Frauen
Der Prinz
Inhalt
Särö
Frauen
Der Zuschauer
Aber ich bitte Sie . . . Ein Mensch,
der sich zum schöpferischen
Leben bestimmt, hat nicht das Recht
mehr, zu leben wie die andern.
Flaubert an Maupassant
Der Prinz
Als Riny, großäugig, die Schenkel zart und bebend von Linien wie ein
Hirschkalb, einsam aufgewachsen, heißerer Sonne hingegeben, verschwistert
dem Laut eines großen Meeres, das ihr Blut nie vergaß, Vater und Heimat auch
aus der Ferne inbrünstig liebend wie am ersten Tag, als sie auf Männer stieß, war
es Saint-Loux. Er nahm die Sehnsucht von ihr, die sie dann größer übergoß. Er
bedrängte sie lange und reizte sie jedesmal neu. Er war schlank, ein Franzose,
das Gesicht von Pocken zerrissen, die Augen scharf von Klugheit. Er nahm sie
hart und glühend wie ein römischer Ringer. Als er sich zu sehr an sie verstrickte,
daß sie ihm stärker gegenüberstand, nahm sie einen anderen Mann.
Doch zog sie es wieder zu Saint-Loux.
In Paris betrog sie ihn mit einem kleinen Dichter, der Bewegungen hatte wie
ein Aal. Sie reiste mit ihm ab, hob Wechsel ab und hielt ihn aus. Nach einem
halben Jahr schickte sie ihn fort. Sie reiste zu Saint-Loux. Nie war sie
glücklicher. Sie blieben auf dem Lande. Saint-Loux wuchs jedesmal langsam.
Durchbrach er die Kühle, die sie meisterte, vergaß er sich und sprach seine
Geheimnisse aus. Dann kannte sie ihn, schaute ihm auf den Grund und wurde
schlaff.
Die Hüften eines Winzers rief sie zu sich, der den Geruch der wollüstigen
schwarzen Erde trug. Sie entführte ihn, entwurzelte ihn in die Normandie, bekam
ihn langsam satt und fuhr nach Berlin. In einer peinlichen Sache setzte sie ihren
Ruf aufs Spiel und rettete Saint-Loux, dessen Leben in vielen Strömungen stand.
Es zog sie zu ihm. Sie vereinigte sich mit ihm.
Sie blieb, wenn sie ihr Dasein nach der Welt zu drehte, Dame. Ihr Vater, den
sie liebte, war reich. In Paris wieder verließ sie den Franzosen. Ein feiner
Künstler gab ihr Stunden der Melancholie und des Schmerzes. Die flammende
Rede eines Schauspielers, sein ungestümes Werben gab ihr andere Richtung und
Ersatz. Nach einem halben Jahr fuhr sie wieder zu Saint-Loux. Nie gelang es ihr
rasch ihn zu verlassen. Nach Wochen von Kämpfen zog es sie von ihm. Ein
Erkalten von ihm hielt sie von tausend Abtrieben entfernt.
Sie lebte drei Jahre mit ihm, lächelnd auf jede Versuchung nun, entschlossen,
mehr sogar: nicht in der Lage, ihn zu verlassen. Sie zog, ihr Leben innig dem
seinen verkettend, mit ihm, wo er lebte und kämpfte, denn er nahm nichts von ihr. Sie schweiften zusammen. Ein Auftrag sandte ihn nach Indien, wo er die
Politik seiner Regierung wahrnahm. Ein wenig drin im Lande, dem Fluß
gegenüber, empfing er Botschaft, nahm er sein Geschäft wahr. Vier Monate, wie
im Traum, lebte sie mit ihm, immer glücklicher an ihm. Denn er besaß Muskel
und Hirn.
In einer Nacht wachte sie auf, sah einen Stern am Himmel, es war als schlüge
ein Mondflügel gegen sie, sie erhob sich, besah das Haus, den Balkon, den Fluß
und sah es schon nicht mehr.
In dieser Nacht verließ sie Saint-Loux wie ein Blitz, ohne daß etwas in ihr
blieb von irgendeiner seiner Umschlingungen, die ihn in (wie sie glaubte)
unsterblichen Nächten ihr verschmolzen. Sie kleidete sich an und ging hinaus.
Von den mondhellen Blumen machte sie unterwegs einen Strauß. Träumerisch
schritt sie durch die blonden Maisfelder. Als der Morgen kam, begann sie zu
singen.
Zum erstenmal sah sie tausend Dinge genau. Das Gras erhielt Dasein. Grillen
zogen Laute um sie, der Duft der Blüten erschauerte sie. Der geöffnete Himmel
kam ihr nahe. Sie sah ihn wogen, daß es kein Ende nahm.
Sie hob die Arme in Bäume. Der Kern gepflückter Früchte schmolz ihr auf
der Zunge und ein ungeheurer Trieb verband sie ungekannten Gefühlen in der
summenden Weite.
Sie ging durch einen Tamarindenwald. Kupfern schoß Glanz eines Daches
durch die Zweige. Sie lauerte kurz, dann machte sie einen Bogen. Gegen Abend
kam sie an eine Wiese. Seitwärts ein großes Kloster. Die Ebene lag ganz voll
Sonne. Menschen strömten nach ihm zusammen, gleich Tieren, geschart, alle
trugen die Köpfe gesenkt. Rinys Nüstern dehnten sich ein wenig. Sie blieb
sitzen.
Trupp auf Trupp, gelb gekleidet, immer die Nacken zum Boden gestellt,
zogen hinein. Sie hatten Lederriemen um den Leib und Rosenkränze in den
Händen. In den blauen Abendfarben leuchtete das Gold von hundert kleinen
Türmen unsinnig. In ihrer Mitte stand eine Pyramide mit einem Fortsatz gleich
einer umgestülpten Trompete. Schatten stürzte auf Schatten von oben über die
Terrassen.
Als der Mond aufging, schlug er wie der Flügel eines Engels durch ihr Herz.
Die Nacht schauerte noch von ferne, es war halb hell. Sie sah hinein und das
Licht drang durch sie wie eine Säule. Dann fiel es auf die Pyramide, die nach
oben sich aufschlug und breiter wurde in den Himmel hinein.
Ihr Lächeln ging nicht nach ihrer vorgelebten Zeit, nun vor Wundern stehend,
wurde sie sicher und groß und die lockende Stille verführte sie tief.
Sie wandte den Kopf.
Ein Mann kam auf sie zu, hielt und ging weiter.
Sie warf ihm einen Blick zu, den sein schräges Auge faßte, das gewölbt lag
unter den ungeschorenen Haaren. Die Kette hing um seinen Hals, er trug aus
Seide das gelbe Kleid der anderen Priester.
Sein Blick zerschnitt ihr Gesicht, als er sie streifte. Aber ihr graues Auge hob
sich ruhig gegen ihn.
Einen Augenblick zuckte der Fächer, mit dem seine Hand sich Wind
zuschlug. Einen Augenblick streifte gelähmt sein Fuß. Dann trug sein Gang ihn
weiter. Noch in der fallenden Dämmerung sah sie ihn ungenau eintreten durch
ein Tor.
Noch aber war es nicht ganz dunkel, als er zurückkam. Ihre Pupillen sahen
ihn schon von weitem durch die Schatten. Sie lächelte.
Er zog sie an der Hand, flüsternd, hochmütig, hinein in das Kloster.
Auf Treppen folgte sie seinem Schritt von Terrasse zu Terrasse. Viele Priester
begegneten ihnen. Aber keiner sah auf, kein Ohr gab acht auf sie. Leise
murmelnd, die Blicke gesenkt, gingen sie ihnen vorüber. Durch eine Allee des
obersten Pyramidensockels erreichten sie den Gurt der Türme.
Der Führer öffnete die Türe an einem. Er zog sie hinein . . . . . über eine
Treppe, sie stand in einem Zimmer, von allen Seiten voll Licht. Farbene Felle
lagen darin, geschliffenes Glas hob die Wände. Aus porzellanenen Schalen
wehte dünn das Rosenöl.
„Bin ich gefangen?“ fragte Riny gleich.
„Nein,“ sagte er in einem Englisch, das sich auf seiner Zunge brach.
Aufatmend sog sie das süße Licht des Abends aus den Fenstern:
„Warum sieht uns keiner?“
„Sie sind nicht blind. Sie dienen nur. Einer nur hebt für sie den Kopf.“
„Du . . .“
„Ich.“
Sie atmete heftig in der betäubenden Luft.
Er bewegte sich von der Tür her auf sie zu. Sie sah die Augen eines tief
erregten Mannes, dessen Gesicht die große Welle schwer nur hielt. Sie ließ das
Auge weitergleiten. Durch die Fenster fuhr es auf die Landschaft. Sie sah den
dunklen Schatten eines Waldes. Dahinter lag das Haus Saint-Loux.
Sie drehte sich um und gab sich in seinen Arm.
Seine Liebe war ohne die Begierde, die sich erschöpft in der Berührung der
Haut. Aus seinen Händen drang ein Strom in ihren Geist. Sein Mund erhob den
ihren in die Höhe wie sein Auge. Sein Leib verschmolz dem ihren mit so
mächtigem Drange, als zwinge er die Vereinigung über das Berühren der Körper
hinaus. Seine Worte, die sie um Liebe fragten, waren kurz und suchten wild in ihrem Blut. Ein Rausch überkam sie unter seinen Armen, sie sah sein Auge
schwer über ihr verzückt.
Ihr erwachender Blick fiel auf die Spitze der obersten Pyramide. Die Sonne
tanzte mit kleinen Flammen auf einem eisernen Ring, der um sie genietet war.
An Seilen zwischen der Spitze und dem Gürtel hingen kleine Glocken und
erzitterten zu Tausenden in der erfrischten Luft. Unten zogen die Rahaans aus
den Toren.
Sie schloß die Augen wieder und die Träume der Nacht schaukelten über sie.
Nach zwei Stunden stand sie auf, unwillig über ihre Einsamkeit. Sie stieg die
Treppe hinunter. Als sie den Turm verlassen hatte, nahten Menschen. Sie barg
sich in einen Winkel. Weiter vorgehend, kam sie an die Allee. Sie war leer. Als
sie zurückschaute, verwirrten sie die hundert Türme. Sie kannte den ihren nicht
mehr.
Tränen traten ihr in die Augen. Sie bog aus der Allee und stieg hinab.
Überrascht trat sie in eine Halle mit Reihen von Säulen. Gesumm von
Stimmen überfiel sie. Sie trat heraus aus dem Schatten und sah Hunderte
Priester, die in dem Raume wogten wie Bienen. Sie sprang zurück, erschreckt,
aber vor ihr standen drei andere, die eintraten. Erbleicht hielt sie.
Aber sie bogen um sie, ohne sie zu beachten. Da ergriff sie ein Schwindel,
dies Gehen wie im Traum erschreckte sie. Niemand beachtete ihren Körper, sie
schwankte. Ihr Blick fiel in einen Spiegel, das gab ihr die Sicherheit wieder, sie
sah ihr wirkliches Gesicht.
