Jakob von Gunten, Ein Tagebuch
J a k o b v o n G u n t e n
Ein Tagebuch
von
Robert Walser
B r u n o C a s s i r e r B e r l i n
1909
Man lernt hier sehr wenig, es fehlt an Lehrkräften, und wir Knaben vom
Institut Benjamenta werden es zu nichts bringen, d. h., wir werden alle etwas
sehr Kleines und Untergeordnetes im späteren Leben sein. Der Unterricht, den
wir genießen, besteht hauptsächlich darin, uns Geduld und Gehorsam
einzuprägen, zwei Eigenschaften, die wenig oder gar keinen Erfolg versprechen.
Innere Erfolge, ja. Doch was hat man von solchen? Geben einem innere
Errungenschaften zu essen? Ich möchte gern reich sein, in Droschken fahren und
Gelder verschwenden. Ich habe mit Kraus, meinem Schulkameraden, darüber
gesprochen, doch er hat nur verächtlich die Achsel gezuckt und mich nicht eines
einzigen Wortes gewürdigt. Kraus besitzt Grundsätze, er sitzt fest im Sattel, er
reitet auf der Zufriedenheit, und das ist ein Gaul, den Personen, die galoppieren
wollen, nicht besteigen mögen. Seit ich hier im Institut Benjamenta bin, habe ich es bereits fertiggebracht, mir zum Rätsel zu werden. Auch mich hat eine ganz
merkwürdige, vorher nie gekannte Zufriedenheit angesteckt. Ich gehorche
leidlich gut, nicht so gut wie Kraus, der es meisterlich versteht, den Befehlen
Hals über Kopf dienstfertig entgegenzustürzen. In einem Punkt gleichen wir
Schüler, Kraus, Schacht, Schilinski, Fuchs, der lange Peter, ich usw., uns alle,
nämlich in der vollkommenen Armut und Abhängigkeit. Klein sind wir, klein bis
hinunter zur Nichtswürdigkeit. Wer eine Mark Taschengeld hat, wird als ein
bevorzugter Prinz angesehen. Wer, wie ich, Zigaretten raucht, der erregt ob der
Verschwendung, die er treibt, Besorgnis. Wir tragen Uniformen. Nun, dieses
Uniformtragen erniedrigt und erhebt uns gleichzeitig. Wir sehen wie unfreie
Leute aus, und das ist möglicherweise eine Schmach, aber wir sehen auch
hübsch darin aus, und das entfernt uns von der tiefen Schande derjenigen
Menschen, die in höchsteigenen aber zerrissenen und schmutzigen Kleidern
dahergehen. Mir z. B. ist das Tragen der Uniform sehr angenehm, weil ich nie
recht wußte, was ich anziehen sollte. Aber auch in dieser Beziehung bin ich mir
vorläufig noch ein Rätsel. Vielleicht steckt ein ganz, ganz gemeiner Mensch in
mir. Vielleicht aber besitze ich aristokratische Adern. Ich weiß es nicht. Aber das
Eine weiß ich bestimmt: Ich werde eine reizende, kugelrunde Null im späteren
Leben sein. Ich werde als alter Mann junge, selbstbewußte, schlecht erzogene
Grobiane bedienen müssen, oder ich werde betteln, oder ich werde zugrunde
gehen.
Wir Eleven oder Zöglinge haben eigentlich sehr wenig zu tun, man gibt uns
fast gar keine Aufgaben. Wir lernen die Vorschriften, die hier herrschen,
auswendig. Oder wir lesen in dem Buch »Was bezweckt Benjamenta's
Knabenschule?« Kraus studiert außerdem noch Französisch, ganz für sich, denn
fremde Sprachen oder irgend etwas derartiges gibt es gar nicht auf unserem
Stundenplan. Es gibt nur eine einzige Stunde, und die wiederholt sich immer.
»Wie hat sich der Knabe zu benehmen?« Um diese Frage herum dreht sich im
Grunde genommen der ganze Unterricht. Kenntnisse werden uns keine
beigebracht. Es fehlt eben, wie ich schon sagte, an Lehrkräften, d. h. die Herren
Erzieher und Lehrer schlafen, oder sie sind tot, oder nur scheintot, oder sie sind
versteinert, gleichviel, jedenfalls hat man gar nichts von ihnen. An Stelle der
Lehrer, die aus irgendwelchen sonderbaren Gründen totähnlich daliegen und
schlummern, unterrichtet und beherrscht uns eine junge Dame, die Schwester
des Herrn Institutvorstehers, Fräulein Lisa Benjamenta. Sie kommt mit einem
kleinen weißen Stab in der Hand in die Schulstube und Schulstunde. Wir stehen
alle von den Plätzen auf, wenn sie erscheint. Hat die Lehrerin Platz genommen, so dürfen auch wir uns setzen. Sie klopft mit dem Stab dreimal kurz und
gebieterisch hintereinander auf die Tischkante, und der Unterricht beginnt.
Welch ein Unterricht! Doch ich würde lügen, wenn ich ihn kurios fände. Nein,
ich finde das, was Fräulein Benjamenta uns lehrt, beherzigenswert. Es ist wenig,
und wir wiederholen immer, aber vielleicht steckt ein Geheimnis hinter all
diesen Nichtigkeiten und Lächerlichkeiten. Lächerlich? Uns Knaben vom
Institut Benjamenta ist niemals lächerlich zumut. Unsere Gesichter und unsere
Manieren sind sehr ernsthaft. Sogar Schilinski, der doch noch ein vollkommenes
Kind ist, lacht sehr selten. Kraus lacht nie, oder wenn es ihn hinreißt, dann nur
ganz kurz, und dann ist er zornig, daß er sich zu einem so vorschriftswidrigen
Ton hat hinreißen lassen. Im allgemeinen mögen wir Schüler nicht lachen, d. h.
wir können eben kaum noch. Die dazu erforderliche Lustigkeit und Lässigkeit
fehlt uns. Irre ich mich? Weiß Gott, manchmal will mir mein ganzer hiesiger
Aufenthalt wie ein unverständlicher Traum vorkommen.
Der jüngste und kleinste unter uns Zöglingen ist Heinrich. Man ist diesem
jungen Menschen gegenüber unwillkürlich zärtlich gesinnt, ohne dabei etwas zu
denken. Er steht vor den Schaufenstern der Kaufleute still, innig in den Anblick
der Waren und Leckerbissen versunken. Dann tritt er gewöhnlich ein und kauft
sich etwas Süßes für einen Sechser. Heinrich ist noch ganz Kind, aber er spricht
und benimmt sich schon wie ein erwachsener Mensch von guter Führung. Sein
Haar ist immer ganz tadellos gekämmt und gescheitelt, was gerade mich zur
Anerkennung hinreißen muß, da ich in diesem wichtigen Punkt sehr liederlich
bin. Seine Stimme ist so dünn wie ein zartes Vogelgezwitscher. Man muß
unbewußt den Arm um seine Schulter legen, wenn man mit ihm spazieren geht
oder mit ihm spricht. Er hat die Haltung eines Obersten und ist so klein. Er
besitzt keinen Charakter, denn er weiß noch gar nicht, was das ist. Gewiß hat er
noch nie über das Leben nachgedacht, und wozu? Er ist sehr artig, dienstfertig
und höflich, aber ohne Bewußtsein. Ja, er ist wie ein Vogel. Das Trauliche
gelangt an ihm überall zum Vorschein. Ein Vogel gibt einem die Hand, wenn er
sie gibt, ein Vogel geht so und steht so. Alles ist unschuldig, friedfertig und
glücklich an Heinrich. Er will Page werden, sagt er. Doch er sagt es ganz ohne
unfeines Schmachten, und in der Tat, der Pagenberuf ist für ihn das durchaus
Richtige und Angemessene. Die Zierlichkeit des Benehmens und Empfindens
strebt irgend wohin, und siehe, sie trifft das Rechte. Was wird er für Erfahrungen
machen? Werden sich an diesen Knaben überhaupt Erfahrungen und
Erkenntnisse heranwagen? Werden die rohen Enttäuschungen sich nicht
genieren, ihn zu beunruhigen, ihn, den Überzarten? Übrigens merke ich, daß er ein wenig kalt ist, es ist nichts Stürmisches und Herausforderndes an ihm.
Vielleicht wird er vieles, vieles, das ihn niederschlagen könnte, gar nicht
bemerken, und vieles, das ihm seine Sorglosigkeit nehmen könnte, gar nicht
fühlen. Wer weiß, ob ich recht habe. Aber ich stelle jedenfalls sehr, sehr gern
solche Beobachtungen an. Heinrich ist bis zu einer gewissen Grenze
verständnislos. Das ist sein Glück, und man muß es ihm gönnen. Wenn er ein
Prinz wäre, ich würde der erste sein, der das Knie vor ihm beugte und ihm
huldigte. Schade.
Wie dumm ich mich doch benommen habe, als ich hier ankam. Ich entrüstete
mich in erster Linie über die Ärmlichkeit des Treppenhauses. Nun ja, es ist eben
der Treppenaufgang eines gewöhnlichen großstädtischen Hinterhauses. Dann
klingelte ich, und ein affenähnliches Wesen öffnete mir die Türe. Es war Kraus.
Aber damals hielt ich ihn einfach für einen Affen, während ich ihn heute, um des
rein persönlichen Wesens willen, das ihn ziert, hoch schätze. Ich fragte, ob Herr
Benjamenta zu sprechen sei. Kraus sagte: »Jawohl, mein Herr,« und machte eine
tiefe, dumme Verbeugung vor mir. Diese Verbeugung jagte mir einen
unheimlichen Schrecken ein, denn ich sagte mir sogleich, daß da irgend etwas
nicht mit rechten Dingen zugehen müsse. Und von da an hielt ich die Schule
Benjamenta für Schwindel. Ich trat zum Vorsteher herein. Wie muß ich lachen,
wenn ich an die nun folgende Szene denke. Herr Benjamenta fragte mich, was
ich wolle. Ich erklärte ihm schüchtern, daß ich wünsche, sein Schüler zu werden.
Darauf schwieg er und las Zeitungen. Das Bureau, der Herr Vorsteher, der
vorausgegangene Affe, die Türe, die Art, zu schweigen und Zeitungen zu
studieren, alles, alles kam mir im höchsten Grad verdächtig,
verderbenversprechend vor. Plötzlich wurde ich nach meinem Namen gefragt
und nach meiner Herkunft. Jetzt hielt ich mich für verloren, denn ich fühlte mit
einemmal, daß ich da nicht mehr loskäme. Stotternd gab ich Auskunft, ich wagte
sogar zu betonen, daß ich aus einem sehr guten Hause stamme. Ich sagte unter
anderem, mein Vater sei Großrat, und ich sei ihm davongelaufen, weil ich
gefürchtet hätte, von seiner Vortrefflichkeit erstickt zu werden. Wieder schwieg
der Vorsteher eine Weile. Meine Furcht, betrogen zu werden, stieg aufs höchste.
