Frau Pauline Brater

Agnes Sapper · Kapitel 10 von 18

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Frau Pauline Brater

VIII. 1862–1863

VIII.

1862–1863

 

Fünf Jahre war die Familie Brater in München gewesen, hatte Verbindungen geschlossen, die ihr allmählich lieb geworden waren, und nun sollte sie wieder abbrechen und sich an einem gänzlich unbekannten Orte niederlassen. Dies ist an sich schon schwer und ist es doppelt, wenn eine traurige Ursache den Anlaß zu solchem Wandern gibt. Brater ging von Deidesheim aus nach Frankfurt, um dort die nötigen Vorbereitungen für die Übergabe der Süddeutschen Zeitung zu treffen, und kehrte dann nach München zurück, um die Redaktion aufzulösen. Für den Sommer rieten die Ärzte zu einem Aufenthalt in Höhenluft und dem Gebrauch einer Molkenkur. Wieder war es ein Abgeordneter, der hier Rat wußte. Auf dem Grünten, einem Berg in den bayerischen Alpen, besaß der Abgeordnete Hirnbein ein Anwesen, in dem Molkenwirtschaft betrieben wurde und einige Zimmer für Fremde eingerichtet waren. Zwar hatte sich noch nie eine Familie länger dort aufgehalten, nur Passanten, die den Grünten um der schönen Aussicht willen bestiegen, pflegten dort zu übernachten, aber für die bescheidenen Ansprüche der Familie Brater konnten die Räume genügen und es wurde beschlossen, dort hinauf zu ziehen. Der Besitzer, der selbst nicht oben wohnte, empfahl seinen Leuten die Münchner Familie und so wurde diese mit freundlicher Zuvorkommenheit aufgenommen und fühlte sich da droben, wie wenn sie im eigenen Hause säße und der ganze Berg ihr untertan wäre. Nach den schweren Aufregungen der letzten Monate war das Zusammenleben in der stillen, gewaltigen Natur eine große Wohltat für die Familie, und Brater, der in der dünnen Bergluft leichter atmete, fühlte sich wohl genug, um den Aufenthalt zu genießen. So war es eine schöne Zeit, trotzdem die unsichere Zukunft einen leisen Schatten darüber warf. Pauline schreibt von dort aus an Ernst Rohmer:

L i e b e r E r n s t !

Du wirst es ohne Zweifel sehr schnöde finden, daß wir so lange

nichts von uns hören ließen, allein diesmal war es eine höhere Macht, die sich hemmend unserm Verkehr entgegenstellte. Vor acht Tagen übergab Karl vier Briefe der Post, die sich in Gestalt eines

E s e l s von unserer Burg nach Sonthofen hinabschlängelt, allein

drunten angekommen, konnte das wackere Tier die Briefe nicht weiter befördern, weil sie sämtlich verloren waren und trotz Bekanntmachung in der Kirche und der besten Versprechungen nimmer zum Vorschein kamen. Daß unter diesen Verlorenen gerade auch einer an Dich war, ein großer, langer, vielleicht seit Jahren der erste anständige, war uns besonders leid, war aber eben nicht zu ändern!

Laß Dir nun vor allem schönsten Dank sagen für Deine

freundschaftlichen Anerbietungen in Deinem letzten Brief, Du hast vollkommen Recht, wenn Du sagst, »wir verstehen uns« und darfst auch überzeugt sein, daß wir uns nötigen Falles an niemand mit so leichtem Herzen wenden würden als an Euch. Gegenwärtig sind wir aber gut daran und hoffen, nicht so bald in die Brüche zu kommen,

da wir einen sehr angenehmen Zuschuß zur Kur von Onkel Karl[6] in Fiume erhalten haben.

