Hunters
Kapitel Eins
Das Hecheln des Monsters war meilenweit zu hören. Ein ungutes Gefühl stieg in Shireen auf, als sie den gigantischen Schwanz des Biests schon aus der Ferne erkannte. Klar, sie hatte schon oft solche Dinger beseitigt. Aber gleich so ein Großes … und das mitten in er Innenstadt! Glücklicherweise hatte das Monster einen weniger beliebten Ort gewählt – eine Art Garagenhof, der auch schon mal bessere Tage gesehen hatte. Ratten huschten durch enge Gassen zwischen den Gebäuden und ließen ihre Hinterlassenschaften auf dem ganzen Hof liegen. Dazu kamen umgefallene Mülltonnen und Autoteile, verteilt über das gesamte Gebiet. Shireen rümpfte ihre Nase. Das Biest hatte seine schuppigen Köpfe in einer der Mülltonnen vergraben und gab grunzende Geräusche von sich. Mit zitternden Händen zog Shireen ihre Waffe hervor: eine metallene Armbrust, die im Sonnenlicht funkelte. Sie bestand wie gewöhnliche Armbrüste aus einem Pfeil und der Säule, auf der keltische Zeichen und geschwungene Bilder eingraviert waren. Zugegeben nicht die modernste Waffe, aber damit hatte Shireen schon immer Vorlieb genommen. Mit wild schlagendem Herzen fokussierte sie den Hintern des Giganten. Chimären waren schwer zu fangen. Sie waren riesig, besaßen unglaublich viele Glieder und trieften förmlich vor giftigem Schleim. Und sie stanken. Bestialisch. Shireen hatte sich schon immer gewünscht, ein so großes Monster zu erlegen. Für gewöhnlich träumten siebzehnjährige Mädchen von ganz anderen Sachen, - aber Shireen war nicht so. Kein Wunder, mit einem Kopfgeldjäger und einer Archäologin als Eltern konnte sie auch nicht normal sein. Und dann war da noch diese unglaubliche Faszination, die die Fabelwesen bei Shireen auslösten, und die Kampflust, die sie überkam, immer wenn sie das Brüllen eines Drachen hörte oder die blutgierigen Augen eines Vampirs erblickte. Auch das Preisgeld war meist gar nicht so übel – womit sonst würde sie ihr College finanzieren können? Als Shireen bemerkte, wie sehr sie mal wieder in ihre Gedanken abgedriftet war, stellte sie sich gerade auf und hob ihr Kinn, bemühte sich, das Monster zu fokussieren. Doch ehe sie das tun konnte, erkannte sie, dass die Chimäre ihre Anwesenheit bereits gewittert hatte. Ruckartig schlüpfte ihr schlammfarbener, dreckiger Kopf aus der Mülltonne und blickte sich um. Die Augen, zu Schlitzen geformt, suchten die Umgebung nach potentieller Beute ab. Das Biest, das wie eine Mischung aus Echse, Löwe und Ziege aussah, bewegte sich in Richtung Straße. Shireen hielt ihren Atem an, sprang zur Seite, um sich für einen Augenblick hinter einem verlassenen Haus zu verstecken. Sie brauchte Zeit. Zeit, um sich zu sammeln und auszurechnen, in welchem Winkel sie schießen musste, um das Biest so zu erwischen, dass es mit einem Mal klappte. Das tat sie immer, bevor sie schoss. Sie konnte nicht leichtfertig handeln. Konnte sich nicht einfach auf die Monster stürzen, so wie es ihr Vater bevorzugte. Nein, sie hatte immer einen Plan gehabt. Doch der Druck überwog. Ihr Herz hämmerte gegen ihre Brust und sie spürte, wie die Panik ihr die Luft zuschnürte. Und dann erschienen die Bilder vor ihrem inneren Auge. Die Chimäre. Am Boden. Ihr Vater, der sich stolz über sie beugte und seine Beute präsentierte. »Alles klar«, flüsterte sie sich zu und setzte ein Lächeln auf, bevor sie einen Schritt nach rechts machte, und sich der Bestie stellte. Sie stand ihr gegenüber. Die Chimäre verharrte an derselben Stelle. Chimären waren nicht besonders intelligent. Wenn es etwas gab, für das existierten, dann war das lediglich ihr Wille