalten, der das A und O meines politischen Glaubens ist: die politische Entwicklung geht vorwärts.«
Dieser beglückende Optimismus half den beiden durch diese Jahre. Sie lebten in der bisherigen fleißigen und sparsamen Weise weiter und trugen gemeinsam mancherlei Kreuz. Die Kinder machten durch gutes Gedeihen Freude und ein wackeres Dienstmädchen unterstützte die Frau, während diese durch das Knieleiden auf das Sopha gebannt war. Dieses Mädchen bewährte sich als ein treues, verständiges Glied der Familie. Sie wurde einst, während Brater verreist war, auf die Polizei berufen und dort über ihren Herrn ausgefragt. Man wollte wissen, ob er nach Berlin gereist sei und mit welchen Männern er verkehre. Denn je mehr seine nationale Gesinnung an den Tag trat, um so eifriger waren die Bemühungen, ihn zu verdächtigen, und eine Reise nach Berlin war in jener preußenfeindlichen Zeit schon bedenklich. Das also befragte Mädchen ließ sich keine andere Antwort herauslocken als die: man möchte doch ihren Herrn selbst fragen, der würde ihnen alles sagen. Mit diesem Bescheid mußte man sie schließlich ziehen lassen. Man war damals noch mancher Polizeieinmischung ausgesetzt. So war in München noch das Zigarrenrauchen auf der Straße als Zeichen einer verpönten Gesinnung nicht gestattet. Paulinens Bruder, Colomann, der auf einige Wochen bei ihr zu Besuch war, mochte von dieser Gewohnheit nicht lassen und ging täglich mit der brennenden Zigarre aus. So wurde er da und dort einmal in der Stadt von einem Polizeidiener angehalten und auf das Verbot aufmerksam gemacht, worauf er mit einem artigen: »Entschuldigen Sie, ich bin hier fremd« die Zigarre wegwarf. So trieb er’s, bis einst ein Polizeidiener ihm ebenso artig entgegnete: »Ja, entschuldigen Sie, wie lang sind denn Sie noch fremd?« Von da an hielt es Colomann doch für geraten, das Rauchen auf der Straße aufzugeben.
Mit dem Jahr 1858 nahmen die Dinge allmählich eine bessere Wendung für die Familie Brater. Fehlte es an der Anerkennung von seiten der Regierung, so drang Braters Bedeutung doch in immer weiteren Kreisen durch. Im Herbste wurde der Landtag, der soeben zusammengetreten war, anläßlich der Präsidentenwahl sofort wieder aufgelöst. Infolge dieses Ereignisses, das eine lebhafte politische Erregung hervorrief, schrieb Brater eine Flugschrift: »Regierung und Volksvertretung in Bayern.« Sie wurde zwar in Nördlingen gedruckt, doch erschien es rätlich, sie außerhalb Bayerns und anonym erscheinen und durch eine Leipziger Firma ausgeben zu lassen. Diese Flugschrift machte einen gewaltigen Eindruck, war augenblicklich vergriffen und mußte in zweiter Auflage erscheinen. Der Name des Autors wurde bekannt und verschiedene Zeitungen wiesen darauf hin, daß der Verfasser einer solchen Schrift unbedingt in die Abgeordnetenkammer gehöre. So wurde Brater in verschiedenen Wahlbezirken als Kandidat aufgestellt. In Nürnberg schienen die Aussichten am günstigsten und es erging an ihn die Aufforderung, dort persönlich aufzutreten. An fortgesetzte Enttäuschungen gewöhnt, ging Brater ungern, weil mit geringen Hoffnungen auf Erfolg, einige Tage vor der Wahl nach Nürnberg. Er trennte sich von seiner Frau mit dem Versprechen, ihr, falls er wirklich gewählt würde, sofort zu telegraphieren.