Ich bin also heute vor acht Tagen mit Schwiegermutter,

Schwägerin Julie und den Kindern glücklich hier oben angekommen und wir befinden uns aufs beste; da man die Bergpartie auf dem Roß mit aller Bequemlichkeit zurücklegt, so können wir Dir nichts Besseres raten, als auch noch auf einige Zeit zu uns zu kommen; für Dich und überhaupt für alle Nerven muß diese Luft herrlich sein, ich habe auch noch kein Kopfweh gehabt. Meinen Mann fand ich recht gut aussehend und vielleicht auch in der Hauptsache etwas besser, doch bilde ich mir ein, in einer b e s t ä n d i g warmen Luft wäre es vielleicht noch besser geworden.... Über unsere weiteren Pläne sind wir noch ganz im unklaren, mein Wunsch wäre, daß Karl diesen Monat hier oben und dann vielleicht noch zwei Monate irgendwo in der Wärme zubringt, etwa Reichenhall oder noch besser Meran, aber das Jammerkind in Frankfurt gönnt einem ja keine ruhige Stunde ...

[6] Meynier, ein Bruder von Braters Mutter.

 

Das »Jammerkind«, die Zeitung, gewöhnte sich schwer ein in Frankfurt und als der sechswöchentliche Aufenthalt auf dem Grünten vorüber war, reiste Brater nach Frankfurt, um in der Redaktion zu helfen. Es scheint, daß Frau Brater diese Trennung, verbunden mit der auf ihr lastenden Unsicherheit über die nächste Zukunft, schwer nahm; auch fürchtete sie wohl, daß der Erfolg der Kur wieder durch übermäßige Arbeit verloren ginge, und sie hat wohl ihren Unmut herzhaft in ihren Briefen ausgesprochen, denn der Gatte antwortet ihr: »Ein hübsches Quantum schlechter Laune hast Du in Deinem letzten Brief abgeladen. Aber ich gönne Dir die kleine Erleichterung, die einzige, zu der ich Dir behilflich sein kann. Laß Dir nur die Widerwärtigkeiten nicht über den Kopf wachsen: in einigen Wochen sind wir doch wieder beisammen. Freilich liegen dazwischen einige unersetzliche Tage!«

In dem folgenden Briefe teilt Brater den Seinigen mit, daß er nun in der nahen Stadt Aschaffenburg eine Wohnung gemietet habe, die sofort zu beziehen war, und eifrig begannen Frau und Töchter den Hausrat einzupacken, als ihnen ein weiterer Brief Halt gebot. Daran war wieder die Zeitung Schuld. Es gewann immer mehr den Anschein, daß sie sich nicht halten würde, und so schien es geratener, mit einem vollständigen Umzuge noch bis zum Frühjahr zu warten und für den Winter nur irgendwo in der Nähe Frankfurts in möblierter Wohnung einen provisorischen Aufenthalt zu nehmen. Brater schreibt: »Es kommt nun ein neues Projekt in Betracht. Ich bin darauf aufmerksam gemacht worden, daß Wiesbaden ein außerordentlich mildes Klima habe und deshalb zum Winteraufenthalt vorzüglich zu empfehlen, auch im Winter nicht teuer sei. Ich habe heute mit einem dortigen Freund gesprochen und ihn beauftragt, nach dem Preis einer möblierten Wohnung zu fragen ... Käme dieser Plan zur Ausführung, so müßte man das Mobiliar in München stehen lassen und gleich die Wohnung in Aschaffenburg kündigen. Ich möchte, daß Du bald mit Lindwurm und Hecker sprichst, ob sie Wert auf eine solche Maßregel legen würden... Du siehst, daß ich darauf bedacht bin, Dir für Zerstreuung zu sorgen, armer Teufel!«

