Frauen

Kasimir Edschmid · Kapitel 4 von 5

PDF-Seiten

Frauen

Frauen

 

 

Man stirbt nicht vor Trauer. Man hat das Meer zum Anstarrn, müde der Herzen,

die verführen und peinigen. Die großen Nebelwolken, die mit Sausen wie

Batterien angefahren, haben die Küste verödet. Man hat die Nebel zwischen sich

und den Leidenschaften, das ist Einsamkeit.

Man leidet an den stumpfen bleiernen Gurten, die das Meer gegen den

Himmel spannt, mit unaufhörlicher glücklicher Monotonie. Die Dunkelheit des

Herbstes hat sich gepaart mit den Gedanken, die die Ruhe durchdringen und in

den Wolken ausbluten, wenn der Abend sie entflammt. Die Sicherheit, jenseits

der Eitelkeit, der Siege, Wunden, Triumphe, all des Geschichteten, Reibenden,

all der Unrast der Menschen, verfallen zu sein einer Traurigkeit, die man

grundlos erleidet, aber die man liebt, das hat einen unbeschreiblichen Glanz der

Melancholie entfacht.

Da gehen perlmutten graue Nebel und ballen sich starrauf vor den Mond wie

eine Armee. Das Meer blinkt ausgetrocknet, metallen und hart. Die Dünen haben

den Atem der Traurigkeit aufgenommen und tragen sie mit dem Reichtum einer

dunklen Melodie davon. Das ist, wie man lebt, den Kopf in den Händen.

Da sprengt Kerstin quer durch einen Traum auf ihrem weißen Grey Lad. Man

birgt die Augen in der Einsamkeit. Man kapituliert nicht in der schmerzlich

dampfenden Landschaft vor dem nackten Blitz. Das hohle Schweigen des

Windes hat die Erscheinung an den silberstarren Horizont getrieben. Die Nacht

hat sich mit einem verhaltenen Ton dunkel ausgebreitet, die Ruhe hat sich an das

Fenster geschmiegt. Das herbstliche Klirren der Brandung dämpft das

erlöschende Fieber: fort von den Leidenschaften, die leer machen und verzehren.

Da tritt Kerstin aus dem Geruch des Bodens, ihr Bild steigt über die schrägen

Gläser der Türen und, hinaustretend, überfällt ihr Wesen einem, wie ein Nebel

durchdringt sie das Blut, unerschöpflich. Es saugt einem voll, grenzenlos, wie

einen Schwamm voll ihrer Gegenwart. Das Meer ist blaß geworden. Die Dünen

zittern flötenhaft erregt: man geht von neuem aus der Einsamkeit hinaus.

Man läßt den Tiefsinn zurück. Tage, Stunden, Wochen, fallen ab gegen den

kristallenen Himmel, die in Traurigkeit sich tief erfüllten. Was war es?: Glück.

Man hat das Meer nun nicht mehr zum Anstarrn. Doch man stirbt nicht vor

Trauer. Man stirbt auch nicht vor Freude.

Aber Kerstin zu sehen nur, welch schöne und bittere Verführung!

 

In Schwetzingen fand ich ihre Spur. Den Sommer war sie in Schachen. Die

schweizerischen Berge kamen am Abend mit Lichtern über den Bodensee

geflogen. Sie hatte gegen den Herbst in Bocklet gewohnt, das wies in seiner

Verborgenheit auf Männer um sie. Die Barockfiguren des alten Parks begannen

lang und zärtlich mir nachzuschreiten, als ich im Wagen nach Kissingen

hinüberfuhr. In Bamberg sah ich durch jedes Mittelalter sie kommen, von den

Portalen und Kirchen herunter sich neigen. In einem Landhaus bei Bayreuth

kreuzte ihr Name sich mit dem eines Mannes. Obwohl unsere Leben sich

voneinander gelöst und entfernt voneinander trieben, traf es mein Herz mitten

auf die Brust.

Ich quälte mich weiter. Von nun ab gingen die beiden Spuren zusammen, ihre

Gestalt zog immer tiefer in den Ausdruck des Mannes hinein, der ihr Leben

teilte. Ich begann zu leiden. Zurück? Wozu in die Traurigkeiten, die verbittern

mit Einsamkeit?

Ich beginne im Gegenteil zu leben an dem Widerstand, mich zu entzünden

mit einer melancholischen unerregten Leidenschaft, die nur sehen will und

überschauen kann. Man stirbt auch nicht aus Leidenschaft.

Ich habe die Tagbezeichnungen vergessen, werktags abends kam ich ins

Gebirge, fuhr an das Schloß, sie war verreist für eine Tour. Man erwartete sie. In

der Dämmerung ließ ich lenken und besuchte Lil Pax. Ich ließ den Schlitten

angespannt, denn sie war im Begriff in ein Sporting-House zu fahren, die

Glocken schellten.

Lil Pax fuhr in meinem Wagen. Der Tod hatte Quartier in ihr aufgeschlagen.

Die überschöne Schlankheit der Hände und das fiebrige Feuer der großen

ruhelosen Augen schienen den Knabenkörper mehr in den Ruf des Erlöschens zu

ziehen als in das Muskelgekrach.

Als wir eintraten, ging der schwarze Boxer Bambula oben an den Ring und

nickte uns zu. Man massierte ihn darauf, der auf den Seilen lag, und führte ihm

Luft zu, während der Saal in Erwartung der Schläge ächzte. Während der Time-

Keeper schellte, der Unparteiische pfiff, Bambula sich aufblies, der kleine

Ukrainer mit Ballettschritten ihn angriff, der Neger ihn Uper Cut nahm und

niederhieb, sah ich dahinter das Meer, aufgebäumt. Grey Lad preschte davor mit

Kerstin.

Das zweite Matsch erst brachte den Saal in Verwirrung. Aber während Frauen

auf den Stühlen dem Neger zuschrien, die Männer wüteten, Bauernburschen die

Tirolerhüte schwangen, Bambula gleich einer Schnake den Gegner Clinch nahm,

lachend Sawate erhielt und mit grandiosem Bak Spring ihn in die Herzgrube erledigte, war ich schon tief ergriffen von der Kühle der Frau neben mir.

Lil Pax war unerregt geblieben. Wir fuhren im Galopp über die Felder

zurück. Mit erschreckender Deutlichkeit kam ihr Wesen aus der schwülen

Ekstase des Saales mit einer überlegenen Deutlichkeit und einem gewissen

hochmütigen Lächeln auf mich zu. Sie hatte die geheimnisvollen Beziehungen

des Verzichtes früher als alle durchstoßen und von der in ihr reisenden Nähe des

Todes eine Ironie um den Mund erhalten, der sie allem entfernte, obwohl sie

nichts floh.

Das Verzückte war hinter ihr in schwärmerischen Bögen abgeschnitten. Sie

hatte jene Größe, die sich nicht entschied und weder das Gesicht weg von dem

Dasein wandte und es verfluchte, noch in Betäubung stürzte. Sondern sie ließ,

allem hingegeben und allem entfernt, das Dasein, geliebt und unbegehrt,

vorüberfließen, während ihr Mund in schmerzhafter Blässe nicht zuckte.

Welches Blut lag dahinter abgedämpft, wenn sie gütig nickte! Welcher Sprung,

im Haß, federte und ward nicht getan!

Ich neige mich über ihre Hand.

Sie erkrankt, heftiger. Ich werde nicht reisen. Ich richte mein Gesicht nach

dieser Frau. Sie beginnt ihren schicksalhaften Zug, tief und weit entfernt, über

mein Zugewandtsein.

Ihr Leben beginnt über meinen Horizont zu laufen, ruhig und gütig, ohne

deutliche Spur, eine Sonne von Westen her immer der gelben und roten Sonne

entgegen, dunkler und unsichtbar, aber im selben Kreislauf.

Damit ist mein Leben eingezeichnet.

Was folgt an Dingen, die Blut, Tag, Rausch bestimmten, ist anders, diesem

Abgewandtes, vielleicht nicht wenig, aber nicht dies. Welche Bedeutung es hat

in meinem Dasein: ob diese Frau das Entscheidende ob das andere, wer

durchschaut das Schicksal? Vielleicht weiß ich es, wenn mein Blut langsam rinnt

und meine blonden Haare so hell geworden sind, daß das Urteil bis an die

Grausamkeit vordringt. Wer kennt sein Herz? Man muß sich unterwerfen. Stolz

ist ein Spielzeug. Bebauen wir unseren Garten. Man lebt sich schon hinein in

sein Schicksal.

Ich habe die Fahrt nach Kerstin angetreten. Da liegt nun das Leben zum

Anstarrn. Der Kreis öffnet sich. Da sind nun die Tage, Wochen, die

Leidenschaften, die hineinreißen in ihren Bann und entzünden und verzehren.

Haben sie mich erreicht einmal, schwinge ich sie schwärmerisch wie Vögel auf.

Ich bin dabei. Das ist eine Freude. Hallo. Ich lebe in Begeisterung. Welche

Woche!

Habe ich in dieser Woche nicht zwischen blaugespannten Bergzügen Venus

und Jupiter in bengalischer Konstellation gesehen? In die flamingone Abendröte den Hausberg aufgereckt wie die Begehrlichkeit einer wilden Sau? Ist die Natur

nicht mit Lawinen und sausenden Gletschern aufgezuckt mit meiner Bewegung?

Hat eine sizilianische Frau nicht unter den Kronleuchtern ihre Rasse

aufgezaubert? Habe ich nicht das Blut der silberblonden Ritterstad auf der Lippe

gespürt, der eine Katze die Schneehaut aufgerissen? Haben die seidenen Fahnen,

als wir im Bob passierten, sich nicht gegen den Wind alle huldigend auf diese

schöne Frau mit dem lachsfarbnen Mund gerichtet? Schossen wir nicht aus dem

Nickelglanz des Starts herunter auf dem Bauch im Rodel, durch die Kurven auf

den Hüften hinunter uns wiegend wie im Liebesspiel?

Welche Woche, Lil Pax, während Sie lagen! prall, festgefüllt, aufgestäubt.

Wie bunt. Doch was ist es am Ende?

Es bewegte sich nur. Aber . . . . alles Getane, alles Erlebte kreiste um Sie, Lil

Pax. Das ist nunmehr von allem die Richtung.

Ich sehe Margit, Ihren Liebling. Aber ich erblicke sie nur in der

Verbundenheit auf Ihr Wesen hin, gleichwie mit der unentziehbaren Bewegung

der Sonnenblumen, die dem Gestirn mit ihren Mähnen folgen. Es gibt keine

Frage darüber. Das ist Bestimmung.

Ich sehe Margit. Ihr Hund heißt Lorm. Ihr Lied „O Dolly.“ Ihr Herz ist voll

von schönen Schauspielern, von Coquelin, Cyrano, Rolla, von melancholischen

Pianisten, im Lyon reitenden schwarzgeschnürten Offizieren, von Pré-Catlan,

von Speisen bei Spiegeln mit Kerzen, von Bootfahren am Abend, von Lido, von

Sand und Hitze, von einem Mann mit Namen Claessens, von irgendeinem

schönen Capitaine Ettore Cosomati, von einem kriegerischen Colonel Ugolino,

von Melonen, Zirkus, Schokolade mit Zitronen.

Ich fahre mit Margit, während Sie krank liegen, zwei Tage südlich. Ich kaufe

ihr gelbe Calvils, ich zeige ihr Innsbruck. Ich trinke mit ihr den serbischen

Slivovicza. Ich teile mit ihr den Abend, der mit den schon südlichen

Springbrunnen verzaubert, und die Honigdämmerung unter den Schneebögen

der Hügel und die lauen Schatten der Madonnenlauben unter dem Golddach. Ich

lasse sie Preise verteilen in der Franziskanerkirche an die Statuen, sie teilt es

dem provenzalischen König zu, dessen Erzbrust hundert Amouretten

überspielen, der den Visierschnabel frech, gigantisch, der Unerschütterliche,

Gott ins milde Zinnoberlicht seines Auges hinaufhebt. Es ist ein rotseidenes

Strumpfband, was sie als Preis austeilt, und gibt ihm ein glückliches Aussehn.

Ich jage sie durch die Begeisterung bis in die Müdigkeit. Nun laufen die

Berge der Bahn wieder bei unserer Rückfahrt entgegen. Ich sehe sie an

gegenüber, wie sie schläft. Mit zerfleischten Rücken sinken die Berge in

schwarze Seide. Flammend mit Stierblut kreist der Geier des Gestirns noch

einmal über die Grate.

Sie träumt von Pesaro, von einem Teich und ihrem Lackhut als Kind. Ein

Röntgenologe versichert, sie habe das kleinste Herz. Bäte ich nur, sie vermachte

es mir. Es stünde auf meinem Tisch, kleiner als die Zunge des Gordon-Setter. Sie

wacht plötzlich auf, hinein in Begeisterung. Ich spüre ihren Atem, sehe sie

herübergleiten. Ein schönes Geschenk der Stunde. Ich versage sie mir ohne

Bemühung. Warum?

Ihr Dasein ist zu nah und zu dicht auf das Ihre gerichtet, Lil Pax. Sie ist nur

etwas wie eine zärtliche sekundenlange Laune, die Sie verloren. Die Bewegung

dieses Mädchens umkreist Sie zu nahe. Was ist ihre Hüfte gegen das Maßlose

Ihres Todes.

 

Das Dasein hat zwei Seiten für mich nunmehr. Von einer brennt es hell, das sind

die Leidenschaften, die erheben, und die Genüsse, die man erobert. Ich erhebe

mich und erobere, je weiter von Ihnen, um so voller das Ergebnis. Ich ziehe das

Dasein herein aus seinem äußersten Kreis. Ich warte noch immer auf Kerstin.

Die andere Seite ist das, was sich an Ihr unaufhaltsames Schicksal bindet.

Man schließt die Augen. Man soll sich nicht ausbrennen vor Schmerz. Aber,

Liebe, kein Lächeln auch nur vergeht, ohne daß seine Deutung sich bezieht auf

Sie, irgendwie.

Als Rassignac, der in schlechter Zeit mein Freund war, die

Maschinengewehrladung der Polizisten im Bauch, in St. Sulpice lag, spie er dem

Präsidenten der Republik, der das Monstrum des großen Apachen beschaute, ein

Stück Lippe ins Gesicht. Dann sagte er ruhig: „Mon corps est foutu . . . . hé . . . .

non pas mon orgueil.“ In der Stille seines Gesichts lag unterdrückt derselbe

Claironklang, der hinter Ihrem Leben gellt.

Auch liegt dieselbe Kühnheit der Ideen an der Kurve Ihrer Nase wie bei ihm

eingezeichnet, und daran weiß ich ebenso, wie an der übergroßen Lässigkeit

Ihrer Hände, welch ganz anderes irrsinniges Leben Sie ausfüllt im Grunde.

