Grundfragen der Soziologie
Viertes Kapitel. Individuum und Gesellschaft in Lebensanschauungen des 18. und 19. Jahrhunderts.
Viertes Kapitel.
Individuum und Gesellschaft in
Lebensanschauungen des 18. und 19.
Jahrhunderts.
(Beispiel der Philosophischen Soziologie.)
Das eigentliche praktische Problem der Gesellschaft liegt in dem Verhältnis,
das ihre Kräfte und Formen zu dem Eigenleben der Individuen besitzen. Mag die
Gesellschaft an den Individuen oder noch außerhalb dieser existieren. Aber
selbst wer ein eigentliches „Leben“ nur den Individuen zuerkennte und das
Leben der Gesellschaft mit dem ihrer einzelnen Mitglieder identifizierte, würde
eine Vielheit tatsächlicher Konflikte nicht leugnen können. Einerseits, weil die
sozialen Elemente an den Individuen eben zu dem Sondergebilde „Gesellschaft“
zusammenrinnen und dieses eigene Träger und Organe gewinnt, die dem
Einzelnen mit Forderungen und Exekutiven wie eine ihm fremde Partei
gegenübertreten. Andrerseits ist der Konflikt gerade durch das Einwohnen der
Gesellschaft in dem Einzelnen nahegelegt. Denn die Fähigkeit des Menschen,
sich selbst in Parteien zu zerlegen und irgendeinen Te i l seiner selbst als sein
eigentliches Selbst zu empfinden, das mit andern Teilen kollidiert und um die
Bestimmung seines Handelns kämpft — diese Fähigkeit setzt den Menschen,
insoweit er sich als Sozialwesen fühlt, in ein oft gegensätzliches Verhältnis zu
den durch seinen Gesellschaftscharakter nicht ergriffenen Impulsen und
Interessen seines Ich: der Konflikt zwischen der Gesellschaft und dem
Individuum setzt sich in das Individuum selbst als der Kampf seiner Wesensteile
fort. Der umfassendste und tiefstgreifende Zwist zwischen der Gesellschaft und
dem Individuum scheint mir nicht auf einen einzelnen Interesseninhalt zu gehen,
sondern auf die allgemeine Form des Einzellebens. Die Gesellschaft will eine
Ganzheit und organische Einheit sein, so daß jedes ihrer Individuen nur ein Glied ist; in die spezielle Funktion, die es als solches zu üben hat, soll es
womöglich seine gesamten Kräfte gießen, soll sich umformen, bis es ganz zum
geeignetsten Träger dieser Funktion geworden ist. Allein gegen diese Rolle
sträubt sich der Einheits- und Ganzheitstrieb, den das Individuum für sich allein
hat. Es will in sich abgerundet sein und nicht nur die ganze Gesellschaft
abrunden helfen, es will die Gesamtheit seiner Fähigkeiten entfalten, gleichviel,
welche Verschiebungen unter ihnen das Interesse der Gesellschaft forderte.
Dieser Widerstreit zwischen dem Ganzen, das von seinen Elementen die
Einseitigkeiten der Teilfunktion fordert, und dem Teil, der selbst ein Ganzes sein
will, ist prinzipiell nicht zu lösen: man kann kein Haus aus Häusern bauen,
sondern nur aus besonders geformten Steinen, keinen Baum aus Bäumen
erwachsen lassen, sondern nur aus differenzierten Zellen. Diese Formulierung
scheint mir den Gegensatz der beiden Parteien deshalb so weitgreifend zu
umschreiben, weil sie ihn über die übliche Reduktion auf Egoismus und
Altruismus vollkommen hinausführt. Denn einerseits freilich erscheint das
Ganzheitsstreben des einzelnen als Egoismus, dem der Altruismus seiner
Einordnung als einseitig geformten sozialen Gliedes gegenübersteht; andrerseits
aber ist dieses Verlangen der Gesellschaft ein Egoismus, eine Vergewaltigung
des Einzelnen durch die Vielen und ihren Nutzen, die jenen oft zu einer völligen
Vereinseitigung und Verkümmerung bringt; und daß das Individuum darauf
drängt, sich in sich zu vollenden, braucht keineswegs als Egoismus zu gelten,
sondern kann ein objektives Ideal sein, bei dem durchaus nicht nach seinem
Erfolg für das Glück und die im engeren Sinne persönlichen Interessen des
Subjekts gefragt wird, ein überpersönlicher Wert, der sich an der Persönlichkeit
verwirklicht.
Mit dem zuletzt Angedeuteten, sogleich weiter Auszuführenden scheint mir
allerdings eine ganz wesentliche Entwicklungsstufe des kulturphilosophischen
Bewußtseins erreicht, auf der auch die Ethik des Individuums, und indirekt die
der Gesellschaft, ein neues Licht empfängt. Es ist die populäre Meinung, daß
alle Absichten, die sich in dem undurchbrochenen Seins- und Interessenkreise
des wollenden Individuums selbst halten, egoistischer Natur wären. Diese wäre
nur da überwunden, wo der Wille sich auf das Wohl des Du oder der
Gesellschaft richte. In Wirklichkeit aber hat die tiefere Reflexion über die
Lebenswerte schon lange ein Drittes festgestellt, am entschiedensten vielleicht
bei Goethe und Nietzsche, wenn auch nicht in abstrakter Formulierung: daß die
Vollkommenheit des Individuums rein als solche und gleichgültig gegen ihre
Bedeutung für irgendwelche andere oder dieser nur zufällig verbunden, ein
objektiver Wert sei, der sich aber auch ebenso unabhängig gegen den eigenen Glücks- oder Unglückszustand dieses Individuums stellen kann. Was ein Mensch
nach Kraft und Vornehmheit, nach Leistungen und Harmonie der Existenz
bedeutet, ist unzählige Male ohne Beziehung dazu, was er selbst oder was andere
d a v o n h a b e n. Die Welt ist eben so viel wertvoller dadurch, daß ein in sich
wertvolles, in seinem Sein vollkommenes Wesen in ihr lebt. Natürlich besteht
solcher Wert unzählige Male in der praktischen Hingebung an Einzelne oder an
Gesamtheiten; allein ihn darauf zu beschränken, ist ein willkürliches
moralistisches Dogma. Auch gibt es eine Schönheit und Perfektion des Daseins,
ein Arbeiten an sich selbst, eine leidenschaftliche Bemühung um ideale Güter,
welches alles sich in das Gefühl seines Trägers keineswegs immer als Glück
fortsetzt. Diese Einstellung, sozusagen von dem weltmäßigen Wert her, setzt
doch nur eine entsprechende des individuellen Bewußtseins fort. Jeder höhere
Mensch begehrt unzählige Male Zustände und Geschehnisse, Erkenntnisse und
Werke, in deren So-Sein und Dasein er ein definitiv befriedigendes Ziel sieht.
Gelegentlich mag Förderung oder Befinden Anderer solchen Willensinhalt
ausmachen; notwendig aber ist dies nicht, die Sache selbst wird gewollt, nur um
ihrer eigenen Verwirklichung willen, und andere daher ebenso zu opfern wie sich
selbst, ist kein zu hoher Preis: jenes fiat justitia pereat mundus oder die
Erfüllung des göttlichen Willens, bloß weil es der göttliche ist, der Fanatismus
des Künstlers, den die Vollendung seines Werkes jede altruistische wie
egoistische Rücksicht vergessen macht, oder der politische Idealist, den die
Begeisterung für eine Verfassungsform ganz gleichgültig dagegen macht, wie
sich die Individuen dabei befinden — alles dies sind Beispiele für jene, bis zu
ganz unscheinbaren Inhalten herabgehende, rein objektive Wertung. Das
handelnde Subjekt weiß sich selbst nur als den eigentlich zufälligen Gegenstand
oder Vollbringer dieses Auftrags von der Sache her; die Leidenschaft für sie
fragt hier so wenig nach dem Ich, dem Du, der Gesellschaft als solcher, wie der
Wert des Weltzustandes sich etwa ausschließlich (wenn auch natürlich zum Teil)
an deren Lust oder Leid messen läßt. Aber es liegt auf der Hand, daß die von
Personen und Gesamtheiten, soweit sie sich als letzte Wertinstanzen fühlen,
herkommenden Ansprüche mit diesen objektiven nicht ohne weiteres
zusammengehen. Insbesondere, wo der Einzelne einen solchen objektiven Wert
an sich selbst oder einem sozial nicht geschätzten Werk herzustellen strebt, ist es
der Gesellschaft höchst gleichgültig, daß er dabei durchaus überegoistisch
verfährt. Sie fordert ihn für sich und will ihn in die ihrer Ganzheit einfügsame
Form bringen, oft in so harter Unverträglichkeit mit derjenigen, die er als
objektiven Wert sich selbst abverlangt, wie sie nur zwischen einem rein
egoistischen und einem sozialen Anspruch bestehen mag. Die mit jenen
Wertungen erreichte Stufe hat freilich den Gegensatz von Egoismus und Altruismus hinter sich gelassen; aber der zwischen dem Einzelnen und der
Gesellschaft versöhnt sich prinzipiell auch auf ihr nicht.
