Frauen
Särö
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
Es ist der dreiundzwanzigste April, St. Georgstag. Gunnaris sagt, heut stellten in
Nyland und in Karelen bis gegen die Grenze nach Petersburg hin die Frommen
Milch unter die heiligen Bäume und speisten Kuhzungen mit geschenktem Mehl
in den Ställen.
Es schlägt Acht von der Höhe Lidingös.
Gegenüber der ersten Stockholmer Schäre gehen wir an Bord. Sirola und
Vehkamäki rudern von der anderen Fjordseite herüber.
Wir gingen hundemüde gleich in die Kabinen, es ward sehr dunkel.
Ich kann nicht schlafen, horche auf das Flauschen der großen Segel und bin
voll Unruhe, aber ich begreife nicht, was mich durchzieht. Nach rückwärts ist
alles klar, nach dem Zukünftigen der Weg gerichtet. Ich habe vier Wochen Zeit,
bis ich mit abgelaufenem Paß nach dem Balkan muß. Was kann es mir nützen,
daß ich es überlege?
Ich habe auf der Brust einen Brief meines Bruders, der mir eine
Dankesschuld für ihn abzutragen aufträgt und der durch viele Zensurstationen
mich nach zwei Jahren in Schweden erreicht hat; ich habe eine Mission in
meinem Beruf außerdem noch und liebe sodann noch Siv. Ich habe vier Wochen
Zeit, bin in Eile und mache doch unbedenklich trotzdem diese riskante
Exkursion. Ich weiß also genau, was ich will, wie ich immer es wußte.
In der Pupille, dem Spiegel gegenüber, ist kein Nachlassen der Energie, nur
hin und wieder scheint heut zum erstenmal hinter dem hellen und
herausfordernden Ton der Netzhaut ein noch tiefer im Silber des Glases
liegendes Gesicht heraufzutauchen.
Doch sehe ich hart danach, bleicht es erschrocken zurück.
Es gibt nichts, was mich verwirren könnte im Umkreis, Gefahr erschreckt
mich nicht. Ich höre auf zu denken und spüre, wie es irgendwo in mir bebt. Ich
laufe auf und ab. Es ist heiß, ich gehe im Schlafanzug hinauf, höre die Matrosen,
die an ihre Weiber denken, summen. Der Seewind macht müde, ich schlief am
Geländer, bis die Möven kamen. Sirola stand schon vorne und fütterte sie und
lachte, wenn sie, sausend herabgeschossen, vor ihm mit nach oben gestreckten
Beinen erschreckt und gierig am selben Fleck flatterten.
Abends sahen wir Leuchtfeuer über der Ostsee und kreuzten, hörten ein Motorboot einmal, glitten durch ein Gitter von Scheinwerfern, die uns nicht ganz
erreichten und kamen südlich von Abo auf das finnländische Ufer.
Das Schiff fuhr nach Helsingfors weiter.
An der St. Heinrichsquelle trafen wir Svinhufvund. Er nahm die drei anderen
Finnen gleich beiseite, Gunnaris winkte mir entschuldigend mit den Augen, ich
blieb eine Weile allein. Mittags erst erfuhr ich, daß deutsche Battaillone in
Hangö und Lovisa gelandet seien, Helsingfors genommen und die
Arbeitertruppen in Haufen erschossen hätten.
Sirola zog einen Kreis mit dem Finger.
Die Roten waren zwischen der Linie des General Mannerheim mit der
weißen Garde zwischen dem bottnischen Meerbusen über Tammerfors bis zum
Ladogasee und den Deutschen im Süden eingeklemmt und gegen Rußland zu im
Sack.
Svinhufvund erklärte, die Luft sei rein und unschwedisch, wir bummelten in
Abo, saßen im Café. Plötzlich wandte sich Gunnaris um, zog uns mit ins Innere
und durch den Garten heraus. Durch die Mauer an der Ecke sahen wir
schwedische bürgerliche Freischärler mit den Schafpelzuniformen in das Lokal
stürzen. Wir verbargen uns.
Abends ritten wir, da die Finnen auf jeden Fall in Verbindung mit Tokoi und
Haapalainen kommen wollten und ich diesen ein Papier mitgeben wollte,
strammen Schritt südlich gegen die russische Grenze zu. Die Finnen hatten viel
Ernst in ihren unbekümmerten Gesichtern. Die Gäule waren bös, aber wir kamen
bis zu dem Gut Mommila, wo wir am Vorwerk abschnallten, im Heuhaufen
etwas ruhten und in der Dunkelheit noch weiterritten.
Gegen Morgen sahen wir die Pörtten eines Dorfes. Sirola rührte an den
Donnerkeil über dem Eingang und stieß mit dem Absatz die Tür auf. Dreckige
Leute lagen über den Boden hin. Die Wände schwarz vor Rauch. Ein
schwitzender Finne rieb sich die Augen, und als er sah, daß wir den Keil
berührten, stand er, einladend, auf. Sie plauschten mit ihm, hielten die Finger auf
den Mund und nickten ihm zu. Er bejahte und bürgte mit einer Bewegung für die
anderen. Wir hielten uns, da die schwedischen Freischärler Gunnaris erkannt
hatten, versteckt, denn wir waren ohne Zweifel signalisiert. Unser
Aufenthaltsraum in der Hütte war abgesperrt, es stank entsetzlich.
Mittags kamen mit Gebrüll Wagen und Reiter, schrieen: „langen Hanf, langen
Flachs“. Wir sahen durch einen Schlitz der Hütte.
Sie packten aus, hatten Schellen und tanzten und machten Ringelspiele aus
Freude, daß die Roten zurückgeschlagen und in den Mausfallen abgeschossen
wurden. Sie trugen, da es fast Mai, Pluderhosen, keine Röcke mehr und
Strümpfe über den Schuhen.
Mit der Dämmerung rückten wir ab, trotteten in der Dunkelheit wieder hinter
Svinhufvund, um Mitternacht nahm uns ein Wagen auf, der aus einem Waldpark
herausgepfiffen wurde. Wir kamen bis zu einem großen Gehöft. Der Besitzer
streichelte den Menschenknochen an unserem Bock. Wir kamen in die
Badestube, die aus Ziegelsteinen erhitzt wurde, man sperrte uns wieder ab, ich
konnte nur kurz in der Hitze bleiben, im Nebenraum waren die Weiber nackt, die
zwei Männer in Hemden.
Wir fuhren im Auto weiter.
Am Kymmenefluß, nun auf den Spuren der beiden Armeen, sahen wir
Hinrichtung und Brand überall. Hinter Wiborg hatten wir den Bogen um die
beiden irregulären Fronten durchfahren, kamen zweimal in versprengte Rotten
der Roten. Die Finnen orientierten sich, sprachen mit den Führern, wir fuhren
auch bei Tag. Das Kreideland dehnte sich in Fichtenschonungen. In der Nähe
einer der letzten Biegungen hielten wir und gingen, geführt von dem Lehrer
Hannes Uksila, über eine Sumpfwiese, auf der einige Weiber heuten.