Dieses Projekt kam im Herbst 1862 zur Ausführung, die Familie zog nach Wiesbaden und mietete in einem Gasthause für den Winter einige möblierte Zimmer. Brater, vollauf beschäftigt mit Arbeiten, vermißte weniger die eigene Wirtschaft wie seine Frau. Nach dem ungewöhnlich bewegten Haushalt der Münchner Jahre sah sie sich nun vollständig zur Ruhe gesetzt, denn da sie keine Küche zur Verfügung hatte, konnte sie nicht selbst wirtschaften, das Essen wurde aufs Zimmer gebracht und es gehörte viel Elastizität dazu, sich plötzlich wieder in so ganz andere Verhältnisse zu finden, auf einige kleine Zimmer angewiesen zu sein und keinerlei Verkehr zu haben. »Ich bin’s nun schon ganz gewöhnt,« schrieb sie nach den ersten Wochen, »daß, wenn bei uns angeklopft wird, niemand anders als das Stubenmädchen erscheint.« Den Kindern war das Neue an dieser Lebensart und dem anderen Wohnsitz interessant, die heißen Quellen vor allem, deren eine auch durch die Wohnung geleitet war und mit ihrem fast kochenden Wasser zu ihrer Verfügung stand, wenn sie das Frühstücksgeschirr abzuwaschen hatten. Sie besuchten ein Institut und fingen an, sich mit den Nassauischen Mädchen zu befreunden, als eine schlimme Sache dazwischen kam und den kaum begonnenen Unterricht unterbrach.

Anna, die schon acht oder vierzehn Tage über Kopfweh geklagt hatte, fragte eines Abends, als längst die Lampe brannte, warum man denn nicht endlich Licht mache, es sei doch so dunkel. Ein solches Wort muß wohl auch eine tapfere Mutter mit Schrecken erfüllen und so schnell als möglich wurde ein Augenarzt zu Rate gezogen. Er fand eine schwere Netzhautentzündung, welche die Sehkraft in höchste Gefahr brachte. In späteren Jahren sprachen verschiedene Augenärzte ihre Verwunderung darüber aus, daß die hochgradige Erkrankung geheilt werden konnte, und es war dies offenbar dem energischen Eingreifen des vorzüglichen Augenarztes Pagenstecher zu verdanken. Er leitete sofort eine Behandlung mit künstlichen Blutegeln, Blasenpflastern und Fontanellen ein, die freilich sehr schmerzhaft war. Das arme Kind hatte viel zu leiden und die Mutter litt mit ihm; sie hatte stets tiefes Mitleid mit allen denen, die körperliche Schmerzen zu erdulden hatten, und es war rührend und für ihre Kinder unendlich tröstend, wie sie in solchen Fällen in einem zärtlich liebkosenden Tone mit ihnen sprach, der ihr sonst fremd war und um so tieferen Eindruck machte. Auch Schmerzensgeld und süßer Lohn für bewiesene Tapferkeit spendete sie da und diese seltenen verwöhnenden Liebeszeichen warfen einen hellen Schimmer in dunkle Krankheitszeiten und verbanden die Kinder aufs innigste mit ihrer Mutter.

Auch der Vater ließ sich in diesen Zeiten öfter herbei, sich mit der Patientin zu unterhalten, und da er bei Anna ein warmes patriotisches Interesse fand, gereichte es ihm selbst zur Freude. Während er sonst in Briefen die Kinder höchstens kurz erwähnt, findet sich in einem solchen aus Wiesbaden die Mitteilung eines Kindergespräches, das ihn selbst überraschte und das wir als Zeichen für die Atmosphäre, in der die Kinder aufwuchsen, hier anführen. Brater schreibt am Schluß eines geschäftlichen Briefes an Rohmer:

»Anna hat mich gestern an ihrem zwölften Geburtstag nicht wenig in Verwunderung gesetzt durch einen Vortrag über die deutsche Frage. Sie setzte nämlich auseinander, daß es mit den vielen Königen nichts sei, daß aber auch der Kaiser von Österreich und der König von Preußen als solche nicht über Deutschland gesetzt werden dürften, weil sie sich nur für ihre Hausmacht interessieren würden, daß man einen Kaiser brauche, der mit seinen Herzögen ganz Deutschland regiere und daß man eben suchen müsse, für dieses Programm eine Mehrheit zu gewinnen, die dann mit Waffengewalt die Minderheit zu Paaren treibe. Durch meine Zwischenfragen herausgeholt, kam das alles in kindischen Ausdrücken ganz rund und nett zum Vorschein.«

