Frauen

Kasimir Edschmid · Kapitel 5 von 5 · Teil 1/2

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Frauen

Der Zuschauer

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 2 Teile geteilt.

 

Die Geburt vollzog sich am neunundzwanzigsten Februar auf Schloß Favorit bei

Baden-Baden, als schon heller Frühling war. Sein Vater war der Portier, der in

gelber Livree, rotbehost, die großherzoglichen Farben zur Führung der Fremden

trug, das Kind Cepha Billy nach einem Nick-Carter-Schmöker nannte und

Ehrfurcht vor den Dog-Carts und Autos lehrte, die durch die viergegliederte

Allee heraufstrichen.

Bald nachher folgte seine Mutter einem feurigen Chauffeur, der sie mit

Glasketten behängte, mit der Pistole den Gatten bedrohte und die schmalhüftige

Frau in fliegenden Kurven zur Rheinebene hinunterknatterte.

Mit vier Jahren warf Billy einen Stein nach dem Prinzen Schlitz-Glitsch, der

auf der Wiese das Strumpfband einer deutschen Aristokratin zu befestigen

suchte. Der Prinz fuhr herum, begann zu lachen und schenkte ihm fünf Mark,

was den erbleichten Vater so erschreckte, daß er zwei Schritte gradaus machte

und in strammer Haltung, die Mütze auf der flachen Hand: „Wir treten zum

Beten vor Gott den Gerechten . . .“ zu singen begann.

Mit neun Jahren riß Billy aus, indem er sich an ein Auto hängte, was erst in

Karlsruhe entdeckt ward. Ein Gendarm brachte ihn zurück. Gestraft wurde er

nicht, der Portier ließ eine fast furchtsame Verwunderung spüren.

Mit zehn Jahren leierte Billy eine lebende Katze am Schwanz in den

Kastanienbaum und sagte das Vaterunser auf, während er im Kreis der

Gehöftkinder Steine nach ihr warf.

Da der Pastor selbst ihn am Ohr herunterschleifte, machte die übermäßige

Angst dem Portier Mut, das Ende einer Komödie zu finden, in der nur sein

Respekt ihn hinderte brutal zu sein. Er schrieb einen Brief nach Kowno, in dem

er alles aufzählte und sich der besten Gnade empfahl.

Einige Wochen später, als Billy im Bett lag und auf die Mondkringel lauerte,

die durch die Alleen strömten, fuhr ein Wagen herauf, es wurde angeklopft,

geöffnet, eine Stimme rief „mein Sohn“, stieß die Tür auf, kam her, von einem

möderischen Lachen umschwungen, und nahm ihn aus dem Bett.

Die Nacht schaukelte Billy auf den Knien des Fürsten Wolkowski, der ohne

Unterlaß redete, der Portier sollte Tee machen und von seiner Frau erzählen, aber

er kam immer in die Jahreszahlen der Porzellankabinette hinein und kaute wie mit dem Mund einer Rüstung schnarrend und sinnlos. Am Morgen nahm

Wolkowski seinen Sohn mit.

Er schob dieses Niveau, das ihm seiner Mutter nach vielleicht gelegen hätte,

als durch die Ereignisse überholt und des Kindes Blut offensichtlich nicht

entsprechend, rasch von ihm weg, um es einer markierteren Zukunft

entgegenzuführen.

„Lebewohl“, schrie er dem Portier zu, doch er war nicht zu finden, erst wie

sie rasch das Haus verließen, trat er in den Alleegang, als der Wagen schon lief,

vermochte kein Wort zu sagen, sondern blieb stehen, warf die Arme „Präsentiert

das Gewehr“ und den Kopf „Augen links“. So fuhren sie an ihm vorbei, Billy

winkte mit einem Tuch.

Wolkowski lehrte ihn auf der Fahrt noch, daß er unter allen Umständen keine

Mutter habe und brachte ihn nach Gerolsheim in ein Pensionat. Er behielt seinen

Namen, nur wurde ihm der Vorname Wolkowskis, Harion, hinzugefügt, man

nannte ihn Harri. Wolkowski war ein ungewöhnlich schöner Mensch mit

kleinem dunklem Bart am Kinn und einer Kante an der Stirn, die sein Interesse

am Kleinen mit einem Wachsein für ein langes und weitgespanntes Dasein

verband.

Ein Jahr später übersiedelte Harri, der seinen Vater nicht mehr sah, auf seinen

Wink in die Odenwaldschule, wo er zwei Jahre lebte mit beiderlei Geschlecht,

wilden Mädchen und klugen Jungen und einer Erziehung, die ihm Freiheit des

Geistes als oberstes Merkmal pries.

Dann zog der Befehl Wolkowskis ihn nach Ettal. Im Kloster mit der halb

bäurischen, halb besten aristokratischen Jugend Bayerns, lernte er strengste,

kirchlich geheizte Zucht mit dem vereinen, was an der Bergstraße seine Lehrer

ihm als Ziel der Lebensidee an Freiheitsgefühl unausrottbar ins Blut gesetzt.

Wolkowski war tot, als er das Kloster verließ, ein Anwalt verwaltete ein

ansehnliches Vermögen, das der Magnat seinem Bastard übermittelt.

Er ging nach Genf, München, Berlin, sah kurz Warschau und Petersburg und

verbrachte seine Zeit in der üblichen Form seiner Gesellschaftsklasse.

Ausschweifungen bestätigten ihm nur vom Kloster her Bekanntes in größerer

Ungebundenheit, in die niemand mehr hineinsprach. Sonst war nichts Neues da,

außer dem, was das Auge durch Vergleiche ablas.

Die Zeit begann dagegen, die auf sie Horchenden bereits zwischen ihre schon

heftig mahlenden Mühlräder zu nehmen, und, zwischen fernen Gewittern und

glatter Gegenwart, war ein Mann nur, wer sich entschied.

Durch ein Mädchen, das er mitnahm, kam ihm das niedere Schicksal in

seinen Gesichtskreis, was man mit einer Handbewegung sonst abtat, was man

nicht wissen und erlebt haben durfte, wenn man heiter weiter leben wollte und ihn begann das Dasein der anderen tieferen Schichten anzuziehen, jedoch nicht

mehr als mit teilnehmender Neugier.

Mit glänzenden Beziehungen, reich, schlank und mit blonden Haaren über

dunklen Augen, einen sportlich gewaltigen Rücken zwischen der slavischen

Eleganz tierisch anmutiger Bewegungen auf schmalen Hüften schaukelnd,

angesehen und nicht ohne ererbte Haltung, zog ihn alles eigentlich zu Erfolgen

und Siegen seiner Schicht.

Aber eine dumpfe Erbschaft, die von der Mutter her sein Blut bewohnte,

zwang ihn immer wieder, eifrig den Ausgleich abzutasten von seiner Klasse zu

der, wo man fern demonstrierte, schuftete und stank.

Nach jedem Versuch aber, sich dort festzuklammern, flüchtete er zu neuen

Geliebten. Es lockte ihn dunkel aber sofort wieder hinunter.

In Mons fuhr er in Manchesterhosen in die Braungruben, aß Speck, Brot,

gröhlte und schnapste. Kräftig, braun, erfrischt, aber innerlich erschöpft kam er

nach Köln ins Hotel.

In München arbeitete er im Wohlfahrtssekretariat, Fürsorge, Antituberkulose.

Sein Lehrer Brentano zeichnete ihn im Seminar aus, wo er durch kühne Einfälle

die besten volkswirtschaftlichen Florette führte.

Als es anfing ihn zu verwirren, daß bei allem Drang und aller Lust er in den

Tatsachen der Masse fernblieb, ohne Kontakt und selbstverständliche

Gemeinschaft, während das, was er von Natur leicht besaß, ihn in seinen

Möglichkeiten nicht reizte, fuhr er auf der Durchreise zu dem Mann, der neun

Jahre sein Vater zu sein schien.

Der kannte ihn nicht und begann erschreckt, als der Kavalier über den

Horizont seines in elf Unteroffiziersjahren erreichten und umschlossenen

Weltgefühls sich ihm zärtlich nahte, Hilfe bei seiner vorgesetzten Autorität zu

suchen und knarrte verzweifelt die Namen und Jahreszahlen der badischen

Dynastie herunter.

Entsetzt fuhr Harri durch die fabelhaften Alleen.

