Jakob von Gunten, Ein Tagebuch

Robert Walser · Kapitel 3 von 4

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Jakob von Gunten, Ein Tagebuch

Etwas mir Unverständliches ist vorgefallen. Vielleicht hat…

Etwas mir Unverständliches ist vorgefallen. Vielleicht hat es auch gar nichts

zu bedeuten. Ich bin sehr wenig geneigt, mich von Mysterien bewältigen zu

lassen. Ich saß, es war schon halb Nacht, ganz allein in der Schulstube. Plötzlich

stand Fräulein Benjamenta hinter mir. Ich hatte sie nicht eintreten gehört, sie

mußte also ganz leise die Türe geöffnet haben. Sie fragte mich, was ich da

mache, doch in einem Ton, daß ich gar nicht zu antworten brauchte. Sie sagte

sozusagen, indem sie fragte, sie wisse es schon. Da gibt man natürlich keine

Antwort mehr. Sie legte, wie wenn sie müde gewesen wäre und der Stütze

bedurft hätte, die Hand auf meine Achsel. Da fühlte ich so recht, daß ich ihr

gehörte, d. h. ihr gehörte? – Ja, einfach so ihr angehörte. Ich bin immer

mißtrauisch gegenüber Empfindungen. Aber daß ich da ihr, dem Fräulein, quasi

gehörte, das war wahr empfunden. Wir gehörten zusammen. Natürlich mit

Unterschied. Doch wir stunden uns mit einmal sehr nahe. Immer, immer aber mit

Unterschied. Ich hasse es geradezu, so gar wenig oder keine Unterschiede zu

empfinden. Darin, daß Fräulein Benjamenta und ich zwei sehr verschieden

geartete und gestellte Wesen waren, das zu spüren, darin lag für mich ein Glück.

Ich verachte es im übrigen, mich zu belügen. Die Auszeichnungen und Vorteile,

die nicht ganz, ganz echt sind, betrachte ich als meine Feinde. Es war da also ein

großer Unterschied. Ja, was ist denn das? Komme ich über gewisse Unterschiede

nicht hinaus? Doch da sagte das Fräulein plötzlich: »Komm' mit. Steh' auf und

komm'. Ich will dir etwas zeigen.« – Wir gingen zusammen. Vor unseren Augen,

wenigstens vor den meinigen (vor ihren vielleicht nicht), lag alles in ein

undurchdringliches Dunkel gehüllt. »Das sind die innern Gemächer,« dachte ich,

und ich täuschte mich auch nicht. Es verhielt sich so, und meine liebe Lehrerin

schien entschlossen zu sein, mir eine bisher verborgen gewesene Welt zu zeigen.

Doch ich muß Atem schöpfen.

 

Es war, wie gesagt, zuerst ganz dunkel. Das Fräulein nahm mich bei der

Hand und sagte in freundlicher Tonart: »Siehe, Jakob, so wird es dunkel um dich

sein. Und da wird dich jemand dann an der Hand führen. Und du wirst froh

darüber sein und zum erstenmal tiefe Dankbarkeit empfinden. Sei nicht

mißgestimmt. Es kommen auch Helligkeiten.« – Kaum hatte sie das gesagt, so

brannte uns ein weißes, blendendes Licht entgegen. Ein Tor zeigte sich, und wir

gingen, sie voran, ich dicht hinter ihr, durch die Öffnung hindurch, ins herrliche

Licht-Feuer hinein. Ich hatte noch nie etwas so Glanzvolles und Vielsagendes

gesehen, daher war ich auch wie betäubt. Das Fräulein sprach lächelnd, noch freundlicher wie vorher: »Blendet dich das Licht? Dann strenge dich an, es zu

ertragen. Es bedeutet Freude, und man muß sie zu empfinden und zu ertragen

wissen. Du kannst meinetwegen auch denken, es bedeute dein zukünftiges

Glück, doch sieh', was geschieht da? Es schwindet. Das Licht zerfällt. Also,

Jakob, sollst du kein langes, kein anhaltendes Glück haben. Schmerzt dich meine

Aufrichtigkeit? Nicht doch. Komm' weiter. Wir müssen uns ein wenig beeilen,

denn noch manche Erscheinung soll durchwandert und durchzittert werden. Sag',

Jakob, verstehst du auch meine Worte? Doch schweig'. Du darfst hier nicht

reden. Glaubst du, daß ich etwa eine Zauberin sei? Nein, ich bin keine Zauberin.

Gewiß, ein ganz klein wenig zu zaubern, zu verführen, das verstehe ich schon.

Jedes Mädchen versteht das. Doch komm' jetzt.« – Mit diesen Worten öffnete

das verehrte Mädchen eine Bodenlucke, wobei ich ihr helfen mußte, und wir

stiegen zusammen, sie immer voran, in einen tiefgelegenen Keller hinunter.

Zuletzt, als die steinernen Stufen aufhörten, traten wir auf feuchte weiche Erde.

Es war mir, als befänden wir uns in der Mitte der Erdkugel, so tief und einsam

kam es mir vor. Wir schritten einen langen, finstern Gang entlang, Fräulein

Benjamenta sagte: »Wir sind jetzt in den Gewölben und Gängen der Armut und

Entbehrung, und da du, lieber Jakob, wahrscheinlich dein Lebenlang arm bleibst,

so versuche bitte schon jetzt, dich an die Finsternis und an den kalten,

schneidenden Geruch, die hier herrschen, ein wenig zu gewöhnen. Erschrick

nicht und sei ja nicht böse. Gott ist auch hier, er ist überall. Man muß die

Notwendigkeit lieben und pflegen lernen. Küsse die nasse Kellererde, ich bitte

dich, ja, tu' es. Damit lieferst du den sinnlichen Beweis deiner willigen

Unterwerfung in die Schwere und in die Trübnis, die dein Leben, wie es scheint,

zum größten Teil ausmachen werden.« – Ich gehorchte ihr, warf mich zur kalten

Erde nieder und küßte sie voller Inbrunst, wobei mich ein unnennbarer kalter

und zugleich heißer Schauer durchrann. Wir gingen weiter. Ah, diese Gänge des

Not-Leidens und der furchtbaren Entsagung schienen mir endlos, und sie waren

es vielleicht auch. Die Sekunden waren wie ganze Lebensläufe, und die Minuten

nahmen die Größe von leidvollen Jahrhunderten an. Genug, endlich langten wir

an einer trübseligen Mauer an, Fräulein sagte: »Geh' und liebkose die Mauer. Es

ist die Sorgenwand. Sie wird stets vor deinen Blicken aufgerichtet sein, und du

bist unklug, wenn du sie hassest. Ei, man muß das Starre, das Unversöhnliche

eben zu erweichen versuchen. Geh' und probier' es.« – Ich trat rasch, wie in

leidenschaftlicher Eile, zur Mauer heran und warf mich ihr an die Brust. Ja, an

die steinerne Brust, und sagte ihr einige gute, beinahe scherzende Worte. Und sie

blieb, wie zu erwarten war, unbeweglich. Ich spielte Komödie, schon meiner

Lehrerin zulieb, gewiß, und doch war es wiederum nichts weniger als Komödie,

was ich tat. Und doch lächelten wir beide, sie, die Meisterin sowohl, wie ich, ihr unreifer Schüler. »Komm',« sagte sie, »wir wollen uns jetzt ein wenig Freiheit,

ein wenig Bewegung gönnen.« – Und damit berührte sie mit dem kleinen weißen

bekannten Herrin-Stab die Mauer, und weg war der ganze garstige Keller, und

wir befanden uns auf einer glatten, offenen, schlanken Eis- oder Glasbahn. Wir

schwebten dahin wie auf wunderbaren Schlittschuhen, und zugleich tanzten wir,

denn die Bahn hob und senkte sich unter uns wie eine Welle. Es war entzückend.

Ich hatte nie so etwas gesehen, und ich rief vor lauter Freude: »Wie herrlich.« –

Und über uns schimmerten die Sterne in einem sonderbarerweise ganz

blaßblauen und doch dunklen Himmel, und der Mond starrte, überirdisch

leuchtend, auf uns Eisläufer herab. »Das ist die Freiheit,« sagte die Lehrerin,

»sie ist etwas Winterliches, Nicht-lange-zu-Ertragendes. Man muß sich immer,

so wie wir es hier tun, bewegen, man muß tanzen in der Freiheit. Sie ist kalt und

schön. Verliebe dich nur nicht in sie. Das würde dich nachher nur traurig

machen, denn nur momentelang, nicht länger, hält man sich in den Gegenden der

Freiheit auf. Bereits sind wir etwas zu lang hier. Sieh', wie die wundervolle

Bahn, auf der wir schweben, langsam sich wieder auflöst. Jetzt kannst du die

Freiheit sterben sehen, wenn du die Augen aufmachst. Im späteren Leben wird

dir dieser herzbeklemmende Anblick noch oft zuteil werden.« – Kaum hatte sie

ausgesprochen, so sanken wir von der erklommenen Höhe und Lustigkeit in

etwas Müdes und Trauliches hinunter, es war ein kleines, mit raffiniertem

Wohlbehagen ganz gefüttertes und erfülltes, köstlich nach Träumereien

duftendes, reich mit allerhand lüsternen Szenen und Bildern tapeziertes Ruhe-

Gemach. Es war ein geradezu gemächliches Gemach. Oft schon hatte ich von

richtigen Gemächern geträumt. Hier befand ich mich nun in einem solchen.

Musik rieselte an den bunten Wänden wie Anmutsschnee herunter, man sah es

direkt musizieren, die Töne glichen einem bezaubernden Schneegestöber.

»Hier,« sagte das Fräulein, »kannst du ruhen. Sage dir selber, wie lange.« – Wir

lächelten beide über diese rätselhaften Worte, und obgleich mich ein unsagbar

zartes Bangen beschlich, zögerte ich nicht, es mir in dem Lustgemach auf einem

der Teppiche, die da vor mir lagen, bequem zu machen. Eine Zigarette von selten

gutem Geschmack flog mir von oben herab in den unwillkürlich geöffneten

Mund, und ich rauchte. Ein Roman schwirrte herbei, mir gerade in die Hände,

und ich konnte ungestört darin lesen. »Das ist nichts für dich. Lies nicht in

solchen Büchern. Steh' auf. Komm' lieber. Die Weichlichkeit verführt zur

Gedankenlosigkeit und Grausamkeit. Hörst du, wie es zornig einherdonnert und

-rollt? Das ist das Ungemach. Du hast jetzt in einem Gemach Ruhe genossen.

Nun wird das Ungemach über dich herabregnen und Zweifel und Unruhe werden

dich durchnässen. Komm'. Man muß tapfer ins Unvermeidliche hineingehen.« –

So sprach die Lehrerin, und kaum hatte sie zu Ende gesprochen, da schwamm ich in einem dickflüssigen, höchst unangenehmen Strom von Zweifel. Durch und

durch entmutigt, wagte ich gar nicht, mich umzuschauen, ob sie noch neben mir

sei. Nein, die Lehrerin, die Hervorzauberin all dieser Erscheinungen und

Zustände, war verschwunden. Ich schwamm ganz allein. Ich wollte schreien,

aber das Wasser drohte mir in den Mund zu laufen. O dieses Ungemach. Ich

weinte, und ich bereute bitter, mich der lüsternen Bequemlichkeit hingegeben zu

haben. Da plötzlich saß ich wieder im Institut Benjamenta, in der dunkelnden

Schulstube, und Fräulein Benjamenta stand noch hinter mir, und sie streichelte

mir die Wangen, aber nicht so, als wenn sie mich, sondern, als wenn sie sich

selber trösten müsse. »Sie ist unglücklich,« dachte ich. Da kamen Kraus,

Schacht und Schilinski von einem gemeinsamen Ausgang zurück. Rasch zog das

Mädchen die Hand von mir weg und ging in die Küche, um das Abendbrot

zuzubereiten. Träumte ich? Aber wozu mich fragen, wenn es jetzt doch ans

Abendessen geht? Es gibt Zeiten, wo ich entsetzlich gern esse. Ich kann dann in

die dümmsten Speisen hineinbeißen wie ein hungriger Handwerksbursche, ich

lebe dann wie in einem Märchen und nicht mehr als Kulturmensch in einem

Kulturzeitalter.

