Fremde Straßen

Peter Rosegger · Kapitel 34 von 39

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Fremde Straßen

Kapitel IV

 

Den Kummer nenne ich dir nicht, aber du kennst ihn. Wenn du es mit dem Leben, mit der Welt, mit dir selbst einmal heftig zu tun gehabt hast, so kennst du ihn ganz gewiß; er ist so schwer, er scheint so unerträglich, daß dich nichts erquicken kann, als der eine Gedanke: Sterben. Es ist nicht Sentimentalität, es ist kein eingebildetes Weh, es hat Grund und Folge, es hat Gestalt, und alles, was du um dich siehst, in dir fühlst, ist namenloses Elend. Ich nenne das Leid nicht, es hat einen abscheulichen Namen.

In fieberhaften Träumen der Mitternacht rief eine Stimme: »Geh' ans Meer!« – Ich schrak empor. Wer ist da? Wer ruft? War das nicht die traute Stimme eines längst und auf ewig verstummten Mundes? – Ja, miß dein Leid an der Größe und Tiefe des Ozeans. Ohne Gebimmel und Geserres schlafen gehen … Um Mitternacht stand ich auf und eine Stunde später saß ich im Kurierzuge nach Abbazia.

Als ich über den Karst fuhr, röteten sich die Steine, und bei Mattuglie tief unten lag das Meer im Sonnenlichte. Ich stieg hinab, wie man hinabsteigt von den felsigen Höhen Palästinas gegen das mittelländische Meer. Dann ging ich dem Strande entlang; die weiten Wasser waren stille, als hielten sie ein, daß der Geist Gottes sie küsse; und doch schlugen die Wellen ans Ufer, als wollten sie heraussteigen; aber ohnmächtig rieselten sie wieder zurück in ihr dunkelgrünes Bett. Das ist viel zu zahm. Das Meer in meinem Herzen, das brandet anders! Jetzt hüllen mich die Ölbäume in ihre Schatten, jetzt fächeln mir die Lorbeerzweige um die Stirne. O nein, Ruhm und Preis ist es ja nicht, nach dem ich dürste. Nach Frieden des Herzens schrei' ich auf. – Orangen-, Pfirsich- und Feigenbäume halten ihre üppigen Früchte mir entgegen. O nein, Weltgenuß ist es nicht, nach dem ich lechze. Nach Frieden des Herzens weine ich. Herrliche Paläste winken mir zu im Lorbeerhaine, Prunk und Pracht, schöne Frauen, liebliche Musik! Als ob das Feinste der feinen Welt sich hier versammelt hätte, um mich zu grüßen, um mich zu trösten. Das ist es aber nicht, warum ich gekommen bin. Nach zwei Richtungen steht mir die Flucht offen, hinauf in die Felsen des Karstes, hinab …

Endlich kehrte ich doch bei lieben Menschen ein, müde und abgehärmt sank ich auf ein Ruhebett. An vierundzwanzig Stunden mochten verflossen sein, seit die Stimme mich aufgeweckt, und jetzt weckte mich eine andere. Es donnerte ums Haus, daß die Wände bebten. Ich stand auf, öffnete ein Fenster, da wehte es herein wie feuchter salziger Hauch, und ein grauses Rollen und Krachen erfüllte die Luft.

Was das wäre? fragte ich einen auf der Gasse Wandelnden. »Das Meer«, antwortete er schreiend und ging vorüber. Ich stieg hinab an das Ufer und mußte jauchzen, so leicht war mir plötzlich. Das Meer war rasend geworden. In langgestreckten, hohen Wellen, in lebendigen Bergen wogte es heran, schlug schwer und wild an die Klippen des Strandes und die Wasser sprangen, aufwärts gießend, weit herein ins Land. Kein Lüftchen aber regte sich, holder Vollmond stand am Himmel und sein Licht war lauterer Frieden. Was ist dir, Meer? Wer hat dich so wütend gemacht? Du bist ja entzückend zornig. Ich habe kein Lied gefunden für mein Herzweh, nun singst du es, du gewaltige Harfe Gottes! – Auf hoher See draußen weiße Bänder, Zacken und Spitzen, ein zarter Nebelstaub darüber, und heran, immer noch wilder, rasender, wahnwitziger, als wollte das Meer emporklettern an die Hänge des Karstes.

Was bedeutet das Wüten in dieser friedlichen Nacht? Draußen auf hoher See wühlt das Gespenst, welches das Meer heran hetzt. Es ist der Scirocco. Am Strande ist er selten wahrzunehmen, aber draußen bohrt er seine Rüssel ein, schreckt die Wasser auf und jagt sie pfeifend, sausend in alle Welt. Die verlästerte Bora ist ein harmloses Kind dagegen, sie schlägt zwar Fenster ein, deckt Häuser ab, schleudert kräftige Männer zu Boden und wirft Eisenbahnzüge um; aber das Meer bringt sie nur in schönes Kräuseln – nichts weiter.

