Fremde Straßen
Auf den Wassern.
Es war eine stille, milde Nacht; nur von dem Meeresufer wehte das Anprallen der Wellen an das Gestein leise herüber. Die Wölklein über dem Kegel des dunklen Vesuv waren ein wenig gerötet. Das Tal schwieg; in dem Gemäuer löste sich zuweilen ein Steinchen und bröckelte nieder …
So weit ist meine Wanderschaft gegangen, daß ich zu einer Stadt gekommen bin, auf deren Hauptstraßen bestaubte Gräser wuchern, und über deren Forum das Eidechschen schleicht. –
Und als der Wanderer diese seltsame Stätte, dieses stumme, eherne Traumbild gesehen, da lenkte er seine Schritte wieder der nordischen Heimat zu.
Der Mond sank nieder zum Meere und zog einen glänzenden Streifen über das Gewässer gegen das Auge. Noch einmal warf er seinen erblassenden Strahl auf die bleichen Felsen von Sorrent, auf den finsteren Vesuv, auf die Ruinenstadt. Dann spielte er mit den zitternden Wellen des Meeres und stand auf der Linie des Horizontes wie ein goldenes Schifflein.
Da – ehe der Halbmond noch versank in dem Gewässer, – war ein schwarzes Täfelchen in ihm. Es war wohl das Segel eines fernen Schiffes.
Endlich versank die Leuchte langsam – nur noch ein Spitzchen, nur noch ein Sternchen blieb zurück, dann verlosch auch dieses in den Fluten.
Das Segelschiff aber trieb – Gott schütze seinen Lauf! – in tiefer Nacht auf weiten Wassern, und Friede war über den Ruinen.
Auf den Wassern.
I.
Da ich noch Kind gewesen, war es unser rieselnder Hausbrunnen, dem ich mein Fingerlein hinhalten mußte, daß es naß werde. Da ich ein Knabe gewesen, war es das klare Bächlein, in das ich mein kleines Flügelrädchen hineinbaute und aus dem ich die Forelle zog, um sie wieder hineingleiten zu lassen. Da ich ein wandernder Junge gewesen, bin ich am Bächlein entlang gezogen, bis es ein Bach ward, und dem Bache, bis er zum Flusse wuchs; und ins Himmelsgewölbe schaute ich hin, dort wo es in sonnigem Äther niederging über die Ebene, und dachte: Jene Lüfte, jene fernen Wölklein stehen über dem Donaustrom. – Über hohe Stege, über lange Brücken zu gehen, rauschende Wehren, brausende Wasserfälle mit ihrem weißen Schäumen und ihrem Wasserstaub zu sehen, welch eine Lust! Da lag der Fluß glatt wie ein See, dunkel zwischen Weiden auf der Ebene hin und hin; dort rieselte er in kräuselnden Wellen leicht am Sande des Ufers spielend oder wallte über schwarzgrünen Tiefen still und wuchtig dahin. Und wieder in Engtälern zwang er sich brausend und gischtend zwischen Wänden und Felsblöcken fort. Damals fiel es mir auf, daß ein rasch fallender Fluß weniger wasserreich erscheint, als ein still dahinfließender von der gleichen Größe.
Dann die Seen im Gebirge mit ihrem Wogenschlag am Ufer, mit ihren sagenreichen Tiefen und mit ihren Fahrzeugen! Als ich auf solchem See das erste Segelschifflein sah, wunderte ich mich überaus, daß solche Dinge, wie man sie nur in Bildern so oft gesehen, tatsächlich in der Welt vorkämen und daß ich vor einem derselben stand.
Meine Lebenssonne stieg schon empor gegen den heißen Zenit, ich hatte schon Stürme erfahren, äußere und innere, ich war schon Sünder und Büßer gewesen – als ich zum erstenmal das Meer sah. Es war das adriatische. Ich fühlte mich im ersten Augenblick schier ein wenig enttäuscht, so wie es mir stets bei allem Großen ergangen ist, zu welchem eine ausschweifende Phantasie im vornherein die Vorstellung gefälscht hatte. Zum zweitenmal sah ich das Meer in der ernsten, düster bewegten Ostsee. Es war eine grollende Ödnis über derselben, eine nordische Ossianstimmung. Zum drittenmal sah ich das Meer in der Nordsee. Dort nahm ich es mit ihm auf. Es trug mich hinaus, daß ich kein Land mehr sah und kein Schiff außer dem meinen, nichts als das hohe wogende grüne Meer unter unendlichem Himmel. Es ist ein Vorwitz, dachte ich mir damals, daß der Mensch mit seiner zuckenden Nußschale sich dieser unermeßlichen Gewalt hingibt. Es waren drei große Tage und Nächte für mich, so auf dem leibhaftigen Tode dahinzugleiten und ich fühlte, wie es doch lächerlich ist, ein Menschlein zu sein und zu wähnen, daß man die Welt beherrsche. Aber der Menschlein Mut rührt die Götter oder macht ihnen Spaß, und freiwillig gibt die See das Schiff zurück.