 

Sehr amüsant sind manchmal unsere Turn- und Tanzstunden. Geschick

zeigen zu müssen, das ist nicht ohne Gefahr. Wie kann man sich doch blamieren.

Zwar, wir Zöglinge lachen uns nicht aus. Nicht? O doch. Man lacht mit den

Ohren, wenn man mit dem Mund nicht lachen darf. Und mit den Augen. Die

Augen lachen so gern. Und den Augen Vorschriften zu machen, das ist zwar

ganz gut möglich, aber doch ziemlich schwer. So z. B. darf hier nicht geblinzelt

werden, blinzeln ist spöttisch und daher zu vermeiden, aber man blinzelt halt

doch manchmal. So ganz die Natur zu unterdrücken, das geht eben doch nicht.

Und doch geht's. Aber hat man sich auch die Natur total abgewöhnt, es bleibt

immer ein Hauch, ein Rest übrig, das zeigt sich immer. Der lange Peter z. B.

kann sich die höchsteigene, persönliche Natur sehr schlecht abgewöhnen.

Manchmal, wenn er tanzen, sich graziös bewegen und erweisen soll, besteht er

gänzlich aus Holz, und das Holz ist bei Peter eben Naturanlage, gleichsam

Gottesgeschenk. O wie muß man doch über ein Klafter Holz, wenn es in Form

eines langen Menschen erscheint, lachen, so prächtig in die Brust hineinlachen.

Ein Gelächter ist das reine Gegenteil von einem Stück Holz, es ist etwas

Entzündendes, etwas, was da in einem drinnen Streichhölzer anzündet.

Streichhölzer kichern, genau wie ein unterdrücktes Gelächter. Ich mag mich

sehr, sehr gern am Herausschallen des Lachens verhindern lassen. Das kitzelt so

wunderbar: es nicht loslassen zu dürfen, was doch so gern herausschießen möchte. Was nicht sein darf, was in mich hinab muß, ist mir lieb. Es wird

dadurch peinlicher, aber zugleich wertvoller, dieses Unterdrückte. Ja ja, ich

gestehe, ich bin gern unterdrückt. Zwar. Nein, nicht immer zwar. Herr Zwar soll

mir abmarschieren. Was ich sagen wollte: etwas nicht tun dürfen, heißt, es

irgendwo anders doppelt tun. Nichts ist fader als eine gleichgültige, rasche,

billige Erlaubnis. Ich verdiene, erfahre gern alles, und z. B. ein Lachen bedarf

auch der Durch-Erfahrung. Wenn ich innerlich zerspringe vor Lachen, wenn ich

kaum noch weiß, wo ich all das zischende Pulver hintun soll, dann weiß ich, was

Lachen ist, dann habe ich am lächerigsten gelacht, dann habe ich eine

vollkommene Vorstellung dessen gehabt, was mich erschütterte. Ich muß

demnach unbedingt annehmen und es als feste Überzeugung aufbewahren, daß

Vorschriften das Dasein versilbern, vielleicht sogar vergolden, mit einem Wort

reizvoll machen. Denn wie mit dem verbotenen reizenden Lachen ist es doch

sicher mit fast allen andern Dingen und Gelüsten ebenfalls. Nicht weinen dürfen

z. B., nun, das vergrößert das Weinen. Liebe entbehren, ja, das heißt lieben.

Wenn ich nicht lieben soll, liebe ich zehnfach. Alles Verbotene lebt auf

hundertfache Art und Weise; also lebt nur lebendiger, was tot sein sollte. Wie im

Kleinen, so ist es im Großen. Recht hübsch, recht alltäglich gesagt, aber im

Alltäglichen ruhen die wahren Wahrheiten. Ich schwatze wieder ein wenig, nicht

wahr? Geb' es gern zu, daß ich schwatze, denn mit etwas müssen doch Zeilen

ausgefüllt werden. Wie entzückend, wie entzückend sind verbotene Früchte.

 

Vielleicht schwebt jetzt zwischen Herrn Benjamenta und mir etwas wie eine

beiden Teilen sichtbare, verbotene Frucht. Doch wir beide drücken uns nicht

deutlich aus. Wir scheuen vor der offenen Sprache zurück, und das ist gewiß nur

zu billigen. Mir z. B. ist eigentlich die Freundlichkeit der Behandlung

unsympathisch. Ich rede im allgemeinen. Gewisse Leute, die mir zugetan sind,

sind mir zuwider, ich kann das hier nicht nachdrücklich genug betonen.

Natürlich finde auch ich an der Milde, am Herzlichen Geschmack. Wer könnte

so roh sein, alle Vertraulichkeit, alles wärmere Wesen gänzlich zu verabscheuen.

Aber ich hüte mich stets, nahezutreten, und ich weiß nicht, ich muß darin Talent

besitzen, jemanden von der Unklugheit gewisser Annäherungen stumm zu

überzeugen, wenigstens halte ich es für schwierig, sich in mein Vertrauen zu

stehlen. Und meine Wärme ist mir kostbar, sehr kostbar, und derjenige, der sie

besitzen will, muß äußerst vorsichtig vorgehen, und das will nun Herr Vorsteher.

Dieser Herr Benjamenta will, wie es scheint, mein Herz besitzen und

Freundschaft mit mir schließen. Vorläufig behandle ich ihn aber eisig kalt, und

wer weiß: ich will vielleicht gar nichts von ihm wissen.

»Du bist jung,« sagt Herr Vorsteher zu mir, »du strotzest von

Lebensaussichten. Wart' mal, habe ich da etwas sagen wollen und es jetzt

vergessen? Du mußt wissen, Jakob, ich habe dir eine Menge Dinge zu sagen,

und da kann man das Schönste und Tiefste, eh' man bis drei gezählt hat,

vergessen. Und du schaust drein, siehst du, wie das gute, frische Gedächtnis

selber, während meines schon altet. Mein Kopf, Jakob, ist am Sterben.

Entschuldige, wenn ich etwas zu weich, zu vertraulich rede. Ich muß einfach

lachen. Da bitte ich dich, mich zu entschuldigen, während ich dich durchprügeln

könnte, wenn ich es für nötig fände. Wie hart mich deine jungen Augen

anblicken. Ei, ei, und ich könnte dich da an die Wand werfen, daß dir Hören und

Sehen für immer vergingen. Ich weiß es gar nicht, wie es hat kommen können,

daß ich mich dir gegenüber so aller Vorgesetztengewalt entkleidet habe. Du

lachst mich wohl heimlich aus. Leise gesagt: Hüte dich da. Du mußt wissen,

mich packen Wildheiten an, und ehe ich mich verhindern kann, sind alle meine

Besinnungen geschwunden. O mein kleiner Bursch, nein, fürchte dich nicht. Es

ist ja so gänzlich, so gänzlich unmöglich, dir etwas zuleide zu tun, aber sage,

was wollte ich dich doch fragen. Sage, du fürchtest dich wohl gar nicht ein

bißchen? Und jung bist du und hast Hoffnungen, und jetzt wirst du ja wohl bald

in eine dir ziemende Stellung kommen? Nicht? Ja eben, das ist es. Ja, das ist es,

was mir leid tut, denn denke dir, manchmal ist mir, als seiest du mein junger

Bruder oder sonst etwas Natürlich-Nahes, so verwandt kommst du mir, kommen

mir deine Gebärden, die Sprache, der Mund, alles, nun, mit einem Wort, du, mir

vor. Ich bin ein abgesetzter König. Du lächelst? Ich finde es einfach köstlich,

weißt du, daß dir jetzt gerade, wo ich von abgesetzten, ihrer Throne enthobenen

Königen spreche, ein Lächeln, solch ein spitzbübisches Lächeln entflieht. Du

hast Verstand, Jakob. O, man kann sich mit dir so hübsch unterhalten. Es ist

prickelnd reizvoll, sich dir gegenüber ein wenig schwach und weicher, als

gewöhnlich, zu benehmen. Ja, du forderst geradezu heraus zu Fahrlässigkeiten,

zur Lockerung, zur Preisgabe der Würde. Man mutet dir, glaubst du das,

Edelsinn zu, und da reizt es einen ganz mächtig, sich vor dir in schönen,

wohltuenden Erklärungen und Geständnissen zu verlieren, so z. B. ich, dein

Herr, vor dir, meinem jungen armen Wurm, den ich, wenn's mich gelüstete,

zermalmen könnte. Gib mir die Hand. So. Laß mich dir sagen, daß du es

verstanden hast, mir Respekt vor dir abzunötigen. Ich achte dich hoch, und – ich

– darf – es dir sagen. Und nun habe ich eine Bitte an dich: willst du mein

Freund, mein kleiner Vertrauter sein? Ich bitte dich, sei es. Doch ich will dir Zeit

lassen, das alles zu bedenken, du darfst gehen. Bitte, geh', laß mich allein.« – So

spricht zu mir mein Herr Vorsteher, der Mann, der, wie er selber sagt, mich

zermalmen kann, sobald er nur will. Ich verbeuge mich jetzt nicht mehr vor ihm, es würde ihm weh tun. Was er da nur von abgesetzten Königen gesprochen hat?

Ich werde über diese ganze Sache keine Gedanken verlieren, wie er mir

anempfiehlt, sondern ich werde einfach fortfahren, Form zu bewahren.

Jedenfalls heißt es aufpassen. Er spricht von Wildheit? Nun, ich muß sagen, das

ist sehr ungemütlich. Zum an der Wand zerquetscht zu werden, dazu bin ich mir

denn doch zu gut. Ob ich es dem Fräulein sage? O pfui, nicht doch. Ich habe

Mut genug, über etwas Seltsames Schweigen zu bewahren, und Verstand genug,

mit etwas Zweifelhaftem allein fertig zu werden. Vielleicht ist Herr Benjamenta

verrückt. Jedenfalls gleicht er dem Löwen, ich aber der Maus. Nette Zustände

sind das, die sich da jetzt im Institut eingeschlichen haben. Nur niemandem

etwas sagen. Eine verschwiegene Angelegenheit ist manchmal schon eine

gewonnene. Das alles sind Dummheiten. Basta.

