Hunters
Kapitel Zwei
»Ich muss auf ein Monster aufpassen?« Shireen sprang auf. Nervös blickte sie sich um. Ein Monster? Auf ihrer Schule? Moment mal. Wie hatte er es so weit geschafft? Und wieso hatte Mrs. Danford gemeint, er würde aus »problematischen Verhältnissen« stammen? Shireen war Kopfgeldjägerin. Sie fing Monster. Sie eliminierte sie. Sie spielte doch nicht den Babysitter für eins!
»Irgendwie schon, aber …« Er zuckte die Schultern. »Er ist mehr Mensch als Monster. Als ich ihn gefangen habe, wusste ich gar nicht, dass er die Lizenz hat, hier zu bleiben«, erzählte Jack. »Er schien ein ganz normaler Junge zu sein«
»Seit wann kriegen Monster die Lizenz, bei uns auf der Welt zu leben?« fragte Shireen geschockt und starrte Jack mit offenem Mund an.
»Seit Halbmonster existieren. Halbmonster können nicht in der zweiten Welt leben. Sie besitzen genau wie wir eine Intelligenz, im Gegensatz zu gewöhnlichen Monstern. Außerdem sind sie fast immer mehr Mensch als Monster, also sollte man sich um sie keinerlei Sorgen machen.«
Keinerlei Sorgen? Was, wenn sie anfingen würden zu wüten? Genau wie die Chimäre, die sie heute Morgen aufgehalten hatte. Shireen war egal, wie viel Prozent Mensch in diesem Dominic steckte. Das bisschen Prozent Monster, dass in seinen Genen verankert war, brachte sie zur Weißglut. Nun beobachtete auch Kyle sie besorgt. »Wenn du willst, kann ich dich ablösen« Nun erschien ein neues Bild vor ihrem inneren Auge; Dominic, der puppenhafte Junge, der sich über Kyle beugte und ihm jedes bisschen Blut aus seinem Körper saugte, das sich dort drin befand. Sie erschauderte. »Auf keinen Fall!« platzte es aus ihr heraus. »Du bist auch nur ein Mensch«
Kyle verzog das Gesicht und schaute weg. Plötzlich fing Jack an zu lachen und stand auf. Beruhigend legte er seine große Hand auf ihre Schulter. »Keine Sorge, Shireen. Ich bin immer da. Ich kenne Dominic, er wird dir schon nichts antun. Er hat mir sogar geholfen«
Geholfen? Ein Monster, einem Kopfgeldjäger?
»Wobei könnte er dir schon geholfen haben?«, fauchte Shireen ungläubig und verschränkte ihre Arme ineinander.
»Er hat mir dabei geholfen, seinen Vater zu töten«
Ein ungutes Gefühl stieg in Shireen auf. Ihr wurde übel. Sie spürte, dass es an der Zeit war, das Thema zu wechseln. Jetzt war es schon abgesprochen. Sie würde auf ihn aufpassen müssen. Und wenn er wirklich so harmlos war, wie Jack meinte, dann würde sie vielleicht damit umgehen können. Jack seufzte und wandte sich den Unterlagen zu, die auf seinem Computertisch verteilt waren. Er griff sich einen Kugelschreiber. »Ich habe schon bescheid gegeben, dass du die Chimäre erledigt hast. Du bekommst deine Belohnung am Montag«, teilte er ihr mit und kritzelte etwas auf ein leeres Blatt Papier. Shireen nickte. »Also … Bist du bereit für deinen nächsten Auftrag?«, wollte er wissen und schaute sie fragend an. »Natürlich«, bestätigte Shireen und kam ein paar Schritte näher, um sehen zu können, was er schrieb. »Einer meiner Bekannten meinte, eine Harpyie gesehen zu haben. Ich schicke dir die Adresse und alle anderen Einzelheiten, damit du dich auf die Suche machen kannst. Harpyien sind für dich keine große Sache« Harpyien waren Mischwesen aus Vögeln und Menschen, hatten allerdings so gut wie nichts Menschliches an sich. Sie waren Monster ohne Intelligenz, die allein für Beute umherschritten. Jack hatte Recht. Das war wirklich keine große Sache für sie. »Ich glaube, du solltest trotzdem vorher ein kleines Gespräch mit deiner Mutter führen« Jack deutete auf Shireens Handy, das vibrierend auf dem grünen Sessel lag. Shireen nickte und setzte ein gequältes Lächeln auf.