Zum viertenmal sah ich das Meer im sonnigen Süden von Genua und in Neapel. Das mittelländische, es ist das freundlichste, auf dem noch der Hauch der klassischen Schönheit zu schweben scheint.
Seither hat mich die Sehnsucht nach dem Meere nicht mehr verlassen; ja in dem Maße, als mir das Geschick die Hochgebirgswelt versagt, steigert sich mein Hang zum Meere. Andere wallfahrten nach den Gletschern des Glockners, ich zur Küste von Miramare.
Schon die Fahrt dahin macht Stimmung. Da löst man sich mählich los von den grünen Bergen der Steiermark; es kommt die unterländische Ebene mit ihren saftigen Wiesen, in der Ferne Weinberge. Durch ein fast wildes, schattenreiches Gebirge fährt man ins Land der Krainer; wir gleiten über die Laibacher Ebene, in welche die weißen Steiner Alpen herableuchten. Dann kommt der Karst. Eine Mondlandschaft mit Schründen, kahlen Bergen und kraterartigen Vertiefungen. Diese Vertiefungen entstanden, als die Oberfläche hinabsank in die Höhlen. Keine geschlossenen Felsen hier, sondern eine endlose Wüste von losen, grauen Steinen, jeder malerisch für sich, jeder im Mondscheine wie beschneit erglänzend zwischen scharfen Schatten. Die Bora hat sie blosgewühlt und den Erdstaub dahingeweht. Hunderte von Äckerlein, Wieslein und kleinen Weiden sind mit hohen Steinmauern eingerandet, zu sehen wie Kirchhöfe in armen Heidedörfern. Dort und da ein Strauch, eine verkümmerte Eiche. In den Mulden und Schluchten stehen kleine Dörfer nach italienischer Bauart, mitten in Weinreben, und darüberhin ziehen sich streckenweise die hölzernen Schutzwände der Eisenbahn gegen Schneewehen. Der Süden und der Norden streiten hier auf dem Karst um die Herrschaft. Der Süden ist zurückgedrängt worden vielleicht zur Zeit, als die Veneter in dieser Gegend die Piloten holten zu ihrer Wasserstadt. In neuer Zeit scheint der Norden wieder weichen zu müssen; denn man ist daran, den Karst aufzuforsten, wovon schon heute stellenweise so erfreuliche Anfänge zu sehen sind, daß Triestiner behaupten, man merke bereits die Zähmung der Bora.
Auf dem ganzen Karst hat der Reisende das Gefühl, als ob ihn die Eisenbahn über das ungeheure Plateau eines hohen Gebirges dahintrage. Bei Nabresina erreicht die Steinwüste den höchsten Grad, da biegt sich die Bahn nach links, geht durch einen Felseinschnitt, wie es deren auf der Strecke zahlreiche gibt, und der Blick des Reisenden fliegt plötzlich wie befreit hinaus in eine unabsehbare graue Ebene, dort und da der lichte Punkt eines Gebäudes. Das adriatische Meer. So nahe ist es da, daß man meint, es mit einem Steinwurf erreichen zu können. Aber es ist tiefer unten, als es scheint, so tief, daß es uns auch in bewegtem Zustande wie eine glatte ruhige Fläche daliegt. Die lichten Punkte in der Ferne sind freilich Gebäude, aber schwimmende.
Der Gegensatz, aus der Steinstarrnis so jäh vor die weichen, ewig lebendigen Wässer versetzt zu sein, wirkt, und den möchte ich kennen, der, zum erstenmal das Meer sehend, in diesem Augenblick nicht eine Aufwallung seines Wesens verspürte, nicht ein Feuchtes in seinem Auge – die Träne am Meere.
Miramare heißt das Schloß, das dort unten aus der Landzunge scharf am Rande steht, mit seinen weißen Zinnen einsam und melancholisch hinausschaut auf das Meer. – Miramare heißt es. Den Namen hat ihm der gegeben, um den es trauern wird, bis dereinst der letzte Stein auf ihm niedersinkt in die Flut. –
Links von diesem Bilde, im Hintergrunde, wo sich das Meer einbuchtet, liegt im stattlichen Halbkreise das stolze Triest.