 

Was ich manchmal für Einbildungen habe! Es grenzt beinahe an das

Absurde. Mit einem Mal, ohne daß ich es habe verhindern können, war ich

Kriegsoberst geworden, so ums Jahr 1400 herum, nein, etwas später, zur Zeit der

mailändischen Feldzüge. Ich und meine Herren Offiziere, wir tafelten. Es war

nach einer gewonnenen Schlacht, und unser Ruhm mußte sich in den nächsten

Tagen durch ganz Europa verbreiten. Wir tranken und waren lustig. Nicht etwa

in einem Zimmer hielten wir Tafel, nein, auf freiem Feld. Die Sonne war eben

am Untergehen, da wurde vor meine Augen, deren Strahl Schlachtenangriff und

-sieg bedeutete, eine Kreatur geführt, ein ganz armer Teufel, ein ertappter

Verräter. Der unglückliche Mensch schaute zitternd zu Boden, wohl wissend,

daß er nicht das Recht hatte, den Feldherrn anzuschauen. Ich sah ihn an, ganz

leicht, dann schaute ich diejenigen ebenso leicht und schnell an, die ihn

hergeführt hatten, dann widmete ich mich dem volleingeschenkten Glas Wein,

das vor mir stand, und diese drei Bewegungen bedeuteten: »Geht. Und henkt

ihn.« Sogleich ergriffen ihn die Leute, doch da schrie der Verruchte wie

verzweifelt, noch mehr, wie zerrissen, zum voraus zerrissen von tausend

entsetzlichen Martertoden. Meine Ohren hatten in den Gefechten und Kämpfen,

die mein Leben erfüllten, schon allerlei Töne gehört, und meine Augen waren an

den Anblick des Furchtbaren und Jammervollen mehr wie gewöhnt, doch

merkwürdig, das konnte ich nicht ertragen. Wieder drehte ich mich nach dem

Verdammten um, außerdem winkte ich meinen Soldaten. »Laßt ihn laufen,«

sagte ich, das Glas an der Lippe, um es kurz zu machen. Da geschah etwas

ebenso Ergreifendes wie Widerwärtiges. Der Mann, dem ich das Leben

geschenkt hatte, das Verbrecher- und Verräterleben, stürzte wie unsinnig zu

meinen Füßen und küßte den Staub meiner Schuhe. Ich stieß ihn weg. Ich war von Ekel und Grauen erfaßt worden. Mich berührte die Gewalt, die ich ausübte,

die Macht, mit der ich frei spielen konnte, wie der Sturmwind mit Blättern,

peinlich, ich lachte daher und befahl dem Menschen, sich zu entfernen. Er hatte

beinahe den Verstand verloren. Eine tierische Freude brach sich ihm durch

Augen und Mund Bahn, er lallte Dank, Dank und kroch weg. Wir andern

ergaben uns bis in die Nacht hinein einem ausgelassenen Gesöffe und Gelage,

und am frühen Morgen, noch immer saßen wir bei der Tafel, empfing ich mit

einer Würde, einer Hoheit, die selbst mir beinahe ein Lächeln abnötigte, den

Gesandten des Papstes. Ich war der Held, der Herr des Tages. Von meiner Laune,

meiner Zufriedenheit hing der Frieden von halb Europa ab. Doch ich spielte den

diplomatischen Herren gegenüber den Dummen, den Guten, es paßte mir so, ich

war etwas ermüdet, mich begehrte, in die Heimat zurückzukehren. Ich ließ mir

die Vorteile, die mir der Krieg zuerteilte, wieder abnehmen. Natürlich bin ich

später in den Grafenstand erhoben worden, dann habe ich geheiratet, und jetzt

bin ich so tief gesunken, daß es mich gar nicht geniert, ein niedriger, kleiner

Eleve des Institutes Benjamenta zu sein und Kameraden zu haben wie Kraus,

Schacht, Hans und Schilinski. Man muß mich nackt auf die kalte Straße werfen,

dann stelle ich mir vielleicht vor, ich sei der allesumfassende Herrgott. Es ist

Zeit, daß ich die Feder aus der Hand lege.

 

Für so Kleine und Niedrige, wie wir Zöglinge sind, gibt es nichts Komisches.

Der Entwürdigte nimmt alles ernst, aber auch alles leicht, beinahe frivol. Mir

kommt unsere Tanz-, Anstands- und Turnstunde wie das öffentliche, wichtige,

große Leben selber vor, und dann verwandelt sich vor meinen Augen die

Schulstube in ein herrschaftliches Zimmer, in eine Straße voller

Menschenverkehr, in ein Schloß mit alten, langen Korridoren, in eine Amtsstube,

in ein Gelehrtenkabinett, in einen Damen-Empfangsraum, je nachdem, in alles

Mögliche. Wir müssen eintreten, grüßen, uns verneigen, sprechen, eingebildete

Geschäfte oder Aufträge erledigen, Bestellungen ausrichten, dann plötzlich

sitzen wir bei Tisch und essen auf hauptstädtische Manier, und Diener bedienen

uns. Schacht, oder vielleicht gar Kraus, stellt eine hocharistokratische Dame vor,

und ich übernehme es, sie zu unterhalten. Wir sind dann alle Kavaliere, der lange

Peter nicht ausgenommen, der sich ja sowieso stets als Kavalier fühlt. Dann

tanzen wir. Wir hüpfen umher, verfolgt von den lächelnden Blicken der Lehrerin,

und plötzlich rennen wir einem Verwundeten zu Hilfe. Er ist auf der Straße

überfahren worden. Wir schenken scheinbaren Bettlern irgend eine Kleinigkeit,

schreiben Briefe, brüllen unsern Burschen an, gehen in die Versammlung,

suchen Orte auf, wo man französisch spricht, üben uns im Hutabnehmen, sprechen von Jagd, Finanzen und Kunst, küssen Damen, die wir uns gewogen

wissen wollen, untertänig die gnädig ausgestreckten fünf hübschen Finger,

bummeln als Bummler, schlürfen Kaffee, essen Schinken in Burgunder, schlafen

in eingebildeten Betten, stehen ebenso scheinbar wieder des Morgens in aller

Frühe auf, sagen: »Guten Tag, Herr Amtsrichter,« prügeln uns, denn das kommt

ja im Leben oft auch vor, und tun eben alles, was im Leben vorkommt. Sind wir

müde von all den Dummheiten, so klopft Fräulein mit dem Stab gegen eine

Kante und sagt: »Allons, vorwärts, Jungens. Arbeiten!« – Dann wird wieder

gearbeitet. Wir treiben uns im Zimmer umher wie Wespen. Man kann das gar

nicht recht schildern, und sind wir wieder ermattet, so ruft die Lehrerin: »Wie?

Ist euch das öffentliche Leben so rasch verleidet? Macht, macht. Zeigt, wie das

Leben ist. Es ist leicht, aber man muß munter sein, sonst wird man vom Leben

zertreten.« – Und frisch geht es wieder los. Wir reisen, wobei unsere Bedienten

Dummheiten machen. Wir sitzen in Bibliotheken und studieren. Wir sind

Soldaten, echte Rekruten, und müssen liegen und schießen. Wir treten in

Kaufläden, um zu kaufen, in Badeanstalten, um zu baden, in Kirchen, um zu

beten: »Gott, führe uns nicht in Versuchung.« Und im nächsten Augenblick

sitzen wir mitten in der gröbsten Verfehlung und sündigen. »Hört auf. Genug für

heute,« sagt dann, wenn es Zeit ist, das Fräulein. Dann ist das Leben erloschen,

und der Traum, den man menschliches Leben nennt, nimmt eine andere

Richtung. Meist gehe ich dann auf eine halbe Stunde spazieren. Ein Mädchen

begegnet mir immer in der Anlage, wo ich auf einer Bank sitze. Sie scheint

Verkäuferin zu sein. Sie biegt jedesmal den Kopf nach mir um und sieht mich

lang an. Sie schmachtet zu sehr. Übrigens hält sie mich für einen Herrn mit

monatlichem Salär. Ich sehe so gut, nach etwas so Rechtem aus. Sie irrt sich, und

ich ignoriere sie daher.

 

Dann und wann spielen wir auch Theater, und zwar Lustspiel, das ins

Possenhafte ausartet, bis uns die Lehrerin einen Wink erteilt, aufzuhören: Die

Mutter: »Ich kann Ihnen meine Tochter nicht zur Frau geben. Sie sind zu arm.«

Der Held: »Armut ist keine Schande.« – Die Mutter: »Papperlappa, Redensarten.

Was haben Sie denn für Aussichten?« – Die Liebhaberin: »Mama, ich muß Sie

bei aller Verehrung, die ich für Sie empfinde, bitten, höflicher mit dem Mann,

den ich liebe, zu reden.« – Mutter: »Schweig! Eines Tages wirst du mir danken,

daß ich ihn mit unnachsichtlicher Strenge behandelt habe. – Mein Herr, sagen

Sie, wo haben Sie denn eigentlich studiert?« – Der Held (er ist Pole und wird

von Schilinski dargestellt): »Gnädige Frau, ich bin aus dem Institut Benjamenta

hervorgegangen. Verzeihen Sie den Stolz, mit dem ich das sage.« – Die Tochter: »Ach, Mama, sehen Sie doch, wie er sich benimmt. Welche feinen Manieren.« –

Mutter (streng): »Schweig von Manieren. Auf aristokratisches Benehmen

kommt es doch längst nicht mehr an. Sie, mein Herr, bitte, sagen Sie mir

gefälligst: Was haben Sie denn dort im Institut Bagnamenta gelernt?« – Der

Held: »Verzeihen Sie: Benjamenta, nicht Bagnamenta, heißt die Lehranstalt. Was

ich gelernt habe? Nun allerdings, ich muß sagen, ich habe dort sehr wenig

gelernt. Aber es kommt doch heutzutage gar nicht mehr aufs viele Wissen an.

Das müssen Sie selbst zugeben.« – Die Tochter: »Hören Sie, liebe Mama?« –

Die Mutter: »Schweig' mir, du Mißratene, vom Anhören oder gar Ernstnehmen

solch eines Geschwätzes. Mein hübsch aussehender junger Herr, Sie würden mir

einen Gefallen erweisen, wenn Sie sich auf Nimmerwiedersehen entfernen

wollten.« – Der Held: »Was wagt man mir da zu bieten? – Nun, sei es. Adieu,

ich gehe.« – Er tritt ab usw. usw. Der Inhalt unserer kleinen Dramen nimmt stets

Bezug auf die Schule und auf die Zöglinge. Ein Zögling erlebt allerhand bunt

durcheinandergeworfene Schicksale, gute und schlechte. Er hat Erfolg in der

Welt oder äußersten Mißerfolg. Das Ende des Stückes ist immer die

Verherrlichung und Versinnbildlichung bescheidenen Dienens. Das Glück dient:

das ist die Moral unserer dramatischen Literatur. Unser Fräulein pflegt während

der Darstellungen die Zuschauerwelt zu spielen. Sie sitzt gleichsam in einer

Loge und blickt durch das Augenglas auf die Bühne, d. h. auf uns Spielende.

Kraus ist der schlechteste Schauspieler. So etwas liegt ihm gar nicht. Am besten

spielt entschieden der lange Peter. Auch Heinrich ist reizend auf der Bühne.

 

Ich habe die etwas beleidigende Empfindung, als wenn ich in der Welt

immer zu essen haben werde. Ich bin gesund, und ich werde es bleiben, und man

wird mich stets zu irgend etwas brauchen können. Ich werde meinem Staat,

meiner Gemeinde nie zur Last fallen. Das zu denken, d. h. zu denken, daß man

als ein niedriger Mensch sein tägliches Brot zu essen haben wird, würde mich

tief verwunden, wenn ich noch der frühere Jakob von Gunten wäre, wenn ich

noch der Abkömmling, der Sproß meines Hauses wäre, aber ich bin ja ein ganz,

ganz anderer geworden, ein gewöhnlicher Mensch bin ich geworden, und daß

ich gewöhnlich geworden bin, das verdanke ich Benjamentas, und das erfüllt

mich mit einer unnennbaren, vom Tau der Zufriedenheit glänzenden und

tropfenden Zuversicht. Ich habe den Stolz, die Ehren-Arten gewechselt. Wie

komme ich dazu, so jung schon so zu entarten? Aber ist das Entartung? In

gewisser Hinsicht ja, andernteils ist es Erhaltung der Art. Ich bleibe vielleicht als

irgendwo im Leben verlorner und verschollener Mensch ein echterer, stolzerer

Gunten, als wenn ich, auf den Stammbaum pochend, zu Hause verdürbe, entherzte und verknöcherte. Nun, mag das sein, wie es sein will. Ich habe Wahl

getroffen, und dabei bleibt es. In mir lebt eine sonderbare Energie, das Leben

von Grund auf kennen zu lernen, und eine unbezwingliche Lust, Menschen und

Dinge zu stacheln, daß sie sich mir offenbaren. Hier fällt mir Herr Benjamenta

ein. Aber ich will an etwas anderes denken, d. h. ich mag an nichts mehr denken.