Zwei Jahre ging das Leben so hin, bis die Operation des Appendix ihn um ein

Haar erledigte. Auch als er genas, geriet er dem Tod nicht aus seinem Bann.

An der Grenze des Lebens hatte er verlernt, die Wichtigkeit der irdischen

Dinge respektvoll beizubehalten.

In einer tiefen Melancholie, die allerdings nicht auf die Oberfläche seines

Wesens trat, erlebte er nur noch den spielerischen Reiz im Ungefähr dieses

Existierens und blieb schon durch den Gedanken, daß er bei Unkenntnis dieser

Operation vor wenigen Jahren ein verscharrter Kadaver und eigentlich nur

geschenkt und leihweis dem Leben überlassen sei, lächelnd plötzlich jenseits der

Probleme und Fragen der Zeit aufgestellt.

Seltsamerweise ging alles Seitherige in seinem Gedächtnis unter, er begann

neu die Eindrücke zu spiegeln, ohne sie aufzunehmen.

Eine Laune des Todes, verbrannt von der einmaligen Größe seiner Nähe und

nur noch imstande mit diesem furchtbarsten aller Wertmesser noch

einzuschätzen, ein fast uninteressierter Beurlaubter des Sterbens, so fühlte er

sich, obwohl stark und voll fiter Gesundheit, einem Dasein entgegenschreitend,

das er einerseits nicht besonders einzuschätzen vermochte, das auf der anderen

Seite aber mit verzehrenden Lockungen und dauerndem Wechsel ihm

gegenübertrat.

Noch müd fuhr er, zu reisen, von Baden nach Folkstone, der Himmel war voll

Gewölk und lichter erst über den wollweichen Wiesen von Kent. Zwischen den

Riffen und Blumen und Bächen, Hornissen und Sturmschwalben gingen

Wochen, die nichts gaben, nichts nahmen.

Bei Angeln, Jagd, bei auf dem Rückenliegen, im Anblick eines Hauses, des

hellen New-Romney, im Anblick von Wight, der Cousine Lyne eines Freundes,

die morgens viel lachte, im Anblick der Grasschur für Hockey, im Anblick von

Bournemouth, von einem Korallenparksee, der Portlandinsel, im Anblick eines

Strandes, der immerzu ihm entgegenzuschwimmen schien, im Anblick von

Weihen und Hasen, von Uplyme Hill, Lyme Bay, von Hunden, von einem

Kerzenbegräbnis, von Cast Looe, Himmel, Birken . . . . . . im Anblick von

Fischschuppen, die ganz neu ihm erschienen, vom Zinnober des Abends über

Kühen, im Anblick von Abteien und Ulmen, Gerrans Bay, Polperro, Gorran

Haven, im Anblick des Hallstroms, wo er ins Gewirr des Meerarms strömte

unter Blattwerk und rudernden schwarzen Enten, im Anblick von Cape

Cornwall, St. Ives, einer Hochzeit im Dorf, im Anblick eines Autos, das in die

Luft sprang und ins Meer stürzte, im Anblick einer dauernden besonnten,

reichen und wundervollen Reise empfand er nur ein gewisses Interesse, das sich

abendlich verdunkelte, in der Frühe immerhin nicht ohne Sympathie war.

Er stieg vom Dampfer, nahm die Bahn und ging quer durch Cornwall zurück.

Am Waldrand bei Liskeard bettelte ein Vagabund ihn an, Harri bettelte zurück.

Da lief der Störzer wie ein Eber schreiend davon. „Simpelst thing in the world“,

sagte Harri, sah ihm nach, fischte ein paar Tage Forellen mit Edinburgher

Studenten, fuhr durch blühende Grassteppen ans Meer, durch Sussex, und kam

nachts nach Paris.

Im Hotel neben dem Panthéon schrillte dieselbe Nacht unter einem Dietrich

das Türschloß, sein Schlüssel flog heraus, das Licht ging an, ein Herr im gelben

Pyjama stand vor seinem Bett, verbeugte sich, hielt den Finger auf die Lippen,

deutete auf eine Dame, die hinter ihm stand und glitt lautlos hinaus.

„Wie heißt der Mann?“ „Gallow.“

Sie flüsterte zitternd, während draußen der Lift hochschoß, Männer liefen, ein

Zimmer erbrachen, die Stimmen aufkrischen und langsam zurückfliehen und

verschwanden. Harri bot der Dame sein Bett an und verpflichtete sich, im

Lehnstuhl zu schlafen, die hatte einen Kimono über dem Hemd, die nackten

Beine bebten. Nach zwei Stunden entführte sie Gallow mit einer Verbeugung,

eine Limousine nahm sie auf vor dem Hotel, die Vögel sangen bereits in das Lila

einer Dämmerung.

Mit dem Grafen Shanvady, mit dem er eine Zeitlang in Ettal zusammen war,

fuhr er die ersten Tage nach St. Germain, nach Enghin, nach Calais. Mit

Shanvadys Cousine Mirei fuhr er zum Sonnenaufgang nach Trouville. Im Motor

begleitete er sie durch das Abendrot der Seine am Trokadero.

Ihre Schläfen waren leicht eingebogen, die lebhaften Nüstern zitterten scharf

und anmutig, das Auge war bedeckt mit einem perlmuttenen Schleier, unter dem

das leidenschaftliche Herz sich kühl verbarg.

Vor Bildern, im Musée Moreau, vor den Räuschen übergroßer Empfindung,

fiel ihr Gesicht wie eingestürzt noch nach innen. Sie war so unerlöst, daß der

Hauch einer seelischen Bestürzung sie erstarrte, eine Zärtlichkeit der Stimme sie

fiebrig den Blick verschwimmen ließ.

Auf den Rennen in Auteuil traf er dagegen am Totalisator Gallow wieder, der

eine Bande kommandierte, die zwischen den Buchmachern, Jockeys und

Startrichtern hin- und herschoß und signalisierte. Er setzte auf ihre Tips, gewann,

verlor, gewann. Angezogen durch die Organisation blieb er dabei, nachts endete

er mit einem Umzug durch die Brasserien des lateinischen Viertels. Da Gallow

am nächsten Tag in die Provence verschwand, kam von dem Räderwerk einiges

an Harri heran.

Er schaffte den holländischen Photographen Visser, der die dunklen Höfe für

drei Sous aufknipste in ein illustriertes Journal, wo Visser die Klischees an

Althändler zu verkaufen vermochte mit siebenfachem Gewinn gegen seine Gage.

Er schob Germaine als Tänzerin in das Ballett, wo beim achtundzwanzigsten

Mal erst ihrer Schenkel Kraft einem Kritiker auffiel und Germaine auf den Punkt

gelangte, ihr gewisses Renommee und diesen Ruhm zu abenteuerlichen

Räubereien an der Gesellschaft zu benutzen.

Er bugsierte den Juden Blumenthal in den Marstall des Präsidenten, der dann,

von der Opposition bestochen, das Pferdezeug durchgehn, den Wagen auf der

Straße von Neuilly umschmeißen und den wackelnden fetten Mann als

Oberhaupt der Republik von Maulaffen und Verbrechern mit Birnen

beschmeißen und in aller Taghelle besudeln ließ, bis seine glänzende küraßte

Kompagnie herbeikam, aber den Skandal nicht mehr aufspießte, der aus einem

Film und hundert Karikaturen über Europa flitzte.

Er bewegte sich in dem Milieu politischer Flüchtlinge, bankerotter Literaten,

sozialer Bohèmes und Glücksrittern, in diesem nihilistischen und auf Karriere

bockgeilen Milieu mit der Sicherheit seiner Beziehungen und seiner

Uninteressiertheit.

Dazwischen sah er Mirei.

Bald mischte sich sein Leben.

Er saß mit der Ungarin in der Opernloge, aß mit ihr und Shanvady im Café de

Paris und fuhr im spiegelglatten Auto in den Klub der Rue de Grenelles.

In derselben Nacht in schiefer Sportmütze und Sweater decouvrierte er den

Rennfahrer Müller, der im Absynthrausch in der Rue Champollion gestürzt war,

als Besitzer eines zerborstenen Holzbeins, Spitzel, und Besitzer von fünfhundert

Francs, die er verschwiegen und sich von den kleinen Kokotten hatte aushalten

lassen.

Er tastete mit Mirei die Knoten der ältesten Spitzen ab im Musée Cluny und

ging dem Filigran nach in seine jahrhundertalten Verästelungen.