Als Shireen zuhause ankam, war das Licht im Esszimmer angeschaltet. Bevor sie den Raum betrat, atmete sie einmal tief durch und stellte ihre Sachen auf der Treppe ab. Dann kratzte sie all ihren Mut und ihre Überzeugung zusammen und betrat das Esszimmer. Ihre Mutter saß über ein Buch gebeugt am Esstisch. Sie trug ihre rote Lesebrille und regte sich nicht, obwohl Shireen sich sicher war, dass sie sie bemerkt hatte. »Hi Mom«, sagte sie. Ihre Mutter rückte ihre Brille zurecht und blickte vom Buch auf. Shireen versuchte ihre deutlich sichtbare Enttäuschung mit einem kleinen, gut gemeinten Lächeln zu mindern. Doch das brachte alles nichts. Ihre Mutter schob das Buch zur Seite und legte streng ihre Arme übereinander. »Weißt du, wie viel Uhr es ist?«, wollte sie von ihr wissen. »Eigentlich nicht«, gab Shireen zu und warf einen Blick auf ihr Handydisplay. Zwölf Uhr. Die Zeit war wie verflogen. Sogar sie selbst war geschockt darüber, wie sehr sich ihr Zeitgefühl verschlechtert hatte. »Schatz, ich habe dich lieb, aber jeden Abend sitze ich hier und mache mir Sorgen darüber, ob es dir gut geht. Das musste ich schon bei deinem Vater tun«, meinte sie vorwurfsvoll. Bei dem Wort »Vater« zuckte Shireen zusammen. Bitte nicht dieses Thema, sagte sie zu sich selbst und blickte schuldbewusst zu Boden. »Sag mir bitte, dass das ein Ende hat. Mrs. Danford hat mir dir darüber geredet, oder?« Ihre Stimme hörte sich schon fast bettelnd an. »Ich mache mir doch nur Sorgen um deine Zukunft«, warf sie noch schnell hinterher. »Mom, mir geht es gut. Ich lerne jetzt jeden Abend extra viel, und dann war's das«, versuchte sie ihre Mutter zu beschwichtigen und setzte sich an das andere Ende des Tisches. Der Blick ihrer Mutter fiel auf ihre verwundeten Hände. Shireen versteckte sie schnell unter ihren Ärmel, aber sie war sich sicher, dass ihre Mutter sie bereits gesehen hatte. Sie hatte ja Recht. »Ich werde mit Jack darüber reden. Ich habe dich schon für's Amity angemeldet«, sagte sie streng. Fassungslos starrte Shireen ihre Mutter an. Amity. Das supersaubere Internat, von dem alle Snobs träumten. Das Internat, das jeden zweiten Tag einen Drogentest durchführte und erwartete, dass alle Schüler sich den Lehrern und Angestellten fügten. In diesem Moment wurde ihr speiübel. »Du kannst mich nicht nach Amity schicken«, sagte sie schnell »Ich passe da nicht rein, Mom!«, meinte sie und stand auf. Sie schlug mit den Handflächen auf den Tisch, sodass ihre Mutter erschrocken zusammenzuckte. Der Blick ihrer Mutter sank, so, als würde es ihr leidtun, aber Shireen konnte sich nicht vorstellen, warum sie sich deswegen schlecht fühlen sollte. Sie wollte ihr Leben kontrollieren. Nein, das konnte sie doch nicht! »Ich war dort, als ich so alt war wie du«, erzählte sie. »Du hast da auch nicht reingepasst, Mom!«
Shireen merkte gar nicht, wie sich ihre von Entsetzen gepackte Stimme in wütendes Gebrüll verwandelte und ihrer Mutter Tränen in die Augen jagte. Sie war selbst erschrocken darüber, wie bestialisch sie selbst sein konnte. »Es ist bereits abgemacht. Ich habe auch mit deinem Vater darüber geredet, und er-«
»Dad hat da nicht zugestimmt!«, schrie Shireen, »Das glaube ich dir nicht!« Ihr Dad war schon immer anders gewesen. Er hatte selbst immer gewollt, dass Shireen in seine Fußstapfen tritt und selbst Kopfgeldjägerin wird. Ihr Vater hatte sie in allem unterstützt. Ihr Vater war wie Jack.