Einen verwandten und doch nach der letzten, weltanschaulichen Gesinnung
anders orientierten Gegensatz läßt die moderne Auseinanderlegung der
soziologischen Begriffe oft um dieselben materiellen Inhalte spielen. Die
Gesellschaft — und ihr Repräsentant im Einzelnen, das sozial-sittliche Gewissen
— verlangt unzählige Male ein Spezialistentum, das nicht nur, wie
hervorgehoben, die harmonische Totalität des Menschen unentwickelt läßt oder
zerstört; sondern inhaltlich stellt jenes sich oft ebenso feindlich zu den
Eigenschaften, die man die allgemein menschlichen zu nennen pflegt. Den
Unterschied zwischen dem Menschheitsinteresse und dem sozialen Interesse hat,
wie es scheint, zuerst Nietzsche mit prinzipieller Deutlichkeit gefühlt. Die
Gesellschaft ist e i n e der Formungen, in die die Menschheit die Inhalte ihres
Lebens bringt; aber weder ist sie für diese a l l e wesentlich, noch ist sie die
einzige, innerhalb deren die Entwicklung des Menschlichen sich vollzieht. Alle
rein sachlichen Bedeutsamkeiten, an denen unsere Seele irgendwie teilhat, die
logische Erkenntnis und die metaphysische Phantasie über die Dinge, die
Schönheit des Daseins und sein Bild in der Selbstherrlichkeit der Kunst, das
Reich der Religion und der Natur — alles dies, soweit es zu unserem Besitz
wird, hat innerlich und seinem Wesen nach mit „Gesellschaft“ nicht das
mindeste zu schaffen; die Menschheitswerte, die sich an unserem größeren oder
geringeren Besitz innerhalb dieser idealen Welten messen, haben zu den sozialen
Werten, mit denen sie sich freilich oft genug kreuzen, eine nur zufällige
Beziehung. Andrerseits sind die rein personalen Eigenschaften: Kraft und
Schönheit, Denktiefe und Gesinnungsgröße, Milde und Vornehmheit, Mut und
Herzensreinheit — von einer autonomen Bedeutung, die von ihren sozialen
Verflechtungen völlig unabhängig ist. Es sind Werte des menschlichen Seins und
als solche von den sozialen Werten, die immer auf den W i r k u n g e n von
Personen beruhen, durchaus getrennt; sie sind freilich zugleich Elemente des
sozialen Geschehens, als Wirkungen wie als Ursachen, aber dies ist nur e i n e
Seite ihrer Bedeutung, während die andere in der bloßen, nicht über sich
hinausweisenden Tatsache ihres Daseins an der Persönlichkeit besteht. Dieses,
genau genommen, unmittelbare Sein der Menschen aber ist für Nietzsche der
Ort, an dem die jeweilige Höhe des Menschengeschlechts sich erhebt. Ihm sind
alle gesellschaftlichen Institutionen, alles Geben und Nehmen des Individuums,
wodurch es zum Sozialwesen wird, nur Vorbedingungen oder Folgen der
Beschaffenheitswerte des Einzelnen, mit denen er eine Stufe der
Menschheitsentwicklung ausmacht. Alle utilitarisch-soziale Wertung hängt nicht ganz von der Eigenbedeutung der Persönlichkeit ab, sondern auch von denen,
die sein Tun aufnehmen, sein Wert tritt damit aus ihm heraus, und er empfängt
ihn nur zurück als den Reflex von Vorgängen und Gebilden, in denen sich seine
Eigenheit mit ihm äußeren Wesen und Umständen gemischt hat. Daraufhin hat
schon die Ethik, vor allem die Kantische, den Schätzungsgrund des Menschen
von seinem Tun in seine Gesinnung zurückverlegt: der gute Wille, eine nicht
näher zu beschreibende Beschaffenheit des letzten Quellpunktes unseres
Handelns, hinter aller Erscheinung des letzteren stehend, mache unseren Wert
aus, während diese Erscheinung selbst und mit ihr alle Wirksamkeiten schon
eine bloße Folge seien, die jenes Wesentliche bald richtig ausdrücke, bald
verzerre und so von den Mächten der Phänomenalität in ein bloß zufälliges
Verhältnis zu dem Grundwert gesetzt werde. Nietzsche hat dies verbreitert oder
prinzipieller gefaßt, indem er den Kantischen Gegensatz zwischen Gesinnung
und äußeren Taterfolgen, der schon von sich aus den Wert des Individuums aus
seiner sozialen Abhängigkeit erlöste, in den zwischen dem Sein und den
Wirkungen des Menschen überführte. Das qualitative S e i n der Persönlichkeiten
aber dokumentiert, wohin es die Entwicklung unserer Art gebracht hat, mit ihren
jeweilig höchsten Exemplaren schreitet die Menschheit über ihre Vergangenheit
hinaus. Die Grenzen des bloß gesellschaftlichen Daseins, die Wertabmessung
des Menschen nach seinen Wirkungen sind damit durchbrochen. Die Menschheit
ist so nicht nur ein quantitatives Mehr der Gesellschaft gegenüber, sie ist nicht
die Summe aller Gesellschaften, sondern eine völlig eigenartige Synthese
derselben Elemente, die in andrer die Gesellschaften ergeben. Dem Individuum
gegenüber sind beides gleichsam zwei verschiedene methodische
Gesichtspunkte, von denen aus es betrachtet werden kann, die es mit
verschiedenen Maßen messen und deren Ansprüche aufs härteste kollidieren
können. Was uns mit der Menschheit als Ganzem verbindet und was wir als
Beitrag zu ihrer Gesamtentwicklung leisten können: Religiöses und
Wissenschaftliches, interfamiliäre und internationale Interessen, die ästhetische
Vervollkommnung der Persönlichkeit und die rein sachliche, auf keinerlei
„Nutzen“ ausgehende Produktion — alles dies mag gelegentlich auch der
Gesellschaft, in die wir historisch hineingewachsen sind, förderlich sein;
prinzipiell aber ist es von weit über sie hinwegsehenden Forderungen abhängig,
die der Höherbildung und sachlichen Bereicherung des Typus Mensch dienen
und sich bis zum Gegensatz gegen die spezielleren Ansprüche zuspitzen, wie sie
von der Gruppe, die für uns „die Gesellschaft“ ist, gestellt werden. In vielen
andern Beziehungen aber drängt diese Gesellschaft auf ein Nivellement ihrer
Mitglieder, innerhalb ihres engeren Kreises schafft sie einen Durchschnitt, über
den mit individuellen Besonderheiten der Quantität und Qualität des Lebens hinauszustreben sie ihren Elementen auf das äußerste erschwert. Die
Besonderung, die sie dem menschlich Allgemeinen entgegen fordert, verbietet
sie gegenüber dem sozial Allgemeinen. So ist die Persönlichkeit von zwei Seiten
her bedrängt: die Gesellschaft gibt ihr ein Maß, das sie weder in der Richtung
des Allgemeineren, noch in der des Individuelleren überschreiten darf. Diese
Konflikte, in die der Einzelne nicht nur seiner politischen Gruppe, sondern auch
der Familie wie dem Wirtschaftsverband, der Partei wie der religiösen Gemeinde
gegenüber gerät, haben sich schließlich in der neueren Geschichte zu dem
sozusagen abstrakten Bedürfnis nach individueller Freiheit sublimiert. Dies ist
der Allgemeinbegriff, der das Gemeinsame der mannigfachen Beschwerden und
Selbstbehauptungen des Individuums gegenüber der Gesellschaft deckte.
Es ist das 18. Jahrhundert, in dem das Bedürfnis nach Freiheit überhaupt,
nach Lösung der Fesseln, mit denen die Gesellschaft als solche das Individuum
als solches gebunden hat, seine stärkste Bewußtheit und Wirksamkeit fand.