Erregten Herzens, durch Hallen schleichend, traf sie den Abt. Er ging allein
hin und her zwischen den Blumen, manchmal eine erhebend, hineinschauend in
den Kelch und sie zurücksenkend in ihre Lage. Er schritt das kleine Stück
hinunter, das von den Wänden der Pyramide eingeengt war und über der Gegend
schwebte bis an den Rand. Eine Ruhe umgab diesen Ort, die kein Vogel, keine
Fliege unterbrach.
Er blickte auf und sah sie, verstört noch in ihrem Gesicht. Mit drei Schritten
ging er auf sie zu, die Arme ein wenig gebreitet. Tränen an allen Wimpern
stürzte sie auf ihn wie ein Kind.
Als er den Garten verließ, folgte sie ihm willenlos.
Aus jedem seiner Blicke, in jeder Umarmung traf sie eine Macht, die eine
Wolke um sie legte. Sie hing an ihm fest. Sie folgte seinem Schritt, seiner
Bewegung. Nie verließ sie ihn. An jedem Morgen suchte sie ihn durch die
Hallen, jeden Morgen fand sie ihn atemlos wie ein Wunder an einem anderen
Ort. Sie schritt durch die Priester hin mit der nie endenden Bangnis. Wie von
ausschweifendsten Abenteuern erreichte sie seinen Arm. Mit ihm schritt sie
sicher durch die Menge, die ihrer nicht achtete.
Sie sah sie jeden Morgen das Kloster verlassen, hinaus zur Sammlung die
Ebene betreten. Sie sah sie heimkehren, beladen am Abend. Bebend ging sie
durch die Räume ihrer Andacht, die nie eine Frau betreten. Keiner hob das Auge
nach ihr. Gelübde folgend in Gebeten sammelten sie ihre Seele, deren große
zusammengefaßte Erhebung der Abt weitergab, Auge und Mund frei.
Aber ihr kam nie die Sehnsucht, die Terrassen zu verlassen. Ihr Blick lag
ohne Lockung auf dem Horizont.
Monate hier lebend, änderte sich ihr Wesen um. Seinem Dasein, das dies alles
in den Händen hielt, ganz und ohne Besinnung hingegeben, fraglos ausgeliefert,
hatte sie nur Blick und Sinn für ihn. Stärker in jedem Schlaf erfuhr sie die
Inbrunst, die er an sie hingab, dies ging über jeden Rausch, den sie erfahren.
Sie wohnte im Kreis die Türme herum. Wind kam ihr von allen Seiten. Sie
kreiste um die Sonne, die täglich aus anderer Richtung auf sie traf. Im Wechsel
der Monde sah sie andere Landschaft, andere Menschen, Feuer kamen und
gingen an den Toren, die Krähen schwebten um andere ausgesetzte Beute. Ihr
Blick nahm es ohne Teilnahme. Was sollte es ihr. Sie lebte nach innen, suchte
den Abt und war glücklich, wenn sie ihn sah.
Nachts an seinem Herzen frug sie:
„Wenn jene mich sähen . . .“
„Sie tun es nicht.“
„Wenn jene mich sähen, würden sie mich erschlagen, . . .“
Er legte die Hand auf ihren Mund.
„. . . . . . . würden sie mich zerreißen aus Verzweiflung, über die Mauer
werfen . .“
Er gab nicht gleich Antwort.
„Ja.“
Sie zitterte.
„Du würdest sie wehren.“
„Du weißt nicht, was jene verlören: den Glauben. Sie sind Jahre hindurch,
Jahrzehnte gewandert, wortlos, ohne die Welt zu sehen. Sie haben geflucht
früher. Nun weinten sie häufig, bis sie die Ruhe hatten.“
„Du würdest sie wehren . . . .“
Eine Falte umzog seinen Mund vor Weh:
„Ja.“
An seinem Lächeln erkannte sie: das war sein Tod.
„Ich will dich begleiten, wenn du das Kloster mit ihnen verlässest am Tage.
Ich will immer bei dir sein.“
Er hob sie auf zu sich. Sein Gesicht neben ihr vermischte sich in einem
schönen Rausch gleich einem Fieber mit ihrer Wange. Sie aber im Gefühl, wieviel er um sie spiele, zitterte klein und schwach in seinem Arm.
Noch Tränen in den Augen fand sie ihn am Morgen. Angeschmiegt an ihn,
bat sie ihn um Kleider, an sein Versprechen ihn erinnernd. Keine andere
Sehnsucht sprach in ihr, als bei ihm zu sein, mit ihm zu wandern, sich
anzuschmiegen an seine Knie. Das war alles. Es ging nichts darüber.
In dieser Woche zog er nicht mit den Rahaans. An einem Feiertage gab er ihr
die Kleidung: dünnes gewässertes chinesisches Seidenzeug, Sandalen und die
Schere, mit der sie die Haare über den Schulterblättern schnitt.
Als sie fertig war, sah sie ihn zurückfahren. Er gab ihr einen Spiegel. Nun
glich sie ihm ganz im Aussehn auch des Gesichts. Nur die Falten fehlten von den
Nasenflügeln zu dem Munde, ihr Auge schwamm mehr in unbegrenztem Nebel,
während seines hochmütig dunkel starrte. Es hatte den gleichen Ausdruck bei
ihm, nur an ihr erhielt es ein düsteres Flammen. Er sah sie an voll Erregung.
Sie neigte sich und küßte ihm die Hände, doch er legte sein Gesicht in die
Flächen ihrer Finger einen Augenblick.
An jedem dieser Tage ging der Abt mit einem anderen Trupp. Sie verließen
das Kloster durch die Tür, die Pförtner, Laien warfen sich hin vor ihnen.
In die Dörfer eintretend gingen sie von Haus zu Haus. In den Städten
vergaßen sie keine Tür. Die Augen gesenkt, in Büchsen aus Blech empfingen sie
die Gaben: Früchte, Reis, getrocknete Fische. Sie warfen es in einen blauen
Karren, der sie begleitete. Fremde Bettler erhielten an den Toren ihren
Überschuß.
Sie hielt sich neben dem Abt, sie tat keinen Schritt ohne ihn, wenn sein Blick
sie traf, errötete sie in ihrem von der Sonne kupfern gewordenen Gesicht.
Einmal sprang sie zurück. Sie sah Saint-Loux vorüberreiten. Seine Schenkel
hielten straff den Bauch seiner Stute. Der Fechterkörper saß gelassen im Sattel.
Nur sein Auge zeigte Trübung wie von Tränen. Seinem Pferde die Sporen
gebend ritt er rasch vorüber. Freude überkam sie, ihn so wohl zu sehen. Aber
schon schwand er aus ihr.
Das Gefühl ihres kleinen Lebens gegen das große des Abtes aber wuchs mit
jedem Tag in ihr. Sie besah ihn des Nachts. Auch sein Körper war schön, er hatte
junge Jahre noch, schwankend zwischen den Dreißig und der Nähe der Vierzig,
seine Jugend war geschont. Daraus aber, aus dem, was er entsagte, quoll die
Stärke seiner Seele auf sie, daß sie vor Staunen oft sich selbst vergaß. Je mehr er
aber in seinem Rausche auf sie vertraute, je ungestümer seine Inbrunst an ihr
aufschlug, als suche sie durch ihren Leib erst die Verbindung mit einem größeren
Blut als dem ihren, um so tiefer schwankte sie, seiner Liebe kaum würdig, es
nicht ermessend, daß er sich so in sie ergoß.
Er aber hob sie immer höher, daß sie ihm mehr noch gleiche, hinter der er die Vervollkommnung seines Wesens suchte.
Er brachte ihr, als er die Fahrten der Mönche nach den Festen nicht mehr
teilte, sein Kleid und die ziselierte Kette.
Sie sollte mit ihnen gehen — — für ihn. Er gab ihr alles in die Hand.
Sie aber wollte ihn nicht verlassen, immer mehr gebunden an seine Gestalt.
Sie sah seinen Mund an, seinen Fuß. Sie weinte. Sie wollte nicht getrennt davon
sein.
Er senkte den Fächer, den seine Hand nicht verließ.
Sein Auge sah sie an mit der aufsaugenden Glut, die ihr Blut beherrschte. Er
wollte, daß sie alles mit ihm teile, hineinwachse in seinen Geist und seine
Ausübung, wie sie ihm ähnlich war am Körper.
Er zog sie an und brachte sie, unscheinbar gekleidet, selbst zum Tor. Das
Gesumm der Mönche trieb in ihr Ohr. Sie kamen auf die Ebene, die sich ihr
weiter wellte an diesem Tage wie je. Das Surren der Rosenkränze betäubte ihr
Ohr, das stärker anwuchs, über die Ungewöhnlichkeit der Begleitung des Abtes
waren die Rahaans verwirrt, sie sahen es nicht, aber sie spürten seine Gegenwart.
In großer Schleife zogen sie über die Gegend. Ihr wurde jede Sekunde zur
Ungeduld. Langsam erst gegen Mittag genoß sie die Zeit. Stillglühenden
Gesichtes vor Sehnsucht ging sie unter den anderen.
Bei ihm die Nacht, erschreckt davor, daß er sein Schicksal wie im Spiel auf
sie setzte, frug sie:
„Wenn du irrtest.“
Er sagte schlicht:
„Ich irre mich nicht.“
Sein Gesicht war hochmütig vor Glauben.
Sie lag bleich neben ihm, bedrückt von seiner Sicherheit, die sich über sie
legte so hoch, daß sie darunter verschwand. Der Mond spielte durch blaue
Dämmerung um den Turm und deckte ihre Gesichter. Lange lag sie.
Dann sagte sie leis:
„Ich liebe dich.“
Er sah ihr erschüttert in die Augen. Es wurde Morgen. Sie erhob sich.
„Wohin gehst du?“ frug er.
Sie deutete auf die Ebene, auf alle Tore. Sie war aus Liebe stärker als ihre
Sehnsucht. Sie zwang es nieder, daß ihr Gefühl in seine Nähe sie band als schöne
Erfüllung. Ihm sich preisgebend in seinem höheren Sinne ging sie für ihn hinaus
nun Tag um Tag.
Nun zog die Landschaft sie auch an, die sie für ihn besuchte. Aus seinem
Herzen dankte sie für Gaben, die überreich sie empfingen. Mit seinem Auge sah
sie voll Hingabe wieder das Licht sich sanft zerteilen auf Büschen und Sand. Sie folgte im Wald dem Spiel der Sonnenkringel und hatte Freude daran. Ein Bach
wogte vor ihren Schritten, sprudelnd mit weißen Wellen, die sich springend
überspielten. Lange noch blieb ihr die Musik des leichten Wassers im Ohr.
Ihre Ärmel streiften über das feine Mehl der Blütenkätzchen. Durch ihre
liebkosenden Hände zog sie die schweren Ährenkronen des Weizens. Sie bückte
sich zu Blumen, die sie pflückte. Sie unterschied genau die Farben, blau . . .
weiß . . . orange. Sie band sie zusammen und hatte Freude darüber im Herzen.
Des Nachts spielte eine Melodie an ihr Ohr. Sie lauschte lange. Dann kam es
durch das wogende Gemach auf sie zu: das Wiegen des hellen Baches.
