Frau Pauline Brater

Agnes Sapper · Kapitel 13 von 18

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Frau Pauline Brater

Dritter Teil Die Witwe

Dritter Teil

Die Witwe

 

XI.

1869–1870

 

Unter Frau Braters Papieren findet sich ein kleines Heft, welches ihre Aufzeichnungen über die letzten Lebenstage ihres Mannes enthält. Wir entnehmen daraus folgendes:

»Am Dienstag den 12. Oktober zogen wir in die mit vieler Mühe aufgefundene Wohnung; Karl freute sich daran, sein Zimmer war groß und hoch.

Am Sonntag den 17. sagte er nachmittags beim Kaffee: ›heute habe ich einen schlechten Tag, ich atme gar zu schwer‹, er sah matt aus. Abends war Julie da; als wir uns zu Tische setzten, sagte er: ›es wird besser sein, wenn ich nichts esse, ich bin zu sehr beengt.‹ Er nahm während des Abends Teil an der Unterhaltung wie immer, wenn er auch weniger sprach. Um zehn Uhr, wie gewöhnlich, lag er im Bett und ich sagte ihm wenigstens insofern sorglos g u t e Nacht, als ich nicht zweifelte, daß sie ihm mit Morphium zuteil werden würde. Ich lag im Zimmer daneben. Gegen Morgen rief er mir laut und deutlich: ›Pauline, zieh dich einmal ein wenig an‹, ich erschrak sehr, aber er hatte so sicher und ruhig gesprochen, daß ich nun doch nichts Schlimmes dachte. Als ich zu ihm hineinkam sagte er: ›es ist jetzt halb vier Uhr, ich habe schon z w e i Pulver genommen und habe keinen Augenblick geschlafen, hilf mir heraus in meinen Stuhl, vielleicht wird mir’s da leichter‹ – sein Atem war unendlich kurz, die Stimme klanglos und in seinen Zügen sah ich, daß er im Todeskampfe war, – ich stand da unter heißen, strömenden Tränen, sagte ihm liebe Worte, aber helfen konnte ich ihm nimmer. Während ich ihn ankleidete, sagte er lächelnd: ›du hast ja immer gesagt, ich soll dich doch rufen, wenn ich etwas brauchen kann, ich habe dir jetzt nur einmal deinen Willen getan.‹

Als ich ihn in den Stuhl gebettet hatte, sagte er: ›so jetzt mach, daß du ins Bett kommst, – s c h l a f e und weine nicht in Deinem Bett.‹ Gott weiß, ich habe nicht geschlafen, denn ich wußte nun, daß mir das treueste Herz im Sterben lag, ich sah mein ganzes, unbegrenztes Glück zerbrochen, alles, alles vorbei. Dennoch kämpfte er noch zwei Tage gegen den andringenden Tod, der ihn in der Nacht vom 19. auf den 20. erlöste.«

Vom 25. Oktober ist ein Brief datiert, vielleicht der erste, den Frau Brater als Witwe schrieb, er ist an den treuesten Freund ihres Mannes, an Ernst Rohmer gerichtet; denn nicht zu den eigenen Angehörigen fühlt sich ein Trauernder vor allem hingezogen, vielmehr zu dem, der aus freier Freundschaftswahl dem teuern Verstorbenen nahe getreten war. Rohmer hatte nach der Beerdigung an Frau Brater geschrieben: »So ist es also vorüber und das treueste Herz deckt die Erde! Wenn ich daran denke, wie öde und verlassen Du Dich fühlen wirst nach so langer, tiefinnerster Lebensgemeinschaft, so blutet mir das Herz. Erscheint doch schon mir die Zukunft grau und farblos, weil nun ein Riß in mein Dasein erfolgt ist, der nicht mehr zu überbrücken ist! Ist dies persönlich so, so ist es noch viel mehr der Fall, wenn ich an unsere politischen Bestrebungen denke, deren Mittelpunkt und vornehmste Seele er war!.... Ich habe eben einen tief ergriffenen Brief von Stauffenberg erhalten. Er spricht es aus, daß Bayern seinen besten Bürger verloren hat, die Partei ihre Seele.« – Frau Brater antwortete dem Freund:

 

L i e b e r E r n s t !

