Grundfragen der Soziologie
Zweites Kapitel. Das soziale und das individuelle Niveau.
Zweites Kapitel.
Das soziale und das individuelle Niveau.
(Beispiel der Allgemeinen Soziologie.)
Als in den letzten Jahrzehnten die Vergesellschaftung, das Leben der
Gruppen als Einheiten, zum Gegenstand eigentlich soziologischer Erörterung
wurde — also nicht das geschichtliche Schicksal oder die praktische Politik der
einzelnen, sondern dasjenige, was ihnen, eben weil sie „Gesellschaften“ sind,
gemeinsam ist — war es eine nächstliegende Frage, welche Wesenszüge dieses
Subjekt Gesellschaft überhaupt von denen des individuellen Lebens als solchen
unterschieden. In äußerlicher Hinsicht liegen die Differenzen auf der Hand, z. B.
die prinzipielle Unsterblichkeit der Gruppe gegenüber der Vergänglichkeit des
Einzelmenschen, die Möglichkeit der Gruppe, wichtigste Elemente in einem
Umfange auszuscheiden, ohne darüber zugrunde zu gehen, der entsprechend für
das Einzelleben Vernichtung bedeuten würde, und ähnliches. Jene auftauchenden
Fragen aber waren innerlicher, wenn man will: psychologischer Natur. Ob man
nun die jenseits ihrer Individuen stehende Einheit der Gruppe für eine Fiktion
oder eine Realität hält — um der Deutung der Tatsachen willen muß man sie so
behandeln, a l s o b sie ein Subjekt mit eigenem Leben, eigener Gesetzlichkeit,
eigenen Charakterzügen wäre. Und die Unterschiede eben dieser Bestimmungen
von denen der individuellen Existenz als solcher fordern ihre Verdeutlichung,
um das Recht der soziologischen Fragestellung zu begründen.
Hier hat man nun die Behauptung aufgestellt — von der aus sich viele Linien
zur Feststellung jener Differenzen ziehen lassen — daß die Handlungen von
Gesellschaften eine unvergleichlich größere Zweckmäßigkeit und Treffsicherheit
hätten, als die von Individuen. Der Einzelne werde von widersprechenden
Empfindungen, Antrieben und Gedanken hin und her gezogen, er wisse
zwischen den Möglichkeiten seines Verhaltens keineswegs immer mit
subjektiver Sicherheit, geschweige denn mit objektiver Richtigkeit zu entscheiden; die soziale Gruppe dagegen, auch wenn sie ihre Aktionsrichtungen
oft wechselte, wäre doch in jedem Augenblick für die jeweilige schwankungslos
entschlossen und ginge geradeswegs vorwärts, vor allem, sie wüßte stets, wen
sie für ihren Feind und wen für ihren Freund zu halten hätte. Zwischen Wollen
und Tun, Mitteln und Zwecken einer Allgemeinheit bestehe eine geringere
Diskrepanz als bei Individuen. In diesem Verhältnis also erschienen die letzteren
als „frei“, während die Handlungen einer Masse „naturgesetzlich“ bestimmt
seien. Und so bestreitbar diese Formulierung ist, so übersteigert sie doch nur
eine tatsächliche, höchst bemerkenswerte Differenz der beiden Erscheinungen.
Sie entsteht daraus, daß die Ziele des öffentlichen Geistes, einer Kollektivität
überhaupt, denjenigen entsprechen, die sich im Individuum als dessen
fundamental einfache und primitive darzubieten pflegen. Darüber kann nur die
Macht, die sie durch die Ausdehnung ihres Bereiches gewinnen, und die höchst
komplizierte Technik, mit der namentlich das moderne öffentliche Wesen jene
Ziele durch Verwendung individueller Intelligenzen realisiert, täuschen. In
demselben Maße, in dem der Einzelne in seinen primitivsten Zwecken
schwankungslos und irrtumslos ist, in eben dem Maße ist es die soziale Gruppe
überhaupt. Die Sicherung der Existenz, der Gewinn neuen Besitzes, die Lust an
der Behauptung und Erweiterung der eigenen Machtsphäre, der Schutz des
Erworbenen — dies sind grundlegende Triebe für den Einzelnen, in denen er
sich mit beliebig vielen andern zweckmäßigerweise zusammenschließen kann.