Die Musik aber stieg.
Sie lauschte lange: . . das Meer ihrer Jugend, dessen Geräusch ihr Blut nie
vergaß.
Ihre Brauen spannten sich lang, sie sah Figuren, Geruch ihrer Heimat, aber
die Liebe des Mannes umgab sie zu mächtig, als daß die Erinnerung den Ring
durchstieß. Es hatte keinen Sinn in der Bedeutung ihres Lebens, das gefüllt war.
Es schwand dahin, wohl begleitet von Tränen.
Aber die wuschen es nur ganz aus ihrer Seele dahin.
Sie empfand auch im höchsten Rausch die untrennbare Zugehörigkeit ihres
Blutes zu ihrem Vater diese Nacht. Sie wußte, daß ihr Leben tief verwurzelt zu
ihm gehöre. Aber an Saint-Loux dachte sie nicht.
Aber sie vermochte nicht, den Gestalten und Landschaften ihrer Jugend an
das Herz zu fühlen. Sie sah sie, aber sie traten nicht auf sie zu, heischend und
verlangend. Langsam spielte um sie wieder das Singen des Baches.
Auch es erlosch in dem Schlaf, der sie umfiel.
Aus den Armen des Abtes stieg sie in die Ebene. Aus der letzten Ecke des
Waldes hob sich das rote Segment der Sonne. Langsam wie zum Singen ging sie
hinein in das von süßem Licht angerührte Land.
Im Laufe der Wochen erreichte sie streifend eines Mittags eine Stadt, die
dunstig zwei Tage weit vor einer Hügelkette hinter dem Kloster lag.
Das gescharte Volk brach vor ihr auseinander. Sie stand vor dem Einzug eines
Fürsten, der abgesprungen war und gerade auf einem Teppich stand, als sie
vorüberzogen.
Der Fürst neigte sich weit zurück und hob die Hand über die Augen, gerührt
vor der Schönheit des jungen Abtes. Er grüßte tief.
Sie blieb stehen und erbleichte. Sie stammelte ein wenig, dann aber legte sie
rasch die Hand auf den Mund. Sie standen sich einen Augenblick gegenüber.
Das weiche, milde Auge des Fürsten flackerte schwer auf ihrem Gesicht.
Rasch bog sie zur Seite, mit einem Lockruf ihre Leute sammelnd. Ihr Gesicht
war ohne Stille.
Sie kehrten zurück und überstiegen die Hügel. Sie sah das Kloster vor sich
wie am ersten Tage in einem pfaublauen Abend mit hellem Golde
hineinwachsend. Wieder stieg Terrasse deutlich abgezirkelt in Terrasse zum
Aufbau der gegürteten Pyramide, die mit Alleen beschattet, vom Kreis der
Türme funkelnd umdreht, fast unerträglich gleißend stand.
Aber es war, als erreichte sie den Bau nicht an diesem Tag. Abendliche
Lichter wiesen ihr deutlich das Bild. Doch sie erreichte keine Nähe, immer
blieben die Türme wie Striche im Horizont. Und als sie die Füße beeilten,
überspannten sie dennoch nicht den Raum, der zwischen ihnen lag.
Solange Helligkeit den Abend noch sichtbar füllte, gingen sie darauf zu, aber
der Bau, der wundervoll leuchtete, ging immer vor ihnen her, bewegt von den
Strahlen der Luft.
Verzweifelt liefen sie mit keuchender Lunge.
Erst in der Nacht kamen sie an den Bau.
In der Nacht suchte in der Beleuchtung des Mondes sie des Abtes Gesicht. Er
schlief und sie sah nicht die dumpfe Glut seines Auges. Aber sie fand ihn schön.
Zufrieden erwachte sie am Morgen. Ihr Blick traf die Spitze der Pyramide. Die
Drähte mit den Glocken, die wie Vogelschwärme daran hausten, klangen erregt
in der frischen anziehenden Luft.
Als sie die Alleen hinunterschritt zu einem der Tore, brausten sie über ihr, mit
einem geheimen Ton der Erregung, den sie nie hier vernahm. Der Boden roch,
daß ihre Nüstern sich spannten, es war der schwere Duft der Erde nach Regen.
Als sie hinaustrat in die Ebene, sah sie sie mit einem ganzen großen Blick. Ihr
Auge faßte alles Einzelne zusammen und blieb an der Ferne hängen, an der die
seidenweiche Luft als lange Bläue hing.
Sie führte ihren Weg oft nun nicht nur nach den Gaben. Menschen reizten sie,
sie hatte Freude an unbekannter Gegend. Neue Städte mit ihrem Schwarm, der
wechselte, berührend, vergaß sie in der Freude am Augenblick und der
Entdeckung alles, was über und um sie war.
Eines Tages übersprang sie einen Bach, fiel auf das Knie, und als sie den
Boden schmerzhaft berührte, empfand sie Sehnsucht nach Saint-Loux. Ihr Blut
schuf ihn ihr wieder, der die Sehnsucht zuerst von ihr nahm. Er stand in einem
Busch, den Arm entblößt, wie fechtend. Sein Muskel tanzte. Die Augen in dem
zerrissenen Gesicht funkelten vor Geist. Sein Mund war kühl gefaltet. So sah sie
ihn wieder zum ersten Male, der wie ein Schicksalsrufer ihr seit jeher die Pausen
ihres Daseins wies, der immer nur kam: nach Vollendetem.
Ein wilder Schmerz brach in ihr aus. Sie blieb eine Weile liegen. Hob
stumpfe Augen und sah nur langsam die Erscheinung verschwinden und sich
verändern in die Gestalt des Abtes. Tief erschrocken über sich ging sie durch das Tor.
Die Nacht ging das Sonnenjahr zu Ende um die Mitte des April. Sie wohnte
schon zum zweiten Male über dem östlichen Tor.
Da schob eine Armee von Lichtern über die Ebene gegen das Kloster.
Die Nacht war sternlos. Riny beugte sich weit aus ihrem Fenster. Um die
Mauer des Klosters brannten Holzstöße vor allen Toren.
Wie durch Nebel gespiegelt kam ein dunkler Zug aus dem Horizont herauf.
Eine leichte Musik ging vor ihm her in der hellen Nacht, durch die Scheine
irrten. Langsamer Gesang erstarb. Indische Gitarren und birmanische Harfen
sangen. Über ihnen grollte das Rollen der Trommel und Gong. Plötzlich war die
ganze Nacht wie Gold.
In das hellere Licht der Tore tauchten gespenstisch die ersten Gesichte.
Wagen rollten heran in breiter Linie, vor jedem vier Büffel gespannt, deren
weiße Augen blänkerten in den Fackeln und Scheiterhaufen. Sie ebbten in
Wellen heran, die wilden Nacken gebeugt, haltlos, verschwindend gegen die
Mauer, immer neue Reihen aus dem Dunkel hinter sich in die Helligkeit
nachreißend, es war kein Ende zu sehen des schwarzen Heeres und des
Deichselgedröhns.
Da aber barst eine Lücke, Tiere schnaubten, ein Zelt entstand zauberhaft.
Fünf weiße Fahnen kamen angetragen und erstarrten in der Luft. Zwei Neger
mit bunten Fahnen, bewimpelt den Schaft bis zum Ende, pflanzten sich davor.
Mönche hinter ihnen fielen in zwei Reihen ins Knie, eine Gasse, die Köpfe
zueinander.
In einer Scharlachweste und gespitztem Wollhut stand ein Geistlicher hinter
ihnen, sein Kopf leckte noch nach dem Licht. Hinter Bedienten schritt ein
Gouverneur, auf weißen seidenen Hosen die goldgestickte Weste von blauem
Atlas.
Da hoben sich Speerträger, oben die Spitzen voll Gold, blutrote Troddeln
rauschten fallend herab, ihre Füße standen im Gegenrhythmus der ganzen
Bewegung, noch im Dunkeln halb befangen, eine Woge, die sich überstürzt. Aus
ihren Schatten schon formten sich die Elefanten. Sie türmten gewaltige Leiber in
die Flammenscheine, die wie eine Meute auf ihre Flanken stürzten.
Es war eine Mauer. Aber ein Schrei durchbrach sie.
Ungeduldig drängte ein anderer Elefant vor. Mit poliertem Haken riß ein
schlanker Prinz seinen Hals, über dem ein Diener einen goldenen Schirm hielt.
Noch einmal schrie er, da hielt der Elefant.
Von dunklem Samt sprang der Reiter, warf die Schuhe zur Seite, sprang,
allein, vor bis zum Tore und warf sich aufs linke Knie.
Vor ihm standen eingebaut in die Mauer groß und gewachsen aus Stein zwei Bilder: Thasiamis, mit der Feder in der Hand aufschreibend Gutes und die Laster
. . . . . neben ihm das kniende Weib Masumdera, deren hohle Hand, die Welt
schaukelnd, sie schützt bis zum letzten Tag, wo sie sie aufhaut wie eine Frucht.
Kaum aber berührte des Prinzen Knie den Boden, schon fuhr es zurück.
Er verschwand.
Der Abt kam nicht die Nacht.
Über dem Singen der Weiber auf der Ebene um die brennenden Sandelhölzer
rauschten Raketen über den Himmel, zogen tiefe goldene Furchen und zerstoben
in großen traurigen Strähnen, die schön wie Haar auf die Dächer des Klosters
sich senkten. Riny am Fenster die ganze Nacht, flog auf mit jeder, sank mit jeder
zurück. Am Morgen war ihr Herz unruhig, sie öffnete das Fenster und hielt ihre
Brust und den Kopf in den leise wehenden Wind.
Durch die Allee ging sie hinunter, unruhiger noch, weil sie den Abt nicht
fand, der nie außer der Woche ihrer Schmerzen bei ihr fehlte.
Sie trat um die Ecke der Säulenhalle.
Da kam in dem Gang der Prinz auf sie zu.
Sein Auge berührte sie, es war schöner wie das jenes Fürsten, der sie
streifend in einer Stadt anhielt vor Bewunderung. Es war süß und grausam wie
eines Panthers. Er ging auf sie zu mit federndem Schritt, aber kurz vor ihr drehte
er ab.
Sie lief drei Schritte und sah um den anderen Säulengang. Am Ende stand der
Abt, die Arme geöffnet. Der Prinz ging auf ihn zu. Sie waren beide prächtig
gekleidet und umarmten sich. Sie stand und sah, als die Säulen sie schon von ihr
trennten.
Sie ging hinaus und sah in einen Spiegel, die Hände an den Brüsten.
Sie nickte sich zu.
Sie kam an den kleinen Garten, ein Vogel saß auf dem vorderen Busch. Er
hielt den Schwanz aufgerichtet und sang fein und frisch. Sie beugte sich in den
Hüften vor.
Ihr Mund spitzte sich.
Sie pfiff ihm zu. Der Vogel pfiff wieder. Die Sonne lag ganz jung auf dem
Land. Sie hob den Arm, die Augen abschattend. Sie sah soweit hinaus, wie sie
selten sah.