Mit dem heißen Wunsche, daß ihm doch endlich der Erfolg beschieden sein möchte, begleiteten ihn ihre treuen Gedanken. Sie las in den Zeitungen von seinen Wahlreden, von den Anstrengungen der Gegner, sie teilte die Aufregung am Wahltage, sie berechnete die Stunde, in der das Telegramm ankommen konnte und war mit der ganzen Seele bei ihrem Mann. In solchen Stunden bekamen die Kinder, wenn sie sich mit ihrem Geplauder an die Mutter wandten, stets die Antwort: »Seid still, ich muß mich auf etwas besinnen.« An diesem Abend war mit der Mutter gar nichts anzufangen, sie mußte sich immerfort besinnen, wohl darüber, wie sie ihre Wut über einen Mißerfolg unterdrücken und ihrem Mann so viel Liebe zeigen könne, daß er alles andere darüber vergesse. Der Termin war eigentlich schon verstrichen, das Telegramm wurde immer unwahrscheinlicher, da traf es doch noch ein mit der Freudenbotschaft: Brater als Kandidat der konstitutionellen und der demokratischen Partei fast einstimmig gewählt. Die Verspätung des Telegramms hatte einen triftigen Grund gehabt. Als Brater in Nürnberg zum Telegraphenamt geeilt war, um der Gattin unverzüglich die frohe Kunde mitzuteilen, fand er den Schalter ganz umlagert und es war keine Aussicht, mit einem Privattelegramm zugelassen zu werden, ehe eine Menge amtlicher Telegramme aufgegeben waren. So konnte es noch lange währen und Brater wußte seine Bundesgenossin zu Hause brennend vor Ungeduld. Rasch entschlossen fuhr er mit einem eben abgehenden Zug nach dem nächsten Dorf hinaus, telegraphierte von dort aus und reiste mit dem nächsten Zuge wieder nach Nürnberg zurück, zu den Getreuen, die mit ihrem Abgeordneten den Sieg feiern wollten und sich vermutlich schon über sein geheimnisvolles Verschwinden gewundert hatten. An solch kleinen Zügen durfte Frau Brater oft erkennen, wie ihr Mann sie auch im ärgsten Getriebe nie vergaß und alles andere lieber als sie zurückstehen ließ; diese Erfahrung verleiht jeder Frau ein stolzes, beglückendes Gefühl der Sicherheit, denn es zeigt sich hierin die höchste Stufe der ehelichen Treue.
Der 14. Dezember 1858 war der Wahltag gewesen. Von da an bis zu seinem Tod ist Brater ununterbrochen Abgeordneter geblieben. Diese Wahl war die erste öffentliche Anerkennung und ein Wendepunkt für ihn. Nicht als ob die Feindschaft der Gegenpartei abgenommen hätte, aber die Freundschaft der Gleichgesinnten wagte sich nun heraus; er war nicht mehr der Verfehmte, dessen Umgang der Kluge mied, offene Parteinahme für und gegen ihn in der Kammer und zunehmende Beachtung von seiten der Gegner wurde ihm von da an zuteil und die alte Frau Pfaff behielt Recht mit ihrem Ausspruch: da Brater keine Schuld trifft, muß doch zuletzt alles gut werden.
Diese treue Mutter hatte inzwischen auch noch einen andern Freudentag erlebt; ihr Sohn Hans, der jetzt Professor der Mathematik an der Gewerbeschule in Erlangen war, durfte endlich nach elfjähriger stiller, treuer Liebe die Braut heimführen. Sie schreibt darüber: »Ihr Vater ist durch den Tod eines Sohnes milder gestimmt, gab ohne äußeren Anlaß seine Einwilligung und lud Hans ein, zu kommen. Ich muß sagen, Hans hat sich treu gehalten und das ist doch die Hauptsache.«
Auch ihren jüngsten Sohn Fritz sah sie den eigenen Hausstand gründen, ebenfalls in Erlangen, wo er als Professor der Geologie und Mineralogie tätig war. Seine wissenschaftlichen Werke, seine populären Vorträge verfolgte Pauline jederzeit mit dem angeborenen Interesse und so oft sie diesem Bruder schrieb, immer hatte sie irgend welche naturwissenschaftliche Fragen, die sich ihr aufdrängten und um deren Beantwortung sie ihn bat. In einem seiner Briefe finden wir daher die scherzende Bemerkung: »Mehr als drei Fragen werden in einem Brief nicht beantwortet.«
Frau Pfaff wohnte von jetzt an in einem Haus am katholischen Kirchenplatz, das ihr Sohn Hans gekauft hatte, und ihr Tagewerk wäre nun vollbracht gewesen, allein es gab bald da, bald dort in den jungen Haushaltungen zu helfen, und ihres Lebens Inhalt blieb, was die Bibel köstlich nennt: Mühe und Arbeit.