Weil der Einzelne in diesen prinzipiellen Strebungen nicht wählt noch schwankt,
kennt auch die soziale Strebung, die jene vereinigt, keine Wahl oder
Schwankung. Es kommt hinzu, daß, wie der Einzelne bei rein egoistischen
Handlungen klar bestimmt und zielsicher handelt, die Masse es bei allen ihren
Zielsetzungen tut; sie kennt nicht den Dualismus zwischen selbstischen und
selbstlosen Trieben, in dem das Individuum oft ratlos steht und der es so vielfach
zwischen beiden hindurch ins Leere greifen läßt. Zutreffend hat man das Recht,
also die erste und wesentliche Lebensbedingung großer wie kleiner
Gesamtheiten, als das „ethische Minimum“ bezeichnet. Die Normen, die für den
Bestand des Ganzen, wenn auch nur notdürftig, ausreichen, sind demnach für
das Individuum gerade nur das Minimum, mit dem es äußerlich als soziales
Wesen existieren kann; hielte es nur sie ein, bände es sich nicht darüber hinaus
an eine große Anzahl weiterer Gesetze, so würde es eine ethische Abnormität,
eine ganz unmögliche Existenz sein.
Hiermit ist ein Niveauunterschied zwischen der Masse und dem Einzelnen
angedeutet, der nur dadurch entstehen und begriffen werden kann, daß in dem
Einzelnen selbst die Qualitäten und Verhaltungsweisen, mit denen er „Masse bildet“ und die er in den Gesamtgeist hineingibt, sich von den andern sondern
lassen, die gleichsam sein Privateigentum ausmachen und mit denen er sich als
Individuum von dem Bezirk des mit allen Geteilten abscheidet. Jener erstere Teil
seines Wesens aber kann ersichtlich nur aus den primitiveren, im Sinne der
Feinheit und Geistigkeit niedrigeren Wesenselementen gebildet werden. Und
zwar zunächst darum, weil nur diese mit relativer Sicherheit in einem jeden
vorhanden sind. Wenn nämlich die Organismenwelt eine allmähliche
Entwicklung durch die niedrigsten Formen hindurch zu den höheren
durchmacht, so sind die niedrigeren und primitiveren Eigenschaften jedenfalls
die älteren; sind es aber die älteren, so sind es auch die verbreiteteren, weil die
Gattungserbschaft um so sicherer jedem Individuum überliefert wird, je länger
sie sich schon erhalten und gefestigt hat. Kürzlich erworbene Organe, wie die
höheren und komplizierteren es in höherem Grade sind, erscheinen stets
variabler, und man kann nicht mit Bestimmtheit sagen, daß jedes Exemplar der
Gattung schon an ihnen teilhaben wird. Das Alter der Vererbung einer
Eigenschaft ist das Band, das zwischen der Niedrigkeit und der Verbreitung
derselben eine reale Beziehung knüpft. Aber es steht nicht nur die Vererbung im
rein biologischen Sinne in Frage. Auch die in Worten und Erkenntnissen, in
Gefühlsrichtungen und Willens- und Urteilsnormen objektiv gewordenen
geistigen Elemente, die als Traditionen, bewußte und unbewußte, in die
Einzelnen eingehen, tun das um so sicherer, um so allgemeiner, je fester und
selbstverständlicher sie in die Geistigkeit einer sich zeitlich entwickelnden
Gesellschaft eingewachsen sind, d. h. je älter sie sind. In demselben Maße aber
sind sie auch unkomplizierter, gewissermaßen grobkörniger, den unmittelbaren
Äußerungen und Notwendigkeiten des Lebens näherliegend. Sobald seelische
Inhalte in das Verfeinerte, Differenzierte aufsteigen, sinkt die
Wahrscheinlichkeit, daß sie sich in jedermanns Besitz finden, und rücken sie in
das andere Gebiet: das — mehr oder weniger — individuelle, dasjenige, das der
Einzelne nur zufällig noch mit andern teilt. Wir verstehen aus diesem
Grundverhältnis das die ganze Kulturgeschichte durchziehende Phänomen: daß
einerseits das Alte als solches eine besondere Schätzung genießt, andrerseits
aber gerade das Neue und Seltene als solches. Über das erstere bedarf es nicht
vieler Worte. Vielleicht indes verdankt das von jeher Bestehende und
Überlieferte seine Schätzung nicht nur der Patina des Alters und ihrem mystisch-
romantischen Reize, sondern gerade dem hier betonten Umstande, daß es
zugleich das am allgemeinsten Verbreitete, am sichersten in jedem Individuum
Wurzelnde ist; innerhalb eines jeden wohnt es in oder nahe der Schicht, in der
die instinktiven, unbeweisbaren und unwiderleglichen Wertungen entstehen.