Hätte der Verderber sich nicht in Ihr Blut begeben und Sie hingeführt zu der

Harmonie Ihres Geistes mit jener Güte und Milde, . . . . Sie hätten auf der

anderen Seite der Seele ein anderes klirrendes Dasein gelebt:

Wären unter Scipionen mit ehrgeizigem Herzen in Aulen gewandert. Hätten

die pompejanische Seeschlacht geleitet am Bug. Man hätte zwischen Karlisten

und Rosenroten auf der Barrikade Sie mit der rauchenden Flinte gesehen. Sie

hätten Päpste mit der glatten Stirn beunruhigt. Als Kreuzzugfanatische hätte ein

Pferd über Singenden Sie auf die Mauer Jeruschalaims getragen. Im Reifrock

hätte das Gift Ihres Geistes Politik zerschlissen. Schwertscharf wären Sie vor

Ihren Leuten unter die Elephantenbäuche gerannt, makkabäische Königin. Ihr

Haß hätte geschlagen. Ihre Liebe grausam geflackert.

Am Ende erst, vielleicht, aussätzig, alternd, verlassen, einen Dolch im

Rücken, wären Sie der liebenden Größe nahgekommen, mit der Sie heut

überschauen, was sich heranwälzt auf dem Schicksal.

O Sie haben mit Ihrem Finger manche Nacht, Lil Pax, an den Tapetenmustern

von Davos und Arosa jede Zuckung Ihres zurückgeworfenen Blutes

nachgewandert mit den gepflegten Nägeln:

Sind in afrikanischem Aufstand verschleift, haben als Märtyrin, sich

verschenkend, Weg geebnet, standen hinter den Getto-Feiglingen als Peitsche,

gingen unter Spaniolen steil, die Stolze, hatten Hochmut, Verachtung. Ach und

schwangen in der Inbrunst der Fiebernächte, Steine, Schmuck, Lächeln um den

Mund, da und da und dort, in die Leidenschaften hinein bis an den bittersten

Ehrgeiz.

Jeden Morgen aber waren Sie zurückgeworfen in den Körper, der, verseucht,

aus allem vertrieb. Sie haben mit einer übermenschlichen Bewegung der Seele

langsam gut gelächelt mit dem Partner Tod.

Dies Lächeln ist die Lebensrichtung geworden für den, der Ihr Dasein streift.

Man stürbe gern für Sie. Was an Versagtem in das Gefäß Ihres Körpers

zurückfiel, geht in zarter Helle und Herrschaft des Geistes wieder von Ihnen aus.

Selbst wie Sie den wilden Regenbögen, die über den Hausberg flattern,

nachsehn, ist eine Leidenschaft, die Sie den Nächten abgerungen. Süß muß der

Tod sein, der im Nahen schon so schön verwandelt.

Aber zum Erbleichen furchtbar der Abstand zwischen dem Ziel, dem feurig

Ihre Bestimmung einstmals ehrgeizig zugeflogen, und dem Ausdruck, mit dem

Sie nun entsagend lächeln.

In der Mitte das Leid. Aber welch ein Ausgleich! Als Sie der Bonne Ihre

Tibetgarnitur schenkten, war es dasselbe, als wenn Sie, ohne dies Schicksal, auf

der anderen Seite des Schweifens, Kunstreiterin, dem englischen Geschäftsträger

Vitriol aus dem Sattel in die Loge aufs Gesicht geschleudert. Ihr unterdrückter

Husten bei dem Besuch des alten russischen Admirals gleicht aus, was Sie an

Triumph, Tänzerin, auf die Spitze des bolognesischen Balletts unter

Blumenwürfen gehoben. Der Charme der Teestunde, der an Ihren Geist anbindet,

wäre nichts andres gewesen, als daß Sie, Dompteuse, das Panthermaul schlössen,

mit der Pistole einen etruskischen Dörfler getötet. Entgleiste Lokomotiven,

fliehende Ballone, aufbrennende Opern haben den Anlaß, aus Ihrem anderen

verhinderten Leben zu springen, wenn Sie mit gleicher Milde, als sähen Sie die

sieben Freuden Mariä, in den Schlaf Ihrer Müdigkeit hinübergleiten.

Aber, was an Macht über Menschen in Ihnen ruht, wie wenigen der Epoche,

was an Zauber Ihrem Körper, an hingebender Grazie Ihrem Hirn, an

unaussprechlicher Süßigkeit Ihrem Geist gegeben ist und allsamt Sie in eine Bedeutung erhöht hat, deren Überlegenheit Sie am deutlichsten spüren . . . ich

weiß, Sie gäben es mit eisigem Gesicht, stellten es beiseite mit dem

Madonnigen, dem Zauber, dem Wissen, Sie würfen als Hundebissen in die

Gosse das Milde und Gute, Sie spien aus das Dulden . . ., wenn Ihnen, schon

Jauchzende, dafür getauscht sei: prall, stählern an Leib, vogelhaft atmend mit

den Lungen, eine Woche nur noch einmal in Hölle und Seligkeit, mit einem

Mann, den Sie lieben, durch die Helligkeit Kopenhagens, durch die Schiffe, den

warmen Prater, einen vernarrten Frühling Merans zu toben.

Doch man soll die Wünsche nicht wecken. Man stirbt an den Wünschen.

Sie tragen jedoch Ihr Ausgestoßensein mit solchem Gleichmut, daß ich

manchmal in der Gewißheit nicht zweifle, daß Sie zu gleicher Zeit wohl auf

einem anderen Gestirn in einer behenderen muskulösen Figur alle

Leidenschaften, die hinter Ihrem hier abgegrenzten Dasein stürmen, mit

selbstverständlichem Frohsinn und einer gewissen Leichtigkeit in der Größe des

Ausmaßes durchfahren.

Hier aber sehe ich wie keiner die schmerzliche Zusammengezogenheit Ihres

Lebens.

Und ich kann sie nicht vergessen.

Die Leidenschaften haben sich umgedreht. Was mich aus allen Betten und

Fiebern und Längegraden meiner Erde zu Ihnen gerissen, hat sich unter diesem

Schicksal verändert. Das ist zu einer wohltuenden Fremdheit geworden, die in

schwesterlicher Inbrunst meinen Herzschlag begleitet in einer meinem Blut nicht

zugänglichen, schön überglühenden Welt, höher als jene dieser Dinge, die mich

hier hart verzücken und in Begeisterung fangen. Das ist unser Leben.

Die Lawinen brüllen durch die Woche und grüßen Sie aus der Mondsteppe

wie wilde Tiere. Der Himmel hat eine amethystene Schaukel um Ihr Haus gelegt.

Morgens stehen mosaische Signale, Säulen feuriger Wolken auf den Spitzen des

Gebirgs. Die Natur bereitet Ihnen Verehrung.

Auch die Abschiedspolonäse auf Skiern für Marga Ritterstad und Margit,

Ihren Liebling, hat sich als Huldigung gerade Ihrem Haus gegenüber hoch im

Gebirge geeint. Die Midussi hat ihr sizilianisches Gesicht zur Komödie mit

einem roten Turban geschmückt. Alle schauen auf das Zeichen. Der Riemen

Margits löst die Schleife: „Azt a kutja faját.“ Die Schnäbel der Skier haben sich

auf Ihr Talhaus gerichtet. Da quillt weißer Wolkenschaum um die Gipfel des

Kessels, die Sonne, aufrauschend dunkel schmeißt ihn zurück. Schmetternd wie

eine Posaune kreuzt sie über dem Tal.

Mit einem verderbten Schrei wirft die Midussi die Fahne zur Abfahrt und

gibt den Start. Nach Ihrem Haus zu verzischt Ihre Linie im Gebüsch. Die

Ritterstad fährt wie ein stolzer Fasan. Man soll die Diva nicht tadeln, weil alles sie liebt. Heller Strich auf Strich saust eins nach dem anderen ab nach Ihrer Villa

auf dem bläulichen Schnee. Mit Hagebutten in der Hand macht Margit noch

Telemark und schaut herauf, dann saust sie hinunter zu Ihnen durch die

Latschen. Alle schreien Ihren Namen, die Sie, auf dem Südbalkon Ihres Hauses,

das Glas über den Augen, diesen Herabflug aus den Hängen auf sich zukommen

lassen, beherrschten Mundes wohl, wie jede Ihnen unaufhaltsam nicht mehr

zugehörige Bewegung.

Ich stürzte, über Heidekraut, sechs Meter ein Hecht durch die Luft, eine

Parade der Arme, ich fiel auf die Erde zurück, der Bergkreis glühte, blau, dann

schwarz. Als ich aus der Ohnmacht aufwachte, sah ich Ihr Haus, Lil Pax.

Ich habe mich aufgerichtet, die Stirn ist zwar verdellert, die Knochen aber

sind heil. Ich habe den Fahrtrausch noch im Blut, das Risiko der Stürze noch im

Hirn, der Tod hat mich nicht gedämpft. Ich bin voll Kühnheit und Begeisterung.

Verdoppelt empfinde ich Erregung in mir laufen und Beglückung aufquellen satt

und voll. Das brüllende Tier des Gestirns braust gierig durch das Blau. Ich fühle

mich umschwungen von den Menschen und der Fülle ihres Atems und der Farbe

der starken Empfindung, mit der diese alle ihre Leben hier gelebt.

In dieser Sekunde der Höhe aber reißen die Menschen ab aus der Melodie.

Die Woche, die sie füllten, gleitet zurück zu Ihnen, wie zum Mundstück eines

Instrumentes.

Sie nehmen es, schlank, und scharf aufgerichtet in die Hand, führen es an die

Lippen: da stürzt sich alles in Sie hinein, begierig, daß Ihr Atem ihm erst Gesicht

gibt und es brennend hinauswirft. Was ist um mich all das Getümmel? Ein Teil

von Ihnen. Ich sehne mich in Ihre Einsamkeit aus aller meiner Fülle.

Ich spüre Sie in meinem Leben als die Bringerin. Im Seedorf der Vogesen, in

der Entferntheit der Blumengärten Immenstads, in Norrbrö, im fensterlosen

Gemach meiner Heimatjahre spüre ich Sie als die größere Vielfalt. Denn wenn

Sie wollen, werden Figuren und Reihen der Menschen auf der Ebene der Wand

mit der Musik ihres Blutes erscheinen, beherrschter und glänzender als die

meines Erlebens, so als bliesen Sie sie in Wahrheit auf kleinem goldenem

Instrument zart herüber aus der Einsamkeit der Überwindung in meine

Einsamkeit der Fülle.

Ist dies der Abschied?

Ich kann, beglückt von dem wilden bronzenen Schild, das die Sonne über die

Steppen schüttelt, sportiv, kräftig, Strapazen überlegen, ich kann meine

barbarische Stärke nicht mehr dem Zauber entgegensetzen, der, aus Verhängnis

und Versagtem gebildet, Ihr Lächeln ist. Es ist zu schwer, wenn man so Großes

durchschaut, an sich zu glauben.

Sie winken ab mit der Hand: Sie lieben mein Leben. Sie glauben an den Reichtum selbst meiner Melancholien und sind erfüllt von dem Aufgerichteten

meiner Phantasie. Sie haben Leidenschaft für meine Welt. Sie sind neidlos

entzückt, wenn ich diese Welt in die Hände nehme, mit Fingern und Zähnen den

Saft auspresse, Sie lieben das Bunte, verehren die Stärke, Sie glauben an die

Schönheit des wilden Bildes und die Größe des erregten Blutes.

Was aber ist es gegen Ihre Welt? Man kann sich nicht finden. Welche Tragik,

daß, was Ihr Elend ist, ich liebe, daß, was mir ein Nichts ist, Ihnen erhaben

scheint. Man soll sich nicht belügen. Wie kann man genießen, was den anderen

quält? Es ist bitter genug, mit Verantwortung zu leben. Bebauen wir unseren

Acker und entfernen wir uns von den Qualen, die wir nicht mindern können.

Ich habe mich aufgestellt. Die Augen brennen aus der Ohnmacht noch auf

dem Schnee.

Als mich die Bretter in weitgeöffneten Schwüngen ins Tal hinunterziehen,

sehe ich keine andere Bewegung als die aus diesem Zustand in den der

Entfernung.

Ich bin ein törichter Mensch und züchte mir Qualen, statt sie leicht zu

nehmen und mit Selbstverständlichkeit zu bezwingen. Ich mache sie groß, weil

ich sorglos bin. Man könnte leichter leben.

Wie ich die Skier unten löse, hindert mich nichts mehr am Abschied.

Am Abend kam Kerstin.

 

Am Abend kam Kerstin in mein Haus. Musik ging vor ihr her, und die Berge

schimmerten näher von ihrer Blässe. Die Sarabande des Sturzbachs formte über

ihrer Schulter etwas wie undurchsichtigen silbernen Regen.

Sie griff einen Stuhl bei der Lehne.

Ich dachte:

Man solle vor wilde Tiere sie führen und in Versammlungen, wo der alte

Fanatismus der Menschheit ins Böse bricht, damit das Gleichmaß vom

Ineinanderfließen der Beine und des Bauches und die rührende Schönheit des

erschütternd schlanken Gesichts die Stille auslöse. Brüllende würden lächeln,

Tobende demütig werden an diesem Körper.

Keine der Frauen, deren Hüfte mein Frühling, deren Brust mein Weglager

waren, die ich Jahre hindurch schmerzlich durchwandert, hatten soviel Macht als

dies ledigliche Dastehn.

Sie hatte, wenn sie lächelte, etwas, was schon zerfloß, und das orchideenhafte

Rosa der Bluse schien aufgelöst über der alabasternen Höhe der Brust.

Sie nickte, als sie aufstand.

Sie ging.

Und entzog mich mit dieser Bewegung jedem Gedanken und Koffern, die den Abschied erdrängten, und mit einer märchenhaften Hebung der Achseln beweist

sie, daß ich ihr Haus sehen soll, nicht allein das ihre mehr, und die Luft behält

diese Rundung der Schulter wie einen Abdruck.

O Sommer, den wir glücklich waren, die Hindin und jener, der mit ihr über

den Rasen lief:

Als jener See damals nichts war als ein Spiegel für ihre Schlankheit, der

manchmal selbst in seiner blausten Verjüngung zu schwer schien, soviel Anmut

zu tragen, aber mit schwingenden Uferfacetten sie von neuem faßte in einer

Demut und Geduld, die uns überraschte . . . .

Als Lella neben ihr ging, die ägyptische Königstochter, und von der braunen

Vierzehnjährigkeit ihrer Knie und der Hängelocken über den Ohren die Reiter

hingezogen hielten, und deren Beine so hoch und überlegen standen wie das

schwarzseidene Trikot um ihre engen Hüften — — und als ein Rascheln deines

Kleides uns mehr schien als Lellas ganzer Leib, um den zu sehen selbst die

fünfzigjährigen Landräte und Rennstallbesitzer Löcher in das Damenbad

bohrten, und deren Besitz uns doch die tragische Unerreichbarkeit ihrer Jugend

erhöhte . . . .

Als sie im Stern von Gudrun saß, und wie eine Weiberbrust unser Segel im

Mondschein flauschte und sie plötzlich das Wasser küßte mit einer jähen

Bewegung über Lee und ich tagelang dachte: sie hat den See geküßt, meine

Freundin, was soll nun das Leben, es ist so silbern geworden. Wir ertragen die

Dämmerung nicht mehr . . . .

Als durch die Dorfstraße auf dem geschmückten Narzissenmotor die

Hochzeit kam mit vielen Offizieren und Orden, und in der Dorfkirche der Sänger

im Requiem stecken blieb, wie er sie an der Säule sah . . . und plötzlich alle von

dem Priester sich umwandten, sie anzustarren, als sei sie aus der Säule gehauen

und flöge mit ihr auf abgesenkten Flügeln in die Höhe, nachdem eine Sekunde

ihnen unwiederbringlich die Hüften des Paradieses gezeigt.