 

Ich habe eine Anzahl Menschen kennen gelernt, durch Johanns

Freundlichkeit. Es sind Künstler darunter, und es scheinen nette Menschen zu

sein. Nun, was kann man sagen bei so flüchtiger Berührung. Eigentlich gleichen

sich die Leute, die sich bemühen, Erfolg in der Welt zu haben, furchtbar. Es

haben Alle dieselben Gesichter. Eigentlich nicht, und doch. Alle sind einander

ähnlich in einer gewissen, rasch dahinsausenden Liebenswürdigkeit, und ich

glaube, das ist das Bangen, das diese Leute empfinden. Sie behandeln Menschen

und Gegenstände rasch herunter, nur damit sie gleich wieder das Neue, das

ebenfalls Aufmerksamkeit zu fordern scheint, erledigen können. Sie verachten

niemanden, diese guten Leute, und doch, vielleicht verachten sie alles, aber das

dürfen sie nicht zeigen, und zwar deshalb nicht, weil sie fürchten, plötzlich etwa

eine Unvorsichtigkeit zu begehen. Sie sind liebenswürdig aus Weltschmerz und

nett aus Bangen. Und dann will ja jeder Achtung vor sich selber haben. Diese

Leute sind Kavaliere. Und sie scheinen sich nie ganz wohl zu befinden. Wer

kann sich wohl befinden, wer auf die Achtungsbezeugungen und

Auszeichnungen der Welt Wert legt? Und dann, glaube ich, fühlen diese

Menschen, da sie doch einmal Gesellschafts- und durchaus keine

Naturmenschen mehr sind, stets den Nachfolger hinter sich. Jeder spürt den

unheimlichen Überrumpler, den heimlichen Dieb, der mit irgend einer neuen

Begabung dahergeschlichen kommt, um Schädigungen und Herabsetzungen aller

Art um sich herum zu verbreiten, und deshalb ist in diesen Menschenkreisen der

ganz Neu-Auftretende immer der Gesuchteste und Bevorzugteste, und wehe den

Älteren, wenn sich dieser Neue durch Geist, Talent oder Naturgenie irgendwie

auszeichnet. Ich drücke mich übrigens etwas zu einfach aus. Es ist da noch etwas

ganz anderes. Es herrscht unter diesen Kreisen der fortschrittlichen Bildung eine

kaum zu übersehende und mißzuverstehende Müdigkeit. Nicht die formelle

Blasiertheit etwa des Adels von Abstammung, nein, eine wahrhafte, eine ganz

wahre, auf höherer und lebhafterer Empfindung beruhende Müdigkeit, die

Müdigkeit des gesunden-ungesunden Menschen. Sie sind alle gebildet, aber

achten sie einander? Sie sind, wenn sie ehrlich nachdenken, zufrieden mit ihren

Weltstellungen, aber sind sie auch zufrieden? Übrigens gibt es reiche Menschen

unter ihnen. Von denen rede ich hier nicht, denn das Geld, das ein Mann besitzt, zwingt zu ganz andern, ganz neuen Voraussetzungen zu der Beurteilung solch

eines Mannes. Doch es sind alles höfliche und in ihrer Art bedeutende

Menschen, und meinem Bruder muß ich sehr, sehr dankbar sein, daß er mich ein

Stück Welt hat kennen lernen lassen. Man liebt es jetzt schon, mich dort,

nämlich in jenen Kreisen, den kleinen von Gunten zu nennen, zum Unterschied

von Johann, den sie den großen von Gunten getauft haben. Das sind Späße, die

Welt liebt eben Späße. Ich nicht, aber das alles ist ja so unbedeutend. Ich fühle,

wie wenig mich das angeht, was man Welt nennt, und wie mir groß und

hinreißend vorkommt, das, was ich Welt nenne, ganz im stillen. Mein Bruder hat

sich indes Mühe gegeben, mich unter Menschen zu führen, und es ist Pflicht für

mich, mir viel daraus zu machen. Und es ist ja auch viel. Mir ist alles, sogar das

Kleinste, viel. Ein paar Menschen vollkommen kennen zu lernen, dazu bedürfte

es eines Menschenlebens. Das sind nun wieder Benjamentasche Grundsätze, und

wie unähnlich sind Benjamentas dem, was Welt bedeutet. Ich will schlafen

gehen.

 

Ich vergesse nie, daß ich ein Abkömmling bin, der nun von unten, von ganz

unten anfängt, ohne doch die Eigenschaften, die nötig sind, emporzugelangen, zu

besitzen. Vielleicht, ja. Es ist alles möglich, aber ich glaube nicht an die eitlen

Stunden, in denen ich mir Glück, verbunden mit Glanz, vorspiegle. Ich habe gar

keine Emporkömmlingstugenden. Ich bin manchmal frech, aber nur aus Laune.

Der Emporkömmling aber ist von einer permanenten bescheiden-tuenden

Frechheit, oder von einer frechen, fortwährend frechen

Unbedeutendheitsgebärde. Und es gibt viele Emporkömmlinge, und was sie

errungen haben, das halten sie stupide fest, und das ist ausgezeichnet. Sie

können auch nervös sein, ungehalten, verdrießlich und »all der Dinge« müde,

aber der Überdruß dringt nicht tief beim wahrhaften Emporkömmling.

Emporkömmlinge sind Herren, und solch einem Herrn, einem vielleicht etwas

protzigen Herrn, werde ich Abkömmling, oder was ich sonst bin, dienen, und

ehrenhaft dienen, treu, verläßlich, fest, ganz gedankenlos, ganz unerpicht auf

persönliche Vorteile, denn nur so, nämlich ganz anständig, werde ich überhaupt

jemandem dienen können, und jetzt merke ich, daß ich Verwandtes mit Kraus

habe, und ich schäme mich beinahe ein wenig. Nie und nimmer erreicht man mit

Empfindungen, wie die sind, mit denen ich der Welt gegenüberstehe, je Großes,

es sei denn, man pfeife aufs glitzernde Große und nenne das groß, was ganz

grau, still, hart und niedrig ist. Ja, dienen werde ich, und Verpflichtungen, deren

Erfüllung nichts weniger als schimmert, werde ich immer und immer

übernehmen, immer wieder, und ich werde kreuzdumm vor Seligkeit erröten, wenn man mir leichthin Dank sagt. Dumm ist das, aber durchaus wahr, und ich

bin nicht fähig, über diese Wahrnehmung traurig zu sein. Ich muß es bekennen:

ich bin nie traurig, ich fühle mich nie, nie vereinsamt, und auch das ist dumm,

denn mit der Sentimentalität, mit dem, was man den Schrei nennt, macht man

die besten, die emporkömmlichsten und bekömmlichsten Geschäfte. Aber ich

bedanke mich für die Mühseligkeiten, für die unfeinen Anstrengungen, auf

solche Art zu Ehre und Ansehen zu gelangen. Zu Hause, bei Vater und Mutter,

duftete es alle Wände entlang nach Takt. Nun gut, das meine ich nur so. Es war

vornehm bei uns zu Hause. Und so hell. Der ganze Haushalt glich einem

graziösen, gütigen Lächeln. Mama ist ja so fein. Schon gut. Also Abkömmling

und verurteilt, zu dienen und die Person sechsten Ranges im Weltleben zu

spielen. Meiner Ansicht nach paßt das, denn, o wie sagte doch Johann: »Die

Mächtigen, das sind die Verhungerten.« – Ich glaube so etwas nicht gern. Und

hab' ich es überhaupt nötig, mich trösten zu lassen? Kann man einen Jakob von

Gunten trösten? So lange ich gesunde Glieder habe, ist das ausgeschlossen.

 

Wenn ich will, wenn ich es mir befehle, kann ich alles verehren, sogar das

schlechte Benehmen, aber es muß von Gold strotzen. Die üblen Manieren

müssen Zwanzigmarkstücke hinter sich fallen lassen, dann verneige ich mich

vor, sogar noch hinter ihnen. Herr Benjamenta ist übrigens auch dieser Meinung.

Er sagt, es sei unrichtig, das Geld und den Vorteil, die aus unschönen Händen

kommen, zu verachten. Ein Eleve des Institutes Benjamenta soll das Meiste eben

achten, nicht verachten. – Zu was anderem. Turnen, das ist schön. Ich liebe es

leidenschaftlich, und ich bin selbstverständlich ein guter Turner. Mit einem edlen

Menschen Freundschaft schließen und Turnen, das sind wohl zwei der schönsten

Sachen, die es auf der Welt gibt. Tanzen, und einen Menschen finden, der mir

Achtung entlockt, ist mir ein und dasselbe. Ich bewege so gern die Geister und

Glieder. Nur allein Beinschwingen, ist das doch hübsch! Turnen ist auch dumm,

es führt auch zu nichts. Muß denn eigentlich alles, was ich liebe und bevorzuge,

zu nichts führen? Aber horch! Was ist das? Man ruft mich. Ich muß abbrechen.

 

»Strebst du auch noch aufrichtig, Jakob?« fragte mich die Lehrerin. Es war

gegen Abend. Es war irgendwo etwas Rötliches, wie ein Abglanz von einem

gewaltig-schönen Sonnenuntergang. Wir stunden an meiner Kammertüre. Ich

hatte eben eintreten und mich meinen Ahnungen so ein wenig überlassen wollen.

»Fräulein Benjamenta,« sagte ich, »zweifeln Sie am Ernst und an der Ehrlichkeit

meines Strebens? Bin ich ein Schwindler, ein Gaukler in Ihren hochverehrten Augen?« – Ich glaube, ich blickte geradezu tragisch, als ich das sagte. Sie

wandte mir ihr schönes Gesicht zu und sagte: »Bewahre, aber bewahre. Du bist

ein netter Junge. Heftig bist du, aber du bist mir lieb, recht, anständig und

angenehm. Bist du zufrieden? He? Was? Du bringst auch dein Bett immer noch

hübsch jeden Morgen in Ordnung? Nicht? Und den Vorschriften allen gehorchst

du wohl auch schon längst nicht mehr? Auch nicht? Oder doch? O du bist ein

ganz braver Mensch, ich glaube es. Und man kann dich nicht genug mit

Lobeserhebungen überschütten. Nicht genug. Ganze Eimer voll schmeichelnder

Lobsprüche, denke, ganze Kübel und Kannen voll. Mit dem Besen muß man sie

zusammenwischen, die vielen anerkennenden schönen Worte, die dein Betragen

betreffen. Nein, Jakob, jetzt ganz im Ernst, höre. Ich muß dir etwas ins Ohr

sagen. Magst du's hören, oder willst du jetzt lieber da hinein in deine Kammer

schlüpfen?« – »Sprechen Sie, gnädiges Fräulein. Ich höre,« sagte ich voll

angstvoller Erwartung. Die Lehrerin schauderte plötzlich jählings zusammen.

Sie faßte sich aber rasch und sagte: »Ich gehe, Jakob, ich gehe. Es geht mit mir.

Doch ich kann es dir nicht sagen. Vielleicht ein anderes Mal. Ja? Ja, nicht wahr,

vielleicht morgen, oder in acht Tagen erst. Es ist dann noch immer Zeit genug, es

dir zu sagen. Sage mir, Jakob, hast du mich ein wenig lieb? Bedeute ich deiner

Brust, deinem jungen Herzen irgend etwas?« – Sie stand mit wütend

zusammengekniffenen Lippen vor mir da. Ich beugte mich schnell auf ihre

Hand, die unsagbar wehmütig an ihrem Gewand herabhing, hinunter und küßte

sie. Ich war so glücklich, es ihr so sagen zu dürfen, was ich für sie immer

empfunden hatte. »Schätzest du mich?« fragte sie mit ganz hoher, nach der Höhe

zu schon fast erstickter, gestorbener Stimme. Ich sagte: »Wie können Sie

zweifeln? Ich bin unglücklich.« – Aber mich empörte es, daß ich fast weinen

mußte. Ich ließ ihre Hand schroff fahren und nahm respektvolle Haltung an. Und

sie ging, indem sie mich beinahe bittend anschaute. – Wie hat sich hier im einst

so herrischen Institut Benjamenta alles verändert! Es schrumpft alles zusammen,

die Übungen, der Schneid, die Vorschriften. Lebe ich in einem Toten- oder in

einem überirdischen Freuden- und Wonnenhause? Etwas ist los, aber ich fasse es

noch nicht.