Ganz am Rand des Horizonts zogen sich zarte schwingende Linien Wolken,
die nun von Gold anfingen zu glänzen, darüber stand kühl das Blau des
Morgens. Das Land begann zu leben. Die Büsche hoben sich ein wenig in die
Höhe. Der Sand erhob ein Gleißen. Der erstarrte Wald zog ein Flüstern durch die
Blätter, die sich bewegten. Dörfer brannten Rauch in die belebende Luft.
Nun kam von den schwingenden Pflanzen aufgetragen der Duft des Landes langsam herauf gezogen.
Sie unterschied alle Blüten.
Der scharfe Geruch der Palmen, das Ölige der Schlingpflanzen und die
befreiende Zartheit der weißen Dolden.
Sie hielt an, die Nüstern gespannt.
Wieder erhob sie den Mund und pfiff. Es wurde immer klarer. Helligkeit
überschwemmte fürstlich den Raum. Die Sonne kam in den Garten.
Sie machte einen Schritt, dann folgte der andere Fuß. Sie ging hinauf zum
Turm.
Dann kam sie zurück, ihre Fesseln sicher setzend.
Im Garten sah sie vorübergehend den Prinz und den Abt. Andächtig sich
beugend sagte der Prinz:
„Dennoch hast du dich vertieft.“
Der Abt saß, nicht aufstehend, lächelnd sagte er zurück: „Du bist jünger. Wie
ich dein Alter hatte, da träumte ich, von Wachen und Hungern sehr vorbereitet,
von einem Hügel aus. Ich sah Götter wie Bäume aus der Erde wachsen,
unsichtbar dem wachenden Auge. Sie waren bald grün wie Laub, bald vom
rotesten Gold. Ich habe nun das Unendliche wiedergesehen. Ich vergebe dir, aber
du siehst es, wie ich mich erhöht.“
Sie schritt vorüber, rasch, keine Silbe drang mehr an ihr Ohr.
Sie sah nicht viel um sich. Blumen lockten sie wieder, gelbe überall ausgesät.
Es war die Wiese, auf der sie zum erstenmal das Kloster sah.
Sie ließ sich nieder, träumend.
Dann nahm sie das gelbe Kleid der Mönche und schob es in eine
Grabenrinne, in einem seidenen Kleid stand sie da wie früher, flocht Perlen in ihr
Haar, das nur zu den Schultern reichte. Eine Strähne fiel zwischen den Brauen
ihr in die Stirn.
Sie ließ sich nieder, dem Augenblick verwebt in wundersamem
Verschmelzen. Kein Gedanke durchbrach ihr Hirn. Ihr Herz saugte sich voll der
Landschaft. Sie hörte das Ticken des Geländes, den Jubel einer Amsel. Sie sah
den Himmel über sich wogen, daß es kein Ende nahm.
Dann begann der Boden unter ihr zu schwingen wie eine Welle. Ein dunkler
Fels warf Schatten über die Landschaft, türmte sich und nahm das Licht von ihr.
Ein Elefant in großen Sprüngen durchschoß die Gegend und hielt bei ihr.
Sie sah nicht auf.
Sie sah das Ganze des Tages um sich fluten und schwang mit ihm in einem
gleichen Strom. Die Ebene drang in sie ein, als ob sie sie besäße, und durchhallte
ihr Blut mit einem warmen Geborgensein. Ihre Seele ging auf. Sie wußte ihren
Namen nicht mehr, nicht ihre Heimat, schon vergaß sie den letzten Tag. Ihre Augen, die größer wurden, erschauten zum ersten Male wieder die Welt.
Jede Blume um sie wuchs ein ungeheures Wunder in ihren Sinn. Eine
Eidechse ließ sie die Hände schlagen vor Entzücken. Der große Himmel über ihr
aber sog sie auf in sein Wogen wie einen kleinen Klang in sein unsterbliches
Rauschen.
Als die Schatten über sie fielen, zogen ihre Brauen sich zusammen.
Der Prinz wartete eine Weile.
Dann kniete der Elefant, daß das Land unter ihm sich bewegte vom Andrang
seines warmen Bauches.
Dann hob sich ihr Kopf, ihr Blick kam und riß ihn herunter.
Mit beiden Armen trug er sie in seinen Sattel, bewegt vor Zittern, die heißen
Augen wie Samt, schreiend.
Der Elefant stürmte gegen den Norden, das Kloster verlassend. Wind wühlte
durch ihr Haar. Sie öffnete die Augen. Wie lag der Horizont mächtig vor ihr!
Nach zwei Stunden kamen sie zum Fluß.
Das Wasser war tief gefallen, sie sah die Ebene nicht mehr, zwei große
Schlangen wälzten sich neben ihnen die Ufer, entgegenströmend mit gelben
Wellen kam der Strom. Sie sah auf.
Vor der Kajüte verteilt lagen dreißig Ruderer, angestemmt die Muskeln im
Fahren. Über ihnen standen an den Flanken Pfauenfedern, glänzend rund, und
tibetanische Kuhschweife. Sie kam mit dem Auge an die Stange des Vorderteils,
sie strich hinauf: ein großer goldener Knopf wie die Sonne. Dann glitt sie, ohne
einzuhalten, in den Himmel, der über dem Flußbett hing, grenzenlos.
Ihr Gesicht färbte sich dunkler:
„Wie heißt du?“
„Thengo-Tikien.“
Zu einer großen Katze die Glieder zusammengezogen lag er vor ihr:
„Du?“
Ihr Nacken senkte sich nach rückwärts, ihr Auge nahm die Decke der Kajüte
auf, geölt und voll Maserung:
„Germaine . . . . . . Renée . . . . . . Duse . . . . . .“ riet er, der das Französische
wundervoll beherrschte.
Sie schüttelte den Kopf:
„Nenne mich!“
„To,“ sagte er.
Sie lachte leis.
Er, der jede ihrer Bewegungen gierig einsog, berauschte sich langsam an
ihrem Gesicht. Er badete darin, sie ließ es seinem bewundernden Blick, ohne
Verwirrung. Seine Verehrung war zu deutlich, zu unbefangen, als daß sie ihr nicht gefiel als Frau.
Während er sie genoß mit den Blicken, sprach er ihr von Europa, von Gärten
mit Musik und Sälen, sein Auge war nicht ganz sicher diese Zeit. Ein Boy
servierte ihnen auf Porzellan und Silber gebackene Teeblätter. Unmerklich
abschwenkend, kam er aufs Nahe, hob die Hand und zeigte die Landschaft, er
redete von Büchern und Elfenbein, seine Finger prahlten, damit ihr Auge sich
bestürze.
Sie gähnte und sah ihn an.
Einen Augenblick wurde seine Pupille hart. Dann wurde er weich, sein
Tonfall kam zu ihr fragend, verehrend, aus großer Entfernung. Er sagte
verwunderliche Dinge, damit sie ihn belehre. Spielend mit seiner Unkenntnis,
gab er sich als Kind, den Mund umzogen von unbefangenen Gefühlen.
Indem er sich so preisgab, hielt er dem Rätselhaften stand, das ihn an ihrem
Gesicht verstörte.
Allein sie gab nicht nach.
Er sprach von seinen jesuitischen Erziehern, deren frappierende Wirkung er
kannte. Ihre Seltsamkeiten ernst nehmend, wurde seine Lippe ganz kindlich.
Seine Sprache schmollte, derart spielend.
Sie folgte ihm mit einem Lächeln, das er eintrank.
Sie folgte ihm bis auf die Höhe dieser Kindlichkeit.
„To,“ sagte er schmeichelnd wie eine Katze und lehnte den Kopf an ihr Knie
und rieb leicht die Wange daran.
Rasch zog sie das Bein zurück.
Er schnellte auf, getäuscht. Aber ihr unbefangenes Gesicht, das sie mit einem
Ruck damenhaft unberührbar vor Sicherheit verwandelte, gab ihm die
Erinnerung seiner europäischen Tage, seine Hand fiel zurück. Er lächelte
ebenfalls unbefangen zu ihr.
Seine Haut aber spannte sich vor Erregung, er war von göttlicher Schönheit
und hielt nur noch schwer.
Sie reizte ihn, daß er seine Haltung änderte, sie ließ die Augen nicht von ihm.
Am Mittag erreichten sie einen Platz, wo Stufen, in die Felswand gehauen,
zeigten, daß Städte hier seien. Anhaltend, entstanden ihnen Bambushäuser in
fliegender Eile. Ein Landschaftsgouverneur erschien, die Gegend bevölkerte
sich. Über ihnen wölbte sich eine Ebene, auf deren Scheitel unbeweglich ein
Schwarm Tauben hing.
Der Abend war noch weit. Sie nahmen, faul vom Liegen, junge Pferde und
ritten. Je länger sie ritten, um so größer wurde die Geschwindigkeit der Tiere.
Die Pferde warfen Mais und Gras auf mit dem Huf, eine kleine Wolke von Sand
stand an jeden Fuß geheftet. Der Prinz wies ihr seinen Besitz, sein Finger stieß in die Gegend. Seine Stimme war deutend, erklärend, mit einfacher Würde.
Er kam ihr mit Gleichmut, und sie lächelte darüber.
Der Nagel seiner Hand glänzte. Dahinter standen Berge, die Rubin trugen
und Kupfer. Die Fläche seiner Hand formte eine Quelle, die heiß lief, mit
Nymphen, blond die Haare. Sie gab ihm freundlich das Ohr.
Die Luft, in die sie tauchten, löste alles um sie auf, so dicht ward ihre
Strahlung.
In das Rot der unsichtbaren Sonne stieg ein blauer Dampf. Die Reiter hoben
sich mit scharfen Rändern unwirklich aus der Landschaft.
Vor ihnen ballten sich Umrisse, der Luft seltsam verwoben, wie ein Kreis.
Die Hufe der Pferde waren in der weichen Wiese kaum hörbar. Kein Ton lag
in der Luft.
Ein Tor schlug sich ihnen auf, dumpfer Schein von Metall darum, das
zerrissen daran hing. Hinter dem Bogen lag weich im dunklen und goldfarbenen
Raum eine Straße. Sie sahen keinen Menschen in der Einsamkeit der Gebäude.
Es wogte eine samtene Luft, die sie fast faßten mit den Händen. Sie sprangen ab
und banden die Gäule an Penaigobäume.
Ihr helles Wiehern scholl blendend wie etwas Helles in der weichen
Verlassenheit hinter ihnen.
Die Fenster der Häuser glänzten wie Milch. Die glanzlose Sonne war lang
verschwunden, aber die Dunkelheit war fast weiß von Licht durchflimmert, und
Silber band sich in jeden Winkel.
Riny bog in einen Garten, dessen Mauer eingestürzt lag, schon verwachsen,
gegen die Straße. Thengo glitt hinter ihr. In der Ruhe sprang ihr Herz. Sie fühlte
ihn im Rücken, ihr Puls erstickte sie in der Kehle, die Brust schnürte sich
zusammen. Sie sah um.
Sein Kopf war in dem Licht sehr schmal, mit zarter Haut und gerafften
wilden Brauen . . . . . erregend die Tönung der Lippen.