Betäubt von dem ununterbrochenen Brausen, Donnern und dem zischenden Aufflammen der weißen Gischten stand ich da. – Der Scirocco, und das ist alles? Darum der ungeheure Sturm, weil ein bißchen Scirocco weht draußen auf hoher See? Am Ende ist auch in meine Seele ein bißchen Scirocco gefahren, und nichts weiter? – Wohlan, Freund, weil wir denn einmal dran sind, ich nenne dir den Kummer, das Herzweh, das namenlose Elend, das kaum zu ertragen ist. Nervosität heißen sie das Ungeheuer, und wenn Scirocco geht – nun du weißt es ja.

Am nächsten Morgen war der Himmel grau und schwer, wie ein Meer von Blei. Regen, unendlicher Regen rieselte nieder, und die Wolken hingen hinein ins Meer, und die Delphine selbst, die manchmal ihre Häupter aus den Wellen reckten, wollten Regenschirme aufspannen, oder rasch zurücktauchen in die See, damit sie nicht nasser als naß würden. – Wenn bei Sonnenschein meine Stimmung schon so trübe war, wie erst mußte sie bei so düsterer Witterung trostlos sein! Glaubt ihr? Wenn der Teufel einmal los ist, so reißt er nicht mehr an der Kette. Ich fühlte mich urgesund und munter wie ein Fisch, wußte nichts von Kummer und Herzweh und konnte gar nicht begreifen, wie ein Mensch verzagt und traurig sein könne.

Nun tagelang Regen. Das Meer ist spiegelglatt, aber weit hinaus gefärbt von den lehmfarbigen Gießen des Süßwassers. Und doch sah man kaum einen Gießbach herabkommen von den Bergen. Hingegen quirlten am Strande und noch weiter draußen im Meere die weißgelblichen Landquellen auf. Denn das Karstgebirge ist inwendig zerfressen, voller Höhlen, Löcher und Kanäle, ist wie ein versteinerter Badeschwamm; alles Regenwasser saugt es in sich auf, um es unten in oft üppigen Quellen wieder auszuspeien.

An einem der nächsten Tage bin ich unter Regen und Sturm hinangestiegen zum hohen Monte Maggiore, wo es im Nebel Schneegestöber gab. Wenn der Wind die Wolken zerriß, ward der Blick frei auf das ungeheure Firmament hinaus, das unten lag und mit weißen Sternchen und dunklen Punkten bestreut war, so als ob Tauben und Adler in der Ferne schwebten. Das war das Adriatische Meer mit seinen Dampf-, Segelschiffen und Fischerbarken. Im ganzen macht das Meer, vom Berge aus gesehen, nicht den Eindruck wie vom Strande, denn es liegt leblos und still da, man sieht keine Bewegung, man hört kein Brausen, es ist fast langweilig wie ewig wolkenloser Himmel. – Nach Norden hin sah ich zwischen Wolkenspalten die Wüsten des Karstes. Ein Steinwall hinter dem andern und die Hochkämme voll Schnee. Alpen und Ozean! Und inmitten steht das winzige Menschlein, ein mikroskopisches Insektchen, und wähnt Leid zu haben, das härter wäre als alle Felswuchten des Karstes, und tiefer als die Tiefe des Meeres. Wo ist es aber jetzt? Wo ist denn dieses Leid hingeraten? Hat niemand ein namenloses Herzweh gesehen? Ich zahle Finderlohn. Hat es der Sturm verweht? Haben es die Fluten davongespült? – Hei, wie jetzt die Bora pfeift und kracht hernieder von den Höhen! In den Lüften saust fliegender Sand, die Eichen, welche zwischen den braunen Steinblöcken stehen, beugen sich winselnd. Ich werde hinabgeschoben, gestoßen in einen der zahlreichen Trichter, wo grüne Wieslein sind und Maulbeersträucher und Löcher in den Berg hinein. Hier ist's ruhig, nur oben noch die Fanfaren der Bora, die den Sieg davongetragen hat gegen den tückischen dämonischen Scirocco. – Nein, ich will nicht bleiben in dieser Grube, will wieder hinauf zur Zinne, Leib und Seele einmal so recht durchfegen lassen von dem nordischen Luftbesen – ah, das ist herrlich, das tut wohl! Herrgott im Himmel, wie wohl tut der Sturm!