 

Ich wagte es, Kraus gegenüber eine Bemerkung über Benjamentas fallen zu

lassen. Es mute mich, sagte ich, wie eine Trübung des Glanzes an, den das

Institut immer besessen habe. Was das sei? Ob Kraus vielleicht etwas wisse? –

Er wurde ärgerlich und sprach: »Mensch, du bist wohl schwanger mit albernen

Einbildungen. Was für Ideen. Schaff du. Mach du, dann fällt dir nichts

Auffallendes auf. Dieser Schnüffler. Will sich in Meinungen und Ansichten hineinschnüffeln. Geh' mir aus den Augen. Ich kann dich bald überhaupt nicht

mehr ansehen.« – »Seit wann bist du grob?« sagte ich, doch ich zog es vor, ihn

in Ruhe zu lassen. – Im Laufe des Tages hatte ich Gelegenheit, mich mit

Fräulein Benjamenta über Kraus zu unterhalten. Sie sagte mir: »Ja, Kraus ist gar

nicht wie andere Menschen. Er sitzt da, bis man seiner bedarf, ruft man ihn, dann

kommt er in Bewegung und kommt herbeigesprungen. Von solchen Menschen,

wie er einer ist, macht man kein Rühmens und Aufhebens. Man rühmt Kraus

eigentlich nie, und kaum ist man ihm dankbar. Man verlangt nur von ihm: Tu'

das, und dann wieder: Tu' dies. Und man spürt kaum, daß man, und wie

vollkommen, bedient worden ist, so vollkommen ist man bedient worden. Die

Person Kraus ist gar nichts, nur der Schaffer, der Ausüber Kraus ist etwas, aber

der macht sich gar nicht bemerkbar. Z. B. dich, Jakob, lobt man, es macht einem

Freude, dir wohl zu tun. Für Kraus hat man kein Wort, keine Neigung übrig. Du

bist ganz liederlich, Jakob, gegenüber Kraus. Doch du bist der Nettere. Anders

sage ich es dir nicht, denn das würdest du nicht verstehen. Und Kraus verläßt uns

jetzt bald. Das ist ein Verlust, Jakob, o das ist ein Verlust. Wenn kein Kraus mehr

da ist, wer ist dann noch da? Du, ja. Das ist ja eigentlich wahr, und du bist mir

jetzt böse, nicht wahr. Ja, du bist mir böse, weil ich betrübt bin, daß Kraus

weggeht. Bist du eifersüchtig?« – »Nicht doch. Auch ich bedaure lebhaft, daß

Kraus uns verläßt,« sagte ich. Ich sprach mit Absicht sehr förmlich. Auch mir

war es weh zumut geworden, doch ich fand es passend, ein wenig Kälte zu

zeigen. Später versuchte ich, mit Kraus ins Gespräch zu kommen, aber er

verhielt sich unglaublich ablehnend. Finster saß er am Tisch und sprach zu

niemandem ein Wort. Auch er empfindet, daß irgend etwas hier nicht gut geht, er

sagt nur nichts, nur sich sagt er es.

 

Oft habe ich die Empfindung von einer großen innern Niederlage. Dann

stelle ich mich mitten in der Stube auf und treibe Unfug, übrigens ganz

kindischen Unfug. Ich setze Kraus' Mütze auf meinen Kopf, oder ein volles Glas

Wasser usw. Oder Hans ist da. Mit Hans kann man gemeinschaftlich Hüte auf

Köpfe hinauflancieren, daß sie oben sitzen und kleben bleiben. Wie verachtet

uns Kraus jedesmal dafür. Schacht ist in Stellung gewesen, drei Tage, aber er ist

wieder zurückgekehrt, voll Mißmut und allerhand zornigen, schmerzlichen

Ausflüchten. Habe ich es nicht früh schon gesagt, daß es Schacht draußen in der

Welt übel ergehen wird? Er wird immer in Ämter, Aufgaben und Stellungen

hineinzappeln, und es wird ihm nirgends gefallen. Jetzt sagt er, er habe zu

schwer arbeiten müssen, und er erzählt von listigen, boshaften, faulen Halb-

Vorgesetzten, die es gleich bei seinem Antritt unternommen hätten, ihn mit ungebührlichen Pflichten schalkhaft zu überhäufen und ihn zu Boden zu quälen

und zu übervorteilen. Ach, ich glaube das Schacht. Nur zu willig, d. h. ich halte

für absolut wahr, was er sagt, denn kränklichen, empfindsamen Leuten

gegenüber ist die Welt ja so unbegreiflich roh, gebieterisch, launisch und

grausam. Nun, Schacht wird vorläufig wieder hier bleiben. Ein wenig ausgelacht

haben wir ihn, als er ankam, das muß auch sein, Schacht ist ein junger Mensch,

und er darf schließlich auch nicht der Meinung sein, für ihn gäbe es besondere

Stufen, Vorteile, Handhaben und Rücksichten. Er hat jetzt eine erste

Enttäuschung erlebt, und ich bin überzeugt, daß er zwanzig Enttäuschungen

hintereinander erleben wird. Das Leben mit seinen wilden Gesetzen ist

überhaupt für gewisse Personen nur eine Kette von Entmutigungen und

schreckenerregenden bösen Eindrücken. Menschen wie Schacht sind zur

fortlaufenden, leidenden Abneigung geboren. Er möchte anerkennen und

willkommen heißen, aber er kann eben einmal nicht. Das Harte und Mitleidlose

tritt ihm zehnfach hart und unmitleidvoll entgegen, er empfindet es eben

schärfer. Armer Schacht. Er ist ein Kind, und er sollte in Melodien schwelgen

und sich in gütige, weiche, sorgenlose Dinge betten können. Für ihn sollte es

heimliches Plätschern und Vogelgezwitscher geben. Ihn sollten blasse zarte

Abendhimmelwolken tragen in das Reich: »Ach, wie ist mir?« – Seine Hände

taugen zu leichten Gebärden, nicht zur Arbeit. Vor ihm sollten Winde wehen,

und hinter ihm sollten süße freundliche Stimmen flüstern. Seine Augen sollten

selig geschlossen bleiben dürfen, und Schacht sollte wieder ruhig

einschlummern dürfen, wenn er des Morgens in den warmen, lüsternen Kissen

erwachte. Für ihn gibt es im Grunde genommen keine ziemliche Tätigkeit, denn

jede Beschäftigung ist für ihn, der so aussieht, unziemlich, widernatürlich und

unpassend. Ich bin der reine grobknochige Knecht gegen Schacht. Ah,

zerschmettert wird er werden, und eines Tages wird er im Krankenhaus

verenden, oder er wird, verdorben an Leib und Seele, in einem von unsern

modernen Gefängnissen schmachten. Jetzt drückt er sich so in den Ecken der

Schulstube herum, schämt sich und zittert vor dem ihm widerwärtigen,

unbekannten Zukünftigen. Das Fräulein sieht ihn besorgt an, doch ist sie jetzt

vom eigentümlichen Eigenen viel zu sehr in Anspruch genommen, als daß sie

sich sehr um Schacht bekümmern könnte. Übrigens könnte sie ihm nicht helfen.

Ein Gott müßte und könnte das vielleicht tun, doch es gibt keine Götter, nur

einen Einzigen, und der ist zu erhaben zur Hilfe. Zu helfen und zu erleichtern,

das würde dem Allmächtigen gar nicht ziemen, so fühle ich wenigstens.

 

Fräulein Benjamenta spricht nun jeden Tag ein paar Worte mit mir, sei es in der Küche, sei's in der manchmal ganz stillen und vereinsamten Schulstube.

Kraus tut, als wenn er noch ein Jahrzehnt gewärtigte, hier im Institut zu

verbleiben. Er lernt seine Lektionen trocken und unverdrossen, ja doch,

eigentlich verdrossen, aber verdrossen hat er ja immer ausgesehen, das will

nichts zu bedeuten haben. Dieser Mensch ist keiner Voreiligkeit, keiner

Ungeduld fähig. »Abwarten,« so steht es ihm auf der ruhigen Stirn beinahe

hoheitsvoll geschrieben. Ja, Fräulein sagte das auch schon einmal, sie sagte,

Kraus besitze Hoheit, und das ist wahr, die Unscheinbarkeit seines Wesens hat

etwas Unsichtbar-Herrscherartiges. Zu meinem Fräulein wagte ich gestern zu

sagen: »Wenn ich Ihnen nur ein einziges, nur ein verschwindend kleines einziges

Mal selbstbewußter gegenübergetreten bin, als ganz befangen von Gefühlen und

Fesseln der lautersten Ehrfurcht, so will ich mich hassen, verfolgen, an Stricken

aufhängen, mit Giften tötendster Art vergiften, mit Messern, gleichviel was für

welchen, mir den Hals abschneiden. Nein, es ist ganz unmöglich, Fräulein. Ich

konnte Sie nie verletzen. Schon Ihre Augen. Wie sind sie mir immer der Befehl

und das unantastbare schöne Gebot gewesen. Nein, nein, ich lüge nicht. Ihr

Erscheinen an der Türe! Ich habe hier nie einen Himmel nötig gehabt, nie Mond,

Sonne und Sterne. Sie, ja Sie sind mir die höhere Erscheinung gewesen. Ich rede

wahr, Fräulein, und ich muß annehmen, daß Sie empfinden, wie fern von aller,

aller Schmeichelei diese Worte sind. Ich hasse alles zukünftige Wohlergehen, ich

verabscheue das Leben. Ja, ja. Und doch muß ich bald auch, wie Kraus,

austreten, ins hassenswerte Leben hinaus. Sie sind mir die körperliche

Gesundheit gewesen. Habe ich in einem Buch gelesen, so waren Sie es, nicht das

Buch, Sie waren das Buch. Doch, doch. Oft habe ich mich unartig benommen.

Ein paarmal mußten Sie mich vor dem Hochmut, der mich fressen und unter

Trümmer unschicklicher Einbildungen begraben wollte, warnen. Wie sank er da,

wie blitzschnell. Wie habe ich dem gelauscht, was das Fräulein Benjamenta

sprach. Sie lächeln? Ja, das Lächeln, es ist mir immer ein Antrieb zum Guten,

Tapfern und Wahren gewesen. Wie sind Sie stets gut zu mir gewesen. Viel, viel

zu gut zu mir Trotzkopf. Und an Ihrem Anblick herunter stürzten meine vielen

Fehler, um Verzeihung flehend, herunter, zu Ihren Füßen. Nein, ich mag nicht in

das Leben, nicht in die Welt hinaustreten. Ich verachte alles Zukünftige. Wenn

Sie in die Stube eintraten, war ich froh, dann schalt ich mich stets einen

Dummkopf. Oft habe ich Sie, denken Sie sich, ja, ich muß es gestehen, im

geheimen der Würde und der Größe berauben wollen, aber ich fand in all

meinem zusammengepeitschten Geist kein Wort, nicht ein einziges kleines Wort

der Schmähung und Schmälerung dessen, was ich ein wenig verletzen wollte.

Und die Strafe war jedesmal meine Reue und Unruhe. Ja, immer, Fräulein,

immer habe ich Sie verehren müssen. Sind Sie ungehalten, daß ich so spreche? Ich, ich bin froh, daß ich so spreche.« – Sie schaute mich blinzelnd an und

lächelte. Sie spottete ein wenig, war aber doch ganz zufrieden. Außerdem, das

merkte ich, war sie in Gedanken mit etwas Fernabliegendem beschäftigt. Sie war

wie geistesabwesend, und daher, einzig daher habe ich ja auch nur so zu

sprechen gewagt. Ich werde mich hüten, es wieder zu tun.

