Fremde Straßen
Kapitel V
Nach diesen wilden Tagen kam Frieden und Sonnenschein. Ich blieb tagelang am Strande von Abbazia. Am Strande saß ich, versunken in Gedanken an große Zeiten, an große Menschen. Oder ich ruhte in einem Kahne und ließ mich hinausschaukeln auf die See, noch zurückblickend auf die lorbeerbekränzte Landschaft. Allmählich sanken die Berge in sich zusammen und verschwanden.
Und rings um mich nichts als die ewigen Wasser. Da habe ich gedacht: Also ist der Bann gelöst. Bleibe ich hier im Sonnenlichte, so ist's recht, sinke ich in die Dämmerungen des Abgrundes, so ist's auch recht. All das, was wir Menschen Glück, Unheil, Gut, Elend nennen, bedeutet nichts. Irdisch Tand ist eine Handvoll Sand. Irdisch Weh ist Maienschnee. Es bedeutet nichts. Ich bin ein großes, unsterbliches Wesen, die Felsgebirge sind meine Knochen, das Weltmeer ist mein Blut, die Stürme sind mein Atem. –
V.
Es ist ausgemacht, die Welt wird zu klein. So furchtbar hat die Statistik noch nie gesprochen, als bei der letzten Volkszählung. Im neunzehnten Jahrhundert hat die Bewohnerzahl Europas sich verdoppelt. Die Zeitungen verbuchen es mit Jubel – je mehr Leute, je mehr Abonnenten! Aber daß sie sich etwa einander ausfressen könnten? Und es geschieht, sie fressen sich auf, zuerst die Zeitungen einander und dann die Abonnenten. Wenn sie es nicht vorziehen, Kolonien gattern zu gehen. Wer sich einmal zurückziehen wollte, um bei sich selber zu sein! Wohin denn? Wo es wohnbar ist, gibt es schon überall Leute, hie und da sogar Menschen.
Möchte wissen, wie oft ich schon gefragt worden bin, ob es denn nicht um Gotteswillen irgendwo einen Weltwinkel gäbe, wo man mit der wilden Natur allein bei sich selbst sein kann? Unter den Fragestellern war auch ein Millionär und dem ward Rat. Gehe hin und baue dir ein Schiff. Nimm, was dir lieb ist mit hinein und fahre aufs Meer. Das Meer ist noch unbevölkert und dein Eigentum, wohin du kommst – wo es am größten und weitesten ist, wird dir kein feindlicher Ellbogen begegnen.
Und wer sich kein Schiff bauen kann, der mache es wie ich. Immer wieder, wenn mir das Land zu enge wird und die Erde zu hart, gleite ich hinab zur Adria und fahre hinaus in die feuchten, sonnigen Einöden. Das Land ist hart, das Meer ist weich. Dorthin verfolgen sie mich nicht, die unbarmherzigen Quäler, die törichten Handschriftensammler und Poetenwinkler, und die anderen, die anderen, wovon mir jeder für sich lieb ist, die aber schrecklich sind, wenn sie sich Tag für Tag an die Türklinke reihen, um sich vom armen Poeten schließlich doch nichts zu holen als – Enttäuschung. – Die Scholle lädt überall, wo man auf sie tritt, ein zum Arbeiten, sie strotzt von Schätzen, aber ungebeten, ungeliebt will sie nichts geben. So weckt sie im Menschen die Gier nach Dingen, die im Grunde nichts bedeuten. Reichtum, Glanz, Ehre, Ruhm, die nur in der Gesellschaft zweifelhaften Wert haben, für den Einsiedler aber belanglos sind. Tückisch lockt der schätzebergende Erdboden zu sich hin, und wenn der Mensch ihn nicht versteht oder mißbraucht, verletzt er sich daran zu Tode.
Die Scholle ist hart, das Meer ist weich.
Das Meer weckt im Menschen keine Leidenschaften, es wiegt ihn im süßen Nichtstun seine ewig lebendige Größe zeigt ihm lachend oder drohend, wie klein er ist und dieweilen der Mensch sich doch immer mit dem Großen messen will, wird er selber größer. Ich fange keine Seeungeheuer, lege keine Kabel, versuche nicht den drahtlosen Telegraphen, tauche nicht in den Meeresgrund, liefere keine Seeschlachten und denke, das wird man mir ohne weitere Beweise glauben – und doch fühle ich mich auf dem Meere fast ein wenig wesentlicher, als auf dem Lande. Dort auf der Welle bin ich nichts sonst als Mensch und das ist, ernsthaft gesprochen, doch etwas mehr als Hofrat oder General oder Kardinal. Mensch sein ist etwas Ungeheuerliches. Nie sieht man sich so riesengroß, so mächtig, so ewig, als wenn man nichts ist und nichts tut als Mensch sein. Als sich einmal so recht gründlich an sich selbst zu erinnern.