Ich dachte sogar an geheime Ermordung, stückweises Erdrosseln. Da fragte mich
der Vorsteher mit seiner Gebieterstimme, ob ich Geld bei mir hätte, und ich
bejahte. »So gib es her. Rasch!« befahl er, und merkwürdig, ich gehorchte
augenblicklich, obschon mich der Jammer schüttelte. Ich zweifelte nicht mehr
daran, einem Räuber und Schwindler in die Hände gefallen zu sein, und
trotzdem legte ich das Schulgeld gehorsam hin. Wie lächerlich mir meine damaligen Empfindungen jetzt doch vorkommen. Man strich das Geld ein und
schwieg wieder. Da fand ich den Heldenmut, schüchtern um eine Quittung zu
ersuchen, doch man gab mir folgendes zur Antwort: »Schlingel wie du erhalten
keine Quittungen.« Ich war einer Ohnmacht nahe, der Vorsteher klingelte. Sofort
stürzte der dumme Affe Kraus herein. Der dumme Affe? O gar nicht. Kraus ist
ein lieber, lieber Mensch. Ich verstand es nur damals noch nicht besser. »Dies
hier ist Jakob, der neue Schüler. Führe ihn ins Schulzimmer.« – Der Vorsteher
hatte kaum gesprochen, so packte mich Kraus und schleppte mich vor das
Antlitz der Lehrerin. Wie kindisch ist man, wenn man sich fürchtet. Es gibt kein
so schlechtes Benehmen wie das, welches aus dem Mißtrauen und aus der
Unkenntnis stammt. So wurde ich Zögling.
Mein Schulkamerad Schacht ist ein seltsames Wesen. Er träumt davon,
Musiker zu werden. Er sagt mir, er spiele vermittels seiner Einbildungskraft
wundervoll Geige, und wenn ich seine Hand anschaue, glaube ich ihm das. Er
lacht gern, aber dann versinkt er plötzlich in schmachtende Melancholie, die ihm
unglaublich gut zu Gesicht und Körperhaltung steht. Schacht hat ein ganz weißes
Gesicht und lange schmale Hände, die ein Seelenleiden ohne Namen
ausdrücken. Schmächtig, wie er von Körperbau ist, zappelt er leicht, es ist ihm
schwer, unbeweglich zu stehen oder zu sitzen. Er gleicht einem kränklichen,
eigensinnigen Mädchen, er schmollt auch gern, was ihn einem jungen, etwas
verzogenen weiblichen Wesen noch ähnlicher macht. Wir, ich und er, liegen oft
zusammen in meiner Schlafkammer, auf dem Bett, in den Kleidern, ohne die
Schuhe auszuziehen, und rauchen Zigaretten, was gegen die Vorschriften ist.
Schacht tut gern das Vorschriften-Kränkende, und ich, offen gesagt, leider nicht
minder. Wir erzählen uns ganze Geschichten, wenn wir so liegen, Geschichten
aus dem Leben, d. h. Erlebtes, aber noch viel mehr erfundene Geschichten, deren
Tatsachen aus der Luft gegriffen sind. Dann scheint es um uns her, Wände hinauf
und hinunter, leise zu tönen. Die enge, dunkle Kammer erweitert sich, es
erscheinen Straßen, Säle, Städte, Schlösser, unbekannte Menschen und
Landschaften, es donnert und lispelt, redet und weint usw. Es ist hübsch, sich mit
dem träumerisch angehauchten Schacht zu unterhalten. Er scheint alles zu
verstehen, was man ihm sagt, und er selber sagt von Zeit zu Zeit etwas
Bedeutsames. Und dann klagt er öfters, und das liebe ich an der Unterhaltung.
Ich höre gern klagen. Man kann dann den Sprecher so ansehen und tiefes,
inniges Mitleid mit ihm haben, und Schacht hat etwas Mitleiderweckendes an
sich, auch ohne, daß er Betrübliches spricht. Wenn feinsinnige Unzufriedenheit,
d. h. die Sehnsucht nach etwas Schönem und Hohem, in irgend einem Menschen wohnt, dann hat sie es sich in Schacht bequem gemacht. Schacht hat Seele. Wer
weiß, vielleicht ist er eine Künstlernatur. Er hat mir anvertraut, daß er krank ist,
und da es sich um ein nicht ganz anständiges Leiden handelt, hat er mich
dringend gebeten, Schweigen zu beobachten, was ich ihm natürlich auf
Ehrenwort versprochen habe, um ihn zu beruhigen. Ich habe ihn dann gebeten,
mir den Gegenstand der Erkrankung zu zeigen, doch da wurde er ein wenig böse
und kehrte sich gegen die Wand. »Du bist schamlos,« sagte er mir. Oft liegen wir
beide so, ohne ein Wort zu reden. Einmal wagte ich, seine Hand leise zu mir zu
nehmen, doch er entzog sie mir wieder und sagte: »Was machst du für
Dummheiten? Laß das.« – Schacht bevorzugt den Umgang mit mir, das merke
ich nicht gerade deutlich, aber in solchen Dingen ist Deutlichkeit gar nicht nötig.
Ich habe ihn eigentlich riesig gern und sehe ihn als eine Bereicherung meines
Daseins an. Natürlich sage ich ihm so etwas nie. Wir reden Dummheiten
miteinander, oft auch Ernstes, aber unter Vermeidung großer Worte. Schöne
Worte sind viel zu langweilig. Ah, an den Zusammenkünften mit Schacht in der
Kammer merke ich es: wir Zöglinge des Instituts Benjamenta sind zu einem oft
halbtagelangen seltsamen Müßiggang verurteilt. Wir kauern, sitzen, stehen oder
liegen immer irgendwo. Ich und Schacht zünden in der Kammer zu unserem
Vergnügen oft Kerzen an, das ist streng verboten. Aber gerade deshalb macht es
uns Spaß, es zu tun. Vorschriften hin, Vorschriften her: Kerzen brennen so schön,
so geheimnisvoll. Und wie sieht doch das Gesicht meines Kameraden aus, wenn
die rötliche kleine Flamme es zart beleuchtet. Wenn ich Kerzen brennen sehe,
komme ich mir vermögend vor: Im nächsten Augenblick kommt immer der
Diener und reicht mir den Pelz. Das ist Unsinn, aber dieser Unsinn hat einen
hübschen Mund und lächelt. Schacht hat eigentlich grobe Gesichtszüge, aber die
Blässe, die über das Gesicht gezogen ist, verfeinert sie. Die Nase ist zu groß,
auch die Ohren. Der Mund ist zugekniffen. Manchmal, wenn ich Schacht so
ansehe, ist mir, als müsse es diesem Menschen einmal bitter schlecht gehen. Wie
liebe ich solche Menschen, die diesen wehmütigen Eindruck hervorrufen. Ist das
Bruderliebe? Ja, kann sein.
Am ersten Tag habe ich mich ungeheuer zimperlich und muttersöhnchenhaft
benommen. Wurde mir da das Zimmer gezeigt, in dem ich mit den andern, d. h.
mit Kraus, Schacht und Schilinski, gemeinsam schlafen sollte. Als vierter im
Bund gleichsam. Alles war zugegen, die Kameraden, der Herr Vorsteher, der
mich grimmig anschaute, das Fräulein. Nun, und da fiel ich dem Mädchen
einfach zu Füßen und rief aus: »Nein, in dem Zimmer zu schlafen ist mir
unmöglich. Ich kann da nicht atmen. Lieber will ich auf der Straße übernachten.« – Ich hielt, während ich so sprach, die Beine der jungen Dame fest
umschlungen. Sie schien ärgerlich zu sein und befahl mir aufzustehen. Ich sagte:
»Ich stehe nicht vorher auf, bis Sie mir versprochen haben, daß Sie mir einen
menschenwürdigen Raum zum Schlafen anweisen wollen. Ich bitte Sie, Fräulein,
ich flehe Sie an, tun Sie mich an einen andern Ort, meinetwegen in ein Loch, nur
nicht hier hinein. Hier kann ich nicht sein. Ich will meine Mitschüler gewiß nicht
beleidigen, und habe ich es schon getan, so tut es mir leid, aber bei drei
Menschen schlafen, als vierter, und dazu noch in solch einem engen Raum? Das
geht nicht. Ach, Fräulein.« – Schon lächelte sie, ich merkte es, ich fügte daher
rasch, mich noch fester an sie schmiegend, hinzu: »Ich will brav sein, ich
verspreche es Ihnen. Ich will allen Ihren Befehlen zuvorkommen. Sie sollen sich
nie, nie über mein Benehmen zu beklagen haben.« – Fräulein Benjamenta fragte:
»Ist das sicher? Werde ich mich nie zu beklagen haben?« – »Nein, gewiß nicht,
gnädiges Fräulein,« erwiderte ich. Sie wechselte einen bedeutenden Blick mit
dem Bruder, dem Herrn Vorsteher, und sagte zu mir: »Steh' vor allen Dingen erst
vom Boden auf. Pfui. Welch ein Flehen und Flattieren. Und dann komm.
Meinetwegen kannst du auch anderswo schlafen.« Sie führte mich zu der
Kammer, die ich jetzt bewohne, zeigte sie mir und fragte: »Gefällt dir die
Kammer?« – Ich war so keck, zu sagen: »Sie ist eng. Zu Hause gab's Vorhänge
an den Fenstern. Und Sonne schien dort in die Gemächer. Hier ist nur eine
schmale Bettstelle und ein Waschgestell. Zu Hause gab es vollständig möblierte
Zimmer. Aber werden Sie nicht böse, Fräulein Benjamenta. Es gefällt mir, und
ich danke Ihnen. Zu Hause war es viel feiner, freundlicher und eleganter, aber
hier ist es auch ganz nett. Entschuldigen Sie, daß ich Ihnen mit Vergleichen von
zu Hause und mit weiß der Kuckuck was noch alles komme. Ich finde die
Kammer aber sehr, sehr reizend. Zwar, das Fenster da oben in der Mauer ist
kaum ein Fenster zu nennen. Und das Ganze hat entschieden etwas Ratten- oder
Hundelochartiges. Aber es gefällt mir. Und ich bin unverschämt und undankbar,
so zu sprechen, nicht wahr? Vielleicht wäre es das Beste, mir die Kammer, die
ich wirklich hoch schätze, wieder zu nehmen und mir den strikten Befehl zu
erteilen, bei den andern zu schlafen. Meine Kameraden fühlen sich sicher
beleidigt. Und Sie, Fräulein, sind böse. Ich sehe es. Ich bin sehr traurig darüber.«
– Sie sagte mir: »Du bist ein dummer Junge, und du schweigst jetzt.« Und doch
lächelte sie. Wie dumm das alles war, damals am ersten Tag. Ich schämte mich,
und ich schäme mich noch heute, daran denken zu müssen, wie unziemlich ich
mich benommen habe. Ich schlief in der ersten Nacht sehr unruhig. Ich träumte
von der Lehrerin. Und was die eigene Kammer betrifft, so wäre ich es heute
ganz zufrieden, wenn ich sie mit ein oder zwei andern Personen teilen müßte.
Man ist immer halb irrsinnig, wenn man menschenscheu ist.
Herr Benjamenta ist ein Riese, und wir Zöglinge sind Zwerge gegen diesen
Riesen, der stets etwas mürrisch ist. Als Lenker und Gebieter einer Schar von so
winzigen, unbedeutenden Geschöpfen, wie wir Knaben sind, ist er eigentlich auf
ganz natürliche Weise zur Verdrießlichkeit verpflichtet, denn das ist doch nie
und nimmer eine seinen Kräften entsprechende Aufgabe: über uns herrschen.
Nein, Herr Benjamenta könnte ganz anderes leisten. Solch ein Herkules kann ja
einer so kleinlichen Übung gegenüber, wie die ist, uns zu erziehen, gar nicht
anders als einschlafen, d. h. brummend und grübelnd seine Zeitungen lesen. An
was hat eigentlich der Mann gedacht, als er sich entschloß, das Institut zu
gründen? Er tut mir in einem gewissen Sinne weh, und dieses Gefühl erhöht
noch den Respekt, den ich vor ihm habe. Es gab übrigens zwischen ihm und mir
im Anfang meines Hierseins, ich glaube, am Morgen des zweiten Tages, eine
kleine, aber sehr heftige Szene. Ich trat zu ihm ins Kontor, aber ich kam nicht
dazu, meinen Mund zu öffnen. »Geh' wieder hinaus. Versuche, ob es dir möglich
ist, wie ein anständiger Mensch ins Zimmer einzutreten,« sagte er streng. Ich
ging hinaus, und dann klopfte ich an, was ich ganz vergessen hatte. »Herein,«
rief es, und da trat ich ein und blieb stehen. »Wo ist die Verbeugung? Und wie
sagt man, wenn man zu mir eintritt?« – Ich verbeugte mich und sagte in
kümmerlicher Tonart: »Guten Tag, Herr Vorsteher.« – Heute bin ich schon so gut
dressiert, daß ich dieses »Guten Tag, Herr Vorsteher« nur so hinausschmettere.