 

Es geht mich ja gar nichts an, gewiß, aber es fällt mir auf, daß keine neuen

Schüler ins Institut eintreten. Sollte der Ruf, den Herr Benjamenta in der Umwelt

als Erzieher genießt oder genossen hat, im Abnehmen oder gar im Verschwinden

sein? Das wäre traurig. Doch vielleicht ist das alles nur meine überreizte

Empfindung. Ich bin hier ein wenig nervös geworden, wenn man eine gewisse

Spannung und zugleich Mattigkeit der Beobachtungskräfte so nennen darf. Es ist

hier alles so zart, und man steht wie in der bloßen Luft, nicht wie auf festem

Boden. Und dann dieses immerwährende Gefaßt- und Bewußtsein, auch das

macht es vielleicht aus. Leicht möglich. Man wartet hier immer auf etwas, nun,

das schwächt doch schließlich. Und wieder verbietet man sich streng das

Horchen und Warten, weil das unzulässig ist. Nun, auch das nimmt Kräfte in

Anspruch. Oft steht das Fräulein am Fenster und sieht lange hinaus, als lebe sie

schon anderswo. Ja, das ist es, das nicht ganz Gesunde und Natürliche, was hier

webt: wir alle, Herrschaft sowohl wie Elevenschaft, wir leben beinahe schon

anderswo. Es ist, als wenn wir nur noch vorübergehend hier atmeten, äßen,

schliefen und wach stünden und Unterricht erteilten und genössen. Etwas wie

treibende, schonungslose Energie schlägt hier rauschend die Flügel zusammen.

Horchen wir alle hier auf das Spätere? auf irgend welches Nachherige? Auch

möglich. Und was dann, wenn wir jetzigen Zöglinge alle ausgetreten sind und

doch keine neuen mehr kommen? Was dann? Sind dann Benjamentas arm und

verlassen? Wenn ich mir das ausmale, werde ich krank, einfach krank. Nein,

niemals, niemals. Das, das wird nicht sein dürfen. Und doch wird es sein

müssen. Sein müssen?

 

Rüstig sein heißt, sich nicht lange besinnen, sondern rasch und ruhig

hineingehen in das, was erfüllt werden soll. Naß werden von den Regengüssen

des Bemühens, hart und stark werden an den Stößen und Reibungen dessen, was

die Notwendigkeit fordert. Ich hasse solche klugen Redensarten. Ich wollte an

etwas ganz anderes denken. Aha, ich habe es, es betrifft Herrn Benjamenta. Ich

war wieder bei ihm im Bureau. Ich necke ihn immer wegen der zu erlangenden,

baldigen Anstellung. So frug ich ihn auch diesmal wieder, wie's denn jetzt sei, ob ich gewärtigen dürfe usw. Er wollte wütend werden. O, er will auch jetzt

immer noch wütend werden, und ich bin stets sehr kühn, wenn ich ihn reize.

Ganz laut, barsch und unverschämt fragte ich. Der Vorsteher wurde ganz

verlegen, er fing sogar an, sich hinter den großen Ohren zu reiben. Er hat

natürlich nicht das, was man große Ohren zu nennen pflegt, seine Ohren sind

verhältnismäßig durchaus nicht zu groß, nur ist eben alles groß an dem Mann,

folglich auch seine Ohren. Schließlich trat er auf mich zu, lachte mich

merkwürdig gutmütig an und sprach: »In die Arbeit hinaus willst du treten,

Jakob? Ich aber sage dir, bleib' du lieber noch. Hier ist es doch für dich und

deinesgleichen ganz schön. Oder nicht? Zögere du noch ein wenig. Ich möchte

dir sogar anraten, ein wenig schlendrianisch, vergeßlich und gedankenträge zu

werden. Denn siehst du, das, was man Untugenden nennt, das spielt im Dasein

des Menschen eine so große Rolle, das ist so wichtig, fast möchte ich sagen,

notwendig. Wenn Untugenden und Fehler nicht wären, es würde der Welt an

Wärme, Reiz und Reichtum fehlen. Die Hälfte der Welt, und vielleicht die im

Grunde schönere, würde mit den Lässigkeiten und Schwächen dahinsterben.

Nein, sei du träge. Nun, nun, versteh' mich bitte recht, sei so, wie du bist und

hier wurdest, aber spiele, bitte, ein wenig den Saumseligen. Willst du? Sagst du

ja? Mich würde es freuen, dich ein wenig den Träumereien verfallen zu sehen.

Hänge den Kopf, sei voll Gedanken, blicke betrübt, nicht wahr? Denn du bist

mir fast ein wenig zu voll von Willen, zu voll von Charakter. Und stolz bist du,

Jakob! Was denkst du dir eigentlich? Meinst du, in der offenen Welt Großes

erreichen, erringen zu können? Zu müssen? Hast du ernstliche Absichten auf

etwas Bedeutungsvolles? Fast machst du mir – leider – diesen etwas

gewaltsamen Eindruck. Oder dann willst du vielleicht, vielleicht wie zum Trotz,

ganz klein bleiben? Auch das mute ich dir zu. Du bist ein bißchen zu festlich, zu

heftig, zu triumphatorisch aufgelegt. Doch das alles ist ja so gleichgültig, du

bleibst noch, Jakob. Dir gebe ich keine Stelle, dir verschaffe ich noch lange

nichts derartiges. Weißt du, mich verlangt, dich noch zu haben. Kaum besitze ich

dich Burschen, so willst du fortrennen? Das gibt es nicht. Langweile dich hier im

Institut so gut als du eben kannst. O, kleiner Welteroberer, in der Welt, draußen

in der Welt erst, im Beruf, im Streben, im Erringen, da, da werden dir Meere von

Langeweile, Öde und Vereinsamung entgegengähnen. Bleib' du hier. Sehne du

dich noch ein Weilchen. Du glaubst ja gar nicht, welch eine Seligkeit, welch eine

Größe im Sehnen, also im Warten, liegt. Also warte. Laß es dich immerhin

innerlich drängen. Aber nicht zu sehr. Höre, mich würde dein Weggehen

schmerzen, es würde mir eine Wunde, eine ganz unheilbare, beibringen, es

würde mich fast töten. Töten? Ich muß dich bitten, mich auszulachen, aber fest.

Lach' mich ganz unverschämt aus, Jakob. Ich erlaube es dir. Doch, sage du, was habe jetzt eigentlich ich dir zukünftig noch zu gestatten und zu verbieten? Ich,

der ich dich soeben davon überzeugt habe, daß ich fast, fast abhängig von dir

bin? Mich schaudert's, mich empört und beglückt es zu gleicher Zeit, Jakob, was

ich da angestellt habe. Doch ich liebe zum erstenmal einen Menschen. Doch das

fassest du nicht. Geh'. Marsch. Mach' daß du hinauskommst. Ungezogener,

wisse, daß ich noch strafen kann. Fürchte dich.« – Nun, da hatte ich es, er war

eben mit einmal wieder wütend geworden. Rasch verschwand ich aus seinen

finster mich durchbohrenden Augen. Das sind Augen, das! Die des Herrn

Vorstehers. Ich muß hier bemerken, daß ich im Verduften aus einem Lokal eine

unglaubliche Fertigkeit besitze. Ich bin förmlich zum Kontor hinausgeflogen,

nein, hinausgepfiffen, wie Wind pfeift, als der Herr mir sagte: »Fürchte dich.« O

ja, man muß sich schon zuweilen vor ihm fürchten. Ich würde es unanständig

finden, wenn ich keine Furcht kennte, denn dann hätte ich ja auch gar keinen

Mut, der doch nichts anderes ist als das Furchtüberwindende. Wieder horchte ich

draußen im Korridor am Schlüsselloch, und wieder blieb es ganz still. Ich

streckte sogar ganz läppisch und echt zöglinghaft die Zunge heraus, und dann

mußte ich lachen. Ich glaube, ich habe noch nie so gelacht. Natürlich ganz leise.

Es war das denkbar echteste unterdrückte Gelächter. Wenn ich so lache, nun,

dann steht nichts mehr über mir. Dann bin ich etwas an Umfassen und

Beherrschen nicht zu Überbietendes. Ich bin in solchen Momenten einfach groß.

 

Ja, so ist es: noch bin ich im Institut Benjamenta, noch habe ich die hier

geltenden Satzungen zu fürchten, noch wird Unterricht erteilt, Fragen werden

gestellt und beantwortet, noch fliegen wir alle auf Kommando, noch immer

klopft morgens früh Kraus mit seinem ärgerlichen »Steh' auf, Jakob« und mit

seinem zornig gebogenen Finger an meine Kammertüre, noch sagen wir

Zöglinge: »Guten Tag, Fräulein,« wenn sie erscheint, und: »Gute Nacht«, wenn

sie abends sich zurückzieht. Wir stecken noch immer in den eisernen Klauen der

zahlreichen Vorschriften und ergehen uns immer noch in lehrhaften, eintönigen

Wiederholungen. Ich bin übrigens jetzt endlich in den wirklichen innern

Gemächern gewesen, und ich muß sagen, es existieren gar keine. Zwei Zimmer

sind da, aber diese beiden Räume sehen nach nichts Gemachartigem aus. Sie

sind möbliert wie die Sparsamkeit und Gewöhnlichkeit selber, und sie enthalten

durchaus nichts Geheimnisvolles. Seltsam. Wie bin ich nur auf die wahnsinnige

Idee gekommen, daß Benjamentas in Gemächern wohnen? Oder träumte ich,

und habe ich jetzt ausgeträumt? Es sind allerdings Goldfische da, und Kraus und

ich müssen das Bassin, in welchem diese Tiere schwimmen und leben,

regelmäßig entleeren, säubern und mit frischem Wasser auffüllen. Ist das aber etwas nur entfernt Zauberhaftes? Goldfische können in jeder preußischen

mittleren Beamtenfamilie vorkommen, und an Beamtenfamilien klebt nichts

Unverständliches und Absonderliches. Wunderbar! Und ich habe so felsenfest an

die innern Gemächer geglaubt. Ich dachte, es müsse da hinter der Türe, durch

welche das Fräulein stets aus- und eingeht, von schloßartigen Zimmern und

Gelassen wimmeln. Zierlich gewundene Wendeltreppen und breite steinerne,

teppichbelegte andere Treppen sah ich im Geist hinter der einfachen Türe. Auch

eine uralte Bibliothek war vorhanden, und Korridore, lange heitere,

mattenbedeckte Korridore zogen sich in meiner Phantasie von einem Ende des

»Gebäudes« zum andern. Ich kann mit all meinen Ideen und Dummheiten bald

eine Aktiengesellschaft zur Verbreitung von schönen, aber unzuverlässigen

Einbildungen gründen. Kapital, scheint mir, ist genug da, an Fonds wird es nicht

fehlen, und Abnehmer solcher Papiere kommen überall vor, wo der Gedanke und

Glaube ans Schöne noch nicht ganz ausgestorben ist. Was stellte ich mir nicht

alles vor. Einen Park natürlich. Ohne Park kann ich doch gar nicht existieren.

Ebenso eine Kapelle, aber merkwürdigerweise keine romantisch-ruinenhafte,

sondern eine sauber renovierte, ein kleines protestantisches Gotteshaus. Der

Pfarrer saß am Frühstückstisch. Und was noch alles. Man dinierte, man

veranstaltete Jagden. Man tanzte abends im Rittersaal, an dessen hohen

dunkelhölzernen Wänden die Bilder der Ahnen des Geschlechtes hingen. Was

für eines Geschlechtes? Ich stammle das, denn in der Tat, ich kann es nicht

sagen. Nun, ich bereue tief, derart geträumt und gedichtet zu haben. Schnee

fliegen sah ich auch, nämlich in den Schloßhof. Es waren nasse, große

Schneeflocken, und es war morgens früh, immer war es dunkle, winterliche

Frühe. Ach, und etwas ganz Schönes, eine Halle, ja, eine Halle sah ich. Reizend!