Auch in der Familie Brater war sie gar oft zur Hilfe gekommen. In den ersten Jahren hatte Pauline die Hingabe der Mutter als etwas ganz Selbstverständliches hingenommen, wie das wohl die meisten jungen Frauen tun; aber je länger sie im eigenen Hause schaltete, um so mehr erkannte sie die Güte ihrer Mutter und sie spricht dies auch in einem Brief an dieselbe aus.
»Du glaubst gar nicht, liebe Mutter, wie ich mich diesmal auf Dich freue, Du bist nun so lange schon immer nur meine Pflegerin gewesen, aber jetzt hoffe ich doch, daß Du Dich auch einmal ein wenig mit mir erfreuen kannst; und sage mir nur nichts mehr vom entbehrlich sein, es ist wahr, Du hast allmählich Deine Kinder so weit gebracht, daß ihnen die Löcher geflickt werden, auch ohne daß Du Deine Nadel einfädelst, aber auch wenn sie alle noch so gut versorgt sind, so wissen sie doch stets, daß die Liebe und Teilnahme einer Mutter durch gar nichts anderes ersetzt werden könnte; ich glaube auch, je mehr Deine Kinder nach und nach zu Müttern und Vätern geworden sind, je mehr lernen sie schätzen, was Du ihnen bist, trotzdem daß ihnen die Suppe sogar von einer Magd gekocht wird. Von den Kindern kann ich Dir auch soweit Gutes berichten, sie sind viel ordentlicher und liebenswürdiger als Du sie von Erlangen her in Erinnerung hast, denn es ist wunderbar, wie so Kinder gleich übermütig werden, wenn sie zu Gast sind, wo man sie allenthalben verwöhnt. Es ist erstaunlich, was für dankbare Herzen diese beiden Kreaturen haben, und ihre Gewissenhaftigkeit kommt ihnen überall zustatten. Sie sind über Deine schöne Handschrift immer höchst erfreut: ›Der Großmutter Briefe die kann man doch lesen, nur manche Buchstaben hat sie ein bißle verlernt‹.«
Die Kinder waren nun Schulkinder geworden und besuchten die Volksschule. Fast wehmütig bemerkt die Mutter darüber, auch die Kleine sei schon so groß, daß sie zwar im Dämmerstündchen sich noch der Mutter auf den Schoß setze, aber selbst ein ganz verschämtes Gesichtchen dazu mache wegen der langen Beine, die da herabhingen. Solch zärtliches auf dem Schoß sitzen und dergleichen erlangte zwar »das kleine Schmeichelkätzchen« hie und da, im ganzen lag es aber nicht in der Mutter Natur und vertrug sich auch nicht mit ihren Grundsätzen. Wie sie die Kinder knapp hielt mit Speise und Kleidung, mit Vergnügungen und Geschenken, so auch mit Liebkosung und Zärtlichkeiten. Die Kinder sollten es nicht merken, wie teuer sie den Eltern waren, sondern sich vielmehr für »Unkräuter« halten und dankbar sein, daß man sie duldete. Die Bescheidenheit der Kinder den Erwachsenen gegenüber war in ihren Augen nicht nur eine unter den vielen Tugenden, die durch die Erziehung gepflegt werden sollten, sondern sie galt ihr als der eigentliche Boden, auf dem allein das richtige Verhältnis zwischen Kindern und Eltern entstehen konnte, sie betrachtete sie als den Ausdruck der Wahrheit: Kinder wissen, können, leisten noch nichts, also haben sie hinter dem fertigen Menschen zurückzustehen.
