Grundfragen der Soziologie
Drittes Kapitel. Die Geselligkeit.
Drittes Kapitel.
Die Geselligkeit.
(Beispiel der Reinen oder Formalen Soziologie.)
Das Grundmotiv, das, nach der Bezeichnung im einleitenden Kapitel, eine
„reine Soziologie“ als besonderen Problemkreis konstituierte, muß jetzt im
Übergang zu einer exemplifizierenden Anwendung noch einmal formuliert
werden. Denn jenes Motiv bestimmt nicht nur als das allgemeine, mit vielen
anderen geteilte Forschungsprinzip dieses Beispiel, sondern es gibt selbst
unmittelbar den S t o f f für den jetzt zu schildernden Anwendungsfall her.
Jenes entscheidende Motiv ist von zwei Begriffen her festgelegt: daß man
von jeder menschlichen Gesellschaft zwischen ihrem Inhalt und ihrer Form
unterscheiden kann, und daß sie selbst ganz allgemein die Wechselwirkung unter
Individuen bedeutet. Diese Wechselwirkung entsteht immer aus bestimmten
Trieben heraus oder um bestimmter Zwecke willen. Erotische Instinkte,
sachliche Interessiertheiten, religiöse Impulse, Zwecke der Verteidigung wie des
Angriffs, des Spieles wie des Erwerbes, der Hilfeleistung wie der Belehrung und
unzählige andere bewirken es, daß der Mensch in ein Zusammensein, ein
Füreinander-, Miteinander-, Gegeneinanderhandeln, in eine Korrelation der
Zustände mit anderen tritt, d. h. Wirkungen auf sie ausübt und Wirkungen von
ihnen empfängt. Diese Wechselwirkungen bedeuten, daß aus den individuellen
Trägern jener veranlassenden Triebe und Zwecke eine Einheit, eben eine
„Gesellschaft“, wird. Ich bezeichne nun alles das, was in den Individuen, den
unmittelbar konkreten Orten aller historischen Wirklichkeit, als Trieb, Interesse,
Zweck, Neigung, psychische Zuständlichkeit und Bewegung derart vorhanden
ist, daß daraus oder daran die Wirkung auf andere und das Empfangen ihrer
Wirkungen entsteht — dieses bezeichne ich als den Inhalt, gleichsam die Materie
der Vergesellschaftung. An und für sich sind diese Stoffe, mit denen das Leben
sich füllt, diese Motivierungen, die es treiben, noch nicht sozialen Wesens. Weder Hunger noch Liebe, weder Arbeit noch Religiosität, weder die Technik
noch die Funktionen und Resultate der Intelligenz bedeuten ihrem unmittelbaren
Sinne nach schon Vergesellschaftung; vielmehr, sie bilden diese erst, indem sie
das isolierte Nebeneinander der Individuen zu bestimmten Formen des
Miteinander und Füreinander gestalten, die unter den allgemeinen Begriff der
Wechselwirkung gehören. Die Vergesellschaftung ist also die in unzähligen
verschiedenen Arten sich verwirklichende Form, in der die Individuen auf Grund
jener — sinnlichen oder idealen, momentanen oder dauernden, bewußten oder
unbewußten, kausal treibenden oder teleologisch ziehenden — Interessen zu
einer Einheit zusammenwachsen und innerhalb deren diese Interessen sich
verwirklichen.
Auf diesen Sachverhalt nun wendet sich eine geistige Funktionsweise von
höchst weitgreifender Bedeutung an. Wenn praktische Verhältnisse und
Notwendigkeiten die Menschen dahin führen, das der Welt abzugewinnende
Material des Lebens durch die Kräfte der Intelligenz, des Willens, des
Gestaltungstriebes, der Gefühlsbewegungen zu bearbeiten, seinen Elementen um
der Zwecke des Lebens willen bestimmte Formen zu geben, und wir es in diesen
nun erst als Lebenselement betätigen und benutzen —, so entheben sich jene
Kräfte und Interessen dann in eigentümlicher Weise dem Dienste des Lebens,
der sie ursprünglich emporgezogen und verpflichtet hatte. Es findet eine
Verselbständigung gewisser Energien derart statt, daß sie sich nicht mehr an den
Gegenstand heften, den sie formten und damit den Zwecken des Lebens gefügig
machten, sondern sie spielen nun gewissermaßen frei in sich selbst, um ihrer
selbst willen, und schaffen oder ergreifen eine Materie, die ihnen jetzt eben nur
zu ihrer eigenen Betätigung, Verwirklichung dient. So scheint alles Erkennen
ursprünglich ein Mittel im Kampf ums Dasein zu sein; das wahre Verhalten der
Dinge zu wissen, ist für die Erhaltung und Förderung des Lebens von
unübersehlichem Nutzen. Wissenschaft aber bedeutet, daß sich das Erkennen
nicht mehr zu dieser praktischen Leistung hergibt, sondern ein Eigenwert
geworden ist, sich von sich aus seine Gegenstände wählt, sie nach seinen inneren
Bedürfnissen gestaltet und über seine Selbstvollendung nicht hinausfragt.
Weiter: Die Formung anschaulicher und unanschaulicher Realitäten nach
räumlichen Geschlossenheiten, nach Rhythmus und Klang, nach Bedeutung und
Organisation ist sicher zunächst den Forderungen unserer Praxis entsprungen.
Sobald diese Formen aber Selbstzwecke werden, aus eigener Kraft und eigenem
Recht heraus wirksam, von sich aus und nicht um der Verflechtung in das Leben
willen auswählend und schöpferisch — steht die Kunst da, ganz vom Leben
getrennt und ihm nur entnehmend, was ihr dient und durch sie gleichsam zum zweiten Male erzeugt wird, obgleich die Formen, in denen sie dies tut und in
denen sie sozusagen besteht, sich an den Forderungen und der Dynamik des
Lebens erzeugt haben. Dieselbe Drehung bestimmt das Recht in seinem Wesen.