zu Töten. Und Shireen hatte ein unglaublich großes Verlangen, es ihnen auszutreiben. Sie griff sich den Bogen, zog ihn zurück, und wenige Sekunden später schoss er direkt in Richtung Chimäre. Mit einem dumpfen Knall landete der in Gift getränkte Pfeil auch schon in der Brust des Ungeheuers. Die Chimäre brüllte auf. Mist, dachte Shireen. Ein Fehltreffer. Die Chimäre hob ihre riesigen Pfoten und stampfte damit direkt vor Shireens Füßen auf. Nur einen Zentimeter hatte es gefehlt, um sie umzuhauen. Doch sie war schnell genug gewesen, um aus dem Weg zu springen. Unsanft landete sie auf dem Steinboden. Sie packte sich an die Seite und schnappte sich ihre Armbrust, bevor die Chimäre erneut zu wüten began. Sie schwang ihren monströsen Kopf in Richtung Shireen und öffnete ihr stinkendes Maul. Gift tropfte von ihren messerscharfen Zähnen auf den Betonboden und erzeugte beim Aufkommen merkwürdigen, ätzenden Dampf. Schnell betrachtete Shireen ihre Hände. Ihre Fingerknöchel waren aufgeschlagen und wund, jede Bewegung schmerzte. Doch das hielt Shireen nicht weiterhin auf. Sie hatte es schon mit größeren Verletzungen zutun gehabt. Nach einmal tief ein-und ausatmen zückte sie einen weiteren, metallenen Bogen und zielte diesmal auf den Rücken des Ungeheuers. Die Chimäre schien sie bereits aus den Augen verloren zu haben, mit geöffnetem Maul keuchte sie und versuchte, mittels Geruchssinn ihren Feind ausfindig zu machen. Als Shireen losrann und einen Bogen um die Chimäre machte, spitzte sie ihre Ohren und spürte ihre Anwesenheit. Sie fuhr mit ihren drei Köpfen herum und schnappte nach Shireen. Shireen jedoch sprang ihr aufs Maul, griff sich an ihrem stoppeligen, harten Fell fest und hielt den Pfeil fest in der Hand. Die Chimäre schlug den Kopf nach hinten. Aufkeuchend landete Shireen auf dem Rücken des Monsters, das seinen Kopf suchend umherbewegte. Nur mit Mühe schaffte Shireen es, sich an dem lebendigen Wirrwarr aus Schuppen und Fell festzuhalten. Während sie mit der einen Hand immer noch den Pfeil hielt, kämpfte sie sich mit der anderen Hand zum stacheligen Schwanz des Biests vor. Ein Mal war sie fast abgerutscht, trotzdem war es ihr gelungen, sich zu halten. Und dann war der Zeitpunkt gekommen. Sie hob den rechten Arm, richtete den Pfeil auf den Rücken der Chimäre. Diese schien zu spüren, dass etwas nicht stimmte, und blieb einen kurzen Augenblick still stehen. »Also, Schätzchen. Jetzt ist aber auch mal Schluss«, grinste Shireen und hämmerte den Pfeil mit unglaublicher Kraft in den Rücken des Monsters. Noch bevor die Chimäre anfangen konnte, wieder rumzuschreien, klappte sie zusammen. Ihre Augen klebten starr an Shireen, die sich mit Schwung von ihr hievte. Das Hämmern ihres Herzes verstummte, ihr Atem verlangsamte sich. Sie hatte es geschafft. Zufrieden blickte sie sich um. Keiner schien etwas von ihrem kleinen Kämpfchen mitbekommen zu haben. Bei dieser ausgestorbenen Gegend – Kein Wunder. Sie grub ihr Handy aus ihrer Tasche und schaute auf ihr Display. Das Ganze Theater hatter gerade mal 15 Minuten gedauert. Für einen Kampf mit einer wildgewordenen Chimäre, nicht schlecht. Das Nachrichtensymbol begann zu blinken und Shireen hoffte inständig, dass es sich dabei nicht um ihre Mutter handelte. Ihre Mutter, eine weltweit anerkannte Archäologin und Doktorin, war stets besorgt um ihre Tochter. »Wenn du nicht irgendwann damit aufhörst, dich mit Monstern rumzuschlagen, bekomme ich noch einen Anfall«, meinte sie immer. Diese Hysterie ließ sich auch in ihrer Nachricht wiedererkennen.
Wir müssen reden. Jetzt! Es geht um die Schule!