Andere hingen Vogelsprenkel auf. Aus dem Gebüsch trat ein Lachshändler,
der auch Felle führte. Uksila rief ihn an, er schielte und knurrte.
„Beim Wort den Mann, am Horn den Ochsen“, schrie Gunnaris, der als
Nordländer die feigen und erbärmlichen Tavastaländer des Südens verachtete
und schlug ihm den Hut vom Kopf.
Die Perücke fiel mit, es stand ein Nordländer mit gelblichen Haaren vor uns,
und die Heuerinnen und Vogelfänger hatten Gewehre auf uns gerichtet.
Vehkamäki und Sirola hatten seine Hände gefaßt und schüttelten sie mit
einem Singsang des Vergnügens hin und her. Es war Oskari Tokoi, der, früher
Arbeiter in Amerika, den Frontabschnitt der roten Truppen befehligt hatte. Sie
traten beiseite, Gunnaris gab ihm alle Papiere, die er bei sich trug, auch die
meinen.
Nachts ging Tokoi auf russische Erde über die Grenze. Wir aßen Speck,
Erbsen und Aal in Essig, fuhren bis Lill Ablorfors, wurden an einer Wegscheide
umringt und verhaftet.
Die Finnen Sirola, Gunnaris, Vehkamäki hatten keine Papiere, ich setzte
durch meine sehr guten deutschen durch, daß der Bürgeroffizier uns in das
Hauptquartier des General Mannerheim fuhr. Er schlief, als wir ankamen. Posten
mit Gewehren waren in unserem Zimmer. Die Finnen schwiegen, es war
mathematisch ausgemacht, was sie protokollieren lassen würden, falsche
Namen, falsche Route, den Zweck.
In der Nacht wurde ich siebenundzwanzig Jahre, und jene Unruhe, die ich auf
dem Schiff zuerst gespürt, stieg unbegreiflich. Ich war gewohnt, mir über jeden
Zustand Klarheit zu verschaffen, ich versuchte auf und ab zu gehn, überlegte, schied aus, überging die Situation haarscharf. Aber meine Lage wiederum störte
mich gar nicht und es war nichts aus dem Augenblick heraus Gewordenes, was
mich an die Ränder eines unbekannten Bezirkes anstieß. Es kam wie von einer
fernen, uneinziehbaren, schicksalhaften Beziehung, die stärker wurde und reifte,
ohne daß ich auch nur einen Hauch zu fassen vermochte.
Was machte mir der Augenblick . . . Dieser General, der in Oesterbötten die
Gegenrevolution gesammelt, die Bourgeoisie eingekleidet, der nach Wasa
geflohenen Senatorenregierung den krummen Rücken gestählt und das
Proletariat mit Hilfe deutscher Truppen aufgerieben hatte, war er nicht machtlos,
ein Sklave des Kaiserreichs, mußte sich beugen vor meinem Passepartout der
Stockholmer Gesandtschaft . . . Dies alles reizte mich nur, ich war gespannt, ihn
zu sehen, das Lauern seiner Augenbrauen, das wölfische Nagen der Zähne, die
übermenschlich lange, dürre, vorgebeugte Figur.
Ich ging darüber weg. Ich dachte an Siv und spürte ein glückliches Ziehen
meines Blutes. Auch das konnte es nicht sein.
Aber es stieg in der Nacht in mir mit einer verzweifelten dunklen Flut und
wogte in mir, als ob hinter dem Bewußtsein sich Kämpfe abspielten und
Entscheidungen, die mein Leben angingen. Ich lauschte und horchte
stundenlang, ganz still, aber ich faßte es nicht.
Gegen Morgen wurde ich ruhiger. Ein Offizier rief meinen Namen, ich folgte,
schlenkernd, aber doch gespannt. Ich wartete zwei Stunden. Eine hohe Gestalt
trat ein, ich spürte, eh ich mich umdrehte am Schatten, der über mich fiel, schon,
daß es Mannerheim nicht war.
„Warum haben Sie kein Visum?“ Ich hob die Handflächen ein wenig, ließ sie
auf den Schenkel langsam zurückfallen. Es war nicht nötig, die Frage idiotisch,
ich sah mich im Kreis um. „Die Namen der Finnen.“ Ich gab die ausgemachten
Schlagworte.
Er zögerte.
Dann wies er rasch auf die Zeitung Työmies: „Waren Sie nicht mit Eero
Haapalainen und Kullervo Manner als Studenten befreundet?“
Ich zuckte die Achseln.
„Zweck?“, rief er barsch, verzweifelt.
Ich war kühl und ruhig wie selten und freute mich eine Sekunde an der
Klarheit und Harmonie, die mich zum erstenmal wieder erfüllte.
Ich ging bis an den Tisch und wies langsam mit dem Finger auf die Stelle, wo
auf dem Passepartout in Berlin von einer gewissen Stelle gefertigt eine Passage
stand. Drei Sekunden blieb es still.
Dann hoben sich seine Lider, er warf mir den Raubtierblick entgegen voll
Haß, durchschaute wohl unser Spiel, war machtlos, murmelte: „Der Herr General ersucht.“ Ich trat durch eine Tür. Aber er empfing mich nicht, fuhr
draußen im Auto ab.
Uns brachte man mit zwei Studentensoldaten im Auto nach Helsingfors.
Wir durften unser Schiff nicht nehmen, wurden eingeschifft, kamen bei
schlechter See an den sieben Inseln Sweaborgs vorbei nach den Aalandschen
Schären, hatten zwei Tage Gegenwind, kreuzten mit dem Lotsen von Ekerö zwei
Tage an den Markzeigen entlang und waren am neunten Tag der Ausfahrt vor
dem großen Stockholmer Hafen. Die Finnen ließen sich an den Schären
aussetzen. Gunnaris schenkte mir einen Ring.
Ich schrie ihnen nach ins Boot noch einmal „Te—le—fon“ und deutete. Sie
winkten, standen nickend am Ufer, sangen eine Weile, bis man sie nicht mehr
sah. Gegen zehn Uhr ward die Ostsee golden. Der Hafen ein einziger
Mövenschrei. Ich badete. An einem Kriegsschiff vorbei in den inneren Hafen,
das leuchtende Eingeweide Stockholms.
Siv stand eine Stunde schon am Geländer, stahlschlank, nickte immerzu leise
herüber. „War die Überfahrt gut?“
Ich spüre fast wie an der Haut ihres Gesichts, die sich langsam rosa färbt
plötzlich, wie Finnland sich entfernt über dem Rudel der Schiffe. Selbst wie ich
mich umdrehe und die Kielfahrt des Schiffes noch ölig und glänzend im
Silberschaum sehe, hört alles auf, wo der Blick endet.
Wir drehen uns um, gehen Strandvägen hinauf.