Er holte Hallboog hingegen aus seiner fensterlosen Baracke, wo er zwischen

dem Bild einer Frau, die ihn betrogen, und dem Glas darüber, eine Brut Wanzen

züchtete, und brachte den gertenschlanken, haarumbauschten Burschen zum

Führer des Chors in eine dramatische Revue des Odéon.

Er ging im Promenoir der Folies Bergères, den Zylinder im Genick, die Hand

in der Fracktasche neben Mirei, und machte in dem Café der kleinsten Huren

den Kroaten Mitro Petrova aufmerksam auf eine Notiz im Figaro, die einen

phantastisch reichen und abenteuerlichen Sportsmann und Aristokraten seiner

Rasse bei Geschick in seine Hand gab.

Er fuhr zum Golf auf den graziösen Avenüen zwischen den Idyllen und

Zartheiten der Gebüsche mit Mirei im Bois de Boulogne auf dem Mail.-Phaeton,

und brachte Petrova hingegen unter als Spitzel gleichzeitig bei dem serbischen

und österreichischen Konsulat.

Er glitt mit dem Räderwerk, das er stellte und spielte, tief in das Milieu, war

im arabischen Viertel heimisch wie ein Zuhälter, kannte und lernte die Tricks der

Polizei, der Gesellschaft, lernte die Finten dagegen, die Fallstricke, die

Betäubungen der Gegnerschaft. Wußte, wie Mädchen verkauft, Männer

ausgetrieben werden, kannte die Führer der Milchdiebe und der panslawischen

Komitees, lebte in dem Rauch der europäisch gemischten unruhsamen Retorte,

wurde von Mirei nicht erkannt, als er ihr als Camelot ein Abendblatt vor der

Oper verkaufte, nicht, als er statt Hallboog dem Chor im Odéon die Stichworte

gab, aber er brachte genug unausgesprochener fremder Welt an sie heran, daß sie

ohne Begreifen aber gefüllt bis zum Rand mit Instinkten mit ganz weit

geöffneter Iris und dem fiebrigen Pochen, gleich einem dahinter schlagenden Vogelherz, ihm gegenübersaß.

Als Mitro Petrova, durch das Pech verfolgt, nicht beim Grafen Castiglione,

jenem großen ungarischen Sportsmann, vorgelassen wurde, nahm er selbst, in

Petrovas Maske und ausgefransten Hosen und ohne Kragen die

kompromittierenden Briefe, erreichte, von Petrova gefolgt, in dem Hotel am

Vendômeplatz drei Appartements, ging in das vierte, von der erblaßten

Dienerschaft bestaunt, sah eine Frau im Peignoir halbnackt, aber mit deutlicher

wunderbarer Schulter durch einen Vorhang verschwinden und hielt mit ruhiger

Überlegenheit dem Grafen, einem breiten, nackenschweren Burschen mit

rötlichem Bürstenschnurrbart die Papiere und die Situation vor und ließ ihn

wählen.

Verwirrt griff der nach dem Schlüssel seines Schranks, um auszuzahlen, da

stürzte Petrova auf die Papiere, warf sie dem Grafen vor die Füße, warf sich in

den Teppich auf die Knie, verzichtete auf die Rente und erbat als Gegenleistung

für die Papiere seine Geliebte für eine Nacht.

Der Graf riß die Papiere an sich, bekam durch diese Wendung Mut, spannte

eine Pistole, und nur mit schrecklichen Sätzen gelangten die beiden ins Freie.

Der Figaro brachte Castigliones Bericht durch seinen Interviewer, das Journal

sein Bild, der Polizeipräsident setzte eine Belohnung auf die Erfassung der

Attentäter.

Am folgenden Morgen machte Petrova Harri klar, daß er nichts, Harri alles zu

verlieren habe, und daß er Geld brauche. Harri lachte und schlug ihm zweimal

seine Handschuhe ums Gesicht. Nun tauchte aber Gallow wieder auf,

eifersüchtig und gewandt versuchte er ebenfalls die Erpressung. Harri gab ihm

eine Banknote. „Einmalig . . . . wie der Tod“, sagte er.

„Yes“ — Gallow.

Nach drei Tagen begann Gallow die Erpressung von einer anderen Seite.

Harri suchte ihn durch einen Dritten, der zuhörte, zu fassen. Es gelang nicht. Als

er ihm entgegnete, daß er, wie seinerzeit den Störzer am Waldrand bei Liskeard,

ihm auf gleiche Weise Erpressung vor die Brust schießen werde, fragte Gallow

kalt: „Wieso?“. In der Tat gab es gegen diesen eleganten und gefährlichen

Halunken kein sicheres Material.

Das sagte Harri zu dem Grafen Shanvady, als er mit ihm vor dem Café

d’Harcourt saß, und damit trat Shanvady in sein Leben, in das er tief wie

niemand einschnitt.

Shanvady frug, ob er ihm das Arrangement überlasse, Harri nickte; Gallow

verschwand.

Am gleichen Tag fuhr Harri ohne Shanvady mit Mirei nach Fontainebleau.

Das Wasser hatte eine zauberhafte Durchdringung der Luft, die Parke standen hauchklar und leicht.

Sie erregten sich aus der Beschwingtheit des federhaften blauen Tags hinein

in die Schönheit des, was sie umgab. Er zeigte ihr den Hof, wo Napoleon

Abschied nahm vor Elba, und Sergeant Dubois durch einen Schrei die ganze

Kompagnie zum Heulen brachte.

Vom Wagen links und rechts sich neigend, verständigten sie sich, daß hier der

Rousseau gemalt, dort der bauernhafte Millet, da der Daubigny, und am Ende

überall der aus Silber und Flöte die Welt geschaffen: Corot.

Schon im Schloß lächelten sie sich zu und begannen die Säle zu durchrennen,

immer süßer wie von ihrer eigenen gleichströmenden Harmonie weitergetragen,

bis Mirei neben einer schlanken elfenbeinernen Vase der Marie Antoinette

stehen blieb, errötend, ihn erwartend und die Hand auf der Brust, atemlos:

„Fühlen Sie mein Herz“.

Alles war nunmehr aus ihr herausgetreten und hatte sich in ihrem Gesicht

aufgestellt, bereit wie mit einer großen und feierlichen Zeremonie ihn zu

empfangen und ihm entgegenzutreten.

Allein in diesem Augenblick entfernte sie sich unter seinem Blick, er fühlte

keinen Anlaß und keine Begeisterung hineinzutreten in diese Welt, als sie sich

ihm öffnete, er vermochte sich nicht darauf zu spannen, daß dies ihm etwas sei.

Der Tod hatte ihn zu sehr entrückt, er bestand die erste Probe nicht, mit der das

Dasein ihn lockte.

Flaumenweich, dünn und zwecklos floß es ihm weg, er neigte sich nur

lächelnd und zurückhaltend, als höre er. Abends nahm er im Luxembourg-Garten

eine tschechische Studentin mit, küßte ihre Knie und lachte über die

Nationalbänder, die sie durch ihre Wäsche geflochten.

Am anderen Abend eröffnete er mit Hallboog das Kabarett in der Rue

Champollion. Er suchte Hallboog damit durch die Varietésensation in die

Literatur hineinzubringen, aus der dieser abgebogen war durch ein

Weiberunglück, und in die dieser ungebrochene und nur zum erstenmal

zusammengeklappte Jüngling mit penetranter Begabung gehörte.

Den Tag über hatte er alles, was irgendwie ihre Kreise streifte, als

Sandwichmänner mit Plakaten herumgeschickt. Germaine, die er gestartet, war

im Auto mit Herren im hohen Hut angefahren, um als Favorite nun wiederum

diesen Start zu machen.

Shanvady in grünem Seidensweater, Apachenmütze, Lackpumps und rotem

Halstuch eröffnete, indem er ein Florett durch das Billard stach und, das

sechseckige Monokel eingeklemmt einen dicken Herrn in der ersten Reihe

verhöhnte. In der Hand hatte er zwei Diskusse, die er dröhnen ließ. In der vierten

Nummer sang Germaine, indem sie beinahe nackt auf dem Tisch tanzte: J’offre ces violettes / Ces lis et ces fleurettes / Et ces roses icy / Ces vermeillettes roses /

Tout freschement écloses / Et ces oelliets aussi. Die Spanier kamen, warfen ihre

spitzen Hüte hoch, schrien ihre Namen: Tomé . . . Elisabat . . . Camacho . . .