. . . und als nach einer Woche alle Skiläufer, Dirigenten, Spieler, Arbeiter,

Segler, Fischer, Bauern, Bankiers nichts wollten, als daß ihr Blick auf kurze Zeit

auf ihnen ruhe — — und wir den Berg in der Frühe erstiegen, die Alpen

ausgebreitet lagen tief wie die Kolonnen der Engel . . . und sie gegen die

siebenfache blaue Staffel des Horizonts vorging, die Hand hob und nun kein

Blut, kein Fleck der Haut es anders wußte, als daß ihr Lächeln nur, ihre Hand

allein sie weich und schwebend erst formte, Amaranth hingab und seidige Härte

— — und als sie bei mir war unter dem Park und aufschrie, und am Morgen im

Pyjama durch den Taugarten ging, und die vier Nachtigallen wie ein Gewitter

rasten zu einer Stunde, wo bedingungslos sie sonst schwiegen . . . . .

aber das Trommeln und Steigen ihres Gesangs so zerschmetternd war, so sehr nahe der Höhe der Lust, daß ich den Scheitel des Sommers erbebend unter

mir fühlte und wußte, nach so ungeheurem Erfüllen käme nur ein hinab . . . . . .

— — —

Was ist geworden in den Jahren, die ich im Süden ein Hund war und

Suchender und Wüstling und nicht gedachte an deine große Schönheit — und

zwischen Segelfahrt und hellenischem Frühling nichts die Zeit überbrückte

zwischen mir und unseren zartesten Sekunden — — und was hat dich in anderen

Armen verwandelt und hinter welchen Mannes Gefühl ist dein Gesicht

verborgen, daß nicht einmal der irrsinnige Hochmut deiner Mädchenhaftigkeit

mir vertraut und nah ist, mit dem dein Blick mich ans Kreuz schlug, als ich am

Ufer dich ansprach mit dem Wort zu scharf und leicht für deine frauenhafte

Bedeutung . . . . . und daß nun, wenn du fremd in deinen Kleidern hinausgingst,

die Sehnsucht nach deiner Entferntheit und die weite Kühle deines Lächelns

mich tot machen, meine Freundin?

 

Zwei Tage mied ich Kerstin, zwei Tage lief ich mit der Midussi.

Wenn sie die Locken schüttelt und feig vor der Schußfahrt in die Knie geht,

und die prinzessinhaft im Nacken geschnittenen Haare ihr in die Zähne flattern,

hören selbst die erregtesten Weiber auf, sie mit Steinen zu werfen und zu

begeifern, ihrer engen Skihosen halber, sie selbst aber ist nie abgeneigt, mit dem

Schrei loszufahren, zu kratzen und die angesammelte Meute sechs- und

achtjähriger Knaben, Eiszapfen schwingend, zu sprengen. Zehn Männer, die den

Kranz ihrer Kali-Syndikat-Millionen anzubeten lediglich nicht müde zu werden

hofften, fiebern nachts nur noch von ihren spielerischen, lesbischen Beinen.

Sie hat eine Locke zwischen den Augen in der kleinen Stirn, und das

achtzehnjährige sizilische Gesicht ist krank, bös, schön gespannt in der

aufregenden, von ihren Blicken verdorbenen Luft um sie.

Sie quält, lächelt und ist kühn genug, im verruchtesten Loch mit der großen

weißen Perlenkette dem Schwarm der Bauernmasken sich zu mischen, die, durch

ihre Holzmasken wie Hunde heulend, im Kilometerradius einen Zirkus von Tanz

um die Gebirgskette schlagen, und aus deren Weiberröcken und wilden Fäusten

sie heiser lachend entgleitet, den Saal hinter sich zurücklassend, aufgepeitscht

bis ans Geheul.

Ich weiß nicht, ob sie mich haßt, aber es mag sein, daß dies ihre Liebe ist.

Die Syrakusanerin läßt den Schlitten voraus fahren, Schellen klirren sacht,

hell. Wir kommen auf den Pfad, wo die Angehörigen eines religiösen Hotels,

mondäne Nonnen, an uns vorüberstreichen. Es geschieht, daß die Midussi, die

Zähne im verbrauchten Gesicht, sagt, daß Picard zum drittenmal ihr an den Hals

gedroht, führe sie nicht nach München — — fürchtet sich, schaut schräg auf.

Wir lachen. Da es auf diesem Weg ist, erfüllt sich unser Gelächter zu einer

Schleife, die am Hausberg sich hinaufsingt, oben fast donnert.

 

Samstag kam ein Brief von der großen Diva.

Marga Ritterstad.

Lil Pax las ihn. Als gespenstische Schaukel schwingt der

Wachsensteinobelisk sich aus Geschleier und zurück. Unsere Augen treffen sich

dazwischen.

Die ihren meinen: auch der metallene und schmale Stolz der Spaniolin könne

soviel Blondes liebend anerkennen, denn es sei gut und von gewisser Bedeutung,

und, wenn man vieles leide, sei manchmal auch das Zweckloseste sehr viel.

Ich sage:

„Hat man je den Mut gehabt, das Spiel auf das Strenge zu richten. Man

verzeiht. Man lächelt. Niemand klagt an. O, wenn ich die Kinos alle hätt in

meiner Hand!

Als ich einmal jene drei Tage mit ihr durch alle Cafés und Theater und einen

unvergeßlich perlmuttenen Frühlingstag geglitten, und aus einer Loge sie durch

plötzliches Schneegestöber in die Bahn gebracht, blieb etwas wie Verzauberung

über den Straßen hängen . . . . denn soviel Liebe sie empfängt, strahlt sie zurück.

Man kann ihrer Spur folgen durch die Wüste. Morgens kam ich nach

Nürnberg, lag im Bette, telefonierte dazwischen, durchschlief den leeren Tag.

Am Abend überwogte mein Auto aber die Brücken und Hügel der Stadt, ich fuhr

von Kino zu Kino in der von der Dämmerung entzündeten Sehnsucht, die

Blonde zu suchen, und ich erregte am Egidienplatz einen Auflauf des Volkes,

das dort noch nie einen Wagen gesehen, wo ich in der Baracke sie fand.

Wie lieben die Menschen die Kostbarkeit ihrer Haut und die erlesene Haltung

ihrer Augen!

Piccolos zittern knabenhaft und ohne Frechheit, denn ihre Träume haben nie

geglaubt, daß so Herrliches wahrhaft an Restaurationstischen atme und speise.

Kellner verbeugen sich gleich vor der selbstgeschaffenen Königin ihrer

Liebe.

Köche, vom Gerücht im Betrieb elektrisch erreicht, garnieren nur ihren Fisch

mit hingebender Kunst, Portiers eilen, Chauffeure, von anderen gemietet,

unbestechbar, brechen auf unter dem Schlag ihres Namens, rasen und

schmeicheln sich, mit großer Bewegung sie grüßend, keinen Lohn zu

empfangen.

Nie hätte ich gewagt, zu glauben, daß dies Volk der Sklaven, das vor

verrunzelten Wittelsbachern und leberleidenden Hohenzollernfrauen erbleichte,

so viel Größe habe, sich eine Fürstin ihrer Liebe zu schaffen.

Sie ist die weiße Göttin der Masse.

Sie lieben diese Frau um ihres Auges, ihrer Hand, ihres Lächelns willen.

Nichts weiter. Man neigt sich vor der Wahrheit einer Legende.

Überall, wo ein W. C., eine Kirche, eine Kaserne sich findet, flimmern die

Lichtspiele, durchdringen die Rinde des Erdballs, stehn auf Schiffen, in

Klostern, auf Inseln, in Lazaretten, Bordells, Villegiaturen, Steinbrüchen,

Sanatorien, Irrenhäusern, Auswärtigen Ämtern, Polizeibüros,

Landwirtschaftskammern, Redaktionen, Expeditionen, Luftschiffen und

Völkerkriegen.

Ihr, die ihr wach seid, die Freiheit fordert, Gerechtigkeit liebt und gegen den

pfaffenhaften Schwindel eurer Volksbildung lächelnd und, moderne Berserker,

anrückt und feuert, die ihr den Erdball aus infamen Achseln klappt und nicht

vergeßt, dabei die Marseillaise eurer schönen Herzen zu singen, euch, die ihr

euch hingebt, duldet und tapfer seid im Blut, schreie ich hinaus: Nehmt die

Waffe. Laßt die Theater, die Intellektuellen nur spielen und bourgeoisem Geist,

der verfettet ist wie ein Alkoholikerherz, treibt diesen Kreisel durch alle

Niveaus, Kreise und Staffeln.

Schiebt die Erschütterungen auf die Leinwand, von ihr hinein in die Adern,

füllt durch sie den Pulsschlag, schafft einen Riesenkreis der Wirkung. Treibt die

Besitzer der Sauställe aus, baut Kinohallen. Enteignet diese Gesellschaft.

Vertreibt das Gesindel aus den Tempeln, denen diese Frau nichts darstellt als

ein Kapital von hundert Millionen, eine Tantieme, und sehr zu pflegendes Tier.

Dann wird die weiße Blonde in der Stille kommen. Der Moment der

Erfüllung wird ein Blitz sein.

Auf daß sie nicht mehr der weiße Vampir sei, die goldene Schlange, das helle

Marderspiel, sondern daß sie eine gewisse Demut ertrage und, von zehntausend

Leinwänden in der gleichen Sekunde herunterwandelnd, von Rosenheim bis

Chikago, Djursholm und Kapstadt, als unsere gute Frau von den sieben

Schwertern und blutroten Rosen die Armen und Geschlagenen in Wahrheit

heraufführe bis zu der sanften Höhe ihres Lächelns aus dem Rausch der

romantikverstunkenen Löcher, in denen selbst die Verwüstetsten, um ihren Glanz

anzubeten, nie erlahmen werden, ihre kargen Abende und die Dämmerungen des

Frühlings hinzugeben.

Und, die heute täglich suhlt à la boche in den Lachen der von Kocherls und

Ladnerinnen umjauchzten Geschwätze, wird vor ihnen hergehen, wahrhaftig,

Instrument der Gesinnung, Jungfrau von Orleans mit der blonden Krone und

dem liebenden Beispiel, Entfacherin echter Tränen, guter Handlung — — — .“

Lil Pax hat die Hand gesenkt, die mit den Haaren Margits spielt, die diesen

Augenblick mit vor innerer Spannung erfrorenen Augen empfindet, und sagt: „Silberner Vampir“.

Die Wolke ihrer Augenlider hat einen sehr entfernten Glanz. — — —

Am vierten Tage kommen Kerstins Pferde, schellen im Garten, treten,

stampfen, werfen auf eine Säule Dampf. Ich trete ans Fenster, fasse den Laden

fest. Nehme die Skier.

Folge Kerstin in ihr Haus.

Staune nicht.

 

Es scheint, als gebe das Klavier Kerstin eine bewundernswürdige Maske von

Kraft und Zorn, und die Vollendung ihrer Hände erreiche in der Berührung der

Tasten eine Erhöhung der Töne, die sich dichter immer zwischen sie und mein

Hören stellte . . . und die langsame Verdunklung ihrer riesigen Diele sammle aus

der florentinischen Seide der Wände und den aus Feuer gefärbten Bildern

Marées eine Stärke, die sie mir wehmütiger und ferner entzog.

Sie sprang zu Chopin.

Ihr Rücken bog sich wie ein Coli im Sprung, und jene Süßigkeit der

Weidengerten war dazugegeben, die den März zum schmiegsamsten und

verführerischsten aller Monate macht.

Ich verstand die Musik nicht, die sie davontrug, und ich fand, man vermöge

wenig Sinn zu finden für dieses, wo die Natur uns täglich säugt und wir verliebt

sind in sie mit unsterblichen Gästen.

Ich sage:

„Weißt du, wie Lia von Florenz sprach und jener Sonne Eures Ateliers

und Speyer und Lucius und jener Sinfonie, die mit Gold und Musik Ihr morgens

über die Hügel stürztet — und ich schwarz, zerschlagen, gepeinigt vom Bild

jener Stadt, in der ich diese Zeit damals verbrachte (Stadt bestürzender Enge,

niederen Behagens, wohlgenährt, aber ohne Wollust, Stadt, der ein Schicksal

Prüfungen nie gab, feist, faul und bürgerlich und selbst zu feig zur Sünde) — —

daß ich gepeinigt nicht sagte: Dulden ist mein Los — — sondern ins

Gewitterblau der Pflaumenbäume hinausging, am Bach Gott bat, mich

hochzureißen an den Rändern des Gefühls, mit Zorn mich anzuschwellen, zu

tränken und zu stärken, daß ich, unser dichterisches Schicksal erfüllend, blutigen

Mundes den Haß der Vaterstädte ausrufe . . . . .

und daß ich, weißt du noch, am gleichen Abend, als der Berg rot

flammte, Vollmond aufsprang zwischen den Ufern, Hügel violett und bebend

sich malten auf die sie kaum ertragende himmlisch-japanische Seide, daß ich in

Eurem Boot dennoch nichts anderes tat, als dein Gesicht zu preisen. Es war mir

nah wie mein Herz, und wie es heraufstieg aus der illustren Kette der großen

Revolutionäre und Helden Deiner Familie und das Unvereinbare trug der Hingebung und des grenzenlosen Hochmuts (über den schwarzen Brauen und

unter dem rauhen Helm der roten Haare), traf es mich in einer unbeschreiblichen

Erlösung:

nie habe gemischtes Blut von Franzosen, Juden, Aristokraten, Dichtern

und Deutschen soviel wilde Schlankheit der Hüften und schmerzliche

Verhaltenheit der schönen Nase in eine lückenlosere Harmonie des guten

Weltbildes getragen . . . . . und der See hielt deinen Leib wie ein Schild mit

inbrünstiger Entsagung gegen den von Schwärmen übersternten Himmel.

Weißt du . . . . . als an dem Tage, wo draußen an der Notbucht einer

umschlug, und die Kreuzbö uns überfiel, zu dritt wir uns über Backbord warfen,

es drückten, den Gesandten Teherans von zwei Meter Länge im Lee durch das

schwarze Wasser zogen, und Maria, als es ums Sterben ging, das Focktau in die

letzte Messingpumpe sog . . . . . wie dein Gesicht allein mir lohte.

. . . . . wie von dem Turm, wo nach dem Wasser einer wie ein Croupier,

einer zum Land wie ein Rabe malte, jener Reiter, von Entzückung Illuminierter,

dir die ganze Nacht Feuer über die Seezunge brannte.

. . . . . wie wir durch die Sturmnacht auf den Rädern um die Seebögen

heimwärts rannten, und das Aleppogeträum des Prinzen und Bagdad und Pera

unsere Herzen verband, als lägen wir Gesicht an Gesicht in deinem Haus zu

Fiesole.

. . . . wie der große Geländeläufer, in Davos und Edinburgh gefeiert, dich

schlafend morgens im Boot entführte und abends abreiste mit eingesunkener

Schläfe

. . . . . wie der Ritter von Harty, dem die hohen kriegerischen Medaillen

die Brust überschwammen, die Regatta unter deinen Augen verlor, am Strand

saß und heulte

. . . . . und wie der Arm der Diseuse, die nach dem Gewitter gedeutet,

magnetisch angezogen dem Blitz nachjagte und auf ihn noch wies nach zwei

Stunden auf deinem Balkon und dich ein wenig verwirrte.