Ich bin merkwürdigerweise mit einem Mal ausgelassen, wir lachen. Ich
nehme Sivs Arm. Vor der Brücke stehen wir und lassen die Wachtparade
passieren, hechtgraue Soldaten sehen wir mit gelben Troddeln um die Taille und
Musik und den Führer, der in erhobenen Armen zwischen den Fingern einen
silbernen Stab hält. Wir schauen und kommen höher auf den Skansen, wir
riechen die wilden Tiere und Siv sieht mit angezogenen Nüstern die See. Ich
schenke ihr die weißen Korallen, die ich mitgebracht. Siv hat den Rhythmus der
Musik noch in den Knien. Wir besuchen die Renntiere, die unter Weidentroddeln
ihr flaumiges Geweih blutig reiben, die Polarwölfe, die Silberfüchse, plötzlich
schweift unser Blick über die vielen Fjorde bis dahin, wo die schwärmerische
Luft des süßesten Frühlings mit der Herbe und dem nackten Granit der Felsen
zusammenprallt.
Ich verweile eine Sekunde.
Als ich mich abwende, bin ich voll Trauer und Verzweiflung. In Djurgården
schimmert dunkelgrün der Tau. Üppig schwillt über mir die blaue Fahne mit dem
gelben Kreuz. In Kungsträdgården ist Musik, aus den Fischnetzen des Mälar
fallen langsam die kristallenen Tropfen.
„Willst du zu Blanche?“
Ein Orchester sitzt hinter den Crèmegardinen.
„Nein.“
Wir gehen auf und ab zwischen den Bäumen und den Matrosen in der
Dunkelheit und hören lang auf die Geigen, dann enden wir auf einer Bank.
Nachts wache ich auf im Hotel. Siv ist schön, bezaubernd die federnde Größe
ihrer Beine, die Linien, die im Bogen weiß von den Hüftansätzen über die Brüste
laufen. Ich liebe sie und sie ist mir fern.
Ich fühle nur: Auf der Ostsee fährt irgendwo ein Dampfer. Der Expreß saust
durch Småland. Die Nordsee steht dunkel gegen Christiania gespannt. Der Bär
im Skansen träumt durch die Gitter und die Sterne flirren darüber kalt. Ich fühle
mich in der Gewalt einer Bestimmung, die mein gewohntes Erleben ablöst,
unempfindlich macht mit Auge und Seele gegen die sonst geliebten Reize. Nun
kommt der Morgen. Sivs Feiertag ist zu Ende.
Als sie sich erhebt, fallen die hellen Haare ihr übers Gesicht, die Frühe lehnt
sich kaum vom Mälar herauf und ist fast nur Duft. Der schmale biegsame Körper
bebt auf den Gardinen.
„Zwei Tage . . .“
„Siv, schöne Tage, weil ich an dich denke.“
Kopfschüttelnd: „Es wird nichts sein, denn du bist nicht da.“
Ich bleibe zurück.
Ich fühle, daß mein Leben sich ändert. Aber ich weiß nicht, warum und wie.
Wie zerborsten bin ich und doch wie klar.
Am Morgen später kamen Reporter, ein Photograph. Ich empfing nicht, leugnete
ab. Beim Frühstück las ich, daß die konservativen Blätter aus Liebe zu
Deutschland mich deckten, „Sozialdemokraten“ griff mich und zugleich auch
Mannerheim an. Um zehn Uhr rief die Gesandtschaft an. Ich dementierte. Um
halb elf kam der Pressechef. Mannerheim hatte sich beschwert, ich beruhigte den
Beamten, konnte es in der unbestimmten Lage, die meine Mission umzirkelte.
Ich gab ihm eine gute Darstellung des Lachsfangs in einer nördlichen Schäre.
Mannerheim und die Stockholmer Presse erhielten das Dementi. „Dagens
Nyheter“ erlaubte sich den Scherz meiner Vielseitigkeit später. Als ich ausging,
hielt vor dem Hotel ein Bursche ein tänzelndes Pferd. In der Glashalle erhob sich
der Reiter, Erzbischof Sahlström, schlug mir athletenhaft auf die Schulter, ritt
neben mir den Quai entlang, kreiste von Literatur zu den Gäulen in die Politik.
Ich führte den blauäugigen Fuchs noch verschlungener in die Irre.
Am Gesicht des Gesandten beim Frühstück empfand ich seinen Ärger:
„Wenn wir auch keineswegs die militärischen Narren im Amt in Berlin stützen
. . . müssen Sie, Herr, sich gerade fangen lassen?“ Ich hatte eine kleine grüne Bronze in der Hand, die Rodin dem Minister geschenkt hatte, ich setzte sie hin
und verbeugte mich: „Die Karambolage mit dem mongolischen
Ludendorffimitator, ach Gott, Exzellenz . . .“ ich erzählte ihm leis einiges, aber
nicht alles, denn unser Weg ging nur ein Stück zusammen, und meiner weit über
seinen hinaus. „Ich habe dem Minister des Innern zwei Lachse senden lassen, die
ich offiziell vor drei Tagen im Binnenwasser fing mit einem Kompliment auf den
Reichtum der schwedischen Gewässer.“ „Nach dem Dementi?“ Nicken. Die
runden Augen sahen fragend aus. Ich sagte: „angenommen.“ Exzellenz
trommelte mit den Fingern auf die Kniescheibe, wir gingen zu anderem über.
Es gab französische Küche, der Gesandte fing seinen übervollen Geist in den
entzückendsten Anekdoten und führte die Probleme mit anziehendem Geist in
die Form. Es schoß dauernd aus ihm von Aperçus, denen das Frühstück an
Eleganz und Zusammenstellung entsprach. Ich hatte manchmal an dem Mittag
das Gefühl, von einem Parterre meines Inneren aufs andere zu stürzen und sah
andere Ebenen gleichfalls bereit. Bei Schnaps und Zigarren entwickelte ich den
Plan der nächsten Woche, die Beziehungen, die ich anschneiden wollte und wie
ich es zusammenzuführen gedachte.
Der Marineattaché kam dazu. Exzellenz gab ihm ein in rotes Leder elegant
gebundenes Buch, das er in französischer Sprache früher über deutsche innere
Politik in Paris veröffentlicht hatte, schleuderte die Augen anklagend gegen den
Plafond und begleitete mich durch den Vorraum.
Ich fuhr in einer Fähre nach dem Saltsjöbadenbahnhof, wechselte die Oere in
ein Kupferblech, warf die Marke in die Messingbüchse, nahm den Motor und
fuhr durch die Schären nach Gunnaris. Wir verhandelten den Mittag, ich konnte
ihm nur die Umrisse erklären, er dachte lange nach, grübelte und hatte plötzlich
einen kühnen Plan.
Er telefonierte.
Am Abend kam Almqvist. Mit wundervollen Beinen, elegant, der beste Mann
Schwedens. Er war sehr zurückhaltend. Gunnaris sprach lange auf ihn ein,
Almqvist schien sehr ungehalten, daß Gunnaris ihn kompromittiert habe und
Gunnaris ward verlegen, denn er glaubte nun auch, wenn auch aus Dankbarkeit
und großer Freundschaft zu mir, zu weit gegangen zu sein.