Damals haßte ich diese Art, sich untertänig und höflich zu benehmen, ich wußte
es eben nicht besser. Was mir damals lächerlich und stumpfsinnig vorkam,
erscheint mir heute schicklich und schön. »Lauter reden, Bösewicht,« rief Herr
Benjamenta. Ich mußte den Gruß »Guten Tag, Herr Vorsteher« fünfmal
wiederholen. Erst dann fragte er mich, was ich wolle. Ich war wütend geworden
und sagte: »Man lernt hier gar nichts, und ich will nicht hier bleiben. Bitte geben
Sie mir das Geld zurück, und dann will ich mich zum Teufel scheren. Wo sind
hier die Lehrer? Ist überhaupt irgend ein Plan, ein Gedanke da? Nichts ist da.
Und ich will fort. Niemand, wer es auch sei, wird mich hindern, diesen Ort der
Finsternis und der Umnebelung zu verlassen. Dazu, um mich hier von Ihren
mehr als albernen Vorschriften plagen und verdummen zu lassen, komme ich
denn doch aus viel zu gutem Hause. Zwar, ich will durchaus nicht zu Vater und
Mutter zurücklaufen, niemals, aber ich will auf die Straße gehen und mich als
Sklave verkaufen. Es schadet durchaus nichts.« – Nun hatte ich geredet. Heute
muß ich mich beinahe krümmen vor Lachen, wenn ich mir dieses dumme
Betragen wieder ins Gedächtnis zurückrufe. Mir war es damals aber durchaus
heilig ernst zumut. Doch der Herr Vorsteher schwieg. Ich war im Begriff, ihm
irgend eine grobe Beleidigung ins Gesicht zu sagen. Da sprach er ruhig: »Einmal
einbezahlte Geldbeträge werden nicht mehr zurückerstattet. Was deine törichte Meinung betrifft, du könntest hier nichts lernen, so irrst du dich, denn du kannst
lernen. Lerne vor allen Dingen erst deine Umgebung kennen. Deine Kameraden
sind es wert, daß man wenigstens den Versuch macht, sich mit ihnen bekannt zu
machen. Sprich mit ihnen. Ich rate dir, sei ruhig. Hübsch ruhig.« – Dieses
»hübsch ruhig« sprach er wie in tiefen, mich gar nicht betreffenden Gedanken
versunken. Er hielt die Augen niedergeschlagen, wie um mir zu verstehen zu
geben, wie gut, wie sanft er es meine. Er gab mir deutliche Beweise seiner
Gedankenabwesenheit und schwieg wieder. Was konnte ich machen? Schon
befaßte sich Herr Benjamenta wieder mit Zeitunglesen. Es war mir, als ob ein
furchtbares unverständliches Gewitter mir von ferne drohe. Ich verbeugte mich
tief, fast bis herab zur Erde, vor demjenigen, der mir gar keine Beachtung mehr
schenkte, sagte, wie die Vorschriften es geboten, »Adieu, Herr Vorsteher«,
klappte die Schuhabsätze zusammen, stund stramm da, machte kehrt, d. h. nein,
suchte mit den Händen den Türriegel, schaute immer auf das Gesicht des Herrn
Vorstehers und schob mich, ohne mich umzudrehen, wieder zur Türe hinaus. So
endete ein Versuch, Revolution zu machen. Seither sind keine störrischen
Auftritte mehr vorgekommen. Mein Gott, und geschlagen bin ich schon worden.
Er hat mich geschlagen, er, dem ich ein wahrhaft großes Herz zumute, und nicht
gemuckst habe ich, nicht gezwinkert habe ich, und es hat mich nicht einmal
beleidigt. Nur weh hat es mir getan, und nicht um mich selber, sondern um ihn,
den Herrn Vorsteher. Ich denke eigentlich immer an ihn, an beide, an ihn und
Fräulein, wie sie so dahinleben mit uns Knaben. Was tun sie da drinnen in der
Wohnung immer? Womit sind sie beschäftigt? Sind sie arm? Sind Benjamentas
arm? Es gibt hier »innere Gemächer«. Ich bin bis heute noch nie dort gewesen.
Kraus wohl, den man bevorzugt, weil er so treu ist. Aber Kraus will keine
Auskunft über die Beschaffenheit der Vorsteherswohnung geben. Er glotzt mich
nur an, wenn ich ihn über diesen Punkt ausfrage, und schweigt. O, Kraus kann
wahrhaft schweigen. Wenn ich ein Herr wäre, ich nähme Kraus sogleich in
meine Dienste. Aber vielleicht dringe ich doch noch einmal in diese innern
Gemächer. Und was werden dann meine Augen erblicken? Vielleicht gar nichts
Besonderes? O doch, doch. Ich weiß es, es gibt hier irgendwo wunderbare
Dinge.
Eins ist wahr, die Natur fehlt hier. Nun, das, was hier ist, ist eben einmal
Großstadt. Zu Hause gab es überall nahe und weite Aussichten. Ich glaube, ich
hörte immer die Singvögel in den Straßen auf und ab zwitschern. Die Quellen
murmelten immer. Der waldige Berg schaute majestätisch auf die saubere Stadt
nieder. Auf dem nahegelegenen See fuhr man abends in einer Gondel. Felsen und Wälder, Hügel und Felder waren mit ein paar Schritten zu erreichen.
Stimmen und Düfte waren immer da. Und die Straßen der Stadt glichen
Gartenwegen, so weich und reinlich sahen sie aus. Weiße nette Häuser guckten
schelmisch aus grünen Gärten hervor. Man sah bekannte Damen, z. B. Frau
Haag, innerhalb des Gartengitters im Park spazieren. Dumm ist das eigentlich,
nun, die Natur, der Berg, der See, der Fluß, der schäumende Wasserfall, das
Grün und allerlei Gesänge und Klänge waren einem eben nahe. Ging man, so
spazierte man wie im Himmel, denn man sah überall blauen Himmel. Stand man
still, so konnte man sich gleich niederlegen und still in die Luft hinaufträumen,
denn es war Gras- oder Moosboden. Und die Tannen, die so wundervoll nach
würziger Kraft duften. Werde ich nie wieder eine Bergtanne sehen? Das wäre
übrigens kein Unglück. Etwas entbehren: das hat auch Duft und Kraft. Unser
großrätliches Haus hatte keinen Garten, aber das Ganze, was einen umgab, war
ein hübscher, sauberer, süßer Garten. Ich will nicht hoffen, daß ich mich sehne.
Unsinn. Hier ist es auch schön.
Obschon es eigentlich an mir noch gar nichts Nennenswertes zu schaben
gibt, renne ich doch von Zeit zu Zeit zum Friseur, nur so des damit verbundenen
Straßenausfluges halber, und lasse mich rasieren. Ob ich Schwede sei, fragt mich
der Friseurgehilfe. Amerikaner? Auch nicht. Russe? Nun was denn? Ich liebe es,
derartige nationalistisch angefärbte Fragen mit eisernem Schweigen zu
beantworten und die Leute, die mich nach meinen Vaterlandsgefühlen fragen, im
Unklaren zu lassen. Oder ich lüge und sage, ich sei Däne. Gewisse
Aufrichtigkeiten verletzen und langweilen einen nur. Manchmal blitzt die Sonne
wie verrückt hier in diesen lebhaften Straßen. Oder es ist alles verregnet,
verschleiert, was ich auch sehr, sehr liebe. Die Leute sind freundlich, obgleich
ich zuweilen namenlos frech bin. Oft sitze ich in der Mittagsstunde müßig auf
einer Bank. Die Bäume der Anlage sind ganz farblos. Die Blätter hängen
unnatürlich bleiern herunter. Es ist, als wenn hier manchmal alles aus Blech und
dünnem Eisen sei. Dann stürzt wieder Regen und netzt das alles. Schirme
werden aufgespannt, Droschken rollen auf dem Asphalt, Menschen eilen, die
Mädchen heben die Röcke. Beine aus einem Rock hervorstechen zu sehen, hat
etwas eigentümlich Anheimelndes. So ein weibliches Bein, straff bestrumpft,
man sieht es nie, und nun sieht man es plötzlich. Die Schuhe kleben so schön an
der Form der schönen weichen Füße. Dann ist wieder Sonne. Wind weht ein
wenig, und da denkt man an zu Hause. Ja, ich denke an Mama. Sie wird weinen.
Warum schreibe ich ihr nie? Ich kann's nicht fassen, gar nicht begreifen, und
doch kann ich mich nicht entschließen, zu schreiben. Das ist es: ich mag nicht Auskunft geben. Es ist mir zu dumm. Schade, ich sollte nicht Eltern haben, die
mich lieben. Ich mag überhaupt nicht geliebt und begehrt sein. Sie sollen sich
daran gewöhnen, keinen Sohn mehr zu haben.
Jemandem, den man nicht kennt und der einen gar nichts angeht, einen
Dienst erweisen, das ist reizend, das läßt in göttlich nebelhafte Paradiese blicken.
Und dann: im Grunde genommen gehen einen alle oder wenigstens fast alle
Menschen etwas an. Die da an mir vorübergehen, die gehen mich irgend etwas
an, das steht fest. Übrigens ist das schließlich Privatsache. Ich gehe da so, die
Sonne scheint, da sehe ich plötzlich ein Hündchen zu meinen Füßen winseln.
Sogleich bemerke ich, daß sich das Luxustierchen mit den kleinen Beinen im
Maulkorb verwickelt hat. Es kann nicht mehr laufen. Da bücke ich mich, und
dem großen, großen Unglück ist abgeholfen. Nun kommt die Herrin des Hundes
heranmarschiert. Sie sieht, was los ist und dankt mir. Flüchtig ziehe ich meinen
Hut vor der Dame und gehe meiner Wege. Ach, die da hinten denkt jetzt, daß es
noch artige junge Menschen in der Welt gibt. Gut, dann habe ich den jungen
Menschen im allgemeinen einen Dienst erwiesen. Und wie diese übrigens ganz
unhübsche Frau gelächelt hat. »Danke, mein Herr.« Ah, zum Herrn hat sie mich
gemacht. Ja, wenn man sich zu benehmen weiß, ist man ein Herr. Und wem man
dankt, vor dem hat man Achtung. Wer lächelt, ist hübsch. Alle Frauen verdienen
Artigkeiten. Jede Frau hat etwas Feines. Ich habe schon Wäscherinnen wie
Königinnen sich bewegen sehen. Das alles ist komisch, o so komisch. Aber wie
die Sonne geblitzt hat, und wie ich dann so davongelaufen bin! – Nämlich ins
Warenhaus. Ich lasse mich dort photographieren, Herr Benjamenta will eine
Photographie von mir haben. Und dann muß ich einen kurz abzufassenden,
wahrheitsgetreuen Lebenslauf schreiben. Dazu gehört Papier. Nun, dann habe
ich noch das Vergnügen, extra in einen Papierladen zu treten.
Kamerad Schilinski ist von polnischer Herkunft. Er spricht ein hübsches,
gebrochenes Deutsch. Alles Fremdartige klingt nobel, ich weiß nicht, warum.