Das erkrankte Auge fing an, sich zu bessern; in der Hoffnung, auch von der schmerzhaften Behandlung bald befreit zu sein, sah die Patientin fröhlich dem nahen Weihnachtsfest entgegen, da warf sich die Krankheit auf das andere Auge und gerade am Vorabend des Festes minderte sich stündlich die Sehkraft des Auges. In großer Angst wurde der Augenarzt herbeigerufen; die Kinder und mit ihnen die Eltern bangten vor dem zu erwartenden Ausspruch, daß Anna liegen müsse und von einem Christbaum mit Lichterglanz keine Rede sein könne. Dr. Pagenstecher kam und untersuchte. Er fragte auch genau nach dem Kopfschmerz und allgemeinen Empfinden. Die Patientin gab darüber günstigen Bescheid, allein es lag für den Arzt nahe zu denken, daß die Furcht vor der schmerzhaften Behandlung, die sie schon kannte, ihre Aussagen beeinflussen möchte. Der Vater bemerkte dies Mißtrauen und er, der vielleicht noch nie in Gegenwart des Kindes diesem ein Lob ausgestellt hatte, sagte nun ruhig und bestimmt: »Wir können uns absolut auf ihre Gewissenhaftigkeit verlassen.« Die Freude der kleinen Leidenden über dieses ehrenvolle Zeugnis konnte kaum noch erhöht werden durch die Genehmigung des Arztes, daß sie, mit blauer Brille bewaffnet, zur Bescheerung aufstehen dürfe. Freilich hatte sie noch ihre schmerzhaften Blasenpflaster und sah noch die Dinge, die unter dem Christbaum lagen, in verkehrten Farben, aber daran war sie nun schon gewöhnt und die Freude war nach der ausgestandenen Angst doppelt groß.

Die fernen Verwandten, die an jenem Weihnachtsfest an die Familie Brater dachten, waren voll innigen Mitleids. Sie sagten sich: welch trauriges Fest in der Fremde, ohne jegliches Behagen, die Sorge wegen des Mannes Befinden, dazu das leidende Kind und die vermehrten Ausgaben. Dies war alles richtig und dennoch standen die Viere glücklich und dankbar unter dem Christbaum. In andern Familien waren vielleicht die Verhältnisse günstiger, aber ein einziger Mißton konnte die Harmonie mehr stören als es hier alle äußeren Umstände zu Wege brachten. Man darf sich immer zum Trost sagen im Hinblick auf schwere Zeiten, die uns oder unsern Lieben das Leben bringt, daß es neben allem Unglück eine unerschöpfliche Möglichkeit des Glückes gibt: eine vorübergehende Besserung, eine abziehende Sorge, ein freieres Aufatmen kann dem Menschenherzen so wohl tun, daß es im Augenblicke nur diese Guttat empfindet und nicht so sehr zu bedauern ist, wie es sich die Phantasie ausmalt. Auch ist ja unserer Menschennatur eine große Fähigkeit der Gewöhnung mitgegeben, die bald erleichtert, was zuerst unerträglich schien.

Diese Gewöhnung war es, die in diesem und den folgenden Jahren auch der Familie Brater zu Hilfe kam. So war allmählich der Husten und das erschwerte Atmen bei Brater der normale Zustand geworden, an diesen gewöhnte man sich, war zufrieden, wenn nur keine Verschlimmerung eintrat, war glücklich und hoffnungsfroh, wenn sich zeitweise eine Besserung einstellte.

In einem Brief an ihre kranke Schwiegermutter, die nun mit den Töchtern in München lebte, schildert Pauline das Wiesbadener Leben:

 

L i e b e M u t t e r !