Wenn im frühen Mittelalter über einen vor Gericht strittigen Gegenstand zwei einander widersprechende Königsurkunden vorgezeigt wurden und allgemein
dann die ältere Kraft haben sollte, so wirkte dabei wohl weniger die
Überzeugung von der größeren Gerechtigkeit der älteren, als das Gefühl, daß sie
durch ihr längeres Bestehen die Bestimmung, was denn gerecht sei, in einem
weiteren Bezirk verbreitet und gefestigt hat, als die jüngere es schon vermochte;
sie wird höher geschätzt, weil dieses längere Bestehen die reale Ursache davon
ist, daß sie dem Gerechtigkeitsgefühl der Majorität entspricht. Nimmt man aber
überhaupt an — was man trotz aller zuzugebenden Ausnahmen doch wohl muß
— daß das Ältere auch das Einfachere und Unspezialisiertere, weniger
Gegliederte ist, so ist es eben nicht nur um dieser Beschaffenheit willen der
größeren Allgemeinheit zugänglich, sondern es ist dies auch schon, bloß weil es
das Ältere ist, also das jedem Einzelnen mit größerer Sicherheit äußerlich und
innerlich Überlieferte und deshalb ein selbstverständlicher Berechtigtes und
Werttragendes.
Aber die gleiche Voraussetzung macht auch die umgekehrte Schätzung
verständlich. Lessings Ausspruch: „Die ersten Gedanken sind jedermanns
Gedanken“ bedeutet nichts anderes, als daß die instinktiv, d. h. aus den
gesichertsten — weil am längsten in uns lebenden — Schichten aufsteigenden
Gedanken die sind, die eben darum in der größten Allgemeinheit verbreitet sind.
Und dies begründet seinen abschätzigen Ton solchen Gedanken gegenüber,
jenseits deren ihm offenbar erst die wertvolleren beginnen, in denen
Individualität und Neuheit sich in untrennbarer Wechselwirkung zeigen. In
Indien finden wir die soziale Stufenordnung der Gewerbe von ihrem Alter
abhängig: die jüngeren sind in der Regel die höher geachteten — doch wohl aus
dem Grunde, daß sie die komplizierteren, feineren, diffizileren und deshalb nur
der individuellen Begabung zugängigeren sein müssen. Der Grund für die
Schätzung des Neuen und Seltenen liegt in der „Unterschiedsempfindlichkeit“
unserer seelischen Verfassung. Was unser Bewußtsein auf sich ziehen, unser
Interesse erregen, unsere innere Bewegtheit steigern soll, muß sich irgendwie
von dem Selbstverständlichen, Alltäglichen, in uns und außer uns Gewohnten
abheben. Vor allem wird die praktische Bedeutung der Menschen füreinander
durch Gleichheit und Verschiedenheit bestimmt. Die Gleichheit mit andern ist
zwar als Tatsache wie als Tendenz von nicht geringerer Wichtigkeit als die
Unterscheidung gegen sie, und beide sind in den mannigfaltigsten Formen die
großen Prinzipien für alle äußere und innere Entwicklung, so daß die
Kulturgeschichte der Menschheit schlechthin als die Geschichte des Kampfes
und der Versöhnungsversuche zwischen ihnen aufgefaßt werden kann; allein für
das Handeln innerhalb der Verhältnisse des Einzelnen ist doch der Unterschied gegen die Andern von weit größerem Interesse als die Gleichheit mit ihnen. Die
Differenzierung gegen andere Wesen ist es, was unsere Tätigkeit großenteils
herausfordert und bestimmt; auf die Beobachtung ihrer Verschiedenheiten sind
wir angewiesen, wenn wir sie benutzen und die richtige Stellung unter ihnen
einnehmen wollen. Der Gegenstand des praktischen Interesses ist das, was uns
ihnen gegenüber Vorteil oder Nachteil verschafft, aber nicht das, worin wir mit
ihnen übereinstimmen, das vielmehr die selbstverständliche Grundlage
vorschreitenden Handelns bildet. Darwin erzählt, er habe bei seinem vielfachen
Verkehr mit Tierzüchtern nie einen getroffen, der an die gemeinsame
Abstammung der Arten geglaubt habe; das Interesse an derjenigen Abweichung,
die die von ihm gezüchtete Spielart charakterisiere und ihr den praktischen Wert
für ihn verleihe, fülle das Bewußtsein so aus, daß für die Gleichheit in allen
Hauptsachen mit den übrigen Rassen oder Gattungen kein Raum darin mehr
vorhanden sei. Dieses Interesse an der Differenziertheit des Besitzes erstreckt
sich begreiflich auch auf alle andern Beziehungen des Ich. Man wird im
allgemeinen sagen können, daß bei objektiv gleicher Wichtigkeit der Gleichheit
mit einer Allgemeinheit und der Individualisierung ihr gegenüber für den
subjektiven Geist die erstere mehr in der Form der Unbewußtheit, die letztere
mehr in der der Bewußtheit existieren wird. Die organische Zweckmäßigkeit
spart das Bewußtsein in jenem Falle, weil es in diesem für die praktischen
Lebenszwecke nötiger ist. Das Interesse an der Differenziertheit ist sogar groß
genug, um sie praktisch auch da zu erzeugen, wo eigentlich kein sachlicher
Grund dazu vorliegt. So bemerkt man, daß Vereinigungen — von
gesetzgebenden Körperschaften bis zu Vergnügungskomitees — die durchaus
einheitliche Gesichtspunkte und Ziele haben, nach einiger Zeit in Parteien
auseinandergehen, die sich zueinander verhalten, wie die ganze sie
einschließende Vereinigung etwa zu einer von radikal andern Tendenzen
bewegten. Es ist, als ob jeder Einzelne seine Bedeutung so sehr nur im
Gegensatz gegen andere fühlte, daß dieser Gegensatz künstlich geschaffen wird,
wo er von vornherein nicht da ist, ja wo die ganze Gemeinsamkeit, innerhalb
deren nun der Gegensatz gesucht wird, auf Einheitlichkeit andern Gegensätzen
gegenüber gegründet ist.
