Grundfragen der Soziologie
Erstes Kapitel. Das Gebiet der Soziologie.
Erstes Kapitel.
Das Gebiet der Soziologie.
Die Aufgabe, über die Wissenschaft Soziologie Auskunft zu geben, findet
ihre erste Schwierigkeit darin, daß ihr Anspruch auf den Titel einer Wissenschaft
keineswegs unbestritten ist; und daß, wo ihr dieser selbst zugestanden wird, über
ihren Inhalt und ihre Ziele sich ein Chaos von Meinungen ausbreitet, deren
Widersprüche und Unklarheiten den Zweifel, ob man es hier überhaupt mit einer
wissenschaftlich berechtigten Fragestellung zu tun hat, immer von neuem
nähren. Nun wäre der Mangel an einer unbestrittenen, grenzgesicherten
Definition zu verschmerzen, wenn wenigstens eine Summe einzelner Probleme
vorläge, die, in andern Wissenschaften nicht oder nicht erschöpfend behandelt,
die Tatsache oder den Begriff der „Gesellschaft“ als ein Element enthielten und
darin ihren gemeinsamen Berührungspunkt besäßen. Wären sie dann auch in
ihren sonstigen Inhalten, Richtungen, Lösungsarten so verschieden, daß man sie
nicht gut als einheitliche Wissenschaft behandeln könnte, so würde doch der
Begriff Soziologie ihnen eine vorläufige Unterkunft gewähren, es stünde
wenigstens äußerlich fest, wo man sie zu suchen hätte — wie etwa der Begriff
Technik durchaus legitim für einen ungeheuren Bezirk von Aufgaben gilt, ohne
daß es Verständnis und Lösung der einzelnen gerade viel förderte, daß ein
gemeinsamer Charakterzug ihr an diesem Eigennamen teilgibt. Allein selbst
diese schmale Verknüpfung mannigfaltigster Probleme, die immerhin eine in
tieferer Schicht aufzufindende Einheit verspräche, scheint an der Problematik
des einzig zusammenhaltenden Begriffes zu zersplittern, des Begriffes
Gesellschaft — an der Problematik, mit der jene prinzipielle Leugnung einer
Soziologie überhaupt sich beweisen möchte. Und es ist merkwürdigerweise
einerseits eine Abschwächung, andrerseits eine Übersteigerung dieses Begriffes,
an die solche Beweise geknüpft wurden. Alle Existenz, so hören wir, komme
ausschließlich den Individuen, ihren Beschaffenheiten und Erlebnissen zu, und
„Gesellschaft“ sei eine Abstraktion, unentbehrlich für praktische Zwecke, höchst
nützlich auch für eine vorläufige Zusammenfassung der Erscheinungen, aber kein wirklicher G e g e n s t a n d jenseits der Einzelwesen und der Vorgänge an
ihnen. Wenn ein jedes von diesen in seiner naturgesetzlichen und historischen
Bestimmtheit erforscht sei, so bliebe für eine davon gesonderte Wissenschaft
überhaupt kein reales Objekt mehr übrig. Ist für diese Kritik die Gesellschaft
sozusagen zu wenig, so ist sie für eine andere gerade zu viel, um einen
Wissenschaftsbezirk abzugrenzen. Alles, was Menschen sind und tun, so heißt es
nun andrerseits, geht innerhalb der Gesellschaft, durch sie bestimmt und als ein
Teil ihres Lebens vor sich. Es gebe also überhaupt keine Wissenschaft von
menschlichen Dingen, die nicht Wissenschaft von der Gesellschaft sei. An Stelle
der künstlich gegeneinander isolierten Einzelwissenschaften historischer,
psychologischer, normativer Art habe also die Gesellschaftswissenschaft zu
treten und in ihrer Einheit zum Ausdruck zu bringen, daß alle menschlichen
Interessen, Inhalte und Vorgänge durch die Vergesellschaftung zu konkreten
Einheiten zusammengingen. Ersichtlich aber nimmt diese Bestimmung, die der
Soziologie alles geben will, ihr ebensoviel fort wie die andere, die ihr nichts
geben will. Denn da Rechtswissenschaft und Philologie, die Wissenschaft von
der Politik und die von der Literatur, die Psychologie und die Theologie und alle
andern, die den Bezirk des Menschlichen unter sich aufgeteilt haben, ihre
Existenz fortsetzen werden, so ist nicht das geringste dadurch gewonnen, daß
man die Gesamtheit der Wissenschaften in einen Topf wirft und diesem das neue
Etikett: Soziologie — aufklebt. Die Gesellschaftswissenschaft befindet sich also,
unterschieden von andern, wohlgegründeten Wissenschaften, in der ungünstigen
Lage, zunächst ihr Recht auf Existenz überhaupt beweisen zu müssen — freilich
auch in der günstigen, daß dieser Beweis über die sowieso nötige Aufklärung
ihrer Grundbegriffe und ihrer besonderen Fragestellung gegenüber der gegebnen
Wirklichkeit führt.
Es ist zunächst ein Irrtum über das Wesen der Wissenschaft, aus der
angeblich allein realen Existenz der „Individuen“ zu folgern, daß jedes, auf
deren Zusammenfassungen gehende Erkennen sich spekulative Abstraktionen
und Irrealitäten zum Objekt mache. Unser Denken faßt vielmehr a l l e n t h a l b e n
die Gegebenheiten zu Gebilden, als Gegenständen der Wissenschaft, in einer
Weise zusammen, die in dem unmittelbar Wirklichen gar kein Gegenbild findet.
Niemand scheut sich, von der Entwicklung z. B. des gotischen Stiles zu
sprechen, obgleich es nirgends gotischen Stil als aufzeigbare Existenz gibt,
sondern nur einzelne Werke, in denen die S t i l elemente doch nicht greifbar
gesondert neben den i n d i v i d u e l l e n Elementen liegen. Der gotische Stil als
einheitlicher Gegenstand historischer Erkenntnis ist ein aus den Realitäten erst
herausgewonnenes g e i s t i g e s Gebilde, aber selbst keine unmittelbare Realität. Wir wollen unzählige Male gar nicht wissen, wie individuelle Dinge sich im
einzelnen verhalten, sondern wir formen aus ihnen eine neue, kollektive Einheit,
wie wir, nach dem gotischen Stil, seinen Gesetzen, seiner Entwicklung fragend,
nicht einen einzelnen Dom oder Palast beschreiben, trotzdem wir den S t o f f
jener jetzt erfragten Einheit aus diesen Einzelheiten gewinnen. So fragen wir
weiterhin etwa, wie sich „die Griechen“ und „die Perser“ in der Schlacht bei
Marathon benommen haben. Hätte die Auffassung recht, die nur Individuen als
Wirklichkeiten anerkennt, so wäre die geschichtliche Erkenntnis dann und erst
dann an ihrem Ziele, wenn wir das Verhalten jedes einzelnen Griechen und jedes
einzelnen Persers kennten, somit seine ganze Lebensgeschichte, aus der sein
Verhalten in der Schlacht psychologisch begreiflich wird. Allein selbst die
Erfüllung dieses phantastischen Anspruchs würde unserer Fragestellung nicht
genügen. Denn deren Gegenstand ist überhaupt nicht dieser und jener Einzelne,
sondern: die Griechen und die Perser — offenbar ein ganz anderes Gebilde,
durch eine gewisse geistige Synthese zustande kommend, nicht aber durch die
Beobachtung der als einzelne betrachteten Individuen. Sicher ist jedes von
diesen durch eine von der jedes andern irgendwie abweichende Entwicklung zu
seinem Verhalten geführt worden, wahrscheinlich hat sich keines wirklich genau
so wie das andere benommen; und in keinem liegt das mit dem andern Gleiche
und das von ihm Abweichende in Sonderung nebeneinander, sondern beides
bildet die unzertrennliche Einheit des persönlichen Lebens. Dennoch formen wir
aus allen zusammen jene höheren Einheiten: die Griechen und die Perser, und
die kürzeste Besinnung zeigt, daß wir fortwährend mit solchen Begriffen die
individuellen Existenzen übergreifen. Wollten wir, weil diese allein
„Wirklichkeiten“ wären, all jene geistigen Neubildungen aus unserem
Erkenntnisbezirk ausschalten, so würde er seiner unbezweifeltsten und
legitimiertesten Inhalte verlustig gehen. Die eigensinnige Behauptung: es gäbe
doch nun einmal nur menschliche I n d i v i d u e n , und sie allein seien deshalb die
konkreten Gegenstände einer Wissenschaft, kann uns nicht hindern, von der
Geschichte des Katholizismus oder der Sozialdemokratie, von Städten und
Reichen, von der Frauenbewegung und der Lage des Handwerks und tausend
andern Gesamtereignissen und Kollektivgebilden zu sprechen — und nicht
anders von der Gesellschaft überhaupt. So ausgedrückt ist sie freilich ein
abstrakter Begriff, aber jede der unzähligen Ausgestaltungen und
Gruppierungen, die er umfaßt, ist ein erforschbares, erforschenswertes Objekt,
das keineswegs aus den einzeln aufgewiesenen individuellen Existenzen besteht.