Schilinskis größter Stolz besteht in einer elektrisch entzündbaren
Krawattennadel, die er sich zu verschaffen gewußt hat. Auch zündet er gern,
d. h. mit der größten Vorliebe, Wachsstreichhölzchen an. Seine Schuhe sind
immer glänzend geputzt. Merkwürdig oft sieht man ihn seinen Anzug reinigen,
seine Stiefel wichsen und seine Mütze bürsten. Er schaut sich gern in einem
billigen Taschenspiegel an. Taschenspiegel besitzen wir Schüler übrigens alle,
obschon wir eigentlich gar nicht wissen, was Eitelkeit alles bedeutet. Schilinski ist schlank von Figur und hat ein sehr hübsches Gesicht und Lockenhaar, das er
nicht oft genug während des Tages kämmen und pflegen kann. Er sagt, er will zu
einem Pferdchen. Ein Pferd zu striegeln und zu putzen und dann auszufahren,
das ist sein Lieblingstraum. Recht karg steht es mit seinen Geistesgaben. Er
besitzt absolut keinen Scharfsinn, und von Feinsinn oder dergleichen darf man
bei ihm nicht reden. Und doch ist er durchaus nicht dumm, beschränkt vielleicht,
aber ich nehme dieses Wort nicht gern in den Mund, wenn ich an meine
Schulkameraden denke. Daß ich der Gescheiteste unter ihnen bin, das ist
vielleicht gar nicht einmal so sehr erfreulich. Was nützen einem Menschen
Gedanken und Einfälle, wenn er, wie ich, das Gefühl hat, er wisse nichts damit
anzustellen? Nun also. Nein, nein, ich will hell zu sehen versuchen, aber ich mag
nicht hochmüteln, mich nie und nimmer über meine Umgebung erhaben fühlen.
Schilinski wird Glück im Leben haben. Die Frauen werden ihn bevorzugen, so
sieht er aus, ganz wie der zukünftige Liebling der Frauen. Er hat einen an etwas
Edles erinnernden bräunlichen, übrigens hellen Teint an Gesicht und Händen,
und die Augen sind rehhaft schüchtern. Es sind reizende Augen. Er könnte mit
seinem ganzen Wesen ein junger Landedelmann sein. Sein Benehmen mahnt an
ein Landgut, wo städtisches und bäurisches, feines und grobes Wesen in
anmutige kräftige menschliche Bildung zusammenfließen. Er geht besonders
gern müßig und schlendert gern in den belebtesten Straßen herum, wobei ich
ihm manchmal Gesellschaft leiste, zum Entsetzen von Kraus, der den
Müßiggang haßt, verfolgt und verachtet. »Seid ihr beide schon wieder auf dem
Vergnügen gewesen? He?«, so empfängt uns Kraus, wenn wir heimkommen.
Von Kraus werde ich sehr viel reden müssen. Er ist der Redlichste und
Tüchtigste unter uns Zöglingen, und Tüchtigkeit und Ehrlichkeit sind ja so
unerschöpfliche und unermeßliche Gebiete. Nichts kann mich so tief aufregen
wie der Anblick und der Geruch des Guten und Rechtschaffenen. Etwas
Gemeines und Böses ist bald ausempfunden, aber aus etwas Bravem und Edlem
klug zu werden, das ist so schwer und doch zugleich so reizvoll. Nein, die Laster
interessieren mich viel, viel weniger wie die Tugenden. Nun werde ich Kraus
schildern müssen, und davor ist mir direkt bange. Zimperlichkeiten? Seit wann?
Ich will's nicht hoffen.
Ich gehe jetzt jeden Tag ins Warenhaus, fragen, ob meine Photographien
noch nicht bald fertig seien. Ich kann jedesmal mit dem Aufzug ins oberste
Stockwerk hinauffahren. Ich finde das leider nett, und das paßt zu meinen vielen
übrigen Gedankenlosigkeiten. Wenn ich Lift fahre, komme ich mir so recht wie
das Kind meiner Zeit vor. Ob das andern Menschen auch so geht? Den Lebenslauf habe ich immer noch nicht geschrieben. Es geniert mich ein wenig,
über meine Vergangenheit die schlichte Wahrheit zu sagen. Kraus schaut mich
von Tag zu Tag vorwurfsvoller an. Das paßt mir sehr. Liebe Menschen sehe ich
gern ein wenig wütend. Nichts ist mir angenehmer, als Menschen, die ich in
mein Herz geschlossen habe, ein ganz falsches Bild von mir zu geben. Das ist
vielleicht ungerecht, aber es ist kühn, also ziemt es sich. Übrigens geht das bei
mir ein wenig ins Krankhafte. So z. B. stelle ich es mir als unsagbar schön vor,
zu sterben, im furchtbaren Bewußtsein, das Liebste, was ich auf der Welt habe,
gekränkt und mit schlechten Meinungen über mich erfüllt zu haben. Das wird
niemand verstehen, oder nur der, der im Trotz Schönheitsschauer empfinden
kann. Elendiglich umkommen, um einer Flegelei, einer Dummheit willen. Ist das
erstrebenswert? Nein, gewiß nicht. Aber das alles sind ja Dummheiten gröbster
Sorte. Es fällt mir hier etwas ein, und ich sehe mich, aus, ich weiß nicht welchen,
Ursachen, genötigt, es zu sagen. Ich besaß vor einer Woche oder mehr Tagen an
Geld noch zehn Mark. Nun, jetzt sind diese zehn Mark verflogen. Eines Tages
trat ich in ein Restaurant mit Damenbedienung. Ganz unwiderstehlich zog es
mich hinein. Ein Mädchen sprang mir entgegen und nötigte mich, auf einem
Ruhebett Platz zu nehmen. Halb wußte ich Bescheid, wie das ungefähr endigen
konnte. Ich wehrte mich, aber ganz und gar ohne Nachdruck. Es war mir alles
gleichgültig, und doch wieder nicht. Es bereitete mir ein Vergnügen
ohnegleichen, dem Mädchen gegenüber den feinen, obenherabschauenden Herrn
zu spielen. Wir befanden uns ganz allein, und nun trieben wir die nettesten
Dummheiten. Wir tranken. Immer lief sie ans Büffet, um neue Getränke zu
holen. Sie zeigte mir ihr reizendes Strumpfband, und ich liebkoste es mit den
Lippen. Ah, ist man dumm. Immer stand sie wieder auf und holte Neues zum
trinken. Und so rasch. Sie wollte eben sehr schnell bei dem dummen Jungen ein
hübsches Sümmchen Geld verdienen. Ich sah das vollkommen ein, aber gerade
das gefiel mir, daß sie mich für dumm ansah. Solch eine sonderbare
Verdorbenheit: sich heimlich zu freuen, bemerken zu dürfen, daß man ein wenig
bestohlen wird. Aber wie bezaubernd kam mir alles vor. Rings um mich starb
alles in flötender, kosender Musik. Das Mädchen war Polin, schlank und
geschmeidig und so entzückend sündhaft. Ich dachte: »Weg sind meine zehn
Mark.« Nun küßte ich sie. Sie sagte: »Sag', was bist du? Du benimmst dich wie
ein Edelmann.« Ich konnte gar nicht genug den Duft, der von ihr ausströmte,
einatmen. Sie bemerkte das und fand das fein. Und in der Tat: Was ist man für
ein Halunke, wenn man, ohne Liebe und Schönheit zu empfinden, an Orte
hingeht, wo nur das Entzücken entschuldigt, was die Liederlichkeit
unternommen hat? Ich log ihr vor, daß ich Stallbursche sei. Sie sagte: »O nein,
dafür benimmst du dich viel zu schön. Sag' mir guten Tag.« Und da tat ich ihr das, was man an solchen Orten guten Tag sagen nennt, d. h. sie setzte es mir
lachend und scherzend und mich küssend auseinander, und da tat ich es. Eine
Minute später befand ich mich auf der abendlichen Straße, ausgebrannt bis auf
den letzten Pfennig. Wie kommt mir das jetzt vor? Ich weiß es nicht. Aber das
eine weiß ich: ich muß wieder zu einigem wenigen Geld kommen. Aber wie
mache ich das?
Beinahe jeden frühen Morgen setzt es zwischen mir und Kraus ein
geflüstertes Redegefecht ab. Kraus glaubt immer, mich zur Arbeit antreiben zu
sollen. Vielleicht irrt er sich auch gar nicht, wenn er annimmt, daß ich nicht gern
früh aufstehe. Ja doch, ich stehe schon ganz gern vom Bett auf, aber wiederum
finde ich es geradezu köstlich, ein wenig länger liegen zu bleiben, als ich soll.
Etwas nicht tun sollen, das ist manchmal so reizend, daß man nicht anders kann,
als es doch tun. Deshalb liebe ich ja so von Grund aus jede Art Zwang, weil er
einem erlaubt, sich auf Gesetzeswidrigkeiten zu freuen. Wenn kein Gebot, kein
Soll herrschte in der Welt, ich würde sterben, verhungern, verkrüppeln vor
Langerweile. Mich soll man nur antreiben, zwingen, bevormunden. Ist mir
durchaus lieb. Zuletzt entscheide doch ich, ich allein. Ich reize das
stirnrunzelnde Gesetz immer ein wenig zum Zorn, nachher bin ich bemüht, es zu
besänftigen. Kraus ist der Vertreter aller hier im Institut Benjamenta bestehenden
Vorschriften, folglich fordere ich den besten aller Mitschüler beständig ein
bißchen zum Kampf auf. Ich zanke so furchtbar gern. Ich würde krank werden,
wenn ich nicht zanken könnte, und zum Zanken und Reizen eignet sich Kraus
wundervoll. Er hat immer recht: »Willst du jetzt endlich aufstehen, du faules
Tuch!« – Und ich habe immer unrecht: »Ja, ja, gedulde dich. Ich komme.« – Wer
im Unrecht ist, der ist frech genug, den, der im Recht ist, stets zur Geduld
aufzufordern. Das Rechthaben ist hitzig, das Unrechthaben trägt stets eine stolze,
frivole Gelassenheit zur Schau. Derjenige, der es leidenschaftlich gut meint
(Kraus), unterliegt stets dem (also mir), dem das Gute und Förderliche nicht gar
so ausgesprochen am Herzen liegt. Ich triumphiere, weil ich noch im Bett liege,
und Kraus zittert vor Zorn, weil er immer vergeblich an die Türe klopfen, poltern
und sagen muß: »Steh' doch auf, Jakob. Mach' endlich. Herrgott, was ist das für
ein Faulpelz.« – Wer zürnen kann, ach, ist mir solch ein Mensch sympathisch.
Kraus zürnt bei jeder Gelegenheit. Das ist so schön, so humorvoll, so edel. Und
wir beide passen so gut zueinander. Dem Empörten muß doch immer der Sünder
gegenüberstehen, sonst fehlte ja etwas. Bin ich dann endlich aufgestanden, so tue
ich, als stünde ich müßig da. »Jetzt steht er noch da und gafft, der Tropf, statt
Hand anzulegen,« sagt er dann. Wie prächtig ist so etwas. Das Gemurmel eines Mürrischen finde ich schöner als das Murmeln eines Waldbaches, beglitzert von
der allerschönsten Sonntagvormittagsonne. Menschen, Menschen, nur
Menschen! Ja, ich empfinde es lebhaft: ich liebe die Menschen. Ihre Torheiten
und raschen Gereiztheiten sind mir lieber und wertvoller als die feinsten
Naturwunder. – Wir Zöglinge müssen morgens früh, bevor die Herrschaften
erwachen, Schulstube und Kontor aufräumen. Je zwei Leute besorgen das
abwechslungsweise. »Steh' doch auf. Wird's bald?« – Oder: »Jetzt hört aber bald
die Genügsamkeit auf.« Oder: »Steh' auf, steh' auf. Es ist Zeit. Solltest schon
längst den Besen in der Hand haben.« – Wie ist das amüsant. Und Kraus, der
ewig böse Kraus, wie lieb ist er mir.