Aus den Erfordernissen für die Existenz der Gesellschaft heraus werden gewisse
Verhaltungsweisen der Individuen erzwungen oder legitimiert — sie sind gültig
und geschehen in diesem Stadium ausschließlich um solcher Zweckmäßigkeit
willen. Das ist aber nicht mehr der Sinn ihrer Verwirklichung, sobald das
„Recht“ dasteht; denn nun sollen sie nur geschehen, weil sie eben „Recht“ sind,
gleichgültig gegen das sie ursprünglich zeugende und beherrschende Leben, bis
zum fiat justitia, pereat mundus. Obgleich also das dem Recht gemäße Verhalten
in dem sozialen Lebenszweck wurzelt, so hat doch das Recht in seiner Reinheit
keinen „Zweck“, weil es nun nicht mehr Mittel ist, sondern, von sich aus und
nicht erst auf Legitimation durch eine höhere Instanz hin, bestimmt, wie der
Lebensstoff geformt werden soll. Und nun vollzieht sich vielleicht in der
weitestgreifenden Weise diese Achsendrehung — von der Bestimmtheit der
Lebensformen durch seine Materie zu der Bestimmung seiner Materie durch die
zu definitiven Werten erhobenen Formen — in alledem, was wir S p i e l nennen.
Die realen Kräfte, Nöte und Impulse des Lebens erzeugen die für dieses
zweckmäßigen Formen unseres Verhaltens, die dann im Spiel oder viel mehr als
Spiel zu selbständigen Inhalten und Reizen werden: das Jagen und Erlisten, die
Bewährung der physischen und der geistigen Kräfte, den Wettbewerb und das
Gestelltsein auf die Chance und die Gunst unbeeinflußbarer Mächte. Alles dieses
ist jetzt dem Flusse des bloßen Lebens enthoben, von dessen Materie, an der sein
Ernst haftet, entlastet und wählt oder schafft nun als das von sich aus
Entscheidende die Gegenstände, an denen es sich bewähre und rein darstelle;
damit gewinnt das Spiel seine Heiterkeit, aber auch jene symbolische
Bedeutung, die es von allem bloßen Spaß unterscheidet. Hier liegt, was an der
Analogie zwischen Kunst und Spiel gerechtfertigt ist. Mit beiden haben die
Formen, die die Realität des Lebens entwickelte, dieser gegenüber autonome
Reiche gegründet; es gibt ihnen ihre Tiefe und ihre Kraft, daß sie von ihrem
Ursprung her immer noch mit Leben geladen sind, und wo sie dessen entleert
sind, werden sie zu Künstelei und Spielerei — allein ihr Sinn und Wesen liegt
eben in jener kompromißlosen Wendung, mit der die von der
Lebenszweckmäßigkeit und der Lebensmaterie erzeugten Formen sich von
diesen lösen und selbst zu Zweck und Materie ihrer selbständigen Bewegtheit
werden, von jenen Realitäten gerade nur aufnehmend, was sich der neuen
Gerichtetheit fügen und in dem Eigenleben jener Formen aufgehen kann.
Dieser Prozeß vollzieht sich nun auch in der Trennung dessen, was ich an der gesellschaftlichen Existenz Inhalt und Form nannte. Die eigentliche
„Gesellschaft“ an ihr ist jenes Miteinander, Füreinander, Gegeneinander, womit
materielle oder individuelle Inhalte und Interessen durch Trieb oder Zweck eine
Formung oder Förderung erfahren. Und diese Formen nun gewinnen Eigenleben,
eine von allem Wurzeln an Inhalten befreite Ausübung rein um ihrer selbst und
des in dieser Gelöstheit von ihnen ausstrahlenden Reizes willen; dies eben ist die
Erscheinung Geselligkeit. Sicherlich ist es der Erfolg spezieller Notwendigkeiten
und Interessen, wenn die Menschen sich in Wirtschaftsvereinigungen oder
Blutsbrüderschaften, in Kultgenossenschaften oder Räuberbanden zusammentun.
Allein jenseits dieser besonderen Inhalte werden alle diese Vergesellschaftungen
von einem Gefühl dafür, von einer Befriedigung daran begleitet, daß man eben
vergesellschaftet ist, für den Wert der Gesellschaftsbildung als solcher, ein Trieb,
der auf diese Form der Existenz drängt und manchmal erst seinerseits jene realen
Inhalte herbeiruft, die die einzelne Vergesellschaftung tragen. Und wie nun das,
was man den Kunsttrieb nennen mag, aus den Ganzheiten der erscheinenden
Dinge ihre Form gleichsam herauszieht und zu einem besonderen, eben diesem
Trieb korrespondierenden Gebilde gestaltet, so löst der „Geselligkeitstrieb“ in
seiner reinen Wirksamkeit aus den Realitäten des sozialen Lebens den bloßen
Vergesellschaftungsprozeß als einen Wert und ein Glück heraus und konstituiert
damit, was wir Geselligkeit im engeren Sinne nennen. Es ist kein bloßer Zufall
des Sprachgebrauchs, daß alle Geselligkeit, auch die ganz naturalistische, wenn
sie irgendwelchen Sinn und Bestand haben soll, einen so großen Wert auf die
F o r m legt, auf die gute Form. Denn Form ist gegenseitiges Sich-Bestimmen,
Wechselwirken der Elemente, wodurch sie eben eine Einheit bilden; und da nun
für die Geselligkeit die konkreten, an die Zwecksetzungen des Lebens
angeknüpften Motivierungen der Vereinheitlichung in Wegfall kommen, so muß
die reine Form, der sozusagen freischwebende, wechselwirkende
Zusammenhang der Individuen um so stärker und mit um so größerer
Wirksamkeit akzentuiert werden.