. . . . . weißt du, wie ich die flachen Hechtsprünge machte, um dir zu

gefallen, obwohl die Narbe mich feurig schmerzte, und deine Hände, die

gemacht sind, daß, wenn man dich liebt, man sie spüren muß oder krepieren, sie

sänftigte und meine Eitelkeit linder tadelten als dein Wort.

. . . . . weißt du, wie, als wir am Bach lagen, und die Idylle des Himmels

und der Häuser uns verzauberte im gläsernen Mittagssturz, jene fremde

augenmalayische Frau mit dem schönen Mund und den vielen Steinen, die wir

als große Freundin von der Freundschaft später so sehr noch lieben sollten, das

Auto anhalten ließ und ausstieg und zu dir einfach sagte: „Wie schön sind Sie“,

als seiest du eine Wiese.

Aber eins, weißt du, kann ich nicht ertragen:

Du hast zwischen Tau, Flieder und Vögeln mit deinem Körper getanzt in

unserem Park am Morgen, und nichts blieb uns fremd von deinem Bein und

deinem Hals und den Brüsten — — und ich habe jeden Teil durch die Luft

genossen und geliebkost wie ein Irrer . . . . .

und kein Teil deines Körpers, Kerstin, vergaß mich (wenn ich anders

sprach, log ich) und jeder hielt an sich, blieb bei mir und besaß mich toll in den

Jahren, die sich, während ich uneingedenk deines Schicksals durch viele Leben

dahintrieb, geheimnisvoll zwischen dein Leben damals und dein heut verhülltes

Leben spannen, meine Freundin.“

Sie stand auf.

Die zwei dänischen Doggen gehen vor ihr her.

 

Ich folge. Ihrem Rücken nach. Ein Fischer, Kerstin, hat mich einer Frau mit

weißen Beinen aufgeladen, hielt mit der einen Hand ihren Hals, mit der andern

die Knie. Ich wurde in einem Boot gemacht. Flog mit Störchen, blies Frösche

auf, vergaß nie, daß der schlagende Horizont einziger Freund.

Kam, als das Geheimnis der aufgebauten Körper mir noch Erlebnis schien,

wert nachzuspüren dem göttlichen Zusammenhang Eileiter, Sonne, Hoden, Niere

und Leidenschaft, mit der Syphilisexpedition, mit Reagenzen, Spiritusblasen,

Zeichnungen, Wassermann, Abnormitäten, nach Sumatra. Ätiopinnen liebten

mich, wenn wir auf den Schilfbarken fuhren. Tja—ka . . i lärmten die

Papageitaucher hinter Trontje.

Mein blondes Haar band die schmale Luxemburgerin im September vor ihrer

großen Heirat um ihre Zehen. Habe an Häfen gelungert, war Photomodell,

Araber im Sketsch des Odéon, verkaufte Zeitungen vor der Opéra und quer über

die Boulevards. Wie groß war der Sandwind selbst der Passy-Kloaken!

Wie stählern flog der Himmel auffeuernd hinter dem Rußschwanz der

Seineschlepper. Ich habe Tierschmalz in den Knochen. Wohne in einem

Bauernhaus, Kerstin, das in der Sonne schaukelt auf einem Bergpfeil. Mit dem

Pfiff auf zwei Fingern hole ich den Himmel runter wie einen Hund.

Was soll mir hier um dich der Plunder?

Sag, Antilope, blaugelber Ara, Perlreiher, kleinpupilliger Puma, zahmer

Südleopard . . . . . was soll mein Blut mit dem Angehäuften, Verfaulten,

hinfälligen Zauber, der dich verkapselt, und den, eh die fremden Hände in

diesem Haus ihn um dich zogen wie einen Keuschheitsgürtel um deine Schenkel

und Augen, Jahrhunderte nur blutlos häuften, verehrten, bewunderten, um allein

dich abzuschnüren von mir, von dir. Niemand kann lachen in dieser Feierlichkeit

hier. Doggen erfrieren und gähnen. Mir ist im Hals, als äße ich Waldkirschen, Galläpfel, Holzbirnen.

Der Römer aus Bronze glänzt ab auf deinem Rücken. Die sieben Knaben

Donatellos werfen den Marmor auf dich und verkühlen dich zu Ferne. Die

frechen, schmalen Stiele der Orchideen überwuchern dich mit solcher Geilheit,

daß sie der Köstlichkeit des Halses noch verzaubertere Linien hinzufügen.

Und die Luft der Gobelins, gebogener Kassetten, der geschlechtlosen Figuren

des marmornen Klassizisten Hildebrandt . . . . saugen dich auf in ein Maß der

Entzogenheit, daß selbst der weiche Staub des Wassernebels vor dir zurückfüllt.

Was geschieht, bezaubert, besitzt dich so stark, daß selbst die sechs

Sekunden, die ich dir über die Veranda langsam folge, dich, um die unsere

Statuetten gierig glühten am See, Schmetterlinge und Tücher brannten, Sträuche

wie Wind wehten, daß selbst die sechs Sekunden dich verhüllen und vermoosen

und hineintauchen in dies deinem Wesen Un-Nahe, Verhaßte, langsam

Entfremdende? — — —

Sie bleibt stehen.

Ich schaue auf.

Die Brust des Schlosses stürzt vor meinem Blick mit einer Glaswelle über

den Abgrund.

Da steigt und bäumt das Gebirge draußen auf hinter dem Glassturz, flammt

im Saublut des Mittag, steigt und brüllt und saust und sinkt hinter die glitzernde

Scheibe wie eine geblasene Spiegelung.

Eine Sekunde schwebt auf den Wagbalken.

Welches ist die Welt, die eigentlich mich explodierende, aufschwingende:

draußen das? Hier? Ist draußen das ein Phantom, was ich liebe zum

Verrücktsein, die Brust der Alpen, an denen selbst die Schweine gut wurden, das

Hochkar, das gleich machte, das Menschliche aufschälte wie eine Orange,

Lawinen, dressierte Sturmflocken, die Mutterbrüste der Schneehimmel, an denen

wir hingen, an ihrem fahlen Zinnglanz schmatzend, saufend, mit vollen

Mäulern? Ist das nichts, nicht ein Winterinhalt, ein Leben? Verzuckt es hinter

dem Glas? Hält nicht stand dem Leben hier drinnen, dem wilden Geruch aus

dem Jahrhundert, der Gebärde schrankenlos aufsteigenden Daseins,

verwirrenden Gobelinsprüchen, Waffen, dem Bauch des Michelangelos

Tritonen? Wird es schon Blase. Zerplatzt, abgenutzt, blaß, ein Nichts? Blähung,

die mir ins Gesicht fährt? Spiegelung, die mein Blut betrog. War mein Leben

umsonst?

Da dreht Kerstin ihre Hüfte in die bebende Sekunde mit einer Bewegung der

Achsel, wie, mit Kristianiaschwung brausend, sie gestern bremste, als neben mir,

in Hosen die schönste Statue, sie in den flamingonen Abend mit mir vom

Gletscher schoß. Die Wagzunge bebt.

Die Wage schwankt, geht hoch.

Ich sehe endlich ihr wahres Gesicht, ihr Gesicht.

Mit leidenschaftlicher Durchdringung durchsüßen die Bogen der

Schneefelder, wie herübergeschienen, ihre Haare, die Brauen. Sie spiegeln sich

ineinander in tiefem Hingegebensein, bis sie, sich vertauschend, vergehen.

Es war, als mische in einer unlösbaren Sekunde die Landschaft und das Weib

sich, die wir beide nur durcheinander ganz zusammen und vereinigt unendlich

lieben und erfassen können bis zum Tode, auf ihrem Gesicht zu einer

Vollendung, in der die Glut keines Sommers, das Zucken keiner Umarmung,

nicht die Ausschweifung der Mondnacht, keine Gefahr, Demut und Riskieren,

und die blutige Wut keines Eistages fehlte.

Wie strudeln die Weidenbäume märzlich herein! Suchen Schneeflammen sich

an dir zu zerstören. Tost der Kessel vom Signal des Bobs und erschüttert der

Himmel sich mit Süße!

Die Wagschale saust in die Höhe. Dein wahrer Kopf kommt herauf. Ich

sprenge die Zeit von deinem Mund, deinem Auge. Breche es auf bis ins Blut.

Dein Gesicht kommt herauf. Ist da. Ist da. Ich sehe jede Spur deines Körpers,

wie an dem Tag, da du tanztest.

 

Zwei Tage werde ich dein von innen mir zugewandtes Gesicht sehen wie den

segelnden Mond. Ich will dir den Abgesang bereiten, meine Freundin.

Du wirst die schönste sein auf dem Wege von der Geliebten zu der

Kameradin, und das Geheimnis wird sich in dir bestätigen von der späten

Freundschaft mit den Frauen, an deren Brust wir von der Pilgerfahrt wie an der

Mondflamme uns golden ausgeruht.

Dein Schritt wird als ein Echo irgendwo lauschend stehen. Aus jedem Spiegel

wird unserem eigenen dein tragischer Stolz entgegenschnellen und

verschwimmen. In großer Brandung wird dein Gedanke mich treffen.

Selbst unsere seltene Ruhe wird durch dich schwebender und gleich einer

Ballonfahrtschleife, deren Klarheit die Geräusche des Bodens in der Ahnung nur

steigert, aufglänzt, hebt.

Jedermann weiß, was das Summen einer Goldfliege an Ungeheurem ist in

einer Sommerkuppel. So warst du.

Als du kamst, sangen die Hunde dir zu in ihren Träumen. Die Sarabande der

Sturzbäche machte eine silberne Wolke hinter dir, und dein jungfräuliches Herz

verlangte nichts andres, als guten Saft deines Lebens meinem Eindringen

entgegenzutreiben.

Und siehe:

Dennoch . . . . . bringst du Unheil über mich und alles, was ich tue.

Schon im Sommer barst der Riemen, verlor ich die Wette, kenterten wir beim

Halsen, mißlang eine Arbeit von drei Jahren. Heute nacht sprang meine Uhr,

raste ein Wecker, kam ein Todtelegramm. So vieles schon treiben die wenigen

Stunden herauf, seit ich deinen Geruch wieder spüre. Wird morgen der Sprung

vom Skihügel meine Knochen zerknacken, wird mein Schlaf mir entzogen,

erkrankt meine Niere, wird der Geliebte der Midussi, weil sie noch bleibt, der

Locke inmitten ihrer Stirne halber, am Bahnhof mit dem Revolver mir auflauern,

mich erschießen?

Dann bist du entfernt, und die Geschicke knallen aus den Federn.

Aber ich lache.

Siehe den Sinn herauf der Kraft und weiche nicht eine Minute. Gerne hielte

ich, verzaubert von solchem Schicksal-Gegner, die Hand in deinem schönen

Fleisch, entzückte Parade, und mein trommelndes Herz wäre jede Sekunde

bereit, durch die Tranches, die Fahnen, Tanks und die Marne des Schicksals

hindurch sich zu schlagen. Denn siehe: ich kann nicht leben, wenn nicht mein

Ehrgeiz Flamme speit gegen Widerstände, Schicksale abdonnert, sich riskiert —

und der Condottieri meiner Adern aufbricht, steigt, strömt vor Stolz.

Aber du.

Du hast deine Schönheit in wechselndem Spiele ausgeliehen an die Dinge,

die um dich sind. Es liebt dich jeder Baum, jede Wiese und jeder Himmel. Zu

festes Halten ist Tod aber für die großen Liebenden. Deine blumenhafte Zartheit

abzulenken vom sanften Gleiten deiner fatalen glückhaften Bewegung in die

anderen Zustände deines Verweilens, zerstörte nur deine kostbare Form. Es heißt

zurückgeben dich an das Viele, dem du gehörst, Entzogene den Leberblumen,

dem Kiesweg, dem Hochkar, den Matten des Forellentals und Weidentroddeln

der Bäche, den Dörfern, Gehöften. Sie lieben dich alle, warten in Sehnsucht. Ich

kann sie nicht ersetzen, nicht immer um dich sein, dich nicht mit tausend

Vertauschungen sehnsüchtig halten.

Wie sollte ich leben?

Nur auf der Höhe der weit und wie Pfauenräder verwirrend geschwungenen

Gefühle uns begegnen, durchdringen und kulminierend besitzen — — wie schön

unser Schicksal.

Du wirst nicht weinen.

Der Abendgesang der Berge ist wie Glas. Regenbogen des Mondes spielen

darauf. Die Schweife der Pferde sirren dir nach: Geliebtes.

Selbst Lil Pax wird in den guten Stunden ihrer Krankheit beten, daß du sanft

durch den Abschied entgleitest und gut es hast, bis idiotische Schaffner den

Morgen aufgellen: Fiume . . . Buccari . . . Czirqueniza . . . und milde See dein

florentinisches Lächeln spiegelnd tragen.

Die Leidenschaften haben sich erfüllt. Selbst die Trennung ist da eine heitere

 

Bewegung. Man muß zu leben wissen und sich einrichten. Man trägt den Kopf

nicht zwischen den Schultern nach hinten. Hinter Gewesenem seufzen? Die

Sentimentalen haben nie eine Frucht aus der Leidenschaft gezogen. Daß etwas

so war, ist eine Herrlichkeit. Schied es in Harmonie, welch ein Besitz!

Als ich mit Lil Pax am Abend um den See fuhr, hatte Uga, die

Bronzenymphe des Grundes, ihre Lage verlassen und es schien, daß sie sich mit

Bauch und Gesicht ein wenig gegen den Wagen hin unter der grassilbernen

Oberfläche bewege.

Das Grün kam aus der Tiefe um ihre Glieder mit einer Stille herauf, daß

dieser wundervollen Bewegung nur der Mond noch jene gewisse Starre

hinzuzufügen vermochte, mit der er riesenhaft die Fahne der Schneefelder

entrollte.

Der Mund neben mir lächelte voll Zurückhaltung.

Es gab nichts mehr in der Dämmerung als die selbstverständliche Bewegung

der Nymphe. Um Baum und Eis und Pferde schwankte ihre Erinnerung. Dem

Lauf der mondmagischen Berge gab sie das Maß ihrer Gegenwart. Wir fuhren

durch die Fichten wie durch ein Spalier dieser Anmut, wenn sie sich in dem Reif

bewegten.

