Jakob von Gunten, Ein Tagebuch

Robert Walser · Kapitel 2 von 4

PDF-Seiten

Jakob von Gunten, Ein Tagebuch

Ich habe den Lebenslauf Herrn Vorsteher überreicht.…

Ich habe den Lebenslauf Herrn Vorsteher überreicht. Er hat ihn durchgelesen,

ich glaube, sogar zweimal, und das Schreiben scheint ihm gefallen zu haben,

denn es trat etwas wie ein schimmerndes Lächeln auf seine Lippen. O gewiß, ich

habe meinen Mann scharf beobachtet. Ein wenig gelächelt hat er, das ist und

bleibt Tatsache. Also endlich ein Zeichen von etwas Menschlichem. Was muß

man doch für Sprünge machen, Menschen, denen man die Hände küssen möchte,

zu einer nur ganz flüchtigen freundlichen Regung zu bewegen. Absichtlich,

absichtlich habe ich den Lauf meines Lebens so stolz und frech geschrieben:

»Da lies es. Wie? Reizt es dich nicht, mir das Ding ins Gesicht zu schmeißen?« –

Das sind meine Gedanken gewesen. Und da hat er ganz schlau und fein

gelächelt, dieser schlaue und feine Herr Vorsteher, den ich leider, leider Gottes

über alles verehre. Und ich hab' es bemerkt. Es ist ein Vorpostengefecht

gewonnen. Heute muß ich unbedingt noch irgend einen Streich verüben. Ich muß

mich sonst kaputtfreuen, kaputtlachen. Aber Fräulein Vorsteher weint? Was ist

das? Warum bin ich so seltsam glücklich? Bin ich verrückt?

 

Ich muß jetzt etwas berichten, was vielleicht einigen Zweifel erregt. Und

doch ist es durchaus Wahrheit, was ich sage. Es lebt ein Bruder von mir in dieser

gewaltigen Stadt, mein einziger Bruder, ein meiner Ansicht nach

außerordentlicher Mensch, Johann heißt er, und er ist so etwas wie ein namhaft

bekannter Künstler. Ich weiß um seine jetzige Stellung in der Welt nichts

Bestimmtes, da ich es vermieden habe, ihn zu besuchen. Ich werde nicht zu ihm

gehen. Begegnen wir uns zufällig auf der Straße und erkennt er mich und tritt

auf mich zu: schön, dann ist es mir lieb, seine brüderliche Hand kräftig zu

schütteln. Aber herausfordern werde ich solch ein Begegnen nie, nie im Leben.

Was bin ich, und was ist er? Was ein Zögling des Institutes Benjamenta ist, das

weiß ich, es liegt auf der Hand. Solch ein Zögling ist eine gute runde Null,

weiter nichts. Aber was mein Bruder zur Stunde ist, das kann ich nicht wissen.

Er ist vielleicht umgeben von lauter feinen, gebildeten Menschen und von weiß

Gott was für Formalitäten, und ich respektiere Formalitäten, deshalb suche ich

nicht einen Bruder auf, wo mir möglicherweise ein soignierter Herr unter

gezwungenem Lächeln entgegentritt. Ich kenne ja Johann von Gunten von früher

her. Er ist ein durchaus ebenso kühl abwägender und berechnender Mensch wie

ich und wie alle Gunten, aber er ist viel älter, und im Altersunterschied zweier

Menschen und Brüder können unübersteigliche Grenzen liegen. Jedenfalls ließe

ich mir von ihm keine guten Lehren erteilen, und das ist es gerade, was ich befürchte, das er tun wird, wenn er mich zu Gesicht bekommt, denn wenn er

mich so arm und unbedeutend vor sich sieht, wird es ihn, den Gutsituierten, doch

ganz sicher reizen, mich meine niedrige Position von oben herab leicht fühlen zu

lassen, und das würde ich nicht ertragen können, ich würde den von

Guntenschen Stolz hervorkehren und entschieden grob werden, was mir

hinterher dann doch nur weh täte. Nein, tausendmal nein. Was? Von meinem

Bruder, vom selben Blut Gnade annehmen? Tut mir sehr leid. Das ist unmöglich.

Ich stelle mir ihn sehr fein vor, die beste Zigarette der Welt rauchend, und

liegend auf den Kissen und Teppichen der bürgerlichen Behaglichkeit. Und wie?

Ja, es ist jetzt in mir so etwas Unbürgerliches, so etwas durchaus

Entgegengesetzt-Wohlanständiges, und vielleicht ruht mein Herr Bruder mitten

drinnen im schönsten, prächtigsten Welt-Anstand. Es ist beschlossen: wir beide

sehen uns nicht, vielleicht nie! Und das ist auch gar nicht nötig. Nicht nötig?