Daß das Neue, Seltene oder Individuelle (ersichtlich sind dies nur drei
verschiedene Seiten eben desselben Grundphänomens) als das wertmäßig
Erlesene gilt, wie es die Kultur- und Sozialgeschichte in unzähligen
Wiederholungen zeigt, soll hier nur sein Gegenstück beleuchten: daß die
Eigenschaften und Verhaltungsweisen, mit denen der Einzelne, weil er sie mit
den andern teilt, Masse bildet, als die wertmäßig niedrigeren auftreten. Hier liegt das vor, was man die soziologische Tragik schlechthin nennen könnte. Der
Einzelne mag noch so feine, hochentwickelte, durchgebildete Qualitäten besitzen
— gerade je mehr das der Fall ist, desto unwahrscheinlicher wird die Gleichheit
und also die Einheitsbildung gerade dieser mit den Qualitäten anderer, desto
mehr strecken sie sich nach der Dimension der Unvergleichbarkeit hin, auf desto
niedrigere, primitiv sinnlichere Schichten reduziert sich das, worin er sich mit
Sicherheit den andern angleichen und mit ihnen eine einheitlich charakterisierte
Masse formen kann. So konnte es geschehen, daß von dem „Volk“, der „Masse“
mit Verachtung gesprochen wurde, ohne daß doch die Einzelnen sich dadurch
getroffen zu fühlen brauchten, weil tatsächlich kein Einzelner damit gemeint
war: sowie man den Einzelnen als solchen und als ganzen ansieht, so besitzt er
sehr viel höhere Qualitäten jenseits derer, die er in die Kollektiveinheit
hineingibt. Dieses Verhältnis ist von Schiller klassisch formuliert worden:
„Jeder, sieht man ihn einzeln, ist leidlich klug und verständig. Sind sie in
corpore, gleich wird euch ein Dummkopf daraus.“ Unter stärkerer Betonung des
Momentes der Individualitäten, die, nach ganz verschiedenen Seiten
auseinandergehend, eben nur die niedrigst gelegenen Abschnitte der
Persönlichkeiten als ihren Treffpunkt übriglassen, hat Heine das Verhältnis
ausgesprochen: „Selten habt ihr mich verstanden, Selten auch verstand ich euch.
Nur wenn wir im Kot uns fanden, Dann verstanden wir uns gleich.“ Diese
Niveaudifferenz zwischen dem Subjekt Individuum und dem Subjekt Masse
erstreckt sich durch die gesellschaftliche Existenz so weit hin und so folgenreich,
daß es lohnt, noch einige Äußerungen gerade solcher Persönlichkeiten
heranzuziehen, deren historische Stellungen, sonst äußerst verschieden, ihnen
allen besonders reiche Erfahrungen überprivater Verhältnisse zubrachten. Solon
soll ausgesprochen haben: jeder seiner Athener sei ein schlauer Fuchs, wenn er
sie aber auf der Pnyx zusammenhabe, sei es eine Herde Schafe. Der Kardinal
Retz bemerkt in seinen Memoiren, wo er das Verfahren des Pariser Parlaments
zur Zeit der Fronde beschreibt, daß zahlreiche Körperschaften, wenn sie auch
noch so viel hochstehende und gebildete Personen einschließen, doch bei
gemeinschaftlichem Beraten und Vorgehen immer wie der Pöbel handeln, d. h.