Ich nahm an, daß Almqvist, der sehr viel zu verlieren hatte (ich wußte nicht,
wie es damals schon in ihm aussah), mißtrauisch auf mich sei als auf einen
Deutschen, wie jedermann damals in der Welt. Doch war es dies nicht. Er war
zornig, daß Gunnaris einer Sache wegen, die nur entfernt ihre eigenen Ziele
berührte, ihn in eine Situation warf, die den Unterschied zwischen seinem Leben
und seiner Tätigkeit leicht verwischen konnte.
Ich sagte ihm daher frei und offen drei Dinge, die ihn an mich binden mußten, die ich von ihm wußte. Auch ich hatte einmal in dem Hospiz gewohnt,
in dem er seine vielseitige Rolle spielte.
Wir fuhren, eifrig redend, in der Dämmerung zurück. Ich kannte sein nach
der Gesellschaft hin gekehrtes Dasein, leicht begeistert, Freund der Frauen,
anständig, mit starkem Aufwand lebend. Ich suchte dies zu durchbrechen, ihn
anzusaugen nach seinem Kern hin, beroch, bespielte jede Pore, es war ein stilles,
langes Sichmessen. In einem kleinen französischen Restaurant neben dem Hotel
Exzelsior sprachen wir, etwas zog uns unbedingt gegen alle Widerstände
zueinander. Wir redeten mit einer halsbrecherischen Offenheit, in einer Stadt und
einer Zeit, wo Geliebte gegeneinander stumm blieben, aus Furcht vor der
verräterischen Atmosphäre. Unsere Ziele berührten sich, wir wurden, indem wir
sie besprachen, ernst und niedergeschlagen. Wir speisten in der Wohnung seiner
Freundin. Almqvist war bestrickend, sang, spielte zur Laute und umgab die
schöne Frau mit einer hinreißenden Liebenswürdigkeit.
Den folgenden Morgen berieten wir ganz durch, mittags arbeitete ich
angestrengt, zog mich in der Dämmerung um und ging zu dem Portefeuilleträger
des Inneren speisen, mit dessen Schwager ich freund war. Seit der Ausbootung
der Konservativen waren sie erst seit vier Wochen aus Lund heraufgekommen,
waren noch ungenügend installiert, aber bereit, mir den Abend so zu beweisen,
daß ich kein Stück eines gewählten schwedischen Mahles auch nur vermissen
könnte. Man hielt bei den Staatsmännern Elsaß-Lothringen für die Achse der
Probleme, mein Plan war anders, ich sprach nicht davon, ich zog mich um elf
zurück und gab vor, sehr müd zu sein.
Ich ging über zwei Plätze. Der Mond ist tief über Stockholm geflogen, er geht
über meinen Tisch am Fenster der Glasveranda im Grandhotel. Ich schaue in die
Nacht und jeder Klang, jedes Instrument und jeder Gedanke kommt aus ihr
verschwärmt und feuriger zurück. Aber ich denke nicht daran, spüre es kaum.
Um halb zwölf tritt an den Tisch der Türken ein bulgarisches Sujet, das
irgendwie Beziehungen zur Gesandtschaft hat, aber als Türke gilt, kurz darauf
der Franzose Boissont. Ich sehe nicht hin. Sie sitzen auffällig gerade, fast
entfernt voneinander auf den Stühlen, reden aber mit gesenkten Kinnen, sicher
fast lautlos.
Um dreiviertel zwölf kommt Siv.
Sie legt die großen, schlanken und harten Beine (wie die der Stadionsläufer)
übereinander und schließt die Augen zum Gruß. Das Haar ist weißblond, mit Öl
über den Kopf gescheitelt und tief in einer Schlinge in die Stirn hineingezogen,
an den Ohren quillt es in kleinen Trauben herunter.
Ich bin begeistert, ich fühle über den Tisch die Frische der Haut, das
Belebende dieser Gegenwart. Ich rede viel, denn ich beobachte gut. Ich schweige keine Sekunde, der Hummer ist von klarem Rot, das Fleisch gut an der Schale
angesetzt, viel Saft in den Scheren. Siv neigt den Kopf zurück, saugt sie aus. Der
Aufschlag ihrer Lider macht das Blau frei wie einen Strahl. Sie steckt den Kopf
auf beide Hände, zieht den Mund kraus: „Was tatest du?“ Ich kann erzählen. Ich
finde Siv reizend wie nie mit dem gescheitelten Haar.
Ich sehe Almqvist in der Portiere, ich fühle jeden Muskel sich spannen in
meinem Körper, ich rede seit Monaten zum erstenmal laut in der
Spionagezentrale des brennenden Europa. Wie leicht fällt mir zu reden: „Ich will
dich an Hedin erinnern, Siv, an Sven Hedin, von dem du viele Bilder gesehen,
und gelesen hast, daß er ein Land in China gefunden hat, Tibet, Siv. Mit diesem
Mann war ich in Upsala, er ist ein Trottel. Die Studenten tranken die Nacht
Punsch, tanzten mit eleganten Damen auf den Schultern. Um zwölf steckten sie
Feuer an vor allen Küsten.“
Es interessiert Siv nicht, was ich da erzähle, sie hat die Speisekarte und liest,
ich winke mit den Augen den Kellner neben sie. Siv bestellt, schöne, viele
Sachen, die sie nascht und beißt: Sekt, Lachs und Mayonnaise . . . . Roti . . . .
Backelse . . . . Punsch.
Nun geht Almqvist hochmütig um alle Tische herum, nähert sich dem der
Bulgaren, er beginnt eine Verbeugung, ich muß wegsehn, das dunkle Auge
Boissonts leuchtete gegen meines.
Ich kann mich totlachen, ich bin von einer Heiterkeit, die mich durchzittert,
wenn ich mit Siv rede. Man hat die geschlossenen Fenster heruntergelassen, wir
sind umhaucht von den letzten Wellen der Geierschreie der Bahnen, die aus den
Fjords längs der Salzküste noch in der Mainacht schwimmen. Mir fallen
Lächerlichkeiten ein, so, daß, als ich Siv zum erstenmal sah, nicht in der
Nordischen Schuhkompagnie, sondern im Humlegården, wo sie aus dem Break
mir hinterm Rücken des Staatsrats winkte, daß ich das Laub des Busches, an
dem ich stand, mitnahm und behütete und abends beim Umsteigen verlor. Ich
neige mich über den Teller, ich küsse ihr die Hand, ja ich weiß mich vor Narrheit
nicht zu fassen, ich küsse Siv die Hand mitten im Lokal.
Da fällt mein Blick auf die Ministerin, und im Spiegel sehe ich gleichzeitig
Almqvist bei dem türkisch-bulgarischen Tisch, sie sitzen weit auseinander und
reden mit dem Kinn auf der Brust, also lautlos.
Die Minister sind also, statt in die Büros, zur Nacht dem Mond und blauen
Kanälen nachgegangen. Der Burgunder hat ihnen die Politik aus dem Hirn
gejagt, sie halten nicht mehr in der Bewegung der Hände das bißchen Schweden,
um es trocken durch die europäischen Wasserspiele zu tragen. Nun sieht mich
der Blick der Frau, zieht sich abgekühlt zurück, weil ich müd zu sein log, bleibt
an Sivs Gesicht hängen und lächelt.