Ich muß noch einmal ganz zum Anfang zurückkehren, zum ersten Tag. In der
Unterrichtspause sprangen Schacht und Schilinski, die ich damals ja noch gar
nicht kannte, in die Küche und brachten, auf Teller gelegt, Frühstück in die
Schulstube. Auch mir wurde etwas zum essen vorgelegt, aber ich hatte gar
keinen Appetit, ich mochte nichts anrühren. »Du mußt essen,« sagte mir
Schacht, und Kraus fügte hinzu: »Es muß alles, was da auf dem Teller liegt,
sauber aufgegessen werden. Hast du verstanden?« – Ich erinnere mich noch, wie
widrig mich diese Redensarten berührten. Ich versuchte zu essen, aber voll
Abscheu ließ ich das meiste liegen. Kraus drängte sich an mich heran, klopfte
mir würdevoll auf die Schulter und sagte: »Neuling, der du hier bist, wisse, daß
die Vorschriften gebieten, zu essen, wenn etwas zu essen da ist. Du bist
hochmütig, doch sei nur ruhig, der Hochmut wird dir schon vergehen. Kann man
etwa die butterbestrichenen und wurstbelegten Stücke Brot auf der Straße
auflesen? Wie? Sei du nur ruhig und warte hübsch, vielleicht wirst du noch
Appetit bekommen. Jedenfalls mußt du das da aufessen, was hier noch
herumliegt, wohlverstanden. Es werden im Institut Benjamenta keine Eßreste auf
den Tellern geduldet. Vorwärts, iß. Mach' rasch. Ist das eine sorgenvolle und
feinseinwollende Bedenklichkeit. Die Feinheiten werden dir bald vergehen,
glaube es mir. Du hast keinen Appetit, willst du mir sagen? Ich aber rate dir,
Appetit zu haben. Du hast nur aus Hochmut keinen, das ist es. Gib her. Für
diesmal will ich dir helfen aufessen, obschon es total gegen alle Vorschriften ist.
So. Siehst du, wie man das essen kann? Und das? Und das? Das war ein
Kunststück, kann ich dir sagen.« – Wie war mir das alles peinlich. Ich empfand
eine heftige Abneigung gegen die essenden Knaben, und heute? Heute esse ich
so gut sauber auf wie nur irgend einer der Zöglinge. Ich freue mich sogar
jedesmal auf das hübsch zubereitete, bescheidene Essen, und nie im Leben
würde es mir einfallen, es zu verschmähen. Ja, ich war eitel und hochmütig im Anfang, gekränkt von ich weiß nicht was, erniedrigt auf ich weiß gar nicht mehr
welche Weise. Es war mir eben alles, alles noch neu und infolgedessen feindlich,
und im übrigen war ich ein ganz hervorragender Dummkopf. Ich bin auch heute
noch dumm, aber auf feinere, freundlichere Art und Weise. Und auf die Art und
Weise kommt alles an. Es kann einer noch so töricht und unwissend sein: wenn
er sich ein wenig zu schicken, zu schmiegen und zu bewegen weiß, ist er noch
nicht verloren, sondern findet seinen Weg durch das Leben vielleicht besser als
der Kluge und Mit-Wissen-Vollgepackte. Die Art und Weise: ja, ja. –
Kraus hat es schon sehr schwer im Leben gehabt, bevor er hierher
gekommen ist. Er und sein Vater, der Schiffer ist, sind die Elbe hinauf und
hinunter gefahren, auf schweren Kohlenkähnen. Er hat schwer, schwer arbeiten
müssen, bis er dann krank geworden ist. Jetzt will er der Diener, der richtige
Diener eines Herrn werden, und dazu ist er mit all seinen gutherzigen
Eigenschaften auch wie geboren. Er wird ein ganz wundervoller Diener sein,
denn nicht nur sein Äußeres paßt zu diesem Beruf der Demut und des
Entgegenkommens, nein, auch die Seele, die ganze Natur, das ganze
menschliche Wesen meines Kameraden hat etwas im allerbesten Sinn
Dienerhaftes. Dienen! Wenn nur Kraus einen anständigen Herrn bekommt, das
wünsche ich ihm. Gibt es doch Herren oder Herrschaften, kurz, Vorgesetzte, die
es gar nicht lieben und wünschen, vollkommen bedient zu werden, die es gar
nicht verstehen, wirkliche Dienstleistungen in Empfang zu nehmen. Kraus hat
Stil und gehört unbedingt zu einem Grafen, d. h. ganz, ganz vornehmen Herrn.
Man muß einen Kraus nicht arbeiten lassen wie einen gewöhnlichen Knecht oder
Arbeiter. Er kann vertreten. Sein Gesicht ist dazu geschaffen, irgend einen Ton,
eine Manier anzugeben, und auf seine Haltung und auf sein Betragen kann
derjenige stolz sein, der ihn mieten wird. Mieten? Ja, so sagt man. Und Kraus
wird eines Tages an jemanden vermietet, oder von irgend jemandem gemietet
werden. Und darauf freut er sich, und darum lernt er so eifrig Französisch in
seinen etwas schwerfälligen Kopf hinein. Etwas ist da, das ihm Kummer macht.
Er hat sich nämlich beim Friseur, wie er sagt, eine etwas garstige Auszeichnung
geholt, einen Kranz von rötlichen kleinen Pflanzen, kurz gesagt Punkten, noch
kürzer, und ganz unbarmherzig gesagt, Pickeln. Nun ja, das ist allerdings übel,
besonders, da er zu einem feinen und wirklich anständigen Herrn gehen will.
Was ist zu machen? Armer Kraus! Mich z. B. würden die Punkte, die ihn
verunzieren, nicht im mindesten hindern, ihn zu küssen, wenn es darauf ankäme.
Im Ernst: wirklich nicht, denn ich sehe so etwas gar nicht mehr, ich sehe es gar
nicht, daß er unschön aussieht. Ich sehe seine schöne Seele auf seinem Gesicht, und die Seele, das ist das Liebkosenswerte. Aber der zukünftige Herr und
Gebieter wird da allerdings ganz anders denken, und darum legt auch Kraus
Salben auf die unfeinen Wunden, die ihn verunstalten. Er gebraucht auch öfters
den Spiegel, um die Fortschritte der Heilung zu beobachten, nicht aus leerer
Eitelkeit. Er würde, wenn er nicht diesen Makel trüge, nie in den Spiegel
schauen, denn die Erde kann nichts Uneitleres, Unaufgeblaseneres hervorbringen
als ihn. Herr Benjamenta, der sich für Kraus lebhaft interessiert, läßt oft nach
dem Übel und seinem zu erhoffenden Verschwinden fragen. Kraus soll ja bald
einmal ins Leben hinaus- und in Stellung treten. Ich fürchte mich vor dem
Augenblick seines Austrittes aus der Schule. Aber es wird nicht so rasch gehen.
An seinem Gesicht kann er, glaube ich, noch ziemlich lange doktoren, was ich ja
eigentlich durchaus nicht wünsche, und doch wünsche. Es würde mir so viel
fehlen, wenn er abginge. Er kann noch früh genug zu einem Herrn kommen, der
seine Qualitäten nicht zu schätzen wissen wird, und ich werde früh genug einen
Menschen, den ich liebe, ohne daß er es weiß, entbehren müssen.
An all diesen Zeilen schreibe ich meist abends, bei der Lampe, an dem
großen Schultisch, an welchem wir Zöglinge so oft stumpfsinnig oder nicht
stumpfsinnig sitzen müssen. Kraus ist manchmal sehr neugierig und guckt mir
über die Achsel. Einmal habe ich ihn zurechtgewiesen: »Aber Kraus, bitte sage
mir, seit wann bekümmerst du dich um Sachen, die dich nichts angehen?« – Er
war sehr ärgerlich, wie alle sind, die sich auf den heimlichen Pfaden der
schleichenden Neugierde ertappen lassen. Manchmal sitze ich ganz allein bis in
die spätere Nacht müßig auf einer Bank im öffentlichen Park. Die Laternen sind
angezündet, das grelle elektrische Licht stürzt zwischen den Blättern der Bäume
flüssig und brennend nieder. Alles ist heiß und verspricht fremdartige
Heimlichkeiten. Leute spazieren hin und her. Es flüstert zu den versteckten
Parkwegen heraus. Dann gehe ich heim und finde die Türe verschlossen.
»Schacht,« rufe ich leise, und der Kamerad wirft mir verabredetermaßen den
Schlüssel auf den Hof hinunter. Ich schleiche auf Fußspitzen, da das lange
Ausbleiben verboten ist, in die Kammer und lege mich ins Bett. Und dann
träume ich. Ich träume oft furchtbare Dinge. So träumte mir eines Nachts, ich
hätte Mama, die Liebe und Ferne, ins Gesicht geschlagen. Wie schrie ich da auf
und wie jäh erwachte ich. Der Schmerz über die Scheußlichkeit meines
eingebildeten Benehmens jagte mich zum Bett heraus. Bei den Ehrfurcht
einflößenden Haaren hatte ich die Heilige gerissen und sie zu Boden geworfen.
O, nicht an so etwas denken. Die Tränen schossen wie schneidende Strahlen zu
den mütterlichen Augen heraus. Ich erinnere mich noch deutlich, wie der Jammer ihr den Mund zerschnitt und zerriß, und wie sie sich im Weh badete, und
wie dann der Nacken nach hinten zurücksank. Aber wozu mir diese Bilder von
neuem vormalen? Morgen werde ich endlich den Lebenslauf schreiben müssen,
oder ich laufe Gefahr, einen bösen Vorwurf zu ernten. Abends, gegen neun Uhr,
singen wir Knaben immer ein kurzes Gutenachtlied. Wir stehen im Halbkreis
nahe bei der Türe, die in die innern Gemächer führt, und dann geht die Türe auf,
Fräulein Benjamenta erscheint auf der Schwelle, ganz in weiße, wohlig
herabfallende Gewänder gekleidet, sagt uns »gute Nacht, Knaben«, befiehlt uns,
uns schlafen zu legen, und ermahnt uns, ruhig zu sein. Dann löscht Kraus
jedesmal die Schulzimmerlampe, und von diesem Augenblick an darf kein
leisestes Geräusch mehr gemacht werden. Auf den Zehen muß jeder gehen und
sein Bett suchen. Ganz merkwürdig ist das alles. Und wo schlafen Benjamentas?
Wie ein Engel sieht das Fräulein aus, wenn sie uns gute Nacht sagt. Wie verehre
ich sie. Abends läßt sich der Herr Vorsteher überhaupt nie blicken. Ob das nun
merkwürdig ist oder nicht, jedenfalls ist es auffallend.