Gut, lassen wir das. Ich Schafskopf, da rede ich wie eine ganze würdevolle

Lehrerschaft per wir. – Um meinen Bruder herum gibt es sicher das beste,

gewählteste Salon-Benehmen. Merci. O, ich danke. Da werden Frauen sein, die

den Kopf zur Türe herausstrecken und schnippisch fragen: »Wer ist denn jetzt

wieder da? Wie? Ist es vielleicht ein Bettler?« – Verbindlichsten Dank für solch

einen Empfang. Ich bin zu gut, um bemitleidet zu werden. Duftende Blumen im

Zimmer! O ich mag gar keine Blumen. Und gelassenes Weltwesen? –

Scheußlich. Ja, gern, sehr gern sähe ich ihn. Aber wenn ich ihn so sähe, so sähe

im Glanz und im Behagen: futsch wäre die Empfindung, hier stehe ein Bruder,

und ich würde nur Freude lügen dürfen, und er auch. Also nicht.

 

In der Unterrichtsstunde sitzen wir Schüler, starr vor uns herblickend, da,

unbeweglich. Ich glaube, man darf sich nicht einmal die persönliche Nase

putzen. Die Hände ruhen auf den Kniescheiben und sind während des

Unterrichtes unsichtbar. Hände sind die fünffingrigen Beweise der menschlichen

Eitelkeit und Begehrlichkeit, daher bleiben sie unter dem Tisch hübsch

verborgen. Unsere Schülernasen haben die größte geistige Ähnlichkeit

miteinander, sie scheinen alle mehr oder weniger nach der Höhe zu streben, wo

die Einsicht in die Wirrnisse des Lebens leuchtend schwebt. Nasen von

Zöglingen sollen stumpf und gestülpt erscheinen, so verlangen es die

Vorschriften, die an alles denken, und in der Tat, unsere sämtlichen

Riechwerkzeuge sind demütig und schamhaft gebogen. Sie sind wie von

scharfen Messern kurzgehauen. Unsere Augen blicken stets ins gedankenvolle

Leere, auch das will die Vorschrift. Eigentlich sollte man gar keine Augen haben,

denn Augen sind frech und neugierig, und Frechheit und Neugierde sind von fast jedem gesunden Standpunkt aus verdammenswert. Ziemlich ergötzlich sind die

Ohren von uns Zöglingen. Sie wagen alle kaum zu horchen vor lauter

gespannten Horchens. Sie zucken immer ein wenig, als fürchteten sie, von hinten

plötzlich mahnend gezogen und in die Weite und Breite gerissen zu werden.

Arme Ohren das, die derart Angst ausstehen müssen. Schlägt der Ton eines

Rufes oder Befehls an diese Ohren, so vibrieren und zittern sie wie Harfen, die

berührt und gestört worden sind. Nun, es kommt ja auch vor, daß Zöglingsohren

gern ein wenig schlafen, und wie werden sie dann geweckt! Es ist eine Freude.

Das Dressierteste an uns ist aber doch der Mund, er ist stets gehorsam und devot

zugekniffen. Es ist ja auch nur zu wahr: ein offener Mund ist die gähnende

Tatsache, daß der Besitzer desselben mit seinen paar Gedanken meist anderswo

sich aufhält als im Bereich und Lustgarten der Aufmerksamkeit. Ein

festgeschlossener Mund deutet auf offene, gespannte Ohren, daher müssen die

Türen da unten, unter den Nasenflügelfenstern, stets sorgsam verriegelt bleiben.

Ein offener Mund ist ein Maul ohne weiteres, und das weiß jeder von uns genau.

Lippen dürfen nicht prangen und lüstern blühen in der bequemen natürlichen

Lage, sondern sie sollen gefalzt und gepreßt sein zum Zeichen energischer

Entsagung und Erwartung. Das tun wir Schüler alle, wir gehen mit unsern

Lippen laut bestehender Vorschrift sehr hart und grausam um, und daher sehen

wir alle so grimmig wie kommandierende Wachtmeister aus. Ein Unteroffizier

will die Mienen seiner Soldaten bekanntlich genau so schnauzig und grimmig

haben wie seine, das paßt ihm, denn er hat Humor in der Regel. Im Ernst:

Gehorchende sehen meist genau aus wie Befehlende. Ein Diener kann gar nicht

anders als die Masken und Allüren seines Herrn annehmen, um sie gleichsam

treuherzig fortzupflanzen. Unser verehrtes Fräulein ist ja nun gar kein solcher

Feldwebel, im Gegenteil, sie lächelt sehr oft, ja, sie gestattet sich manchmal, uns