Aus dem Bahnhofe von Triest tretend, steht man am Hafen. Fast erschrickt die Landratte vor den Ungeheuern der Dreimaster, die mit ihren turmhohen Stämmen und gekreuzten Takelwerken geisterhaft vor ihr stehen. Vielleicht ist sie eine mathematiklustige Natur und will die Dampfer und Segelschiffe alle zählen, die bis zum Leuchtturme hin im Hafen liegen. Ja, die Landratte wird dieses Unternehmens bald müde sein. Das ganze buntbewegte, laute Hafenleben stockitalienischen Charakters betäubt sie. – Plötzlich versetzt in eine neue Welt! Da verliert mancher den Kopf, mancher nur den Hut, den ihm die Borina tückisch vom Haupte reißt und ins Meer hinauswirft. Schon gleitet ein Nachen hin, sich gelenkig windend zwischen Kähnen, Ankerfesten, unter den schwarzen Bäuchen der großen Schiffe am Molo und bald überreicht der Matrose, heitere Worte hell in welscher Sprache rufend, den Hut, ewig höflich und ewig unzufrieden mit der Gabe, die man ihm reicht. Den Hut setzt man auf und denkt: er wird schon wieder trocken. Trocken wird er und hat eine graue Kruste – vom Salz des Meeres. Das alles macht der Landratte unendlich viel Spaß.
Ganz eigentümlich angenehm berührt mich am Meeresstrande allemal der Gedanke, daß man hier im Vorhofe aller Weltteile sei, gleichsam in der Vorhalle zu Alexandrien, Neuyork, San Franzisko, Kalkutta. Schon im Hochgebirge streift sich der kleine persönliche Egoismus ab; auf dem Meere löst sich auch der große, nationale auf – das Herz weitet sich kosmopolitisch, befreit sich.
Darum hat sich der russische Kriegsdampfer so patzig ausgenommen, der an jenem Tage, als ich in Triest war, mit Kanonengebumme in den Hafen einlief. Solcher Seevagabunden schürfeln viele auf dem Mittelmeere herum, auch Haifische, wovon vor wenigen Jahren einer nach Triest kam und jenem im Meere badenden Mann den Fuß wegbiß. Der Angefallene wurde vor dem Ungeheuer noch gerettet, verfiel aber vor Schreck und Grausen in einen Starrkrampf, an dem er nach wenigen Stunden gestorben ist.
Ich pachtete mir einen kleinen Segler und zwei Matrosen und gebärdete mich wie ein Schiffskapitän, der eine Reise um die Welt unternimmt. Dabei Erinnerung an meine Heldentat im Meerbusen von Sorrent. Als mich dort vor Jahren mein Jollenführer aufs hohe Meer hinausgerudert hatte, begehrte er das Dreifache der von uns früher genau und fest vereinbarten Löhnung. Da ich nicht darauf einging, drohte er, mich nimmer ans Ufer führen zu wollen. Ich konnte mich mit dem Manne auf italienisch nicht anders verständigen, als daß ich zornig den Arm erhob und mit einem echt steierischen: »Himmelsaggra, Kerl, ih hau dir ani aba!« mir mein gutes Recht verschaffte. Ja, ja, wer steirisch spricht! … »Hau dir ani aba!« ist Volapük. Mit der richtigen Gebärde allgemein verständlich.
Meine Herren Matrosen hier in Triest aber kreuzten im Hafen, über dessen Spiegel der Wind dort und da kräuselnden Schaum aufhobelte. Sie waren nicht hinauszubringen auf die hohe See, auf der die weißen Gischten sprangen. Sie könnten der heftigen Bora wegen nicht mehr zurück. – Wer sagt, daß ich zurück will? Ihr bekommt für die Stunde einen Gulden, ob wir nun nach Miramare segeln oder nach Sidney. – Hierauf ging's hinaus. Der Wind pfiff im Segel und die dunkelgrünen Wasser wogten in bauchigen Wellen und scharfen Kämmen und gebärdeten sich wütend gegen unser armes Schifflein, dessen Bord zu einer Seite schier unter Wasser tauchen wollte, so sehr wir die entgegengesetzte Seite mit unserem irdischen Gewichte zu beschweren suchten. Die Matrosen waren stets mit ihren Ruderstangen, mit den Segeltauen beschäftigt und hereinspritzender Gischt und Schweiß rann ihnen vom braunen Gesicht. Mitunter stießen sie einen Ruf aus, der im Brausen nicht gehört wurde. Ich stemmte mich mit den Füßen stramm gegen die tiefgehende Wand und schaute hinaus. Eine anspringende Welle schlug mir die Brille von der Nase, was auch ganz gut war, denn sie war schon sehr stark mit Salzkrusten belegt, daß ich damit nichts mehr gesehen hatte.