durch solche Vorstellungen und Leidenschaften wie das gemeine Volk regiert
werden. Ganz ähnlich wie Solon äußert sich Friedrich der Große, seine Generale
seien die vernünftigsten Leute, wenn er mit jedem allein spräche, versammle er
sie aber zu einem Kriegsrat, so seien sie Schafsköpfe. Das Entsprechende meint
offenbar der englische Historiker Freeman mit der Bemerkung, das Unterhaus
sei zwar hinsichtlich des Ranges der zusammensetzenden Persönlichkeiten eine
aristokratische Körperschaft, sei es aber versammelt, so benehme es sich
gänzlich wie ein Demokratenhaufe. Der beste Kenner der englischen Gewerkvereine hat festgestellt, daß deren Massenversammlungen oft die
törichtesten und verderblichsten Beschlüsse fassen, so daß die meisten Vereine
sie zugunsten von Delegiertenversammlungen aufgegeben haben. Das bestätigen
Beobachtungen, die, inhaltlich unbedeutend, nicht nur durch ihre
Massenhaftigkeit soziologisch wichtig werden, sondern auch weil sie immerhin
Symbole auch historisch wichtigster Zustände und Geschehnisse sind. So
können Essen und Trinken, die ältesten und in geistiger Hinsicht wesenlosesten
Funktionen, das Vereinigungsmittel, oft das einzige, höchst heterogener
Personen und Kreise bilden; so zeigen selbst gebildete Herrengesellschaften die
Tendenz, sich in der Erzählung niedriger Zoten zu ergehen; so wird die
ungemessenste Fröhlichkeit und das reserveloseste Vereinigtheitsgefühl in
jüngeren Kreisen immer durch solche Gesellschaftsspiele erreicht, die den
primitivsten und geistig anspruchslosesten Charakter tragen. Darum verdirbt die
Notwendigkeit, es größeren Massen zu Dank zu machen, überhaupt sich ihnen
dauernd zu exponieren, so leicht den Charakter: sie biegt das Individuum von
seiner individuellen Ausbildungshöhe zu dem Punkt herunter, auf dem es sich
allen, d. h. jedem beliebigen, zuordnet. Wenn man es am Journalisten, am
Schauspieler, am Demagogen bedenklich findet, daß sie „die Gunst der Masse
suchen“, so wäre das noch nicht ohne weiteres ein berechtigter Vorwurf, wenn
diese Masse aus der Summe der ganzen personalen Existenzen bestünde, die zu
verachten durchaus kein Grund vorliegt. Aber tatsächlich ist sie gar nicht dies,
sondern ein neues Gebilde, das sich nicht aus den jeweils vollständigen
Individualitäten ihrer Teilnehmer, sondern aus denjenigen Wesensteilen eines
jeden herstellt, in denen er mit andern koinzidiert und die also keine andern als
die primitivsten, in der organischen Entwicklung zuunterst stehenden sein
können. D i e s e r Masse und dem Niveau, das jedem ihrer Elemente zugängig
sein muß, dienen jene geistig und ethisch gefährdeten Persönlichkeiten, nicht
aber jedem ihrer Elemente für sich. Es ist klar, daß bei diesem Niveau all die
Verhaltungsweisen ausgeschaltet sind, die eine Mehrheit nebeneinander
wirksamer Vorstellungsreihen voraussetzen. Alle Handlungen von Massen
vermeiden deshalb die Umwege, sie gehen, erfolgreich oder nicht, in der
kürzesten Linie auf ihre Ziele los und werden jeweils von e i n e r Idee, und zwar
einer möglichst einfachen, beherrscht: die Wahrscheinlichkeit ist zu gering, daß
jedes Mitglied einer größeren Masse einen mannigfaltigeren, und zwar den
identischen, Gedankenkomplex in Bewußtsein und Überzeugung trägt. Da nun
aber angesichts der Kompliziertheit unserer Verhältnisse jede einfache Idee eine
radikale, vielerlei andere Ansprüche negierende sein muß, so begreifen wir
daraus die Macht der radikalen Parteien in Zeiten, wo die großen Massen in
Bewegung gesetzt sind, und die Schwäche der vermittelnden, für beide Seiten des Gegensatzes Recht fordernden. Außerordentlich charakteristisch für den
Unterschied des griechischen und des römischen Naturells ist es, daß die
griechischen Stadtbürger als einheitliche Masse unter dem unmittelbaren
Eindruck des Redners abstimmten, die Römer aber nach festen, gewissermaßen
als Individuen auftretenden Gruppen: centuriatim, tributim usw. Daher die
verhältnismäßige Ruhe und Verständigkeit der römischen Beschlüsse und die
häufige Maß- und Besinnungslosigkeit der griechischen. Aus jener seelischen
Homophonie der Menge folgen aber auch gewisse negative Tugenden, deren
Gegenteil eine Mehrheit gleichzeitig bewußter Gedankenketten voraussetzt: die
Menge lügt nicht und heuchelt nicht. Freilich fehlt ihr aus der gleichen
seelischen Verfassung heraus im allgemeinen auch jedes Bewußtsein von
Verantwortung.