Ihre bloß formale Beziehung zur Realität erspart der Geselligkeit die
Reibungswiderstände dieser; aber immerhin gewinnt sie aus ihr, je
vollkommener sie gerade als Geselligkeit ist, auch für den tieferen Menschen
eine symbolisch spielende Fülle des Lebens und eine Bedeutsamkeit, die ein
oberflächlicher Rationalismus immer nur in den konkreten I n h a l t e n sucht; so
daß er, da er diese hier nicht findet, die Geselligkeit nur als eine hohle
Läppischkeit abzutun weiß. Es ist doch nicht bedeutungslos, daß in vielen,
vielleicht in allen europäischen Sprachen Gesellschaft schlechthin eben das
g e s e l l i g e Zusammensein bezeichnet. Die staatliche, die wirtschaftende, die durch irgendeinen Zweckgedanken zusammengehaltene Gesellschaft ist doch
durchaus „Gesellschaft“. Aber nur die gesellige ist eben „eine Gesellschaft“
ohne weiteren Zusatz, weil sie die reine, prinzipiell über jeden spezifischen
Inhalt erhobene Form all jener einseitig charakterisierten „Gesellschaften“ in
einem gleichsam abstrakten, alle Inhalte in das bloße Spiel der Form auflösenden
Bilde darstellt.
Von den soziologischen Kategorien her betrachtend, bezeichne ich also die
Geselligkeit als die S p i e l f o r m d e r V e r g e s e l l s c h a f t u n g und als — mutatis
mutandis — zu deren inhaltsbestimmter Konkretheit sich verhaltend wie das
Kunstwerk zur Realität. Es kommt zunächst das große, wenn man will: das
größte Problem der Gesellschaft innerhalb der Geselligkeit zu einer nur
innerhalb ihrer möglichen Lösung: welches Maß von Bedeutung und Akzent
dem Individuum als solchem in und gegenüber dem sozialen Umkreis
zukomme? Indem die Geselligkeit in ihren reinen Gestaltungen keinen
sachlichen Zweck hat, keinen Inhalt und kein Resultat, das sozusagen außerhalb
des geselligen Augenblicks als solchen läge, ist sie gänzlich auf die
Persönlichkeiten gestellt, nichts als die Befriedigtheit dieses Momentes —
allenfalls noch mit einem Nachklang von ihr — soll erreicht werden, und so
bleibt der Vorgang in seinen Bedingungen, wie in seinem Ertrage ausschließlich
auf seine personalen Träger beschränkt; die persönlichen Eigenschaften der
Liebenswürdigkeit, Bildung, Herzlichkeit, Anziehungskräfte jeder Art
entscheiden über den Charakter des rein geselligen Beisammenseins. Aber
gerade darum, weil hier alles auf die Persönlichkeiten gestellt ist, dürfen die
Persönlichkeiten sich nicht gar zu individuell betonen. Wo reale Interessen,
kooperierend oder kollidierend, die Sozialform bestimmen, sorgen sie schon, daß
das Individuum seine Besonderheiten und Einzigkeiten nicht allzu unbeschränkt
und eigengesetzlich präsentiere; wo aber diese Bedingtheit fortfällt, muß eine
andere, nur aus der Form des Beisammenseins entspringende Herabsetzung der
persönlichen Zugespitztheit und Selbstherrlichkeit stattfinden, damit ein
Beisammensein überhaupt möglich sei. Darum ist in der Gesellschaft das
Ta k t g e f ü h l von so besonderer Bedeutung, weil dies die Selbstregulierung des
Individuums in seinem persönlichen Verhältnis zu andern leitet, wo keine
äußeren oder unmittelbar egoistischen Interessen die Regulative übernehmen.
Und vielleicht ist es die spezifischste Leistung des Taktes, den individuellen
Impulsivitäten, Betonungen des Ich, geistigen und äußeren Ansprüchen die
Grenze zu ziehen, die das Recht des Andern fordert.
Eine sehr merkwürdige soziologische Struktur kommt hier auf. In die
Geselligkeit hat nicht einzutreten, was die Persönlichkeit etwa an objektiven Bedeutungen besitzt, an solchen, die ihr Zentrum außerhalb des aktuellen
Kreises haben; Reichtum und gesellschaftliche Stellung, Gelehrsamkeit und
Berühmtheit, exzeptionelle Fähigkeiten und Verdienste des Individuums haben
in der Geselligkeit keine Rolle zu spielen, höchstens als eine leichte Nuance von
jener Immaterialität, mit der allein die Realität überhaupt in das soziale
Kunstgebilde der Geselligkeit hineinragen darf. Ebenso aber wie dies Objektive,
das um die Persönlichkeit herum ist, muß nun auch gerade das rein und zutiefst
Persönliche aus ihrer Funktion als Element der Geselligkeit ausscheiden: das
Allerpersönlichste des Lebens, des Charakters, der Stimmung, des Schicksals hat
gleichfalls im Rahmen der Geselligkeit keinen Platz. Es ist taktlos — weil dem
hier ausschließlich dominierenden W e c h s e l wirkungsmoment widerstreitend —
bloß persönliche Stimmung und Verstimmung, Aufgeregtheiten und
Depressionen, Licht und Dunkelheit des tiefsten Lebens in die Geselligkeit
mitzubringen. Bis in das Äußerlichste hinein reicht dieser Ausschluß des
Persönlichen: eine Dame würde in einem wirklich persönlichen, intim
freundschaftlichen Beisammensein mit einem oder wenigen Männern nicht so
dekolletiert erscheinen mögen, wie sie es ganz unbefangen in einer großen
Gesellschaft tut. Sie fühlt sich in dieser eben nicht in dem Maße wie dort als
Individuum engagiert und kann sich deshalb wie unter der unpersönlichen
Freiheit der Maske preisgeben, da sie ja zwar n u r sie selbst, aber doch nicht
g a n z sie selbst ist, sondern nur ein Element in einer formal
zusammengehaltenen Vereinigung.