Sie nahm ihr Auge aus seinem und trat rasch in das Haus, ohne den Schritt zu
beschleunigen. Zu einem Fenster des verfallenen Hauses sah sie heraus.
Er stand unten, geduckt. Sein Kopf sah heraus, seine Kehle gab etwas frei,
einen Ton, dann sprang er nach.
Treppen vor sich aufgetürmt, schon überwunden, Säle, Keller, ein plattes
Dach voll weißer Disteln . . . . . überall spürte sie seinen Atem, pochender
Schläfe, nie fehlte ihr seine Gegenwart.
In einem Schatten duckend, sah sie seinen gespannten Schenkel, der ihn
vorbeitrug.
Sie stieß einen leichten Ruf aus, der ihn anhielt, weich und dunkel sich
verirrte weiter in den Gängen.
Durch das Fenster, den Kopf noch nach seinem Ansprung gewandt, ergriff sie
einen Ast und schwang sich auf den Balkon.
Schon um die Biegung der Galerie, gerötet, das Herz haltend, sah sie den
Schwung, der den bronzenen Körper hinter ihr herüberwarf auf die Brüstung.
Von einer Schar Pilaster aufgehalten, verwirrte sich ihr alles. Verlassen, allein
suchte sie den Ausweg.
Je länger sie den Weg suchte, um so deutlicher suchte, rufend, sie nun ihn
selber. Von Marmor zu Marmor sich windend, kam ihr aus dem Schatten sein
Mund überall entgegen. Unter einem Bogen sah sie Sterne. Sie wand sich
hindurch und trat durch ein zerfallenes Fenster auf eine Terrasse, darüber den
Himmel.
Sofort spürte sie ihn in der vibrierenden Luft.
Sie wandte sich die Länge des Baus hinunter. Ohne daß ein Laut ging, fühlte
sie ihn hinter sich.
Sie fieberte über die ganze Haut.
Sie lief die halbe Terrasse hinunter.
Dann faßten seine Hände ihre Schultern.
Mit gleitenden unentreißbaren Bewegungen riß er sie an sich, ihr Mund heiß
und quellend bog sich an seinen, unter feinen Liebkosungen kam sie wieder zu
sich. Sie waren sanft wie die der wilden Tiere.
Der Sand der Terrasse war warm von der Sonne noch wie am Meer.
Sie lehnte den Rücken gegen die Wand des Palastes, an der sich ihr Schatten
groß und gelockert um sie formte. Er lag bäuchlings vor ihr, sein Gesicht zu
ihrem erhoben, die Zähne frei, die Lippen befeuchtet. Seine Muskeln lebten alle,
auch in der Ruhe war er gespannt. Sie sah auf ihn, hingegeben dem Bezwinger.
Seine Gewalt und Wildheit, das Knirschen seiner Zähne, die Glätte seines
Körpers machten sie wanken mit den Lippen nach ihm. Ihr Kopf war müde, er
blieb an die Mauer gelehnt, unsichtbar bebten nur die Lippen.
Wieder in einer Pause ihres Bewußtseins lag er vor ihr. Sein Blick badete
immer noch in ihrem Gesicht und sog einen Rausch daraus, der langsam seine
Züge überzog. Um seine Pupillen gingen im Wechsel die Gefühle, die Augen
erstarrten in glasigem Email. Seine Lippen bewegten sich einige Male.
„To.“
Er wiederholte ihren Namen.
„To . . . . . . ich liebe dein Gesicht.“
Seine Stimme ward leis und singend:
„Es ist nackt,“ sagte er.
Sie legte die Hände unter den Nacken.
„Du hast es unverhüllt getragen. Nie sah ich Frauen, die so stolz waren in ihrer Schamlosigleit.“ Die Stimme versagte ihm heiser.
„To . . . wenn andere Frauen ihr Gesicht preisgäben . . . To . . . deines ist
schön und hart. Hast du es durch viele Länder getragen? Viele haben es gesehen
wohl an deinen Seen, in den Städten, wo du fuhrst — — Tausende Männer
haben ihre Augen darauf gehabt . . . haben es beschmutzt. Haben Hunde es
gesehen? Frauen haben wohl heiße Blicke darauf gehabt? Aber — ich liebe es.“
Sein Blick flehte an ihr, er zog an jeder Falte ihres Gesichtes, und ihre Augen
stahl seine Glut in die seinen hinein.
Ihr Kopf stieß gegen die Wand hinter ihr. Sie empfand die Macht ihres
Körpers ausgehen von sich eine Wolke voll Geruch. Noch war ihr Herz tief in
der Gewalt seiner Umarmung, da stieg sie schon, ohne daß sie es wußte, weit
über ihn, der sich wand vor ihr in Wollust.
Er hob sich auf, schnellend mit allen Sehnen. Lächelnd bog sie den Mund zur
Seite. Sie sah das Fremde aufblitzen in seinen Augen, die grünlich aus dem Ring
um die schwarze Pupille heraustraten. Sie roch seinen Körper, der duftete nach
stürzendem Blut. Süß geschaukelt in der Gefahr seiner wilden Entfesselung
reizte ihr Mund ihn, bis er als Kind an ihren Knien vergehend lag und sie, es
schwer nur ertragend, den Mund hinüberbog an seinen und klein und schwach
unter seinem von Leidenschaften überschwungenen Kopfe hing.
Ihr Lächeln, bald hingegeben im Vergehen, lenkte seinen Blick, der sie zerriß.
Ihr erwachender Blick aus dem Taumel zog ihn zu sanften Worten, hinter denen,
die Fesseln gespannt, das Raubtier stand.
Noch halb in der hellen, aber von Morgenscheinen dunkel versilberten Nacht
trug er sie, mit der Kehle jauchzend, zu den Pferden.
Ihre Schatten fielen langsam auf die Erde, die fast rot war. Sie erreichten die
Schiffe, die Gäule ritten Kopf an Kopf, kein Zoll fehlte.
Der Morgen legte die weitaufgebrochene Landschaft vor sie. Mit Licht
ausgefüllt leuchtete sie still von allen Seiten in sich selbst. Wind packte keiner
ihr Haar und Gesicht. Sie lächelte blaß und verzückt, die Ringe sanft unter die
Augen gezogen.
Die Welt stand eine Kuppel über sie dünn und zart wie aus Glas.
Der Rhythmus des Fahrens wiegte sie gut. Die Sonne kam bis zu ihr herab
und senkte sich zwischen ihre Brüste, mit mildem Licht von hier aus das Licht
ergießend über die Welt, die sie sah und die sich um sie bewegte, in der sie
tausendfältig in der großen Ruhe war.
Am Ufer parierte ein Pferd gegen Mittag, die Vorderbeine stiegen in die Luft,
ein Zaum bog das Maul in die Höhe. Sein roter Bauch strahlte auf. Thengos
Augen zogen sich zur Seite. Ein Schwimmer holte die Nachricht und hob sie in
das Boot. Sie mußten sich trennen, es war nur auf Stunden. Dennoch erbleichte er. Rinys Blick sah ihn tief bewegt, doch sie blieb kühl. Sie gab ihm die Hand,
der er tausendfach sein baldiges Wiederkommen versicherte. Sie sagte nichts,
auf was er lauerte.
Ruhig, unbefangen nahm sie Abschied von ihm, dessen Gesicht sich grausam
zusammenzog. Seine Augen bewegten sich nicht von ihr, solang als ihn sein
kleines Boot zum Ufer fuhr.
Weiterfahrend verglitten die Dämme der Küsten in die Landschaft. Vom Ufer
aus sah sie auf das Gelände, das im halben Bogen des Horizonts mit Mais gefüllt
war, und auf der Tiere still dahingingen bis an den Rand.
Gegen Abend tauchten sie in eine Bucht, Scho—Li—Rua, die Bai der gelben
Boote. Das Wasser stand wie Glas. In einem hohen Bogen hoben sich Häuser mit
kleinen Fahnen und senkten sich wieder über einem Hügel, die Fronten gegen
den Fluß gelehnt. Hier nachteten sie.
Sie bewohnte das äußerste Bambushaus des Kreises, halb schon an der Bai.
Keinen Augenblick empfand sie Ruhe. Schatten wogten draußen. Durch die
Ritzen spürte sie, unsichtbar, den Glanz spähender Augen. Lautlos trug die Luft
ein erregendes Geschehen, das ihr den Schlaf nahm.
Sie trat, aufstehend, zur Tür. Davor saßen zwei Wachen, hinter ihnen glitten
Schatten weg in die Nacht. Sie ging hinein und legte sich von neuem. Lange
konnte sie nicht schlafen, von der Hitze der Gegend und der Bewegung um sie
gestört. Auch ihr Hirn versagte. Sie konnte nichts denken. Langsam fiel sie so in
den Halbschlummer hinein.
Halbnackt, auf seinem Schweiß noch den eines Pferdes wie Schnee, stand
Thengo vor ihr. Sie fuhr auf, noch konnte er nicht reden, als er sie küßte. Noch
versagte sein Mund, als seine Lippen schon ihr Gesicht überwanderten.
„Du . . . ,“ flüsterte er keuchend. Seine Augen wurden lächelnd und klein vor
ihr, als ob sie bäten . . . . . . „ich habe mich sehr geeilt.“
Tagelang noch fahrend, hielten sie eine Nacht dann nicht an. Mit
Windlichtern ruderten sie durch das Dunkel des immer mehr verengten Flusses
hinauf. Mit dem Morgen hob sich Dunst von der Gegend und in dem noch
wirren Ineinanderschieben des Nebels sah sie goldene Spitzen im schon
manchmal erscheinenden Blau.
Ein Palankin hielt, wo sie landeten.
Er, den Schwanenhälse zierten, von zwei Löwen an der Spitze und am Ende
gleich einem Flügel breitenden Vogel überbogen, die fürstliche Türmung gelb
darüber gereckt, empfing sie aus dem Atlas des Inneren mit Moschusgeruch.
Rasch getragen sah sie durch die flatternden Falten des vorgeschlagenen
Vorhangs, sanft gewiegt im Rhythmus der Laufenden, eine Stadt eine Hügelkette
hinan gelegt und an ihrem Fuß anspülend einen See.
Dann hielt sie in einem Garten und sah das Schloß mit Galerien, achtstöckig
unter dem chinesischen goldenen Dach, das den obersten Erker überspielte.
Thengo-Tikien empfing sie im dritten Stock, er nahm gleich ihre Hand und
führte sie durch die Zimmer. Als er neben ihr ging nun, war nichts mehr von der
Würde des Armwinks an ihm, mit dem er vor einem Herzschlag noch die Diener
hinausgeschickt. Stets Neues aufkramend, wies er ihr das Alte wieder. Er brachte
ihr eifrig eine Tasse, an der sie vorbeiging. Kissen hob er ins Licht, daß die
Lamaseide bleicher scheine. Vasen rückte er ihr zurecht. Seine Hände boten ihr,
wühlend in kleinen gehäuften Dingen, von Tischen Silber und Dosen.