Es scheint, daß das Institut Benjamenta früher mehr Ruf und Zuspruch
genossen hat. An einer der vier Wände unseres Schulzimmers hängt eine große
Photographie, auf der man die Abbildungen einer ganzen Anzahl Knaben eines
früheren Schuljahrganges sehen kann. Unser Schulzimmer ist im übrigen sehr
trocken ausstaffiert. Außer dem länglichen Tisch, einigen zehn bis zwölf
Stühlen, einem großen Wandschrank, einem kleineren Nebentisch, einem
kleineren zweiten Schrank, einem alten Reisekoffer und ein paar anderen
geringfügigen Gegenständen enthält es kein Möbel. Über der Türe, die in die
geheimnisvolle unbekannte Welt der innern Gemächer führt, hängt als
Wandschmuck ein ziemlich langweilig aussehender Schutzmannssäbel mit dito
quer darüber gelegtem Futteral. Darüber thront der Helm. Diese Dekoration
mutet wie eine Zeichnung oder wie ein zierlicher Beweis der Vorschriften an, die
hier gelten. Was mich betrifft, ich möchte diese wahrscheinlich bei einem alten
Trödler erhandelten Schmuckstücke nicht geschenkt erhalten. Alle vierzehn Tage
werden Säbel und Helm heruntergenommen, um geputzt zu werden, was eine
sehr nette, obwohl sicher ganz stupide Arbeit genannt werden muß. Außer
diesen Verzierungen hängen im Schulzimmer noch die Bilder des verstorbenen
Kaiserpaares. Der alte Kaiser sieht unglaublich friedlich aus, und die Kaiserin
hat etwas Schlicht-Mütterliches. Oft putzen und waschen wir Zöglinge das
Schulzimmer mit Seife und Warmwasser aus, daß nachher alles von Sauberkeit
duftet und glänzt. Alles müssen wir selber machen, und jeder von uns hat zu
dieser Zimmermädchenarbeit eine Schürze umgebunden, in welchem an die Weiblichkeit gemahnenden Kleidungsstück wir alle ohne Ausnahme komisch
aussehen. Aber es geht lustig zu an solchen Aufräumetagen. Der Fußboden wird
fröhlich poliert, die Gegenstände, auch die der Küche, werden blank gerieben,
wozu es Lappen und Putzpuder in Menge gibt, Tisch und Stühle werden mit
Wasser überschüttet, Türklinken werden glänzend gemacht, Fensterscheiben
angehaucht und abgeputzt, jeder hat seine kleine Aufgabe, jeder erledigt etwas.
Wir erinnern an solchen Putz-, Reib- und Waschtagen an die märchenhaften
Heinzelmännchen, die, wie es bekannt ist, alles Grobe und Mühselige aus reiner
übernatürlicher Herzensgüte getan haben. Was wir Zöglinge tun, tun wir, weil
wir müssen, aber warum wir müssen, das weiß keiner von uns recht. Wir
gehorchen, ohne zu überlegen, was aus all dem gedankenlosen Gehorsam noch
eines Tages wird, und wir schaffen, ohne zu denken, ob es recht und billig ist,
daß wir Arbeiten verrichten müssen. An solch einem Putztag hat sich mir einmal
Tremala, einer der Kameraden, der älteste unter uns allen, mit einem häßlichen
Unfug genähert. Er stellte sich leise hinter mich und griff mir mit der
abscheulichen Hand (Hände, die das tun, sind roh und abscheulich) nach dem
intimen Glied, in der Absicht, mir eine widerliche, an den Kitzel eines Tieres
grenzende Wohltat zu erweisen. Ich drehe mich jäh um und schlage den
Verruchten zu Boden. Ich bin sonst gar nicht so stark. Tremala ist viel stärker.
Aber der Zorn verlieh mir unwiderstehliche Kräfte. Tremala hebt sich empor und
wirft sich auf mich, da geht die Türe auf, und Herr Benjamenta steht auf der
Schwelle derselben. »Jakob, Schlingel!« ruft er, »Komm einmal her!« Ich trete
zu meinem Vorsteher hin, und er frägt gar nicht, wer den Streit angefangen habe,
sondern gibt mir einen Schlag an den Kopf und geht weg. Ich will ihm
nachlaufen, um es ihm entgegenzubrüllen, wie ungerecht er ist, doch ich
beherrsche mich, besinne mich, werfe einen Blick über die gesamte Knabenschar
und gehe wieder an meine Arbeit. Mit Tremala rede ich seither kein Wort mehr,
und auch er weicht mir stets aus, und er weiß warum. Aber ob es ihm leid tut
oder dergleichen, das ist mir vollkommen gleichgültig. Die unzarte
Angelegenheit ist schon längst, wie soll man sagen, vergessen. Tremala ist früher
schon auf den Meerschiffen gewesen. Er ist ein verdorbener Mensch, und es
scheint, er freut sich seiner schändlichen Anlagen. Übrigens ist er rasend
ungebildet, daher interessiert er mich nicht. Verschmitzt und zugleich
unglaublich dumm: wie uninteressant. Aber das Eine hat mir dieser Tremala zu
erfahren gegeben: man muß auf alle möglichen Angriffe und Kränkungen stets
ein wenig gefaßt sein.
Oft gehe ich aus, auf die Straße, und da meine ich, in einem ganz wild anmutenden Märchen zu leben. Welch ein Geschiebe und Gedränge, welch ein
Rasseln und Prasseln. Welch ein Geschrei, Gestampf, Gesurr und Gesumme.
Und alles so eng zusammengepfercht. Dicht neben den Rädern der Wagen gehen
die Menschen, die Kinder, Mädchen, Männer und eleganten Frauen; Greise und
Krüppel, und solche, die den Kopf verbunden haben, sieht man in der Menge.
Und immer neue Züge von Menschen und Fuhrwerken. Die Wagen der
elektrischen Trambahn sehen wie figurenvollgepfropfte Schachteln aus. Die
Omnibusse humpeln wie große, ungeschlachte Käfer vorüber. Dann sind Wagen
da, die wie fahrende Aussichtstürme aussehen. Menschen sitzen auf den
hocherhobenen Sitzplätzen und fahren allem, was unten geht, springt und läuft
über den Kopf weg. In die vorhandenen Mengen schieben sich neue, und es geht,
kommt, erscheint und verläuft sich in einem fort. Pferde trampeln. Wundervolle
Hüte mit Zierfedern nicken aus offenen, schnell vorbeifahrenden
Herrschaftsdroschken. Ganz Europa sendet hierher seine Menschenexemplare.
Vornehmes geht dicht neben Niedrigem und Schlechtem, die Leute gehen, man
weiß nicht wohin, und da kommen sie wieder, und es sind ganz andere
Menschen, und man weiß nicht, woher sie kommen. Man meint, es ein wenig
erraten zu können und freut sich über die Mühe, die man sich gibt, es zu
enträtseln. Und die Sonne blitzt noch auf dem allem. Dem einen beglänzt sie die
Nase, dem andern die Fußspitze. Spitzen treten an Röcken zum glitzernden und
sinnverwirrenden Vorschein. Hündchen fahren in Wagen, auf dem Schoß alter,
vornehmer Frauen, spazieren. Brüste prallen einem entgegen, in Kleidern und
Fassonen eingepreßte, weibliche Brüste. Und dann sind wieder die dummen
vielen Zigarren in den vielen Schlitzen von männlichen Mundteilen. Und
ungeahnte Straßen denkt man sich, unsichtbare neue und ebenso sehr
menschenwimmelnde Gegenden. Abends zwischen sechs und acht wimmelt es
am graziösesten und dichtesten. Zu dieser Zeit promeniert die beste Gesellschaft.
Was ist man eigentlich in dieser Flut, in diesem bunten, nicht endenwollenden
Strom von Menschen? Manchmal sind alle diese beweglichen Gesichter rötlich
angezärtelt und gemalt von untergehenden Abendsonnengluten. Und wenn es
grau ist und regnet? Dann gehen alle diese Figuren, und ich selber mit, wie
Traumfiguren rasch unter dem trüben Flor dahin, etwas suchend, und wie es
scheint, fast nie etwas Schönes und Rechtes findend. Es sucht hier alles, alles
sehnt sich nach Reichtümern und fabelhaften Glücksgütern. Hastig geht man.
Nein, sie beherrschen sich alle, aber die Hast, das Sehnen, die Qual und die
Unruhe glänzen schimmernd zu den begehrlichen Augen heraus. Dann ist wieder
alles ein Baden in der heißen, mittäglichen Sonne. Alles scheint zu schlafen,
auch die Wagen, die Pferde, die Räder, die Geräusche. Und die Menschen
blicken so verständnislos. Die hohen, scheinbar umstürzenden Häuser scheinen zu träumen. Mädchen eilen dahin, Pakete werden getragen. Man möchte sich
jemandem an den Hals werfen. Komme ich heim, so sitzt Kraus da und spottet
mich aus. Ich sage ihm, man müsse doch ein wenig die Welt kennen lernen.
»Welt kennen lernen?« sagt er, wie in tiefe Gedanken versunken. Und er lächelt
verächtlich.
Ungefähr vierzehn Tage nach meinem Eintritt in die Schule ist Hans in
unsern Räumen erschienen. Hans ist der rechte Bauernjunge, wie er in Grimms
Märchenbuch steht. Er kommt tief aus Mecklenburg, und er duftet nach
blumigen üppigen Wiesen, nach Kuhstall und Bauernhof. Schlank, grob und
knochig ist er, und er spricht eine wunderliche, gutmütig-bäuerische Sprache, die
mir eigentlich gefällt, wenn ich mir Mühe gebe, die Nasenlöcher zuzuhalten.
Nicht als ob Hans etwa übel dünste und dufte. Und doch tut man irgend welche
empfindlichen Nasen zu, meinetwegen geistige, kulturelle, seelische Nasen, und
ganz unwillkürlich, womit man den guten Hans auch gar nicht kränken will. Und
er merkt so etwas ja gar nicht, dazu sieht, horcht und empfindet dieser Land-
Mensch viel zu gesund und zu schlicht. Etwas wie die Erde selber und
Erdrinnen- und Krümmungen tritt einem entgegen, wenn man sich in den
Anblick dieses Burschen vertieft, aber zu vertiefen braucht man sich gar nicht.
Hans fordert keinen gedankenvollen Tiefsinn heraus. Er ist mir nicht
gleichgültig, durchaus nicht, aber, wie soll ich sagen, ein wenig fern und leicht.
Man nimmt ihn ganz leicht, weil er nichts hat, das schwer zu ertragen wäre, weil
es Empfindungen wachriefe. Der Grimmsche Märchenbauernjunge. Etwas Uralt-
Deutsches und Angenehmes, verständlich und wesentlich auf den ersten,
flüchtigen Blick. Sehr wert, dem Ding ein guter Kamerad zu sein. Hans wird im
späteren Leben schwer arbeiten, ohne zu seufzen. Er wird Mühen und Sorgen
und Mißgeschicke kaum recht wahrnehmen. Er strotzt ja von Kraft und
Gesundheit. Und dazu ist er nicht unhübsch. Überhaupt: ich muß bald lachen
über mich selber: ich finde an allem und in allem irgend etwas Geringfügig-
Hübsches. Ich mag sie alle so gern leiden, meine Zöglinge da, die
Schulkameraden.
Bin ich der geborne Großstädter? Sehr leicht möglich. Ich lasse mich fast nie
betäuben oder überraschen. Etwas unsagbar Kühles ist trotz der Aufregungen,
die mich überfallen können, an mir. Ich habe die Provinz in sechs Tagen
abgestreift. Übrigens bin ich in einer allerdings ganz, ganz kleinen Weltstadt
aufgewachsen. Ich habe Stadtwesen und -empfinden mit der mütterlichen Milch eingesogen. Ich sah als Kind johlende, betrunkene Arbeiter hin und her taumeln.
Die Natur ist mir schon als ganz klein als etwas Himmlisch-Entferntes
vorgekommen. So kann ich die Natur entbehren. Muß man denn nicht auch Gott
entbehren? Das Gute, Reine und Hohe irgend, irgendwo versteckt in Nebeln zu
wissen und es leise, ganz, ganz still zu verehren und anzubeten, mit gleichsam
total kühler und schattenhafter Inbrunst: daran bin ich gewöhnt. Ich sah als Kind
eines Tages einen im Blut schwimmenden, von zahlreichen Messerstichen
durchbohrten wälschen Fabrikarbeiter an einer Mauer tot daliegen. Und ein
anderes Mal, es war zu Ravachols Zeiten, hieß es unter der Jugend, es werden
auch bei uns bald Bomben geschleudert werden usw. Alte Zeiten. Ich wollte von
etwas ganz anderem sprechen, nämlich von Kamerad Peter, dem langen Peter.