Der Mensch als ganzer ist sozusagen ein noch ungeformter Komplex von
Inhalten, Kräften, Möglichkeiten, und je nach den Motivierungen und
Beziehungen des wechselnden Daseins gestaltet er sich daraus zu einem
differenzierten, grenzbestimmten Gebilde. Als wirtschaftender und als
politischer Mensch, als Familienmitglied und als Repräsentant eines Berufes ist
er sozusagen je ein ad hoc konstruiertes Elaborat, sein Lebensmaterial ist
jedesmal von einer besonderen Idee bestimmt, in eine besondere Form gegossen,
deren relativ selbständiges Leben freilich von der gemeinsamen, unmittelbar
aber nicht zu bezeichnenden Kraftquelle des Ich gespeist wird. In diesem Sinne
nun ist auch der Mensch als geselliger ein eigentümliches, in keiner andern
Beziehung so vorkommendes Gebilde. Er hat einerseits alle Sachbedeutungen
der Persönlichkeit abgetan und tritt nur mit den Fähigkeiten, Reizen, Interessen
seiner reinen Menschlichkeit in die Geselligkeitsform ein. Andrerseits aber
macht dies Gebilde vor dem ganz und gar Subjektiven und rein Innerlichen der
Persönlichkeit Halt. Die Diskretion, die dem andern gegenüber eine erste
Bedingung der Geselligkeit ist, ist ebenso dem eigenen Ich gegenüber erforderlich, weil ihre Verletzung in beiden Fällen die soziologische Kunstform
der Geselligkeit in einen soziologischen Naturalismus ausarten läßt. Man kann
also von einer oberen und unteren „G e s e l l i g k e i t s s c h w e l l e “ für die Individuen
sprechen. Sowohl in dem Augenblick, in dem diese ihr Zusammensein auf einen
objektiven Inhalt und Zweck stellen, wie in dem andern, wo das absolut
Personale und Subjektive des Einzelnen rückhaltlos in die Erscheinung tritt, ist
die Geselligkeit nicht mehr das zentrale und formende, sondern höchstens noch
das formalistische und äußerlich vermittelnde Prinzip.
Zu dieser negativen Bestimmung des Geselligkeitswesens durch Grenzen
und Schwellen aber kann man vielleicht das positive Formmotiv finden. K a n t
hat es als das Prinzip des Rechts aufgestellt, daß ein jeder dasjenige Maß von
Freiheit haben solle, das mit der Freiheit jedes andern zusammen bestehen kann.
Bleibt man einmal bei dem Geselligkeitstriebe als dem Quell oder auch der
Substanz der Geselligkeit stehen, so ist nun das Prinzip, nach dem sie
konstituiert ist: jeder solle so viel Befriedigung dieses Triebes haben, wie es mit
der Befriedigung eben dieses für alle andern vereinbar ist. Drückt man dies, statt
von dem Triebe, vielmehr von dem Erfolge her aus, so formuliert sich das
Prinzip der Geselligkeit so: jeder soll dem andern dasjenige Maximum an
geselligen Werten (von Freude, Entlastung, Lebendigkeit) g e w ä h r e n , das mit
dem Maximum der von ihm selbst e m p f a n g e n e n Werte vereinbar ist. Wie nun
das Recht auf jener Kantischen Basis ein durchaus demokratisches ist, so zeigt
dies Prinzip die demokratische Struktur aller Geselligkeit, die freilich jede
Gesellschaftsschicht nur in sich selbst realisieren kann, und die eine Geselligkeit
unter Angehörigen ganz verschiedener sozialer Klassen so oft zu etwas
Widerspruchsvollem und Peinlichem macht. Solche Gleichheit entsteht hier
durch den Wegfall einerseits des ganz Persönlichen, andrerseits des ganz
Sachlichen, also dessen, was die Vergesellschaftung als ihr Material vorfindet
und wovon sie in ihrer Gestaltung als Geselligkeit entkleidet ist. Aber auch
innerhalb der gesellschaftlich Gleichstehenden ist die Demokratie ihrer
Geselligkeit eine g e s p i e l t e . Die Geselligkeit schafft, wenn man will, eine
ideale soziologische Welt: denn in ihr ist — das sprechen jene Prinzipien aus —
die Freude des Einzelnen durchaus daran gebunden, daß auch die andern froh
sind, hier kann prinzipiell niemand auf Kosten ganz entgegengesetzter
Empfindungen des Andern seine Befriedigung finden — wie viele andere
Lebensgestaltungen es zwar durch über sie gestellte ethische Imperative, aber
nicht durch ihr unmittelbar eigenes und inneres Prinzip ausschließen. Aber diese
Welt der Geselligkeit, die einzige, in der eine Demokratie der Gleichberechtigten
ohne Reibungen möglich ist, ist eine k ü n s t l i c h e Welt, aufgebaut aus Wesen, die ausschließlich jene ganz reine, durch keinen gleichsam materialen Akzent
debalancierte Wechselwirkung untereinander herzustellen wünschen. Wenn wir
jetzt die Vorstellung haben, in die Geselligkeit kämen wir rein „als Menschen“,
als das, was wir wirklich sind, unter Abwerfung all der Belastungen, der Hin-
und Hergerissenheiten, des Zuviel und Zuwenig, womit das reale Leben die
Reinheit unseres Bildes entstellt, so liegt das daran, daß das moderne Leben mit
objektivem Inhalt und Sachforderungen überlastet ist. Diese im geselligen Kreise
von uns abtuend, glauben wir zu unserem natürlich-persönlichen Sein
zurückzukehren und übersehen dabei, daß auch dies Persönliche nicht in seiner
ganzen Besonderheit und naturalistischen Vollständigkeit, sondern nur in einer
gewissen Reserve und Stilisierung den geselligen Menschen ausmacht. In
früheren Zeiten, als dieser Mensch noch nicht so vielem Sachlichen, objektiv
Inhaltlichen abgewonnen werden mußte, machte sich sein Formgesetz mehr und
deutlicher seinem p e r s ö n l i c h e n S e i n gegenüber geltend: daher war das
persönliche Benehmen in der Geselligkeit früherer Zeiten viel zeremonieller,
steifer und strenger überindividuell reguliert als heute. Diese Reduktion der
personalen Peripherie auf das Bedeutungsmaß, das die homogene
Wechselwirkung mit andern dem Einzelnen einräumt, schwingt bis in das
entgegengesetzte Extrem: ein spezifisches Verhalten in der Gesellschaft ist die
Courtoisie, mit der der Starke, Hervorragende, nicht nur den Schwächeren sich
gleichstellt, sondern sogar die Attitüde annimmt, als sei jener der Wertvollere
und Überlegene. Wenn Vergesellschaftung überhaupt Wechselwirkung ist, so ist
es deren reinster und sozusagen stilisiertester Fall, wenn sie unter Gleichen vor
sich geht, wie Symmetrie und Gleichgewicht die einleuchtendsten künstlerischen
Stilisierungsformen anschaulicher Elemente sind. Indem Geselligkeit also die
mit dem Charakter der Kunst oder des Spieles vollzogene Abstraktion der
Vergesellschaftung ist, fordert sie die reinste, durchsichtigste, am leichtesten