Diese prinzipielle Forderung ist feststellbar in ihrer volkswirtschaftlichen
Einkleidung bei den Physiokraten, die die freie Konkurrenz der Einzelinteressen
als die natürliche Ordnung der Dinge preisen; in ihrer gefühlsmäßigen
Ausgestaltung durch Rousseau, für den die Vergewaltigung des Menschen durch
die geschichtlich gewordene Gesellschaft der Ursprung aller Verkümmerung und
alles Bösen ist; in ihrer politischen Formung durch die Französische Revolution,
die die individuelle Freiheit so ins Absolute steigerte, um den Arbeitern sogar
die Vereinigungen zur Wahrung ihrer Interessen zu untersagen; in ihrer
philosophischen Sublimierung durch Kant und Fichte, die das Ich zum Träger
der erkennbaren Welt und seine absolute Autonomie zu dem sittlichen Werte
schlechthin machten. Die Unzulänglichkeit der gesellschaftlich gültigen
Lebensformen im 18. Jahrhundert im Verhältnis zu den materiellen und geistigen
Produktivkräften der Zeit kam den Individuen als eine unerträgliche Bindung
ihrer Energien zum Bewußtsein: so die Vorrechte der oberen Stände, wie die
despotische Kontrolle von Handel und Wandel, die immer noch mächtigen Reste
der Zunftverfassungen wie der unduldsame Zwang des Kirchentums, die
Fronpflichten der bäuerlichen Bevölkerung wie die politische Bevormundung im
Staatsleben und die Einengungen der Stadtverfassungen. In der Bedrücktheit
durch solche Institutionen, die jedes innere Recht verloren hatten, entstand das
Ideal der bloßen Freiheit des Individuums; wenn nur jene Bindungen fielen, die
die Kräfte der Persönlichkeit in ihr unnatürliche Bahnen zwängen, so würden
alle inneren und äußeren Werte, zu denen die Spannkräfte vorhanden, aber
politisch, religiös, wirtschaftlich lahmgelegt waren, sich entfalten und die
Gesellschaft aus der Epoche der historischen Unvernunft in die der natürlichen Vernünftigkeit überführen. Weil die Natur all jene Bindungen nicht kannte,
erschien das Ideal der Freiheit als das des „natürlichen“ Zustandes. — Versteht
man unter Natur das ursprüngliche Sein unserer Gattung und jedes einzelnen
Menschen (unbeschadet einer Zweideutigkeit des „Ursprünglichen“: als zeitlich
Ersten und als wesenhaft Fundamentalen), an das der Kulturprozeß sich ansetzt
—, so suchte das 18. Jahrhundert in einer gewaltigen Synthese den End- oder
Höhepunkt dieses Prozesses wieder an seinen Ausgangspunkt zu knüpfen. Die
Freiheit des Einzelnen war zu leer und zu schwach, um seine Existenz zu tragen;
wenn die historischen Mächte sie nicht mehr erfüllten und stützten, so leistete
dies nun die Idee, daß man diese Freiheit nur recht rein und restlos zu gewinnen
brauchte, um sich wieder auf dem Urgrund unseres gattungsmäßigen und
persönlichen Seins zu befinden, der so sicher und fruchtbar wäre wie die Natur
überhaupt.
Dieses Freiheitsbedürfnis des Individuums, das sich durch die geschichtliche
Gesellschaft eingeengt und deformiert fühlte, führt aber in seiner Verwirklichung
zu einem Selbstwiderspruch. Denn es ist offenbar nur dann dauernd zu
realisieren, wenn die Gesellschaft aus lauter gleich starken und innerlich wie
äußerlich genau gleich begünstigten Individuen besteht. Da diese Bedingung
aber nirgendwo erfüllt ist, vielmehr die machtgebenden und rangbestimmenden
Kräfte der Menschen durchaus von vornherein ungleich sind, qualitativ wie
quantitativ, so wird jene völlige Freiheit unvermeidlich zum Ausnutzen dieser
Ungleichheit seitens der Begünstigten führen, der Klugen gegenüber den
Dümmeren, der Starken gegenüber den Schwachen, der Zugreifenden gegenüber
den Schüchternen. Sind alle äußeren Hemmnisse beseitigt, so muß die
Verschiedenheit der inneren Potenzen sich in einer entsprechenden
Verschiedenheit der äußeren Positionen ausdrücken: die Freiheit, die die
allgemeine Institution gibt, wird durch die personalen Verhältnisse wieder
illusorisch, und da in allen Machtverhältnissen der einmal gewonnene Vorsprung
den Gewinn eines weiteren erleichtert — wovon die „Akkumulierung des
Kapitals“ nur ein Einzelfall ist —, so wird sich die Ungleichheit der Macht in
raschen Progressionen erweitern und die Freiheit des so Bevorzugten immer sich
auf Kosten der Freiheit des Unterdrückten entfalten. Aus diesem Grunde war die
paradoxe Frage durchaus gerechtfertigt, ob nicht die Vergesellschaftung aller
Produktionsmittel die einzige Bedingung wäre, unter der — die freie
Konkurrenz durchzuführen wäre! Nur also, indem man dem Einzelnen die
Möglichkeit gewaltsam nimmt, seine eventuelle Überlegenheit über den
Niederen voll auszunutzen, kann ein überall gleiches Maß von Freiheit in der
Gesellschaft herrschen. Darum ist es unter Voraussetzung dieses Ideals nicht richtig, daß der Sozialismus die Aufhebung der Freiheit bedeute. Er hebt
vielmehr nur dasjenige auf, was bei gegebener Freiheit zum Mittel wird, die
Freiheit der einen zugunsten der andern zu unterdrücken: den Privatbesitz, der
nicht nur zum Ausdruck, sondern sogar zum Multiplikator der individuell
verschiedenen Kräfte wird und diese Verschiedenheit so lange zu steigern
vermag, bis sich — in radikalem Ausdruck — an dem einen Pol der Gesellschaft
ein Maximum von Freiheit, an dem andern ein Minimum gesammelt hat. Die
volle Freiheit eines jeden kann nur bei voller Gleichheit mit jedem andern
statthaben. Diese aber ist nicht nur im ganz Persönlichen unerreichbar, sondern
auch im Ökonomischen, solange dieses die Ausnutzung persönlicher
Überlegenheiten gestattet. Erst indem diese Möglichkeit ausgeschaltet, d. h. der
Privatbesitz an Produktionsmitteln aufgehoben wird, ist hier Gleichheit möglich,
und also die von der Ungleichheit nicht abtrennbare Schranke der Freiheit
beseitigt. Unleugbar tritt gerade an dieser „Möglichkeit“ die tiefe Antinomie von
Freiheit und Gleichheit hervor, da sie nur durch die Versenkung beider in das
Negative der Besitz- und Machtlosigkeit zu lösen ist. Es scheint, als ob damals
nur Goethe sie klar durchschaut hätte: die Gleichheit, sagt er, verlange
Subordinierung unter eine allgemeine Norm, die Freiheit „strebe ins
Unbedingte“; „Gesetzgeber oder Revolutionärs, die Gleichheit und Freiheit
zugleich versprechen, sind Phantasten oder Scharlatans“. Es war vielleicht ein
Instinkt für diesen Sachverhalt, der der Freiheit und Gleichheit als dritte
Forderung die Brüderlichkeit hinzufügen ließ. Denn verwirft man das Mittel des
Zwanges, um den Widerspruch zwischen Freiheit und Gleichheit aufzuheben, so
führt nur der ausdrückliche Altruismus zu demselben Erfolge: nur durch
sittlichen Verzicht auf das Geltendmachen natürlicher Vorzüge wäre die
Gleichheit wiederherzustellen, nachdem die Freiheit sie vernichtet hätte. Im
übrigen aber ist der typische Individualismus des 18. Jahrhunderts gegen diese
innere Schwierigkeit der Freiheit völlig blind. Jene ständischen, zünftigen,
kirchlichen, geistigen Bindungen, gegen die er sich wehrte, hatten unzählige
Ungleichheiten zwischen den Menschen geschaffen, deren Ungerechtigkeit und
deren nur äußerlich-historischen Ursprung man empfand. So schloß man, daß die
Beseitigung der Institutionen, mit der d i e s e Ungleichheiten fallen müßten, alle
Ungleichheiten überhaupt aus der Welt schaffen würde. Freiheit und Gleichheit
erschienen als die selbstverständlich harmonischen Seiten eines einzigen
Menschheitsideals.
Dies wurde nun noch von einer tieferen geschichtlichen Strömung getragen:
von dem eigentümlichen Naturbegriff in dem Geiste jener Zeit. Das 18.
Jahrhundert war in seinen theoretischen Interessen durchaus naturwissenschaftlich orientiert: es hat, die Arbeit des 17. fortsetzend, den
modernen Begriff des Naturgesetzes als das höchste Erkenntnisideal statuiert.