Sie seufzte. Bevor sie das Handy wieder wegsteckte, verschickte sie noch schnell eine SMS an ihren Auftraggeber, Jack Hutch. Sie kannte Jack seit sie ein kleines Mädchen war. Er war damals wie ein zweiter Vater für sie gewesen – während sich ihr Vater um die Ordnung auf der Welt kümmerte, saß er mit ihr auf dem Wohnzimmerboden und steckte Puzzelteilchen zusammen. Obwohl er selbst einmal Kopfgeldjäger gewesen war, war er nach einem kleinen Unfall zur Ruhe gekommen und hatte Shireen zu seinem Lehrling ernannt. Jetzt erteilte er ihr Aufträge, informierte sie über Unstimmigkeiten und half ihr, besser mit ihren Waffen zurechtzukommen. Außerdem war er ein guter Nachhilfelehrer, und das konnte Shireen nur zu gut gebrauchen. Denn was an ihrem kleinen Teilzeitjob am meisten litt, waren definitv ihre Schulnoten. Sie warf noch einmal einen Blick zurück auf ihre Beute, fotografierte sie schnell ab und wartete darauf, dass sie erlosch. Monster, in deren Blutbahnen das Gift des Pfeiles floss, lösten sich in dieser Welt auf und werden dann, in der nächsten Welt wiedergeboren. In einer Welt, in der Monster und andere, unglaubliche Dinge existierten. Jack meinte schon oft dort gewesen zu sein. Es wäre die Pflicht jedes Kopfgeldjägers, der zweiten Welt einen Besuch abzustatten. Doch Shireen schien dafür zu jung zu sein. »Wenn du bereit dazu bist, nehme ich dich mal mit«, sagte Jack immer wieder. Sie seufzte und beobachtete, wie sich Schuppe für Schuppe von dem großen Körper der Chimäre löste, in Richtung Himmel glitt und sich dann in Funken auflöste. Letztendlich blieben von ihr nur ein paar Härchen übrig. Shireen drehte sich um und lief in Richtung Schule. Sie hatte einiges zu erklären.
»Miss Sullivan, wie erklären sie sich, dass sie allein dieser Woche schon fünf Mal zu spät gekommen sind?« Die grelle, krächzende Stimme ihrer Lehrerin ließ sie zusammenzucken. Nach dem Unterricht hatte sie sie zu sich gerufen, um mit ihr über ihre Abschlussnoten zu diskutieren. »Ich bin … beschäftigt«, meinte Shireen nervös und hob die Schultern an. »So beschäftigt können sie gar nicht sein! Ich habe bereits mit ihrer Mutter geredet. Im Moment sieht es nicht so aus, als würden sie diese Stufe packen. Das heißt, wie werden vielleicht noch mehrere Jahre auf ihren Abschluss hinarbeiten müssen. Und wenn sie sich diesmal keine Mühe geben, dann-«
»Moment, ich … ich bleibe sitzen?« Die Verzweiflung in Shireens Stimme verwunderte selbst sie. Sie hatte sich noch nie wirklich für die Schule interessiert. Aber die Enttäuschung, die in den Augen ihrer Mutter liegen würde, wäre unerträglich. Allein der Gedanke daran, jagte ihr einen Schauer über den Rücken.
»Das habe ich nicht gesagt. Ich habe sie lediglich darauf hingewiesen, dass sie sich, falls sie es schaffen wollen, unglaublich viel Mühe geben müssen. Und deswegen …«
Die kleine, pummelige Lehrerin wühlte in den Unterlagen auf ihrem Schreibtisch und zog einen kleinen Zettel hervor. Auf dem Zettel war ein Foto abgebildet. Das Foto eines Jungen. Etwas an ihm war ungewöhnlich. Seine Augen wirkten starr und sein Gesicht so hell und glatt, fast puppenartig. Dazu die Haare, hellblond, das sogar ins Weiß überlief. »Sein Name ist Dominic Haven. Er stammt aus schwierigen Verhältnissen und wird ab morgen ein Schüler dieser Schule sein. Ich möchte, dass du dich so gut wie möglich um ihn kümmerst. Er hatte es nicht leicht« sagte Mrs. Danford und drückte ihr den Zettel in der Hand. Der Name, das Alter, die Adresse. Auf dem Zettel standen wesentliche Informationen zu seiner Person. Dominic Haven … aus irgendeinem Grund kam ihr der Name bekannt vor. Shireen war sich jedoch nicht sicher, wo sie ihn schon mal gehört haben könnte. Doch der Gedanke daran, Tag für Tag von einem ihr unbekannten Typen verfolgt zu werden und für ihn das Kindermädchen zu spielen, gefiel ihr überhaupt nicht. Sie schüttelte den Kopf. »Das kann doch nicht ihr ernst sein! Selbst wenn ich auf ihn aufpassen würde, das würde doch auch nicht meine Noten verbessern!«
»Ihre sozialen Noten schon. Und wie sie wissen, sind die uns sehr wichtig, Miss Sullivan«
Wo sie Recht hatte, hatte sie Recht. Shireen seufzte und steckte sich den Zettel in die Hosentasche. »Für ein paar Tage«, stellte sie mit hartem Unterton fest und drehte sich um. Ohne nach vorne zu schauen verließ sie den Raum, und lief sie in einen großen Typen hinein. Er blickte sie verwundert an und trat einen Schritt zurück. Er sah älter aus als die meisten Schüler. Sein hellbraunes Haar war kurz, seine Gesichtszüge streng und markant. Seine Augen leuchteten im Sonnenlicht, das durch die großen Fenster fiel, blau auf. Ohne sich zu entschuldigen stapfte Shireen weiter und spürte den Blick des Typen nach Minuten noch auf ihrem Rücken kleben. Sie wusste nicht wieso sie das dachte, aber der Typ trug einen Geruch, der ihr gar nicht gefiel … Er roch nach Monstern, so wie sie.