Viele teilnehmende Worte kommen mir von allen Seiten zu, aber

vor allem gehen mir die Deinigen zu Herzen und ich weiß ja recht wohl warum, weil sie eben bei Dir am tiefsten aus dem Herzen kommen; so sehnte ich mich die ganze Zeit her darnach, mit Dir ein paar Worte zu sprechen, und jetzt, wo ich den ersten ruhigen Augenblick finde, ist mir’s so hohl und ausgestorben zumute, so abgespannt vom vielen Sprechen und endlosen Wiederholen dessen, wobei einem das Herz blutet und das man zuletzt fast maschinenmäßig hersagt, so daß ich mich nun beinahe besinnen muß auf das, was ich bin und was ich war und was es ist, das mir nur halb begriffen das Herz zusammenschnürt; jeden Morgen stehe ich auf mit der Sehnsucht nach dem Abend, wo ich still und allein an seinem Bett stehen kann, die leeren Kissen im Arm haltend und den Platz mit Küssen bedeckend, wo seine Hände lagen.

Wie sehr ich auf diesen letzten Trennungsschmerz vorbereitet

gewesen bin, erkenne ich erst jetzt... Wie oft, oft bin ich schon unter heißen Tränen im Bett gelegen, wenn ich dem Ruhelosen und Gequälten »Gute Nacht« gesagt hatte und doch so gut wußte, daß sie ihm nicht zuteil werden würde! Darum hat sich auch mir das Bild, das sonst der Inbegriff alles Schmerzes ist, das Bild des Toten im Sarge, das hat sich mir eingeprägt als Trost und Erlösung und wenn mich der Schmerz übermannen will, so vergegenwärtige ich mir dies Bild, wie er so ruhig l i e g e n konnte, zum erstenmal wieder nach langen, schweren Monaten und wie die müde Brust ausruhte vom Kampf gegen den eindringenden Tod. Ja, s e i n e Ruhe ist mein einziger Trost und das Andenken an ihn meine einzige Freude; ich wußte, wie glücklich ich war, wir wußten es ja beide, wir haben es uns oft ausgesprochen, und eben darum werde ich ihn nie entbehren lernen, weil wir so ganz einig waren bis ins innerste Herz hinein.

Daß ihm der letzte Trennungsschmerz erspart war, mochte auch

ich ihm wohl gönnen, aber mir fiel es gar zu schwer und doch mochte ich ihm meine Gedanken nicht offenbaren. Mit welch wunderbarer Kraft er die letzten schweren Tage durchgekämpft hat, wird Dir berichtet worden sein, diese Kraft des Geistes, die sich vom Körper nicht fesseln ließ, täuschte auch mich bis zum letzten Augenblick. Es war in dieser langen Leidenszeit keine Klage und bis zum letzten Atemzug kein Seufzer über seine Lippen gekommen und noch im letzten Augenblick, wo er husten mußte und doch die Kraft nimmer da war, tröstete er mich, »es geht schon nach und nach«, dann sank er aufs Kissen zurück, richtete den Blick in die Höhe und ich sah, daß der Geist im Scheiden war – kaum konnte ich noch die armen Kinder herbeirufen.

Die Ankunft der Kinder hatte ihm noch das letzte Lächeln

abgelockt und noch einmal blickten die Augen treu und seelenvoll. Ob er die Pein der letzten Stunden empfunden hat, weiß ich nicht, das Morphium verfehlte seine betäubende Wirkung nicht; als ich um zwölf Uhr einmal an seinem Bett stand, sagte er: »ich glaube ich habe geschlafen«, dann hieß er mich ins Bett gehen, weil er immer darum besorgt war, daß man sich keine Mühe um ihn mache, ich ging, verwendete aber kein Auge von ihm; um zwei Uhr war ich wieder an seinem Bett .... ich gab ihm noch warmen Wein (die letzte

Flasche Steinwein von Dir) und bis zehn Minuten vor seinem Tode ahnten wir denselben nicht; er hatte noch nach der Uhr gefragt, sein Ende war ein langsames Aufhören der mühevollen Atemzüge, ich horchte noch lange und immer wieder, ob es der letzte gewesen sei, aber auch das Herz stand still, das in den letzten Tagen so stark und unruhig geklopft hatte.

Daß die kranke Lunge nicht die n ä c h s t e Ursache des Todes

war, hat sich bei der Sektion gezeigt, es war das miterkrankte Herz, Du wirst ja den Bericht erfahren haben; nun können wir uns »die Unruhe in der Brust« erklären, von der er so oft sprach, noch am letzten Abend legte er meine Hand auf seine Brust und sagte: »da fühle, wie es da klopft«.