Doch könnte dies noch immer eine Unvollkommenheit unseres Erkennens,
eine nur vorläufige Unvermeidlichkeit sein, die ihren prinzipiellen Abschluß, erreichbar oder nicht, in dem Wissen um die Individuen, als die endgültig
konkreten Wesenheiten, suchen müßte. Allein, genau angesehen, sind auch die
Individuen keineswegs letzte Elemente, „Atome“ der menschlichen Welt. Die
allerdings vielleicht unauflösbare Einheit, die der Begriff Individuum bedeutet,
ist überhaupt kein Gegenstand des Erkennens, sondern nur des Erlebens; die Art,
wie ein jeder sie an sich und am Andern weiß, ist keiner sonstigen Art des
Wissens vergleichlich. Was wir wissenschaftlich am Menschen erkennen, sind
einzelne Züge, vielleicht nur je einmal vorhanden, vielleicht auch in
gegenseitiger Beeinflussung stehend, ein jeder aber relativ isolierte Betrachtung
und Herleitung fordernd. Diese Herleitung führt für einen jeden auf unzählige
Einflüsse der physischen, kulturellen, personalen Umwelt, von überall her
angesponnen, in unabsehliche Zeitweiten reichend. Nur indem wir diese
Elemente so herauslösen und begreifen und sie auf immer einfachere, tiefer und
weiter zurückliegende reduzieren, nähern wir uns dem wirklich „Letzten“, d. h.
im strengen Sinne Realen, das aller höheren geistigen Zusammenfassung erst
zugrunde liegen soll. Denn für diese Betrachtungsweise „existieren“ die
Farbenmoleküle, die Buchstaben, die Wasserteilchen; aber das Gemälde, das
Buch, der Fluß sind nur Synthesen, als Einheiten bestehen sie nicht in objektiver
Realität, sondern nur in einem Bewußtsein, das sie sich treffen läßt. Ersichtlich
aber sind auch jene angeblichen Elemente hochzusammengesetzte Gebilde. Und
wenn nun wahrhafte Realität nur den wahrhaft letzten Einheiten zukommt, nicht
aber den Erscheinungen, in denen diese Einheiten eine F o r m finden, alle Form
vielmehr, die immer eine Verbindung ist, nur von einem verbindenden Subjekt
hinzugefügt wird, — so liegt auf der Hand, daß die anzuerkennende Realität uns
in völlige Unfaßbarkeit entgleitet; und dann ist es ein ganz willkürlicher
Grenzstrich, der diese Zurückgliederung am „Individuum“ beendet, da doch
auch dieses der immer weiterstrebenden Analyse als eine Zusammensetzung aus
einzelnen Qualitäten und Schicksalen, Kräften und historischen
Hergeleitetheiten erscheinen muß, die im Verhältnis zu ihm ebenso die
elementaren Wirklichkeiten sind, wie die Individuen selber im Verhältnis zur
„Gesellschaft“.
Der angebliche Realismus also, der jene Kritik am Begriff der Gesellschaft
und demnach auch an dem der Soziologie übt, läßt gerade alle erkennbare
Realität verschwinden, weil er sie ins Unendliche hinausrückt, im Ungreifbaren
sucht. Tatsächlich muß das Erkennen nach einem ganz andern Strukturprinzip
begriffen werden, nach einem, das dem gleichen äußeren Erscheinungskomplex
eine ganze Anzahl verschiedenartiger, aber gleichmäßig als definitiv und
einheitlich anzuerkennender Objekte des Erkennens entnimmt. Man wird dies am besten mit dem Symbol der verschiedenen D i s t a n z von jenem Komplex
bezeichnen, in die sich der Geist stellt. Wenn wir einen räumlichen Gegenstand
in zwei Meter, in fünf, in zehn Meter Abstand vor uns sehen, so gibt das
jedesmal ein anderes Bild, jedesmal ein solches, das in seiner bestimmten Art
und nur in dieser „richtig“ sein kann, und gerade innerhalb dieser auch
Falschheiten Raum gewährt. Würde z. B. ein ganz detailliert gesehener
Ausschnitt eines Gemäldes, wie ihn die größte Augennähe gibt, in diejenige
Anschauung eingefügt, die einer Entferntheit von ein paar Metern entspricht, so
würde diese letztere dadurch völlig verwirrt und gefälscht werden — obgleich
man aus oberflächlicheren Begriffen heraus eben diese Detailschauung für
„wahrer“ als das Fernbild halten könnte. Allein auch die ganz nahe
Wahrnehmung hat noch irgendeine Distanz und deren untere Grenze ist gar nicht
festzulegen. Das von einem Abstand aus, welches er auch sei, gewonnene Bild
hat sein Recht für sich, es kann durch kein von einem andern her entstehendes
ersetzt oder korrigiert werden. So nun sehen wir, an einen gewissen Umfang
menschlicher Existenz „nahe“ herantretend, jedes Individuum in seinem genauen
Sich-Abheben vom anderen; nehmen wir den Blickpunkt aber weiter, so
verschwindet das einzelne als solches, und es entsteht uns das Bild einer
„Gesellschaft“ mit eigenen Formen und Farben, mit der Möglichkeit, es zu
erkennen und zu verkennen, in keinem Fall aber geringer berechtigt als jenes, in
dem die Teile sich gegeneinander absetzen, oder ein bloßes Präliminarstadium
dieses. Der bestehende Unterschied ist nur der zwischen verschiedenen
Erkenntnisabsichten, denen verschiedene Distanznahmen entsprechen.
Ja, man könnte das Recht der gesellschaftswissenschaftlichen Betrachtung in
seiner Unabhängigkeit davon, daß alles reale Geschehen sich nur an
Einzelwesen vollzieht, noch radikaler begründen. Es ist nicht einmal wahr, daß
mit der Erkenntnis der i n d i v i d u e l l e n Ereignisreihen die unmittelbare
Wirklichkeit ergriffen wäre. Diese Wirklichkeit nämlich ist zunächst als ein
Komplex von Bildern gegeben, als eine Oberfläche von kontinuierlich
aneinandergesetzten Erscheinungen. Wenn wir dieses allein wirklich primäre
Dasein in Schicksale von Individuen gliedern, die einfache Tatsächlichkeit der
Erscheinungen auf einzelne Träger zurückbeziehen und gleichsam in ihnen als in
Knotenpunkten sammeln, so ist auch dies eine nachträgliche geistige F o r m u n g
des unmittelbar vorliegenden Wirklichen, die wir nur aus fortwährender
Gewohnheit wie ganz selbstverständlich und mit der Natur der Dinge selbst
gegeben vollziehen. Sie ist, wenn man will, genau so subjektiv, aber auch, da sie
ein gültiges Erkenntnisbild ergibt, genau so objektiv, wie die Zusammenfassung
des Gegebenen unter der Kategorie der Gesellschaft. Nur die besonderen Zwecke des Erkennens entscheiden, ob die unmittelbar erscheinende oder erlebte
Realität auf ein personales oder auf ein kollektives Subjekt hin befragt werden
soll — beides sind gleichmäßig „Standpunkte“, die sich nicht wie Wirklichkeit
und Abstraktion zueinander verhalten, sondern die, als Arten unserer
Betrachtung, beide von der „Wirklichkeit“ abstehen — von der Wirklichkeit, die
als solche überhaupt nicht Wissenschaft sein kann, sondern erst vermittels
solcher Kategorien die Form der Erkenntnis annimmt.