Die Sparsamkeit, die im Hause herrschte, begünstigte die Erziehung zur Bescheidenheit, denn diese Sparsamkeit wurde durchaus nicht als eine fatale Notwendigkeit betrachtet, die sich aus dem Mangel an Geld ergab, sondern als eine Lebenseinrichtung, entspringend aus der idealen Eigenschaft der Anspruchslosigkeit. Diese Anschauung war nicht aus pädagogischen Rücksichten künstlich gemacht, sie lag im Wesen der Hausfrau, nie empfand sie das Sparen als eine lästige Pflicht, sondern als eine Kunstfertigkeit, die auszuüben ihr Vergnügen machte. Es gab vielleicht nicht viele Häuser, in denen so gewissenhaft jede unnötige Ausgabe vermieden wurde, und es gab wohl kein einziges, in dem trotz dieser Sparsamkeit so wenig über Geld gesprochen wurde. Die Kinder hörten kaum davon reden; sie waren schon große Schulmädchen, als sie zufällig und zu ihrem Staunen entdeckten, daß das Dienstmädchen um Lohn und nicht, wie sie gemeint hatten, aus reiner Liebe ihre Dienste tat. Die Mutter hatte sie gern in dieser Unwissenheit erhalten, die ein bescheidenes, dankbares Benehmen dem Mädchen gegenüber zur Folge hatte.
Als die Kinder mehrmals zu dem nächsten Droschkenplatz geschickt wurden, um für den Vater eine Droschke zu holen, machten sie sich Bedenken, ob es nicht unbescheiden sei, so oft einen Kutscher zu bemühen, und wurden erst beruhigt, als man ihnen sagte, der Vater gebe auch dem Kutscher etwas zu seiner Freude. Beide Eltern kamen aus einem gewissen Idealismus zu diesem System und erreichten damit, daß die Kleinen dankbar waren, wenn sie irgendwo nicht nur geduldet, sondern sogar gern gesehen wurden, glücklich wenn ihnen von irgend einer Seite Gutes zufloß und vor allem tief befriedigt, wenn ein warmes Wort der Eltern ihnen die Liebe verriet, die ihnen um so köstlicher war, je seltener sie in zärtlichen Worten zum Ausdruck kam.
In dieser Weise knapp gehalten mit Liebesbeweisen, bemühten sich die Kinder um so mehr darum, und es ist einleuchtend, daß damit der beste Grund für die Erziehung gewonnen war, denn diese ist leicht von dem Augenblick an, wo die Kinder wollen, was die Eltern wollen. Wollen aber die Eltern nicht bald dies bald jenes, was ihnen behagt, sondern das Gute, so werden dadurch die Kinder ganz unvermerkt über die Autorität der Eltern hinaufgewiesen zu der höchsten Autorität und geleitet auf dem Wege zum höchsten Ziel: Wollen was gut ist, wollen was Gott will.
Äußerlich betrachtet trat nicht viel zutage von religiösem Leben in der Familie Brater. Doch kam die Mutter jeden Abend an der Kinder Bett und mit großer Ehrfurcht wurde das kleine Gebet gesprochen: Lieber Gott, mach mich fromm, daß ich zu dir in’ Himmel komm. Bei dieser Gelegenheit sprach die Mutter oft ein mahnendes Wort, hingegen vermied sie es, die Kinder anzuregen, ihre äußeren Anliegen im Gebete vor den lieben Gott zu bringen; das Materielle sollte hier zurücktreten, mit dem Gedanken an Gott wollte sie nur Geistiges in Verbindung bringen, die Stimme des Gewissens wecken, das Streben, gut und wahr zu sein. Sie selbst war in jener Zeit weit entfernt von einem festen Glauben, aber sie fühlte den sittlichen Wert, den ein solcher verleiht und ersehnte ihn für ihre Kinder. Oft sprach sie es aus, daß sie heranwachsende Kinder ohne Hilfe der Religion nicht zu erziehen wüßte. Ihr Mann, von Friedrich Rohmer beeinflußt, stand nicht auf kirchlichem Boden, aber noch viel weniger sympathisch waren ihm materialistische Anschauungen. Das neue Testament schätzte er hoch und las jeden Morgen einen Abschnitt daraus vor. Die Mutter erwähnt diese Vorlesungen in den Notizen, die sie sich über die Kinder machte, es heißt da von Anna: »Alle Morgen wird ein Abschnitt aus der Bibel gelesen und Anna, die sehr zum Aufmerken ermahnt wird, merkt sich häufig einen Satz und sagt ihn dann. Agnes erklärte die erstenmale immer: »Das hab ich mir auch gemerkt«, fand es dann aber einfacher, ein für alle Male zu sagen: »Jetzt Mama, ich merk’ mir eben immer das, was sich die Anna merkt.«
So sehr die Wahrhaftigkeit Grundzug in der Familie war, so wenig ließen sich die Eltern beunruhigen durch die lebhafte Phantasie der Kleinen und waren weit entfernt, mit dem ernsten Wort »Lüge« zu brandmarken, was kindlicher Unverstand war. Ebenso ruhig, wie die Mutter von der Großen erwähnt: »Anna ist von großer Wahrhaftigkeit«, berichtet sie von der Kleinen: »Sie hat eine so lebhafte Phantasie, daß sie beständig im Reden und Tun erfindet, deshalb auch weit entfernt ist, einen Begriff von Wahrheit zu haben.« Sie hatte die ruhige Zuversicht, daß in ihrem Haus die Unwahrhaftigkeit nicht groß wachsen würde.