Dieser hochaufgeschossene Knabe ist zu drollig, er stammt aus Teplitz in
Böhmen und kann slawisch und deutsch sprechen. Sein Vater ist Schutzmann,
und Peter ist in einem Seilergeschäft kaufmännisch erzogen worden, er scheint
aber den Unwissenden, Unbrauchbaren und Ungeratenen gespielt zu haben, was
ich, ganz für mich, sehr niedlich finde. Er sagt, er rede auch ungarisch und
polnisch, wenn es von ihm verlangt werde. Aber hier verlangt kein Mensch so
etwas von ihm. Was für ausgedehnte Sprachenkenntnisse! Peter ist ganz
entschieden der Dümmste und Unbeholfenste unter uns Eleven, und das belegt
und bekränzt ihn in meinen unmaßgeblichen Augen mit Auszeichnungen, denn
unglaublich lieb sind mir die Dummen. Ich hasse das alles verstehenwollende,
mit Wissen und Witz glänzende, und sich breitmachende Wesen. Verschmitzte
und gewitzigte Menschen sind mir ein unnennbarer Greuel. Wie nett ist doch
gerade in diesem Punkt Peter. Schon, daß er so lang ist, zum
Mittenentzweibrechen lang, ist schön, aber noch viel schöner ist die
Gutherzigkeit, die ihm beständig einflüstert, er sei Kavalier und habe das
Aussehen eines edlen und eleganten Verbummelten. Zum Kugeln ist das. Er
redet immer von erlebten, aber sehr wahrscheinlich nicht erlebten Abenteuern.
Nun, das ist wahr, Peter besitzt den feinsten und zierlichsten Spazierstock der
Welt. Und nun zieht er stets los und geht in den belebtesten Straßen mit seinem
Spazierstock spazieren. Ich traf ihn einmal in der F…straße. Die F…straße ist
der entzückende Brennpunkt des hiesigen Großstadtweltlebens. Schon aus weiter
Ferne winkte er mir mit Hand, Kopfnicken und Spazierstockschwenken. Dann,
wie ich in seiner Nähe war, schaute er mich väterlich-sorgenvoll an, als hätte er
sagen wollen: »Was, du auch hier? Jakob, Jakob, das ist noch nichts für dich.« –
Und dann verabschiedete er sich wie einer der Großen dieses Erdenlebens, wie
ein Weltblattredakteur, der die hochkostbare Zeit nicht zu verlieren hat. Und
dann sah ich sein rundes dummes nettes Hütchen in der Menge anderer Köpfe
und Hüte verschwinden. Er tauchte, wie man so sagt, in der Masse unter. Peter lernt absolut nichts, obgleich er es in so humorvoller Weise nötig hätte, und in
das Institut Benjamenta ist er scheinbar nur deshalb eingetreten, um hier mit
köstlichen Dummheiten zu glänzen. Vielleicht wird er hier sogar noch um
wesentliche Portionen dümmer, als er war, und warum sollte sich seine
Dummheit denn eigentlich nicht entfalten dürfen? Ich z. B. bin überzeugt, daß
Peter im Leben unverschämt viel Erfolg davontragen wird, und seltsam: ich
gönne es ihm. Ja, ich gehe noch weiter. Ich habe das Gefühl, und es ist ein sehr
trostreiches, prickelndes und angenehmes, daß ich später einmal solch einen
Herrn, Gebieter und Vorgesetzten bekommen werde, wie Peter einer sein wird,
denn solche Dummen, wie er einer ist, sind zum Avancieren, Hochkommen,
Wohlleben und Befehlen geschaffen, und solche in gewissem Sinn Gescheite,
wie ich, sollen den guten Drang, den sie besitzen, im Dienst anderer blühen und
entkräften lassen. Ich, ich werde etwas sehr Niedriges und Kleines sein. Die
Empfindung, die mir das sagt, gleicht einer vollendeten, unantastbaren Tatsache.
Mein Gott, und ich habe trotzdem so viel, so viel Mut, zu leben? Was ist mit
mir? Oft habe ich ein wenig Angst vor mir, aber nicht lange. Nein, nein, ich
vertraue mir. Aber ist das nicht geradezu komisch?
Für meinen Mitschüler Fuchs habe ich nur einen einzigen sprachlichen
Ausdruck: Fuchs ist schräg, Fuchs ist schief. Er spricht wie ein mißlungener
Purzelbaum und benimmt sich wie eine große, zu Menschenform
zusammengeknetete Unwahrscheinlichkeit. Alles an ihm ist unsympathisch,
daher unbeherzigenswert. Über Fuchs etwas zu wissen, das ist Mißbrauch,
unfeiner, störender Überfluß. Man kennt solche Schlingel nur, um sie zu
verachten; da man aber überhaupt nicht gern irgend etwas verächtlich finden
will, vergißt oder übersieht man das Ding. Ein Ding, ja, das ist er. O Gott, muß
ich heute böse reden? Fast möchte ich mich dafür hassen. Fort, zu irgend etwas
Schönerem. – Herrn Benjamenta sehe ich sehr selten. Zuweilen trete ich in das
Bureau ein, verbeuge mich bis zur Erde, sage »guten Tag, Herr Vorsteher« und
frage den Herrscherähnlichen, ob ich ausgehen darf. »Hast du den Lebenslauf
geschrieben? Wie?« werde ich gefragt. Ich antworte: »Noch nicht. Aber ich
werde es tun.« Herr Benjamenta tritt auf mich zu, d. h. bis zum Schalter, an
welchem ich stehe, und drückt mir die riesige Faust vor die Nase. »Du wirst
pünktlich sein, Bursch, oder – – – du weißt, was es absetzt.« – Ich verstehe ihn,
ich verbeuge mich wieder und verschwinde. Seltsam, wie viel Lust es mir
bereitet, Gewaltausübende zu Zornesausbrüchen zu reizen. Sehne ich mich denn
eigentlich danach, von diesem Herrn Benjamenta gezüchtigt zu werden? Leben
in mir frivole Instinkte? Alles, alles, selbst das Niederträchtigste und Unwürdigste, ist möglich. Nun gut, bald werde ich den Lebenslauf ja schreiben.
Ich finde Herrn Benjamenta geradezu schön. Ein herrlicher brauner Bart – was?
Herrlicher brauner Bart? Ich bin ein Dummkopf. Nein, am Herrn Vorsteher ist
nichts schön, nichts herrlich, aber man ahnt hinter diesem Menschen schwere
Schicksalswege und -schläge, und dieses Menschliche ist es, dieses beinahe
Göttliche ist es, was ihn schön macht. Wahre Menschen und Männer sind nie
sichtbar schön. Ein Mann, der einen wirklich schönen Bart trägt, ist ein
Opernsänger oder der gutbezahlte Abteilungschef eines Warenhauses.
Scheinmänner sind in der Regel schön. Immerhin kann es auch Ausnahmen und
männliche Schönheiten, erfüllt von Tüchtigkeit, geben. Herrn Benjamentas
Gesicht und Hand (die ich schon zu spüren bekommen habe) haben Ähnlichkeit
mit knorrigen Wurzeln, mit Wurzeln, die zu irgend einer traurigen Stunde schon
irgendwelchen unbarmherzigen Beilhieben haben widerstehen müssen. Wäre ich
eine Dame von Noblesse und Geist, ich wüßte Männer, wie diesen scheinbar so
armseligen Institutsvorsteher, unbedingt auszuzeichnen, aber wie ich vermute,
verkehrt Herr Benjamenta gar nicht in der Gesellschaft, die die Welt bedeutet. Er
sitzt eigentlich immer zu Hause, er hält sich ohne Zweifel so auf eine Art im
Verborgenen auf, er verkriecht sich »in der Einsamkeit«, und in der Tat,
schauderhaft einsam muß dieser sicher edle und kluge Mann dahinleben. Irgend
welche Ereignisse müssen auf diesen Charakter einen tiefen, vielleicht sogar
vernichtenden Eindruck gemacht haben, aber was weiß man? Ein Eleve des
Institutes Benjamenta, was, was kann ein solcher wissen? Aber ich forsche
wenigstens immer. Um zu forschen, sonst um nichts anderen willen trete ich
öfters in das Kontor und richte so läppische Fragen, wie die: »Darf ich ausgehen,
Herr Vorsteher?« an den Mann. Ja, dieser Mensch hat es mir angetan, er
interessiert mich. Auch die Lehrerin erweckt mein höchstes Interesse. Ja, und
deshalb, um etwas herauszukriegen aus all diesem Geheimnisvollen, reize ich
ihn, damit ihm etwas wie eine unvorsichtige Bemerkung entfahre. Was schadet
es mir, wenn er mich schlägt? Mein Wunsch, Erfahrungen zu machen, wächst zu
einer herrischen Leidenschaft heran, und der Schmerz, den mir der Unwille
dieses seltsamen Mannes verursacht, ist nur klein gegen die bebende Begierde,
ihn zu verleiten, sich ein wenig mir gegenüber auszusprechen. O ich träume
davon, – herrlich, herrlich, – dieses Menschen hervorbrechendes Vertrauen zu
besitzen. Nun, es wird noch lange dauern, aber ich glaube, ich glaube, ich bringe
es fertig, in das Geheimnis der Benjamentas endlich noch einzudringen.
Geheimnisse lassen einen unerträglichen Zauber vorausahnen, sie duften nach
etwas ganz, ganz unsäglich Schönem. Wer weiß, wer weiß. Ah – – –.
Ich liebe den Lärm und die fortlaufende Bewegung der Großstadt. Was
unaufhörlich fortläuft, zwingt zur Sitte. Dem Dieb z. B., wenn er all die
regsamen Menschen sieht, muß unwillkürlich einfallen, was für ein Spitzbube er
ist, nun, und der fröhlich-bewegliche Anblick kann Besserung in sein
verfallenes, ruinenartiges Wesen schütten. Der Prahlhans wird vielleicht etwas
bescheidener und nachdenklicher, wenn er all die Kräfte, die sich schaffend
zeigen, erblickt, und der Unschickliche sagt sich möglicherweise, wenn ihm die
Schmiegsamkeit der Vielen ins Auge fällt, er sei doch ein entsetzlicher Wicht,
derart auf der Breitspurigkeit und Anmaßung dumm und eitel zu thronen. Die
Großstadt erzieht, sie bildet, und zwar durch Beispiele, nicht durch trockene, den
Büchern entnommene Lehrsätze. Es ist nichts Professorales da, und das
schmeichelt, denn die aufgetürmte Wissenswürde entmutigt. Und dann ist hier
noch so vieles, was fördert, hält und hilft. Man kann es kaum sagen. Wie schwer
ist es, Feinem und Gutem lebendigen Ausdruck zu geben. Man ist hier dem
bescheidenen Leben schon dankbar, man dankt immer ein wenig, indem es einen
treibt, indem man es eilig hat. Wer Zeit zu verschwenden hat, weiß nicht, was sie
bedeutet, und er ist der natürliche, blöde Undankbare. In der Großstadt fühlt
jeder Laufbursche, daß Zeit etwas wert ist, und jeder Zeitungsverkäufer will
seine Zeit nicht vertrödeln. Und dann das Traumhafte, das Malerische und
Dichterische! Menschen eilen und wirken immer an einem vorbei. Nun, das hat
etwas zu bedeuten, das regt an, das setzt den Geist in einen lebhafteren
Schwung. Während man zaudernd steht, sind schon Hunderte, ist bereits
hunderterlei einem am Kopf und Blick vorübergegangen, das beweist einem so
recht deutlich, welch ein Versäumer und träger Verschieber man ist. Man hat es
hier allgemein eilig, weil man jeden Augenblick der Meinung ist, es sei hübsch,
etwas erkämpfen und erhaschen zu gehen. Das Leben erhält einen reizenderen
Atem. Die Wunden und Schmerzen werden tiefer, die Freude frohlockt
fröhlicher und länger als anderswo, denn wer sich hier freut, der scheint es stets
sauer und rechtschaffen durch Arbeit und Mühe verdient zu haben. Dann sind
wieder die Gärten, die so still und verloren hinter den zierlichen Gittern liegen
wie heimliche Winkel in englischen Parklandschaften. Dicht daneben rauscht
und poltert der geschäftliche Verkehr, als wenn es nie Landschaften oder
Träumereien im Leben gegeben hätte. Die Eisenbahnzüge donnern über die
zitternden Brücken. Abends glitzern die märchenhaft reichen und eleganten
Schaufenster, und Ströme, Schlangen und Wellen von Menschen wälzen sich am
ausgestellten, lockenden Industrie-Reichtum vorbei. Ja, das alles erscheint mir
gut und groß. Man gewinnt, indem man mitten im Gestrudel und Gesprudel ist.