Ich stehe auf, ich verbeuge mich, ich bin glücklich, ich setze mich wieder, ich
habe im Spiegel gesehen, daß das bulgarische Sujet aufsteht. Ich mache aus der
Serviette Figuren, ich scheine betrunken, denn ich bohre einen Papierpfeil in
Sivs Eis; daß sie mit der Gabel versucht mich zu stechen, das macht mich fast
bersten vor Vergnügen. „Gott möge den Deutschen tausend Gefangene am Tage
geben“, sagt es am Nebentisch. Ich zeige Siv den Mann, es ist ein Dichter, der
Knut Hamsun den Bären schalt. Er wohnt in einem Landhaus in Sturängen, wo
die Mädchen abends am Kamin singen: kom hjärtans frojd. Er haßt den
Strindberg, der die Theaterstücke schrieb und die schöne Tochter hat.
Doch gähnt Siv, sie kennt die Männer nicht, der Gehrock nebenan ist ihr zu
dürr. Wie kann ich Siv erheitern, wo auch die Türken durch das Vestibül
vorüberwandern?
Da fällt mir eine gute Sache ein, ich habe einen Ton mit der Zunge gemacht,
Siv starrt mich an, ich blinzle nach der Seite, sage ihr was ins Ohr. Da sitzt Rolf,
der große Kabarettist, der Sänger des „mit swärmeri . . . i . . .“ Siv ist voll
Neugier, wir starren den großen Mann an und vertiefen uns in ihn.
Dann lächle ich sanft und sage kokett, ich habe mich geirrt. Siv ist wütend,
stößt den Teller über den Tisch, sie ist sehr schön in dem Augenblick, und ich
kann mich nicht halten vor Vergnügen.
Plötzlich verläßt mich die Laune, ich werde kühl, gemessen. Ich hebe den
Hörer ab, der Tischapparat hat gesurrt. Der Portier meldet, Tisch
siebenundachtzig will mich sprechen. Almqvist sitzt allein, den Rücken zu mir,
ich sehe es in dem Nickel des Hörers, es ist seine Stimme.
Schon unterbrochen.
Ich sehe auf. An seinem Tisch steht ein Fremder. Ich hänge ein. Wir sind bei
Aqvavit wieder, Punsch, Kaffee und Zigaretten, Siv hat sich zurückgesetzt und
betrachtet mich durch halbgeschlossene Augen, zeigt die Zahnschnur. Almqvist
ist plötzlich an seinem Tisch nicht mehr da.
Der Boy bringt Telegramme, ein Billett. Ich falte es auseinander. Ich setze
mich hoch, ich lasse mich einen Augenblick gehen, hineinfallen in jene Form der
Bewegung, die mir frei und klar aus dem Gefühl kommt. Ich weiß, wir werden
haben, was wir suchen, wir sind auf dem Weg. Da ist es. Endlich. Wir werden
die Generale drücken, Zusammenhänge beweisen. Ich denke es klar und kühl
und fühle mich vorn stehen, wo die Dinge sich entscheiden.
Ich bringe Siv nach Hause.
Die Lichter sind im Ausgehn und scheinen rosa aus dem blauen Wasser, das
lautlos Stockholm durchströmt. Weiße Wolken ballen sich höher über Schlössern
und Inseln. Sivs Arm in meinem, ihre Hand. Ich fühle den Tau der
Morgendämmerung, das abenteuerliche Schwinden des Nachtwindes.
Ich liebe Siv und habe sie zehnmal belogen den Abend. Ich kenne die
Menschen und habe recht gehabt.
Aber ich spüre irgendwo, welche Klüfte mich trennen, wie ich ausgesperrt
bin von einer Verbindung, die, anders und tiefer als ich es fasse, die Menschen
zusammenbindet. Ich denke lange darüber nach, doch es verschwimmt, während
Sivs Gang und ihre leidenschaftlich kühlen Bewegungen und die herrlichen
Ausfahrten unseres Rausches goldener vor mich treten.
In der Frühe fahre ich durch Schweden. Zwischen Teichen und Felsen und
dunkelroten Holzhäusern zur Nordsee. Ich fahre zwölf Stunden mit vielen
Menschen. Ich esse Smörgåsbord, wenn der Zug hält, an den Stationen, gehe auf
der Holzdiele langsam, den Reisehut in der Stirn, zurück. Ich lese die
Verlobungen Stockholms, ich kaufe das Blatt „Saisonen“ und beschaue die
eleganten Frauen, döse in die Landschaft, schlafe einmal ein. Ich sehe den
Kondukteur eine Fahne an der Lokomotive heraushängen: fünfundzwanzig
Minuten Pause. Ich schlendre auf und ab, die Arme teils in den Taschen, teils auf
dem Rücken, ich bin ein Passagier wie alle anderen, ich langweile mich mit Maß
und Ruhe, ich kaufe keine Lakritzer, die man mir anbietet, ich sehe einmal, als
wir wieder fahren, verwühlte Kissen, Sivs hohes reines Bein ganz ohne Flaum.
Ich beginne in einem schlechten Roman zu lesen, es ist kein guter Geschmack,
daß ich ihn ziehe, aber er amüsiert mich köstlich, ich versinke ganz darin. Mir
gegenüber sitzt der Außenminister.
Der Zug ist gefüllt mit internationalen Raben, Hyänen, Wölfen. Ich bin sehr
in der Lektüre, wende langsam Blatt um Blatt, ich sehe jeden, der am
Kupeefenster durch den Korridor schleicht, ich sehe jeden Gedanken.
Ich bade mich in Göteborg, ich ziehe mich um, ich gehe ins Varieté. Ich gehe
an einer holländischen Gracht hinauf, das Wasser riecht faulig, Jasmin ist
dazwischen aufgegangen. Ich nehme in der Holzbaracke die Loge, die Almqvist
mir bezeichnet hat.
Neben mir sitzt ein Kommis mit goldenem Armband, den steifen Hut im
Genick starrt er offenen Mundes zur Bühne. Neben mir links ist frei. Ein
Riesenorchester hat um die Beine einer Tänzerin geknallt, nun schwenkt ein
gepudertes Schweinsgesicht ententistische Fahnen mit Zauberei dazwischen. Ein
Feuerwerk geht hinterher los und Amerikaner kakewalken auf langen
Bretterstelzen, die Musik hat ein Delirium und schmeißt das Publikum in einen
Rausch. Der Kommis fühlt sich als Achse des Erdballs und gröhlt, bekommt rote
Schläfen und kann kaum mehr sitzen.
Da zieht links neben mir jemand den Hut, setzt sich an die Brüstung, sieht
gerade aus, nun liegt das Bild Almqvists vor ihm. „Gut“, sage ich.