Curchuelo. Ein zamoranischer Dudelsack pfiff dazwischen, aus den Ecken

gingen Grammophone wie Böller los, Überraschungstüren knallten mit

aufgebundenen Akteuren um eine wagrechte Achse.

Da sprang über einen Tisch der Holländer Visser, streckte sich eine Sekunde

mit dem pockennarbigen Gesicht wie ein Pferd in die Höhe, machte einen

Riesensprung und stieß, ihm in die Augen sehend, Hallboog zwei Messer in den

Rücken. Die Scheiben des Cafés wurden eingedrückt, Sanitätsleute liefen vom

Boulevard herüber, das Polizeirevier sperrte ab.

Sie frugen Visser: warum. Er vermochte nichts mehr zu sagen als den Namen

seiner Schwester, die verschwunden war, er sagte ihn bis an sein Lebensende.

Das Komitee ward verhaftet und zurückbehalten. Shanvady rettete sie, indem

er plötzlich mit dem grauen Torpedoauto der Botschaft vorfuhr.

Am anderen Morgen traf Harri, aus dem Metro steigend, Mirei. „Wir sind im

selben Wagen gefahren und haben uns nicht gesehen.“ Er nickte. Ihr Gesicht

sprang fast wie dünn gewachsenes Glas unter den verhaltenen Tränen. „Ich fahre

am Abend.“ Er nickte und schwieg. Sie gaben sich vor ihrem Haus die Hand.

Bald darauf kam Harri an die Seine.

Ein Dampfer legte bei an dem Steg, er bemerkte jemand, der ihm winkte. Ein

Engländer grüßte von dem Dampfer mit hellen Handschuhen ihm herauf, aber

erst, als dieser die große Reisemütze abtat, erkannte er Petrova, der, zwischen

Lederkoffern und eine Frau neben sich, dem Glück eines Tricks nachfuhr, der

ihn in die Höhe geworfen, und den sofort eine Rauchwolke, die das wendende

Schiff machte, verhüllte.

Vom Arc de Triomphe sah Harri die Stadt wie einen Stern geordnet und

Züge, die in das gewellte abendblaue Ackerland hinausrollten. In einem der

Züge war Mirei.

Gegen Mitternacht sprang er über das Gitter des luxemburgischen Gartens,

trat in die Platanenallee und kam in die Nähe des Platzes, wo der Wind auf

fünfzig Meter die Fontäne gleich einer Peitsche herumschlägt. Auf der Bank saß

ein Mann, er erkannte, als dieser aufsprang, Shanvady.

Harri hatte die Hände vor die Augen geschlagen, um besser zu sehen. Das

verkannte Shanvady und machte eine Bewegung, die aufforderte, sich ihm

vollständig hinzugeben. Als sähe er in ihm einen Zusammengeschlagenen, sagte

er: „Kommen Sie mit mir, schließen Sie sich mir an. Ich führe Sie, zu was Sie

wollen.“ Harri starrte ihn an.

In diesem Augenblick kam die Fontäne armdick angesaust und Harri fing sie mit der Brust und entgegengeworfenem Gesicht auf. Damit waren sie zu nah in

das mondvolle Rondell getreten, die Wache am Schloß trat ins Gewehr, ein

Trommelwirbel, die Qui vives kamen durch die Bäume. Die beiden sprangen

zurück, machten kehrt, rannten durch die Allee, über die Mauer auf die Straße

und verloren sich dabei. Anderen Morgens trafen sie sich, ohne von dem Abend

zu sprechen, im Zug nach Straßburg, von wo Shanvady auf eine Besitzung fuhr.

Harri begleitete ihn nicht, versprach ihn später zu besuchen, reiste weiter, im

übrigen vergaß er diese ganze Epoche rasch, sie blieb ohne Widerhall in seinem

Leben.

Als er Fische wieder fing, war alles aus ihm heraus mit dem Fluß schon

abgeströmt und nichts da als das pastellne Rosa-Schaukeln der Wolken und

Dächer, das Kuhgebrumm und das Schlafbedürfnis, das von den kräuselnden

Ulmenschatten über die abendlichen Matten herüberwehte. Als er Dover sah,

nahm er es nackt und ungetrübt, ein Spiegel, der zum erstenmal die Welt in sich

spannte. Er sonnte sich wie in sich selbst ruhend, am Strand, auf den Schiffen,

als sei nur pausenloses Leben vor ihm und hinter ihm nichts.

Es gab viele Genüsse freilich, die ihn leicht erheiterten, aber es hätten ihn aus

seiner entfernten Kühle nicht einmal die Schmerzen getrieben. In Husum

knackten die Fischermotore, in Trouville sangen die Austernverkäufer weiter,

weiter . . ., in Hamburg krischen die Matrosen: „Glorie, glorie, Hallelujah /

Schön sind die Mädchen von Sankt Pauli-Altona.“ In dieser Zeit vermochte er

sogar viel zu lesen und zu studieren.

Von Hamburg fuhr er plötzlich direkt zu Shanvady.

In einem dampfenden Gewitter an einer Wegkreuzung der Vogesen ließ

Shanvady ihn abholen in einem Wagen des vierzehnten Ludwig, mit sechs

Pferden, karmoisin und golden, und einer Krone als Abschluß. Mit Fackeln

kamen sie abends in den Park eines Rohanschlosses. In einem erleuchteten

Fenster schwamm unregbar die Silhouette Shanvadys, der mit sich selbst Schach

spielte. Am Portal ließ er Harri durch den Hausintendanten begrüßen, es lag eine

Absichtlichkeit wie die Vorbereitung eines heimlichen Ringens in der Luft.

Auf der breiten Marmortreppe des Ausgangs bewegten sich eine Dame und

ihre Tochter zwanzig Stufen über ihm. Plötzlich fiel mit glatter Bewegung die

Hose des Mädchens über ihre Schuhe. „Mais . . Juju . .“, entsetzte sich die

Dame. Das Mädchen schlug die Hose dem Hund neben ihr ins Gesicht, erblickte

Harri, streckte die Zunge heraus und folgte ihrer Mutter wieder mit Ruhe. Sie

hatte einen Frottéstoff im Kostüm bis zu den Knien, war etwa siebenzehnjährig,

mit biegsamen Beinen.

Auf dem Balkon neben Harris Zimmer stand der Hausintendant mit dem

Gesicht einer Dogge. Der Stall war mit einer Lichtschnur erleuchtet. Zwischen

den Gartenbosketts, die dampften, ritten Reiter durch die nächtlich blauen

Schwaden. In einem Springbrunn im Hof, auf dem der Mond lag, standen nackte

Jünglinge und hielten sich, murmelnd, an den Händen.

Über sie aber kam aus der Ferne des Gartenrings ein Laut, der vor dem

Schloß fast starb, aber noch zitterte in der Luft, weich und süß, spielte eine

Weile, verschwand und kam wieder an, die volle unruhige Nacht hindurch.

Beim Erwachen sah er vom Bett aus einen Mann in roter Toga, eine Ziege an

einem Band führend, das Haus verlassen.

Es war die Zeit, wo Sekten anfingen in Deutschland die geistigen

Leidenschaften der Epoche, die noch kaum donnernd unter der Zeit ihres

Aufbruches lagen, in Vorposten um kuriose Karikaturen zu sammeln, und wo die

Folien der Helden das Land durchstreiften. Ein Adept seltsamer Prägung

erschien bereits voll Bekehrungswallung noch beim Ankleiden, der mit

eingesunkenen Augen deklamierte: Sinnlichem gelte seine und seines Lehrers

Clique Verachtung, worauf in Pyjamahose und nackter Brust nur Harri sein

Gurgeln gerade beendete.

Als der Diener im Tubbe ihn einseifte, fuhr der Adept unbeweglich fort:

Leben sei der Zweck, durch ewiges Training der Seele zum Spiegel vergangener

gelebter Leben vorzudringen und mit solchen geistigen Reservedivisionen das

läppische Rätsel der Erscheinungen dieser Welt wie mit Handgranaten

aufzuschmeißen . . . . . . worauf mit leichter Bewegung, den Schwamm hoch auf

dem Nacken ausdrückend, Harri freundlich über die Schulter frug, in wessen

fabelhafter Tat und Kühnheit sich diese Lebensfasson am kräftigsten offenbare.