Nimmt man eine genetische und systematische Stufenfolge der seelischen
Äußerungen an, so wird man doch wohl das Gefühl (natürlich nicht a l l e
Gefühle) für die primäre, fundierend allgemeine, gegenüber dem Intellekt halten.
Lust und Schmerz sowie gewisse triebhafte Gefühle, die der Erhaltung des Ich
und der Gattung dienen, haben sich jedenfalls vor allem Verfahren mit Begriffen,
Urteilen und Schlüssen entwickelt. An der Ausbildung des Intellekts offenbart
sich deshalb vor allem jenes Zurückbleiben des sozialen hinter dem
individuellen Niveau, während sich innerhalb des Gefühlsbezirkes das Gegenteil
zeigen kann. Es ist gar kein Widerspruch gegen die angeführten Abschätzungen
des in corpore-Verhaltens, wenn Carl Maria von Weber über das große Publikum
sagt: „Der einzelne ist ein Esel und das Ganze ist doch Gottes Stimme.“ Denn
das ist die Erfahrung des Musikers, der das G e f ü h l der Masse anruft, nicht ihre
Intellektualität. Darum hat auch, wer auf die Massen wirken wollte, es jederzeit
durch Appell an ihre Gefühle, aber sehr selten durch noch so bündige
theoretische Darlegungen erreicht. Insbesondere gilt dies gegenüber räumlich
zusammenbefindlichen Massen. Hier besteht etwas, was man Kollektivnervosität
nennen könnte: eine Empfindlichkeit, eine Leidenschaft, eine Exzentrizität ist
großen Massen oft eigen, die sich vielleicht kaum an einem einzelnen ihrer
Mitglieder, wenn es in diesem Augenblick allein stünde, zeigen würde. Schon an
den herdenweise lebenden Tieren ist dies beobachtet: der leiseste Flügelschlag,
der kleinste Sprung eines einzelnen artet oft in einen panischen Schrecken der
ganzen Herde aus. Die oft ungeheure Wirkung flüchtiger Anregungen, die einer
Masse gegeben werden, das lawinenartige Anschwellen geringster Impulse von
Liebe und Haß, die sachlich oft ganz unbegreifliche Erregtheit einer Masse, in
der sie besinnungslos vom Gedanken zur Tat stürmt und die den Einzelnen ohne
weiteres mitreißt — dies geht doch wohl auf gegenseitige Beeinflussung durch schwer feststellbare Ausstrahlungen des Gefühls zurück, die, weil sie zwischen
jedem und jedem stattfinden, schließlich in jedem eine weder aus ihm selbst
noch aus der Sache erklärbare Erregtheit aufsummen. Es ist eine der
belehrendsten, rein soziologischen Erscheinungen: das Individuum fühlt sich
von der ihn umwogenden „Stimmung“ der Masse wie von einer äußeren Gewalt
hingenommen, gleichgültig gegen sein individuelles Sein und Wollen — und
dabei besteht doch diese Masse ausschließlich aus solchen Individuen, nichts als
deren reinste Wechselwirkung liegt vor und entfaltet eine Dynamik, die durch
ihre Größe als etwas Objektives erscheint und jedem seinen eigenen Beitrag
verbirgt; tatsächlich reißt er doch selbst mit, indem er mitgerissen wird. Eine
solche Höchststeigerung des Gefühls vermöge des bloßen Zusammenseins zeigt
wie in einem Schulbeispiel ein Bericht über die Quäker. Obgleich die
Innerlichkeit und der Subjektivismus ihres religiösen Prinzips eigentlich jeder
Gemeinsamkeit des Gottesdienstes widerstreitet, findet diese dennoch statt,
indessen oft so, daß sie stundenlang schweigend zusammensitzen; und nun
rechtfertigen sie diese Gemeinsamkeit dadurch, daß sie uns dienen könne, uns
dem Geiste Gottes näher zu bringen: da dies aber für sie nur in einer Inspiration
und nervösen Exaltation besteht, so muß offenbar das bloße, auch schweigende
Beieinandersein diese hervorrufen. Ein englischer Quäker am Ende des 17.
Jahrhunderts beschreibt ekstatische Erscheinungen, die an einem Mitglied der
Versammlung vorgehen, und fährt fort: in Kraft der Verbindung aller Glieder
einer Gemeinde zu e i n e m Leibe teile sich häufig ein solcher Zustand eines
einzelnen allen mit, so daß eine ergreifende fruchtbare Erscheinung zutage
gefördert werde, die schon viele dem Verein unwiderstehlich gewonnen habe.