Noch aber ist von einem ganz andern Standpunkte her zuzugeben, daß die
menschliche Existenz nur an Individuen wirklich ist, ohne daß die Gültigkeit des
Gesellschaftsbegriffes darunter litte. Faßt man diesen in seiner weitesten
Allgemeinheit, so bedeutet er die seelische Wechselwirkung zwischen
Individuen. An dieser Bestimmung darf nicht irre machen, daß gewisse
Grenzerscheinungen sich ihr nicht ohne weiteres fügen: wenn zwei Personen
sich flüchtig anblicken oder sich an einer Billettkasse gegenseitig drängen, so
wird man sie darum noch nicht vergesellschaftet nennen. Allein hier ist die
Wechselwirkung auch eine so oberflächliche und vorüberfliegende, daß man in
i h r e m Maße auch von Vergesellschaftung reden könnte, bedenkend, daß solche
Wechselwirkungen nur häufiger und intensiver zu werden, sich mit mehren,
generell gleichen zu vereinen brauchen, um diese Bezeichnung zu berechtigen.
Es ist ein oberflächliches Haften an dem — für die äußere Praxis freilich
ausreichenden — Sprachgebrauch, wenn man die Benennung als Gesellschaft
nur der d a u e r n d e n Wechselbeziehung vorbehalten will, nur derjenigen, die sich
zu einem bezeichenbaren Einheitsgebilde objektiviert hat: zu Staat und Familie,
Zünften und Kirchen, Klassen und Zweckverbänden usw. Außer diesen aber
besteht eine unermeßliche Zahl von kleineren, in den einzelnen Fällen
geringfügig erscheinenden Beziehungsformen und Wechselwirkungsarten
zwischen den Menschen, die, indem sie sich zwischen die umfassenden,
sozusagen offiziellen sozialen Formungen schieben, doch erst die Gesellschaft,
wie wir sie kennen, zustande bringen. Die Beschränkung auf jene gleicht der
früheren Wissenschaft vom inneren menschlichen Körper, die sich auf die
großen, festumschriebenen Organe: Herz, Leber, Lunge, Magen usw.
beschränkte und die unzähligen, populär nicht benannten oder nicht bekannten
Gewebe vernachlässigte, ohne die jene deutlicheren Organe niemals einen
lebendigen Leib ergeben würden. Aus den Gebilden der genannten Art, die die
herkömmlichen Gegenstände der Gesellschaftswissenschaft bilden, ließe sich
das in der Erfahrung vorliegende Leben der Gesellschaft durchaus nicht
zusammensetzen; ohne die Dazwischenwirkung unzähliger, im einzelnen
weniger umfänglicher Synthesen würde es in eine Vielzahl unverbundener Systeme auseinanderbrechen. Fortwährend knüpft sich und löst sich und knüpft
sich von neuem die Vergesellschaftung unter den Menschen, ein ewiges Fließen
und Pulsieren, das die Individuen verkettet, auch wo es nicht zu eigentlichen
Organisationen aufsteigt. Daß die Menschen sich gegenseitig anblicken und daß
sie aufeinander eifersüchtig sind, daß sie sich Briefe schreiben oder miteinander
zu Mittag essen, daß sie sich ganz jenseits aller greifbaren Interessen
sympathisch oder antipathisch berühren, daß die Dankbarkeit der altruistischen
Leistung eine unzerreißbar bindende Weiterwirkung bietet, daß einer den andern
nach dem Wege fragt und daß sie sich füreinander anziehen und schmücken —
all die tausend von Person zu Person spielenden momentanen oder dauernden,
bewußten oder unbewußten, vorüberfliegenden oder folgenreichen Beziehungen,
aus denen diese Beispiele ganz zufällig gewählt sind, knüpfen uns unaufhörlich
zusammen. Hier liegen die Wechselwirkungen zwischen den Elementen, die die
ganze Zähigkeit und Elastizität, die ganze Buntheit und Einheitlichkeit dieses so
deutlichen und so rätselhaften Lebens der Gesellschaft tragen. Alle jene großen
Systeme und überindividuellen Organisationen, an die man bei dem Begriff von
Gesellschaften zu denken pflegt, sind nichts anderes als die Verfestigungen — zu
dauernden Rahmen und selbständigen Gebilden — von unmittelbaren, zwischen
Individuum und Individuum stündlich und lebenslang hin und her gehenden
Wechselwirkungen. Sie gewinnen damit freilich Eigenbestand und
Eigengesetzlichkeit, mit denen sie sich diesen gegenseitig sich bestimmenden
Lebendigkeiten auch gegenüber- und entgegenstellen können. Aber Gesellschaft
in ihrem fortwährend sich realisierenden Leben bedeutet immer, daß die
Einzelnen vermöge gegenseitig ausgeübter Beeinflussung und Bestimmung
verknüpft sind. Sie ist also eigentlich etwas Funktionelles, etwas, was die
Individuen tun und leiden, und ihrem Grundcharakter nach sollte man nicht von
Gesellschaft, sondern von Vergesellschaftung sprechen. Gesellschaft ist dann nur
der Name für einen Umkreis von Individuen, die durch derartig sich
auswirkende Wechselbeziehungen aneinander gebunden sind und die man
deshalb als eine Einheit bezeichnet, gerade wie man ein System körperlicher
Massen, die sich in ihrem Verhalten durch ihre gegenseitigen Einwirkungen
vollständig bestimmen, als Einheit ansieht. Nun kann man sich dem letzteren
gegenüber darauf versteifen, nur die einzelnen materiellen Stücke seien die echte
„Realität“, ihre wechselseitig erregten Bewegungen und Modifikationen seien
als etwas nie Handgreifliches gewissermaßen nur Realitäten zweiten Grades; sie
hätten ihren Ort eben nur in jenen Substanzstücken, die sogenannte Einheit sei
nur die Zusammenschau dieser stofflichen Sonderexistenzen, deren empfangene
und ausgeteilte Impulse und Formungen doch in einer jeden verblieben. In
demselben Sinne kann man freilich dabei bleiben, die eigentlichen Realitäten seien doch immer nur die menschlichen Individuen. Gewonnen wird dadurch
nichts. Gesellschaft ist dann allerdings sozusagen keine Substanz, nichts für sich
Konkretes, sondern ein G e s c h e h e n , ist die Funktion des Empfangens und
Bewirkens von Schicksal und Gestaltung des einen von seiten des andern. Nach
dem Greifbaren tastend, fänden wir nur Individuen, und zwischen ihnen
gleichsam nur leeren Raum. Die Folgen dieser Betrachtung werden uns später
beschäftigen; aber wenn sie die „Existenz“ in einem engeren Sinne auch
wirklich nur den Individuen übrig läßt, so muß sie doch auch das Geschehen, die
Dynamik des Wirkens und Leidens, mit der diese Individuen sich gegenseitig
modifizieren, als etwas „Wirkliches“ und Erforschbares stehen lassen.