Der Agent Krassin mit gelbem Gesicht und runden Augen! Er hat von Gunnaris und Almqvist Telephongespräche. Almqvist kommt in vier Tagen. Ich
bin ein wenig ungeduldig. Wild riecht die Mainacht draußen. Mit einer Kapelle
kommen tausend Hafenarbeiter vorbei, die rote Nelke der Jungsozialisten im
Knopfloch, mit Schildern: „Friede, Klassenkampf, Brot“. Krassin zittert. Auf
dem Meer Segel wie Glas. Der Marschtritt der Proletarier donnert fern schon
aber deutlich. Im knallweißen Licht der Laternen stehen kleine Huren mit
Zigaretten im Mund, pfeifen mit blutroten Lippen durch die Zähne.
Das Tor des Varietés klafft mit einem Tusch und Trommeln und speit den
Kommis heraus, er geht steif und schwankend mit einer dicken Sau und schaut
hochmütig um sich. Krassin hat den Hals eingezogen, denkt nach und geht neben
mir, bescheiden, vieles wissend, ein wenig hinkend, bis zu meinem Hotel.
Am Morgen kommen drei Schweden, Ek rauh, Lilljeqvist mit faunischem
Adlerkopf und Glatze, Davidson schön. Krassin kommt nicht.
Wir fahren zwei Stunden, es kommen Wiesen. Am Wald liegen sechs Villen.
In der ersten Wiesenhürde üben Hindus, rösten Kaffee und rauchen. Am dritten
Tor an der dritten Umzäunung legen Ek und Davidson die Oberkleidung ab,
verschwinden in der Villa, kommen in einem knappen Nationalkostüm zurück
und üben mit Geren und Steinen, während Lilljeqvist auf dem Buckel liegt und
raucht.
Ich gehe beiseite, ziehe einen Brief und lese. Ich erröte, es wird mir warm
plötzlich, ich atme rascher, schaue mich aufnehmend um. Ich schlendre weiter,
Chinesen und Amerikaner rufen sich einen Slang zu, weichen mir aus, wie ich
mit Händen in der Tasche herankomme. Ich gehe durch die Mädchen, die einen
Reigen hin und zurück sich werfen, melodisch, mit einem Schwedisch, das ich
nicht verstand, auf einen Mann zu, der vor der sechsten Villa stand.
Er war athletisch, ein Vierziger, und, wie er sich bewegte, zog er die Hüfte
mit herunter. Ich ging auf ihn zu, gab ihm die Hand. „Grüße meines Bruders“,
sage ich. Er hob den Kopf, der ein wenig zitterte beim Hören, nahm den Namen
auf und nickte, drückte mir noch einmal die Hand.
Nach zwei Stunden, wo wir zusammen waren, wo er mir alles gezeigt, was
die Sportschule seit dreihundert Jahren geleistet, erwähnte er ihn einmal, wies
einen Stab, mit dem er den bekanntesten Chikagoer besiegt. Dann gingen wir
hinüber, wo schwarzweißes Rindvieh mit praller, glänzender Haut uns dicht
umdrängte; wir fahren mit den Händen darüber, es scheint die Sonne immerzu.
Am Abend lagen wir bei Feuern am Waldrand, tranken Kallskol aus Zitronen,
Wein und Saft.
Ich muß vielerlei denken, während die Tanzenden zwischen den
Lichtflammen zucken. Ich sehe die dünne Linie des frischen Monds an einer
Pappel und ich muß denken, daß an diesen Bäumen die Tragödie des Bruders begann, hier sich sein Hirn wund rieb an den Büschen. Ich muß denken, daß
Floda nahe liegt, daß vom Herrenhaus ihm die Rettung kommt, als er mit dem
Pferd in den Wald reitet, daß der Wechsel bezahlt wird, daß alles gut scheint,
aber sehr schlecht ist.
Ich liege weit zurück und sehe erschüttert und traurig, und doch davon wieder
gehoben, die Nachtscheibe des Himmels sich immer weiter und tiefer über das
Meer hinausschwingen.
Ich habe seit Jahren wenig gedacht an meinen Bruder, ich habe vieles zu tun,
ich bin beschäftigt gewesen mit mir und tausend Dingen, ich habe nie begriffen
oder versucht es zu fassen, warum er sich selbst, nachdem die Bagatelle
beigelegt, hinausstieß.
Ich denke darüber nach und fasse es nicht ganz, aber es arbeitet in mir weiter,
auch wenn ich nicht nachdenke, ich fühle es genau. Der Boden, den er betrat, das
Laub früherer Sommer, das er berührte, verbindet mich eng mit seinem
Schicksal.
Ob er barfuß durch Kalifornien läuft, auf Akkord in Steinbrüchen der
Kordilleren arbeitet, wieder ohne landen zu können als Boy vorm genuesischen
Hafen immerzu liegt, ich spüre sein Leben hier, ich kann ihm nicht helfen, ich
bin unglücklich darüber. Ich habe manches Unrecht an ihm getan, fällt mir ein.
Am Morgen holt mich Davidson. Ich fahre froh nach Floda, ich will, kann ich
nichts anderes, wenigstens diese Kleinigkeit des Dankes dem Bruder schön
vollenden. Ich habe die Unruhe zurückgelassen, die die erzwungene Pause mir
auferlegt. Ich fühle mich nur wohl, wenn ich in die Bogen, die ich selbst
gerichtet, von Handlung zu Handlung mich spanne. Aber ich habe diesen Tag
keine Unruhe, ich bin vergnügt fast, ich sitze in der Equipage und schaue auf den
Buchenwald, als sei er mein.
An einer Bachecke umringen uns Damen, ich springe raus, ich weiß sofort,
wohin ich mich zu wenden habe. Ich grüße die Herrin. Sie geht anmutig über
den Wiesenpfad, steht vor den weißen Säulen des Herrenhauses, hebt die Hand:
„Välkommen“.
Ich verneige mich.
Das Land liegt unten mit pastellener Idylle, weichem Teich und Birken. Sie
sagt ein Wort: „Ebba“.
Es ist die Schwägerin. Der Gang einer Reiterin. Ich sehe ein blaues Kleid. Ich
sage: „Ich freue mich. Ich bin zufrieden, Sie zu sehen.“ Die Herrin winkt, sich
entschuldigend, zieht sich zurück, das Souper wird gerüstet.
Ich gehe mit Ebba weiter, immer im Kreis. Welch ein schöner Tag. Sie trägt
ein blaues Kleid, geht wie eine Reiterin. Ein Kiesweg. Ein Hund. Da steht die
Herrin wieder, als sei sie eine Sekunde nur weg. Sie ist in großer Toilette. Neben ihr der Gatte: „Välkommen“.
„God dag, Sir Johnson.“ Seine Hand, bescheiden bewegt, sagt
Gastfreundschaft an der Pforte des Schlosses bis zum letzten. Ich danke.
Ich gehe mit Ebba weiter, immer den Kiesweg, jetzt erst bricht etwas von
dem Duft um mein Hirn, jetzt höre ich ihre Stimme deutlich. Dann ist sie wieder
im Nebel. Warum lähmt mich ein Schicksal, nimmt mir den Mut, mühelos kühne
Sachen zu sagen. Es ist nichts von Angriff in mir. Ich senke den Kopf. Ich sage:
„Als Kind hatten wir denselben Hund.“ Ich deute auf das Gras und mache mich
lächerlich mit dieser Bewegung. Mein Blut kocht aus Zorn über meine
Schlappheit in meinem Kopf, ich siede, es wühlt grausam in mir. Was kann ich
machen, was kann ich machen? Ich weiß nichts mehr von mir. Sie schaut mich
an, die Augen sind hart, die Stimme süß und weich.
