Fremde Straßen

Peter Rosegger · Kapitel 33 von 39

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Fremde Straßen

Kapitel III

Dieses Asyl am Quarnero hat für uns seinen besonderen Wert. Wer den nordischen Winter nicht liebt oder ihn der Gesundheit wegen fliehen muß, und doch nicht ins ferne Ausland will, der schlafe sich also in einer schönen Nacht hinab nach Abbazia. Im milden Hauche des grünen Lorbeerhaines und im Angesichte des sommerlich sonnigen Meeres kann er dort Christfest halten.

 

III.

 

Da sitze ich auf dem luftigen Balkone des stattlichen Hospizes Quisisana und treibe wieder Meerstudien. Der Palast steht in dem immergrünen Walde, mit dessem Laube man die Unsterblichen ehrt. Zu meinen Füßen ruht der Kurort und darüber hinaus dehnt sich das Meer.

Ich liebe das Meer. Daß ich meinen Leib entkleide und in die laue salzige Flut steige, ist recht gut, aber besser noch ist das andere: ich bade im Meer mein Herz.

Dann sinne ich nach über die Natur des Gewässers. Die Ostsee z. B. hat in den Sommermonaten eine Wärme von 16–17 Graden Celsius, das Mittelmeer von 22 bis 27 Graden, das Rote Meer, welches zwischen heißen Wüstenländern liegt, hat sogar eine Wärme von 34 Graden, also um etliche Grade wärmer, als ein gewöhnliches warmes Bad ist. Ebenso verschieden ist der Salzgehalt der Teile des Weltmeeres. Die Ostsee hat etwa ein viertel Prozent Kochsalz, während das Tote Meer zwanzigeinhalb Prozent mißt. (Vielleicht kommt das von der Salzsäule, in die Frau Lot bekanntlich in der Gegend dieses Meeres verwandelt worden ist, meinte einer, der alles Salzbittere den Frauen zuschreibt.) Das Tote Meer, das merkwürdigste Binnenmeer der Erde, hat auch ein so großes spezifisches Gewicht, daß der Mensch darauf schwimmt wie ein Kork und bei dem besten Willen nicht untergehen kann. Es ist das einzige Meer, welches fast absolut klar ist und die Sonnenstrahlen wohl viel tiefer in sich läßt, als der Ozean, in den das Licht nur neunzig Meter eindringt. Tiefer unten herrscht absolute Finsternis.

Überaus unterschiedlich ist das Auftreten der Ebbe und Flut; in der Ostsee ist sie kaum zu merken, in unserem Mittelmeere unbedeutend, hingegen kommt der tägliche Wechsel des Steigens und Fallens in den südlichen Meeren in großem Maße vor. Die Tagesflut hat ihre Ursache wohl in der Ausdehnbarkeit durch die Wärme?

Die hervorragendste gute Eigenschaft der See, das Heilsamste, was die See für uns hat, ist die Seeluft. Sie wirkt mehr als die See-, Sand- und Schlammbäder, und zwar durch ihre Reinheit, ihre laue Feuchtigkeit, ihren Salzgehalt. Aber sie muß von der See herkommen, nicht vom Lande. Etliche Chemiker, die bekanntlich alles wissen und auch den Homunkel gemacht haben, behaupten auf Grund ihrer sehr wissenschaftlichen Untersuchungen, daß in der Seeluft keine Salzteile vorkämen. Der simpelste Fischer oder Matrose, ja sogar der am Strande wandelnde Landbewohner weiß das freilich anders, ja selbst auch, ohne mit dem Wasser geradezu in Berührung zu kommen – weil seine Lippen einen salzigen Geschmack annehmen, in seinen Haaren sich Salzkristallchen bilden. In Helgoland kann man es häufig bemerken, daß bei starken Seewinden die Fenstergläser der höher gelegenen Häuser sich mit feinen Salzkrusten überziehen.

Der eigenartige Geruch der Seeluft, den manche als heilsam für den Magen bezeichnen, soll von den faulenden oder verwesenden Stoffen aus dem Tier- und Pflanzenreiche kommen, die das Wasser mit sich führt. Ob solche für den, der sie einatmet, heilsam sind, das kann bejaht, aber auch verneint werden, wie überhaupt alle Kultur- und Medizinmittel von den einen bejaht, von den anderen verneint zu werden pflegen. Was existiert denn überhaupt auf Erden, über das alle Leute der gleichen Meinung wären? Die Wissenschaftler unter sich sind es so wenig als die Laien.

Ein Mensch, wird versichert, trinke täglich 10000 Liter Luft, da kommen Teile, mit welchen sie etwa verunreinigt ist, schon in Betracht. Wohltätig ist der Aufenthalt an der Küste, wohltätiger ist er auf einer Insel, am wohltätigsten auf hohem Meere, auf dem die Luft fast vollkommen rein ist. Es wird eine Zeit der schwimmenden Kurorte kommen. Man wird Schiffe einrichten, die den Zweck haben, mit ihren heilbedürftigen Insassen sich immer auf der See umherzutreiben.

Nie und nirgends ist das Klima so gleichmäßig, als auf oder an dem Meere, dort gibt es kühle Sommer und laue Winter. Wer sollte es denn glauben, daß im nordischen Helgoland im Freien die Feige reift und die Rose noch im Dezember blüht! Je glatter eine Fläche, je gleichmäßiger die Temperatur, das gilt ja auch vom Lande. Je gegliederter ein Land ist, je mehr Höhen und Tiefen es hat, je ungleichartiger im Winter und Sommer, bei Tag und Nacht ist seine Luftwärme; ins Herz hinein tut es mir weh, von euch, ihr lieben Alpen, sagen zu müssen, für Leute, die eine schwache Brust haben, seid ihr kein guter Freund! Oder man müßte immer auf euren höchsten Gipfeln leben, wo die Luft und Wärme auch eine gleichmäßigere ist als in den Tälern.

Nicht bloß die Engbrüstigen sollten ans Meer und aufs Meer, sondern auch die Engherzigen. Der Egoist, der Habsüchtige, der Hoffärtige, sie sollten einmal etliche Monate lang auf dem Ozean fahren, wo alles Größe und Ewigkeit ist, wo es nichts gibt, nach dem die Hand des Menschen begehrend sich ausstrecken kann, wo nichts sich ihm unterwirft, wo die Elemente, wie sie eben in Laune sind, das menschliche Fahrzeug als Spielzeug gebrauchen. Da ist's nichts mit der Übervorteilung anderer, und die ganze Selbstsucht geht lediglich darauf hinaus, doch nur mit heiler Haut wieder ans Trockene zu kommen. Ein kleines Schiffsbrüchlein soll für verknöcherte Herzen ein besonders heilsames Seebad sein; nicht bloß, daß man dabei beten lernt, man lernt, sagen sie, auch das Leben, bescheiden und dankbar sein für jeden Atemzug und Achtung haben vor den Mitmenschen. Natürlich rechtzeitige Rettung, und wäre es auch nur durch bewußten Balken auf eine wüste Insel. Robinson wäre daheim auf dem festen Lande ein Taugenichts geworden, die Einsamkeit auf seiner Insel im Weltmeere hat ihn zu einem ganzen Manne gemacht.