J e d e Wissenschaft zieht aus der Totalität oder der erlebten Unmittelbarkeit
der Erscheinungen e i n e Reihe oder e i n e Seite unter Führung je eines
bestimmten Begriffes heraus, und nicht weniger als alle andern handelt die
Soziologie legitim, wenn sie die individuellen Existenzen zerlegt und nach
einem nur ihr eigenen Begriff wieder neu zusammenfaßt, und also fragt: Was
geschieht mit den Menschen, nach welchen Regeln bewegen sie sich, nicht
insofern sie die Ganzheit ihrer erfaßbaren Einzelexistenzen entfalten, sondern
sofern sie vermöge ihrer Wechselwirkung Gruppen bilden und durch diese
Gruppenexistenz bestimmt werden? So darf sie die Geschichte der Ehe
behandeln, ohne das Zusammenleben einzelner Paare zu analysieren, das Prinzip
der Ämterorganisation, ohne einen Tag auf dem Bureau zu schildern, die Gesetze
und Resultate des Klassenkampfes ergründen, ohne auf den Verlauf eines Streiks
oder die Verhandlungen über einen Lohntarif einzugehen. Gewiß sind die
Gegenstände solcher Fragen durch Abstraktionsprozesse zustande gekommen;
aber damit unterscheiden sie sich nicht von den Wissenschaften wie Logik oder
theoretische Nationalökonomie, die gleichfalls unter der Anleitung durch
bestimmte Begriffe — dort des Erkennens, hier der Wirtschaft —
zusammenhängende Gebilde aus der Wirklichkeit zustande bringen, und Gesetze
und Evolutionen an ihnen entdecken, während diese Gebilde als isolierte
Erfahrbarkeiten gar nicht bestehen.
Steht so die Soziologie auf einer Abstraktion aus der vollen Wirklichkeit —
hier unter Führung des Begriffes Gesellschaft vollzogen — und ist dennoch der
Vorwurf der Irrealität hinfällig, der von der behaupteten alleinigen Realität der
Individuen herkam, so schützt diese Einsicht sie auch vor der Überspannung, die
ich zuvor als eine nicht geringere Gefährdung ihres Bestandes als einer
Wissenschaft erwähnte. Da der Mensch in jedem Augenblick seines Seins und
Tuns durch die Tatsache, daß er ein gesellschaftliches Wesen ist, bestimmt sei, so
schienen alle Wissenschaften vom Menschen sich in die Wissenschaft vom gesellschaftlichen Leben zurückzuschmelzen: alle Gegenstände jener
Wissenschaften seien nur einzelne, besonders geformte Kanäle, durch die das
gesellschaftliche Leben, einziger Träger aller Kraft und alles Sinnes, rinne. Ich
zeigte, daß damit nichts anderes erlangt sei, als ein neuer, gemeinschaftlicher
Name für all die Erkenntnisse, die in ihren besonderen Inhalten und
Benennungen, Richtungen und Methoden ganz ungestört und selbstgesetzlich
weiterbestehen werden. Ist dies also auch eine irrige Dehnung der Vorstellung
von der Gesellschaft und der Soziologie, so liegt ihr doch eine an sich
bedeutsame und folgenreiche Tatsache zugrunde. Die Einsicht: der Mensch sei in
seinem ganzen Wesen und allen Äußerungen dadurch bestimmt, daß er in
Wechselwirkung mit andern Menschen lebt — muß allerdings zu einer neuen
B e t r a c h t u n g s weise in allen sogenannten Geisteswissenschaften führen.
Die großen Inhalte des geschichtlichen Lebens: die Sprache wie die
Religion, die Staatenbildung wie die materielle Kultur wußte man noch im 18.
Jahrhundert wesentlich nur auf die „Erfindung“ einzelner Persönlichkeiten
zurückzuführen, und wo Verstand und Interessen des Einzelmenschen dazu nicht
auszureichen schienen, blieb nur der Appell an transzendente Mächte übrig —
zu denen übrigens das „Genie“ jener einzelnen Erfinder eine Mittelstufe bildete:
denn mit dem Geniebegriff drückte man eigentlich nur aus, daß die bekannten
und begreiflichen Kräfte des Individuums zu der Produktion der Erscheinung
nicht zulangten. So war die Sprache entweder die Erfindung Einzelner oder ein
göttliches Geschenk, die Religion — als geschichtliches Ereignis — die
Erfindung schlauer Priester oder göttlicher Wille, die sittlichen Gesetze entweder
von Heroen der Masse eingeprägt oder von Gott verliehen, oder von der „Natur“
— einer nicht weniger mystischen Hypostasierung — den Menschen
mitgegeben. Aus dieser ungenügenden Alternative hat der Gesichtspunkt der
gesellschaftlichen Produktion erlöst. All jene Gebilde erzeugen sich in den
Wechselbeziehungen der Menschen, oder manchmal auch s i n d sie derartige
Wechselbeziehungen, die also aus dem für sich betrachteten Individuum freilich
nicht herleitbar sind. Neben jene beiden Möglichkeiten ist eben nun die dritte
gestellt: die Produktion von Erscheinungen durch das gesellschaftliche Leben,
und zwar im zweifachen Sinne, durch das Nebeneinander wechselwirkender
Individuen, das in jedem erzeugt, was doch aus ihm allein nicht erklärbar ist, und
durch das Nacheinander der Generationen, deren Vererbungen und
Überlieferungen mit dem Eigenerwerb des Einzelnen unlösbar verschmelzen,
und es bewirken, daß der gesellschaftliche Mensch, im Unterschied gegen alles
untermenschliche Leben, nicht nur Nachkomme, sondern Erbe ist. Durch das
Bewußtwerden der sozialen Produktionsart, die sich zwischen die rein individuelle und die transzendente einschiebt, ist eine genetische Methode in alle
Geisteswissenschaften gekommen, ein neues Werkzeug zur Lösung ihrer
Probleme — mögen diese den Staat oder die Kirchenorganisation, die Sprache
oder die sittliche Verfassung betreffen. Die Soziologie ist nicht nur eine
Wissenschaft mit eigenen, gegen alle andern Wissenschaften arbeitsteilig
abgegrenzten Objekten, sondern sie ist eben auch eine M e t h o d e der historischen
und der Geisteswissenschaften überhaupt geworden. Um sie auszunutzen,
brauchen diese Wissenschaften ihren Standort durchaus nicht zu verlassen, sie
brauchen nicht, wie jene phantastische Überspannung des Soziologiebegriffes
forderte, zu Teilen der Soziologie zu werden. Diese vielmehr akklimatisiert sich
jedem besonderen Forschungsgebiet, dem nationalökonomischen wie dem
kulturgeschichtlichen, dem ethischen wie dem theologischen. Damit aber verhält
sie sich nicht wesentlich anders als seinerzeit die Induktion, die als neues
Forschungsprinzip in alle möglichen Problemgruppen eindrang und den darin
feststehenden Aufgaben zu neuen Lösungen verhalf. So wenig aber daraufhin
Induktion eine besondere Wissenschaft ist oder gar eine allbefassende, so wenig
ist es, auf d i e s e Momente hin, die Soziologie. Soweit sie sich darauf stützt, daß
der Mensch als Gesellschaftswesen verstanden werden muß, und daß die
Gesellschaft der Träger alles historischen Geschehens ist, enthält sie kein
O b j e k t , das nicht schon in einer der bestehenden Wissenschaften behandelt
würde, sondern nur einen neuen Weg für alle diese, eine Methode der
Wissenschaft, die gerade wegen ihrer Anwendbarkeit auf die Gesamtheit der
Probleme nicht eine Wissenschaft mit eignem Inhalt ist[1].