Sein Auge stahl jeden Ausdruck aus ihrem Gesicht. Mit ihr wurde er
gleichgültig, sein Gesicht ward ausgelassen mit ihrem, verzückte sich wie sie.
Die Wände schienen blau herunter, mit in Seide gewebten Figuren
durchzogen. Vor den Fenstern lag der Westen und der große See.
Sie wandte den Kopf zurück von den schönen geschwungenen Ufern, nahm
seinen Kopf in die Hände, küßte mit langem Kuß seinen guten Mund.
Seinen Zahn spürend, gab sie sofort ihn aus dem Kuß.
Er zitterte vor ihrem gleichmütigen Lächeln. Sein Fuß trat auf, doch sofort
wurde er sanft. Da warf sie sich in die Kissen, und nun fuhr die Flamme wieder
ungehemmt über ihn.
Oft sah sie ihn nun, ohne daß er bei ihr war. Durch das Fenster auf den Hof
schauend, erblickte sie ihn, der Soldaten vorbeiziehen ließ. Das Laubgewinde
des Fensters schnitt seine Figur in viele zarte Teile, in einem runden Loch
schwebte der Kopf. Durch das Gitter einer Galerie sah sie ihn mit Gesandten
verbindlich reden, Europäer verbeugten sich ihm, er verbeugte sich ihnen, das
flüssige kalte Feuer seines Französisch schwirrte zu ihr herauf.
Sie verlor sein Gesicht nie aus den Augen über seine Haltung, die alles
ausdrückte.
Sein Gesicht war gleichmütig, ihr war, sie hätte es nicht gekannt. Es war ohne
Stolz und als hätte es nie gewußt um Demut. Haß und Freude wies es nie auf,
nach innen gekehrt unter halb geschlossenen Lidern.
So beinahe noch kam er des Morgens zu ihr. Erwacht oben, wo er schlief, der
Sonne am nächsten, empfing er die Masseure, nahm das Bad, währenddem er las
eine halbe Stunde, dann stieg er hinunter.
Er frühstückte mit Riny, die ihn in heller Matinee, die Arme nackt aus
Tulpenärmeln fallend, empfing. Er griff nach Nüssen und Mandeln, schenkte
Riny Milch ein und reichte ihr die Früchte. Immer stand sie täglich vor dem ihr
unbekannten neuen Gesicht. Nur aus dem Eckschlitz des Auges kam manchmal
ein Blick der Unbeherrschtheit. Aber mit einigem Lächeln legte sie sein Gesicht
frei. Es schmolz hin unter ihrem Gesicht, das sich ihm zuneigte. Kindlich ihren Augen vertieft lag er, wunschlos, verehrend vor ihr in den Fellen. Sein Blick
legte Andacht und gütige Stille auf sie. Ein großer Schmetterling summte in das
noch sommerkühle Morgenzimmer, vor dem die Stille des weiten Sees sich
breitete. Hin und wieder flüsterte er ein leises Wort, das ihr gut tat, hinauf,
während ihre Augen ineinanderhingen in einer klaren Vereinigung.
Widerwillig ging er von ihr den Morgen, noch aus der geöffneten Tür ihr
traurig winkend, zurückkehrend und sie noch einmal zärtlich küssend, sein
Mund dann verzog sich schmollend. „Chéri,“ lächelte sie und zog ihn zärtlich an
sich zurück, „bleib hier“.
Aber dann ging er trotz ihrem Lächeln, diktierte, ließ sich umkleiden,
empfing. Erst am Abend holte er sie, in die beruhigtere Landschaft mit den
Pferden hinauszureiten.
Am Morgen eines festlichen Tages bat sie ihn, eine Audienz sehen zu dürfen,
aber er wich ihr aus, indem er sie vertröstete, es ging gegen sein Gefühl, daß eine
Frau so sehr eindringe in all seine männlichen Dinge. Er sagte ihr keine
Unwahrheit, aber er belog sie mit jeder Bewegung. Sie sah ihn an und ging an
seinem zugeschlossenen Gesicht hinaus aus dem Zimmer, nahm ein Buch in dem
anstoßenden und pfiff eine leicht wiegende Melodie.
Er stand in der Rampe des Vorhangs, die Augen grün auf sie gerichtet.
Sie sah nicht auf, empfand Angst, wie jedesmal, wenn das räuberische Tier in
seinem Blute aufstand.
Aber sie kannte die Gewalt ihres Körpers. Sie gab nicht nach und spielte mit
ihrer Furcht. Er kam langsam herein und machte sich zu schaffen an einer Falte
des Teppichs. Zweimal ging er auf und ab am Zimmerrand.
Dann hingekniet neben ihr:
„To . . .“
Sie streichelte ihn über den Kopf. Seine Knabenlippe schaute voll Unschuld
zu ihr hinauf. Sie vergab. „Du bist schön,“ sagte sie, tief in seine Augen
schauend. Er strahlte.
Am Mittag sah sie die Audienz, hinter einem großen Schirm aufgestellt. Die
Zeremonie ging rasch vorüber. Als der Saal leer war, ging sie neben ihm durch
den Saal.
Sie sah ihn von der Seite an, dann stieg sie auf einen Thron und fuhr mit der
Hand über das Polster. Es lag auf einem springenden Jaguar aus Silber, der nach
oben brüllte, wo, abschließend, die Flügelbreitung eines Vogels stand, aus dessen
Schnabel ein Dolch herabfiel, schaukelnd im Gleichgewicht mit Rubin und
Karfunkel.
Er hielt ihre Hand sie zu stützen, sie fühlte, daß er unmerklich zog. Rasch sah
sie in sein Gesicht. Es war verschlossen, ohne Ausdruck. Ihre Brauen zogen sich zusammen. Da kam langsam ein heller Schimmer in sein Auge.
Sie zogen dann im langsamen Trab durch die Gegend den Fluß entlang,
dessen Schilf sacht aufrauschte. Ein Reiher hob sich in den Himmel in langen
sicheren Zügen, die Luft war sehr klar, sie atmeten mit geweiteten Lungen und
sahen sich froh an, wenn sie sprachen.
Gegen Abend bemalte der Horizont sich rot und die Luft bekam Dichte, die
Dämmerung fiel mit Schwüle, ihre Haut wurde feucht unter den Kleidern, den
Worten benahm die Luft die Sicherheit. Von fern im Bogen anreitend sah Riny
die Lichter einer Niederlassung, zwei Meilen von der Stadt, die sie nicht kannte,
deren Kerzen sich schön im Flusse spiegelten.
Sie frug darauf deutend, er murmelte einen gleichgültigen Namen. Sie sah die
Lichter flimmern und erstaunte sich über das unbekannte Bild. Sie bat ihn
hindurchzureiten, er schien es nicht zu hören, so lenkte sie die Pferde von selbst.
Er sah sie an mit einem unbeschreiblichen Blick. Seine Augen waren so voll
Sehnsucht und leuchtend in der Schwüle, daß er nicht wagte, sie zu reizen, die
ihn mit kühler Miene ansah. Er suchte sie abzubringen vom Wege, er hoffte, daß
sie es vergäße, aber sie folgte seinem Pferd nicht, seines vielmehr schloß sich an
das ihre dicht an.
Er konnte es nicht sagen.
Er hatte wenige Geheimnisse vor ihr, aber dies widerstand ihm. Er brachte
seine Zunge nicht dazu. Doch gab er sich Haltung und folgte in
Unabänderliches, führte es durch, schob den Turban ab und band im Reiten ein
Tuch um die Stirne, dann stieg er ab und half ihr herunter und band die Tiere an
einen Pfahl.
Zu Fuß gingen sie voran, alle Hütten waren erleuchtet, aus dem Stroh und
dem Bambus glitzerten die Kerzen still und andächtig. Schatten bewegten sich in
der Straße.
Riny blieb lächelnd, den Finger an der Lippe, an einem Fenster stehen und
schlich sich an, spähte hinein und kam wortlos zurück. Er nahm ihren Arm. Aus
den Fenstern schlichen stille lockende Rufe in die Nacht. Sie sah Frauen
herausgelehnt in verschwommenen Umrissen, ihr Herz klopfte mit einem Male,
als sie verstand, wo sie waren. Im Leuchten einer Laterne stand ein Weib mit
bloßen Brüsten auf dem Dach eines Hauses und zog an einer Glocke, die zart
und flüsternd hinausfloß in die Dunkelheit, die immer weicher sich um sie legte,
beladen mit dem Geruch der Körper und der Duftigkeit der Blumen aus den
Gärten.
Wortlos ging sie weiter, der Arm Thengos stützte sie, und sie empfand mit
Freude seine Haltung. Sie sah zu ihm auf. Sein Mund schwebte geschlossen in
der Luft. Er führte sie bis an ein Haus, das im Schatten eines Gartens lag, ihre Hand immer streichend, die wärmer und feuchter wurde unter ihm. Sie drückte
seinen Arm.
Er hob den Klopfer und schlug ihn gegen die Tür.
Zweimal gongte er durch die Dunkelheit, bis die Flügeltore aufgingen, zwei
weiß gekleidete Frauen sie anstarrten. Er winkte ab. Fett kam ein Chinese,
schickte sie weg und schaute schielend von unten nach Thengos ziselierter Kette.
Sein Bauch knickte ein und schwabbte über die Knie, sein Gesicht glänzte fett
vor Ergebenheit, obwohl er nur den Rang, nicht den Fürsten erkannte.
Thengo gab ihm einen Wink mit dem Finger.
Eilfertig schob er die Gardinen weg und sie traten ein, Riny nahm Thengos
Arm. Ein Zimmer sah sie, mit einer Veranda in den Garten hinausgeschoben. Die
Tür fiel zu. Eine zarte leise Stimme sang zu einer Harfe ein Lied und von der
anderen Seite schwoll gedämpft ein erregtes Flüstern herein.
„Endlich“ . . . . . Thengo umarmte sie, mit beiden Händen ihr Gesicht
streichend, unfähig noch zu schweigen.
Den Ausschnitt des Fensters säumten Blumen nach dem Garten, ihr Kopf lag
auf dem Binsendiwan und seufzte. Ihre Augen waren beide starr. Rot sank zu
rotgeschweiftem Hügel. Sein Mund tastete über ihren Leib, ihre Blicke lagen bei
den Pflanzen, die golden in dem Nachtausschnitt standen, sie schmolz hin. Sie
rief einmal seinen Namen. Er jubelte ihren dagegen. Dann lobte er ihren Körper,
sein Mund hatte viele Vergleiche, die wild waren oder dufteten wie Blüten. Er
war so angefüllt von verhaltener Sehnsucht, daß er sie nicht mehr sah, wie sie
war. Blind hingegeben seiner Trunkenheit machte er sie zur Andacht. Was ihn
erfüllte, aufgetrieben noch durch den Reiz des abenteuerlichen Hauses, strömte
zu ihr, er heiligte ihre Knie, er weinte über ihr Auge, seiner unbewußt koste er
sie.
Nie besaß er sie so sehr.
Sie lag blaß auf dem Lager und gab ihm jedes ihrer Glieder mit einem
hinströmenden Gefühl. Sie gab jeder Stelle ihres Körpers die Kraft, daß sie jeden
Kuß aufnahm und erwiderte und stärkte.