Drei edle vornehme Greisinnen saßen beim kichernden, knisternden Kaminfeuer.

Sie häkelten. Welch eine Phantasie, nicht weiter zu sehen als bis dort, wo

gestrickt und gehäkelt wird. Aber mich berauschte eben gerade das. Wenn ich

Feinde hätte, würden sie sagen, das sei krankhaft, und sie würden Grund zu

haben glauben, mich zu verabscheuen samt der lieben traulichen Häkelei. Dann

gab es wieder ein wunderbares Nachtessen, wobei Kerzen von silbernen

Leuchtern herabstrahlten. Die Tafelfreude glitzerte, blendete und plauderte. Ich

stellte mir das wahrhaft schön vor. Und Frauen, was für Frauen. Die eine sah

einer veritablen Prinzessin ähnlich, und sie war es auch. Ein Engländer war auch

da. Wie die weiblichen Kleider rauschten, wie die Brüste, die nackten, auf und

nieder wogten! Das Eßzimmer war von Parfüms wie von schlangenhaften Linien

durchzogen. Die Pracht vereinigte sich mit der Sittsamkeit, der gute Ton mit dem

Genuß, die Freude mit der Feinheit, und an der Eleganz hing der Adel der

Geburt. Dann schwamm das wieder, und es kam anderes, Neues. Ja, die inneren Gemächer, sie lebten, und jetzt sind sie mir quasi gestohlen worden. Die karge

Wirklichkeit: was ist sie doch manchmal für ein Gauner. Sie stiehlt Dinge, mit

denen sie nachher nichts anzufangen weiß. Es macht ihr eben einmal, wie es

scheint, Spaß, Wehmut zu verbreiten. Wehmut ist mir allerdings wieder sehr lieb,

schätzens-, sehr schätzenswert. Sie bildet.

 

Heinrich und Schilinski sind ausgetreten. Hand geschüttelt und adieu gesagt.

Und fort. Sehr wahrscheinlich auf Niewiedersehen. Wie kurz die Abschiede

sind. Man will etwas sagen, hat aber gerade das Passende vergessen, und so sagt

man nichts oder irgend eine Dummheit. Abschiednehmen und -geben ist

greulich. In solchen Momenten rüttelt es am Menschenleben, und man fühlt

lebhaft, wie nichts man ist. Rasche Abschiede sind unliebevoll, und lange sind

unerträglich. Was tut man? Nun, man sagt dann eben etwas Einfältiges. –

Fräulein Benjamenta sagte mir etwas sehr Sonderbares. »Jakob,« sagte sie, »ich

sterbe. Erschrick nicht. Laß mich zu dir ganz ruhig reden. Sag', warum bist du

nur so mein Vertrauter geworden? Ich habe dich gleich von Anfang an, als du

hier eintratest, für nett gehalten, für zart. Bitte, mach' keine falsch-aufrichtigen

Einwendungen. Du bist eitel. Bist du eitel? Höre, ja, es geht zu Ende mit mir.

Kannst du schweigen? Du mußt nämlich schweigen über das, was du jetzt

erfährst. Vor allen Dingen darf dein Herr Vorsteher, mein Bruder, nichts wissen,

präge dir das fest ein. Doch ich bin vollkommen ruhig, und du bist es auch, ich

sehe es, und du wirst Wort halten und deinen Mund halten können, ich weiß es.

Es nagt an mir, und ich sinke in etwas hinein, und ich weiß, was das ist. Das ist

so traurig, mein lieber junger Freund, so traurig. Ich mute dir Stärke zu, nicht

wahr, Jakob? Aber ich weiß es ja grad, daß du stark bist. Du hast Herz. Kraus

würde mich nicht zu Ende anhören können. Ich finde es so hübsch, daß du nicht

weinst. O es würde mich widerlich berühren, wenn jetzt schon, jetzt schon deine

Augen feucht würden. Das alles hat noch Zeit. Und du horchst so schön. Du

hörst meine elende Geschichte an wie etwas Kleines, Feines und Gewöhnliches,

wie etwas, das einfach nur Aufmerksamkeit heischt, weiter nichts, und so

horchst du. Du kannst dich ganz riesig gut benehmen, wenn du dir recht Mühe

gibst. Freilich, hochmütig bist du ja, das kennen wir, nicht wahr? Still, keinen

Ton jetzt. Ja, Jakob, der Tod (o was für ein Wort) steht dicht hinter mir. Sieh', so,

wie ich jetzt dich anatme, so atmet er mir von hinten seinen kalten scheußlichen

Atem an, und ich sinke, sinke vor diesem Atem. Die Brust preßt es mir ab. Habe

ich dich traurig gemacht? Sprich. Ist das traurig für dich? Ein wenig, nicht wahr.

Doch du mußt das alles jetzt noch vergessen, hast du gehört? Vergessen! Ich

komme wieder zu dir, so wie heute, und dann sage ich dir, wie es mir geht. Nicht wahr, du wirst es zu vergessen suchen. Doch komm' her. Laß mich dir die Stirne

berühren. Du bist brav.« – Sie zog mich ganz leicht an sich und drückte mir so

etwas wie Hauch auf die Stirne. Von Berühren, wie sie sagte, war gar keine

Rede. Dann entfernte sie sich still und überließ mich meinen Gedanken.

Gedanken? I wo. Ich dachte wieder einmal daran, daß mir Geld mangle. Das war

mein Gedanke. So bin ich, so roh und so gedankenlos. Und dann ist die Sache ja

die: herzliche Erschütterungen senken etwas wie Eiseskälte in meine Seele

hinein. Unmittelbar zur Trauer veranlaßt, entschlüpft mir die Trauer-Empfindung

vollständig. Ich lüge nicht gern. Überhaupt mir gegenüber lügen: was hätte das

für einen Sinn? Ich lüge wo anders, aber nicht hier, vor mir selber. Nein, weiß

der Kuckuck, da lebe ich, und Fräulein Benjamenta sagt so etwas Entsetzliches,

und ich, der ich sie anbete, weiß nichts von Tränen? Ich bin gemein, das ist es.

Doch halt. Zu sehr heruntermachen will ich mich auch nicht. Ich bin stutzig, und

deshalb – –. Lügen sind das, lauter Lügen. Ich habe das ja alles eigentlich

gewußt. Gewußt? Das ist wieder eine Lüge. Es ist mir nicht möglich, mir die

Wahrheit zu sagen. Jedenfalls gehorche ich Fräulein und schweige über diese

Geschichte. Ihr gehorchen dürfen! So lange ich ihr gehorche, ist sie am Leben. –

 

Angenommen, ich wäre Soldat (und ich bin meiner Natur nach ein

ausgezeichneter Soldat), gemeiner Fußsoldat, und ich diente unter Napoleons

Fahnen, so marschierte ich eines Tages ab nach Rußland. Mit meinen

Kameraden stünde ich gut, denn das Elend, die Entbehrungen und die vielen

gemeinsam begangenen rohen Taten verbänden uns wie zu etwas

zusammenhängend Eisernem. Grimmig würden wir vor uns herstarren. Ja, der

Grimm, der unbewußte, stumpfe Zorn, der verbände uns. Und wir marschierten,

immer das Gewehr umgehängt. In den Städten, durch die wir zögen, würde uns

eine müßige, schlaffe, durch den Tritt unserer Füße entmoralisierte

Menschenmenge begaffen. Aber dann würde es keine Städte mehr geben, oder

nur noch ganz selten, sondern unabsehbare Länderstrecken würden sich vor

unsern Augen und Beinen nach dem dünnen Horizont hinschleichen. Das Land

kröche und schliche förmlich. Und nun würde der Schnee kommen und uns

einschneien, aber immer würden wir weitermarschieren. Die Beine, das wäre

jetzt alles. Stundenlang würde mein Blick zur nassen Erde gesenkt sein. Ich

würde Muße haben zur Reue, zu endlosen Selbstanklagen. Doch immer würde

ich Schritt halten, Beine hin und her werfen und vorwärtsmarschieren. Übrigens

gliche unser Marschieren jetzt mehr einem Trotten. Hin und wieder erschien in

weiter, weiter Ferne ein äffender Höhenzug, dünn wie die Kante eines

Taschenmessers, eine Art Wald. Und da würden wir wissen, daß jenseits dieses Waldes, an dessen Rand wir nach vielen Stunden anlangten, sich weitere endlose

Ebenen ausdehnten. Von Zeit zu Zeit fielen Schüsse. Bei diesen vereinzelten

Tönen würden wir uns an das erinnern, was käme, an die Schlacht, die da eines

Tages geschlagen werden würde. Und wir marschierten. Die Offiziere würden

mit traurigen Mienen umherreiten, Adjutanten peitschten ihre Rosse, wie gejagt

von ahnungsvollem Entsetzen, am Zug vorüber. Man würde an den Kaiser, an

den Feldherrn denken, nur ganz dunkel, aber immerhin, man würde ihn sich

vorstellen, und das gewährte Trost. Und immer weiter marschierte man. Zahllose

kleine, aber furchtbare Unterbrechungen hemmten für kurze Zeiten den Marsch.

Doch das würde man kaum merken, sondern marschierte weiter. Dann kämen

mir die Erinnerungen, nicht deutliche, und doch überdeutliche. Sie würden mir

am Herzen fressen wie Raubtiere an der willkommenen Beute, sie würden mich

ins Heimatlich-Trauliche versetzen, an den goldenen, von zarten Nebeln

bekränzten, rundlichen Rebhügel. Ich würde Kuhglocken schallen und ans

Gemüt schlagen hören. Ein liebkosender Himmel böge sich wasserfarbig und

tonreich über mir. Der Schmerz würde mich beinahe verrückt machen, doch ich

marschierte weiter. Meine Kameraden zur linken und zur rechten Hand, der

Vorder- und der Hintermann, das bedeutete alles. Das Bein würde arbeiten wie

eine alte, aber immer noch gefügige Maschine. Brennende Dörfer würden den

Augen ein täglich wiederholter, schon ganz uninteressanter Anblick sein, und

über Grausamkeiten unmenschlicher Art würde man sich nicht wundern. Da

fiele eines Abends, in der immer bitterer werdenden Kälte, mein Kamerad, er

könnte ja Tscharner heißen, zu Boden. Ich würde ihm aufhelfen wollen, aber:

»Liegen lassen!« würde der Offizier befehlen. Und man marschierte weiter.

Dann, eines Mittags, sähen wir unsern Kaiser, sein Gesicht. Doch er würde

lächeln, er würde uns bezaubern. Ja, diesem Menschen fiele es nicht ein, seine

Soldaten durch eine düstere Miene zu entnerven und zu entmutigen.

Siegesgewiß, zum voraus schon zukünftige Schlachten gewonnen, marschierten

wir in dem Schnee weiter. Und dann, nach endlosen Märschen, würde es endlich

zum Schlagen kommen, und es ist möglich, daß ich am Leben bliebe und wieder

weitermarschierte. »Jetzt geht es nach Moskau, du!« würde einer in unserer

Reihe sagen. Ich verzichtete aus ich weiß nicht was für Gründen darauf, ihm zu

antworten. Ich wäre nur noch der kleine Bestandteil an der Maschine einer

großen Unternehmung, kein Mensch mehr. Ich wüßte nichts mehr von Eltern,

nichts von Verwandten, Liedern, persönlichen Qualen oder Hoffnungen, nichts

vom heimatlichen Sinn und Zauber mehr. Die soldatische Zucht und Geduld

würde mich zu einem festen, undurchdringlichen, fast ganz inhaltlosen Körper-

Klumpen gemacht haben. Und so ginge es weiter, nach Moskau zu. Ich würde

das Leben nicht verfluchen, dazu wäre es längst zu fluchwürdig geworden, kein Weh mehr empfinden, das Weh mit all seinen jähen Zuckungen würde ich längst

ausempfunden und fertigempfunden haben. Das ungefähr, glaube ich, hieße

Soldat unter Napoleon sein.