... Man hat mir schon von mehreren Seiten freundliche

Anerbietungen gemacht und ich weiß, daß mein Mann treue Freunde hat, die seine Frau nicht in Not kommen lassen würden, aber mein Mann hat selbst der Not vorgebeugt und es käme mir wie bitterer Undank vor, wenn ich mir nicht damit genügen lassen wollte ...... Nimmermehr möchte ich im Wohlstand leben, nachdem wir zusammen gesorgt und gespart und uns manches versagt haben, aber doch, ich kann es sagen, n i e mit bekümmertem Herzen, es hat diese Sorge dem Glück unseres Lebens keinen Eintrag getan ...

 

Die Freunde ließen es sich dennoch nicht nehmen, ihre edle Gesinnung für den Verstorbenen seinen Kindern gegenüber zu betätigen. »Am Mittwoch übersiedle ich zu Julie in die Schommergasse« schreibt Frau Brater, »bis dahin steht der Arbeitstisch meines Mannes unberührt, dann gibt’s einen schweren Abschied!«

In einem Album, das Bilder all der Orte enthält, die für Frau Braters Leben bedeutungsvoll waren, ist auch ein Blatt, das den Münchener Kirchhof zeigt. Daneben steht der Vers:

In stiller Nacht ist er von Dir geschieden,

der Deine Liebe war, Dein Stolz, Dein Glück.

Du fragst: was kann das Leben mir noch bieten,

was soll ich noch, da er mich einsam ließ zurück?

Das hellste Licht zeigt auch den dunkeln Schatten,

dem größten Glück folgt tiefste Traurigkeit.

Wo zwei so innig sich verwachsen hatten,

da ist die Trennung schier ein unerträglich Leid.

Ja, schier unerträglich erschien ihr der Gedanke an eine Trennung für Lebenszeit. Wußte sie doch, wie schwer sie an jeder vorübergehenden Trennung getragen hatte, trotz der Aussicht auf baldiges Wiedersehen, und nun sollte dieser Zustand dauern, immerzu dauern, eine Trauer ohne Ende dünkte ihr das vor ihr liegende Leben. Sie hatte völlig verlernt, sich allein für etwas zu interessieren, sich ohne ihn zu freuen. Wenn teilnehmende Menschen sie auf die Kinder hinwiesen, die sie noch besaß, die mit ganzer Liebe an ihr hingen, so wies sie auch diesen Trost ab, auch die Freude an den Kindern schien ihr unmöglich, wenn sie nicht vom Gatten geteilt wurde. Wohl beherrschte sie äußerlich ihren Schmerz, aber innerlich beugte sie sich nicht unter ihn. Stille Ergebung lag nicht in ihrer Natur, vielmehr war sie gewöhnt, anzukämpfen gegen das Übel; in allen schweren Lebenslagen, in den knappen Verhältnissen, im Unbehagen des Wanderlebens, in den Krankheitszuständen ihres Mannes, immer war sie mit geschärften Geisteskräften und mit praktischer Tätigkeit auf Abhilfe, Verbesserung, Erleichterung bedacht gewesen, hatte sich um so tapferer gewehrt, je größer das Übel war. Aber hier kam ein Leid, dem nicht beizukommen war, es ließ sich nicht umbiegen, nicht wenden, daß eine gute Seite herauskäme, es lockte nicht ihren Tätigkeitstrieb, sondern hemmte ihn vielmehr, es reizte nicht ihre Widerstandskraft, nein es lähmte sie.