Erschüttert von ihrem Geben lag er neben ihr und schon wieder verschmolzen
seine Augen mit ihren in einem unzerreißbaren Zusammenhang.
Er kämpfte, sie in den Armen haltend, um den letzten Rest ihres Leibes mit
allem seinem Gefühl, daß, über ihn gebeugt, sie sagte, was sie noch nie aus
Furcht zum Wort gegeben:
„Tiger.“
Sein Auge färbte sich einen Augenblick zarter.
„Du wirst dich töten,“ sagte sie.
„Es ist besser als anders zu leben.“
Spät, als der Mond aufging und seine Lippe sich in seinem Licht beruhigte,
streichelte sie ihn.
Aber dies beruhigte ihn nicht. Sein Gehirn empfand sie anders wie jede Frau,
die er bisher gekannt, die in seinen Harems, ihn erwartend, ihm hingegeben
lagen, ohne Widerstand. Er sah sie, erschöpft, in all ihrer Freiheit, in allem,
womit sie, ihm widerstehend aus ihrem Innersten, ihn fesselte und erhob. Nie
sah er sie anders, als ihr Gesicht auch allen anderen weisend. Ihn zerschlug der
Gedanke, daß sie wie in seinen, in anderen Armen gelegen. Was er bei anderen
Frauen natürlich nahm, ohne einen Gedanken, verwuchs sich ihm zu Bildern, die
sein Erleben in Tiefen trugen, die ihn in allen Gliedern durchliefen. Sie lag, die
Augen frei und sicher auf ihn geheftet.
Sie fand ihn schön.
Allein er empfand die unsägliche Trennung von Geschlecht zu Geschlecht an
ihr zum ersten Male und stand an dem Dunkel, das nicht sein Arm durchbrach,
das sein Herz nicht bebend überbrückte.
Er küßte ihre Stirn und ihren Mund: „Nie sah ich Frauen wie dich . . . . To.“
Sie streichelte ihn wieder. Aber er ließ ihren Mund nicht.
Noch in der Nacht bog sich sein Auge zur Seite, seine Schläfe wurde braun,
der Mund öffnete sich kurz.
Dann war er leblos.
Rinys Liebe brach in Weinen aus. Sie badete sein Gesicht mit dem ihren.
„Thengo,“ rief sie, „wir gehen in den Garten, die Luft ist schlecht in dem
Zimmer. Draußen stehen die Blumen und machen kühl.“
Sie legt das Ohr an seine Brust und rieb die Schläfen.
Ihr Blick sah verwirrt auf seinem Schenkel einen Tiger tätowiert, den sie
noch nie sah. Ihr feuchtes Gesicht lag an seiner Brust und schmeichelte. Ihre
Wange, gedrückt, hob sich von einem Amulett aus metallischer Substanz in
geblümtem Seidenzeug mit magischen Sentenzen. Sie legte es auf sein Herz, ihr
Lächeln glaubte, daß es half. Ihr Mund kam wieder an sein Ohr, ihre Finger
fuhren langsam zärtlich über seine Schläfe.
Nach Sekunden glomm Farbe wieder in seinen Mund, sie atmete tief auf, ein
Schluchzen war ihr nahe.
Sein erwachender Blick traf Riny nicht mehr.
Sie stand auf der Veranda, als käme sie aus dem Garten, sie rief zu ihm durch
die Blumen:
„Thengo . . . . . . Schläfer.“
Ihr Arm wischte die Tränen aus den Augen, die in einem Regenbogen über
den Kies fielen. Von der Nachtluft erfrischt, Blumengeruch noch im Haar, ganz
hingegeben seiner Müdigkeit, schmiegte sie sich an ihn, er glaubte ihren Augen, die gut über ihm standen, er wache aus dem Schlaf.
Sie gingen hinaus später in den Garten und legten sich in Stühle, die auf dem
Rasen standen, aus dem Hyazinthen herauswuchsen und sich mit dem Nachtduft
vermischten. Es war ganz still geworden in dem Haus, auch die Harfe schwieg.
Sie hielt seine Hand auf ihrem Schenkel, und wie er sie hielt so in der Stille
ihres abgeebbten Blutes, überkam sie eine Zärtlichkeit zu ihm, die ihn ihr ganz
verband. Kein Wort fiel in dieser Stunde.
Aber die Stunde lag noch in ihnen, als sie vor Morgen zu ihren Pferden
gingen und hinausritten in die Dämmerung. Ihnen war alles vertraut, sie
streichelten ihre Hengste, ließen sie laufen mit kurzem Steigbügel und losen
Zügeln, sahen die purpurn mit goldnen Lasuren bemalten Satteltaschen an mit
vertrauten Blicken und empfanden es innig, wenn in den Reifen ihre nackten
Füße sich berührten.
Am Abend erfuhr sie, daß er den Mittag sie verlassen hatte für eine tagelange
Reise. Er war vom Gefühl der Nacht noch so sehr voll Güte, daß er ihr den
Abschied ersparte, indem er sich versagte, sie noch einmal zu sehen.
Sie lag aber gerührt von solcher Liebe die Tage, die vorüberschwebten mit
langsamen glücklichen Träumen, auf ihren Veranden und sah in die Luft. Sie sah
sein Bild in jeder Straße, er schritt überall schön und still und das Funkeln seines
Auges erlosch, sowie sie lächelnd seinen Namen sagte.
Sie wandte sich in den Garten, schnitt und goß an den Blumen und spielte
stundenlang mit den Tauben, die samtzart in ihrer Hand lagen, sich mit warmen
stillen Leibern an ihre Wange schmiegten.
Die letzte Nacht vor seiner Ankunft war die Luft so heiß in den Zimmern,
daß sie im Freien schlief. Dünn bekleidet lag sie auf dem Balkon. Immer noch
hüllte der Mond die Landschaft in eine Glocke von Silber.
Während sie lag in diesen Stunden, band sich das Land in dem Licht zu einer
bernsteinenen Masse, die sich dem Himmel näherte mit jedem Atemzug. In dem
harzigen Licht aber, in dem die Gegend immer tiefer sich senkte, umwölkten
sich ihre Augen und in den Träumen, die sie überzogen, während sie wachte,
erhoben sich Gesichte und verschwanden wie hingeweht. Das Letzte kam, aus
ihrem Herzen herausgeholt:
Ihr Vater sah sie an, sie winkte herzlich mit beiden Händen. „Was willst du?“
frug sie. Doch er schwieg. Sie erschrak ein wenig, doch seine Farbe war braun
und gesund und stolz. Sie zog ihr Gesicht zusammen zu Milde, die sie
überströmte: „Du bist sehr fern,“ sagte sie, „aber ich kann nicht mich an dich
wenden eben. Habe ich recht Pa . . . . .?“ Er gab ihr keine Antwort. „Pa . . . . . ich
weiß nichts von Euch. Euer Haus ist mir ferner wie etwas. Ich kann nicht
zurückdenken an Euch. Aber ich weiß, daß ich Euch liebe.“ Da schien es ihr, sein Auge frage sie: . . . . warum . . . . Sie erhob sich ein wenig und nun traten ihr
Tränen wieder in das Gesicht: „Ich liebe Thengo,“ sagte sie und ihr Lächeln
ward so gütig, daß auf seinem Gesicht ein Lächeln spielte, bis eine weiche
Wolke ihn wegnahm aus dem harzenen Licht.
Dann kamen andere Träume:
Sie sah zwischen zwei rosa Wolken Saint-Loux, den Stundenzeiger ihres
Lebens, aber er kam nicht fordernd, kam mit einem Degen, den er hielt in
verschränkten Armen wie eine Bibel. Es schien ihr, er frage traurig in ihr
Gesicht. Aber sie sagte kein Wort, nur ihr Gesicht nahm das an, was ihr Gefühl
bewegte, und in seinem gütigen Glanze löste sich die Erscheinung sofort zu
zartem Dampf. Langsam erst streiften sich die Bilder wieder von ihr und erst in
den Stunden der fallenden Nacht wachte ihr Kopf aus dem Halbschlaf heraus.
Da öffneten sich die Lider ganz klar und hell.
Die gelbe Glocke des Mondes zerflatterte, sie sah Fackeln draußen durch
graue schon rötlich angelaufene Dämpfe qualmen.
Sie trat rasch hinein.
Sie schlug eine breite Seide um den Bauch und färbte die Augenlider mit
einem schmalen Strich einer seidigen Salbe. Sie goß Sandelholzpuder in den
Ausschnitt ihrer Brust und, ihn zerreibend, die Handflächen rosig davon, trat sie
hinaus.
Die Sonne kam gerade mit frühem schönem Licht. Der See lag in ruhigen
quecksilbernen Schatten.
Da aber lag unter den Rudern eine Flotte, vergoldet bis in die Knäufe der
Masten. Hunderte Boote schäumten den See auf zu einem leichten Glanz, und
die Ruderer sangen, während sie die Schaufeln hoben, ein klares wiegendes
Lied.
Sie hörte wie im Traum noch Elefanten von dem See herauf den Boden
stampfen, ihre Gläser in den Räumen tanzten. An den Rahmen des Balkons
gelehnt, schwach in den Knien, hörte sie ganz von ferne:
„To.“
Sie machte eine kleine Bewegung, aber schon stand er vor ihr. Auch sein
Gesicht war von Liebe so gut, daß es still vor ihr hing. Sie sprachen nicht. Die
Sehnsucht glänzte nur von ihrem Mund, während sie still sich zu der Landschaft
wandten, die sich morgendlich auftat. Sie saßen lange noch zusammen,
überwältigt voneinander zu solcher Stille des Erlebens, und schauten hinaus,
ohne sich zu sehen, bis ihre Augen lächelnd einander trafen und ihre Körper sich
berührten.
Sie waren sanft in ihren Liebkosungen, ihre Körper vertauschten sich
miteinander, ein jedes wollte das andere beglücken und für es leiden.
„Hattest du große Sehnsucht?“
„Ich habe hier alle Tage gesessen und gewartet.“ — —
„Und du . . . . hast du dich gesehnt?“
„Ich habe einen Feind nicht töten lassen, weil ich dich so sehr liebte, To
. . . . .“
Als sie allein dann blieb, brach der Abend mählich an und eine angstvolle
Ruhe überkam ihr Herz. Aber wie ein Trost kam die Landschaft über sie, die mit
Hügeln sich nach dem Norden hin wellte.
Jede Erhebung trug eine Pagode, die sich rund erhob und dastand.
Immer unirdischer stieg das Licht, das Geringste verklärend. Überall schritten
groß und still die Büffel über die aufgelegten Felder, die in schwarzer Seide
glänzten, gegriffen von hellen Pflügen. Indigofelder wogten schwach aus der
Ferne heran, als kämen sie zu ihr wie eine schöne Herde. Der Fluß bog sich
schlicht, in eine Falte der Gegend eingeknittert, vorbei. In einem nahen Garten
mit rotschäumenden Hecken saßen auf Palmen grüne Papageien und regten sich
nicht. Über allem lag das Glänzen wie ein Atem.