Und darum gleite ich so gerne hinab zur Adria und hinein in ein Lloydschiff. Ob es nun nach Venedig geht, dem vergessenen Wunder der Romantik, oder nach Pola, der Rüststätte künftiger Marinenherrlichkeit (für den Kriegsfall sind wir immer optimistisch, denn man kann ja gleich bis Lissa fahren). Oder ob mein Kiel nach dem sich immer amüsierenden Abbazia sticht, wohin außerhalb der Backhendelzeit die Wiener Karten spielen gehen; oder nach Fiume, der ungemütlichen ungarischen Antwort auf die Triesterfrage. Oder nach dem schlummernden Eilande Lussin, oder nach dem altimperatoristischen Spalato, oder nach dem halb morgenländischen Ragusa, oder nach dem wilden Cattaro am Saume der Schwarzen Berge – oder wohin sonst an den istrischen und dalmatinischen Küsten, immer sind wir versucht auszurufen: Nicht bloß die Scholle, auch die Welle gibt Schätze.
Die hundert Schiffe des Lloyd bieten eine große Auswahl schwimmender Burgen, in denen man sich heimisch fühlen kann. Schon das Schiff als solches ist dem Landwurm ein Ereignis. Die Bauart der Schiffe und die innere Einrichtung ist gar verschiedenartig und jedes hat seine besondere Eigenart. Um just von den Lloydschiffen zu sprechen, an leidlicher Reinlichkeit sind sich fast alle gleich und daß man nirgends köstlicher zu Mittag speist als auf dem Österreichischen Lloyd, das ist bekannt. Die zumeist italienisch sprechende Bemannung und Bedienung ist stets höflich und die Offiziere trachten den Reisenden die Fahrt angenehm zu machen. Nun also, und das ist hier die ganze Menschheit. – Und die See! Auf manchem Meere habe ich's erlebt, daß Reisende über Bord gebeugt, meinen Spruch ins Gegenteil seufzten: Das Land sei gut, das Meer sei hart! Auf der Adria habe ich selten einen bedenklichen Fall von Seekrankheit gesehen. Es pflegt sonst von dieser Sache zu viel gesprochen zu werden, manch ängstliche Dame wartet gewissermaßen schon darauf und der erste Gedanke, wenn sie den Fuß aufs Schiff setzt, ist: ach, ich werde gewiß seekrank werden! Man ist nachgerade enttäuscht, wenn es ruhig und glatt dahinzieht an den malerischen Küsten und wenn man bei der gedeckten Tafel Teller und Gläser ohne jede Schutzvorrichtung dastehen sieht, wie auf jedem andern Tisch. Aber der Quarnero! Der schlimme Quarnero, wo die Wasserströmung des Golfes von Fiume ihr Wesen hat, wo man nach allen Seiten nur mehr das hohe Meer sieht, das tintenblaue, mit seinen ungeberdigen Wellen, mit seinem Dröhnen und Gischten, so daß der entsetzte Neuling glaubt, er sei mitten im grausen Sturm! Die meisten Reisenden freuen sich aber gerade auf den Quarnero, weil dieser Strich zu den schönsten Partien der österreichischen Adria gehört. Leben und Kraft des Wassers und des Dampfers. Da steige ich gerne an die letzte Spitze des Schiffes hinaus, wo es langsames und redliches Aufundniederschaukeln gibt, während die Bewegungen in der Mitte des Fahrzeuges unsicherer und tückischer die Nerven antasten. Übermütige Reisende halten was darauf, von den aufspringenden Gischten manchmal ein bißchen angegossen zu werden. Aber das Deck ist hoch und lange nicht bei jeder Fahrt gelingt die Taufe. – Bei der prächtigen Meerschau auf so zahmem Rosse reitend, wundert man sich völlig, daß die Vergnügungsfahrten auf der Adria nicht noch mehr Mode geworden sind.