ansprechende Art der Wechselwirkung, d i e u n t e r G l e i c h e n; sie muß sich, um
ihrer fundamentalen Idee willen, Wesen fingieren, die von ihrem objektiven
Inhalt so viel abgeben, die nach ihrer äußeren wie inneren Bedeutung so
modifiziert werden, daß sie als gesellige gleich sind und ein jedes die
Geselligkeitswerte für sich nur unter der Bedingung gewinnen kann, daß die
andern, mit ihm wechselwirkenden, sie ebenso gewinnen. Sie ist das Spiel, in
dem man „so tut“, als ob alle gleich wären, und zugleich, a l s o b m a n j e d e n
b e s o n d e r s e h r t e. Dies ist so wenig Lüge, wie das Spiel oder die Kunst mit all
ihrer Abweichung von der Realität Lügen sind. Dazu wird es erst in dem
Augenblick, in dem das Tun und die Rede der Geselligkeit in die Absichten und
Geschehnisse der praktischen Realität eintritt — wie das Gemälde zur Lüge
wird, wenn es panoramahaft die Realität vortäuschen will. Was innerhalb des eigengesetzlichen, nur in dem immanenten Spiel seiner Formen betätigten
Lebens der Geselligkeit durchaus richtig und in der Ordnung ist, wird zur Lüge,
wenn diese Erscheinung ein bloßer Schein ist, der in Wirklichkeit von Zwecken
ganz anderer als geselliger Art gelenkt wird oder diese unsichtbar machen soll
— wozu freilich die tatsächliche Verflechtung der Geselligkeit in die Reihen des
realen Lebens leicht verführen mag.
Dieser Zusammenhang legt nahe, daß in der Geselligkeit alles das
unterkommen wird, was man schon von sich aus als soziologische Spielform
bezeichnen kann: vor allem das eigentliche Spiel selbst, das in der Geselligkeit
aller Epochen einen breiten Raum einnimmt. Der Ausdruck des
„G e s e l l s c h a f t s spieles“ ist in dem tieferen Sinne bedeutsam, auf den ich vorher
hinwies. Die ganzen Wechselwirkungs- oder Vergesellschaftungsformen
zwischen den Menschen: das Übertreffenwollen und der Tausch, die
Parteibildung und das Abgewinnenwollen, die Chancen der zufälligen
Begegnung und Trennung, der Wechsel zwischen Gegnerschaft und
Kooperation, das Überlisten und die Revanche — alles dieses, im Ernste der
Wirklichkeit von Zweckinhalten erfüllt, führt im Spiel ein vom Reize dieser
Funktionen selbst und allein getragenes Leben. Denn selbst wo das Spiel sich
um einen Geldpreis dreht, ist nicht dieser, der doch auch auf viele andere Weisen
zu erwerben wäre, das Spezifische des Spieles, sondern dessen Attraktionen
liegen für den richtigen Spieler in der Dynamik und dem Hazard jener
soziologisch bedeutsamen Betätigungsformen selbst. Das Gesellschaftsspiel hat
den tieferen Doppelsinn, daß es nicht nur in einer Gesellschaft als seinem
äußeren Träger gespielt wird, sondern daß mit ihm tatsächlich „Gesellschaft“
„gespielt“ wird. Weiterhin hat, in der Soziologie der Geschlechter, die Erotik
ihre Spielform ausgebildet: die K o k e t t e r i e , die innerhalb der Geselligkeit ihre
leichteste, spielendste, aber auch weiteste Realisierung findet[3]. Dreht sich die
erotische Frage zwischen den Geschlechtern um Gewähren und Versagen (deren
Gegenstände natürlich unendlich mannigfaltig und abgestuft und keineswegs nur
radikaler oder gar nur physiologischer Natur sind), so ist es das Wesen der
weiblichen Koketterie, ein andeutendes Gewähren und ein andeutendes Versagen
wechselnd gegeneinander zu spannen, den Mann anzuziehen, ohne es zu einer
Entscheidung kommen zu lassen, ihn zurückzuweisen, ohne ihm alle Hoffnung
zu nehmen. Die Kokette steigert ihren Reiz auf das Höchste, indem sie dem
Manne die Gewährung sozusagen ganz nahe rückt, ohne daß es ihr schließlich
damit Ernst wäre; ihr Verhalten pendelt zwischen dem Ja und dem Nein, ohne
auf einem Halt zu machen. Sie zeichnet damit gleichsam spielend die bloße und
reine Form der erotischen Entscheidungen und kann deren polare Entgegengesetztheiten in einem ganz einheitlichen Benehmen
zusammenbringen, da der entschiedene und entscheidende Inhalt, der sie auf
einem von beiden festlegte, prinzipiell in die Koketterie nicht eintritt. Und diese
Entlastung von aller Schwere fester Inhalte und bleibender Realitäten gibt der
Koketterie jenen Charakter des Schwebenden, der Distanz, des Ideellen,
dessentwegen man mit einem gewissen Recht von der „Kunst“ — nicht nur von
den „Künsten“ — der Koketterie spricht. Damit sie sich aber auf dem Boden der
Geselligkeit als ein so heimisches Gewächs ausbreiten könne, wie die Erfahrung
es zeigt, muß ihr von seiten des Mannes ein ganz besonderes Verhalten
begegnen. Solange der Mann sich dem Reize der Koketterie versagt, oder
solange er umgekehrt ihr bloßes Opfer ist, das von ihren Schwingungen
zwischen dem halben Ja und dem halben Nein willenlos mitgeschleift wird, —
so lange hat die Koketterie noch nicht die der Geselligkeit eigentlich adäquate
Gestalt. Es fehlt ihr jene freie Wechselwirkung und Äquivalenz der Elemente,
die das Grundgesetz der Geselligkeit ist. Diese tritt erst dann ein, wenn der
Mann nach nicht mehr als nach diesem frei schwebenden Spiele verlangt, in dem
nur wie ein fernes Symbol irgendwelches erotische Definitivum anklingt, und
wenn er nicht erst aus dem Begehren oder aus der Befürchtung eines solchen den
Reiz jener Andeutungen und Präliminarien zieht. Die Koketterie, wie sie gerade
auf den Höhen der geselligen Kultur ihre Anmut entfaltet, hat die Wirklichkeit
des erotischen Begehrens, Gewährens oder Versagens hinter sich gelassen und
ergeht sich in dem Wechselspiele der Silhouetten dieser Ernsthaftigkeiten. Wo
diese letzteren eintreten oder dahinter stehen, wird das ganze Geschehen
sozusagen zu einer Privatangelegenheit der beiden Personen, die nun in der
Ebene der Realität abläuft; unter dem soziologischen Zeichen der Geselligkeit
aber, in die die eigentliche, das volle Leben in sich bindende Zentralität der
Personen überhaupt nicht eintritt, ist Koketterie das neckische oder auch
ironische Spiel, mit dem die Erotik gleichsam die reinen Schemata ihrer
Wechselwirkungen von ihrem stofflichen oder ganz individuellen Inhalt gelöst
hat. Wie die Geselligkeit die Formen der Gesellschaft spielt, so spielt die
Koketterie die Formen der Erotik — eine Wesensverwandtschaft, die diese eben
gewissermaßen zu einem Element jener prädestiniert.