Da geschah das Unvorhergesehene, daß in das tiefe Schweigen beim raschen

Niederbücken dem Diener ein bestürzender Knall entfuhr.

Doch erschien glücklicherweise der Hausintendant, half Harri in das über den

Kopf gereichte Hemd und meldete Shanvadys für ganz kurze Weile in der Nacht

stattgefundene Abreise.

In kurzen, kniefreien Unterkleidern stehend, Manschettenknöpfe einziehend,

meinte Harri, als der Adept nicht wich, daß man beim Lesen feuchte Knie, im

Schlaf hin und wieder Hundeträume habe, im Gewitter grüne Leichen sehe wie

er sage, das sei amüsanter freilich wie manches, aber was helfe es ihm, der auf

das Frühstück aus sei, welches englisch gerichtet mit einem kleinen Beafsteak

und Anchovisfischen, Porter und Marmelade und Lachs der Diener auf der

erhobenen Hand im Hintergrund anbot.

Als aber darauf der Hausintendant plötzlich nach dem Garten schielte und mit

zitternder Stimme auf eine schöne Junonin neben einem taprigen, elegant

arrangierten alten Gecken wies und, eh er fortfahren konnte, der Adept zum

erstenmal seine verklebten Augen aufriß und mit schüttelnden Verneigungen den

Gaga als jenen Holzer grüßte, der beim Feldzug der deutschen Seele nach ihrer

zeitlichsten Vertiefung die meisten Skalps gestochen, und wedelnd mit seinem

Skelett am Fenster knackte, ergriff statt jeder Kritik und Würdigung mit

Schwung, Harri neben seinem Bett ein rundes Gefäß, drehte sich um: „Excusez“,

worauf der Adept bei dieser Anrufung der Natur wie unter einem Donnerschlag

verschwand.

Als er gelangweilt durch den Park strich, verirrte er sich zwischen den

barocken Hermen und kam erst durch ein Gezwitscher zu sich, das ihn lockte. Er

folgte um Gebüsche und Steine, kam an den Uferrand und sah gerade noch Juju.

Er trieb sie über den Fluß, aber als er um eine tiefere Brücke herankam,

entwich sie zurück, indem sie einen Zweig erwischte und in einen Kirschbaum

sich schwang.

Im gleichen Augenblick mußte Harri zurück, sich am Ufergebüsch

verstecken, denn aus dem Rondell trat eine Schar Menschen, die teils sehr

elegant, teils aber auch in Ponyfrisuren und offenen Brüsten und Indianerhaaren

die Zeichen der deutschen geistigen Freiheit trugen, und einer baltischen

Weisheitsschule Couleur in Form eines Fürsten bei sich führten, der unablässig

an einem violetten Seidenkissen stickte.

Ihr jüngster Nachwuchs blieb mit hochmütigen Hälsen unter dem Baum

stehen und versuchte, indem sie ihre Beschwörungsformel „tak . . . tak . . . tak

. . . tak . . . ore“ riefen, Juju zu locken, die ihnen Kirschkerne auf die Köpfe

spuckte.

Da aber das gemessene peripathetische Schreiten dadurch in Unordnung

geriet, wandte sich der adlige Schreiber, der den Turnus führte, herum und

schlug dem Jüngsten Laotses Sprüche heftig auf die Ohren, worauf der Fürst

sich umdrehte und knurrte, weil ihm mißfiel, daß der Aufenthalt der

Damenbeine halber geschah und erbost mit der Stricknadel einen Jüngling

piekte.

Als sie im nächsten Boskett verschwanden, rannte Harri um die Brücke und

kletterte in den Baum, wobei ein Regen von Kirschen auf ein niederging.

Als er aber dem Ast nahkam, auf dem die langen schönen Beine baumelten,

ging ein Lärm los, als rausche ein Adler in das Gezweig herunter, aber nach

einigem Lauschen sah er, daß es nur ein Dutzend Jünglinge waren mit wallenden

Togen, die gesenkten Hauptes hinter dem Mann mit der Ziege herschritten, mit

einer gewissen wallenden und stolzen Bewegung der nach innen gesetzten Füße.

Harri bemühte sich ruhig zu bleiben, aber es war nicht vonnöten, denn diese

Männer sahen nicht herauf, sie murmelten nur, indem sie zum Takt ihrer Füße

den unteren Rücken schwangen.

Die jungen Leute schienen noch weniger wie die Vorausgegangenen Frauen

zu lieben, ihnen genügte es immer nur einen Namen zu lispeln, der wie

„Georges“ ausklang und, wenn er kein jüdisches Symbol bedeutete, ihn

schließen ließ, daß hier ein balkanischer Stamm sich in Riten übte, worauf auch

die Ziege den Akzent gab und ähnlich versunken mit dem Steiß flog.

Im Augenblick, wo sie einbogen, ließ sich Juju an den glatten Ästen

heruntersausen, er konnte aber wieder nicht folgen, weil um die Ecke in großer Erregung Menschen sprangen.

Die schöne Frau des Vormittags zuerst, die Röcke geschürzt, den Busen

fliegend. Hinter ihr der Greis mit falschen Hüften und Schminke im Gesicht, der

sofort an einer Ritze der Badezelle Posto faßte und der Entkleidung zusah, die

Harri vom Baum der anderen Seite durch das offene Dach noch freier sah. Hinter

einem Baum aber, noch weiter hinter dem spekulierenden Holzer aber stand, das

Gesicht von Tränen überlaufen, der Hausintendant, trostlos und ohne Hoffnung

gegenüber so alter und konkurrenzloser Leidenschaft.

Als aber die Dame das Korsett in der Badezelle abnahm, war des Alten

Erregung so gestiegen, daß er „Anastasia“ zu rufen anfing und auf den Zehen

hüpfte. In diesem Augenblick zog ein Boot vorüber, am Steuer der Adept des

Vormittags, aber selbst das Gestöhn ihres Meisters, der sich die Haare raufte und

aus der Nase blutete, weil Anastasia das Hemd mit dem Trikot wechselte,

vermochte sie nicht abzuhalten, die Augen niederzuschlagen und „Heil“ zu

rufen.

Durch diese Ablenkung erst vermochte Harri seinen Posten zu verlassen, von

zwei Zwergen verfolgt kam er zum Lunch.

Aus dem Schlaf weckte ihn das tiefe Geräusch, das den Horizont umspannte

und dabei dünn und weich vor dem Schloß erstarb, wieder ausklang und verging

und jeder Welle der Luft sich tausendmal mitteilte.

Im dunkelnden Garten rochen die Pechnelken wild herauf.

Hinter der Herme hörte er einen Pfiff.

Mit kleinen ängstlichen Schritten hüpfte Juju vor ihm. Sie ergab sich am

Sockel der Niobe, entsetzlich erschreckt, weil im selben Augenblick ihre

entzückende, breit plissierte Hose wieder fiel. Juju auf dem linken Arm, die

Hose als Flagge in der Rechten, lief Harri in die Fliederpergola.

Sie entwand sich, er fand sie auf einer Schaukel wieder, in der sie hoch über

eine Wiese schwang. An den Füßen zog er sie herunter. Sie schluchzte, als er sie

ins Boot hob. Er mußte zurück, ihr zitterndes Hundevieh Rouge mit an Bord

nehmend.

Als Wimpel wehte Jujus Hose, wie sie durchs Schilf hinausstrichen. Plötzlich

glitzerten ihre Augen, sie riß ihr Kleid ab und warf sich mit einer rollenden

Bewegung ins Wasser in dem Badeanzug, den sie darunter trug. Er zog sie

wieder hinein. Sie landeten, sie verschwand im Schilf und kam mit dem

Badeanzug zurück, während die Vögel aus dem Schlaf schrien. Ihre Beine

wippten auf dem Landungsbrett, dann flatterte der Trikot im Wind, sie paddelten

weiter.

Je tiefer sie aber trieben, um so deutlicher kam ihnen das Geräusch entgegen,

weicher und getragener in der Nacht, und um so lockender zog es das Boot an.

Juju weckte mit der Blendlaterne die Fische, riß die vom Licht Bezauberten

heraus, drückte sie auf den Bauch, daß sie die Mäuler aufsperrten und warf sie in

das Wasser zurück.