Eine meiner letzten Lloydfahrten ging nach der istrischen Insel Lussin. Hat man hinter Pola den Leuchtturm des Kap zurückgelegt, um der hohen See sich endlich zu erfreuen, taucht fern im Südosten ein länglich gestreckter Berg auf, der Ossero. Ganz pyramidal steht er da. Aber die Sohle unserer steirischen Alpentäler ist häufig höher, als die 588 Meter hohe Spitze dieses Berges. Er tut was er kann, um sich Respekt zu verschaffen; pathetisch legt er die Falten seiner Felswände und nicht selten trägt seine Spitze eine Wolkenhaube, auch wenn sonst, soweit das Auge reicht, der Himmel blaut. Den Ossero-Touristen wird geraten, sich mit festen Schuhen zu versehen; dann aber, wenn sie ein gutes Auge oder Fernglas mithaben, können sie im Westen das »unendliche Meer« Lügen strafen und die italienische Küste schauen. An drei Stunden brauchte der geschwinde Dampfer, um den Ossero endlich zur linken Seite zu haben. Auch zur rechten tauchen Inseln auf, unter denen bald ein steil aus dem Meere springendes felsiges Eiland ausfällt, erinnernd an Helgoland. Es ist Sansego, die antike Weinquelle am Quarnero. Dann geht's in die Bucht von Lussinpiccolo. Mit orientalischer Verve steigt die Stadt den halbkesselförmigen Berg hinan, so daß die Fenster jedes rückwärtigen Hauses über der Achsel des vorderen herabschauen auf den Hafen, um den die Riva sich hufeisenförmig zieht. Die halbe Bevölkerung ist lärmend, als gäbe es eine Feuersbrunst, am Landungsplatze versammelt, um bei Ankunft eines Schiffes als Packträger oder Ciceroni ein paar Soldi zu verdienen. So gleichmütig sie den ganzen Tag den lieben Gott einen guten Mann sein lassen, so energisch regt sich ihre Erwerbslust, wenn die geldgespickten »Tedesci« kommen.
Die Zeiten sind vorüber, da in dieser Stadt der Schiffbau in Blüte gewesen; anderswo können sie das jetzt besser und so ziehen die Lussiner auf fremden Meeren oder liegen daheim auf ihren Steinfliesen, sich damit begnügend, daß sie leben. In ganz Lussinpiccolo, es zählt bei fünftausend Einwohnern, hört man kein Wagenrad rollen; ein einziges Pferd, so geht die Sage, existiere in dieser Stadt, und dieses soll ein Maulesel sein. Der Herr, der die Vögel nährt und die Blumen kleidet, hat hier also ziemlich viel zu tun; er jagt den Einwohnern die Fische in die Buchten, eine unglaubliche Anzahl von Arten, er jagt sie ihnen in die Netze, an die Angeln, wonach sie bloß anzuziehen brauchen; er überspinnt den Steinhaufen, Lussin genannt, ganz wunderbar mit Ölbäumen, Orangen-, Mandarinen- und Zitronenbäumen, mit Feigen- und Dattelbäumen und mit Weinreben, er ziert ihn mit Kiefern und fabelhaften Kakteen und sonstigen Spielarten der Tropen. Allerdings, umsonst hat der Mensch auch das nicht, jede Parzelle der fruchtbaren roten Erde mußte den Steinen abgerungen werden, den grauen Blöcken klein und groß, wie sie überall und überall aus dem Boden hervorquellen, genau so wie im Kar des Hochgebirges. In hohen rohen Mauern und Wällen sind diese Steine, mit denen man nicht weiß wohin, aufgeschichtet an jedem Wege, um jedes Gärtlein, um jeden Pfränger, in dem eine elegische Ziege oder ein einsames Schaf steht. Dazwischen stets von dem mattgrünen Ölbaum bestanden geschlossene Felsen. Mancher Felsriff ist so alpin, daß man jeden Augenblick glaubt, eine Gemse herüberlauern zu sehen. Aber wunderbar, was am Strande das Wasser macht aus diesen Steinen! Diese Zacken und Runsen, die phantastischesten Aushöhlungen im großen und kleinen! Und die Welt der Tiere, die in solchen Löchern und Spalten und in den grünlichen Untiefen hausen!
Lussin bietet drei grundverschiedene Seebilder. Nach Norden hin den Hafen und die Bucht, scheinbar ein abgeschlossener Landsee, ringsum mit hügeligem, größtenteils kahlem Karstgebiete umgeben. In der Ferne ein paar höhere Berge, so der Monte Asino mit seiner alten Festung und das herüberragende Haupt des Ossero. Im Jahre 1859 war diese Bucht voll italienischer und französischer Kriegsschiffe, die sich hier versammelt und organisiert hatten, um Venedig zu erobern. Österreich aber steife sich darauf, zu siegen und Venedig freiwillig abzutreten. Großmütiger kann man schon nicht mehr sein.