Und eben weil die Methode diese Allgemeinheit besitzt, bildet sie ein
gemeinsames Fundament für einzelne Problemgruppen, die zuvor gewisser
Aufklärungen entbehrten, die der einen nur von der andern kommen können; der
Gemeinsamkeit des Vergesellschaftetseins, das die Kräfte der Individuen sich
gegenseitig bestimmen läßt, entspricht die Gemeinsamkeit der soziologischen
Erkenntnisweise, vermöge deren dem einen Problem eine Lösungs- oder
Vertiefungsmöglichkeit mit einem inhaltlich ganz heterogenen Erkenntnisgebiet
zukommt. Ich erwähne nur einige Beispiele, die von dem Allersingulärsten zu
dem Allerallgemeinsten aufführen. Der Kriminalist kann etwa über das Wesen
der sogenannten „Massenverbrechen“ mancherlei von einer soziologischen
Untersuchung über die Psychologie des Theaterpublikums lernen. Denn hier ist
der Gegenstand eines kollektiv-impulsiven Verhaltens noch jederzeit genau
feststellbar, und dieses verläuft in der sozusagen abstrakten, genau umgrenzten
Sphäre der Kunst; damit wird — sehr bedeutsam für jenes Schuldproblem — die
Bestimmbarkeit des Einzelnen durch eine aktuell zusammenbefindliche Masse, das Ausschalten der individuellen und der objektiven Werturteile durch das
„Mitgerissenwerden“ so rein experimentell und beweiskräftig beobachtbar, wie
kaum je sonst. — Der Religionsforscher wird vielfach geneigt sein, das Leben
der religiösen Gemeinde, die Opferwilligkeit innerhalb ihrer auf Grund der
Hingebung an ein allen gemeinsames Ideal, die Formung des gegenwärtigen
Lebens durch die Hoffnung auf einen vollkommenen, über das Leben der
aktuellen Individuen hinausliegenden Zustand — er wird geneigt sein, dieses auf
die Kraft des religiösen Glaubensinhaltes zu schieben. Wenn ihm nun
nahegebracht wird, daß etwa eine sozialdemokratische Arbeiterschaft dieselben
Züge des gemeinsamen und des gegenseitigen Verhaltens ausbildet — so kann
diese Analogie ihn einerseits lehren, daß das religiöse Verhalten nicht
ausschließlich an die religiösen Inhalte gebunden, sondern eine allgemein
menschliche Form ist, die sich nicht nur an transzendenten Gegenständen,
sondern an manchen andern Gefühlsveranlassungen ganz ebenso realisiert.
Andrerseits aber wird er das für ihn Wesentlichere einsehen, daß auch das in sich
geschlossene religiöse Leben Momente enthält, die nicht spezifisch religiös,
sondern sozial sind, bestimmte Arten der gegenseitigen Gesinnung und Praxis,
die freilich mit der religiösen Stimmung organisch verwachsen, aber erst, indem
sie soziologisch herausanalysiert werden, erkennen lassen, was denn an dem
religiösen Verhalten als die rein religiösen — und als solche gegen alles Soziale
gleichgültigen — Elemente gelten dürfe. — Endlich ein letztes Beispiel für die
gegenseitige Befruchtung der Problemgruppen durch das gemeinsame
Anteilhaben ihrer Gegenstände an dem menschlichen Vergesellschaftetsein. Der
Historiker der politischen oder der allgemeinen Kulturgeschichte ist jetzt
vielfach geneigt, die Konfigurationen z. B. der inneren Politik auf die
entsprechenden wirtschaftlichen Verfassungen und Vorgänge als auf ihre
zureichende Ursache zurückzuführen. Wird dies nun etwa auf den starken
Individualismus in den politischen Konstitutionen der italienischen
Frührenaissance angewandt, derart, daß diese aus der Befreiung des
W i r t s c h a f t s verkehrs von zünftigen und kirchenrechtlichen Fesseln erklärt
werden, so wird er einer Beobachtung des Kunsthistorikers eine neue Wendung
dieser Auffassung verdanken können. Der Kunsthistoriker stellt schon am
Anfang der hier fraglichen Epoche die ungeheure Ausbreitung der Porträtbüsten
und ihren naturalistisch-individuellen Charakter fest und zeigt damit, wie die
öffentliche Wertung ihren Akzent von dem, was den Menschen gemeinsam ist
und was deshalb leicht in etwas abstraktere und ideellere Sphären rückt, auf das
geschoben hat, was dem e i n z e l n e n zukommt, auf die Bedeutung der
persönlichen Kraft, auf das Übergewicht des Konkreten vor dem allgemeinen,
καθ’ ὅλον geltenden Gesetz. Dies legt den Gedanken nahe, daß jene wirtschaftliche Wendung ihrerseits schon eine Äußerungsweise einer
fundamentalen, soziologischen sei, die ihre Ausgestaltung auch als eine
bestimmte Kunst und als eine bestimmte Politik gefunden hat, ohne daß eine von
diesen unmittelbar die andere verursachte. So verhelfen diese soziologischen
Analogien überhaupt vielleicht zu einer tieferen, den historischen Materialismus
überwindenden Auffassung: vielleicht sind die Wandlungen der Geschichte,
ihrer eigentlich wirksamen Schicht nach, solche der soziologischen Formen: wie
sich die Individuen und die Gruppen zueinander verhalten, wie das Individuum
zu seiner Gruppe, wie die Wertbetonungen, die Akkumulierungen, die
Prärogativen unter den sozialen Elementen als solchen hin und her rücken — das
ist vielleicht das eigentliche epochale Geschehen, und wenn die Wirtschaftsart
alle andern Kulturprovinzen nach sich zu bestimmen scheint, so ist die Wahrheit
dieses verlockenden Scheines die, daß die Wirtschaft selbst durch soziologische
Verschiebungen bestimmt ist, die von sich aus ebenso alle andern kulturellen
Gestaltungen bestimmen; daß auch die Wirtschaftsform nur ein „Überbau“ über
den Verhältnissen und Wandlungen der rein soziologischen Struktur ist, die die
letzte historische Instanz bildet und alle andern Lebensinhalte freilich in einem
gewissen Parallelismus mit dem wirtschaftlichen gestalten muß. —
Von diesen Erwägungen aus öffnet sich, über den bloßen Begriff der
Methode hinaus, der Blick auf den ersten prinzipiellen Problemkreis der
Soziologie. Aber wenn er auch fast das ganze Feld menschlicher Existenz
umfaßt, so verliert er dadurch nicht den Charakter jener immerhin einseitigen
Abstraktion, den keine Wissenschaft abstreifen kann. Denn so sozial bestimmt,
gleichsam von Gesellschaftlichkeit durchdrungen jeder Punkt der
wirtschaftlichen und geistigen, der politischen und rechtlichen, ja der religiösen
und allgemein kulturellen Sphäre sei, so verwebt sich doch diese Bestimmung an
einem jeden innerhalb des vollen Erlebens mit andern, die aus andern
Dimensionen stammen. Vor allem mit denen der reinen Sachlichkeit. Es ist
immer irgendein Sachgehalt, technischer oder dogmatischer, intellektueller oder
physiologischer Art, der die Entwicklung der sozialen Kräfte trägt und der durch
seinen eigenen Charakter, seine Gesetze und seine Logik diese Entwicklung in
bestimmten Richtungen und Schranken hält. Jede gesellschaftliche Arbeit, die
sich an irgendeiner Materie vollzieht, muß sich deren Naturgesetzlichkeit fügen,
jede intellektuelle Leistung bindet sich, mit welchen Schwankungen auch immer,
an Denkgesetze und Verhalten von Objekten, jede Reihe von Schöpfungen auf
künstlerischem oder politischem, rechtlichem oder medizinischem,
philosophischem oder überhaupt erfinderischem Gebiet hält eine gewisse
Ordnung ein, die uns aus den sachlichen Verhältnissen ihrer Inhalte — Steigerung, Anknüpfung, Differenzierung, Kombination usw. — verständlich
wird. Hier ganz beliebige Schritte zu tun, beliebige Abstände zu überspringen,
beliebige Synthesen zu vollziehen vermag kein menschliches Wollen und
Können, sondern dieses folgt einer gewissen inneren Logik der Dinge selbst. So
könnte man die Kunstgeschichte als eine durchaus verständliche Entwicklung
aufbauen, indem man die Kunstwerke für sich allein und gänzlich anonym in
ihrer Zeitordnung und stilistischen Evolution vorführte, entsprechend die
Rechtsentwicklung als das Nacheinander der Institutionen und Gesetze, die
wissenschaftliche Produktion durch die bloße Aufreihung, eine historische oder
eine systematische, der in ihr gewonnenen Resultate usw. Und hier ebenso, wie
wenn man ein Lied auf seinen musikalischen Wert, eine physikalische Theorie
auf ihre Wahrheit, eine Maschine auf ihre Zweckmäßigkeit hin ansieht, zeigt es
sich, daß jeder menschliche Lebensinhalt, auch wenn er nur innerhalb der
Bedingtheit und durch die Dynamik des gesellschaftlichen Lebens realisiert
wird, eine von diesem ganz unabhängige Betrachtungsweise gestattet. Innerhalb
der Reihe der Sachen selbst und gemessen an ihrer eigenen Idee haben sie einen
Sinn, ein Gesetz, ein Wertmaß, das jenseits des sozialen wie des individuellen
Lebens steht und eine eigene Feststellung, ein eigenes Verständnis ermöglicht.