Sie bog die Brust nach vorne und lauschte mit dem Ohr an ihrem Leib.
Der Segen der Gegend reifte auf sie herein mit einer Güte, daß sie still das
Wunder in sich glaubte. Sie war von Liebe so sanft und klar, daß dies Gefühl,
das ihr wie ein Traum in das Bewußtsein schwebte, sie ruhig machte und sicher
vor Glauben. Noch nie war ihr der Gedanke, daß sie Kinder trüge, nah gewesen
ihrem Herzen. Sie empfing es, das ihr früher Schmerz und unlieber Einfall nur gewesen und ängstend ihr weibliches Gefühl und ihre Freiheit, nun mit der
Aufnahme der selbstverständlichen Güte, mit der die Welt um sie voll stand. Ihr
Körper verfeinerte sich unter dem Glauben ihrer Segnung.
Denn aus der unerklärlichen Stille der auf dem See schon dunkelnden
Fischerboote hörte sie das kleinste Geräusch. Sie unterschied jeden einzelnen
Fischzug. Ja, sie war bei jedem einzelnen Tier, das die Angel dem See entriß.
Bald konnte sie unterscheiden, welche Welle, von welchem Ufer kommend, den
Strand unter ihr traf, und die Schatten einer fernen Abendwolke fielen wie ein
Stoff auf ihr Gemüt.
Um sie wuchs die Welt aber unerklärlich in Schönheit.
Sie wurde größer, an der Stadt der gelben Boote wurde der Strom wie
durchsichtige Haut. Viele Städte wuchsen aus der Ebene und glänzten.
Durch die Steinölquellen erhielt die Dämmerung vom See her einen Schein
von Regenbogen, die sie ohne Pause überzitterten. Unter ihnen überall lagen die
Klöster ganz in mattem Golde badend und in stillen Kreisen umschritten die
Priester sie sacht.
Sie faltete die Hände: ihr Mund dankte hingegeben an die Klarheit, ihre Seele
aber sog wie einen Atem die Güte ein, die ihre Liebe über dem Land empfand.
Wie eine Verkündigung nahm sie den Tag mit in die folgenden.
In Stille lebend war sie voll Erwartung. Nachts lauschte sie oft auf ihren Leib.
Auch, als das Blut ihren Körper verließ, ließ sie nicht nach im Glauben, denn die
Verheißung nahm sie nicht auf einen einzigen Tag.
Sie lebte wartend, sanft und schmelzend in der Erwartung. Ihr Gesicht
glättete sich zu mondhafter Weiche. Ihre Glieder formten sich zu harmonischer
Milde der Bewegung. Die Augenbrauen lagen fremd in ihrer wilden Biegung auf
solch den Dingen ergeben hingewandtem Gesicht.
Sie neigte sich in allen Dingen vor Thengo. Sie sah keine Fehler an ihm jetzt
mehr, lächelnd verzieh sie und war nie voll Widerstand.
Aber unter dem aufnehmenden Erfüllen ihrer Liebe einte sich nicht mehr das
Bündel widerstrebender Gefühle, das sein Wesen ausmachte und das sie sonst im
Gleichgewicht hielt.
Einmal, endlich, gereizt, hob sie drohend das Gesicht gegen ihn.
Er lächelte. Aber ihr Glaube, den sie unverbrüchlich gehalten, löste sich
langsam und schmerzlich seit diesem Augenblick. Wie ihre Hoffnung langsam
nachließ, wichen die sanften mütterlichen Gefühle einer schmerzlichen Ruhe.
Sie entsagte. Aber sie war jeden Augenblick auf das Wunder bereit. Sie sah
Monat um Monat ihr Erwarten eitel, aber die Sicherheit des Glaubens verließ sie
auch in dem sichtbaren Versagen nicht.
Thengos Leben hielt sie in ihrer Hand, ihn reizend und gütig beruhigend. Sein wildes zersprühendes Leben bedurfte ihres Gleichgewichts. Aber ein Teil
ihrer Seele war leer geworden im Warten und mit Hingeben an das Äußere trat
sie, es zu füllen, aus ihrer Stille heraus zu Reiten und Fahrten. Sie spielte mit
Hunden und befragte ihn um die Führung seiner Geschäfte.
Am Tage des zweiten Geburtstages Thengos fuhren sie in die Dämmerung
auf den See mit wenigen Ruderern. Das Wasser war gefallen, Tausende Inseln
streckten sich mit langen Armen aus der Flut, die, mit Steinöl überzogen, gleich
schillernden großen Tieren sich über sie bäumten.
Der Mond hob sich langsam und groß.
Sie lagen still in der einhüllenden Kühle und rauchten wortlos in die
Dämmerung.
Plötzlich ganz langsam begann Rinys Gesicht sich in Tränen zu lösen. Kleine
Tropfen hingen wie eine Schnur an ihren langen Adern, das Gesicht badete in
einer Feuchtigkeit, die es erfüllte wie ein Mondschein.
Er sah sie nicht an, klopfenden Herzens. Seine Hand schlich nur herauf und
preßte ihr Knie: ich bin da.
„Thengo . . . .“
Er hörte. Die blaue Dunkelheit um sie machte sie freier, die ihren Atem
aufnahm ganz weit und ihre Worte schlürfte. Moskitos senkten sich auf sie
nieder. Sie sogen heftig an den Zigaretten und scheuchten sie mit Rauch. Aber es
war, als lägen sie in einer Säule, so dicht umwanden sie die Tiere. Die Ruderer
hatten die Netze vergessen, Thengo sagte kein Wort zu ihnen, er schien ihr
aufgelöst und gut.
Aber die süße Schwüle der Luft, die sein Druck zärtlich verstärkte, ließ ihr
Gefühl ganz hinrinnen. Zum erstenmal sprach sie Thengo von ihrer Sehnsucht.
Sie sah ihn erbleichen. Nun begriff sie, daß sie ihn tief damit kränke, denn seine
männliche Eitelkeit trug daran im Glauben, sie mäße ihm vielleicht die Schuld.
„Ich bin elend,“ sagte sie leise. „Ich kann nicht gebären.“
Sein Gesicht arbeitete.
„Nein, To,“ sagte er: „Ich trage die Schuld.“
Sie erschrak. Dann lächelte sie:
„Thengo . . . . du Tor . . . . mein Narr.“
Er schüttelte den Kopf.
„Tiger,“ sagte sie. Sein Blick strömte über durch die Luft auf sie mit einem
wilden Jauchzen, das sich aus Liebe dämpfte zu einem berückenden
schwärmerischen Band.
Sie blies den Rauch heftiger aus. Der Mond war noch groß und lag genau auf
dem Spiegel des Wassers.
In den Schwärmen der Moskitos tauchten große grüne Fliegen auf, deren saugende Stiche kleine Hügel an ihren Armen aufschwellen ließen, daß sie den
Arm zum Munde führte, um es zu lindern. Thengo rief, daß man rasch rudere.
Sie steckten Zweige an, indem sie zurückfuhren.
Er aber kam herüber und legte sich auf sie, daß er sie deckte mit seinem
ganzen Körper, mit seinem die Stiche empfangend, sein Nacken war ganz
gerötet.
Er küßte sie nicht. Sie lagen in einer stillen Vereinigung, wie geboren in
dieser Lage, sie tauschten die Sehnsucht und den Schmerz ihrer Leben aus in
einem Gefühl der großen Harmonie, die sie trug.
„To . . . . es ist meine Schuld,“ flüsterte er.
Sie lächelte ihm in das Gesicht hinauf: „Thengo . . . . . du Tor.“
Sie landeten und gingen hinauf auf die Balkone. Ein Feuerwerk entzündete
sich feierlich und getragen über dem See. In langen goldenen Schnüren hingen
die Strähnen zersprühter Kugeln hinab in das Wasser, über dem der Mond noch
rot sich brach.
Sie speisten auf Rinys Balkon.
Die Gardinen der Front bewegten sich alle in dem lauen Wind, der den
Abend köstlich trug. Es lag eine Ruhe des Gleichgewichtes in der Luft, daß es
weiter nichts bedurfte wie da zu sein und sich zu sehen, den Atem zu spüren,
nichts zu reden — — um glücklich zu sein.
Während sie speisten, hob Thengo mit einem raschen Schwung eine Kette
schönster orientalischer Perlen um ihren gerade geneigten Hals. Müde und erregt
küßte sie ihn zärtlich über den Tisch.
Dann stand sie auf, ihm Blumen im Garten zu schneiden. Er hob, als sie
aufstand, sein Gesicht fragend, gestört, daß sie die wortlose Ruhe breche. Aber
sie empfand so tiefe Zärtlichkeit, daß sie den Gegenstand suchte, sie ihm darin
darzugeben.
Sie hob geheimnisvoll die Hand.
Ihr Finger fuhr zum Mund, die Lippen zogen sich zusammen rätselvoll und
lächelnd. Sie sah sein Gesicht heiß werden, er nahm ihr die Hand herab und
drückte seinen Mund auf den Ballen.
Sie lachte winkend schon und entlief.
Sie wollte allein sein. Wie vieles und welche Höhe sie mit ihm durchlebt,
kam ihr, als sie in den Garten trat und beruhigter stand. Die weiche Luft
umhüllte sie, sie gab sich dankbar hin. Sie schnitt einen Strauß barbarisch wilder
Blumen. Ihr ganzer Arm lag voll davon und währenddem ging ihr Blut in einer
Klarheit, die allen Dingen sich verband, mit jeder Zelle faßte sie jedes Ding der
Welt.
Sie spürte die Güte, die von Thengos Wildheit ausging und in wunderbarer Wage die Leidenschaft seines Atems mit ihrer Seele verband.
Das gab ihr Glück.
Aber in tiefster Liebe stehend, empfand sie die innere Sicherheit weit über
den Zustand des Glückes hinaus. Die tiefe innere Ruhe war aus der Kraft der
Entsagung in sie eingedrungen. Der Schmerz in der Liebe und die Trauer hatten
sich eingesogen in ihr Blut. Sie trug einen Besitz, der sie abschloß und vereinte.
Sie war gewappnet gegen jedes Schicksal.
Und damit brach sie zum ersten Male den Ring von Saint-Loux und die
mystische Kraft, mit der er ihr Leben umlagerte, mit dem sie zum ersten Male
schlief, und die seither ihren Weg bestimmte, dessen Lauf sie zurückriß in das
Abenteuer seiner Umarmung jedesmal. Sie lächelte. Sein Bild schwand und
verblaßte.
Aber in diesen Gefühlen der inneren Ruhe strömte Thengos Liebe auf sie zu.
Sie war ihr ein Sinnbild. Ihr Herz war weit und klar wie nie. Ihr mildes Herz
dachte nur an ihn, da es beruhigt war in sich selbst. Sie ging, fast eine
Erscheinung, körperlos und doch glühend, hingegeben und verzichtend, großen
Schwingungen der Erde im Pulsschlag hemmungslos vereinigt, durch die
Dämmerung der Beete, hob die Arme nach den Büschen, seinen Namen sagend,
bei jeder Blume, die sie für ihn schnitt.