In dieser trostlosen Verfassung kam ihr ein Brief ihres Bruders Hans zu. Er, der ähnlichen Schmerz erfahren hatte, empfand die wärmste Teilnahme für sie und er wußte auch, daß seine Schwester nicht in Untätigkeit Trost finden würde. Er bat sie zu kommen, für immer die beiden halbverwaisten Haushaltungen zu vereinigen und ihn dadurch so glücklich zu machen, wie er es nie mehr gehofft hatte zu werden. Aber ihre Antwort war ein »Nein«, ein schmerzlicher Aufschrei »ich kann nicht, wenigstens jetzt noch nicht, gönne mir Zeit, mich zu fassen«. Es tat ihr weh, dem Bruder das zu schreiben, aber sie lag zu tief darnieder, um sich so schnell aufraffen zu können. Sie blieb den Winter in München bei ihrer Schwägerin Julie, die dort wohnte und die drei betrübten Gäste bei sich aufnahm. Sie führten gemeinsame Wirtschaft, die Mädchen besorgten die Küche und lernten noch weiter, die Tante gab französischen Unterricht und Frau Brater saß in ihrem kleinen Zimmer und durchlebte in den stillen Wintertagen und vielen schlaflosen Nächten die tiefste Trübsal. Nur das konnte ihr Interesse erwecken, was mit ihrem Manne zusammenhing, und bezeichnend ist für sie, wie sich in ihren Briefen die alte Frische und Tatkraft zeigte, wenn sie in ihres Mannes Geist und an seinem Werk arbeiten konnte. In den letzten Jahren war ihnen beiden ein früherer Mitarbeiter der Süddeutschen Zeitung persönlich näher getreten, Dr. Nagel, der ähnlich wie Brater keine feste Anstellung hatte und später als Verfasser eines tief durchdachten religiösen Buches bekannt geworden ist. Über diesen gemeinsamen Bekannten schreibt sie an Rohmer: »Ich lege Dir einen Brief von Nagel bei, wegen dessen was er über seine Angelegenheiten schreibt; mir scheint, es wäre jetzt vielleicht der Augenblick gekommen, wo man diese tüchtige Kraft für Bayern wieder gewinnen könnte; Du weißt, er hat weiland in der Süddeutschen Zeitung Artikel geschrieben, von denen Karl sagte, daß er sie ohne weiteres für seine eigenen erklären könnte, und Karl hat auch mehrfach geäußert, wie erwünscht es ihm schiene, wenn Nagel zu haben wäre. Aber welche Stellung und Aufgabe könnte man ihm denn zuweisen? Die Wochenschrift? oder wäre an der Süddeutschen Presse ein Wirkungskreis? – Überlege Dir’s doch und schmiede das Eisen so lange es warm ist; Nagels religiöser Standpunkt ist gewiß kein Hindernis, war er’s doch auch nicht bei

Hofmann[8], und überhaupt, wenn die Bestrebungen einer Partei nicht die Probe der Religion Jesu aushalten, so sind sie gewiß irrig, wenigstens nach meinem schwachen weiblichen Urteil; an meines Mannes Reden und Handeln hat man diese Probe jederzeit anlegen können... Nagel hat immer ein schneidiges Wort geführt. Mich hat sein Brief in eine förmliche Aufregung versetzt, weil ich überzeugt bin, Karl würde Nagel festnehmen.«

 

[8] Professor der Theologie in Erlangen, Mitglied der Fortschrittspartei in Bayern.

 

Manches erhebende, tröstende Wort durfte die Witwe lesen, in Briefen, welche die Freunde des Verstorbenen an sie richteten, in Nekrologen, die nicht nur in Zeitungen Gleichgesinnter, sondern auch in Blättern erschienen, die seine Richtung immer bekämpft hatten und trotzdem seiner Person die Anerkennung nicht versagten. Hatte doch schon das ehrenvolle Trauergeleite zur letzten Ruhestätte gezeigt, wie sich dieser viel angefeindete Mann durchgerungen und zur Geltung gebracht hatte. Wer hätte zehn Jahre früher für möglich gehalten, daß die königlichen Staatsminister teilnehmen würden an seinem Leichenbegängnis! Er hatte seine Grundsätze nicht verleugnet und sich nicht gebeugt vor den Mächtigen, aber die gute Sache, der er mit Hingebung gedient hatte, die war es, die ihn mit in die Höhe gehoben hatte.

Worte wie die folgenden mußten der Witwe wohltun, wenngleich auch die Anerkennung nach dem Tode etwas unendlich Wehmütiges für die Hinterbliebenen hat.