Der vollen Wirklichkeit gegenüber ist freilich auch dies eine Abstraktion, da
kein Sachgehalt sich durch seine eigene Logik verwirklicht, sondern es nur
durch die geschichtlichen und seelischen Kräfte vermag; was dasteht, ist eine
dem Erkennen unmittelbar gar nicht erfaßbare Einheit, und was wir Sachgehalt
nennen, ist eine Aufnahme von einer einseitigen Kategorie her.
Unter der Leitung einer entsprechenden erscheint die Menschheitsgeschichte
als Verhalten und Erzeugnis von I n d i v i d u e n . Wie man das Kunstwerk auf seine
rein artistische Bedeutung hin ansehen und in die objektive Reihe der
Kunsterzeugnisse überhaupt einstellen kann, als wäre es „vom Himmel gefallen“
— so mag man es auch aus der Persönlichkeit und der Entwicklung, aus dem
Erlebnis und den Tendenzen seines Schöpfers heraus begreifen, als einen
Pulsschlag oder ein unmittelbares Ergebnis des individuellen Lebens, aus dessen
Kontinuität es sich, in dieser Richtung gesehen, überhaupt nicht herauslöst.
Gewisse Kulturtatsachen mögen sich dieser Blickeinstellung leichter als andere
bieten, vor allem die Kunst und alles, woran der Hauch des Schöpfertums noch
fühlbar ist; prinzipiell aber ist dies Getragensein von dem tätigen und
aufnehmenden, dem typischen oder einzigartigen Subjekt eine der
Möglichkeiten, jene Einheit alles menschlichen Erzeugens in die
Verständlichkeit zu übersetzen, es erscheint als eines der Momente, die in jedem
mitwirken und nach deren Gesetz sich gleichsam eine Ebene bilden läßt, auf die man das Ganze projizieren kann.
Der Zweck dieser Ausführungen liegt in der Erkenntnis, daß neben dem
gesellschaftlichen Leben als begründender Kraft und umfassender Formel des
menschheitlichen Lebens auch noch Herleitung und Deutung des letzteren aus
dem sachlichen Sinn seiner Inhalte und auch noch aus dem Wesen und der
Produktivität der Individuen als solcher besteht — vielleicht auch noch aus
anderen, bisher nicht entschieden herausgearbeiteten Kategorien. Diese
Zerlegungen und Konstruktionsarten unseres unmittelbaren, als Einheit von all
diesem empfundenen Lebens und Schaffens, liegen in der gleichen Schicht und
haben das gleiche Recht. Infolgedessen — und darauf kommt es jetzt an — kann
eine einzelne von ihnen nicht beanspruchen, uns den alleinigen und allein
ausreichenden Weg der Erkenntnis zu führen, also auch nicht die, die von der
gesellschaftlichen Form unseres Daseins bestimmt ist. Auch sie ist nur eine
einseitige, die andern ergänzend und von ihnen ergänzt. Aber freilich, unter
diesem Vorbehalt kann sie prinzipiell der Ganzheit menschlicher Existenz eine
Erkenntnismöglichkeit gewähren. Die Tatsachen der Politik wie der Religion,
der Wirtschaft wie des Rechts, der Kulturstile als ganzer und der Sprache und
unzählige andere können danach befragt werden, wie sie, jenseits individuell
verantwortlicher Leistungen wie objektiv-sachlicher Bedeutung, als Leistungen
des Subjekts Gesellschaft begreiflich, als Entwicklungen dieses Subjekts
darstellbar sind; und es machte den Erkenntniswert davon keineswegs
illusorisch, wenn über das Wesen dieses Subjekts auch keine völlig erschöpfende
und völlig unstrittige Definition bestünde. Es ist nun einmal eine
Eigentümlichkeit unseres Geistes, daß er auf begrifflich noch unsicheren
Fundamenten doch ein sicheres Gebäude aufführen kann: physikalische und
chemische Feststellungen leiden nicht unter der Dunkelheit und Problematik des
Begriffes der Materie, rechtliche nicht unter dem Streit über das Wesen des
Rechts und seiner ersten Grundsätze, psychologische nicht darunter, daß das
„Wesen der Seele“ uns durchaus fragwürdig ist. Wenn demnach die
„soziologische Methode“ angewendet wird, um den Verfall des Römerreiches
oder das Verhältnis von Religion und Wirtschaft bei den großen Kulturvölkern,
um die Entstehung des deutschen Nationalstaatsgedankens oder die Herrschaft
des Barockstils zu entwickeln, d. h. wenn solche Geschehnisse oder Zustände als
Summierungen ununterscheidbarer Beiträge, als Ergebnisse der Wechselwirkung
von Individuen, als Lebensstadien überindividueller Gruppeneinheiten
erscheinen — so mag man diese nach soziologischer Methode geführten
Untersuchungen als Soziologie bezeichnen.
Allein aus ihnen erhebt sich, durch eine weitere Abstraktion, die man wohl als Ergebnis einer höchst differenzierten Wissenschaftskultur charakterisieren
kann, eine Problemgruppe von im engeren Sinne soziologischer Natur. Wenn
nämlich alle möglichen Tatsächlichkeiten des Lebens daraufhin betrachtet
werden, daß sie sich innerhalb einer gesellschaftlichen Gruppe und durch sie
vollziehen, so muß es Gemeinsamkeiten ihres Vollzuges geben (wenn auch,
gemäß den verschiedenen Umständen, nicht allenthalben die gleichen),
Charakterzüge, die daraufhin und nur daraufhin hervortreten, daß sich das
gesellschaftliche Leben als Ursprung oder Subjekt jener Ereignisse zeigt. Dahin
gehören Fragen wie die: ob sich etwa in den geschichtlichen Entwicklungen der
allerverschiedensten Art, die sich nur in ihrem Getragensein durch je eine
Gruppe begegnen, ein gemeinsames Gesetz finden läßt, ein nur auf diese
Tatsache zurückführbarer Rhythmus? So hat man z. B. behauptet, alle
historischen Evolutionen realisierten sich, auf ihrer ersten Stufe, in einer
ungeschiedenen Einheit vielfacher Elemente, führten auf der zweiten zu einer
differenzierten Verselbständigung dieser, nun gegeneinander entfremdeten, und
zeigten auf der dritten eine neue Einheit, die aber jetzt in dem harmonischen
Ineinandergreifen der in ihrer Besonderheit erhaltenen Elemente bestünde;
kürzer: der Weg aller voll ausgelebten Entwicklungen ginge von der
undifferenzierten Einheit über die differenzierte Mannigfaltigkeit zu der
differenzierten Einheit. Oder, man erblickt in allem historischen Leben einen von
organischer Gemeinsamkeit zu mechanischem Nebeneinander fortschreitenden
Prozeß; Besitz, Arbeiten, Interessen erwüchsen zunächst in der Solidarität der
Individuen, die das Gruppenleben tragen, verteilten sich dann aber auf
egoistische Personen, von denen jede nur das Ihre suche und sich nur aus dieser
Gesinnung heraus mit anderen verbinde; jenes erste sei die Darstellung eines
unbewußten, nur im Gefühl offenbarten Willens unseres tiefsten Wesens,
während das andere ein Produkt der Willkür und des berechnenden Verstandes
sei. Oder: man glaubte eine feste Beziehung zwischen der geistigen
Weltanschauung jeder bestimmten Epoche und ihrem sozialen Zustande
festzustellen, indem beides gewissermaßen nur zwei Äußerungen der
biologischen Entwicklung seien. Die menschliche Erkenntnis durchlaufe im
großen drei Stadien: das theologische, das die Naturerscheinungen aus der
Willkür irgendwelcher Wesen erklärt, das metaphysische, in dem die
übernatürlichen Ursachen zwar durch gesetzmäßige ersetzt werden, aber durch
mystische und spekulative wie die „Lebenskraft“, die „Naturzwecke“ usw.,
endlich das positive, das die heutige experimentelle und exakte Wissenschaft
darstellt. Durch diese Stadien entwickle sich jeder Wissenszweig hindurch, und
die Beobachtung hiervon enträtsle uns also die in alle möglichen Gebiete sich
verzweigende soziale Entwicklung.