Drei Minuten gehen wir wortlos. Immer den Kiesweg. Einmal gelang es mir,
ich sagte leis ihren Namen vor mich hin, es ist ausgeschlossen, daß sie es hören
konnte. Welche Macht das Wort Ebba, es scheint stärker als ich! Eine Wolke
brach vor ihr Auge. Das Gong tönte. Ich fühle, als risse sich die Seite wund bei
mir, an der sie ging, als wir umdrehten.
Ein Gesicht, ein Männergesicht steht vor mir auf: „Der Lunch.“
Sie ist ganz weiß, ihre Augen glänzen weiß, glasig, sie hebt die Hand, deutet,
ich verneige mich tief: „Mein Verlobter.“
Ich verneige mich noch einmal vor Sir Johnsons Sohn. Ich denke, dies Haus
ist heilig. So hatte ich vom Morgen an gedacht. Aber ich fühle, es schlägt mir die
Knochen entzwei, es macht mich kaput, ganz klein.
Vor mir, an meinem Arm die Herrin, defiliert die Gesellschaft. Ich benutze
die Minute für meinen Bruder, ich flüstere: „Ich bringe den Dank eines, dessen
Leben Sie gut getan.“ Sie winkt gütig mit den Augen ab, ich werde ihr das
nächste Mal allein erzählen, sie lächelt.
Dann geht das Essen wie ein Rad vorüber. Ich sehe das blaue Kleid nicht. Er
sitzt auf derselben Reihe wie ich. Was ist aus mir geworden? Ich kenne mich
nicht.
Der Kaffee wird auf der Terrasse genommen, da sitzt sie mir gegenüber, das
macht mich frisch, ich rede viel und nicht zerstreut. Es ist eine halbe Stunde nur
noch, man muß sie nehmen und ausfüllen so gut man kann. Vogelschreie der
Bahnen ächzen aus der Dämmerung. Das Auge Ebbas geht nicht von meinem,
ich fühle es, wo ich kaum mehr etwas sehe.
Ihre Pupille und meine Pupille sind aufeinander gestellt.
Havannas werden gereicht. Das Glas färbt sich dunkel. Ich bin berauscht, als
ob ich Wein in mir hätte, ich habe einen guten Tag plötzlich, ich wende mich
nach allen Seiten, und wie ein Karussell windet sich alles um mich. Ich habe so leicht zu reden, „Dozent Lilljeqvist“ sage ich, „Sie tun unrecht, Baron Prittwitz,
der die Ehre hat, uns zu vertreten, ist Pazifist, wenn auch aus bon sens, und hat
gegen den Willen Wilhelm II. gearbeitet, der Ihr Land in den Krieg
kommandierte. Als er zu Ihrem früheren konservativen Premier kam,
Wallenberg, dem schlausten Krämer . . . nein“, ich wende mich ganz herum,
„nein, Sir Johnson, ein erschossener Steuermann ist ein Zufall, aber Sie haben
recht: die Tötung jedes Menschen ist ein ungeheuerliches Verbrechen. Aber
kalkulieren Sie damit nicht in Politik. Tod ist nicht Zähler, nicht Nenner. Was tat
Ihre Regierung denn, die keine andere schöne Wendung sah, als daß sie zwei
Tage die ganze schwedische Presse mit Geheul gegen Deutschland vorließ und
dann zurückpfiff. Und Wallenberg, die Augen schmunzelnd, errechnete, daß mit
hunderttausend Kronen Entschädigung und dreitausend Pension die
Steuermannswitwe eine glänzende Lotterienummer gezogen und etwas verändert
die ganze Presse der gleichen Meinung war. Das ist Verbrechen, Sir . . . Dank für
das Feuer Sverker Ek . . . .“
Ich setze mich tiefer zurück, mache mich breit, ich habe im Feuer vieles
gesehen, ich rede immerzu: „Hören Sie, wie anekdotisch dieses Regime arbeitet,
bei uns und bei Ihnen, es ist das gleiche furchtbare System: Als der Gesandte
frug, als Ludendorff ihn zwang: ob wir Munition bringen dürften nach Finnland
durch die schwedische Sperrzone, sagte da Wallenberg nicht, kühl und
kaufmännisch in den Bart — daß einmal ein Mann gekommen sei und gefragt
habe, ob er rauchen dürfe und man habe gesagt: nein. Der aber wies auf Reste
von Zigarren, worauf er die Antwort hört: das taten solche, die nicht frugen. Man
verständigte sich unter Lachen. Stellte ein schwedisches Torpedo zurecht, ließ
die Munitionskolonne beschießen, drei Tage die Presse heulen, dann war es
vorüber.
Deutschland gab eine Million Weißwein dafür frei. — — — O Malte
Davidson, dreißigtausend Tonnen Schmalz für den Hunger in Deutschland, das
kam, weil eben der Gesandte Euch und sich elastisch hielt im Zusammenprall
solchen Schicksals. Ohne ihn säßen Sie in Sibirien, ich weiß, er wand Ihrem
König manchmal den Entschluß zu den Kanonen aus dem Hirn. Nicht, weil er es
verfluchte, daß Menschen sich töten, aber weil er aus dem neutralen Lande
Essen wollte für die skrophulösen Kinder . . .
„Nein Sir“, ich lächle, „der Wutschrei des Polizisten am Brandenburger Tor
über Ihren Chauffeur ohne Mütze, das ist nicht das Deutschland unserer
Gesinnung. Aber trotzdem, ich neide Sie nicht, nicht Ihre jungen Männer, so sehr
ich den Frieden begeistert grüße, der Ihr Land beglückt. Sir Johnson“, sage ich
und ich spreche mehr aus, als ich sonst je wage, „Sir Johnson“, sage ich betont
und staune über den Klang, denn ich hätte nie selbst zu Siv so offen und frei in diesem Lande gesprochen, ich, der ich nie von Plänen spreche und mit ihnen die
anderen anfalle wie ein Weih mit dem Vorstoß . . . „was ist Krieg Ihrer Jugend,
Sir Johnson? Ein Trog, an dem sie fraß und fett ward. Gulasch nennen sie selbst
den neuen Reichtum, der in falschen Konservenbüchsen kam. Fühlt sie sich
nicht krank, ihre Jugend, Ek und Davidson, vor dem kochenden Gold, das ihre
Leidenschaften, ihre Begeisterungen frißt? Wo habt Ihr jenes Stolzeste, das
manche andere und mehr gequälte Jugend mit einem siegreichen Lächeln als
Trotz und Auflehnung entgegenträgt? Eure Besten leiden daran, Weiber, Pelze,
reiche Schiffe zu haben, aber kein anklagendes Echo Eurer Seele im Ohr der
Menschheit. Sie haben in Schweden keine große Politik getrieben. Blieb Ihr
Land neutral, Sir, war es Vorsicht von uns und von Euren Aktionären, nicht Haß
gegen die Gewalt. Zweitausend Kilometer Etappenstraße nach Rußland, das wog
Euch Erschreckten mehr als humane Überlegung . . . . Im Museum liegt Euer
Imperialismus, Karls Standarten, Wasas Helm, ungefährlich als Rausch für Eure
romantischen Jünglinge. Aber Ihr lerntet nur Vorsicht, noch nicht das letzte. Eure
Gelehrten sinnen und rechnen, machen ballistische Kurven, um auszurechnen,
wer Euren größten Krieger, Karl XII. schmale Abenteurerstirn, erschoß, die
Feinde draußen, die kriegsmüden Schweden innen? Die Narren. Der Friede
erschoß ihn. Verstehen Sie mich wohl gut, Sir Johnson?“
Ich breche ab. Bis an den Rand der letzten Minute habe ich geredet, es ist mir
frei geworden, ich habe einen Zweck gehabt zu reden. Nichts ging verloren, es
ist, als kenne ich das Dunkel, als verstünde ich es besser mit den Sinnen
plötzlich wie den Tag.