Für dieses aber verschwindet die eigentliche Individualität, das
Unvergleichliche, Unauflösliche des einzelnen Daseins. Hier besteht nur das
allgemeine Gesetz, und jede Erscheinung, ein Mensch oder ein Nebelfleck in der
Milchstraße, ist nur ein einzelner Fall desselben, ist selbst bei völliger
Unwiederholtheit seiner Form ein bloßer Schnittpunkt und auflösbares
Zusammen schlechthin allgemeiner Gesetzesbegriffe. So mindestens verstand
man damals die „Natur“ — nur die Dichter verstanden sie anders. Darum steht
der allgemeine Mensch, der Mensch überhaupt, im Interessenzentrum dieser
Zeit, statt des historisch gegebenen, des besonderen und differenzierten. Dieser
letztere ist prinzipiell auf jenen reduziert, in jeder individuellen Person lebt als
ihr Wesentliches jener allgemeine Mensch, wie jedes noch so besonders
gestaltete Stück Materie doch in seinem Wesen die durchgehenden Gesetze der
Materie überhaupt darstellt. Damit aber ergibt sich zugleich das Recht, Freiheit
und Gleichheit von vornherein zueinander gehören zu lassen. Denn wenn das
Allgemeinmenschliche, sozusagen das Naturgesetz Mensch, als der wesentliche
Kern in jedem, durch empirische Eigenschaften, gesellschaftliche Stellung,
zufällige Bildung individualisierten Menschen besteht, so braucht man ihn eben
nur von all diesen historischen, sein tiefstes Wesen überdeckenden Einflüssen
und Ablenkungen zu b e f r e i e n , damit als dieses Wesen das allen Gemeinsame,
der Mensch als solcher, an ihm hervortrete. Hier liegt der Drehpunkt dieses
Individualitätsbegriffes, der zu den großen geistesgeschichtlichen Kategorien
gehört: wenn der Mensch von allem, was nicht ganz er selbst ist, befreit wird,
wenn er sich selbst gefunden hat, so verbleibt als die eigentliche Substanz seines
Daseins der Mensch schlechthin, die Menschheit, die in ihm wie in jedem andern
lebt, das immer gleiche Grundwesen, das nur empirisch-historisch verkleidet,
verkleinert, entstellt ist. Wenn Freiheit bedeutet, daß sich in der ganzen
Peripherie des Daseins das zentrale Ich unbehindert und restlos ausdrückt, daß
der Punkt des unbedingten Selbst im Menschen die Alleinherrschaft über seine
Existenz besitzt, so ist dies nun derjenige, in dem alle Menschen wesentlich
gleich sind, der reine Begriff der Menschheit, das Allgemeine, gegen das alle
u n t e r s c h i e d e n e Individualität etwas Äußerlich-Zufälliges ist. Diese
Bedeutung des Allgemeinen ist es, aus der heraus die Literatur der
Revolutionszeit fortwährend von dem Volke, dem Tyrannen, der Freiheit ganz
im allgemeinen spricht; derentwegen die „natürliche Religion“ eine Vorsehung
überhaupt, eine Gerechtigkeit überhaupt, eine göttliche Erziehung überhaupt hat,
ohne das Recht besonderer Gestaltungen dieses Allgemeinen anzuerkennen;
derentwegen das „Naturrecht“ auf der Fiktion isolierter und gleichartiger Individuen beruht. Für diese Anschauung zergeht die Gemeinsamkeit im Sinne
der Kollektiveinheit — der kirchlichen oder wirtschaftlichen, der ständischen
oder der staatlichen (da dem Staate nur die negative Funktion des Schutzes, des
Abhaltens von Störungen zukommt); es bleibt der auf sich ruhende, individuell
freie Einzelmensch, und an die Stelle jener historisch-sozialen Gemeinsamkeiten
tritt die Überzeugung von der Allgemeinheit der Menschennatur, die als das
Wesentliche, Unverlierbare, immer Identifizierbare in jedem subsistiert, nur
aufgefunden und an ihm aufgedeckt zu werden braucht, damit er vollkommen
sei. Und wie sie jene Isolierung der Individuen mildert und erträglich macht, so
macht sie ebenso die Freiheit sittlich möglich, indem sie die Entwicklung der
Ungleichheit, die unvermeidliche Konsequenz dieser, von der Wurzel her
abzuschneiden scheint. Darum kann Friedrich der Große den Fürsten als „den
ersten Richter, den ersten Finanzmann, den ersten Minister der Gesellschaft“
bezeichnen, in demselben Atem aber als „einen M e n s c h e n wie den geringsten
seiner Untertanen“. Mit alledem überträgt sich die soziologische Antinomie, von
der ich ausging, in die Paradoxe der Moral: daß sie die innerste, eigenste
Bewegtheit des Menschen ist und zugleich den Verzicht auf das Selbst fordert;
und in die der Religion: wer seine Seele verliert, der wird sie gewinnen.
In der Philosophie Kants erlangt dieser Begriff der Individualität seine
höchste intellektuelle Sublimierung. Alles Erkennen, so lehrt er, kommt
zustande, indem die an sich zusammenhangslose Mannigfaltigkeit der
Sinneseindrücke zu Einheiten geformt wird. Dies ist dadurch möglich, daß der
Intellekt, in dem dies sich abspielt, selbst eine Einheit, ein Ich ist. Daß wir statt
vorüberhuschender Empfindungen ein Bewußtsein von G e g e n s t ä n d e n haben,
ist der Ausdruck der Vereinheitlichung, die unser Ich an jenen vornimmt, das
Objekt ist das Gegenbild des Subjekts. So wird das Ich — nicht das zufällige,
psychologische, individuelle, sondern das fundamentale, schöpferische,
unwandelbare — zum Träger und Produzenten der Objektivität; die Erkenntnis
ist in dem Maße objektiv wahr, sachlich notwendig, in dem sie von jenem reinen
Ich, von der letzten Instanz in der erkennenden Seele, geformt wird. Aus dieser
unerschütterlichen Voraussetzung der e i n e n Wahrheit, der e i n e n o b j e k t i v e n
Welt, folgt deshalb, daß in allen Menschen das Ich, das jene bildet oder bilden
könnte, immer das gleiche sein muß. So ist der Kantische Idealismus, der die
erkennbare Welt zum Produkte des Ich macht und zugleich an der Einzigkeit und
Immergleichheit der wahren Erkenntnis festhält, ein Ausdruck jenes
Individualismus, der in allem, was Mensch ist, den unbedingt gleichen Kern
sieht, der das im Tiefsten Produktive in uns allen für ebenso gleichartig — wenn
auch nicht immer gleich entwickelt und erscheinend — halten muß, wie die erkannte Welt, die für jeden, der Mensch ist, dieselbe ist. — In derselben Tiefe,
in der für Kant aus der Gleichheit der Ichs die G l e i c h h e i t ihrer Welten
erwächst, wurzelt ihm ihre F r e i h e i t . Das Ich des Idealismus, als dessen
Vorstellung allein eine Welt gegeben sein kann, verkörpert die absolute
Unabhängigkeit der Person von allen Bedingungen und Bestimmungen
außerhalb ihrer. Indem das Ich alle bewußten Daseinsinhalte formt, darunter
auch das empirische Ich, kann es nicht selbst wieder von irgendwelchen unter
ihnen geformt werden. Aus allen Verflechtungen mit der Natur, mit einem Du,
mit der Gesellschaft hat das Ich hier seine absolute Souveränität
herausgewonnen, es steht so sehr auf sich selbst, daß sogar seine Welt noch auf
ihm stehen kann. Dieses Ich müssen alle geschichtlichen Mächte schon
gewähren lassen, da es überhaupt nichts über sich, ja, nichts neben sich hat und
seinem Begriffe nach keinen andern Weg gehen kann, als den seine eigene
Wesensform ihm vorzeichnet. Indem diese Epoche die von aller Bindung und
Sonderbestimmung gelöste und deshalb immer gleiche Individualität: das
Abstraktum Mensch — zur letzten Substanz der Persönlichkeit macht, steigert
sie jenes Abstraktum zugleich zum letzten W e r t e dieser. Der Mensch, sagt Kant,
ist zwar unheilig genug, aber die Menschheit in ihm ist heilig. Und Schiller:
„Der Idealist denkt von der Menschheit so groß, daß er darüber in Gefahr
kommt, die Menschen zu verachten.“ Für Rousseau, der gewiß ein starkes
Gefühl für die individuellen Verschiedenheiten hat, liegen diese dennoch auf der
Oberfläche: je mehr der Mensch zu seinem eigenen Herzen zurückkehrt, statt der
äußeren Relationen seine innere Absolutheit erfaßt, um so stärker fließt in ihm,
d. h. in jedem gleichmäßig, die Quelle der Güte und des Glücks. Wenn so der
Mensch wirklich er selbst ist, besitzt er eine gesammelte Kraft, die für mehr als
seine Selbsterhaltung ausreicht und die er sozusagen auf andere überströmen
kann, durch die er die andern in sich aufnehmen, mit sich identifizieren kann:
wir sind also um so sittlich wertvoller, um so mitleidiger und gütiger, je mehr
jeder nur er selbst ist, d. h. je mehr er jenen innersten Kern in sich souverän
werden läßt, in dem alle Menschen, jenseits der Verworrenheit ihrer
gesellschaftlichen Bindungen und zufälligen Einkleidungen, identisch sind.