In welchem Maße die Geselligkeit so die Abstraktion der sonst durch ihren
Inhalt bedeutsamen soziologischen Wechselwirkungsformen vollzieht und ihnen,
die nun gleichsam um sich selbst kreisen, einen Schattenkörper leiht, dies
offenbart sich schließlich an dem breitesten Träger aller menschlichen
Gemeinsamkeit, am G e s p r ä c h . Das Entscheidende ist hier als die ganz banale
Erfahrung auszudrücken: daß im Ernst des Lebens die Menschen um eines Inhaltes willen reden, den sie mitteilen oder über den sie sich verständigen
wollen, in der Geselligkeit aber das Reden zum Selbstzweck wird, aber nicht im
naturalistischen Sinne, wie im Geschwätz, sondern in dem der K u n s t des Sich-
Unterhaltens, mit deren eigenen artistischen Gesetzen; im rein geselligen
Gespräch ist sein Stoff nur noch der unentbehrliche Träger der Reize, die der
lebendige Wechseltausch der Rede als solcher entfaltet. Alle die Formen, mit
denen dieser Tausch sich verwirklicht: der Streit und der Appell an die von
beiden Parteien anerkannten Normen; der Friedensschluß durch Kompromiß und
das Entdecken gemeinsamer Überzeugungen; das dankbare Aufnehmen des
Neuen und das Ablenken von dem, worüber doch keine Verständigung zu hoffen
ist — alle diese Formen gesprächhafter Wechselwirkung, sonst im Dienste
unzähliger Inhalte und Zwecke des menschlichen Verkehrs, haben hier ihre
Bedeutung in sich selbst, das heißt in dem Reize des Beziehungsspieles, das sie,
bindend und lösend, siegend und unterliegend, gebend und nehmend, zwischen
den Individuen stiften; der Doppelsinn des „Sich-Unterhaltens“ tritt in seine
Rechte. Damit dieses Spiel sein Genügen an der bloßen Form bewahre, darf der
Inhalt kein Eigengewicht bekommen: sobald die Diskussion sachlich wird, ist sie
nicht mehr gesellig; sie dreht ihre teleologische Spitze um, sobald die
Ergründung einer Wahrheit — die durchaus ihren I n h a l t bilden kann — zu
ihrem Z w e c k e wird. Damit zerstört sie ihren Charakter als gesellige
Unterhaltung ebenso, wie wenn sie sich zu einem ernsthaften Streite zuspitzt.
Die F o r m des gemeinsamen Suchens des Richtigen, die F o r m des Streites mag
bestehen; aber sie darf den Ernst ihres jeweiligen Inhaltes so wenig zu ihrer
Substanz werden lassen, wie man in ein perspektivisch wirkendes Gemälde ein
Stück der dreidimensionalen Wirklichkeit seines Gegenstandes einfügen dürfte.
Nicht als ob der Inhalt der gesellschaftlichen Unterhaltung gleichgültig sei: er
soll durchaus interessant, fesselnd, ja bedeutend sein — nur daß er nicht an sich
den Zweck der Unterhaltung bilde, daß diese nicht dem objektiven Resultat
gelte, das sozusagen ideell außerhalb der Unterhaltung bestünde. Äußerlich
mögen deshalb zwei Unterhaltungen ganz gleich verlaufen, g e s e l l i g , dem
inneren Sinne nach, ist nur diejenige, in der jene Inhalte, mit all ihrem Werte und
Reize, doch nur an dem funktionellen Spiele der Unterhaltung als solcher ihr
Recht, ihren Platz, ihren Zweck finden, an der Form des Redetausches mit ihrer
besonderen und sich selbst normierenden Bedeutsamkeit. Darum gehört zum
Wesen der geselligen Unterhaltung, daß sie ihren Gegenstand leicht und rasch
wechseln könne; denn da der Gegenstand hier nur Mittel ist, kommt ihm die
ganze Austauschbarkeit und Zufälligkeit zu, die überhaupt den Mitteln
gegenüber dem feststehenden Zwecke eignet. So also bietet, wie gesagt, die
Geselligkeit den vielleicht einzigen Fall, in dem das Reden legitimer Selbstzweck ist. Denn dadurch, daß es schlechthin zweiseitig ist, ja vielleicht mit
Ausnahme des „Sich-Ansehens“ die reinste und sublimierteste
Zweiseitigkeitsform unter allen soziologischen Erscheinungen überhaupt, wird
es zur Erfüllung einer Relation, die sozusagen nichts als Relation sein will, in
der also das, was sonst bloße Form der Wechselwirkung ist, zu deren
selbstgenugsamem Inhalt wird. Es ergibt sich aus diesen gesamten
Zusammenhängen, daß auch das Erzählen von Geschichten, Witzen, Anekdoten,
so oft es auch ein Lückenbüßer und Armutszeugnis sein mag, doch auch einen
feinen Takt zeigen kann, in dem alle Motive der Geselligkeit anklingen. Denn
zunächst wird damit die Unterhaltung auf einer Basis gehalten, die jenseits aller
individuellen Intimität, jenseits jenes rein Personalen steht, das sich nicht in die
Kategorien der Geselligkeit fügen will. Aber dennoch ist dieses Objektive nicht
um seines Inhaltes, sondern um des Geselligkeitsinteresses willen vorgebracht;
daß dieser gesagt und aufgenommen wird, ist kein Selbstzweck, sondern ein
bloßes Mittel für die Lebendigkeit, das Sichverstehen, das
Gemeinsamkeitsbewußtsein des Kreises. Es ist damit nicht nur ein Inhalt
gegeben, an dem alle gleichmäßig teilhaben können, sondern es ist die Gabe
eines einzelnen an die Gesamtheit, aber eine solche, hinter der der Gebende
sozusagen unsichtbar wird: die feinste, gesellig erzählte Geschichte ist die, bei
der der Erzählende seine Person völlig zurücktreten läßt; die ganz vollendete hält
sich in dem glücklichen Gleichgewichtspunkt der sozusagen geselligen Ethik, in
dem sowohl das subjektiv Individuelle wie das objektiv Inhaltliche sich völlig in
den Dienst an der reinen Geselligkeitsform aufgelöst haben.