Der Karst lag bereits in grauer Ferne, durch welche Triest in unbestimmten Umrissen, wie ein gelblichweißer Steinhaufen, schimmerte. Vor mir lag die ungeheure Anhöhe des Meeres. Es zeigt sich nicht wie eine ebene Fläche, sondern wie eine schwellende Höhung, üppig und fessellos, als überflute es sich selbst immer und überall. Auf Landseen frägt man sich manchmal nach der Tiefe oder Untiefe des Grundes. Auf dem Meere denkt man nicht mehr daran, denkt nicht an Berg und Tal da unten, nicht an das Gold, nicht an die Schiffstrümmer und Gebeine, die unten ruhen mögen, denkt auch nicht an die Ungeheuer des Tierreiches, die im Innern des Gewässers herrschen. So ganz nehmen die Erscheinungen der Oberfläche den Neuling gefangen.
Es gibt wahrscheinlich Leute, die sich das Meer unter dem sonnigen Tage licht und glitzernd denken als durchsichtiges Wasser, spiegelnd wie Kristall, blendend für das Auge und am Horizont mit dem Himmel allmählich sich verwebend, wie der ferne Gesichtskreis in einer Landschaft. Das Meer ist anders. Es ist dunkel und glanzlos, in einem tiefgesättigten Grau, Blau oder Grün, auf welchem sich die weißen Schaumfetzen schuppenartig und zuckend abheben. Die auch bei stürmischer See schnurgerade und ruhige Linie des Horizontes ist scharf geschnitten, unten das dunkle Gewässer, oben der lichte Himmel. Unbegrenzt und doch die Grenze scharf vor dem Auge. Dieses ungeübte Auge weiß auf dem hohen Meere aber nicht, ist die Gesichtsgrenze wenige Stunden oder viele Meilen weit entfernt, es ist immer, als ob eine nahe Wasserhöhe die natürliche Sehweite einengte. Erst wenn in der Kimmung ein Schiff auftaucht, gewinnt man einen Maßstab für die weite Fläche, die man überblickt. Wenn etwa zur Mittagszeit draußen auf der Schneide ein kleiner Punkt erscheint, so hat man am Nachmittag wohl allmählich die Gestalt eines Segelschiffes vor sich, aber erst am Abend steht es uns so nahe gegenüber, daß man die Einzelheiten seines vielgliederigen Takelwerkes erkennen kann. Ein andermal vermeint man das schimmernde Segel eines Fischerkahnes zu sehen, aber plötzlich fliegt es in die Lüfte auf, eine Seemöve ist's, wie diese Vögel ja des Menschen treue Begleiter sind auf den Wassern, weil von den Ablagerungen der Schiffe oder von der Beute derselben manches für sie ausfällt.
Wunder nimmt die ewige Reinheit des Meeres. Was fließt nicht alles da zusammen, welche Abfälle von den großen schmutzigen Seestädten, von den tausenderlei Fahrzeugen, welch ein Wust von Dingen, die weder untergehen, noch sich auflösen können, wird ins Meer geworfen. Nichts von all dem ist zu sehen, selbst in den Häfen nicht. Seit vielen tausend Jahren gleitet die schmutzige Geschichte der Menschheit millionenfach über die Meere – sie müßten Jauche geworden sein. – Das Meer ist rein wie am Tage der Schöpfung. Dieselbe, ewig menschliche Spur verzehrende, reinigende Kraft wie im Walde, wie in der Luft, ist auch im Meere. Nichts, gar nichts haben die Geschlechter, die Völker dem Meere anhaben können, es ist heute, wie es vor dem Menschen war.
Der Sonnenstern vermag tagsüber das Meer nicht zu durchdringen, es bleibt selbst unter heiterem Himmel immer eine gewisse Dämmerung darüber ausgegossen. Erst mit dem Untergange der Sonne zeigt sich ein helleres Licht und Farbenspiel. Die Sonne wird röter, je tiefer sie sinkt, und fast am Rande des Meeres angelangt, ist ihre untere Hälfte matt und dunkelglühend, während die obere noch heller leuchtet. Dadurch erscheint die Scheibe wie eine von oben her beleuchtete Kugel. Dieser glühende Ballen taucht nun in weit größerer Gestalt, als er je am Zenite gestanden, ins Meer; es ist einem, als müsse man das Zischen hören, wenn die Sonne hineinsinkt. Das Meer, in welches sie taucht, ist schwarz wie Tinte, es widerspiegelt nichts, nur die Wellen, die unser Schiff umgeben, haben einen flüchtigen Perlmutterglanz. Noch sieht man der Sonnenscheibe Hälfte, sie ist glanzlos, als sauge sie sich bereits an Wasser voll. Endlich ist nur mehr der oberste Rand da – man könnte meinen, am Horizont stehe ein brennendes Schiff; der letzte lodernde Punkt verzuckt – dann ist alles verloschen. Auf den Gewässern ist es ruhiger geworden, keine Bora mehr, kaum eine leichte Brise, das Wogen der Wellen ist ein Wiegen geworden. –