Daß die Erhöhung der Emotionalität — als wäre die Zahl der einander sinnlich
Nahen gewissermaßen der Multiplikator der vom Individuum mitgebrachten
Gefühlspotenz — vor allem über die Intellektualität dieses Individuums
hinwegflutet, lehren unzählige Fälle. Hundertfach lachen wir alle im Theater
oder in Versammlungen über Witze, über die wir im Zimmer nur die Achseln
zucken würden, bei welchen beschämend harmlosen Scherzen verzeichnen
selbst die Parlamentsberichte: Heiterkeit! Und nicht nur die kritischen
Hemmungen des Verstandes, sondern auch die der Moral sind leicht in diesem
soziologischen Rauschzustand aufgehoben. Er allein erklärt die sogenannten
Massenverbrechen, an denen nachher jeder einzelne Teilnehmer sich für
unschuldig erklärt — mit gutem subjektiven Gewissen und auch nicht ohne
objektives Recht, da die Überbetontheit der Gefühlsschwingung jene bestimmte
und gewohnte Proportion der seelischen Kräfte zerstört, die der Träger der
einheitlich dauernden Persönlichkeit und damit der Verantwortlichkeit ist. Daß
eben diese Hingerissenheit einer Menge auch nach einer ethisch wertvollen Seite, einer edeln Begeisterung, einer unbegrenzten Opferwilligkeit hin gehen
kann, hebt die Verschobenheit und Unzurechnungsfähigkeit solchen Zustandes
nicht auf, sondern zeigt um so klarer, daß er uns jenseits der Wertnormen stellt,
zu denen das individuelle Bewußtsein sich, praktisch wirksam oder nicht, schon
emporentwickelt hatte.
Nach allem früher Gesagten kann man die Bildung eines sozialen Niveaus in
die wertmäßige Formel fassen: Was allen gemeinsam ist, kann nur der Besitz des
am wenigsten Besitzenden sein. Dies symbolisiert sich schon in dem äußerlichen
Sinn des „Besitzes“. In England wurde 1407 offiziell anerkannt, daß die
Initiative für Geldbewilligungen dem Unterhaus gehören solle; und ausdrücklich
nennt der Verfassungshistoriker der Zeit als das Grundmotiv dafür, daß es dem
ärmsten der drei Stände zustehe, das Höchstmaß der Leistungen der
Allgemeinheit zu bestimmen. Was alle gleichmäßig geben, kann nur die Quote
des Ärmsten sein. Hier liegt auch der rein soziologische unter den Gründen, aus
denen der Usurpator, der eine schon ständisch geteilte Gesellschaft unterwerfen
will, sich auf die untersten Schichten zu stützen pflegt. Denn um sich
gleichmäßig über alle zu erheben, muß er sie nivellieren. Dies aber läßt sich
nicht so erreichen, daß die Tieferen erhoben, sondern nur, daß die Höheren auf
deren Standort herabgedrückt werden. Es ist deshalb durchaus täuschend, wenn
man das Niveau einer als Einheit angesehenen, praktisch als Einheit wirkenden
Gesamtheit ein „durchschnittliches“ nennt. Der Durchschnitt würde bedeuten,
daß die Standhöhe der einzelnen Individuen gleichsam addiert und das Resultat
durch ihre Anzahl dividiert sei. Dies würde eine Erhöhung der Tiefststehenden
unter ihnen involvieren, die nicht zu leisten ist. Ganz nahe vielmehr dem Niveau
dieser letzteren befindet sich das der Gesamtheit, insofern alle seine Träger mit
gleichmäßigen Seinswerten, gleichmäßiger Wirksamkeit an ihm beteiligt sein
sollen. Nicht bei dem „Mittel“, sondern der unteren Grenze der Teilhaber zu liegt
der Charakter des Kollektivverhaltens; und wenn ich mich nicht täusche, hat
diese Tatsache den Sprachgebrauch innerlich schon richtiggestellt, indem wir
unter „Mittelmäßigkeit“ keineswegs den wirklichen Wertdurchschnitt einer
Totalität von Existenzen oder Leistungen, sondern eine recht tief u n t e r diesem
bleibende Wertqualität verstehen.
Da dieser enge Rahmen nur für kurze Strecken soziologischer Wege, nicht
aber für ihren Abschluß Raum hat, die Frage an seine Inhalte also nicht auf
endgültige Entscheidung über diese, sondern nur auf Form und Methode ihrer
Behandlung geht, so deute ich nur noch zwei der mannigfachen
Einschränkungen und Gegenbegriffe an, die dies allgemeine Schema der
sozialen Niveaubildung findet. Zunächst wird dieses Niveau praktisch fast niemals an dem a l l e r tiefsten seiner Träger festgelegt, sondern, wie ich schon
andeutete, tendiert es nur zu diesem hin, bleibt aber meistens etwas oberhalb
seiner. Denn irgend etwas von Widerstand — freilich in sehr verschiedenem
Maße — pflegt sich gegen die kollektivistische Senkung doch seitens der
höherstehenden Elemente zu melden, und er summiert sich zu einem gewissen
Haltmachen der Gesamtaktion vor dem tiefstmöglichen Wertgrade.