Indem das echte Individuum mehr ist als die empirische Individualität, hat es in
diesem Mehr die Möglichkeit, abzugeben, seinen empirischen Egoismus zu
übergreifen. Der Naturbegriff bildet hier zugleich den Knotenpunkt zwischen
Natur und Ethik; seine Doppelrolle im 18. Jahrhundert kommt in Rousseau zum
stärksten Ausdruck. Ich wies auf ihre Bedeutung für das Individualitätsproblem
schon hin: die Natur ist nicht nur das, was eigentlich allein i s t , das Substantielle
in allem Flackern und Wirbeln der Geschichte, sondern sie ist zugleich das
Seinsollende, das Ideal, um dessen wachsende Verwirklichung es sich erst handelt. Dies kann als widerspruchsvoll erscheinen: daß das wahrhaft Seiende
ein erst noch zu erreichendes Ziel sein solle. Tatsächlich aber sind dies die
beiden Seiten eines einheitlich-psychologischen Verhaltens zu mehr als einem
von unseren Wertbegriffen, das wir nicht anders als in jener für die Logik nicht
kommensurabeln Zweiheit ausdrücken können. Und gerade in der Besonderung
zu dem Ichproblem wird die Doppelbedeutung des „Natürlichen“ am ehesten
nachfühlbar. Wir fühlen in uns eine letzte Realität, die das Wesen unseres
Wesens bildet und mit der sich dennoch unsere empirische Wirklichkeit nur sehr
unvollkommen deckt — keineswegs nur ein über der letzteren schwebendes,
phantasiehaftes Ideal, sondern in irgendeiner Form doch schon daseiend, wie mit
ideellen Linien in unsere Existenz eingezeichnet, aber doch die N o r m für diese
enthaltend, der vollen Herausarbeitung und Ausgestaltung in dem Material
unseres Daseins erst harrend. Im 18. Jahrhundert wird diese Empfindung höchst
mächtig: daß das Ich, welches wir ja schon sind, doch ein erst zu erarbeitendes
sei — weil wir es eben nicht rein und absolut sind, sondern in Verhüllungen und
Entstellungen durch unsere geschichtlich-gesellschaftlichen Schicksale; und daß
diese Normierung des Ich durch das Ich sittlich gerechtfertigt sei, weil jenes
ideale, im höheren Sinne wirkliche Ich das allgemein menschliche sei und durch
seine Erreichung die wahre Gleichheit unter allem, was Mensch ist, erreicht
werde. Ganz erschöpfend hat Schiller das ausgedrückt: „Jeder individuelle
Mensch trägt, der Anlage und Bestimmung nach, einen reinen, idealischen
Menschen in sich, mit dessen unveränderlicher Einheit in allen seinen
Abwechselungen übereinzustimmen, die große Aufgabe seines Daseins ist.
Dieser reine Mensch gibt sich, mehr oder weniger deutlich, in jedem Subjekt zu
erkennen.“
Die Formel des „kategorischen Imperativ“, in die Kant unsere sittliche
Aufgabe zusammenfaßt, ist die tiefsinnigste Ausgestaltung dieses Begriffes der
Individualität. Er stellt zuerst den ganzen moralischen Wert des Menschen auf
die Freiheit. Solange wir Teile des Mechanismus der Welt, die gesellschaftliche
eingeschlossen, sind, haben wir so wenig „Wert“ wie die ziehende Wolke oder
das verwitternde Gestein. Erst indem wir aus einem bloßen Produkt und
Schnittpunkt äußerer Kräfte zu einem aus dem eigenen Ich heraus entwickelten
Wesen werden, können wir v e r a n t w o r t l i c h sein und damit ebenso die
Möglichkeit der Schuld wie die des sittlichen Wertes erwerben. Innerhalb des
natürlich-gesellschaftlichen Kosmos gibt es kein „Fürsichsein“, keine
„Persönlichkeit“: wenn wir uns aber auf die absolute Freiheit stellen — das
metaphysische Gegenbild des laissez faire — gewinnen wir zugleich
Persönlichkeit und die Würde des Sittlichen. Was aber das Sittliche sei, drückt der „kategorische Imperativ“ aus: „Handle so, daß die Maxime deines Willens
zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ Hiermit ist
das Ideal der Gleichheit zum Sinne alles Sollens geworden. Aller
selbstschmeichlerischen Einbildung ist vorgebeugt, als sei man zu einem ganz
besonderen Handeln und Genießen berechtigt, weil man „anders als die andern“
sei: die sittliche Rechtsprechung „ohne Ansehen der Person“, die Gleichheit vor
dem moralischen Gesetz ist in der Forderung vollendet, daß die eigene Handlung
widerspruchslos als die notwendige Handlungsweise Aller gedacht werden
könne. Die Freiheit, als der Quell aller Sittlichkeit, erhält ihren Inhalt an der
Gleichheit, die absolut auf sich allein stehende, selbstverantwortliche
Persönlichkeit ist eben diejenige, deren Handeln durch die prinzipiell gleiche
Berechtigung aller zu ebendemselben sittlich legitimiert wird. Nicht nur: allein
der freie Mensch ist sittlich, sondern: allein der sittliche Mensch ist frei, — weil
nur s e i n Handeln jene allgemeine Gesetzlichkeit besitzt, die ausschließlich an
dem unbeeinflußten, auf sich allein stehenden Ich wirklich ist. Dadurch hat der
Individualitätsbegriff des 18. Jahrhunderts: die persönliche Freiheit, die die
Gleichheit nicht aus-, sondern einschließt, weil die wahre „Person“ in jedem
zufälligen Menschen eben die gleiche ist, — in Kant seine abstrakte Vollendung
gefunden.
Im 19. Jahrhundert nun geht dieser in zwei Ideale auseinander, die man, ganz
roh und vieler Einschränkungen bedürftig, als die Tendenz auf Gleichheit ohne
Freiheit und auf Freiheit ohne Gleichheit bezeichnen könnte. Die erstere
durchzieht den Sozialismus, freilich ohne ihn zu erschöpfen, aber doch mit
tieferer Bedeutung, als seine meisten Vertreter zugeben; indem diese die
mechanische Gleichmacherei energisch ablehnen, täuschen sie sich über die
Rolle, die der Gleichheitsgedanke immer als Träger sozialistischer Idealbildung
spielen wird. Die Vergesellschaftung der Produktionsmittel mag, wie ich schon
hervorhob, viele individuelle Unterschiede zur Geltung bringen, die jetzt durch
die Einrangierung in ein Klassenniveau, durch mangelhafte Ausbildung, durch
Arbeitsübermaß, durch Not und Sorge verkümmern. Dennoch würde dem
jetzigen Zustand gegenüber das Ausschalten der unverdienten Bevorzugungen
und Zurücksetzungen durch Geburt, Konjunkturen, Kapitalansammlung,
Verschiedenwertung des gleichen Arbeitsquantums usw. jedenfalls zur
erheblichsten Nivellierung der ökonomischen Lagen führen. Und gemäß der
strengen Abhängigkeit, die gerade für die sozialistische Theorie zwischen dem
wirtschaftlichen und dem gesamten geistigen Status herrscht, müßte die relative
Ausgleichung in jenem ihr Gegenbild in einer umfassenden personalen finden.
Die Hauptsache aber ist, daß die je nach den Programmen verschiedenen Nivellierungsmaße doch nur die Oszillationen der Theorie um die Tatsache des
Gleichheitsideales bedeuten, die zu den großen charakterologischen
Bestimmtheiten der Menschheit gehört. Es wird immer einen Typus von
Personen geben, deren soziale Wertgedanken mit der Gleichheit Aller
schlechthin abschließen, so nebelhaft und gar nicht im einzelnen ausdenkbar
dieses Ideal sei — gerade wie für einen andern Typus die Unterschiede und
Distanzen einen letzten unreduzierbaren, durch sich selbst gerechtfertigten Wert
der gesellschaftlichen Existenzform ausmachen. Wenn nun freilich einer der
führenden Sozialisten behauptet, alle sozialistischen Maßregeln, auch die
äußerlich sich als Zwänge darstellen, gingen auf Ausbildung und Sicherung der
freien Persönlichkeit, zum Beispiel bedeute der Maximalarbeitstag nur das
Verbot, auf die persönliche Freiheit für länger als eine bestimmte Zahl von
Stunden zu verzichten, stünde also prinzipiell dem Verbote gleich, sich dauernd
in persönliche Knechtschaft zu verkaufen — so zeigt das, daß er noch innerhalb
des Individualismus des 18. Jahrhunderts und seines schematischen
Freiheitsbegriffes steht. Vielleicht ist kein empirischer Mensch a u s s c h l i e ß l i c h
von der einen oder von der andern jener beiden Tendenzen geleitet, vielleicht
würde auch die absolute Verwirklichung der einen oder der andern etwas ganz
Unmögliches sein; das hindert nicht, daß sie die Grundtypen der
Charakterverschiedenheiten in ihrer gesellschaftlichen Äußerungsweise sind. Wo
eine von beiden einmal besteht, wird man ihren Träger durch verstandesmäßige
Gründe nicht umstimmen; denn solche Tendenz geht nicht aus
Zweckmäßigkeitsüberlegungen um eines höheren Endzweckes willen — z. B.