Die beiden Mädchen blieben die einzigen Kinder ihrer Eltern, was Frau Brater oft bedauert hat, denn eine größere Geschwisterschar war nach ihrer eigenen Erfahrung ein köstlicher Schatz und überdies eine Erleichterung, um ihr Ideal der Anspruchslosigkeit zu erreichen; denn jedes einzelne unter einer großen Kinderzahl wird sich entbehrlicher vorkommen als so ein einziges Pärchen. Ihrer Schwiegermutter schreibt sie gelegentlich: »Wenn ich nur auch wieder ein kleines Kind hätte, überall ist Reichtum an diesem Artikel, nur bei mir nicht«; ein andermal: »vier Kinder wären mein Ideal« und die Sehnsucht nach einem Wickelkinde kommt wiederholt zum Ausdruck, trotzdem schon diese beiden Kinder manchmal schwere Sorgen verursachten.
Schon kurze Zeit nach dem Umzug nach München, das damals noch durch seine schlechten Wasserverhältnisse und häufige Typhuserkrankungen verrufen war, mußten auch sie ihren Tribut zahlen. Anna erkrankte an einem typhösen Fieber, Schleimfieber nannte es der Arzt. Frau Brater schreibt darüber an ihre Schwägerin Julie: »Der arme Tropf hatte eine schwere Zeit durchzumachen; die erste Woche vom eigentlichen Beginn der Krankheit war schrecklich für sie, heftiges Kopfweh und Fieber, glühende Hitze und auch nicht ein halbes Stündchen ruhigen Schlafes, dabei eine schreckliche Aufgeregtheit, die Augen funkelten nur so und wenn sie sich nur im Bett bewegte oder sich bewegen ließ, so klopft das Herzchen mit einer Gewalt, daß man glaubte, es könne es unmöglich überdauern.... Wunderbar war die Veränderung in der zweiten Woche, Fieber und Hitze unverändert, dagegen waren die glutroten Backen schneeweiß geworden, sie lag in fast immerwährendem Schlaf mit offenen Augen, in der dritten Woche ebenso. Unerhört war ihr Aussehen, vollkommen himmelblau und dunkle Schatten um die Augen, die einen überirdischen Ausdruck hatten, es war mir oft schauerlich bei Nacht. Aber nun denke, nach Verlauf der dritten Woche, das kommt gewiß auch nur bei Kindern vor, war die Krankheit sozusagen von einem Tag auf den andern gehoben ohne a l l m ä h l i c h e Besserung, sie hatte einen übeln Tag, eine schlechte Nacht gehabt und hatte morgens unverändert hundertundzwanzig Pulsschläge. Abends s a ß sie im Bettchen, hatte einundneunzig Puls, war ganz heiter und teilnehmend und ich glaubte ein Wunder zu sehen; von diesem Tag an waren wir außer Sorge, es ging gottlob alles so gut, daß sie jetzt zwar lang und dünn, aber frisch und munter wieder am Tische sitzt, fast frischer als ich, die ich die verschiedenen nacheinander folgenden Strapazen in immerwährendem Kopfweh spüre.«