Ferner reihen sich in diese Kategorie Fragen ein wie die nach den
Bedingungen der Macht von Gruppen, in ihrem Unterschied gegen die der
Macht von Individuen. Die Bedingungen der letzteren sind unmittelbarer
anschaulich: Intelligenz, Energie, geeigneter Wechsel von Konsequenz und
Biegsamkeit — obgleich auch gewisse noch dunkle Kräfte bestehen müssen, die
die historische Mächtigkeit von Erscheinungen wie Jesus auf der einen,
Napoleon auf der andern Seite eigentlich begründen, und die durch
Benennungen wie Suggestionskraft, Prestige usw. keineswegs geklärt sind. In
den Machtübungen der Gruppen, sowohl ihren Individuen wie andern Gruppen
gegenüber, wirken außer solchen noch andere Energien: Fähigkeit zu straffer
Konzentration ebenso wie zur Auflösung in individuelle Sonderbetätigungen,
bewußter Glaube an führende Geister wie dumpfe Expansionstriebe, parallele
Egoismen der Einzelnen wie aufopfernde Hingabe an das Ganze, fanatischer
Dogmatismus wie überallhin prüfende geistige Freiheit. Alles dies wirkt nicht
nur zu dem Aufstieg — und, negativ gewendet, zum Verfall — politischer
Volkseinheiten, sondern aller möglichen wirtschaftlichen und religiösen,
parteimäßigen und familiären Gruppierungen; aber immer geht die Frage hier
nicht auf das Zustandekommen der Vergesellschaftung als solcher, sondern auf
die induktiv festzustellenden Schicksale von Gesellschaft, als eines schon
zustande gekommenen Subjekts.
Eine andere Frage, die sich gegenüber allen soziologisch betrachteten
Zuständen und Ereignissen erhebt, ist die: Wie denn das kollektive Verhalten,
Handeln, Gedankenbilden dem W e r t e nach zu den entsprechenden, aus
Individuen unmittelbar hervorgehenden Äußerungen stehe? Welche
Unterschiede des Niveaus, an irgendwie idealen Maßstäben gemessen, zwischen
den sozialen Erscheinungen und den individuellen bestehen? So wenig wie für
die vorige Frage wird für diese die innere, grundlegende Struktur der
Gesellschaft zum Problem; vielmehr diese Struktur wird schon vorausgesetzt,
die Lebenstatsachen werden von ihr aus betrachtet, und die Frage ist: Welche
allgemeinen Züge treten an diesen Tatsachen hervor, wenn sie in diese
Blickrichtung eingestellt sind? Das zweite Kapitel der vorliegenden Blätter wird
die Untersuchung auf das Niveauproblem, als auf ein Beispiel dieses
soziologischen Typs — man könnte ihn den der „allgemeinen Soziologie“
nennen — wenden.
Die wissenschaftliche Abstraktion legt noch von einer anderen Richtung her
eine Linie durch die volle Konkretheit der gesellschaftlichen Erscheinungen,
alles das verbindend, was in einem gleich zu erörternden, mir eigentlich als ganz
entscheidend erscheinenden Sinne „soziologisch“ ist, und dies zu der Einheit einer Erkenntnisweise bringend — obgleich es in der Wirklichkeit in dieser
Isoliertheit und Wiederzusammenfügung nicht besteht, sondern aus der
Lebenseinheit eben dieser Wirklichkeit durch einen herzugebrachten Begriff
herausabstrahiert ist. All jene gesellschaftlichen Tatsachen sind doch, wie schon
erwähnt wurde, nicht n u r gesellschaftliche, es ist immer ein Sachgehalt
sinnlicher oder geistiger, technischer oder physiologischer Art, der
gesellschaftlich getragen oder produziert oder fortgepflanzt wird und so das
Gesamtgebilde des sozialen Lebens ergibt. Aber diese gesellschaftliche Formung
solcher Inhalte muß doch auch für sich in einer arbeitsteiligen Wissenschaft
erforschbar sein, gerade wie die geometrische Abstraktion die bloßen
Raumformen der Körper erforscht, die doch nur als Formen materieller Inhalte
empirisch vorliegen. Kann man sagen, Gesellschaft sei Wechselwirkung unter
Individuen, so wäre: die Formen dieser Wechselwirkung zu beschreiben,
Aufgabe der Gesellschaftswissenschaft im engsten und eigentlichsten Sinne der
„Gesellschaft“. War der erste Problemkreis erfüllt von dem ganzen
geschichtlichen Leben, soweit es gesellschaftlich geformt ist, immer aber diese
Gesellschaftlichkeit als Ganzes umgreifend, so dieser zweite von den Formen
selbst, die aus der bloßen Summe lebender Menschen Gesellschaft und
Gesellschaften machen. Diese Forschung — man könnte sie die „reine
Soziologie“ nennen — zieht aus den Erscheinungen das Moment der
Vergesellschaftung, induktiv und psychologisch von der Mannigfaltigkeit ihrer
Inhalte und Zwecke, die für sich noch nicht gesellschaftlich sind, gelöst, wie die
Grammatik die reinen Formen der Sprache von den Inhalten sondert, an denen
diese Formen lebendig sind. Tatsächlich finden wir an gesellschaftlichen
Gruppen, welche ihren Zwecken und ihrer ganzen Bedeutung nach die denkbar
verschiedensten sind, die gleichen formalen Verhaltungsweisen der Individuen
zueinander. Über- und Unterordnung, Konkurrenz, Nachahmung, Arbeitsteilung,
Parteibildung, Vertretung, Gleichzeitigkeit des Zusammenschlusses nach innen
und des Abschlusses nach außen und unzähliges Ähnliches findet sich an einer
staatlichen Gesellschaft wie an einer Religionsgemeinde, an einer
Verschwörerbande wie an einer Wirtschaftsgenossenschaft, an einer Kunstschule
wie an einer Familie. So mannigfaltig auch die Interessen sind, aus denen es
überhaupt zu diesen Vergesellschaftungen kommt — die Formen, in denen sie
sich vollziehen, können dennoch die gleichen sein. Und nun andrerseits: das
inhaltlich gleiche Interesse kann sich in sehr verschiedenartig geformten
Vergesellschaftungen darstellen, z. B. das wirtschaftliche Interesse realisiert sich
ebenso durch Konkurrenz wie durch planmäßige Organisation der Produzenten,
bald durch Abschluß gegen andere Wirtschaftsgruppen, bald durch Anschluß an
sie; die religiösen Lebensinhalte fordern, inhaltlich die identischen bleibend, einmal eine freiheitliche, ein andermal eine zentralistische Gemeinschaftsform;
die Interessen, die den Beziehungen der Geschlechter zugrunde liegen,
befriedigen sich in der kaum übersehbaren Mannigfaltigkeit der Familienformen
usw.
Wie also die Form die identische sein kann, in der die divergentesten Inhalte
sich vollziehen, so kann umgekehrt auch der Stoff beharren, während das
Miteinander der Individuen, das ihn trägt, sich in einer Mannigfaltigkeit von
Formen bewegt; wodurch denn die Tatsachen, obgleich in ihrer Gegebenheit
Stoff und Form eine unlösbare Einheit des sozialen Lebens ausmachen, deren
Trennung zum Zweck des soziologischen Problems: der Feststellung,
systematischen Ordnung, psychologischen Begründung und historischen
Entwicklung der reinen Formen der Vergesellschaftung, legitimieren. Eine
Spezialwissenschaft ist die Soziologie hier nicht, wie bei der ersten
Problemgruppe, nach ihren Gegenständen, wohl aber nach ihrer eindeutig
umgrenzten Fragestellung gegenüber diesen Gegenständen. Das dritte Kapitel
dieser Skizze wird an der Erscheinung der „Geselligkeit“ einerseits ein einzelnes
Beispiel, andrerseits ein Symbol des Gesamtbildes dieser Art von Untersuchung
bieten[2].