„Kann man“, sage ich, „jetzt noch den Mut finden zu glauben — und sei es

nur der Sportlichkeit der Vergleichung halber — daß eine unter der Masse

jüdischer Rodlerinnen, Danziger Offiziersfrauen, der Filmerinnen, bebuster

Antiquariatsweiber, württembergischer Reichsgräfinnen, der Pilules-Orientales-

Breeches, der Dichterinnen, der A. E. G.-Direktricen . . . . . daß eine nur

vermöchte, dieser göttlichen Bewegung sich anzugleichen und auch nur

annähernd dieser Überlegenheit nahezukommen . . . .

daß eine vermöchte, zwischen dem zarten Rosa der hochgeschwungenen

Wade und den breiten dunklen Schenkeln, Kniescheiben von dieser Kleine und

Rundung zu wiegen und die stählerne Wucht der Jägerin auf so verengten Hüften

zu heben, daß Kerstin selbst diese Linien der Göttin nur in ihren besten Stunden

ertrüge . . . . . .

daß zwischen hirnlosen gelben Husaren im Schlitten solch unirdische

Geste irgendwo hier aufzustehen vermöchte, und daß unter der Verbrämung der

Pelze der Blick einer solcher Anmut gleichkommenden Frau den Horizont

absuchen könne bei den idiotischen Foxtrottphrasen der bayrischen Flachstirnen

. . . . . .

daß am Tisch in der Nase bohrender Tanzdivisionäre, korsettierter

Hochstapler, kastrierter Erlauchte, gemalter Perlenweiber eine so gestaltete Frau die Angst der rasenden Großkapitalisten umschwirre . . . . .

daß sie eintrete in von jüdischem Kommerzienrat mit dunkelbrauner

Glatze und schlechten Knickerbokkers ihr geöffneten ausgehaltenen

Appartements . . . . . .

daß vielleicht auf dem Eliteball der geflüchteten Aristokratie sie

heimlich ihren Fächer trüge, und, in weißen Handschuhen und

Hofballpantomime in schäbigem Restaurant die verfallene Zeit in den kleinsten

Symbolen aus Trotz betonend, vor Spartakiden jede Minute erzitternd, zwischen

schlecht geratenen fürstlichen Kuriositäten und vermiesten Exzellenzen in

steifen Tänzen stünde . . . . . . und vielleicht sogar in einer unheilvollen Sekunde

dem fehlenden Kinn und der Grande-Bouche-Chevalerie des hohenzollernschen

Reichspinguins entsetzlich verfiele . . . . . .

und daß in der plötzlich ausgelöschten und ohne diese Erinnerung

freudlos gewordenen Schneesteppe überhaupt irgendwo, daß in Hotels, auf

Bobs, bei Sonnenaufgängen, in gescheiterten Schlitten, bei Skistarts sich die

grenzenlose Überraschung solch göttlichen Lächelns zu entfalten vermöchte, an

dessen Entzündung die Leidenschaften erst sich zu entwickeln vermöchten in die

märchenhafte Höhe . . . . . . — — —

Aber alles in mir wird nun trotzdem die entsetzliche Bemühung antreten,

dennoch ein lebendes Ebenbild zu finden, das, ebenso erlesen und dieser

Gebärde an Schönheit vergleichbar, der frauenhaften Adligkeit Kerstins auch

noch das Unbegreifliche der Göttin hinzufügte. Suchen wir. Es gibt keine

Phantasien.“

Aber es kam scharf aus den Pelzen, die einer Wolke gleich über dem

Wagenbord flauschten:

sie vermöge in Wunsch und Absicht dieses Planes schon nichts anderes

zu sehen als jene maßlose Überhebung unserer Rasse, die, ohne Übergang der

Kulturen, das Herrliche sofort für sich requiriere . . . . . und die wir glaubten,

pathologische Athleten, neben der Dummheit den Mut der Stiere als Erbschaft

tragend, auch das Gezüchtetste und Überirdische neige ohne Bemühung schon

sich unsrer Ungestalt als natürliche Beute . . . . . .

und daß das kindische Haschen (und nicht begehrenlos Ertragenkönnen)

nach der göttlichen Spiegelung mit seiner rohen und nur auf Gewalt gestellten

Äußerung in seiner naiven Zufriedenheit schon jener unendlichen Rührung

nahekomme, mit der der Glaube unsres Volkes, Gott habe vor anderen es

auserwählt zur Herrlichkeit (obwohl er es mehr wie irgendein anderes als

Sklaven gestempelt und täglich vor die Tiere warf) seine schwarz-weiß-roten

Patrioten als so besonders arme Akkoucheure des Glückes erscheinen lasse

. . . . . .

und daß schließlich doch nur Besessene und Wilde das Unmögliche

nicht zurückschrecke, die wir auch nach der tragischen Lächerlichkeit unserer

Revolten seit der Reformation bis zu den Bolschewiken das Bittre unserer

menschlichen Unvollkommenheit immer noch nicht als Verworfenes erkennten

. . . . . und unserer Rasse tiefste Mischung von Roheit und Sentimentalität auch

in den überlegensten Minuten nicht verleugneten . . . . .: Barbaren der Sehnsucht.

— — —

Wieder überflog ihr Auge und den Mund der Charme, der an ihr Leben

bedingungslos band, und der auch in der Anklage dem Gezüchtigten

Bewunderung nicht entzog: „Immer“, klagte sie, „sind die erstaunlichen Vögel

seewärts gezogen und ins Meer gestürzt. Man kann sie nicht hindern.“

Ich wende mich den Pferden zu vor Lachen.

In ihre Kosakenpupillen ist plötzlich das Grün getreten. Auf dem Bach zur

Linken flimmert es in Kreiseln. Der Hohlspiegel der Gletscher wirft es mit

Scheinwerfern herauf über die Schneeprärien. Die Erinnerung der Nymphe ist

aus dem Spalier der bereiften Bäume heraus bis vor den Himmel gedrungen.

Alle Entgegenkommenden haben Seefarbe über den Brauen. — — —

Da liegt nun das Leben zum Suchen. Die Leidenschaften sind in die größte

Spannung getreten. Man sollte das Unvergleichliche nie erblicken. Man tötet

sich aus Sehnsucht.

Wann hat das Göttliche je sich heruntergeneigt?

Ich finde es trotzdem.

Das Glück ist eine Hure für junge Leute und bereit für die zwischen Zwanzig

und Dreißig den Traum einer Taille zu bestätigen.

Uga!

Ich finde deine Bewegung wieder, mit der du das Wasser deines Sees ein

wenig erregtest und ich zittre, du seist es selber, so sehr hat die Frau, die auf

Skiern nun steht und gegen das Gebiß der Gebirgszüge hineinschwebt, deine

Kraft und deine Kühnheit. Sie hat die Hände in den Taschen und fährt mit

karierten Breeches, die die Bluse wie einen Kelch heben. Man muß sie auf

Skiern erreichen. Es ist eine wahrhaftige Jagd.

Uga!

Ich hole sie ein. Es ist unmöglich ihr einen anderen Namen zu geben. Ihre

Haltung hat nur etwas Durchbebteres wie von einer Gazelle in den Hüften und

von einem Schwan etwas Kühle um die Schultern. Sie erstaunt. Sie stellt sich.

Ich sehe ihre Hände, ihr Gesicht. Selbst der Unmut ihrer Braue hat eine

Richtung, als vermöge er sich aufzulösen und wegzuschwinden mit ihr in andere

Gegenwart. Ich wische mit leisen Worten ihn weg.

Wir fahren zugleich ab, ich lasse ihr jeden Vorsprung, bemühe mich, daß sie auf mich, die Gewandtere, wartet. Aber auch ihr stolzes Lächeln hat keine

festere Begründung als ihr Zürnen. Kein Horizont hinter ihr. Wenn ich ihr Leben

weiß, bin ich soweit wie am Anfang. Um dies Lächeln zu sehen, tausche ich die

Qual es nicht ertragen zu können? Welches Scheitern!

Mit großen Schwüngen nehme ich die Führung plötzlich.

Göttinnen lieben zu entgleiten. Aber sie gleiten mit Skiern nicht den Berg

hinauf. Sie folgt geschlagen ins Tal. Eine Woche bleibt vor uns: bebauen wir

unseren Garten! Ball, Pferde, Schlitten, Spieltisch, Bobs, Skijöring, Musik

hinein in die Woche. Heran nun Tag auf Tag!

 

Wir nähern am dritten Tag uns dem Kloster. Dem Wagen tritt in Parade Stück auf

Stück der Landschaft entgegen. Der Kamelberg mit dem Tagmond schmal

gezeichnet kniet vor das Tal. Die Madonna sieht, mit der großen Zehe den Zeiger

der Sonnenuhr weisend, herüber zu Uga.

Sie zeigt das Raubtiergebiß, das Lachen der jagenden Diana.

Wir nähern uns dem Kloster.

Gold, blau und zärtlich im Weiß summt die barockene Kuppel in das

fließende Hell, im Schweben von dem Aufstieg des Korbinian, Katharinas,

Benedikts, Sebastians und der Heiligen Familie begleitet.

In der schwelgerischen Bläue steht die lateinische Stimme des Präzeptors

rund und hoch, eine Lobpreisung.

Der Chor der Pagen, die ciceronische Perioden reiten, geht im Kreis in sanfter

Herde die welligen Raine hinauf über die Zacken bis ins Licht.

Selbst die Gäule haben die Stille erfahren und traben an der Bergschlucht

zum Brunnen mit einer Übereinstimmung der Hufe, als liefen sie in den St.

Leonhardstag, an dessen Dämmerung die Pferde eintreten in ihre eigne lange

und einsame Prozessuale.

Aber wo die bayrischen Aristokraten mit Flüchen auf die Revolten, falschen

Pässen und in Mönchssoutanen durch den Hohlweg nach Österreich flohen,

haben die Fahnen der Weidenbäume über dem Schnee sich so gesenkt, daß das

seidene Rot von Ugas Mantel plötzlich von gelben blühenden Fransen umweht

liegt, und selbst der Duft der Seidelbaste heruntersteigt und sich mischt in die

Huldigung, die der frühe Frühling mit Himmelschlüsseln und Krokus um sie

entfacht.

Selbst die Nässe, die vom Humus den Geruch des Frühjahrs zu der

Bewegung der springenden Knospen hinaufträgt, scheint sich an ihr mit allen

Düften, von denen die Luft sich schüttelt, zu entzünden, und jedes Element und

jedes Ding scheint bereit sie an sich anzugleichen.

Wenn sie kein Fohlen wäre im Mutwillen ihrer Gelenke, in jedem

Traumzustand der Wünsche würde sie als Forelle mit mir schwimmen in allen

Bächen, die Abfahrt der Hügelfläche zum Haus Chrystophorus mit mir fliegen

als mein Hikory, als mein Motor jubelnd mit mir schweifen über die Pässe.

Welch sichere Gegenwart! Und würde nicht, der ungewissen schattenhaften

Wildheit eines Tieres gleich, das mein Gefährt nur wie auf Sekunden begleitet, erst durch die scheue Berührung ihres Blickes die Sicherheit eines Lebens und

einer glühenderen Gegenwart mir geben, deren Kühnheit mich erst völlig in den

Rausch des Tages hinein begeistert:

O ein Holzhacker sein zwischen der Chaussee und dem Wildbach!

Briefträger zwischen den Leberblumen und Gletschern! Biene über den

Kätzchen! Pferd nach dem Bergsee! Die rote Weste des Postillons, der die

Kurven zum Pisaner Gnadenbild fährt, vor dessen elfenbeinerner Schönheit die

Bauernmönche des Klosters täglich erschrecken.

Da spüre ich den Druck ihres Knies.

Von nun ab hat sich der Atem des Tages um sie zu einer Süße erhoben, um

die nun alles ohne Abwehr kreist und fliegt.

Und während wir, in den Schleifen der Straße hängend, herauf und herab uns

bewegen an der Seite des Gebirgs zum Tal, sehen wir, wie die Eisberge

spielerisch sich neigen und heben und, sausend auf der Schaukel der Seligkeit

gewiegt, aus dem Fasanrot der Ebene sich hineinbegeben in den gleichen Takt.

Mit gewechselten Pferden geht’s in den Abend weiter. Fünf Fackelwagen

liegen über uns in der Spirale. Die Feuerscheine huschen flackernd über Ugas

Gesicht, ich sehe sie nicht deutlich.

Ich kann jedoch, mit klopfendem Herzen die Pferde nicht in den Umwegkreis

zum See verleiten, wo durch die Konfrontierung mit der bronzenen Schwester

ich den Zweifel, sie sei es selber, verlieren müßte, und, spiegelnd, das schöne

Bild sich vollzogen hätte:

daß der kühnen Bewegung der über das Grün des Wassers gebeugten

Diana das schwermütige und wilde Lächeln der Nymphe vom Grund herauf

entgegengetaucht wäre in einer beispiellosen Vollendung.

Doch unter dem Eindruck ihres lautlos geöffneten Mundes, wie vom Feuer

aufgesprengt, heben die Gäule die Hufe und die weißen Bäuche senkrecht auf

und biegen gegen die Kandare herum in den Lauf der anderen Wagen ein, den

beschwerlicheren Weg mit hingebender Geduld hartnäckig wählend, den

Terrassen zu, um über dem eisern und grau vor das Bergmassiv genieteten See

den Morgen mit der Brandlawine zu erwarten.

Als das Bankett uns dann trennte, hatte die schöne gipsern geweißte Frau des

Amerikaners neben mir nicht so viel Fähigkeit mich abzulenken, daß mir auch

keine Zuckung an Ugas Arm unter dem Ärmel entging.

Meine Vermutung weiß, ohne daß ich es sehe, vom Ansatz der Knöchel aus

deutlich, wie braun sie ist bis in die verschwiegensten Falten der Übergänge des

Leibes, und die Haut, die föhnig den Körper überfliegt, hat nur die eine prächtige

Stauung, wo sie den dunklen Hügel der Brust heraussprengt.

An ihren Beinen sieht selbst der nur nach schlanken Jünglingen hingewandte Flieger Sofias, daß, mit solch verschlungen gestählten Sehnen, sie, auf einer

Kugel stehend, Tage verbringt, im Gras über Hügel und Raine hinspielend. Denn

die erlesenen Muskeln, die groß und gedehnt geworden sind im Streifen durch

die Sonnenkringel der Buchwälder und des Jagdparks, gehen in der

Verwegenheit der Spannung so weit, als sei jeder ein junges Tier.

Aber mein Herz erhebt sich nicht. Von dumpfem und angstvollem Pochen

gefüllt hält es an. Denn wenn das Lächeln ihr Profil erhellt, fällt sie so sehr über

die anderen weg in eine Sphäre, die mich erbleicht, daß auch das weiße Glänzen

ihrer spitzen Zähne nicht die heiße Furcht zu bannen vermag, daß unter den

Kanten des Tischs ihr Leib in einer kristallenen Flosse sich manchmal vollende.

Ich sehe, die Nacht steigt herab. Der Mond hat im Zenith den Schnee blau

geflaumt. Ich sehe das Kap des Bergmassivs immer wieder, wenn der Schlitten,

der mit den anderen im Kreis jagt, es umbiegt. Mit tragischer Maske hält das

Gletschergesicht sich monden verhüllt. Dunkel brüllt unter dem Hufschlag das

Wasser gegen das Eis. Ich sehe noch durch den Traum des Jagens die Männer

mit Dolchen und Lampions rufend auf die Leitpferde springen. Da beginnen die

Blaumeisen aus dem Frühlingswald im Tal unsichtbar die Frühhelle süß zu

durchsingen. Ich hole den Wagen Ugas ein, es fällt mir von den Augen: weg die

Betäubung, welche Klarheit!

Die Sonne zuckt eine Minute, dann schwillt sie vor riesenhafter Bewegung.

Als sie den Gipfel des Gletschers erreicht, verrauscht das Seidene der Luft. Der

Himmel zerbricht, die Lawine gleitet, welche flötenhafte zerbrechende Musik!