Es ist hiermit angedeutet, daß die Geselligkeit die Spielform auch für die
ethischen Kräfte der konkreten Gesellschaft ist. Die großen, diesen Kräften
gestellten Probleme: daß der Einzelne sich in einen Gesamtzusammenhang
einzuordnen und für ihn zu leben habe, daß ihm aber aus diesem wieder Werte
und Erhöhungen zurückfließen müssen, daß das Leben des Individuums ein
Umweg für die Zwecke des Ganzen, das Leben des Ganzen aber ein Umweg für
die Zwecke des Individuums sei — den Ernst, ja die vielfache Tragik dieser
Forderungen überträgt die Geselligkeit in das symbolische Spiel ihres
Schattenreiches, in dem es keine Reibungen gibt, weil Schatten sich eben nicht
aneinander stoßen können. Wenn es ferner die ethische Aufgabe der
Vergesellschaftung ist, das Sichzusammenfinden und das Sichlösen ihrer
Elemente zum genauen und aufrichtigen Ausdruck ihrer inneren, durch die
Ganzheit ihres Lebens bestimmten Relationen zu machen, so löst sich innerhalb
der Geselligkeit diese Freiheit und Adäquatheit von ihren konkreten und
inhaltlich tieferen Bedingnissen ab; wie sich in einer „Gesellschaft“ Gruppen bilden und sich spalten, wie das Zwiegespräch in ihr sich rein nach Impuls und
Gelegenheit entspinnt, vertieft, lockert, abschließt, dies ist ein Miniaturbild des
Gesellschaftsideales, das man die Freiheit der Bindung nennen könnte. Wenn
alles Miteinander und Auseinander das streng angemessene Phänomen innerer
Wirklichkeiten sein soll, so sind diese letzteren hier fortgefallen, und nur jene
Erscheinung ist geblieben, deren den eigenen Formgesetzen gehorsames Spiel,
deren in sich geschlossene Anmut jene Angemessenheit ä s t h e t i s c h
repräsentiert, die der Ernst der Realitäten sonst e t h i s c h fordert. —
Diese Gesamtdeutung der Geselligkeit wird von gewissen historischen
Entwicklungen anschaulich realisiert. Im früheren deutschen Mittelalter finden
wir ritterliche Bruderschaften, die von befreundeten Patrizierfamilien gebildet
waren. Die religiösen und praktischen Zwecke dieser Einungen scheinen sich
aber ziemlich früh verloren zu haben, und im 14. Jahrhundert sind die
r i t t e r l i c h e n Interessen und Verhaltungsweisen ihr allein übriggebliebenes
inhaltliches Spezifikum. Bald nachher aber verschwindet auch dieses, und es
verbleiben nur noch rein gesellige Vereinigungen aristokratischer Schichten.
Hier entwickelt sich also die Geselligkeit offensichtlich als das Residuum einer
inhaltbestimmten Gesellschaft — als das Residuum, das, weil der Inhalt verloren
gegangen ist, nur aus der Form und den Formen des Miteinander und
Füreinander bestehen kann. Daß der Eigenbestand dieser Formen nur das innere
Wesen des Spieles oder, tiefergreifend, der Kunst zeigen kann, tritt noch
sichtbarer an der Hofgesellschaft des Ancien Régime hervor. Hier waren aus dem
Wegfall der konkreten Lebensinhalte, die der französischen Aristokratie
gewissermaßen durch das Königtum ausgesogen waren, freischwebende Formen
entstanden, zu denen das Bewußtsein dieses Standes kristallisiert war —
Formen, deren Kräfte, Bestimmtheiten, Relationen rein gesellig waren und
keineswegs etwa Symbole oder Funktionen der realen Bedeutungen und
Intensitäten der Personen und Institutionen. Das Etikettenwesen der höfischen
Geselligkeit war zum Selbstzweck geworden, es etikettierte keinen Inhalt mehr,
sondern hatte immanente Gesetze ausgebildet, jenen der Kunst vergleichbar, die
nur aus dem Gesichtspunkt der Kunst heraus gelten und durchaus nicht den
Zweck haben, die Wirklichkeit der Modelle, der Dinge außerhalb der Kunst, in
ihr nachzubilden.