des allgemeinen Glückes der der personalen Vervollkommnung oder der
Rationalisierung des Lebens — hervor, so oft sie sich auch für das nachträgliche
Bewußtsein so darstellen wird. Sie ist vielmehr selbst die letzte Instanz, auf der
sich dann erst alle andern Absichten, Entscheidungen, Deduktionen aufbauen; in
ihr drückt sich das Sein des Menschen, die Substanz seines Wesens aus. Sein
Verhältnis zu seinen Mitmenschen ist für ihn etwas zu Wichtiges,
Weitgreifendes, Fundamentales, als daß nicht die Entscheidung, ob er ihnen
gleich oder ungleich ist, sein will oder sein soll — im einzelnen wie im Prinzip
— aus seinem tiefsten Wesensgrund kommen müßte. Aus den Naturen, die in
dieser Weise dem ganz allgemeinen Gleichheitsideal zu tendieren, scheint mir
der Sozialismus seine meisten, jedenfalls seine fanatischsten Anhänger zu
beziehen. — Das Verhältnis nun, das die relative Gleichheit eines sozialisierten
Zustandes zu der Freiheit zeigen würde, ist ein sehr kompliziertes. Es unterliegt
einer typischen Zweideutigkeit, mit der die Differenzierung der Klassen sehr oft
einheitliche, die Gesamtheit treffende Einflüsse oder Umgestaltungen heimsucht:
indem nämlich die Ausbildungsstufe und die Lebensbedingungen der Gruppenteile äußerst verschiedenartig sind, wird eine gemeinsame Modifikation
des Daseins an diesen Teilen äußerst verschiedenartige, ja, diametral
entgegengesetzte Erfolge auslösen. Ebendasselbe Maß allgemeiner Egalisierung,
das dem unter der fortwährenden Hungerchance lebenden, von den Härten der
Lohnarbeit bedrückten Arbeiter ein sehr hohes Maß von Freiheit gewähren
würde, müßte für den Unternehmer, den Rentier, den Künstler, den Gelehrten,
für die führenden Persönlichkeiten der jetzigen Ordnung eine mindestens ebenso
erhebliche Einschränkung ihrer Freiheit bedeuten. Es ist ein formal
entsprechender soziologischer Dualismus, der die Frauenfrage spaltet: dieselbe
Freiheit zu wirtschaftlicher Produktivität, die von Frauen der höheren Stände
ersehnt wird, damit sie zu fundierter Selbständigkeit und befriedigender
Kraftbewährung kämen — eben diese ist für die Fabrikarbeiterin die
fürchterliche Hemmung, ihren Pflichten und ihrem Glück als Frau und Mutter
nachzugehen. Die Aufhebung der häuslich-familiären Umschränktheit läuft, auf
zwei klassenmäßig verschiedene Schichten treffend, in eine völlige
Wertverschiedenheit ihrer Erfolge aus. Diese Umbiegung hat also die Synthese
von Freiheit und Gleichheit in der sozialistischen Strömung erlitten: der Akzent
ist auf die Gleichheit gerückt, und nur daß diese von der Klasse, deren Interessen
der Sozialismus vertritt, im ersten Augenblick als Freiheit empfunden werden
würde, hat dieser Partei den Antagonismus beider Ideale ferngestellt.
Nun könnte freilich die Freiheitseinbuße, die der Sozialismus gewissen
gesellschaftlichen Schichten auferlegen würde, nur eine Übergangserscheinung
sein, nur so lange bestehend, wie die Nachwirkungen des jetzigen Zustandes
noch Unterschiedsempfindungen Raum geben. Gegenüber den oben berührten
Schwierigkeiten für die Vereinigung von Freiheit und Gleichheit bleibt dem
Sozialismus überhaupt nichts übrig, als auf eine A n p a s s u n g an die Gleichheit
zu rekurrieren, die als Gesamtbefriedigung auch die über sie hinausgehenden
Freiheitswünsche zurückbildete. Indes ist das Anrufen der allaushelfenden
Anpassung schon deshalb bedenklich, weil sie sich jeder gegenteiligen Chance
nicht weniger bereitwillig leiht. Nicht weniger plausibel könnte man behaupten,
daß die auf soziale D i f f e r e n z e n ausgehenden Freiheitsinstinkte sich an jede
Verminderung des absoluten Quantums dieser Differenzen anpassen könnten. Da
unsere Empfindungen von Natur auf R e i z u n t e r s c h i e d e angewiesen sind, so
würden, nach einer kurzen Anpassungsperiode, die individuellen Unterschiede
an die geringen Lagedifferenzen, die selbst der sozialisierteste Zustand nicht
beseitigen kann, die ganz unverminderten Leidenschaften des Begehrens und des
Neides, der Herrschaft und des Unterdrücktheitsgefühles knüpfen. Die
Ausübung der Freiheit auf Kosten anderer fände, angesichts jener psychologischen Struktur des Menschen, selbst bei der äußersten erreichbaren
Gleichheit ein unvermindert ergiebiges Ausbreitungsfeld. Und wenn man selbst
die Gleichheit nur in dem Sinne der Gerechtigkeit verstünde: daß die sozialen
Einrichtungen einem jeden sein Freiheitsquantum nicht mit mechanischer
Immergleichheit, sondern genau im Verhältnis seiner qualitativen Bedeutung
zumäßen — so würde dies doch unrealisierbar sein, und zwar auf Grund einer
selten hervorgehobenen Tatsache, die indes für das Verhältnis zwischen dem
Einzelnen und der Gesellschaft von der tiefsten Bedeutsamkeit ist. Während
jedes gesellschaftliche Leben eine Stufenfolge von Über- und Unterordnungen
— schon aus technischen Gründen — fordert, und unter dieser Voraussetzung
Gleichheit im Sinne der Gerechtigkeit nur bedeuten kann, daß die persönliche
Qualifikation und die Stelle auf jener Skala sich genau entsprechen — ist diese
Proportion überhaupt und prinzipiell unmöglich, und zwar aus dem sehr
einfachen Grunde: daß es immer mehr Personen gibt, die zu übergeordneten
Stellungen befähigt sind, als es übergeordnete Stellungen gibt. Von den
Millionen Untertanen eines Fürsten gibt es sicher eine große Anzahl, die ebenso
gute oder bessere Fürsten sein würden; von den Arbeitern einer Fabrik sehr
viele, die ebensogut Unternehmer oder wenigstens Werkführer sein könnten; von
den gemeinen Soldaten sehr viele, die die volle, wenngleich latente Qualifikation
zum Offizier haben. Hierin liegt die Beobachtungswahrheit des Sprichwortes:
Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den Verstand dazu. Der zur Ausfüllung
höherer Stellungen erforderte „Verstand“ ist eben bei vielen Menschen
vorhanden, aber er bewährt, entwickelt, offenbart sich erst, wenn sie diese
Stellungen einnehmen. Bedenkt man die barocken Zufälle, durch die die
Menschen auf allen Gebieten in ihre Positionen gelangen, so wäre es ein
unbegreifliches Wunder, daß nicht eine sehr viel größere als die tatsächliche
Summe von Unfähigkeit in der Ausfüllung derselben hervortritt, wenn man nicht
annehmen müßte, daß eben die Fähigkeiten zu den Stellungen in sehr großer
Verbreitung vorhanden sind. Diese Inkommensurabilität zwischen dem Quantum
der Befähigungen zur Überordnung und dem ihrer möglichen Betätigung erklärt
sich vielleicht aus dem Unterschiede zwischen dem Charakter der Menschen als
Gruppenwesen und als Individuen, den diese Blätter zuvor erörtert haben. Die
Gruppe als solche ist niedrig und führungsbedürftig, weil die Individuen im
ganzen nur die Allen gemeinsamen Seiten ihrer Persönlichkeit in sie
hineingeben; welches immer die gröberen, primitiveren, „untergeordneten“ sind.
Sobald also überhaupt gruppenmäßige Vereinigungen stattfinden, ist es
zweckmäßig, daß die ganze Masse sich in der Form der Unterordnung unter
Wenige organisiere. Das verhindert aber nicht, daß jeder einzelne aus dieser
Masse für sich höhere, feinere Eigenschaften besitze. Nur sind diese individueller, gehen nach v e r s c h i e d e n e n Seiten über den Gemeinbesitz hinaus
und helfen deshalb der Niedrigkeit derjenigen Qualitäten nicht auf, in denen sich
alle mit Sicherheit begegnen. Aus diesem Verhältnis folgt, daß die Gruppe als
Ganzes des Führers bedarf, es also nur viele Untergeordnete und nur wenig
Übergeordnete geben kann, andrerseits aber jeder einzelne aus der Gruppe höher
qualifiziert bzw. öfter zu einer führenden Stellung „berufen“ ist, als er als
Gruppenelement realisieren kann. Auch in der sozialen Struktur geht es nach
dem Grundsatz zu: Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt. Mit dieser
Antinomie findet sich das ständische Prinzip und die jetzige Ordnung ab, indem
sie Klassen pyramidenförmig mit immer geringerer Mitgliederzahl
übereinanderbauen und dadurch die Zahl der zu leitenden Stellungen
„Qualifizierten“ a priori einschränken. Da es bei Gleichberechtigung aller zu
allen Stellen unmöglich wäre, jeden berechtigten Anspruch zu erfüllen, so trifft
die ständische und klassenmäßige Ordnung eine von vornherein beschränkende
Auswahl, die sich gar nicht nach den Individuen richtet, sondern umgekehrt die
Individuen präjudiziert. Ob eine sozialistische Ordnung schließlich ohne ein
solches Apriori für Über- und Unterordnung auskommen würde, ist fraglich. In
ihr soll einerseits, unter Wegfall jeder zufälligen Chance, nur die Begabung über
die Erreichung der Positionen entscheiden, andrerseits jede Begabung sich „frei“
entwickeln, d. h. die ihr angemessene Stelle finden, infolgedessen es, nach dem
eben Erörterten, mehr Über- als Untergeordnete, mehr Befehlende als
Ausführende geben müßte. Bedeutet Freiheit im sozialen Sinn, daß jedes Maß
individueller Kraft und Bedeutung sich in dem Mischungsmaß von Führen und
Folgen innerhalb der Gruppe adäquat ausdrückt, so ist sie von vornherein
ausgeschlossen: den Konflikt zwischen der individuellen Totalität des Menschen
und seinem Wesen als Element der Gruppe, der jene Proportion und damit die
Synthese von Freiheit und Gleichheit auf der Basis der Gerechtigkeit hindert,
kann auch eine sozialistische Verfassung nicht beseitigen, weil er sozusagen zu
den l o g i s c h e n Voraussetzungen der Gesellschaft überhaupt gehört.