Ich sehe Ugas Auge zittern. Ich habe Verachtung plötzlich auf meine

Unsicherheit um das Verflüchtigende ihres Wesens. Ich durchdringe ihr Auge,

während die Brandlawine märzgroß im Donner herankommt. Als die Felsen sich

bewegen, hat sich das Dunkel ihrer Pupille geweitet. Wie ich eindringe, sicher,

morgenlich, schön umsungen aus nun erhellten Frühlingswäldern, das bis zum

Weinen verengte Herz von den Vögeln golden erhoben, weiß ich eine Sekunde

lang sicher, daß ich sie nie mehr, die Flüchtende, verfolge, sondern daß ihr Lauf

immer mir entgegen sein wird, und daß eine andre mit achatnen Augen den See

bewohne.

 

Sie wird nicht über den Strich eines Gedankens, nicht über die Länge der

brodelnden Wiese entweichen. Nachts wird sie manchmal nur schreien. Sie wird

sich der Männlichkeit, die sie einmal besaß, nicht mehr entreißen. Man flieht

nur, was man nicht kennt. Das Blut versöhnt. Man gab den Amazonen kein

Vorrecht.

Als ich im Schneegestöber sie kommen sah, den Mittag zu durchstreifen, in

Breeches, wie irgendeine schöne Frau, durchfuhr mich Rührung, sie nicht mehr so sehr hingegeben zu sehen an die Mächte, denen sie mit einer gewissen Blässe

des Auges, wenn ich heftig nach ihr Sehnsucht trug, bisweilen gehörte.

Sie trug die Gelenke des untersetzten Jägerinnen-Körpers in einer dunklen

und erlösten Herbe, und langsam, während sie die lange Straße heraufkam,

schlossen mit hängenden Zungen und nach ihr gerichteten Augen an sie, die den

Knäuel leicht nur mit den Fingern wehrte, die Hunde von Tür zu Tür in Meute

sich an.

Uga!

An den Riedhängen entging es sogar der knurrenden Gefolgschaft deiner

Tiere nicht, daß, tief grüßend, der Reichspinguin einen Bogen um deinen

lärmenden Einzug schlug und nicht in die Nähe der glühenden Lefzen gelüstete,

über denen deine kleinen Hände spielten.

Du lachtest noch, als wir auf der Hügelkuppe in das Haus des Matrosen

traten, der, fünfzig Jahre die Welt überwandernd, immer neu hingerissen nach

Äquator und Pol und Wendekreisen seiner bäuerlichen Sehnsucht, das Seltsame

der Erdteile in seine Höhle stapelte . . . . . . und du in einem Regen dich

umschwingender birmanischer Harfen und Phalloswurzeln, Haimaulen und

Palaumasken so im Schatten standest, daß nur das Weiß deiner Iris im

Samtdunkel wie ein Dolch sich bewegte.

Ich sage:

„Deine Gefolgschaft . . . . .

Graf Cantacuzene umschleicht dich nur noch fern und Wrede

wächst ein Geweih vor Eifersucht, wenn du, zur Meute gewendet, einem

Anderen deutlicher das Gesicht zuneigst. Dein Park von Edelgetier schweißt

gegeneinander und stampft vor Zorn, Bohan zerschmettert am Meilenzeiger

bebend seinen Stock, den seinem Großvater ein dicker Kurfürst dedizierte aus

Gnade und Dank für die Errettung vor einer Sau, wenn er dich nicht antrifft . . . .

und Sailern vermag (oben Lénau, unten Mikosch) nicht einmal mit seinen

gewonnenen Schlachten und der Zartheit seines von Frauen sehr gerühmten

Schulterknochens über seine Niederlage bei dir sich zu trösten.

Der rosendünne Morgendiskant Uwaroffs ist unter deinem Zimmer

verstummt. Saluzifsky hat den Zirkel um den Spieltisch in resignierte Enge

gezogen. Und der seltsamerweise deinem Gang geneigte knabenliebende Ski-

Dioskure hat nicht unterlassen, in rotem Sweater und gelben Gamaschen den

Falsett seiner schneidenden Kindlichkeit auf seine Nebenbuhler zu hetzen.

Aber wie kann selbst die Kläglichkeit solch halbseidener Haltung und die

Kretinerie dieser Drohnen nicht die Würde verletzen, die den wahrhaften Kern

einer gezüchteten Rasse so hoch in die Jahrhunderte begleitet hat, und wo Hohn

und Spott nur immer noch sehr kleine Korrekturen bedeuten können einer Bedeutsamkeit tiefsten Sinnes!

Und die zu bekämpfen heute nur die weltfremde Idiotie deutscher

Dichterknaben und orgiastischer Revolutionäre ermöglichen kann, die, trotz

Umsturz und Revolte um hundert Jahre verspätet, durch ihre Ahnungslosigkeit

der Vorgänge die allein feindliche Widerlichkeit arrivierter Bürgersöhne und

Kopisten adliger Gebärden noch nicht zu erfassen die geistlose Dreistigkeit

besaßen.

Lächerliche Blague! — — — —

Wo niemand begreift, mit welch ahnungsloser und erlauchter Schönheit

die wirklich adlige Rasse der Staufer und Kreuzzüge neben der ihnen

unverständlichen Zeit her in den Abgrund hineingeht, und wo selbst die besten

und raffiniertesten Exemplare nicht einmal soviel Barriere-Mut aufzubringen

vermögen, daß (was ihre Sache immer wieder gerettet) nicht einmal Deserteure

zeitweilig ins feindliche Lager übergingen . . . . . .

wo zwar das Gemecker eines ehemaligen Königs über seine eignen

Stiefelspitzen in seiner namenlosen Albernheit von derselben Widerlichkeit

berührt wie die Brillantenschiebungen des süddeutschen Prinzen und die

Massierung der Grenze im amerikanischen Auto (und Diplomatenpaß) voll

Antiquitäten . . . . . .

wo zwar die Kavallerieattacken des württembergischen Generals am

Bakkarattisch des Kurhauses zwischen Schiebern und aufgekommenen

Zuhältern in ihrer Wurstigkeit um den Brand des ringsum angezündeten Europas

noch glänzender berühren als das schwachsinnige Gekeif gegen die Republik der

ehemaligen popogescheitelten Beamten . . . . . .

und wo erst recht die theoretische Hingabe an den neuen Zustand

vereinzelter Freunde in seiner Ehrlichkeit, Zögerung, Bedingtheit nur die

ungeheure innere Befremdung und lediglich von adliger Gebärde überglättete

Hilfslosigkeit anzeigt.

. . . . . . Wo sie bei Eisners Ermordung zwar Faschingsbälle abhielten,

während in München Hunderttausend eine Blutwolke wie nie seit den

Hugenotten zu beschwören nah waren . . . und bei der Baltikumer und Kapps

ungenialer Harlekinade foxtrottend wahrlich hinlänglich bewiesen ihr

Désinteressement an Deutschland, das freilich ihre Herrschaft nicht nach der

französischen Revolution geknickt, sondern nur in seiner bubenhaften

politischen Nachlässigkeit es unter dem zweiten Wilhelm zu so falscher und

maskeradenhafter Herrlichkeit der siebentklassischen Leute hatte werden lassen.

. . . . . . Wo die Entfernungen zwischen den geistigen Trägern der Rasse

und den Aristokraten so irrsinnig sich verzogen haben, daß den meisten adligen

Exemplaren in Deutschland sogar der Künstler, mit dem sie gern früher sich mischten und den sie trugen in die Höhe der wundervollen Epochen . . . . daß er

ihnen ein Wesen geworden, bestaunbar wie ein Papagei in seiner Fremdheit, ein

Pudel, halb blau und halb grün, und den sie nur fürchten oder hassen oder sich

ihm unterwerfen, wenn seine Breeches besseren Schwung besitzen und seine

Ledersachen und Reitzeug eine noch kühnere Diskretion verraten wie die ihren.

. . . . . . Und wo schließlich die falsch angesetzte antisemitische Parole,

von rotgemalter alternder Duchesse mit den Pistons ihrer Zahnplomben aber

auch den Pauken ihrer Hüften angegeben, zwar weder über die Unasiatischkeit

ihres Stammbaums noch über die Fragwürdigkeit ihrer Vergangenheit

hinlänglich beruhigen kann . . . . . . wo die Ohnmacht der ungarischen Gräfin, die

alle Mädchen verführte, beim Namen eines der gehaßtesten revolutionären

Führer . . . . . . ebenso wie das goldene Kettenarmband um den Skistrumpf der

Hessin . . . . . . und der meskine Bürgerwehrschwindel und

Antibolschewistenpathos älterer bäurischer Offiziere in seiner falschen und

bourgeoisen Verplamperung

nichts zwar als unser breites und vollendetstes Gelächter bereit findet,

. . . . . . . die wir, auf härteren Seiten des Sternbogens stehend, aber auch

mit Wollust alle Höhen überschweifend, keine Sekunde unterlassen werden, die

Albernheit der menschlichen Figurinen unerbittlich aufzuzeigen . . . . . . und die

wir, bereit jede Sünde gegen Welt und Freiheit bis auf das Blut zu bekämpfen,

auf keinen Reiz und selbst gegen das Herz hin irgend einen Pakt der

Gemeinsamkeit mit irgendwelchen Obskuren (von welcher Seite auch immer)

schließen würden.

. . . . . . die wir aber dennoch nie umhin können, hinter den besonders

publiken kleinhirnigen Ausnahmen den großen Blutgeruch der Züchtung und

Erlesenheit triumphal zu spüren und, bejohlt von den Polizisten von links aber

eiskühl bis auf die Nägel darüber, gerade in diesem Versagen das Erlöschen der

Rasse wie langsam gewordene Scheinwerfer auf die tragische Epoche zu

empfinden und zu lieben . . . . . . und bei den Frauen diesen bewundernswert

schlanken Hineinritt in die Röte des Sturms.

Wie ungewöhnlich unbeträchtlich sind in der Ausübung ihrer Mission und

der Handhabung ihrer Berufung die aristokratischen Wölfe geworden, aber wie

glänzend und liebenswert blitzt noch das Gebiß dieser Feinde der Freiheit!

Denn auch du, die du zwischen den Dörfern die Schneeobeliske der Hügel,

den Stock mit dem Seidentuch daran in der Hand, gestürmt hast, und in deren

Kehle der Blutruf der Kriegsgötter neben den der großen Jägerin trat, auch du

hast nichts in deiner göttlichen Entferntheit als Unverstehendes und

Gleichgültiges zu Zeit und Qual dieses armen und geschundenen Volkes . . . . . .

denn du bist so sehr von durch die Jahrhunderte erlesenen Instinkten geleitet, daß du, Zeitlose, die Gesellschaft der Hunde deiner Wahl jener der nicht gut

gezüchteten Menschen unbedenklich vorziehst.

Und ich liebe dich auch dafür.

Auch wenn du an einem Fenster einmal stündest, unter dem ich füsiliert

würde oder erschlagen, und von dem Fenster in naiver Laune und unwissend, in

wen der Donner einschlug, dem Sieger mit einem Tuch zuwinktest, das ich dir

einmal schenkte.

Denn ich liebe dich um deiner Fülle von Rätseln, um deiner Widersprüche

und deiner Entferntheit und nicht zum wenigsten darum, daß du selbst sogar

vielleicht bereit bist die mykenische Lanze gegen meine Brust zu schleudern. Ich

bin ein Kind der Erde und freigiebig auch in der Preisgabe, aber voll von Lust

auch, sie ganz zu umfassen und in der entlegensten Äußerung zu begehren. Ich

bin nicht ihr Affe, nicht ihr Sergeant, sondern ihr Geliebter, auch im Kampf. —

— —“

Sie hat einen Bogen der westlichen Papuas in der Hand, und es ist kein

Unterschied zwischen ihrem Schenkel, dem Bauch, dem Nacken und der

Spannung des Instrumentes. Hinter ihr ist rotes Glas, darüber weicher

aufgerißner Himmel.

Und während sie den lautlos den Garten durchjagenden Tieren zuwinkt, steht

ihr Gesicht mit der seltsamen kurzen arischen Nase wie eine metallene Maske in

dem Rubin . . . . . . ohne Rührung, als sie der Feinheit der Glieder die bedeutende

Kraft der Lenden zu solcher Bewegung hinzufügt.

Der alte Matrose hat den dressierten Affen gelöst und ist mit ihm in die Beete

gegangen, wo er, mit Schneeglocken winkend, aus den halslosen breiten

Schultern den eisgrauen Trollkopf erhebt.

Denn auch er kann nicht ruhig neben ihr bleiben ohne Huldigung, ihr nicht

wie irgend einer anderen um Geld Schlangen aus Peru, Eier vom Sudan,

Mumien, zirkassische Amulette der Liebe und andere Symbole seiner

schweifenden Sehnsucht zeigen, während neben ihm zwischen der weißen Wolle

des Koptiabaums plötzlich sie die Schultern aufzieht und in der Veranda wie in

einem Tigerwagen steht.

Du willst Lil Pax sehen, Uga.

Aber ich schüttle den Kopf.

„Nein.“

Denn ich kann dieser schrägen Richtung deines Blickes nicht folgen, Uga, die

blühende Sicherheit deines Atems Lil Pax entgegenzuführen, denn ich weiß

nicht, ob sie geneigt ist, soviel tierischer Anmut sich hinzugeben. Die sie

entführende Wolke ihres Schicksals schiebt sich immer tiefer und geballter unter

ihre Füße. Und ich will nicht, daß, von soviel unübertrefflicher Geschmeidigkeit deines Lebens getroffen die jüdische Madonna einen Augenblick nur erstarrt vor

der kugelbrüstigen Diana.

Denn du bist von ihr getrennt durch alle Zonen des Blutes und in deiner

fürchterlichen Mischung, die von der Grausamkeit der Göttin bis zur elastischen

Stärke der irdischen Hüften sich wundervoll ausdehnt, zu weit entfernt von

ihrem Pol des Entsagens, als daß du nicht ohne Gefahr der Zerstörung zu

plötzlich mit ihr zusammenstießest.

Ich liebe dich, Uga. Ich habe mit einem Zittern des Herzens und nicht ohne

demütigen Eifer meine Sehnsucht der deinen genähert. Du begrenzest in einer

unnatürlichen Höhe alles, was nur Wünschbares bis zum Unmöglichen mein

Blut durchfährt.

Aber Uga, wenn du die weitesten Kreise, die von dieser Frau zu dir gespannt

sind, durchjagst, auch durch die Kreise deiner Vollkommenheit, Uga, empfinde

ich nichts als ihr Schicksal.

 

Wir fahren nach einer Schneehütte am Gletscher. Die Woche senkt sich. Die

Einsamkeit steht zwischen uns und den Menschen, das ist Glück.

Brächten Bauern auf ihren Ochsenschlitten Flieder statt Heu auf unsere Höhe,

während sie schläft, in der Sonne vor der Hütte, ich dächte, der Himmel, der

herabkommt auf ihren Busen, habe ihn abgeschneit. Die Lichter der Taldörfer,

der Berghänge unten sind am Hintergrund unserer Einsamkeit aufgezogene

Zeichen der Menschen, die wir geheim verlachen in unserer Ruhe.