Man empfindet etwas Gutes an den Beinen, an den Armen und in der Brust,
indem man sich Mühe gibt, sich schicklich und ohne viel Federlesens durch all den lebendigen Kram hindurchzuwinden. Am Morgen scheint alles neu zu leben,
und am Abend sinkt alles einer neuen, nie empfundenen Träumerei in die
wildumschlingenden Arme. Das ist sehr dichterisch. Fräulein Benjamenta würde
mich ganz gehörig zurechtweisen, wenn sie lesen würde, was ich hier schreibe.
Von Kraus nicht zu reden, der macht zwischen Dorf und Stadt keinen so
leidenschaftlichen Unterschied. Kraus erblickt erstens Menschen, zweitens
Pflichten und drittens höchstens noch Ersparnisse, die er zurücklegen wird, wie
er denkt, um sie seiner Mutter zu schicken. Kraus schreibt immer nach Hause. Er
besitzt eine ebenso einfache wie rein menschliche Bildung. Das
Großstadtgetriebe mit all seinen vielen törichten glitzernden Versprechungen läßt
ihn vollständig kalt. Welch eine rechtschaffene, zarte, feste Menschenseele.
Endlich sind meine Photographien fertig geworden. Ich blicke sehr, sehr
energisch in die Welt hinein auf dem wirklich gut gelungenen Bild. Kraus will
mich ärgern und sagt, ich sehe wie ein Jude aus. Endlich, endlich lacht er ein
wenig. »Kraus,« sage ich, »bitte, bedenke, auch die Juden sind Menschen.« Wir
zanken über den Wert und über den Unwert der Juden und unterhalten uns damit
prachtvoll. Ich wundere mich, welche guten Meinungen er hat. »Die Juden
haben alles Geld,« meint er. Ich nicke dazu, ich bin einverstanden, und ich sage:
»Das Geld macht die Menschen erst zu Juden. Ein armer Jude ist kein Jude, und
reiche Christen, ich pfeife, das sind noch die ärgsten Juden.« – Er nickt. Endlich,
endlich einmal habe ich dieses Menschen Beifall gefunden. Aber er ärgert sich
schon wieder und sagt sehr ernsthaft: »Schwatz' nicht immer. Was soll das mit
den Juden und mit den Christen. Das gibt es gar nicht. Es gibt liederliche und
brave Menschen. Das ist es. Und was glaubst du, Jakob? Zu welcher Sorte
gehörst du?« – Und nun unterhalten wir uns erst recht noch lange. O, Kraus redet
sehr gern mit mir, ich weiß es. Die gute, feine Seele. Er mag es nur nicht
zugeben. Wie liebe ich Menschen, die sich nicht gern Geständnisse machen.
Kraus hat Charakter: Wie deutlich man das fühlt. – Den Lebenslauf habe ich
allerdings geschrieben, aber ich habe ihn wieder zerrissen. Fräulein Benjamenta
ermahnte mich gestern, aufmerksamer und folgsamer zu sein. Ich habe die
schönsten Vorstellungen von Gehorsamkeit und Aufmerksamkeit, und
sonderbar: es entwischt mir. Ich bin tugendhaft in der Einbildung, aber wenn es
darauf ankommt, Tugenden auszuüben? Wie dann? Nicht wahr, ja, dann ist es
eben etwas ganz anderes, dann versagt man, dann ist man unwillig. Übrigens bin
ich unhöflich. Ich schwärme sehr für die Ritterlichkeit und Höflichkeit, wenn es
aber gilt, der Lehrerin vorauszueilen und ihr die Türe ehrfürchtig zu öffnen, wer
ist dann der Flegel, der am Tisch sitzen bleibt? Und wer springt wie der Sturmwind, um sich artig zu erweisen? Ei, Kraus. Kraus ist Ritter von Kopf bis
zu Fuß. Er gehört eigentlich ins Mittelalter, und es ist sehr schade, daß ihm kein
zwölftes Jahrhundert zur Verfügung steht. Er ist die Treue, der Diensteifer und
das unauffällige, selbstlose Entgegenkommen selber. Über Frauen hat er kein
Urteil, er verehrt sie bloß. Wer hebt das Fallengelassene vom Boden auf und
reicht es eichhornhaft schnell dem Fräulein? Wer springt zum Haus hinaus auf
Kommissionen? Wer trägt der Lehrerin die Markttasche nach? Wer scheuert die
Treppe und Küche, ohne daß man es ihm hat befehlen müssen? Wer tut das alles
und frägt nicht nach Dank? Wer ist so herrlich, so gewaltig in sich selbst froh?
Wie heißt er? Ah, ich weiß es schon. Manchmal möchte ich von diesem Kraus
gehauen sein. Aber Menschen wie er, wie könnten sie hauen. Kraus will nur
Rechtes und Gutes. Das ist durchaus nicht übertrieben gesprochen. Er hat nie
schlechte Absichten. Seine Augen sind erschreckend gut. Dieser Mensch, was
will er eigentlich in solch einer auf die Phrase, Lüge und Eitelkeit gestellten und
abgerichteten Welt? Sieht man Kraus an, dann fühlt man unwillkürlich, wie
unrettbar verloren die Bescheidenheit in der Welt ist.
Ich habe meine Uhr verkauft, um Zigarettentabak kaufen zu können. Ich
kann ohne Uhr, aber nicht ohne Tabak leben, das ist schändlich, aber es ist
zwingend. Ich muß irgendwie zu ein wenig Geld gelangen, sonst wird es mir
bald an reiner Wäsche fehlen. Saubere Hemdkragen sind mir ein Bedürfnis. Das
Glück eines Menschen hängt nicht und hängt doch von solchen Dingen ab.
Glück? Nein. Aber man soll anständig sein. Reinlichkeit allein ist ein Glück. Ich
schwatze. Wie hasse ich all die treffenden Worte. Heute hat Fräulein geweint.
Warum? Mitten in der Schulstunde stürzten ihr plötzlich die Tränen aus den
Augen. Das berührt mich seltsam. Jedenfalls werde ich die Augen offen
behalten. Es macht mir Spaß, auf irgend etwas, was keinen Ton geben will, zu
horchen. Ich passe auf, und das verschönert das Leben, denn ohne aufpassen zu
müssen, gibt es eigentlich gar kein Leben. Es ist klar, Fräulein Benjamenta hat
einen Kummer, und es muß ein heftiger Kummer sein, da sich unsere Lehrerin
sonst sehr gut zu beherrschen weiß. Ich muß Geld haben. Übrigens habe ich den
Lebenslauf jetzt geschrieben. Er lautet folgendermaßen:
Lebenslauf.
Unterzeichneter, Jakob von Gunten, Sohn rechtschaffener Eltern, den
und den Tag geboren, da und da aufgewachsen, ist als Eleve in das
Institut Benjamenta eingetreten, um sich die paar Kenntnisse
anzueignen, die nötig sind, in irgend jemandes Dienste zu treten.
Ebenderselbe macht sich durchaus vom Leben keine Hoffnungen. Er
wünscht, streng behandelt zu werden, um zu erfahren, was es heißt, sich
zusammenraffen müssen. Jakob von Gunten verspricht nicht viel, aber er
nimmt sich vor, sich brav und redlich zu verhalten. Die von Gunten sind
ein altes Geschlecht. In früheren Zeiten waren sie Krieger, aber die
Rauflust hat nachgelassen, und heute sind sie Großräte und
Handelsleute, und der Jüngste des Hauses, Gegenstand dieses Berichtes,
hat sich entschlossen, gänzlich von aller hochmütigen Tradition
abzufallen. Er will, daß das Leben ihn erziehe, nicht erbliche oder irgend
adlige Grundsätze. Allerdings ist er stolz, denn es ist ihm unmöglich, die
angeborne Natur zu verleugnen, aber er versteht unter Stolz etwas ganz
Neues, gewissermaßen der Zeit, in der er lebt, Entsprechendes. Er hofft,
daß er modern, einigermaßen geschickt zu Dienstleistungen und nicht
ganz dumm und unbrauchbar ist, aber er lügt, er hofft das nicht nur,
sondern er behauptet und weiß es. Er hat einen Trotzkopf, in ihm leben
eben noch ein wenig die ungebändigten Geister seiner Vorfahren, doch
er bittet, ihn zu ermahnen, wenn er trotzt, und wenn das nichts nützt, zu
züchtigen, denn dann glaubt er, nützt es. Im übrigen wird man ihn zu
behandeln wissen müssen. Der Unterzeichnete glaubt, sich in jede Lage
schicken zu können, es ist ihm daher gleichgültig, was man ihm zu tun
befehlen wird, er ist der festen Überzeugung, daß jede sorgsam
ausgeführte Arbeit für ihn eine größere Ehre sein wird als das müßig und
ängstlich zu Hause Hinter-dem-Ofen-Sitzen. Ein von Gunten sitzt nicht
hinter dem Ofen. Wenn die Ahnen des gehorsam Unterzeichneten das
ritterliche Schwert geführt haben, so handelt der Nachkomme
traditionell, wenn er glühend heiß begehrt, sich irgendwie nützlich zu
erweisen. Seine Bescheidenheit kennt keine Grenzen, wenn man seinem
Mut schmeichelt, und sein Eifer, zu dienen, gleicht seinem Ehrgeiz, der
ihm befiehlt, hinderliche und schädliche Ehrgefühle zu verachten. Zu
Hause hat Immerderselbe seinen Geschichtslehrer, den ehrenwerten
Herrn Doktor Merz, durchgeprügelt, eine Schandtat, die er bedauert.
Heute sehnt er sich danach, den Hochmut und die Überhebung, die ihn
vielleicht zum Teil noch beseelen, am unerbittlichen Felsen harter Arbeit
zerschmettern zu dürfen. Er ist wortkarg und wird Vertraulichkeiten
niemals ausplaudern. Er glaubt weder an ein Himmelreich noch an eine
Hölle. Die Zufriedenheit desjenigen, der ihn engagiert, wird sein
Himmel, und das traurige Gegenteil seine vernichtende Hölle sein, aber
er ist überzeugt, daß man mit ihm und dem, was er leistet, zufrieden sein
wird. Dieser feste Glaube gibt ihm den Mut, der zu sein, der er ist.
Jakob von Gunten.