Schwätzend, wie ein Seiltänzer bebend, die letzte Sekunde.
Ich erbleiche plötzlich.
Sie kann nicht gehen. Sie läuft schon hin, reißt ab, ich stehe auf.
Auf strahlender Diele stehen alle im Halbkreis. „Es lebe das Deutschland
Ihrer Gesinnung.“ Ich verbeuge mich ein wenig vor Sir Johnson, ich verbeuge
mich noch einmal tief. Ich bin mir nicht ganz im klaren, was ich tun soll, wo ich
bin, ich verliere alles aus dem Auge, ich weiß nichts anderes, mich zu retten, daß
ich mich noch einmal verbeuge.
Die Herrin hat den Arm auf Ebbas Schultern.
Die anderen Gäste verneigen sich.
„Gnädige Frau, ich werde den Tag nicht vergessen.“ „Farväl,“ sagt sie und
nickt mit den Augen.
Nun wage ich Ebba anzusehen, ganz kurz.
Meine Augen beginnen zu brennen vor Schmerz. Die Zähne in den Lippen.
Ich verbeuge mich, schaue nicht wieder auf, ich erreiche nur ihren Mund mit
dem Blick, er ist weiß, zuckt einmal.
Ich folge dem Diener zum Wagen. Im Spiegel der Bahn sehe ich mein
Gesicht. Welch ein fremdes Gesicht. Stürbe ich jetzt, wie schön diese Wollust.
Ich gehe gleich zu Bett im Hotel. Ich weiß noch: morgen fahre ich zu Almqvists
Schwester. Nach Särö. Dann schlafe ich ein. Ich weiß nicht, wie ich schlief, ich
schlief wohl sehr fest.
Das Telephon weckte mich, ich lief ins Badezimmer vor Verwirrung, dann
legte ich mich nieder.
Ich nahm den Hörer vom Tisch, ich hebe ihn an mein Gesicht. „How do you
do?“
„Falsch verbunden.“
Ich hänge ein. Es schellt von neuem.
„C’est le portier qui parle.“
Ich fluche, ich rufe ins Telefon, er möge verplatzen.
Eine andere Stimme kommt, aus Nebel süß und weich: „Kan jag få tala med
Nr. 417?“ Ich streckte mich lang aus im Bett. Ich zitterte am Körper. Ich bin Nr.
417.
Ich will die Stimme noch einmal hören, ehe ich sie für immer verliere.
Sie wiederholt. Ich genieße es lange. Dann antworte ich; wie klanglos meine
Stimme. Ich antworte nur, was sie sagt: „Ja, Fröken Ebba, ich vergesse die
Bücher nicht zu senden, ich küsse die Hände.“ Da geht die Leere ins Telefon.
Doch sie ist noch da, ich weiß, ich spüre es. Ich sehe sie dastehn mit dem weißen
Gesicht, erfroren am Mund, und lauschen.
Doch ich darf nichts anderes sagen, ich muß es fallen lassen, wenn es mich
auch vernichtet. Ich habe stets gedacht, dies sei ein heiliges Haus. Ich will keine
Verwirrung in diesem Haus.
Wie unglücklich bin ich und schwach. Und doch wie getröstet. „Ich küsse die
Hände, auf Wiedersehen!“ rufe ich steif und hänge ein. Ich kann es nicht hören,
wenn sie den Gruß wiederholt. Ich richte mich auf unter der Badedusche, hebe
die Arme, die Muskeln wiegend im Strahl — und breche zusammen: welches
Glück, diese Stimme.
Erst nach dem Mittagessen kam ich in Särö an.
Vor dem hellen Sandstrand stand die Nordsee. Dann machte der Basalt eine
Welle, die Häuser trug. Davor brannten mit schmalem Rasen die tausend
Obstbäume. Ich ging durch den verschneiten Geruch.
Auf der Terrasse kam Almqvists Schwester auf mich zu. Ich trat betreten
einen Schritt zurück. Sie lächelte mit einer sich nicht entäußernden Bewegung,
ihre Schönheit streng bei sich behaltend. Ich saß auf der Klippenbalustrade vor
dem kleinen Schloß. Ich frug nach ihrem Bruder, sie wußte keinen genauen Termin, noch ohne Nachricht. Sie hob die Schultern ein wenig, ich mußte
warten. Ich unterließ nicht, ihr meine Bewunderung für solche Schönheit
schweigend zu bezeugen.
Aber es war ein Raum zwischen uns, ich durchbrach ihn nicht, ich hatte einen
Schmerz in der Brust, der mich peinigte bei jedem Wort und mich wegzog, wenn
ich die schmetternde Süße der Apfelbäume vor dem aufgestählten Dunkel der
Nordsee empfand. „Sie haben recht,“ sage ich hin, „Ihre Bürger sind Hunde wie
alle, gnädige Frau“ und ich lächle schief und trotzig, aber ich will es nicht
wissen, was geht es mich an, was liegt mir daran, daß ich ihren Vornamen gern
wüßte.
Aber ich frage nicht danach. Daß sie in Norwegen skiert mit Meir Elisha,
meinem Partner. O, was liegt mir daran. Ich bin da, um auf Nachricht von
Almqvist zu lauern, es ist keine da. Ich sitze und rede und höre nichts wie ein
phantastisch Knirschen eines Rockes immer im Ohr.
Auf der Klippe gegenüber stehen Kinder, rufen „Mur“.
Sie steht auf, nimmt die grün-weiß-orange-schwarze Decke von dem
Teetisch, winkt hoch damit. Die Kinder jauchzen, kriechen wie Ziegen weiter
mit den kleinen Spitzenhosen.
Auf der geschorenen Steppe ins Land hinein spielen Engländer Golf. Weiße
Männer liegen unten in den Segelyachten. Ich stehe auf, lege die Hand über die
Augen und sehe lang in die gläserne Bläue. Ich vergesse, wo ich bin, ich drehe