Nur einmal, als dumme Passanten, halb getötet vom Aufstieg aber ihre

Niedrigkeit mit sächsischem Geschrei schamlos preisgebend, uns nahten, hatte

sie Gelegenheit, mild und im Erklären sich neigend, eine Größe zu beweisen, die

weit das mitleidlos spöttische Lachen der Göttin übertraf.

Die Rührung über das Glück hat die Grenze erreicht, wo das Alberne ein

Geschenk wird, wenn man es gibt. Der Himmel wogt unerbittlich durchblaut.

Hinter dem Gebirg berührt er meine Kindheit:

„Als ich klein war, Uga, ward ich krank und bekam den Pudel Fosko.

Mein Bruder stahl ihn in einem Zirkus. Wie lag ich im Bett und verzehrte mich,

aufzustehen, um das Gartenviereck mit ihm zu rennen und ihn zu hetzen, daß er

Wildkatzen zerbeiße. Zehnjährig habe ich auf dem großen Gut Tivolis im Bett

meines Cousins Zigaretten versteckt und in den Matratzen vergessen und

erwartete Monate die Entdeckung, und daß man mich als Verworfenen an den

Pranger schlug.

Die Neubauten unseres Villenviertels habe ich alle gekannt, die Mädchen

liefen mir nach hinein, wo die Labyrinthe von Keller und Dachstiege

geheimnisvoll sich begegneten.

Unterm Damm durch den Teich vor unserem Haus beerdigten wir Eichhörner

und bissen die Zähne aufeinander, so bedrückte es uns, daß wir mit Quarzsteinen

sie aus den Lärchenwipfeln geschmissen, aber zum Fest der Vollendung haben

wir eine Dogge, den Feind, in den Maulbeerbaum gehißt. Einem Dobscher, der

von Rennfahren träumte, fuhr ich im Rollwagen des Steinbruchs die Kniescheibe

durch, daß er schneidernd bald bei der Petrollampe flirrte.

Als die Canneri, die das bezauberndste Lächeln trägt, mit goldnen

kurzverschnittenen Locken mich als Jungen sah, stand sie kerzengrad im Wagen

auf mit dem Lorgnon und rief: quel bel homme. Meine erste Geliebte quälte ich,

als ich noch nicht wußte, daß Liebe kein Gesetz, sondern nur eine Masse

Zufälligkeit, und nicht ahnte, daß man Frauen eher besitzt, wenn man verstößt,

als wenn man bindet, meine erste Geliebte quälte ich durch Fragen, ob sie mich

als Krüppel noch liebe und prügelte die Arme, als sie entsetzt auswich.

War etwas gut, etwas schlecht? Es ist eine Kindheit. Sie lebt wie ein Baum,

ein Fuchs. Sie schüttelt und biegt sich vor Wachstum. Sie fliegt auf und ab, als

ob du mit ihr spieltest, und ist in ihrer märchenhaften Gemaltheit deinem

Lächeln dieser Stunde verbunden, dessen Leichtheit so schon gelöst ist, daß es

die Einsamkeit spiegelt. Das ist unsere Brücke. Wie unwichtig unser Gram. Wie

kindisch selbst das Schwerste.

Verstehst du, Uga . . . . .

du bist nicht Schwan, nicht Gazelle, von denen ich Fieber und

Glanz an dir beim ersten Anblick schaute. Du bist vielmehr mit der scharfen

Schmalheit deines federnhaften Augenlides zu sehr vermählt an das

schwingende Brausen des Blaus, als daß du anderes wie Schwebendes

vertrügest.

Ich habe am Sinai deine Mutter gesehen, die, weiße Adlerin, auf unser Auto

herabstieß. Ihr Geschlecht allein, das drei Jahre lang die Welt durchfliegt, und

dann mit einem Weib ausharrt unerbittlich bis zum Tod, hat die für dich genug

beherrschte Ruhe.

Nur deine Farbe ist verändert und aus der Helle herausgetreten, als hättest du,

während ich schlief, in Marokko Jagden durchstreift und von einer Hecke

Ginster, die du berührtest, auch den Goldton deiner Kniekehlen auf den Berg

getragen.“

. . . . . . Der Firnschnee fällt, naß und glatt, man braucht die Skier nicht

mehr zu wachsen, der letzte Schnee. Enzian flammt auf den Matten überall, als

wir hinunterzogen.

Südlich duften die Veilchen mit Heftigkeit. In tiefen Tälern meiner Heimat

blühen Kirschen, Mirabellen. Die Aprikosen tauen aus rosanem Morgen noch

heller.

Was hilft es, wo sie scheidet.

Zinn, ruht die Sonne im Schneegestöber. Nur wenn der Hausberg aus dem

Geflock schaukelt, flattert die Lichtflamme mit. Sekunden geht ein Mai auf, süß,

voll qualvoller Inbrunst spiegelt, grün und hell, der Eisrücken, wie ein

Bergstraßenwald morgens früh. Das gläserne Wunder verschneit.

Uga.

Sie kam, den letzten Abend mit Sneeboots, die die weißbeseideten Fesseln

noch schmäler machten und mit ihrem Pelzrand dem Gang das Schleifende der

großen ruhigen Raubtiere gaben.

Und als sie mit starrem Blick sich gegen den Wind wandte, um noch einmal

in das Tal zu gehen, kamen die Heuschober auf sie zu aus der dunkelsten Breite

wie früher die Hunde.

Als ich spielend die Leiter anlehnte an die erste Hütte, als Uga hinaufstieg

und die leichte Biegung des Dachs erklimmte, den roten Schirm über sich, die

Knie im Telemark gebogen, die Jägerin, mittel und fest gebaut und lächelnd, die

Hundepeitsche in der Hand, . . . . . .

schien es, sie schritte durch das dichter gewordene Geflock über den

Scheitel des Daches mit einer unnachahmlichen Stellung der Füße in den

Horizont hinein.

Sie fuhr erst die Nacht. Aber ich fühlte in dieser Sekunde den Abschied so,

daß mir keine Erinnerung blieb. Es befiel mich in diesem Augenblick nichts

anderes als die Freude der Fische, als hörte ich alle ihre kleinen Herzen stoßweis

schlagen, wie ihre bronzene Freundin zurückkam in den See und sie wie früher

zärtlich zwischen ihren Brüsten und Knien spielten.

 

Die Brandlawine hat den Frühling frei gemacht, er kommt mit leichten Wolken

nachgeschwommen. In die Freude der Wiesen fallen die Versammlungen der

Enten, die das Geschrei der um die Pfützen gelagerten Hühner übersteigen. Die

Felle der Angorakatzen sammeln am Hauskalk die Sonnenbündel, schnurrend

vor Wonne. Heere von Bienen hängen am Aprikosenbaum und summen mittags

in die Hänge. Die metallen schönen Giftmücken tanzen gegen die Scheibe. Den

Ochsen treibt Glanz ins Fell. Zwischen den Schafherden, die den Horizont

säumen, schleudern junge Bullen die Erde mit den Hinterhufen in die Luft.

Bauern fahren, Lenz in den Nasen, schnuppernd in die verliebte Luft, Mist auf

die Matten. Die Mädchen haben prall mit graden Beinen sich an das Stöbern

gemacht. Die Häuser fangen an zu funkeln. Die Wölbung des Frühmorgens

erhebt sich auf siebzig Vogelmelodien, seidig und langsam, wie ein Ballon.

Die Wandlung der Nächte, die Säfte der Erlen, der Glanz der Blumen treibt in

das Blut: man kreist mit ihrem Leben. Man lauscht in sich dem Bach, dem Samtglanz über den Wächten, dem Blumenduften. Man horcht zurück aus dem

wachsenden Baum, dem Bachgesumm, den Wespen Erinnerung heraus.

Glutrote Tupfen stehen auf den Knospen der Haselsträuche. An den Gärten

hängen in Schnüren die Wasserperlen der Frühjahrsgewitter. In ihnen hatten wir

am Anfang, einmal, uns getäuscht. Sie hatte, rasch hinlaufend, den Silbertau für

Kätzchen gehalten. Sie kämpfte damals mit den Tränen.

Aber damals standen auch über ihrem hellen Gesicht die Kurven der

Schneefelder noch unbeschreiblich gespannt. Nie nahm der Winter ein Ende,

solang sie zum Himmel aufsah mit jener Unbedingtheit des Trotzes, der selbst

ihre Melancholie durchkühlte.

Erst durch den Schleier der Tränen ist sie eingegangen in das schüttelnde

Rund, unerreichbar, des Horizonts.

Meine Freunde, denen ich in die Traurigkeit der Einsamkeit und Arbeit

auswich, werden sagen, ich habe einen Frühling vertan.

Die Armen.

Welche Fülle trug er in mich hinein:

Du warst die Frau, die eine Nacht mit mir schlief in Kowno in Lasallis

Haus, das Napoleon bewohnte, und vor dessen Fenster ein elender Winter dann

erfror . . . . . . die aus dem Boot auf den Aalandsinseln mir entgegenlief,

weißblond, im Hemd zwischen den Dünen . . . . . . die aus dem rumänischen

Zirkus herauspreschte in die Pflaumenblüte meines Wagens. Du bist die Hure,

die mich am Pont Neuf in den abscheulichen Monat der Hallen zog. Der

Ritterstad mütterliches Lächeln schwankt manchmal elfenbeinern über deiner

Schulter. Auch von Kerstins blumenhafter Anmut ist etwas deutlich auf deine

Lippe getreten, Uga.

Du saßest, die Knie zum Kinn gezogen, am Floßrand mit mir zwischen

Worms und Ems, bist die Pastellufer der Lahn schwärmerisch mir nachgezogen,

durch Vogelsberg und Spessartbuchen in die Einsamkeit der Eifel gedrungen, wo

zwischen dem gelben Mattenbrand und den stumpfen Maren dein schwarzes

Haar die Bauern feindlich erregte.

Du hast in Versoix die Friture der Fische mit mir gegessen, Landwein

getrunken, die gut gerösteten Köpfe und Flossen mit Hasenzähnen geknabbert,

standest am Dampferkreuz genfwärts, sangst befeuert: „Le soir est doux et

parfumé . . . . . .“ und hast in der Nacht dir den Kopf zerschossen.

Du warst Renée, die mich fand, Rue Bonaparte, als mich beim Verkauf des

Intransigeant ein Verkehrsauto überfahren. Als Backfisch, unbekannter, hast du

im Kreis getanzt und die Hände zusammengeschlagen, wie ich das

Schlittschuhrennen als Gymnasiast als zweiter machte.

Am Thomasstaden Straßburgs stieß ich dich zurück, weil in dem gotischen Tiefsinn der Stadt deine Schlankheit ergriff wie die steinerne Schönheit der

kreuztragenden Jungfrau der Kathedrale und ich mich nicht entschloß, dir den

übermütigen Stolz und die Herbheit einer Macht, die zu lösen in meiner Hand

lag, abzunehmen.

Du bist dieselbe, die mich mit in Bonn belogen, im Ruf als Gentleman

geschädigt und ausgeplündert auf die Manschetten im Hotel Royal nachdenklich

auf die entlaubte Allee hinunter erwachen ließ, weißhäutig du wie keine.

Du hast im Auto Sekt gefrühstückt, in Neuilly eine Mansarde mit mit

bewohnt, warst der dunkle Tierblick einer Komtesse in einem Schloß des

Maingau, das ich mit dieser Last, Versäumnis eines Sommers, verlassen. An dich

dachte ich, wenn ich allein mit einer Frau leben, Kinder haben, eine Farm, ein

Gut bewohnen, gut grau werden wollte. Du warst tröstend da, wenn mich das

Elend fast krepierte. Du warst die Frau, die ich hatte, begehrte und die, welche

auch mit unvergleichlicher Vielfalt darüber hinaus die Zone meines Traumes

durchflammte.

O Diana.

Das Unsichere, in dem du kamst, und das überlegene Lächeln, mit dem du

dich entferntest, haben eine Vollkommenheit in die Spanne dazwischen

gesammelt, die selbst das Unfaßbare des Abschieds nicht verschleiert.

Einmal war alles geschenkt, alles beschieden. Auf jeder Sekunde, die tief zu

dem Laster und hoch in das Herrliche sich spannte, habe ich den Kontinent der

Abenteuerlichkeit meines Herzens grenzenlos durchlaufen.

Alles war einmal gesammelt, einmal Figur.

Es war wohl zu erlesen. Es konnte nicht bleiben. Ich hätte es nicht einmal

gewünscht. — —

Wenn ich im Herbst zurückkomme, ist Einsamkeit. Die großen Nebelwolken,

die mit Sausen wie Batterien angefahren, haben die Landschaft verödet. Man hat

den Blätterfall zum Anstarrn, müde der Herzen, die verführen und peinigen.

Ich werde, indem ich mit Lil Pax in Pelzen und Shawls zum See fahre,

während sie abwesend lächelt, von der Jägerin erzählen, daß der Teich leer war

einen Frühling, daß ich eine Woche auf der Schneehütte mit einer Nymphe

wohnte, daß der braune Glanz ihrer Schulter mehr wiegt als Ruhm, als Ehrgeiz,

als alles.

Das Grün des Sees wird uns verfolgen durch den Pferdeschaum und die

Spaliere der Fichten, die auch in der Rotglut des Herbstes die Erinnerung deiner

Anmut manchmal noch tragen, wird versprühen am Bleihimmel und zuletzt wird

ein geringes davon über der Braue der Frau sein, die schweigt:

wie fern ist mir davon selbst das Nächste, aber wie grausam ist Glück.

Du wirst es hören, jeden Laut, wenn ich von dir rede.

Sommer steigt von der Alpspitze golden herab. Die Sonne schwenkt

prasselnd Glut aufs Heu. Die weißen Krokus sind nicht zu fassen in der Fülle.

Du hörst, Uga, wo auch immer du, wenn das Wasser du abtatest, vorziehst die

Pause deines Daseins in unserem Bezirk zu verbringen:

Ob du durch Stadtpaläste feierst, auf westlichen Schlössern vor

einbrechenden Horden nachts fährst . . . . . . kein Laut, wenn ich rede, der dir

entginge, den du nicht schmeichelnd empfindest. Wir sind nicht getrennt. Du

nimmst alles auf, wie immer, die schmalen Lippen wenig verschoben, den Kopf

auf dem kräftig gegossenen Halse kaum wiegend, manchmal nur nickend. Nie

gab ein Gott einer Diana so viel von einem Kinde.

Ich träume nun, allein jetzt auf den Matten, in die Hände, wo du seist:

Jagst du nackt vor Männermeuten skiernd nach Kautokeino mit hell

schreiender Gurgel? Wälzt du in Osorisschnee das erglühte Gesicht? Funkelst

mit nächtlichen Lanzen den Okzident ab der Sehnsucht? Schwingst auf

Delphinen durch violetten Abendhimmel? Bläst ein Horn auf den Sternbögen?

Uga.

Wie gleichgültig dies Rätseln. Es war. Es bleibt. Welches Glück!

 

Das träumen wir, wenn es uns wohl geht. Aber man stirbt. Aber man gerät in das

Elend. Die Leidenschaften steigen in die Niederung dann, wo sie um Hunger,

Krankheit, Leiden sich bewegen. Wir sind verloren, wenn wir abstürzen. Wo

sind dann die Geliebten?