Es geht mir noch immer ab, daß ich Dir diesmal keinen

eigenhändigen Neujahrs- und Geburtstagsgruß schicken konnte, gerade heuer, wo wir so viele gemeinsame Wünsche und Gebete mit ins neue Jahr hinübernehmen.... Die Berichte über Dein Befinden, liebste Mutter, sind leider noch nicht so gut wie wir gehofft und so sehnlich gewünscht hatten, wie muß es Dir doch so schwer fallen, Dich immer so schonen zu müssen, und wie schwer fällt es besonders uns Entfernten, so garnichts zu Deiner Erleichterung beitragen zu können, wir können nur eines tun, liebe Mutter, nämlich uns an Deiner oft erprobten und bewährten Geduld und Ergebung ein Beispiel nehmen, dann können wir auch getrosten Mutes wieder auf die besseren Tage hoffen.

Bei Anna geht es stets vorwärts, wenn wir gleich noch mitten in

einer schwierigen Kur drin stecken; bei dieser Gelegenheit habe ich mich zum erstenmal mit unserem hiesigen Aufenthalt ausgesöhnt, wo wir einen so ausgezeichneten Augenarzt bei der Hand haben; wäre das Übel nicht gleich richtig erkannt und behandelt worden, so

hätte es schlimm gehen können; im übrigen aber wächst unsere Sehnsucht nach Euch Lieben von Tag zu Tag, auch die Kinder sprechen eigentlich von gar nichts anderem mehr; wenn alles gesund ist, dann kann man schon eine Weile im Exil leben und Umgang sowie jede häusliche Bequemlichkeit entbehren, wenn aber dann hier und dort nicht alles nach Wunsch geht, dann ist’s einem oft, als müßte man geradewegs davonlaufen. So war es mir in den letzten Tagen zumute. Ich habe eine widerwärtige Geschichte mit einem sogenannten Ais oder Ast durchgemacht ..... und hatte doch keine Zeit zum Bettliegen, da es gerade zwei Kurtage für Anna waren; ich hatte ganz entsetzliche Schmerzen mit dieser Albernheit und lag dann schließlich doch noch zwei Tage, um Umschläge zu machen. Karl bedauerte nur, daß wir uns nicht mit unserer ganzen Umgebung photographieren lassen konnten: Anna im Bett hinter einem großen Lichtschirm, ich im Bett mit Überschlägen beschäftigt, Karl über einem Trichter Dämpfe einatmend, dabei Agnes als Hausfrau und Pflegerin all dieser Patienten. Agnes hat sich übrigens wacker durchgeschlagen, schön langsam und umständlich ist ihr Losungswort, aber dabei ist sie doch sorgfältig und unverdrossen ...... Anna soll sich jeglicher Tätigkeit enthalten, ich darf ihr nicht einmal etwas auswendig lernen lassen, das ist schwer für ein Kind, das kein Talent zum Müßiggehen hat und auch nicht leicht für ihre Umgebung; trotzdem sind wir alle vergnügt und dankbar und ich freue mich besonders, bis Du Karl wiedersiehst, ich glaube, man kann ihn jetzt fast ganz gesund nennen.«

 

Freundlich bezeugte auch Wilbrandt der kleinen Patientin seine Teilnahme. Er war in diesem Winter als Mitglied des Nationalvereins in Frankfurt, kam von dort zu geschäftlicher Besprechung mit Brater nach Wiesbaden, traf Anna an ihrem zwölften Geburtstag in der peinlichen Kur ihrer Augen und beglückte sie, indem er auf eben diese Augen das folgende Gedichtchen machte:

Z u m 1 2 . G e b u r t s t a g.

Liebe, viel geprüfte Sterne

Laßt von diesem frohen Tage

Eure Herrin ohne Klage

In ein lieblich Leben sehen.

Leitet sie getreu und gerne

Über Täler, über Höhn!

Lehrt sie alle Näh’ und Ferne

Und der Erde Herrlichkeiten

Und ihr Glück und ihre Leiden

Liebreich ohne Schmerz verstehn.