Tiefergreifend ist eine andere Einschränkung, die das — selbst prinzipiell als
richtig anerkannte — Schema findet. Dieses besagte doch: das gleichmäßige
Haben und Sein aller kann nur ein solches sein, das sich an dem das Wenigste
habenden, das Geringste seienden Gliede findet. Steht also die Herstellung des
Gebildes Masse, die Niveauausgleichung sonst verschiedener Persönlichkeiten
in Frage, so kann sie nur durch das immer mögliche Herabsteigen der Höheren,
nicht aber durch das selten oder nie mögliche Heraufsteigen aller Tieferen
geschehen. Dieser psychologisch gewendete Mechanismus ist indes nicht
unbezweifelbar. Jenes Herabsteigen des Höheren ist tatsächlich n i c h t immer
möglich. Die ganze Erwägung ruhte nämlich auf dem — natürlich ganz rohen
und problematischen — Bilde der seelischen Struktur, daß verschiedene
Schichten in ihr gleichsam übereinandergebaut sind: die primitiven, ungeistigen,
welche biologisch die gefestetsten und also allenthalben vorauszusetzen sind —
und darüber die dem Inhalte nach selteneren, jüngeren, schließlich ganz
verfeinerten, die bis zu völliger Individualität differenziert sind. Und nun schien
eine Tatsächlichkeit so ausdrückbar, daß selbst bei höchster Ausbildung der
letzteren ihre bewußte oder unbewußte Ausschaltung geschehen und das
Verhalten des Individuums ausschließlich von den ersteren her bestimmt werden
kann, wodurch dann ein einheitlicher Gesamtgeist aus nun gleichmäßigen
Beiträgen erzeugbar wird. Allein, dies mag manchmal oder oft geschehen,
i m m e r geschieht es nicht. In manchen Naturen sind jene niedrigeren Schichten
mit den höheren zu so fester, individueller Einheit verbunden, daß der als
physische Analogie verführerische Ausdruck: der Mensch könne zwar immer
leicht heruntersteigen, schwer aber und oft gar nicht herauf — unzutreffend
wird. Auf ethischem Gebiet ist dies ohne weiteres einsichtig. Erscheinen hier
Qualitäten wie Genußgier und Grausamkeit, Habsucht und Verlogenheit als die
tiefsten Stufen der seelischen Schichtung, so ist es für den edleren Menschen,
selbst wenn er von Rudimenten oder Uneingeständlichkeiten solcher Art nicht
frei wäre, einfach unmöglich, sich in seinem Handeln auf dies Niveau zu
begeben, ja selbst zugunsten harmloserer Niveausenkung überhaupt seine
höheren Qualitäten abzustellen. Solche Unmöglichkeit gilt weit über das
Ethische hinaus. Der Kammerdiener versteht freilich den Helden nicht, weil er sich nicht zu dessen Höhe erheben kann; aber der Held versteht auch den
Kammerdiener nicht, weil er nicht zu dessen Untergeordnetheit herabsteigen
kann. Es ist ein höchst bezeichnender Unterschied zwischen den Menschen, ob
sie überhaupt i m s t a n d e s i n d, ihre wertvollsten Kräfte und Interessiertheiten
vor den niederen schweigen zu lassen, wie zweifellos und in welchem Maße
diese auch in ihnen vorhanden seien. Das ist jedenfalls einer der Hauptgründe,
aus denen zu allen Zeiten gewisse vornehme und geistige Persönlichkeiten sich
dem öffentlichen Leben ferngehalten haben, insbesondere da sie wohl selbst
angesichts einer möglichen Führerrolle empfanden, was ein großer Politiker
einmal im Hinblick auf seine Partei so formulierte: „Ich bin ihr Führer, also muß
ich ihnen folgen.“ Einen höheren Gesamtwert solcher abstinenten
Persönlichkeiten zeigt dies noch nicht, trotz des auf das gleiche Grundverhältnis
zurückgehenden Bismarckschen Wortes, daß „die Politik den Charakter
verdirbt“. Eher verkündet es eine gewisse Schwäche und Mangel an
Selbstsicherheit in den höheren Schichten der Persönlichkeit, wenn sie es nicht
wagt, sich so weit auf das soziale Niveau hinabzubegeben, wie es für den Kampf
dagegen — der immer ein Kampf dafür ist — erfordert wird. Ersichtlich aber
wird dadurch, daß die Menschen des höchsten individuellen Niveaus so oft die
Berührung mit dem sozialen scheuen, die allgemeine Hebung des letzteren
hintangehalten.