Du weißt keine Antwort auf die letzte Frage, Uga! Bist du bei mir, wenn die

Mondsichel tragisch auffliegt. Steht das Zucken deiner Braue als Trost am

Horizont, wenn man mich füsiliert, wenn ich im Straßenkampf stehe, elend in

einer Vorstadt vegetiere, der große Sund meine Malaria nicht mehr herunterwirft

in die Tiefe des Thermometers?

Man ist allein. Man geht beiseite zugrunde. Wir sind zerborsten in die Welt

gesprengt. Man weiß nichts von den Herzen, an denen man unirdisch gelegen.

Unsere Kraft versagt. Niemand kennt einander, wenn wir krepieren.

Welcher Mann wird, die Locken verwirrt, in Scheweningen nachts die

Midussi zu Tode quälen? Wer wird mit einer Achselbewegung Margits Frische

im Keim ertöten? Wer gibt der Ritterstad, von einem Auto bedroht, den Tip sich

zu wenden? Stirbt Bambulas Stärke an einem foul blow des giftigen Ukrainers?

Wer rettet Lella vor der Schwermut im Walde?

Selbst Kerstins tödliche Sekunde zeigt niemand meinem Auge, wenn sie,

verstörten Gesichtes, schön und schmal zum letztenmal ein Bild in dem

Seespiegel sucht.

Am Ende ist Einsamkeit. Man ist vor dem Ziel betrogen. Alles war umsonst.

Wir sind allein.

Wir haben wohl Göttliches genossen, aber sind vor dem Tode eine Null. Alles

war Lüge, die wir uns gestatteten. Wir waren einsam im Getümmel. Waren

frauenlos in den heißesten Weibernächten. Wir haben uns mit Kameradschaft

gepanzert, aber, ach, es überließ uns dem Nichts. Die Menschen haben uns wie

Bienenschwärme umschart, aber wir haben uns getäuscht, sie haben nichts

genutzt.

Die Landschaft, von der wir dachten, sie tränke uns, durchspüle uns mit

Geruch, Fels, Wald und Baum, seliger See, einzigem Meer, weicht aus, wenn

unser tödlicher Blick sie sucht. Die Natur ist feig wie ein Hund, unfähig dem,

der ihr nichts zubringt, zu geben, uneingedenk der Zeit, wo wir, als wir

olympisch zu schweifen glaubten, sie wie eine reife Polle aus der

Ewigkeitstunde schlürften.

Wir haben sie nicht erlebt, sondern in sie hinein gedacht, was wir wünschten.

Mit den Leidenschaften, die sterben, erlischt auch ihr Gegenstand. Man ist in

Einsamkeit.

Wir Armen.

Wenn wir nüchtern sind, sehen wir unsere Spiegel. Wir haben uns an uns

selbst berauscht. Haben unsere Stimme mit Glanz, den nur jugendliche Kraft so

schmerzlich und hallend verlieh, ohne Echo hinausgerufen. Wir haben die besten

Stunden wegen Chimären verlitten. Als wir am schönsten glühten, waren wir in

schweiniger Bitternis.

Wir haben in der Tat die Welt umschifft, um als Drecksäcke in die Hafen zu

laufen. Ausgestreut haben wir, aber nichts eingenommen. Gegründet haben wir,

die Bilanz ist bankerott.

Auf Sternpolen haben wir uns wie Dioskuren verschmolzen, aber liegen als

Pack vor die Karren gekehrt. Das ist der Schluß. Man kommt nicht heraus aus

der Einsamkeit.

Dann aber, Uga, stehen wir allein unter Gewittern, verödet, trostlos,

preisgegeben, und der Fluch zerschlägt auch selbst hinter uns die Erinnerung

unserer Fahrt, die manchmal doch an paradisische Landschaften kreuzte. Die

Blitze sind nüchtern, wenn sie zerstören. Wo bist du? Wir sehen einander nicht

mehr.

 

Wir Kleinmütigen. Wir Schlucker der Verzweiflung. Dieses Leben.

Wie herrlich muß es sein, daß auch seine besten Tugenden manchmal selbst

den Kühnsten bezweifelbar scheinen.

Welches Glück, daß wir erkennen: Bestien sind wir. Belämmert, klein,

Ausgespiene, verdammt von der Geburt auf. Wir haben als Helden uns maskiert, wenn wir als Hyänen uns fühlten. Wir haben uns Mächte angemaßt, die wir, nur

gedrehte Figuren, nie besaßen. Haben uns empört, die wir zerbrechlicher sind

wie Glas. Wir sind Arme und Trübselige, im Verbrechen befangen, nach

Schmutz sehnsüchtig, Größe abgewandt mit Eifer, und selbst in unseren

Instinkten unverzeihlich mißleitet.

Denn da beginnt erst unser Anfang, indem wir, ohne die Möglichkeit, tiefer

zu fallen, unser Elend und unsere Wünsche vergleichend, die Sehnsucht nach der

besseren Station wie alles Irdische in uns tragend, die Himmelfahrt jedes Aases

antreten.

Je tiefer wir uns wissen und je geringer wir uns einschätzen, um so heller sind

noch immer die Montgolfieren der Leidenschaft in unwahrscheinliche

Möglichkeiten geschwebt.

Wir bekommen langsam die zwei Gesichter, von denen das eine erbleicht

über unser Elend, während gleichzeitig schwärmerisch das andere in graziösen

Minuten Glückshügel überschweift.

Denn wir sind kühn genug, das Nichts zu überschreiten und an die Tiefe

unserer Erbärmlichkeit die Höhe unserer Leidenschaft anzuschließen, mutig

genug, statt Sklaven uns zu Herren aufzuschwingen in den Spiralen des Ewigen,

in die wir, seltsame Schicksals-Looping-the-loop-Fahrer, gehängt sind.

Wir haben kein Anrecht auf Glück.

Gut.

Erobern wir es.

Würden wir nicht gleich platten Fröschen manchmal zusammengeknallt auf

die Tiefe unserer Erbärmlichkeit, wir fänden, Satte, Eitle, nicht die Kraft, die

großen atemlosen Mondaufgänge immer wieder mit erregten Herzen zu

erwarten, die ruhige Sonne über Tulpenbeeten zu genießen und über den

Wäldern geheimnisvoll die wandernden Regenbogen zu suchen.

Seltsames Leben.

Wie niederschmetternd muß es im Grund sein, daß selbst die Kühnsten so

sehr sich daran zu begeistern verstehen.

O wie erinnere ich mich der Sybilla Monti, die aus dem schmalen Hafen von

Antibes mit der gleitenden Bewegung der südlichen Frau, die frische Syphilis im

Körper, verkleidet als Schiffsjunge, gesucht von Polizisten, mit dem großen

Segelschiff in das tödliche Schicksal fuhr . . . .

aber gereizt von der unwiederbringlichen Schönheit, mit der von den

Seealpen her über Aloe, Orange und Lorbeer der Mond das Silberrot der Wellen

wie Duft in sein Licht hinaufzog, die Arme in eine große Bewegung des

Entzückens vor dem ersten Segel aufzuheben wagte — — — eh wir sie morgens

mit den tierisch schönen nackten Oberschenkeln an den Strand getrieben sahen.

Wie ging da sterngleich jener Frühling der Erkenntnis am südlichen Meer

meiner dumpferen Jugend auf:

O Frau von Tervani, vor deren weißer Palmvilla und abenteuerlichem

Schmerz mir der Mai die fremde Seelandschaft berauschend versang, wo ich die

hellen Stufen von dem Olivenpark zum Strand Abend um Abend hinuntergehend

meinen verschollenen Bruder als Steward im Hafen des nachbarlichen Genua

erwartete auf einem nie nahenden Schlepper, wo Rosmarin und Buchsbaum und

das Licht des gelben Ölbaumholzes aus dem Kamin Frau von Tervani

umrahmten — — — — — bis ich aus dem Erwachen ihrer Arme heraus

blitzhaft durch die hohen aufgegangnen schmalen Läden über der Terrasse unten

im Hafen die ägyptische Fregatte Bonapartes erblickte . . . .

. . . . . daß von dieser Sekunde ab die Wollust mich mit jeder Segelflaute,

jedem Wolkenschauer über der süßen Bucht, jedem goldnen Pirol, der uns aus

dem Hain herauf weckte, unzähmbar überschwemmte:

nun in die noch unbekannten Länder aufzubrechen, Tiere zu suchen

fabelhafter Form, Menschen beispielloser Vielfalt zu erkennen und genießen und

belauschen, Städte, Meere, Kape zu übersteigen, Früchte im Morgen, Dampfer

an der Reede, Stürme an den Antillen und Schmerzen der Sehnsucht zu

erblicken . . . . . . und einmal dann am Ende in Bücher Menschen ohne Zahl und

überlegen wie Körner durch das Sandglas stürzen zu lassen, daß noch vier

Generationen der Jugend nach mir sagen werden: welch ein herrlich Lebendiger

hat hier unvergeßlich gewandert.

 

Uga, welche Unterwerfungen hat es seither gekostet, Geliebte, bis ich erkannte,

wie begrenzt wir sind in dem Dasein und beschämend eingehürdet in diese Welt,

daß ich schließlich vermochte, auch über die Zweifel unserer Unzulänglichkeit

hinweg so Verflüchtigendes und so göttlich Unerreichbares wie dich, Uga, ganz

zu umfassen und auch wunschlos noch zu genießen und zu lieben, wo unsere

Hände schon im Leeren treiben und unsere Leidenschaften nicht mehr genügen

und fassen.

Welche Opfer und welche Entbehrungen, um dies Ruhige zu erreichen und

nicht weiter zu trotzen . . . . . du sahst es nicht. Wenige werden sie meinem

Leben und der ihnen zugewandten Fläche meiner Existenz glauben. Niemand

wird es wissen.

Es muß nicht sein.

 

In diesen Tagen kam der Föhn unter wolkenlosen Sternen über die Steppen

gefallen. Er wirft sich auf Lil Pax’ Herz.

Sie lächelt. Wenn sie allein ist, stöhnt sie leis. Depeschen kommen. Menschen fahren heran. Eis, Kaviar, Kompotte . . . . man sendet das Erdenkliche

in die Villa. Sie erhält Kampfer, Veronal, Morphium. Es vergiftet sie, sie lehnt

ab. Die Atemnot kommt. Ich sitze an ihrem Lager. Die Helferinnen pumpen den

Sauerstoff über ihr Gesicht. Das Telephon ist belagert. Sie empfängt niemand.

Eine Rippenfellentzündung trifft in eine Nacht, sie breitet sich nicht aus.

Sie sieht wie auf ein Spiel, ob ihr Körper es überwindet, ob er versagt. Sie hat

die uninteressierte Neugier mit leichter Ironie um den Mund. Als sie keinen

Atem mehr bekommt, verliert sie die Teilnahme an der Krankheit ganz. Sie

wendet sich scharfsichtig den Dingen zu, die sie mit der Welt verbinden. Nichts

erleidet eine Störung. Sie diktiert ihre Post. Sie empfängt, sie unterhält sich. Der

Atem versagt. Sie verlacht mit liebenswürdigem Spott die kleine Nonne, die

neben ihrem Kissen den Jesus verküßt: „Haben Sie keinen anderen Geliebten?“

Der schönen Nonne stürzen die Tränen. So groß ist die Rührung ihres Zaubers.

Aber als nachts plötzlich die Fieber sanken, das Herz ruhig pumpte, die

Rippeninflammation zurückging, die Krise überschwang . . . . . nahm sie Lächeln

und Maske des irdischen Aufenthalts von den Augen:

Sie entfernte sich in einer erschreckenden Anmut. In einem

unbeschreiblichen Prozeß der Lösung schien der Körper immer weiter sich zu

verflüchtigen, und ihr Geist allein beherrschte in quecksilberner Reine die Bögen

der Stirn. Ihre Hände schienen nicht mehr da, die Augen, der Mund waren

verloren, aber ich habe nie sie so deutlich und greifbar in jeder Muskel gespürt.

Ich hatte falsch gespielt. Ich hatte das Rauschen des knospenden Birkbaums

im Garten zu ihr geführt. Ich habe Äpfel, die noch rochen, ich habe Krokus,

Aprikosenzweige in Blüte gebracht. Ich legte eine Katze an ihr Bett, sie hörte

das Jägerische an ihr. Ich habe einen Wackerstein des Flusses auf ihre Hand

gelegt, daß sie das Murmeln der Wellen wieder höre.

Sie war zwar gefolgt.

Der Kern wohl ihres leidenschaftlichen Blutes war dem Glühenden hier wie

immer nachgeschritten und hatte sich angesogen an das Pfeifen des Föhn und die

Wiesen voll Himmelschlüsseln und den betäubenden Heranmarsch des

blühenden Grases von allen Hängen und Matten.

Aber ihr Geist lächelte: das Spiel zerfiel.

Sie wollte nicht mehr zurück den Weg über die dreiundzwanzig Nächte der

Qual. Er hatte sie zu weit vom Leben entführt, als daß sie um den Tausch eines

zerbrochenen Körpers die große Sinnlichkeit gegeben hätte. Denn was geblieben

wäre, war Aussicht auf Qualen in einem Nichts an Leben. Sie legte es zu dem

andern: „Meine Mission ist getan. Was bliebe, ist zu gering für meinen

Anspruch.“

Sie hatte zuviel Stolz in ihrer Milde: das gute Material, aus dem sie gebaut war, wehrte sich am falschen Platz. Platin und Stahl des schmalen Körpers

hielten bis zum Zersprengen, als sie schon abschloß. Sie erwachte: „Es ist spät.“

Die Schwester, geneigt: „Du bist müd Lil.“ Sie richtete sich auf: „Man muß

sich nicht gehen lassen.“ Die Augen, weit offen, sahen nichts mehr.

Die schmalen braunen Märtyrerhände lagen auf der gelben Seide der Decke.

Sie lagen schön und körperlos. Die donnernde Sonne des Hochgebirgs wird sie

nicht mehr verbrennen.

Dann machte sie noch eine Bewegung —: sie wandte, unzwingbar, dem

Feind, der seit Jahren in ihr zerstörte, mit einer unerschreckbaren Größe, gebend,

mild das Gesicht zu, daß er erbleichte. Sie war souverän. Er besiegte sie nicht.

Sie gab sich hin.

Zum erstenmal ließ sie sich gehen. Ach, es haben viele geweint.

Was ist nun Sterben?

Ich habe mit niemand über diese Tage viel und groß gesprochen. Wie

glücklich bin ich. Wie frei.

Greller, gewaltiger, asiatischen, aber schön gedämpften Musiken gleich rollt

aus dem Westen über mich täglich der schmetternden roten Sonne zu die

heimliche dunkele über meinen Horizont.

Wenn sie sich schneiden, ists Mittag. Abends erlöschen sie beide an den

Polen der Fläche. Nachts kreisen sie unter mir. Ich spüre sie beide

unauslöschlich, jede in ihrem Kreis.

Ich fahre.

Mit abenteuerlicher Fülle wirft mir der Maingau den aufduftenden Sommer

mit allen Prärien und Wassern und Wäldern und Hügeln und Flüssen dazwischen

entgegen. Ich gehe mit festen Schenkeln und der hochgewölbten Brust des

Seglers und Fechters in ihn hinein.