Im Februar kam aus Erlangen eine Nachricht, die Pauline schmerzlich ergriff und auf ihr ferneres Leben von großem Einfluß sein sollte: Ihr Bruder Hans hatte seine junge Gattin verloren. Elf Jahre hatten die Liebenden sich nach ihrer Verbindung gesehnt und kaum sechs Jahre des Zusammenlebens waren ihnen beschieden. Ganz fassungslos stand der Witwer mit vier kleinen Kindern da. Obwohl Anna noch der Pflege bedurfte, reiste Pauline doch nach Erlangen, um dem Bruder zu Hilfe zu kommen, dessen Nerven so erschüttert waren, daß er, von rasendem Kopfschmerz gepeinigt, von Halluzinationen heimgesucht, sich nicht zurechtfinden konnte in seiner traurigen Lage. Zu dem körperlichen und gemütlichen Schmerze kam noch das Gefühl, daß seine Kinder und sein Hauswesen so nicht weiter bestehen konnten. Schon während der Krankheit seiner Frau – Typhus war es gewesen – hatten die Dienstmädchen, denen das Hauswesen überlassen war, dieses schnöde vernachlässigt und es war ein trostloser Zustand, in dem Pauline das Haus und die vier mutterlosen Kleinen vorfand, deren ältestes erst vier Jahre zählte. Als sie im März notgedrungen wieder zu den Ihrigen zurückkehrte, verließ sie den der Verzweiflung nahen Bruder mit dem Trost, nach Schluß des Wiesbadener Aufenthalts, wenn die Ärzte es irgend erlauben würden, mit Mann und Kind zu ihm zu kommen und sein Hauswesen in geordneten Gang zu bringen. Brater, voll Teilnahme für den Schwager erklärte sich gern bereit dazu, und als im Frühjahr die Neuwahlen zum Landtag ihn nach Nürnberg riefen, wurde der Wiesbadener Haushalt abgebrochen und die Familie zog nach Erlangen. Dort war inzwischen alles drunter und drüber gegangen, durch schlechte Mägdewirtschaft war vieles veruntreut und verwahrlost worden, den Kindern fehlte alles, was sie brauchten, Pauline wußte kaum, wo sie zuerst anfangen sollte. Zunächst wurde die treulose Magd entlassen, von der die Nachbarschaft schon längst wußte, daß sie jeden Abend einen vollen Korb aus dem Haus getragen und einen leeren wieder zurückgebracht hatte. Und nun begann in dem Haus ein Räumen, das fast endlos schien. Es ist kaum zu glauben, wie in wenig Monaten ein Haushalt herunterkommen kann, wenn niemand da ist, der für die Ordnung sorgt. Unter die Schränke und Betten hatten die Mägde die Sachen geschoben, die ihnen im Wege lagen, alle Schlüssel der Möbel waren verloren, Zerbrochenes, Zerrissenes war in die Winkel geschoben oder in den Hof geworfen, und von den Weißzeugvorräten, welche die junge Frau als Aussteuer mitgebracht hatte, war nirgends mehr ein halbes Dutzend beisammen.

Die Bücher, die dem Mathematikprofessor von den Buchhandlungen zur Ansicht geschickt wurden, lagen packweise auf dem Stubenboden, wo Besen und Scheuerlumpen sie in einen solchen Zustand versetzt hatten, daß sie nimmer zurückgegeben werden konnten und hohe Buchhändlersrechnungen angewachsen waren.

Nach dem stillen Winter in den Wiesbadener Zimmern sah sich Frau Brater plötzlich in ein vom Keller bis zum Bodenraum ungeordnetes Haus mit Hof und Garten versetzt, hatte statt zweier Kinder sechs zu versorgen und sollte zwei Herren zugleich dienen. Aber das tiefe Mitleid mit dem körperlich und seelisch leidenden Bruder und die Liebe zu der kleinen mutterlosen Schar half ihr über alle Schwierigkeiten hinweg; die beiden Männer waren ja treue Freunde, einander von Jugend auf zugetan, und jeder nahm gerne Rücksicht auf den andern, die großen und die kleinen Kinder freuten sich aneinander, und wenn auch die Kraft der Hausfrau aufs äußerste in Anspruch genommen wurde, es ging doch und allmählich hatte sie die Befriedigung, einen menschenwürdigen Zustand im Hause geschaffen zu haben. Die Kleinen hingen bald mit Liebe an der Tante und ihr Vater erholte sich allmählich von dem Schlag, der ihn so tief erschüttert hatte.