Nun war es kein Zweifel mehr, daß das Geräusch, das immer dunkler die

Nacht erfüllte, Frauengesang sei und sie fuhren darauf zu. Harri nahm Juju mit

auf die Entdeckungsreise, als er landete. Sie biß ihm vor Vergnügen in die Lippe:

„Chéri . . . mon ami.“

Sie hörte den Gesang zum erstenmal.

„Wie lange bist du da?“

Sie wußte es nicht mehr.

„Wie lange bleibst du?“

Sie lachte: „Fragen Sie Maman“.

An einem Teich vorbei, Hügel mit Statuen, die man nicht erkannte. Jujus

Arm an seinen angeklemmt. Immer auf den Gesang zu, der flackernd manchmal

hochstach und dann in leichten Schwingungen sich vernebelte. Brausen in der

Ferne. Plötzlich kam ein Haus.

Die Tür ging in den Garten. Es wurde vollständig still. Jujus Zittern ging

durch seinen Rock. Im gleichen Augenblick erhellte sich eine Partie des Gartens

wie ein langer silberner Streifen. Harri strebte danach, zuckte zurück, sie stießen

an elektrische Drähte. Die Tür zurück war geschlossen. Im gleichen Moment

begann das Singen wieder.

Der lichte Teil des Gartens bewegte sich zu einem Zug, der wie auf einer

Leinwand bebte, zu verhüllt, um lebendig, zu sicher, um nur gedeutet zu sein.

Er sah den Zug vorüberlaufen, und vergaß Juju, die vor ihm stand:

Da kamen blonde Tscherkessinnen. Polinnen mit roten Lederstiefeln bis zur

Scham. Im Blusenhemd warme Bornholmerinnen. Provenzalinnen mit

Olivensträußen am Gürtel. Jütische Fischerinnen mit schlanken, sehnigen

Armen. Die Diana von Aleppo. Eine weißblonde Finnin von den

Stromschnellen, eine kleine von den Hochzeitsgütern. Neuseeländerinnen

kamen, Kinodiven mit kurzen Rücken, hochbeschuht. Jüdinnen mit roten

Haaren. Kleinasierinnen in Kleidern Poirets, den Bauch herausgepreßt.

Kunstreiterinnen sausten vorbei, Russinnen mit Madonnenscheiteln,

Armenierinnen mit den Hüften der Wolfshunde. Negerinnen, die schöne

Melonenbrüste über der Schulter trugen. Arabische Frauen auf Pferden, kleine

Irinnen, fliegende Frauen aus Normandie, Zigeunerinnen mit heller Iris,

Provinzmädchen aus Krain mit anmutigen scheuen Knien. Dahinter Winzerinnen

vom Elsaß, Sehnsüchtige aus Madrid, Barcelona, Chinesinnen, die Brustwarzen

rot bemalt, Australinnen, glatt wie Zebufell.

. . . . . . Augen, Hüften, Beine kamen. Füße schritten, die auf Kies nicht treten konnten, Zehen, denen Blumen zu schwer waren, Knöchel so hochgespannte,

daß sie die Sandalenschnur verschmähten, Waden, geschwungener als

Kallastengel, entfalteter wie Orchideen, Arme, die besser als Vögel schwangen,

Hälse kühner als Fliegerkurven gezogen, Achseln, die wie Schwanennester

schwebten, Brüste wie Hügel der Bretagne aus der blausten Abendferne, Leiber,

die mit der Bewegung der kühnen Gestirne aufzogen, Schenkel, die leichter als

die erlesensten Tiere auftraten, Knie, deren Leichtigkeit Reh und Panther und

Flamingo verjagte, Hüften, die der Eleganz der Rennmaschinen den Zauber der

Erntefelder und Flüsse hinzufügten.

. . . . . Soubretten mit offenen Munden, Autofahrerinnen in

Schleiergesichtern, Huren, die auf die Brust sich wiesen, Verbrecherinnen mit

Quarzaugen, Damen, die wußten, alles sei duftig, reizvoll, sie angemessen

erwartend in ihrer Sicherheit, Seglerinnen mit Nacken wie Katzen gespannt,

Reiterinnen mit bleichen, herrschsüchtigen Gesichtern, Mädchen mit Gliedern,

als trüge jeder Muskel ein Service, Schauspielerinnen mit roher Träumerei vor

dem Auge. Frauen mit Landschaften um sich, Cornwall und Gibsons Wald,

burgundische Täler, der Po, die Rheinflüsse, Verona, der Ammersee. Frauen,

hinter deren Kniebeuge das winterliche Gebirge aufschoß, unter die der

Schwarzwald vom Merkur bis Badenweiler sich unter die Abfahrt legte, Frauen,

um die Schiffe und Signale wuchsen, tropische Städte sich formten, Abhänge

glitten. Frauen, um die der sommerliche Horizont flog, die über Birkenrinks bei

großen Concours wegsetzten, Frauen auf dänischen Gütern, dalmatinischen

Schlössern, Frauen, um die das Meer aufscholl, die in Jachten bräunten, die

durch den Herbstwald hetzten, Frauen, deren Füße die Liebkosung der

Maimatten kannten, Frauen, die durch die afrikanische Nacht auf Tiere schossen.

. . . . . . Polinnen aus Krakau, Rumäninnen mit lasterhaften Händen.

Griechinnen von Smyrna, geduckte Frauen aus der Krim. Karthagerinnen. Die

kriegerischen Weiber des Helesponts, Amazonen mit weißen Hengsten,

Negerinnen, gleitend mit Bogen. Frauen mit üppigen Brüsten unter Ketten und

Bronze, rote Haarbüschel über der Stirn. Die säbelschmalen Weiber aus

Damaskus. Frauen mit Lippen, geschlitzt, sanft wie Mondfahrt, Lippen wie

Trompeten geballt. Frauen, windhaft wie Segel, schwirrend wie Pfeile, mit

Fruchtglanz aus Bagdad, Spiegelnde aus Kairo, von Ceylon, Beirut. Frauen mit

großstädtischen langen Schenkeln, die nur Teppiche und Wagentritte berührten.

Mit mozartischen Gelenken. Mit Goldflecken auf dem Rücken. Mit Niggermusik

in dem Bauchmuskel. Kühle Schottinnen. Amerikanerinnen mit Diamanten in

den Zähnen. Dalarnische Baronesse mit Blau wie Blitzen im Blick. Frauen, die

Stirn verschleiert. Frauen, Unzüchtiges im weichen Blick, Frauen mit

aufgesprengten Lippen. Frauen aus Bayreuth, aus den Starnbergschlössern. Frauen aus den Pyrenäen. Ruteninnen, deren Väter Franzosen waren.

. . . . . . Frauen kamen mit harten, glatten Beinen. Frauen, die sich umarmten

und dem Mann noch unergründliches versprachen. Frauen mit

Unterwerfungsgebärden. Frauen, die vorn am Dampfer standen. Frauen von

Sieg. Frauen von Windspielen umgeben. Frauen im Wagen durch die Steppe

gejagt. Frauen mit schimmernder Haut. Frauen, die ihr Gesicht sekündlich

wechselten. Frauen mit grausamen Beinen, mit Madonnenhänden. Frauen mit

tätowierten Armen. Frauen aus Syrakus. Frauen vom Sudan. Ätiopinnen, die auf

Vogelschreie horchten. Frauen aus Eisenbahnen hinausgelegt. Frauen, die mit

ihrem Körper den Erdball versprachen. Frauen, die wie Moos rochen, wie Klee,

wie Neckar, wie Fasane, wie Palermo, wie die Nordseebäder, wie Borkum,

Abwinkel, wie Teer, und Sonne und Sand, wie die Haut der Vierzehnjährigen im

Juli im Inselhotel des Bodensee.

. . . . . . Es kamen Frauen, die Australien plötzlich auf den Handtellern trugen.

Frauen, in deren Augen tödliche Geschichten eingeschrieben standen. Frauen,

die zwei Meter über dem Netz den Tennisball im Sprung noch hielten.