Nach der Schule schaute Shireen wie üblich bei Jack vorbei. Ihm gehörte ein Haus am Rande der Stadt, ziemlich abgelegen von den Restlichen. Es sah nicht unbedingt besonders schön aus, aber solche Dinge hatten Jack noch nie wirklich gehört. Im Keller hatte er sich eine ganze Werkstatt errichtet – Computer hingen an den Wänden, Regale standen voll mit Werkzeugen und Waffen, die er in seiner Blütezeit als Kopfgeldjäger selbst erbaut hatte. Als er bemerkte, wie Shireen zur Tür hineinkam, drehte er sich in seinem Computerstuhl um und grinste sie stolz an. »Eine ausgewachsene Chimäre!« Er klang beeindruckt. Ein Lächeln erschien nun auch auf Shireens Lippen und sie ließ sich auf einem kleinen, grünen Sessel fallen. Neben Jack bastelte ein Junge in ihrem Alter, mit fransigem, dunkelbraunen Haar an ihrer Armbrust herum. Kyle war Jacks Nachbar und hatte vor ein paar Jahren von seiner geheimen Leidenschaft Wind bekommen. Er hatte sofort eingewilligt, alles geheim zu halten und ihn zu unterstützen. Für sein Alter sah der Technikfreak ungewöhnlich jung und zerbrechlich aus. Shireen hatte sich auf Anhieb mit Kyle angefreundet, und momentan waren sie schon so weit, sich gegenseitig »bester Freund« und »beste Freundin« zu nennen. Nach einer Weile blinzelte auch Kyle sie lächelnd an und hob ihre Armbrust in die Luft. »Ich habe ein paar klitzekleine Änderungen vorgenommen. Der Pfeil ist jetzt strammer gespannt und das hier« er deutete auf ein kleines, schwarzes Rohr am Gerüst, »ist zum Visieren. Damit funktioniert das bestimmt besser.« Sie nickte. »Danke, Kyle« Kyle nickte ebenfalls und machte sich wieder daran, an ihrer Waffe herumzubasteln. Inzwischen war Jack aufgestanden. Er war fast 2 Meter groß und trug einen Dreitagebart. Er sah nicht übel aus, trotzdem schien es mit den Frauen nicht besonders gut zu laufen. Vor Monaten hatte er mal eine Freundin, aber als sie seinen kleinen Hobbykeller entdeckte, war es so schnell wieder vorbei, wie es angefangen hatte. Jack schien sich nicht dran zu stören, also war alles okay, so wie es war. Shireens Handy vibrierte. Noch eine Nachricht von Mom. Super. Sie stöhnte und legte ihr Handy beiseite. »Deine Mutter?«, riet Jack. Sie nickte.
»Sie meint, du wärst ein schlechter Einfluss«, meinte sie.
»Sie hat mich noch nie wirklich gemocht«, merkte er an und nippte an seiner Disney-Kaffeetasse. Sie nickte und ließ sich weiter in ihren Sessel sinken. »Und dazu muss ich noch auf so'nen Typen aufpassen, der Problem hat und auf unsere Schule kommt« Sie knüllte den Zettel, der seit Stunden in ihrer Hosentasche gesteckt hatte, zusammen und warf ihn in Richtung Jack. Dieser fing ihn sofort und faltete ihn auseinander. Beim Anblick des Fotos stockte er. Er warf Shireen einen verwunderten Blick zu. »Bist du dir sicher, dass das der Typ ist?« Er hob den Zettel wieder hoch, damit sie ihn sehen konnte. Sie nickte. »Ja. Was ist mit ihm?«
»Ich kenne ihn«, meinte Jack, »Ich hab ihn damals, als ich noch Kopfgeldjäger war, gefangen. Er ist Halbvampir.«