Und welch ein anderes Bild gegen Osten hin, wenn man vom Hafen zwischen den Steinwällen an fünfzig Meter hinaufsteigt. Die Fläche des Quarnerolo. Zu Füßen der buchtenreiche Strand mit Lussingrande, St. Martino, und links hin die niedrigen Ausläufer der Insel Cerso. Aber, was steht dort fern über dem Meere aufgebaut? Ist es eine lang hingezogene graue Wolkenwand mit Sonnenstreifen und weißen Rändern? Nein, es sind die Berge von Dalmatien, es ist der Velebit mit seinen Schneefeldern.
Und wieder grundverschieden das Bild nach Westen hin. Die kleine Bucht Cicale im Westen der Insel, an zwanzig Minuten von Lussinpiccolo entfernt, ist der beliebteste Ausflugsort der Kurgäste. Dort beginnen wieder die Einsamkeiten der hohen See. Selten ein roter oder weißer Segler, noch seltener ein Dampfer. Immer und immer gleiten die blaugrünen Wellen heran, immer dem Strande zu, so daß ein einfältiger Landmensch wohl fragen möchte, wie denn das kommt, daß das Wasser dort draußen nicht weniger und hier am Gestade nicht mehr wird. Ob das Heranfließen nur scheinbar ist, ob trotz alles Hin- und Herwogens die Wassermassen nicht doch an der gleichen Stelle bleiben? Es scheint, daß auch ich die närrische Frage gestellt, denn urplötzlich hatte ich an mir den Beweis, daß die Wasser laufen und springen, eine Gischtwelle warf sich über die Strandfelsen zu mir heraus und übergoß mich pudelnaß von oben bis unten. So – nun gehe hin und erörtere es mit deinen Lesern, ob die Wasser an der gleichen Stelle hocken bleiben.
Das Meer hat Humor, es blinzelt, es lacht, schupft dich von einem Rücken auf den andern und scheinest du zu sinken, so fängt es dich doch allemal wieder auf in den weichen Schoß. Im stürmischen Zustande ist es weit harmloser, als es sich stellt, im stillen aber tückisch. Wenn man dem Segler ruhige See wünscht, so wird er grob. Weit draußen auf der glatten Wassertafel müßte er verhungern. Sein bester Freund ist der Wind. Und auch der unsere: Die glatte Fläche, die keine Narbe hat und keine Farbe, die so leb- und streblos hinliegt und sich am Gesichtskreis vom Himmel nicht unterscheidet – das ist die große wässerige Langweile. Auf jener Fahrt nach Sansego wäre sie unfehlbar eingetreten, wenn einige Jahrhunderte früher an der südlichsten Spitze von Lussin nicht Seeräuber gehaust hätten. Diese Seeräuber rief nun mein Gondelführer zu Hilfe, um die Langweile der stillen See zu verscheuchen. Er erzählte, wie die Wackeren immer ausgezogen seien nach Kauffahrern und nach den blühenden Städten des Mittelmeeres, um etwas zu erobern. Zu rauben, sagte man unhöflich genug, und Piraten nannte man zeitweise solche Männer, die in Schulbüchern manchmal auch Kriegshelden heißen. Nun, und einmal hatten die Herren Seeräuber von Lussin gehört, daß in der wundervollen Stadt Venedig eine Massenhochzeit stattfinde, dieweilen eine größere Anzahl Patriziersöhne sich junge Weiber erkieseten. Solches Gerücht machte unsere Seeräuber leckerig und sie zogen mit Wehr und Waffen gen Venedig, um den Hochzeitszug zu überfallen und die schönen Bräute zu erobern. Das galante Unternehmen fiel aber unglücklich aus, denn das Lagunenvolk wehrte sich mannhaft und nahm die Seehelden gefangen. Dann kam das Strafgericht der Dogen, das von beispielloser Grausamkeit war. Zur Abschreckung für alle Zeiten! Die Seeräuber, so die jungen Bräute rauben wollten, wurden verurteilt, die – Schwiegermütter zu heiraten, mit der Verschärfung, dieselben in ihr fernes Felsenschloß auf Lussin zu entführen. – Für mich gab der Gondeliere dieser Geschichte noch eine andere Pointe. Er hielt, als wir in Sansego landeten, die Hand auf. Ich gab und war bloß froh, daß der Mann kein Seeräuber war, und froh, daß ich keiner gewesen bin in jenen Zeiten des venezianischen Strafgerichts.