Bobfahrerinnen, Träumerische vom Engadin, aus der Eifel. Frauen als

Tänzerinnen. Mit Flöten. Frauen, blumenhafte, Frauen, die ein Wort knickt,

Frauen wie Hyänen. Frauen mit Spitzenwolken, belgische Nutten, kleine gelbe

Katzen aus Chile. Pumas, nackte Räuberinnen, Frauen, die einen Fjord

überschwammen. Frauen, die Timbuktu plötzlich entfachten, die Fidschiinseln,

Honolulu malerisch zwischen den Brüsten wiegten. Frauen wie Luchse, wie

Kaninchen, wie Papageien. Pompejanische Jüdinnen, Katalonierinnen, Frauen

vom Roten Meer, von der indischen Bay, heiße Weiber aus Syrien,

antilopenschmale Berberfrauen. Frauen, die den Sternaufgang über den Schären

beschworen. Frauen, die Tod hießen oder Pensée. Erregte mit verschlossenem

Mund. Von Gibraltar. Von Bagomoio. Jungfrauen, von Löwen antik gejagt.

Blonde Maurinnen aus Saragossa. Prinzessinnen mit Pferden an der Hand. Mimi

Pinson, Ruth St. Denis, Aino Akté, die Hasselquist, die Durieux. — Isis und

Huschnaia. Göttinnen in einem wundervoll vollendeten griechischen Flug, mit

überirdischen Lanzen und menschlichen Leibern. — —

Das Fieber brach ab, wie es kam. Der Garten losch aus, der Zug war aus. In

das Dunkel stachen suchend zwei Laternen.

Der Garten war leer.

Sie umgingen torkelnd die Drähte, die mit einem Mal sie nicht mehr

hemmten.

Hinter ihnen hielt Shanvadys perlgrauer Wagen, der Chauffeur stand mit dem

Hut in der Hand am Schlag. Sie stiegen fluchend hinein. In einer großen Schleife

fuhren sie nach dem Schloß. Einmal hielt der Wagen. Da lag ihr Boot am Fluß.

Noch zweimal hielt er.

Jedesmal kam aus der Landschaft ihr erster Dialog. „Chéri . . . mon ami.“

„Wie lange bist du da?“ Pause. „Wie lange bleibst du da?“ „Fragen Sie Maman.“

Dreimal warf entsetzt Juju die Arme um Harris Hals: „Mon ource . . . mon

rigolot . . . mon grand bébé.“ Aber sie zitterte nur wegen dem Wort „Maman“.

Harri lag im Wagen. Er überlegte nicht, was an Geheimnissen die Nacht

füllte: Welche Frau Shanvady verstecke, welche Technik er zu solchem Bluff

ersonnen, wie er ihn gefangen, wie er ihn gereizt und düpiert. Er ahnte nicht, wie

weit der Kreis um ihn geschlungen, in dem er sich verwirrt. Er spielte nur mit

Jujus Hand, es war ihm gleich.

Das Schloß war erleuchtet. Auf der Diele erwartete er Juju, die sich umzog,

auf der Treppe küßte er ihrer Mutter die Hand, die sofort hinter dem Fächer mit

ihm kokettierte, was Juju errötete. Im Billardsaal stand winkend Shanvady. Er

sah ihn zum erstenmal jetzt lächelnd.

Sein Lächeln deutete, daß das Geheimnis, dem sie nachgepirscht nicht

entwirrt werden könne, und daß der Versuch es zu lösen, nur noch stärker an es

verstricke.

Aber Harri stand kühl beiseite. Er fühlte, nicht beteiligt genug auch hierbei,

daß Shanvady den Reiz, der ihn unbewußt zu ihm geleitet seit jener Nacht im

luxemburgischen Garten, selbst zerreiße, indem er ihn darin zu fangen suchte,

und daß das Messen und Ringen, das Shanvady aufgestellt, darum für diesen

verloren war, nicht für ihn. Ein Sieger wider Willen hob er die Augen.

In dem Augenblick, wo Shanvady, der Seelenfänger, ihn unterjocht dachte,

weil er endlich seine Apathie in die Maschen eines unlösbaren Reizes in der

Falle glaubte, riß er den Zauber durch, den Shanvady auf ihn ausübte.

Es gelüstete ihn nicht, das Geheimnis zu lösen. Er ließ es fahren ungeöffnet.

Es reizte ihn nicht mehr.

Wie unter einer abgründischen Melodie trieb es weg wie alles wegtrieb, was

an ihm gezogen. Als Zuschauer floß ihm dieser Tag fort wie jeder andere Tag, er

vergaß ihn, vergaß die vorigen. Als sein Auge Shanvady traf, der mit einer leisen

Gebärde seine Überlegenheit hißte, erbleichte Shanvady unter dieser

unbeweglichen Kälte, die nichts rührte. Die Gebärde zerbrach mitten im

Schwung.

Harri sah schon durch Shanvady hindurch, all der Plunder um ihn zerfiel.

Es war grauenhaft, mit welcher Leichtigkeit er sich auch aus dieser

Atmosphäre löste. Sein Hirn war plötzlich nur eingestellt von dem Drang

wegzufahren, das erfüllte ihn mit einer wunderbaren Helligkeit, er kam sich den

Abend von solcher Leichtigkeit getragen vor, daß es ihm schien, er vermöge die

Erde auf den Spitzen der Finger zu halten.

Als er aufwachte, sagte ein Brief Jujus, daß sie abgefahren, aus Eifersucht auf

Maman. Am Tag zauberte Shanvady noch einige spielerische Dinge, die ihren

Kreis um alle Anwesenden spannten. Anastasia war die Nacht verschwunden.

Mittags brachten die Weisheitsschüler ihre Kleider, widerstrebend, an den

Zipfeln, da die Georgesleute sich geweigert hatten, die Jünglinge Holzers aber

unter Weheruf den Ort geflohen seien, wo Weiberkleider lagen.

Da sie am Fluß lagen, bedeutete es Anastasias Tod. Eine Zeitlang plauderte

Holzer, dann stand er langsam auf, mit seinem gebräunten Schnurrbart wie ein

ägyptischer General, griff in den Mund, riß das Gebiß mit den vielen

Goldplomben heraus, zerschlug es am Boden, gurgelte nwao . . . uaiii. Sah um

sich, nichts als Jugend und ging an einem Stock hinaus ins Greisenalter,

gehässig, demütig, ein röchelndes Skelett.

Mit einer zärtlichen Bewegung öffnete nunmehr Shanvady den Ring dieser

Katastrophe, in der er Schicksal gespielt, Anastasia nach Genf beordert, die

Maskerade zur Tragödie getürmt, mit heiterem Nachspiel, indem er den

Hausintendanten mit Halali nun und freiem Pirsch dem Weib nachschickte, in

seinem eigenen Wagen, von Tränen des Glücks überschwemmt und in

himbeerroter Livree.

Es half Shanvady nichts, diese Kritzeleien. Am Abend fuhr Harri. Im Wagen

des vierzehnten Ludwig, karmoisin und golden, mit sechs Pferden, eine Krone

als Abschluß, Fackelträger, Reiter, vor ihm, hinter sich. Shanvady reizte ihn mit

nichts mehr. Vorbei.

In Paris lernte er Blériot kennen. Der Meister hatte gerade den Kanal

überflogen, die Welt schien von Möglichkeiten um so tiefer ins Herz bedroht, als

die neuen Waffen noch phantastische Erweiterungen zuließen und fast noch

keine Pioniere hatten. Zweimal fuhr er mit Blériot als Passagier, schon figurierte

sein Bild neben dem Blériots im „Journal“, „Matin“, „Petit Parisien“. Auf dem

Marsfeld stellte des Meisters Handbewegung ihm Maud Kordelin vor.

Sie sah ihn nicht an.

Als er zu Elie Abrahamowitsch nach Neuilly in den Hangar fuhr, sah er sie

wieder. Sie sah ihn wieder nicht. Er schob an ihr vorbei, an Balanceproben

vorüber, durch angekerbte Drähte, deren Wundstellen unter Flammen standen,

an deren Ende elektrische Hebel zogen und Uhren notierten, bei welchem Druck

sie rissen. Elie verbeugte sich etwas vor dem Passagier Blériots, auf seinen

Wunsch brachte Maud Kordelin ihn mit der Zeichnung zurück, um die

Konkurrenz zu ehren.

Sie lag im Torpedospritzer, führte das Rad über dem Kopf zum Steuern, die

Luft schoß wie unter Wasser kräuselnd gegen das dicke Glas der Schutzplatte.

Als er ausstieg, schob sie den Wagen in eine Sprungkurve, ohne ihn zu beachten.