Prof. Dr. Ad. Wa g n e r schrieb ihr: »... Ihnen muß es Stolz und Freude sein zu sehen, wie allgemein der Verlust Ihres Gemahls als ein schwerer für die Partei, für das Vaterland empfunden wird. Möge auch über seinen Tod hinaus sein Wirken von Einfluß bleiben und Früchte für Deutschland tragen, das wird ihm das schönste Denkmal sein...«

N a g e l schrieb: »... Wohl wissen Alle, daß wir an ihm eine staatsmännische

Intelligenz ersten Ranges, ein unersetzliches Führertalent an ihm verloren haben. Den meisten ist es nicht minder bekannt, daß in diesem schwächlichen Körper – zum leuchtenden Zeugnis für die Herrschaft des Willens, der moralischen Kraft über die Materie – ein stählener Charakter, ein Mann im vollen und ganzen Sinne des Wortes, in der Tat und Wahrheit eine Römerseele gewohnt hat; aber nur wir, die wir das Glück seines persönlichen Umgangs genossen, haben auch seine allgemein menschliche Seite, das Edle, Zarte, Reine seines Wesens vollkommen schätzen und lieben lernen können. Auch d a s konnten nur die näheren Bekannten völlig erkennen, wie bei ihm die Sache Alles, das Persönliche Nichts war; wie der Gedanke an das Ganze, die Hingabe an Staat und Vaterland ihn so völlig beherrschte und erfüllte, daß es einfach nicht möglich war, irgend ein persönliches Interesse, sei es auch noch so feiner und versteckter Art, sei es auch nur ganz unbewußt im Hintergrunde des Denkens und Wollens liegend, bei ihm vorauszusetzen. Diese reine und unbedingte Sachlichkeit war unter allen seinen seltenen Eigenschaften vielleicht die seltenste ...«

Prof. H. B a u m g a r t e n : »... Ich verfolge nun seit mehr als zwanzig Jahren die schweren Kämpfe unseres Volkes, um ein gesundes Dasein wieder zu gewinnen, ich habe im Süden und Norden einen großen Teil der Männer kennen gelernt, welche an dieser Arbeit einen hervorragenden Anteil genommen haben. Wenn ich aber sagen sollte, wer von allen diesen Männern einer großen Sache am reinsten, uneigennützigsten, unverdrossensten mit schwachem Leib und in bewegten Verhältnissen gedient habe, so würde ich keinen Augenblick anstehen zu erklären: Karl Brater... Ein so edles Leben so lange mit so ganzer Hingebung begleitet und mit voller Liebe gestützt zu haben, wie Sie getan, das ist ein schönes, beneidenswertes Los, und wie groß Ihr Schmerz sein muß, daß Sie nun von einem so guten und lieben Menschen getrennt sind, S i e s i n d d o c h u n e n d l i c h v i e l g l ü c k l i c h e r a l s M i l l i o n e n, die heiter ein inhaltsleeres Leben führen. Wer so vom Leben gebildet worden ist wie Sie, der wird nicht klagen...«

»Sie sind unendlich viel glücklicher als Millionen?« ... In den Tagen, da sie diesen Brief erhielt, konnte Frau Brater dies nicht fassen, nicht zugeben, ihr ganzes Herz widersprach dem: Nein, nein, unter Millionen ist keine so

u n g l ü c k l i c h wie ich! Dies war der Schrei ihres Herzens. Aber Baumgarten

hatte doch recht und wußte, was er sagte. Nicht nur die Erinnerung an das schönste Lebensglück meinte er, die ja ein unverlierbarer Schatz ist, nicht nur an die Schar treuer Freunde dachte er, die ihr und ihren Kindern zur Seite standen; ihm schwebte die höchste Errungenschaft vor, die sie aus diesem Bunde mit dem edeln Manne in sich trug, die Verwandlung ihres eigenen Wesens, die Entwicklung ihrer Persönlichkeit. Hoch war sie durch ihn erhoben worden über alles Kleinliche, Selbstsüchtige, Unwahre, für das Große und Gute hatte er ihr Herz und Sinn erschlossen und dieses inneren Reichtums wegen war sie wohl glücklich zu preisen, auch jetzt, in der Stunde der Trauer. Und sie versank auch nicht in dem unendlichen Leid. Sie suchte nach dem, was sie darüber erheben konnte. In einem Brief an Rohmer preist sie alle diejenigen glücklich, die fest durchdrungen sind von dem Glauben an ein Wiedersehen im Jenseits und wünscht sehnlich, auch zu diesen zu gehören, da sie so viel Trost entbehre durch den Mangel an festem Glauben. »Aber ganz ohne Hoffnung bin ich nicht«, schließt sie diese Betrachtungen.