Ich begnüge mich gegenüber dem vielbehandelten Verhältnis des
Sozialismus zur individuellen Freiheit mit diesen fragmentarischen Andeutungen
und skizziere jetzt die eigentümliche Form des Individualismus, die die Synthese
des 18. Jahrhunderts mit ihrer Gründung der Gleichheit auf die Freiheit und der
Freiheit auf die Gleichheit auflöste. An die Stelle jener Gleichheit, die das tiefste
Sein der Menschen ausspricht und andrerseits erst realisiert werden s o l l , setzt
sie die Ungleichheit — die, ebenso wie dort die Gleichheit, nur der Freiheit
bedürfe, um aus ihrer vielfach bloßen Angelegtheit und Möglichkeit
heraustretend, das menschliche Dasein zu bestimmen. Die Freiheit bleibt der Generalnenner, auch bei dieser Entgegengesetztheit ihrer Korrelate. Sobald das
Ich im Gefühl der Gleichheit und Allgemeinheit hinreichend erstarkt war, suchte
es wieder die Ungleichheit, aber nur die von innen heraus gesetzte. Nachdem die
prinzipielle Lösung des Individuums von den verrosteten Ketten der Zunft, des
Geburtsstandes, der Kirche vollbracht war, geht sie nun dahin weiter, daß die so
verselbständigten Individuen sich auch v o n e i n a n d e r unterscheiden wollen:
nicht mehr darauf, daß man überhaupt ein freier Einzelner ist, kommt es an,
sondern daß man dieser Bestimmte und Unverwechselbare ist. Das moderne
Differenzierungsstreben kommt damit zu einer Steigerung, die seine soeben erst
gewonnene Form wieder dementiert, ohne daß diese Entgegengesetztheit an der
Identität des Grundtriebes irre machen dürfte. Er geht durch die ganze Neuzeit:
das Individuum sucht nach sich selber, als ob es sich noch nicht hätte, und ist
doch sicher, an seinem Ich den einzig festen Punkt zu haben. Begreiflich genug
verlangt es bei der unerhörten Erweiterung des theoretischen und des praktischen
Gesichtskreises nach einem solchen immer dringlicher, und kann ihn nun aber in
keiner der Seele äußeren Instanz mehr finden. Das Doppelbedürfnis: nach
zweifelsfreier Deutlichkeit und nach rätselhafter Unergründlichkeit, durch die
geistige Entwicklung des modernen Menschen immer weiter
auseinandergetrieben, stillt sich, als wenn es ein einziges wäre, am Ich, an dem
Gefühle der Persönlichkeit — freilich kommen auch dem Sozialismus seine
psychologischen Hilfskräfte einerseits aus begrifflich demonstrierendem
Rationalismus, andrerseits aus ganz dunkeln, vielleicht atavistisch-
kommunistischen Instinkten. Alle Verhältnisse zu Andern sind so schließlich nur
Stationen des Weges, auf dem das Ich zu sich selber kommt: mag es sich den
andern im letzten Grunde gleichfühlen, weil es, auf sich und seinen Kräften
allein stehend, noch dieses stützenden Bewußtseins bedarf, sei es, daß es der
Einsamkeit seiner Qualität gewachsen ist und die vielen eigentlich nur da sind,
damit jeder einzelne an den andern seine Unvergleichbarkeit und die
Individualität seiner Welt ermessen könne.
Diese Individualisierungstendenz führt also historisch, wie ich schon
andeutete, über das Ideal der zwar völlig freien und selbstverantwortlichen, aber
der Hauptsache nach gleichen Persönlichkeiten zu dem andern: der gerade ihrem
tiefsten Wesen nach unvergleichlichen Individualität, die zu einer nur durch sie
ausfüllbaren Rolle berufen ist. Im 18. Jahrhundert klingt dies Ideal schon an, bei
Lessing, Herder, Lavater; den Christuskult des letzteren hat man seiner
Sehnsucht, selbst Gott zu individualisieren, zugeschoben und noch eine
Steigerung davon seinem Verlangen nach immer neuen Christusbildern. Seine
erste volle Ausgestaltung gewinnt diese Form des Individualismus im Kunstwerk: im Wilhelm Meister. Denn in den Lehrjahren wird zum ersten Male
eine Welt gezeichnet, die ganz auf die individuelle Eigenheit ihrer Individuen
gestellt ist und sich nur durch diese organisiert und entwickelt, und zwar ganz
unbeschadet der Tatsache, daß die Figuren als Typen gemeint sind; so oft sie sich
in der Realität wiederholen mögen, es bleibt der innere Sinn jeder einzelnen, daß
jede gerade in ihrem letzten Grunde von der andern, an die das Schicksal sie
rühren läßt, unterschieden ist, daß der A k z e n t des Lebens und der Entwicklung
nicht auf dem Gleichen, sondern auf dem absolut Eigenen ruht. In den
Wanderjahren rückt das Interesse von den Menschen auf die Menschheit — nicht
in dem Sinne des abstrakten Menschen überhaupt, den wir im 18. Jahrhundert
herrschen sehen, sondern im Sinne der Kollektivität, der konkreten Gesamtheit
der lebenden Gattung. Und nun ist es höchst interessant, wie jener auf die
Unvergleichlichkeit, die qualitative Einzigkeit gehende Individualismus sich
auch auf der Basis dieses Interesses geltend macht. Nicht die ganze
Persönlichkeit innerhalb der Gesellschaft wird von der Besonderheitsforderung
her gewertet, sondern die objektive L e i s t u n g der Persönlichkeit für die
Gesellschaft. „Narrenpossen sind, so heißt es jetzt, eure allgemeine Bildung und
alle Anstalten dazu. Daß ein Mensch e t w a s vorzüglich leiste, wie nicht leicht
ein anderer in der nächsten Umgebung, darauf kommt es an.“ Diese ganze
Gesinnung ist der absolute Gegensatz zu dem Ideal der freien und gleichen
Persönlichkeiten, den Fichte einmal, diese Geistesströmung in einen Satz
zusammendrängend, so formuliert: „Ein Vernunftwesen muß schlechthin ein
Individuum sein, aber nicht eben dieses oder jenes bestimmte“ — und in der
Forderung, daß das individuelle, unterschiedlich bestimmte Ich sich im sittlichen
Prozeß wieder in das reine, absolute Ich — die philosophische Kristallisierung
des „allgemeinen Menschen“ des 18. Jahrhunderts — hinaufentwickle. Wie in
zugespitzter Antithese hierzu hat Friedrich Schlegel den neuen Individualismus
in die Formel gefaßt: „Gerade die Individualität ist das Ursprüngliche und Ewige
im Menschen; an der Personalität ist so viel nicht gelegen. Die Bildung und
Entwicklung dieser Individualität als höchsten Beruf zu treiben, wäre göttlicher
Egoismus.“
Dieser neue Individualismus hat seinen Philosophen in Schleiermacher
gefunden. Für ihn ist die sittliche Aufgabe gerade die, daß jeder die Menschheit
auf eine b e s o n d e r e Weise darstelle. Gewiß ist jeder einzelne ein
„Kompendium“ der ganzen Menschheit, ja, noch weitergehend, eine Synthese
der Kräfte, die das Universum bilden, aber ein jeder formt dieses allen
gemeinsame Material zu einer völlig einzigen Gestalt, und auch hier wie bei der
früheren Anschauung ist die Wirklichkeit zugleich die Vorzeichnung des Sollens: nicht nur als schon Seiender ist der Mensch unvergleichlich, in einen
nur von ihm erfüllten Rahmen gestellt, sondern, von anderer Seite gesehen, ist
die Verwirklichung dieser Unvergleichbarkeit, das Ausfüllen dieses Rahmens,
seine s i t t l i c h e Aufgabe, jeder ist b e r u f e n , sein eigenes, nur ihm eigenes Urbild
zu verwirklichen. Der große weltgeschichtliche Gedanke, daß nicht nur die
Gleichheit der Menschen, sondern auch ihre Verschiedenheit eine sittliche
Forderung sei, wird durch Schleiermacher zum Drehpunkt einer
Weltanschauung: durch die Vorstellung, daß das Absolute nur in der Form des
Individuellen lebe, daß die Individualität nicht eine Einschränkung des
Unendlichen sei, sondern sein Ausdruck und Spiegel, wird das Sozialprinzip der
Arbeitsteilung in den metaphysischen Grund der Dinge eingesenkt. Freilich hat
die in die letzten Tiefen der individuellen Natur hinabreichende Differenzierung
leicht einen mystisch-fatalistischen Zug. („So mußt du sein, dir kannst du nicht
entfliehen. S o s a g t e n s c h o n S i b y l l e n , s o P r o p h e t e n .“) Dessentwegen
mußte sie dem hellen Rationalismus der Aufklärungsepoche fremd bleiben,
während sie sich eben durch ihn der Romantik empfahl, zu der Schleiermacher
in engster Beziehung stand. Für diesen Individualismus — man könnte ihn den
qualitativen nennen gegenüber dem quantitativen des 18. Jahrhunderts oder den
der Einzigkeit gegenüber dem der Einzelheit — war die Romantik vielleicht der
breiteste Kanal, durch den er in das Bewußtsein des 19. Jahrhunderts einfloß.