Am nächsten Morgen trat Harri bei Rippère ein, acht Wochen vor dem

Concours, einen Schal um den Hals.

Vier Tage arbeitete er mit einem mechanischen Hammer in einem

Messingkessel. Der Hammer tat hundertfünfzig Schläge die Minute. Als die

Bänder genietet waren, hörte er nichts mehr, zwei Tage später war er darüber

weg, trainiert auf jedes Geräusch. Im Ausprobraum zwischen fünfundzwanzig

Motoren von pro Stück zweiundzwanzighundert Schlägen Tourenzahl die

Minute, kontrollierte er zwischen farbigen Gasen und feurigen Säulen über den

Ventilen die Auspuffung, den gleichmäßigen Herzschlag der Eisenkuben.

Um das Getös, das bald wie etwas Festes und Gefrorenes, fast greifbar,

dastand, rauschten die Thermosiffons der Wasserkühlung an den Wänden

herunter, erhitzten sich auf achtzig Grad in der gleichen Sekunde und stiegen in

langen Schwaden von selbst wieder auf.

Er kam zu den Einfahrern der neuen Wagen.

Mit den Stellwagen ohne Karosserie begaben sie sich in die Kilometer. Mit

Kupons, die im Midi, bei Brest, in Marseille testiert wurden, mit Stechuhren, mit

dem Befehl die Maschinen an der Rhone, in Calais, in Tarascon zu zerlegen und

zusammenzusetzen, schnitten sie mit Schußlinie über die Chausseen.

Eingedrückt wie Affen, mit der Scheibe der Steuerung spielend, lernten sie

das Verwachsen mit dem Material, beherrschten den Stahl mit dem Hirn, liebten

die Maschinen, wurden wieder geliebt.

Sie rissen beim Überrunden einem Möbelwagen die eine Seite ab, aber sie

behielten den Auspuff genau im Ohr. Mit zitternden Flanken ließen sie die

Wagen wie Pferde auf der Weide, trafen sich in einem Weiler, einem Gehöft,

würfelten, tranken Absynthe, schlugen sich, machten ein Rennen unter sich.

Stanken nach Benzin wie die Ochsen, trugen gelbe Schuhe, englische Anzüge

unter den Leinenblusen, die Zigarette nie aus dem Mund.

In der tollkühnsten Gefahr verloren sie nicht die Besinnung. Nur wenn sie

kühl waren, ging der Verstand ihnen in die Lappen.

Drei Tage blieb Harri im Büro, zwei auf der Rennbahn, zwei bei der

Konstruktion. Auf der Eisenbahn, Compagnie de l’est, lernte die Verstopfung der

Gase, die Qualität der Kohle, der Öle und Benzine.

Bei Renauld erlernte er die Systeme der Konkurrenz, bei Pairfax die aus

beiden gezogene Essenz. Nun hatte er den Radius abgelaufen, die Intimität zum

Gegenstand erreicht, den Querschnitt durch das Technische gelegt.

Er beherrschte und liebte.

Er war imstande, Sympathien vom Schwung eines Tenders, der Flanke einer

stählernen Blitzzuglokomotive, von der Melodie eines angeschirrten Flugzeugs,

das aus allen Seilen sang, zu spüren.

In der vierten Woche trat er bei Blériot in den Hangar, der Schatten der

ingeniösen Nase und des Vogelkopfs mit der verkehrt gesetzten Mütze lag an der

Wand wie mit Dynamomäulern nach allen Seiten gerissen. Sechs Wochen übte

Harri mit ihm, bediente den Sturmvogel, dem keine Kühnheit nicht kalkulierbar,

kein Tod nicht ausmeßbar und zu überwinden war.

Er liebte an dem Flieger das Unerschütterliche. Dieser gewöhnte sich bei

Harri an das Nichtmitreißbare.

Gegenseitig liebten sie ihre Kühle und Distanz, die bei dem einen das

unentrinnbare Erlebnis des Todes geformt, bei dem anderen sein Durchmarsch

durch solch unvorstellbare Kurven der Kühnheit des Geistes und der Gefahr, daß

er die Welt nicht verachtete, sondern sie jenseits des Zynischen schon wieder

verstand. Sie empfanden, daß die nach außen gekehrte Reserve eines jeden von

ihnen kein Manko, sondern der gehärtete Widerhall einer feurigen Seele sei.

Harri lernte, daß die Welt als flache Scheibe zurückfiel, wenn er das

Steuerrad zurückriß, und wenn er dann nach hinten sich warf, daß blaue Luft die

Erde tiefer zurückstieß. Er fühlte das Grausen der Vertikalböen als Musik im

Blut. Die Verwindung, die vom Rad nach der Stange des äußersten rechten

Flügels lief, knirschte kurz und rollte. Die Klappe des rechten Flügels stieg unter

seinem Druck.

Die Schnur lief langsam über den Kreis hinüber nach links, der linke Flügel

senkte sich ein wenig. Die Kreuzung der Schnur verschob sich rasch.

Nun fühlte er das wunderbare Gefühl des Kreises, den die Libelle machte, als

befreite Bewegung seines Körpers, dann zischte der Renner in kurzen Spiralen

hoch in Blériots Hand.

Er lehrte Harri das Neigen, den Fall nach vorn, der das Flugzeug senkte, beim

Seitensteuer die Gleichzeitigkeit der Fußbewegung und des Flügelaufhebens. Er

lehrte ihn den Mut der Sicherheit, nicht den der Gefahr.

Er bewies ihm die Klarheit in der Berechnung der Tatkraft, das

Überschießende der Sicherheit gegen die verderblichen Möglichkeiten. Er führte

auf Umwegen ihn jederzeit dahin, über das Ungefähre der technischen Dinge

und ihrer begrenzten Beherrschung die ausgerechnete wasserhelle Sicherheit der

Überlegenheit zu halten, der nichts gewachsen war.

Sieben Tage vor dem Concours wechselte Harri hinüber zu Abrahamowitsch,

der ein neues Modell startete.

Von Blériot erfolgte nichts, er rührte sich nicht.

Einen Tag vor dem Concours nur zog er seinen Namen aus der Liste, zwei

seiner Schüler sprangen für ihn ein.

Auf dem Marsfeld probte Harri zwischen Elie und Maud Kordelin auf dem

dreiteiligen Sitzbogen. Am sechsten Tag plombierten sie die Libelle, ließen sie durch zwei der besten Monteure Tag und Nacht im Schuppen bewachen.

In der Nacht gab Harri ein Fest, die Leute tanzten, steif und besessen zum

Takt von Motoren, jagten dann um zwölf, der Herren ledig, weg nach Neuilly.

Mit einer raschen Bewegung sprang Maud Kordelin in den Wagen, reichte

Harri die Hand. Mit ihren schräg stehenden tatarischen Augen sah sie ihn zum

erstenmal grau an.

Der Skandal der Buchmacher und Presse, denen Harris Wechsel der zum

erfolgreicheren Konkurrenten war, gab Elie eine erhöhte Reklame, aber sein

blasses und scharfes, auf dem übergroßen Körper immer umnebeltes Gesicht

bemerkte es nicht, nur ausgefüllt von den Kombinationen seiner Modelle.

Was er vom Äußeren der Welt begriff, vermittelte ihm unbewußt sein

Instinkt. Was er erreichte, gab ihm sein Erfolg. Das Übrige des Daseins war

Arbeit, weiter nichts. Selbst das Weibliche erreichte ihn nur dort, wo das

Schöpferische begann, und mit der Kordelin Fanatismus traf sich nichts von

seinem Wesen in ihrem Haus am Bois, sondern begegnete sich Aufleuchtendes

nur, wenn seine Arbeit sie in das Atelier am Montparnasse hinaufriß. Ein Leben

daneben gab es ihm nicht.

Bei der Prüfung des Reservemotors warf sich Elie mit einer kühnen

Bewegung auf den Apparat und blieb das Ohr an seinem Auspuff liegen. „Sie

traitieren die Maschinen wie andere die Frauen“, flüsterte Sauerwein vom

„Matin“ mit frivol gesträubter Mouche. „Aber wir sehen die Frauen nicht wie

Sie die Maschinen“, sagte Elie.

Der Motor ward eingebaut in einen Reserveapparat, die Photographen

tickten. Harri gab angeschnallt vor Mauds Kopf den Ruck nach der Signalflagge.

Weiter: Teil 2 von 2