In dieser Stimmung kam ihr einer der Freunde zu Hilfe, der, selbst eine tiefreligiöse Natur und von lebendigem Glauben erfüllt, für Suchende und Schwankende einen Halt bieten konnte; es war Nagel. Gleich in seinem ersten Brief nach Braters Tod berührte er die Frage, welche, wie er ahnte, die Frau seines Freundes jetzt am tiefsten bewegen mußte.

Er schrieb: »Ich weiß nicht, ob Sie geneigt sind, die einzigen echten und wahren Trostgründe, die einzigen, welche das Menschenherz wirklich versöhnen können mit den Leiden und Schrecken des Daseins, ja selbst mit der furchtbaren Tatsache des Todes – ob Sie diese Gründe gelten lassen, unsere Anschauungen hierüber gehen ja wohl auseinander, doch vielleicht sind auch Sie von dem endlichen Wiedersehen überzeugt – was auch alles die bettelstolze Schulweisheit unserer Tage vorbringen möge, um den Menschen auch um diese Hoffnung ärmer zu machen. Und doch können wir diese Hoffnung zu unzweifelhafter Gewißheit erheben – wenn wir nämlich w o l l e n .«

Diese Ansicht – wir k ö n n e n glauben, wenn wir w o l l e n –, der Einfluß des Willens auf die Überzeugung, auf Glauben oder Unglauben, war Nagels tiefe Überzeugung und stand auch im Mittelpunkte seines später erschienenen Buches: »Der christliche Glaube und die menschliche Freiheit«. Diesem von warmer Überzeugung beseelten Manne sprach Frau Brater alle ihre Zweifel und religiösen Kämpfe aus und seine Briefe, sowie später seine Schriften gewannen für ihr Leben Bedeutung und warfen ein Licht in die dunkle Trauerzeit dieses ersten Winters, den sie als Witwe erlebte. Nach verzweiflungsvollem Ringen mit ihrem tiefen Schmerz raffte sie ihre Kraft zusammen, um den Kampf mit dem Leben, der ihr an der Seite des geliebten Mannes so leicht geworden war, nun allein weiter zu führen. Sie schrieb an ihren Bruder, daß sie seinem Rufe folgen und im März zu ihm kommen wolle.

Bis zu diesem Zeitpunkt konnte sie noch zusammen mit der Schwägerin, die ihre Trauer teilte, und mit den Töchtern dem Andenken des Verstorbenen leben, und ergreifend ist es zu lesen, wie sie noch mit lebhafter Empfindung die politischen Kämpfe der Partei verfolgt, zu deren Führern Brater gehört hatte. Sie schreibt an Rohmer: »Daß die Adreßdebatte nun zum Schluß gekommen, ist gar nicht mir zu wahrer Befriedigung ..... Mir scheint, unsere Leute haben da und dort den Anstand verletzt und sind auf das Niveau der Gegner herabgestiegen, das sie doch so sehr verachteten; natürlich mußte angegriffen, gestritten und das Herz an diesem Ort ausgeschüttet werden, aber kurz und bündig und ohne sich dann weiter in die Balgerei einzulassen, denn daß sie damit etwas e r r e i c h e n würden, hat doch wohl keiner gedacht. Mir ist immer, als wäre es anders gegangen, wenn Karl noch als ›stiller Wächter‹ dabei gestanden wäre, die beiden Parteien m ü s s e n ja doch nebeneinander stehen, Karl hätte gewiß den möglichen Standpunkt erkannt und unwiderleglich bezeichnet für die b e i d e n Parteien und die unwürdige Debatte wäre abgeschnitten worden ..... Ich habe den Eindruck, als ob über die Saat, die er ausgestreut hat, bereits ein böser Tau gefallen sei, und ich kann Dir gar nicht sagen, in welchem Maße mich dies schmerzt, es ist mir, als ob sein einziger geliebter Sohn ihm Unehre mache ..... Es wäre mir ein Trost, wenn Du oder andere die Angelegenheit nicht so schlimm aufgefaßt hätten wie ich .....«

Allmählich findet sie sich darein, ihren Mann diesen Kämpfen entrückt zu sehen:

»Die gegenwärtige Kammertätigkeit steht im grellen Widerspruch mit dem friedlich stillen Bilde, das ich im Herzen trage, und wenn ich diesen Kampfplatz auch noch immer für unser eigenstes Revier halten möchte, so durchdringt mich doch mehr und mehr der Gedanke, daß diese reine Seele nun zu einem höheren und vollkommenern Leben hindurchgedrungen ist.«