In dieses Frühjahr fiel eine besonders lebhafte politische Tätigkeit für Brater. Er war oft zu längerem Aufenthalt in Nürnberg. Nicht nur um seine eigene Wiederwahl in den neuen Landtag handelte es sich dort, diese war bald gesichert, aber der kleine Kreis von Freunden, der sich im Laufe der letzten Jahre gesammelt hatte, fühlte sich jetzt stark genug, um eine eigene Partei zu gründen, und es galt nun, in allen Teilen Bayerns Gesinnungsgenossen aufzufordern und sie zu gewinnen für ein gemeinsames Programm, dessen Hauptgedanke war: ein einiges Deutschland unter der Führung Preußens. Wie rührig Brater an der Arbeit war, geht aus seinen Nürnberger Briefen hervor, denn auch im ärgsten Trubel ließ er doch seine Frau nicht ohne Nachricht und es ist rührend zu sehen, wie bei ihm jede persönliche Rücksicht, nur allein die auf seine Frau nicht zurückstehen mußte hinter den Angelegenheiten des Vaterlandes. Er hatte sich in Nürnberg im Hotel Schultheß eingemietet und in seinem Hotelzimmer liefen alle Fäden zusammen, welche die Gründung der »Fortschrittspartei in Bayern« zur Folge hatten. Er schreibt von dort:

 

L i e b s t e r S c h a t z !

Mein Zimmer hat sich in ein Bureau verwandelt und unter dem

Geplauder der Leute muß ich schreiben. ... Du mußt Dir vorstellen, daß ich diesen Brief nach je drei Zeilen unterbreche, um über diesen oder jenen von den sechzig andern Briefen, die in der Stube expediert werden, Aufschluß zu geben. Bei der gestrigen Beratung ist die Wahlsache in Ordnung gekommen, Barth und Völk sind beigetreten. Das Programm hast Du bereits in der Zeitung gelesen. Den von Barth und mir zusammengewürfelten Aufruf, der erst noch weitere Unterschriften erhalten muß, lege ich Dir bei. Die Sache ist gut im Zug und ich m u ß h i e r b l e i b e n.... Die hiesige Partei ist fest für mich, aber ebenso fest die Gegenpartei, die den sehr vernünftigen Satz aufstellt, sie müsse einen Nürnberger haben.... Auf baldiges Wiedersehen! Von Herzen

Dein K.

 

Gelegentlich kommt auch eine Mitteilung über sein Befinden. »Varrentrapp (ein politischer Freund und zugleich Arzt) war zufrieden, hat sich aber für die Wiederholung der Dünne-Luft-Kur entschieden erklärt. Es fragt sich nur, ob dieses System nicht am Ende doch grundverkehrt ist, denn nachdem ich gestern sechs Stunden in der d i c k s t e n Luft, die zu haben ist, zugebracht hatte, blieb beim Niederlegen der Husten vollständig aus, so daß ich beinahe beunruhigt war. Doch hat er sich diesen Morgen, obwohl ohne alle Steigerung, wieder eingestellt. Lebe wohl, mein Schatz, und grüße die Kinder. Ein hiesiger Verehrer, Firma Forster, hat mir etliche Baseler Lebkuchen ins Zimmer gelegt, die ganz appetitlich aussehen und Euch schmecken werden.«

In einem anderen Brief äußerte Brater: Manches was notwendig geschehen sollte, geschähe nicht, wenn e r es nicht tue, aus dem einfachen Grunde, weil andere die Politik nur als Nebenbeschäftigung betrieben und deshalb zu wenig Zeit zur Verfügung hätten, er sei der einzige, der sie zum eigentlichen Lebensberuf habe. »Ich habe in den letzten vierzehn Tagen zehn Leitartikel für die Süddeutsche geschrieben« berichtet er.