Mit dieser Erscheinung erreicht die Geselligkeit zwar ihren souveränsten,
aber zugleich in die Karikatur übergehenden Ausdruck. Gewiß ist es ihr Wesen,
aus den realistischen Wechselbeziehungen der Menschen die Realität
auszuscheiden und nach den Formgesetzen dieser in sich bewegten, jetzt keinen
Zweck außerhalb ihrer anerkennenden Relationen ihr luftiges Reich zu errichten. Allein die tief strömende Quelle, aus der dieses Reich seine Bewegtheiten speist,
ist dennoch nicht in jenen sich selbst bestimmenden Formen, sondern nur in der
Lebendigkeit der realen Individuen, in ihren Empfindungen und Attraktionen, in
der Fülle ihrer Impulse und Überzeugungen zu suchen. Alle Geselligkeit ist nur
ein S y m b o l des Lebens, wie es sich in dem Flusse eines leicht beglückenden
Spieles zeichnet, aber eben doch ein Symbol des L e b e n s , dessen Bild nur so
weit verändernd, wie die hier zu ihm gewonnene Distanz es fordert; gerade wie
auch die freieste und phantastischste, von aller Wirklichkeitskopie entfernteste
Kunst sich von einem tiefen und treuen Verhältnis zur Wirklichkeit nährt, wenn
sie nicht hohl und verlogen wirken soll. Auch die Kunst steht zwar ü b e r dem
Leben, aber über dem L e b e n . Schneidet die Geselligkeit die Fäden, die sie mit
der Lebenswirklichkeit verbinden und aus denen sie ihr freilich ganz anders
stilisiertes Gewebe spinnt, völlig ab, so wird sie aus einem Spiele zu einer
Spielerei mit leeren Formen, zu einem unlebendigen und auf seine
Unlebendigkeit stolzen Schematismus.
Aus diesem Zusammenhange wird ersichtlich, daß die Menschen über die
O b e r f l ä c h l i c h k e i t des gesellschaftlichen Verkehrs mit Recht und mit Unrecht
klagen. Es gehört nämlich zu den wirkungsvollsten Tatsachen der geistigen
Existenz, daß, wenn wir aus der Ganzheit des Seins irgendwelche Elemente zu
einem eigenen Reich zusammenschließen, das nach eigenen Gesetzen und nicht
nach denen des Ganzen verwaltet wird, dieses Reich freilich in einer völligen
Abschnürung von dem Leben des Ganzen, bei aller inneren Vollendung, ein
ausgehöhltes und in der Luft schwebendes Wesen zeigen kann: dann aber, oft
nur durch Imponderabilien verändert, gerade in diesem Abstand von aller
unmittelbaren Realität, deren tiefstes Wesen vollständiger, einheitlicher,
sinngemäßer zeigen kann, als irgendein Versuch, es realistischer und ohne
Distanznahme zu ergreifen. Je nachdem diese oder jene Empfindung vorliegt,
wird das eigene und unter eigenen Normen ablaufende Leben, das die
Oberflächen der gesellschaftlichen Wechselwirkungen in der Geselligkeit
gewonnen haben, für uns eine formelhafte, bedeutungslose Unlebendigkeit sein
— oder ein symbolisches Spiel, in dessen ästhetischen Reiz alle feinste,
sublimierte Dynamik des gesellschaftlichen Daseins überhaupt und seines
Reichtums gesammelt ist. Wir sind in der ganzen Kunst, in der ganzen Symbolik
des religiösen und kirchlichen Lebens, großenteils sogar in den
Formulierungskomplexen der Wissenschaft auf diesen Glauben, auf dieses
Gefühl angewiesen, daß die Eigengesetzlichkeiten bloßer Erscheinungsteile, die
Kombination ausgewählter Oberflächenelemente eine Beziehung zu der Tiefe
und Ganzheit der vollen Realität besitzen, die, wenn auch oft nicht formulierbar, jene zum Träger und Vertreter des unmittelbar wirklichen und fundamentalen
Daseins macht. Wir verstehen daraus die erlösende und beglückende Wirkung
mancher dieser, aus den bloßen Formen des Daseins aufgebauten Reiche; denn
in ihnen sind wir zwar vom Leben erlöst, aber wir haben es doch. Wie uns der
Anblick des Meeres innerlich befreit, nicht obgleich, sondern weil in seinem
Aufrauschen, um abzufließen, Abfließen, um wieder aufzurauschen, in dem
Spielen und Gegenspielen seiner Wellen das ganze Leben zu dem einfachsten
Ausdruck seiner Dynamik stilisiert ist, ganz frei von aller erlebbaren
Wirklichkeit und aller Schwere der Einzelschicksale, deren letzter Sinn dennoch
in dieses bloße Bild einzufließen scheint — so offenbart etwa die Kunst das
Geheimnis des Lebens: daß wir uns nicht durch einfaches Wegsehen von ihm
erlösen, sondern gerade indem wir in dem scheinbar ganz selbstherrlichen Spiel
seiner Formen den Sinn und die Kräfte seiner tiefsten Wirklichkeit, aber ohne
diese Wirklichkeit selbst, gestalten und erleben. Für so viel tiefe und den Druck
des Lebens in jedem Augenblick fühlende Menschen würde die Geselligkeit
nicht dies Befreiende, erlösend Heitere enthalten können, wenn sie wirklich nur
das Sichflüchten vor diesem Leben, die bloß momentane Aufhebung seines
Ernstes wäre. Sie mag vielfach dies nur Negative sein, ein Konventionalismus
und innerlich lebloser Austausch von Formeln; so vielleicht häufig im Ancien
Régime, wo die dumpfe Angst vor einer bedrohlichen Wirklichkeit die
Menschen in jenes bloße Wegsehen hineintrieb, in jene Abschnürung von den
Mächten des tatsächlichen Lebens. Das Befreiende und Erleichternde aber, das
gerade der tiefere Mensch in der Geselligkeit findet, ist: daß das Zusammensein
und der Einwirkungstausch, in denen die ganzen Aufgaben und die ganze
Schwere des Lebens sich darstellt, hier in gleichsam artistischem Spiel genossen
werden, in jener gleichzeitigen Sublimierung und Verdünnung, in der die
inhaltbegabten Kräfte der Wirklichkeit nur noch wie aus der Ferne anklingen,
ihre Schwere in einen Reiz verflüchtigend.
[3] Das Wesen der Koketterie habe ich ausführlich in meinem Buche: Philosophische
Kultur — behandelt.