Die Einstellungen gegenüber den gegebenen Tatsachen, die das jetzige
Stadium der Wissenschaft verlangt, machen zuletzt noch einen dritten Bezirk
von Fragen an die Tatsache Gesellschaft kenntlich. Insofern sie sich gleichsam
an deren obere und untere Grenze anschließen, sind sie freilich nur im weiteren
Sinne als soziologische zu bezeichnen, ihrem eigenen Charakter nach aber als
philosophische. Ihren I n h a l t nur bildet jene einfache Tatsache — wie die Natur
und die Kunst, aus denen wir u n m i t t e l b a r Naturwissenschaft und
Kunstwissenschaft entwickeln, doch auch die Gegenstände der Naturphilosophie
und Kunstphilosophie hergeben, deren Interessen und Methoden in einer andern
Schicht des Denkens liegen, derjenigen, wo jede tatsächliche Einzelheit nach
ihrer Bedeutung für die Ganzheit von Geist, Leben, Dasein überhaupt und nach
ihrer Legitimation von diesen Ganzheiten her befragt wird.
Wie also jede andere exakte, auf das unmittelbare Verständnis des
Gegebenen gerichtete Wissenschaft, ist auch die soziale von zwei
p h i l o s o p h i s c h e n Gebieten eingegrenzt. Das eine umfaßt die Bedingungen,
Grundbegriffe, Voraussetzungen der Einzelforschung, die in dieser selbst keine
Erledigung finden können, da sie ihr vielmehr schon zugrunde liegen; in dem
andern wird diese Einzelforschung zu Vollendungen und Zusammenhängen
geführt und mit Fragen und Begriffen in Beziehung gesetzt, die innerhalb der Erfahrung und des unmittelbar gegenständlichen Wissens keinen Platz haben.
Jenes ist die Erkenntnistheorie der fraglichen Einzelgebiete, dieses ihre
Metaphysik. Die Aufgaben der einzelnen Sozialwissenschaften: die Lehre von
der Wirtschaft und den Institutionen, die Geschichte der Sitten und die der
Parteien, die Bevölkerungstheorie und die Erörterung der beruflichen
Gliederung, könnten gar nicht behandelt werden, wenn nicht gewisse Begriffe,
Axiome, Verfahrungsweisen indiskutabel vorausgesetzt würden. Wenn wir nicht
ein Maß egoistischer Gewinn- und Genußsucht, aber auch eine Beschränkbarkeit
dieses Maßes durch Zwang, Sitte, Moral annähmen; wenn wir uns nicht das
Recht zusprächen, von den Stimmungen einer Masse als Einheit zu reden,
obgleich viele ihrer Elemente nur äußerlich mitmachen oder dissentieren; wenn
wir nicht die Entwicklung innerhalb einer Kulturprovinz daraufhin für begriffen
erklärten, daß wir sie als eine aufsteigende, einer psychologischen Logik
folgende, in uns nachbilden können — so würden wir unzählige Tatsachen gar
nicht zu einem sozialen Bilde formen können. In all diesem und sehr vielem
Ähnlichen liegen Verfahrungsweisen des Denkens vor, mit denen es an den
Rohstoff der einzelnen Geschehnisse herantritt, um aus ihm
sozialwissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen, wie das Denken die äußeren
Erscheinungen von gewissen Voraussetzungen über Raum, Stoff, Bewegung,
Zählbarkeit aus ergreift und ohne diese niemals aus jenen die Wissenschaft der
Physik zustande bringen könnte. Die einzelne soziale Wissenschaft pflegt mit
Recht diese Basis ihrer selbst fraglos hinzunehmen; ja, sie kann sie innerhalb
ihrer selbst gar nicht behandeln, weil sie ersichtlich alle übrigen
Sozialwissenschaften hinzunehmen müßte. Hier also tritt die Soziologie als die
Erkenntnistheorie der sozialen Sonderwissenschaften ein, als die Analyse und
Systematik der Grundlagen, die in diesen formend und normierend wirken.
Wie diese Fragestellungen unter die konkreten Erkenntnisse vom sozialen
Dasein hinuntergehen, so gehen andere über diese hinaus: sie versuchen durch
Hypothese und Spekulation den unvermeidlich fragmentarischen Charakter
dieser wie jeder Empirie zu einem geschlossenen Gesamtbilde zu ergänzen; sie
ordnen die chaotisch zufälligen Ereignisse in Reihen, die einer Idee folgen oder
einem Zweck zustreben; sie fragen, wo das gleichgültig-naturgesetzliche
Abrollen der Ereignisse einem S i n n der Einzelerscheinungen oder des Ganzen
Raum gäbe; sie behaupten oder sie bezweifeln — beides gleichmäßig einer
überempirischen Weltanschauung entspringend —, daß diesem ganzen Spiel der
gesellschaftlich-geschichtlichen Erscheinungen eine religiöse Bedeutung, eine
erkennbare oder zu ahnende Beziehung zu dem metaphysischen Grunde des
Seins einwohne. Im besonderen ergeben sich hier Fragen wie diese: Ist die Gesellschaft der Zweck der menschlichen Existenz oder ein Mittel für das
Individuum? Liegt der definitive Wert der sozialen Entwicklung in der
Ausbildung der Persönlichkeit oder in der der Assoziation? Ist Sinn und Zweck
überhaupt in den gesellschaftlichen Gebilden als solchen vorhanden oder
realisieren diese Begriffe sich nur an der Einzelseele? Zeigen die typischen
Entwicklungsstadien der Gesellschaften eine Analogie mit kosmischen
Evolutionen, so daß es eine allgemeine Formel oder Rhythmus von Entwicklung
überhaupt gäbe — z. B. den Wechsel von Differenzierung und Integrierung —,
der sich an den gesellschaftlichen wie an den materiellen Tatsachen gleichmäßig
offenbart? Werden die sozialen Bewegungen vom Prinzip der Kraftersparnis,
werden sie von materialistischen oder von ideologischen Motiven gelenkt?
Dieser Typus von Fragen ist ersichtlich nicht auf dem Wege der
Tatsachenfeststellung beantwortbar; vielmehr handelt es sich um die D e u t u n g
festgestellter Tatsachen und darum, das Relative und Problematische der bloßen
sozialen Wirklichkeit zu einer Gesamtanschauung zu führen, die mit der Empirie
nicht konkurriert, weil sie ganz andern Bedürfnissen als diese dient.
Es liegt auf der Hand, daß die Problembehandlung auf diesem Gebiet von
der Verschiedenheit der Weltanschauungen, von individuellen und parteimäßigen
Wertschätzungen, von letzten, unbegründbaren Überzeugungen mehr abhängig
ist, als innerhalb der beiden andern, von den Tatsächlichkeiten enger umgrenzten
Bezirke der Soziologie. Darum würde die Behandlung einer Einzelfrage als
Beispiel nicht die an dieser Stelle erforderte Objektivität zeigen können, nicht in
gleichem Maße wie bei den andern den ganzen Typus gültig veranschaulichen.
Es scheint mir deshalb rätlicher, im letzten Kapitel eine Linie hierher gehöriger
Theorien in derjenigen — von der allgemeinen Geistesgeschichte getragenen —
Entwicklung zu zeichnen, die sie, durch mannigfache Gegensätze hindurch,
innerhalb einer bestimmten Epoche gefunden hat.
[1] Ich entnehme die letzten Sätze, sowie noch einige andere meinem größeren Werke: Soziologie; Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung (1908),
das manche der auf diesen Blättern berührten Gedanken ausführlicher und namentlich mit breiterer Begründung auf geschichtliche Tatsachen behandelt.
[2] Ich darf wohl darauf hinweisen, daß mein bereits erwähntes Werk: Soziologie — die „Formen der Vergesellschaftung“ in der mir zur Zeit erreichbaren, wenngleich in
keiner Weise abschließenden Vollständigkeit darzustellen sucht.