Wie Goethe die künstlerische, Schleiermacher die metaphysische, so schuf sie
ihm die Basis des Gefühls, des Erlebens. Die Romantiker haben sich zuerst
wieder nach Herder (in dem deshalb auch ein Quell der qualitativen
Individualistik zu suchen ist) in die Besonderheit, Einzigkeit der historischen
Realitäten hineingelebt; das Recht und die singuläre Schönheit des geschmähten
Mittelalters, des Orients, den die Aktivitätskultur des liberalen Europas
verachtete, haben sie tief gefühlt: in diesem Sinn will Novalis seinen „einen
Geist“ sich in unendlich viele fremde verwandeln lassen und sagt, daß er
„gleichsam in allen Gegenständen steckt, die er betrachtet, und die unendlichen,
gleichzeitigen Empfindungen eines zusammenstimmenden Pluralis fühlt“. Vor
allem aber: der Romantiker erlebt innerhalb seines i n n e r e n Rhythmus die
Unvergleichbarkeit, das Sonderrecht, das scharfe, qualitative Sich-
gegeneinander-Absetzen seiner Elemente und Momente, das diese Form des
Individualismus ja auch zwischen den Bestandteilen der G e s e l l s c h a f t sieht.
Auch hier zeigt Lavater ein interessantes Vorläufertum: seine Physiognomik
vergräbt sich manchmal so in das Spezielle der sichtbaren und inneren Züge des
Menschen, daß er zu dessen g a n z e r Individualität nicht zurückgelangt, sondern
an dem Interesse für dieses Individuell-Einzelnste hängen bleibt. Die
romantische Seele durchfühlt eine endlose Reihe von Gegensätzen, von denen jeder einzelne im Augenblick seines Gelebtwerdens als Absolutes, Fertiges,
Selbstgenugsames erscheint, um im nächsten überwunden zu werden, und
genießt in dem Anderssein des einen gegen den andern das Selbst eines jeden
erst ganz. „Wer nur auf einem Punkte klebt, ist nichts als eine vernünftige
Auster“, sagt Friedrich Schlegel. Das Leben des Romantikers überträgt in das
proteische Nacheinander seiner Gegensätzlichkeiten von Stimmung und
Aufgabe, von Überzeugung und Gefühl das Nebeneinander des
Gesellschaftsbildes, in dem jeder einzelne durch seinen Unterschied gegen den
andern, durch die personale Einzigkeit seines Wesens und seiner Betätigungen
erst den Sinn seiner Existenz findet — der individuellen nicht weniger als der
sozialen.
Diese Auffassung und Aufgabe des Individuums weist in ihrer rein
gesellschaftlichen Wendung ersichtlich auf die Herstellung eines höheren
Ganzen aus den so differenzierten Elementen hin. Je eigenartiger die Leistung
(aber auch die Bedürfnisse) des Einzelnen, desto dringender ist die gegenseitige
Ergänzung, desto höher erhebt sich über die arbeitsteiligen Glieder der
Gesamtorganismus, der aus ihnen zusammenwächst und ihre
ineinandergreifenden Wirkungen und Gegenwirkungen einschließt und
vermittelt. Die Besonderheit der Individuen fordert eine Verfassungsmacht, die
dem Einzelnen seinen Platz anweist, aber damit auch zum Herrn über ihn wird.
Darum schlägt dieser Individualismus (die Freiheit auf ihren rein innerlichen
Sinn beschränkend) leicht in antiliberale Neigungen um und bildet auch so das
volle Gegenstück zu dem des 18. Jahrhunderts, der aus seinen atomisierten und
prinzipiell als ununterschieden gesetzten Individuen konsequenterweise gar nicht
zu der Idee einer Gesamtheit als eines aus mannigfaltigen Gliedern
vereinheitlichten Organismus gelangen konnte. Wodurch dieser vielmehr die
freien und gleichen Elemente zusammenhält, das ist ausschließlich das über
allen stehende G e s e t z , dessen Bedeutung es ist, die Freiheit eines jeden so weit
einzuschränken, daß sie mit der Freiheit eines jeden zusammen bestehen kann,
das Gesetz, dessen Paten die Gesetzlichkeit einer mechanistisch konstruierten
Natur und das Gesetz im römisch-rechtlichen Sinne waren. Von beiden Seiten
her entgeht diesem Individualismus das konkret-soziale Lebensgebilde, das nicht
aus den isolierten und gleichen Einzelnen summierbar ist, sondern sich nur aus
den arbeitsteiligen Wechselwirkungen und über dieselben als eine in den
Einzelnen auch nicht pro rata auffindbare Einheit erhebt.
Die Lehre von Freiheit und Gleichheit ist die geistesgeschichtliche
Grundlage der freien Konkurrenz, die der differentiellen Persönlichkeiten ist die
Grundlage der Arbeitsteilung. Der Liberalismus des 18. Jahrhunderts stellte den Einzelnen auf seine eigenen Füße, und nun durfte er ganz so weit gehen, wie
diese ihn trugen. Die Theorie ließ die naturgegebene Verfassung der Dinge dafür
sorgen, daß die unbeschränkte Konkurrenz der Einzelnen zu einer Harmonie
aller Interessen zusammenging, daß das Ganze sich bei dem rücksichtslosen
Streben zum individuellen Vorteil am besten befände: das ist die Metaphysik,
mit der der Naturoptimismus des 18. Jahrhunderts die freie Konkurrenz sozial
rechtfertigt. Mit dem Individualismus des Andersseins, der Vertiefung der
Individualität bis zur Unvergleichlichkeit des Wesens ebenso wie der Leistung,
zu der man berufen ist — war nun auch die Metaphysik der Arbeitsteilung
gefunden. Die beiden großen Prinzipien, die in der Wirtschaft des 19.
Jahrhunderts untrennbar zusammenwirken: Konkurrenz und Arbeitsteilung —
erscheinen so als die wirtschaftlichen Projizierungen der philosophischen
Aspekte des sozialen Individuums oder diese umgekehrt als die Sublimierungen
jener ökonomisch-realen Produktionsformen; oder, vielleicht richtiger und die
Möglichkeit dieser doppelten Verhältnisrichtungen begründend, entspringen sie
gemeinsam einer jener tiefen Wandlungen der Geschichte, die wir nicht nach
ihrem eigentlichen Wesen und Motiv, sondern nur nach den Erscheinungen
erkennen können, die sie gleichsam in der Mischung mit den einzelnen,
inhaltlich bestimmten Provinzen des Lebens ergeben.
Die Folgen freilich, die die unbeschränkte Konkurrenz und die arbeitsteilige
Vereinseitigung der Individuen für deren innere Kultur ergeben haben, lassen sie
nicht gerade als die geeignetsten Mehrer dieser Kultur erscheinen. Vielleicht
aber gibt es über der wirtschaftlichen Form der Zusammenwirksamkeit der
beiden großen soziologischen Motive — der einzigen bisher realisierten — noch
eine höhere, die das verhüllte Ideal unserer Kultur ist. Lieber aber möchte ich
glauben, daß die Idee der schlechthin freien Persönlichkeit und die der
schlechthin einzigartigen Persönlichkeit noch nicht die letzten Worte des
Individualismus sind; daß die Arbeit der Menschheit immer mehr, immer
mannigfaltigere Formen aufbringen wird, mit denen die Persönlichkeit sich
bejahen und den Wert ihres Daseins beweisen wird. Und wenn in glücklichen
Perioden diese Mannigfaltigkeiten sich zu Harmonien zusammenordnen, so ist
doch auch ihr Widerspruch und Kampf jener Arbeit nicht nur ein Hemmnis,
sondern ruft sie zu neuen Kraftentfaltungen auf und führt sie zu neuen
Schöpfungen.
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Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of electronic works in formats readable by the widest variety of computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks of life.
Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will remain freely available for generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org
Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit 501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its volunteers and employees are scattered throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to date contact information can be found at the Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact
For additional contact information:
Dr. Gregory B. Newby
Chief Executive and Director
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Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
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While we cannot and do not solicit contributions from states where we have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us with offers to donate.
International donations are gratefully accepted, but we cannot make any statements concerning tax treatment of donations received from outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
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