Doch seit er aufgebrochen war, um einen längeren, komplexen Auftrag zu bearbeiten, war er nicht mehr derselbe. Shireens Mutter nickte. »Doch. Er und ich haben zusammen beschlossen, dass die Zeit gekommen ist. Du sollst ein normales, sicheres Leben leben. Das hat selbst dein Vater gesagt« Jetzt stand ihre Mutter auf, ging mit großen Schritten zu einem Regal, das an der Wand hing und zog einen länglichen Umschlag aus einer der Schubladen. Sie drehte sich zu Shireen und hielt ihr den Umschlag hin. »Den hat er dir geschrieben« Ungläubig starrte Shireen auf das weiße Papier. »Er meinte doch, er würde mir nicht schreiben können, und-«
»Er hat es aber getan. Ich nehme an, es gab Dinge, die er klarzustellen hatte«, meinte ihre Mutter und zuckte die Schultern. Shireen nahm den Umschlag an und faltete ihn auf. Sie war sich nicht sicher, ob sie den Brief lesen wollte. Wenn es so dringend war, dann konnte es wahrscheinlich nichts Gutes sein. Sie warf noch einen fragenden Blick ihrer Mutter zu, die sie besorgt anblickte. Dann zog sie den Brief aus dem Umschlag und faltete ihn auseinander. »Liebe Shireen« Schon die ersten Worte brachten Shireens Magen zum Toben. Sie fühlte sich mies. Ein merkwürdiges Gefühl stieg in ihr auf. Sie vermisste ihren Vater, sogar sehr. Aber etwas stimmte mit dem Brief nicht. Sie konnte nicht genau sagen, was es war, aber er fühle sich … falsch an. Jetzt erst beschloss sie, ihn zu lesen.
Liebe Shireen,
ich vermisse dich. Ich vermisse dich und deine Mutter so sehr. Du glaubst gar nicht, wie oft ich an euch denke. Du warst schon immer ein starkes Mädchen. Die Mission, auf der ich bin, ist gefährlich. Ich weiß nicht, wie lange ich hier noch bleiben werde. Ich hoffe, ich werde so schnell wie möglich heimkehren können, obwohl ich glaube, dass das eher unwahrscheinlich ist …
Ich möchte, dass du auf deine Mutter aufpasst. Sag Jack, dass es mir gut geht. Hör auf deine Mutter, Shireen. Sie weiß, was gut für dich ist. Ich werde dir ab heute nicht mehr schreiben können, also denke an meine Worte.
Ich hab dich lieb, dein Dad.
Tränen bildeten sich in ihren Augen. Ihre Mutter drehte sich von ihr weg und ging wieder auf den Tisch zu. Als ob nichts gewesen wäre, setzte sie sich an denselben Platz wie zuvor und tat, was sie auch dann getan hatte. Shireen blieb noch einen Augenblick stehen. Kleine Fleckchen bildeten sich auf dem Briefpapier. Die Tränen liefen ihr wie ein Wasserfall über die Wangen und verwuschen die Tinte. Sie knüllte das Papier zusammen und warf es auf den Boden. Dann verließ sie den Raum. Ihre Mutter schaute ihr nicht hinterher.