Hunters

Aniko Horvath · Kapitel 3 von 3

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Hunters

Kapitel Drei

 

Der nächste Tag begann für Shireen mit unerträglichen Kopfschmerzen. Beim Frühstück verloren sie und ihre Mutter kaum ein Wort. Nur zum Abschied warf sie ihr ein paar Worte hinterher. Auf dem Schulweg versuchte Shireen, so vielen Schülern wie möglich aus dem Weg zu gehen. Sie hatte sich selbst den Ruf der Schulschwänzerin gemacht, und wollte nicht auch noch die verurteilenden Blicke ihrer Mitschüler auf sich ziehen. Shireen schob sich eine dunkelbraune Haarsträhne hinter's Ohr und zückte ihr Handy. Zwei Nachrichten. Eine von Jack. Die Adresse und weitere Hintergrundinformationen zur Harpyie. Darum würde Shireen sich heute auch noch kümmern müssen. Sie seufzte. Das konnte sie nicht gebrauchen, nicht nachdem, was gestern vorgefallen war. Sie versuchte den Gedanken daran für's Erste zu unterdrücken und klickte zur nächsten Nachricht weiter. Kyle. Er fragte, ob es Shireen gut ginge und wie das Gespräch mit ihrer Mutter gegangen war. Bei seiner Besorgnis wurde Shireen ganz warm um's Herz, und ein Lächeln huschte ihr über die Lippen. Kyle konnte sie immer aufmuntern, wenn es ihr mal mies ging. Aber dafür waren beste Freunde schließlich da. Sie antwortete schnell, bevor sie ihr Handy wegsteckte und durch das Schultor passierte. Die Blicke der Schüler waren, wie erwartet, unterträglich. Shireen versuchte, das Getuschel und die stierenden Blicke auszublenden und steckte sich ihre Kopfhörer in die Ohren. Die erste Schulstunde ging problemlos um. Sie beobachtete den Regen aus dem Fenster und wurde weiterhin nicht von dem Lehrer oder sonst wem beachtet. Beim Checken der Anwesenheitsliste war Mr. Peters ganz schön überrascht gewesen, ihr Gesicht in der Menge zu sehen, aber das war's auch schon.

Dann rückte die Mittagspause an. Shireen, die sich zuvor an einem der vielen Süßigkeitenautomaten einen Snack gegönnt hatte, saß auf einer der Treppen im Obergeschoss und versuchte krampfhaft, sich vor jeder Art von sozialen Interaktion fernzuhalten. Ihr Blick huschte über ihr Handydisplay. Keine Nachrichten von Jack oder Kyle. Sie dachte über den Brief ihres Vaters nach. Er klang besorgt. Besorgt um sie und ihre Mutter. Besorgt um seine Zukunft. Er meinte, es wäre gefährlich dort. War er in der zweiten Welt? Was, wenn er es nicht schaffen würde, zurückzukommen? In Shireen erwachte das Bedürfnis, ihrem Vater hinterherzurennen. Sie wollte bei ihm sein. Sie wollte nicht nach Amity. Ein Rascheln riss sie aus ihrem Träumen. Erschrocken fuhr sie herum. Da stand er, ein paar Meter von ihr entfernt, und stierte sie mit glänzenden Augen an. Dominic. Sie hatte den Gedanken an ihren zukünftigen Sprössling schon so verdrängt, dass sie ihm zuerst gar nicht erkannt hatte. Aber dann kam alles zurück, wie in einem Flashback: Die puppenhaften Gesichtszüge, die weißblonden Fransenhaare, diese seelenlosen, blauen Augen. Minuten vergingen, und er sagte nichts. Shireen fühlte sich unbehaglich und richtete sich auf. Beim Vorbeigehen griff er sich ihr Handgelenk und zog sie vorsichtig zurück. »Bist du Shireen Sullivan?« wollte er wissen. Seine Stimme klang ungewöhnlich tief im Kontrast zu seinem Aussehen. Nicht nur das, er war dazu auch noch unglaublich groß. Shireen reichte gerade mal zu seinen Schultern heran. Nervös schob sie sich ein paar braune Haarsträhnen hinter ihr Ohr und nickte. »Ja, bin ich«

»Ich heiße Dominic Haven. Mrs. Danford meinte, du würdest …«

»Dich herumführen. Ja, klar. Ich zeige dir alles«

Sie wagte es kaum, ihm in die Augen zu schauen. Sein Blick jedoch klebte an ihr, fast bedrohlich. In ihrem Gedächtnis rief sie die Vampire auf, die sie bisher gesehen hatte. Abscheuliche Wesen mit rot glühenden Augen und spitzen Klauen, riesigen, rasiermesserscharfen Zähnen und strubbeligen Haaren. Er wirkte nicht so. Er erinnerte sie an … ein verwirrtes Kind. Vorsichtig lockerte er seinen Griff und fuhr sich mit der Hand durch sein helles Haar. Sein Blick war immer noch auf sie gerichtet, diesmal schien er eher fürsorglich als bedrohlich. »Hast du Angst?«, fragte er sie. Sie blickte ihn verwundert an. »Nein«, meinte sie stur und ging weiter. Doch, dachte sie, sie hatte Angst. Für einen klitzekleinen Moment hatte sie wirklich Angst. Aus welcher Sichtweise man es auch betrachtete, letztendlich war Dominic ein Vampir. Sein Aussehen konnte sie nicht täuschen. Die ganze Mittagspause verbrachte sie damit, den stillen Dominic durch den ersten Stock zu führen. Die Naturwissenschaftsräume, die Büros, das Lehrerzimmer, der Ruheraum. Immer wieder beäugten sie die Anderen. Doch Shireen hatte eher das Gefühl, dass Dominic es war, der deren Aufmerksamkeit auf sich zog. Die Blicke waren nicht verwundert oder verachtend. Sie schienen fasziniert von ihm zu sein. Und Shireen konnte ihnen das kaum verübeln. Egal wie sie es drehte und wendete; Dominic Haven war faszinierend. Und sie hasste es, das zugeben zu müssen.