 

»Du bist mir ein Rechter, du!« sagte Kraus zu mir, eigentlich ganz

ungerechtfertigt, »du gehörst zu denen, die sich, so wertlos sie sein mögen, über

gute Lehren erhaben vorkommen wollen. Ich weiß es schon, schweig' nur. Du

willst in mir einen sauren Pädagogen und Rechthaber erblickt haben. Geh' mir.

Und was fühlst du denn, du und deinesgleichen, Prahlhanse, was ihr seid, was

ernst-sein und achtsam-sein eigentlich sagen will. Du bildest dir auf deine

springerische und tänzerische Leichtfertigkeit ganz gewiß, und mit ohne Zweifel

ebenso viel Recht, nicht wahr, Königreiche ein? Du Tänzer, o ich durchschaue

dich. Immer lachen über das Richtige und Ziemliche, das kannst du, das

verstehst du vortrefflich, ja, ja, darin seid ihr, du und deine Stammesbrüder,

Meister. Aber gebt acht, gebt acht. Euch zuliebe sind die Ungewitter, Blitz und

Donner und Schicksalsschläge, gewiß noch nicht abgeschafft worden. Wegen

eurer Grazie, ihr Künstler, was ihr doch seid, bieten sich dem Schaffenden,

überhaupt Lebendigen, gewiß nicht plötzlich weniger Schwierigkeiten. Lerne du

auswendig, das, was dir als Lektion vorschweben sollte, statt mir zeigen zu

wollen, daß du auf mich herablachen kannst. Ist das ein Herrchen! Es will mir

dartun, daß es sich brüsten kann, wenn es ihm paßt. Laß dir sagen, daß Kraus

solche armseligen Schauspielereien einfach verachtet. Mach' etwas! Man kann

dir das nicht dutzendmal genug auf die hochmütige Nase binden. Weißt du was,

Jakob, Herr des Daseins: laß mich in Ruhe. Ziehe auf Eroberungen. Ich bin

überzeugt, es fallen dir welche vor die Füße, und du wirst sie nur aufzulesen

brauchen. Alles schmeichelt euch ja, alles kommt euch entgegen, euch

Besenbinder. Was? Du hast die Hände noch in der Tasche? Zwar, ich begreife es.

Wem gebratene Tauben in den Mund fliegen, warum sollte der sich noch je

überhaupt Mühe geben, so auszusehen wie einer, auf den eine Tat, eine Arbeit,

eine händefordernde Anstrengung hinzutreten könnte? Bitte, gähne noch ein

wenig. Es macht sich dann besser. So siehst du zu gefaßt, zu beherrscht, zu

bescheiden aus. Oder willst du mir ein paar Vorschriften erteilen? Tu's nur. Ich

bin sehr gespannt. Ach, mach' daß du wegkommst. An deiner albernen

Gegenwart werde ich sonst noch ganz und gar an mir selbst irre, du altes – – –

ich hätte jetzt doch bald mal etwas gesagt. Verleitet einen zu sündhaften

Ausdrücken, der Ärgerniserreger, was er ist. Mach' dich unsichtbar oder

beschäftige dich mit etwas. Und allen Anstand verlierst du auch, ja du, vor

Vorstehers. Ich hab's schon gesehen. Aber wozu rede ich mit einem Lachbenzen? Gestehe, daß du ganz nett wärest, wenn du kein Narr wärst. Wenn du mir das

gestehst, will ich dir um den Hals fallen.« – »O Kraus, liebster aller Menschen,«

sagte ich, »du höhnst, du spottest? Kann das Kraus? Ist das möglich?« – Ich

lachte hell auf und schlenderte in meine Kammer. Bald ist hier im Institut

Benjamenta alles überhaupt nur noch ein Schlendern. Es sieht hier aus, als wenn

so etwas wie »die Tage gezählt« wären. Aber man irrt sich. Vielleicht irrt sich

auch Fräulein Benjamenta. Vielleicht auch Herr Vorsteher. Wir irren uns

vielleicht alle.

 

Ich bin jetzt ein Krösus. Zwar, was das schätzenswerte Geld anbetrifft – –

still, nicht von Geldern reden. Ich führe ein sonderbares Doppelleben, ein

geregeltes und ein ungeregeltes, ein kontrolliertes und ein unkontrollierbares, ein

einfaches und ein höchst kompliziertes. Was will Herr Benjamenta sagen, wenn

er bekennt, noch nie einen Menschen geliebt zu haben? Was hat es zu bedeuten,

daß er mir, seinem Eleven und Sklaven, das sagt? Nun ja, Eleven sind Sklaven,

junge, den Zweigen und Stämmen entrissene, dem unbarmherzigen Sturmwind

überlieferte, übrigens schon ein wenig gelbliche Blätter. Ist Herr Benjamenta ein

Sturmwind? Sehr wohl denkbar, denn ich habe ja schon oft Gelegenheit gehabt,

das Brausen und Zürnen und dunkle Sichentladen dieses Sturmwindes zu spüren.

Und dann ist er ja so allmächtig, und ich Zögling, wie winzig bin ich. Still, nicht

von Allmacht reden. Man irrt sich stets, wenn man große Worte in den Mund

nimmt. Herr Benjamenta ist der Erschütterung und Schwäche so fähig, so sehr

fähig, daß es beinahe zum Lachen, vielleicht sogar zum Grinsen ist. Ich glaube,

alles, alles ist schwach, alles muß wie Würmer zittern. Nun ja, und diese

Erleuchtung, diese Gewißheit macht mich zum Krösus, d. h. zum Kraus. Kraus

liebt und haßt nichts, daher ist er ein Krösus, es grenzt etwas in ihm ans

Unanfechtbare. Wie ein Felsen ist er, und das Leben, die stürmische Welle,

zerspritzt sich an seinen Tugenden. Seine Natur, sein Wesen ist ganz voll

behangen von Tugenden. Man kann ihn kaum lieben, von hassen schon gar keine

Rede. Das Hübsche, Anziehende mag man gern, und daher ist auch das Schöne

und Hübsche der Gefahr des Gefressenwerdens oder Mißbrauchtwerdens in so

hohem Maße ausgesetzt. An Kraus heran wagen sich keine verzehrenden,

fressenden Lebens-Zärtlichkeiten. Wie verloren eigentlich, aber doch, wie fest,

wie unnahbar steht er da. Wie ein Halbgott. Doch das versteht niemand, und

auch ich – – – manchmal rede und denke ich geradezu über den eigenen

Verstand. Ich hätte daher vielleicht Pfarrer, Anführer einer religiösen Sekte oder

Strömung werden sollen. Nun, das kann ich ja noch. Ich kann noch alles

Mögliche aus mir machen. Aber Benjamenta? – Ich weiß es genau, er wird mir jetzt bald einmal seine Lebensgeschichte erzählen. Es wird ihn drängen zu

Offenheiten, zu Erzählungen. Sehr wahrscheinlich. Und merkwürdig: manchmal

ist mir, als wenn ich mich von diesem Mann, diesem Riesen, nie trennen sollte,

nie mehr, als ob wir beide in Eines verschmolzen wären. Aber man irrt sich ja

immer. Gefaßt, einigermaßen gefaßt sein, das will ich. Auch nicht zu sehr, nein.

Zu sehr gefaßt sein hieße zu frech sein. Wozu Bedeutsames im Leben

gewärtigen? Muß das sein? Ich bin ja etwas so Kleines. Daran, daran halte ich

ungebunden fest, daran, daß ich klein, klein und nichtswürdig bin. Und Fräulein

Benjamenta? Wird sie wirklich sterben? An das wage ich nicht zu denken, und

ich darf auch nicht. Ein höheres Empfinden verbietet es mir. Nein, ich bin kein

Krösus. Und was das Doppelleben betrifft, so führt jedermann eigentlich ein

solches. Wozu sich da brüsten? Ach, all diese Gedanken, all dieses sonderbare

Sehnen, dieses Suchen, dieses Hände-Ausstrecken nach einer Bedeutung. Mag

es träumen, mag es schlafen. Ich lasse es einfach nun kommen. Mag es kommen.

 

Ich schreibe in fliegender Hast. Ich bebe am ganzen Körper. Es flackert vor

meinen Augen wie auf und ab tanzende Irrlichter. Etwas Furchtbares ist

geschehen, scheint geschehen, kaum bin ich meiner selber und dessen bewußt,

was vorfiel. Herr Benjamenta hat einen Anfall gehabt und hat mich – erwürgen

wollen. Ist das wahr? O weh, alle meine Gedankenkräfte schwinden, und ich

kann mir nicht sagen, ob alles das wahr ist, was da vorging. Aber ich merke an

der Zerrüttung, die mich beherrscht, daß es wahr ist. Der Vorsteher kam in eine

unbeschreibliche Wut hinein. Er glich einem Simson, jenem Mann aus der

Geschichte Palästinas, der an den Säulen eines hohen, menschenerfüllten Hauses

rüttelte, bis der festliche, lüsterne Palast, bis der steinerne Triumph, bis die

Bosheit zusammenstürzte. Zwar hier, d. h. vor kaum einer Stunde, war ja

durchaus keine Bosheit, keine Niedertracht umzuwerfen, und Säulen und Pfeiler

gab es ebenfalls keine, aber es sah doch so aus, genau so, und ich geriet in eine

nie vorher gekannte, hasenartige, schreckliche Angst hinein. Ja, ein Hase war

ich, und in der Tat, ich hatte auch Ursache zur hasenartigen Flucht, sonst wäre es

mir sicher elend ergangen. Ich entschlüpfte mit, ich kann es nicht anders sagen,

wunderbarer Behendigkeit seinen zusammenschnürenden Fäusten, und ich

glaube, ich habe ihn, den großen Herrn Benjamenta, den Riesen Goliath, sogar in

den Finger gebissen. Vielleicht rettete der rasche, energische Biß mir das Leben,

denn es ist leicht möglich, daß der Schmerz, den die Wunde ihm beibrachte, ihn

plötzlich wieder an Art und Weise, an Vernunft und Menschlichkeit erinnerte,

derart, daß ich einer groben Verletzung des zöglinghaften Anstandes

möglicherweise das Leben zu verdanken habe. Gewiß, die Gefahr, erdrückt zu werden, lag nahe, aber, wie ist das alles gekommen, wie war das alles möglich?

Gleich einem Rasenden hat er sich auf mich gestürzt. Geworfen hat er sich mit

seinem mächtigen Körper auf mich wie ein dunkles Stück verrückt gewordenen

Jähzornes; wie eine Meerwelle kam es auf mich zu, um mich zu zerschmettern

an den harten Wasserwänden. Ich fable da von Wasser. Das ist Unsinn, gewiß,

aber ich bin eben noch ganz benommen, ganz verwirrt und erschüttert. »Was

machen Sie da, verehrter, lieber Herr Vorsteher? He?« schrie ich aus und rannte

wie besessen zur Bureautüre hinaus. Und da horchte ich wieder. So wie ich mit

heiler Haut im Korridor stand, schob ich, allerdings zitternd mit all meinen

Gliedern, mein Ohr ans Schlüsselloch und horchte. Da hörte ich's leise lachen.

Ich stürzte hierher an den Schultisch, und hier bin ich, und ich weiß nicht, ob ich

das geträumt, oder ob ich das tatsächlich erlebt habe. Nein, nein, es ist, es ist

Tatsache. Wenn doch nur Kraus käme. Mir ist doch ein wenig bange. Wie nett

wäre es, wenn der gute Kraus käme und mir wieder ein wenig, wie schon so oft,

die Leviten läse. Ich möchte ein wenig ausgeschimpft, abgekanzelt, verknurrt

und verdonnert werden, das würde mir unsagbar wohltun. Bin ich ein Kind? –