Mitten in diesem Trubel erhielt er die telegraphische Nachricht von einer bedenklichen Verschlimmerung im Befinden seiner Mutter. Er war schwankend, ob er zu ihr eilen oder in der Arbeit bleiben solle und fragte wiederum telegraphisch bei den Schwestern an, ob die Mutter nach ihm verlange. Die Antwort muß wohl bejahend gelautet haben, denn er entschloß sich rasch zu einer Reise nach München und wenn er auch nur ganz kurz dort verweilen konnte, so war es ihm doch, wie er schreibt, eine Wohltat, ihr noch einmal ins Auge gesehen zu haben und den Eindruck ihrer gottergebenen Fassung und ihren mütterlichen Segen mit fort zu nehmen. Acht Tage später bekam er die Todesnachricht.

Die Wahlen gingen vorüber und der schöne Erfolg, daß mancher Gesinnungsgenosse in die Kammer kam, lohnte die großen Anstrengungen. Für sich persönlich hatte Brater in der Zukunft keinerlei Wahlagitation mehr nötig, denn als er einige Jahre später, schon schwer leidend, bei den Neuwahlen sich anschickte, wieder die gewohnten Wahlversammlungen in Nürnberg zu halten, erhielt er von dort den Bescheid: er möchte sich nicht bemühen, seine Wahl sei gesichert, ohne daß es auch nur eines Wortes bedürfe, ihren Brater ließen sich die Nürnberger nicht nehmen.

Der Sommer 1863 brachte ein ruhigeres Zusammenleben in Erlangen, in der Gartenlaube sitzend genoß die erweiterte Familie die warmen Sommerabende und Pauline wäre herzlich froh gewesen, hätte sie nun auch für länger den geordneten Zustand genießen dürfen, den sie geschaffen hatte. Aber unvermutet schnell wurde der neue Landtag einberufen, und ihren Mann allein nach München ziehen zu lassen, wie es ja allerdings das Los der meisten Abgeordneten war, das brachte sie nicht übers Herz, und es wäre ja auch für sie selbst ein stetes Entbehren gewesen. So hieß es denn wieder: abbrechen, einpacken. »Unstet und flüchtig muß ich sein und habe doch keinen Abel erschlagen,« schreibt sie an Bekannte und mit schwerem Herzen verließ sie den Bruder, die Kinderchen, die sich an sie schon wie an eine Mutter gewöhnt hatten und die auch ihrer großen Kinder Freude geworden waren. Da gar nicht vorauszusehen war, ob der Landtag Wochen oder Monate beisammen bleiben würde, so wurde einstweilen nur eine kleine möblierte Wohnung gemietet und die Kinder bei den Tanten Brater untergebracht. In solchem »einstweilen« liegt viel Unbehagen und Frau Brater seufzte in jener Zeit so manchmal: »Ich möchte nur einmal wieder mit all unserm Hab und Gut vereinigt sein.« Sie schreibt an Lina Sartorius geb. Rohmer:

»Wir sind inzwischen nach München übersiedelt, nachdem ich endlich noch für meines Bruders Haushalt eine zuverlässige Person gefunden habe; der Abschied von meinem Bruder, der in jeder Beziehung noch sehr leidend ist, wurde mir sehr schwer, auch kann ich nicht leugnen, daß ich das ewige Wandern auch genug hätte; jetzt wohnen wir hier in der Schommergasse, die Kinder sind bei meinen Schwägerinnen in Kost, Logis und Unterricht und auch wir essen dort zu Mittag; leider ist die Entfernung sehr groß, was mir wegen des Verkehrs mit den Kindern besonders unlieb ist.« Es war aber ein großes Glück für die beiden heranwachsenden Mädchen, daß diese Tanten bereit waren, jetzt und auch später wieder die Lücken im Unterricht auszufüllen, die sich bei solchem Wanderleben notgedrungen ergeben mußten.