Nach einer kleinen Rundführung blieb Shireen im Obergeschoss stehen und drehte sich zu ihrem Begleiter um. Dominic starrte sie mit geweiteten Augen an und sagte nichts. »Das war's«, sagte sie und hob ihre Hand, um ihm schnell zum Abschied zu winken, ehe sie durch die Tür verschwand um wieder am Unterricht teilzunehmen. Selbst Unterricht war ihr lieber als das ewige Schweigen und der bohrende Blick, den sie selbst in ihrem Rücken spüren konnte. Nach drei Schritten hob Dominic dann seine Stimme. »Ich hab es gesehen«, meinte er laut. Sie drehte ihren Kopf zu ihm um und schaute ihn fragend an. »Was gesehen?«, fragte sie und hob eine Augenbraue.

»Wie du die Chimäre getötet hast«, sagte er. Ein Schauer überkam sie. Wie konnte er das mitbekommen haben? Sie war sich absolut sicher, dass sie alleine war. Und wieso hatte er ihr nicht geholfen, als sie am Boden lag? Eine Mischung aus Wut und Unbehagen drehte ihren Magen um und wirbelte unendlich viele Fragen in ihrem Kopf auf. »Ich weiß nicht wovon du redest«, stritt sie kalt ab und wollte sich gerade wieder umdrehen, als er laut darauf beharrte: »Ich bin mir sicher, dass du es warst. Diese Armbrust. Die aus Silber«, er stoppte kurz. »Was ist mit der?«, fragte sie leise, und versuchte ihm deutlich zu machen, dass auch er ruhiger werden sollte.

»Damit habe ich damals meinen Vater getötet«

Jetzt erinnerte sie sich wieder an das, was Jack ihr über Dominic erzählt hatte. Er hatte eigenhändig seinen eigenen Vater, einen Vampir, umgebracht. Shireen wusste nie, dass jemand schon vor ihr ihre Armbrust benutzt hatte. Jahre lang ist sie in dem Glauben, Jack hätte sie allein für sie angefertigt, umhergelaufen. Das machte sie unglaublich wütend, und sie wollte sich kaum ausmachen, wer sie sonst noch in der Hand gehabt hatte.

»Okay. Dann war ich das. Aber es ist ja nicht so, dass es dich etwas angeht, also-«

Er unterbrach sie schnell »Doch. Ich möchte so sein wie du. Ich möchte auch ein Kopfgeldjäger sein«, erzählte er. Sein Tonfall klang schon fast flehend, und er trat näher zu ihr. Verzweiflung lag in seinen blauen Augen. »Bitte, ich möchte mit dir zusammenarbeiten«, bat er. Sie trat zurück. »Wieso sollte ich das tun?« Sie verstand nicht, warum ausgerechnet ein Halbvampir ihr dabei helfen wollte, seine eigene Rasse auszulöschen. »Das ist eine lange Geschichte. Aber ich bitte dich. Ich habe Waffen, ich weiß gar nichts. Ich brauche dich« Sie betrachtete ihn verachtend und verschränkte die Arme ineinander. »Ich kann dir auch mit deinem Vater helfen!«, bot er dann an. Shireens Augen funkelten auf. »Was weißt du über meinen Vater?« Jetzt war sie diejenige, die näher trat und mehr wissen wollte. »Ich weiß wo er ist. Meine Mutter ist bei ihm«, meinte er. »Deine Mutter? Wieso sollte sie bei ihm sein?«

»Sie ist Kopfgeldjägerin, und wurde eingeteilt, mit ihm zusammenzuarbeiten. Weil sie meine Mutter ist, weiß ich immer genau, wo sie ist und was sie fühlt. Das können Vampire«, sagte er. Shireen erinnerte sich daran, wie er anfangs spürte, dass sie ängstlich war. Er lügte nicht. »Ich kann dir helfen, zu deinem Vater Kontakt aufzunehmen. Dazu musst du mir helfen, ein Kopfgeldjäger zu werden« Ihr Vater war in Gefahr. Ich weiß nicht, wie lange ich hier bleiben werde, hatte ihr Vater in seinem Brief geschrieben. Zweifellos, es stimmte etwas nicht. Und Shireen wollte unbedingt wissen, was da los war, und wo er sich befand. Die Idee, immer wissen zu können, wo ihr Dad gerade ist und wie er sich fühlt, war mehr als verlockend. »Wo ist er?«, fragte sie. Dominic schloss seine Augen. Einen Moment später, antwortete er ihr: »Er ist nicht in dieser Welt« Die zweite Welt, dachte Shireen. Damals hatte Jack ihr oft Bilder von der zweiten Welt gezeigt, und ihr Geschichten vorgelesen. Ein unendliches, großes Chaos, Monster, die sich gegenseitig die Köpfe einschlugen und Vampire, die versuchten, in die erste Welt, die eigentliche Welt, vorzudringen. Es war die Verdammnis, wie in einem Horrorfilm. Falls es wirklich so war, wie Jack es ihr berichtet hatte, dann könnte etwas dran sein, dass ihr Vater sich in Gefahr befand. Ohne noch eine weitere Sekunde überlegen zu müssen, richtete sie ihren Blick auf Dominic und sagte geradeaus: »Okay. Aber wehe, du ziehst mich mit dir runter, wenn du dir beim Monsterjagen in die Hosen machst« Auf Dominics Lippen erschien ein dickes, zufriedenes Lächeln.

Tag der Veröffentlichung: 23.08.2013

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