Murmeltiere von vorschriftenbefolgenden Menschenkindern einfach

auszulachen, aber sie gewärtigt eben, daß wir sie ruhig, und ohne unsere Mienen

zu verändern, lachen lassen, und das tun wir auch, wir tun so, als hörten wir den

süßen Silberton ihres Gelächters überhaupt gar nicht. Was sind wir für aparte

Käuze. Unser Haar ist stets sauber und glatt gekämmt und gebürstet, und jeder

hat sich einen geraden Scheitel in die Welt da oben auf dem Kopf

einzuschneiden, einen Kanal in die tiefschwarze oder blonde Haar-Erde. So

gehört sich's. Scheitel sind nun einmal auch vorschriftsmäßig. Und daher, weil

wir so reizend frisiert und gescheitelt sind, sehen wir uns alle eigentlich ähnlich,

was für einen Schriftsteller z. B. zum Totlachen wäre, wenn er uns besuchte, um

uns in unserer Herrlichkeit und Wenigkeit zu studieren. Mag dieser Herr

Schriftsteller zu Hause bleiben. Windbeutel sind das, die nur studieren, malen

und Beobachtungen anstellen wollen. Man lebe, dann beobachtet sich's ganz von selber. Unser Fräulein Benjamenta würde übrigens solch einen hergewanderten, -

geregneten und -geschneiten Artikelschreiber derart anherrschen, daß er vor

Schreck über die Unfreundlichkeit des Empfangs zu Boden fiele. Nun, dann

würde die Lehrerin, die es liebt, selbstherrlich zu verfahren, vielleicht zu uns

sagen: »Geht, helft dem Herrn von der Erde aufstehen.« Und dann würden wir

Zöglinge des Institutes Benjamenta dem ungebetenen Gast zeigen, wo die Türe

ist. Und das Stück neugierigen Schriftstellertums würde wieder verschwinden.

Nein, das sind Phantasien. Zu uns kommen Herrschaften, die uns Knaben

engagieren wollen, und nicht Leute mit Schreibfedern hinter den Ohren.

 

Entweder sind die Lehrer unseres Institutes gar nicht vorhanden, oder sie

schlafen noch immer, oder sie scheinen ihren Beruf vergessen zu haben. Oder

streiken sie vielleicht, weil man ihnen die Monatslöhne nicht ausbezahlt?

Wunderliche Gefühle ergreifen mich, wenn ich an die armen Eingeschlummerten

und Geistesabwesenden denke. Da sitzen sie nun, oder kauern an den Wänden

eines extra für die Ruhebedürftigen eingerichteten Zimmers. Da ist Herr Wächli,

der vermeintliche Naturgeschichtslehrer. Sogar im Schlaf hält er noch immer

seine Tabakspfeife im Mund eingeklemmt. Schade, er hätte vielleicht besser

getan, Bienenzüchter zu werden. Wie rot sein Kopf doch ist und wie fett seine

ältliche, weichliche Hand. Und hier nebenan, ist das nicht Herr Blösch, der sehr

geehrte Französischlehrer? Ei ja doch, das ist er wahrhaftig, und er lügt, wenn er

zu schlafen vorgibt, er ist ein ganz schrecklicher Lügner. Auch seine

Schulstunden sind immer nur eine Lüge und papierne Maske gewesen. Wie blaß

er aussieht, und wie böse! Er hat ein schlechtes Gesicht, dicke harte Lippen,

grobe unbarmherzige Züge: »Schläfst du, Blösch?« – Er hört nicht. Er ist

eigentlich widerwärtig. Und das, wer ist denn das da? Herr Pfarrer Strecker? Der

lange, dürre Herr Pfarrer Strecker, der den Religionsunterricht erteilt? Zum

Teufel, ja er selber ist es. »Schlafen Sie, Herr Pfarrer? Nun, dann schlafen Sie.

Es schadet nichts, daß Sie schlafen. Sie versäumen nur Zeit mit

Religionsunterrichterteilen. Religion, sehen Sie, taugt heute nichts mehr. Der

Schlaf ist religiöser als all Ihre Religion. Wenn man schläft, ist man Gott

vielleicht noch am nächsten. Was meinen Sie?« – Er hört nicht. Ich will

anderswo anklopfen. He, wer ist denn das hier, der so bequeme Stellungen

wählt? Ist es Merz, Doktor Merz, der die Geschichte Roms lehrt? Ja, er ist es, ich

erkenne ihn am Spitzbart. »Sie scheinen mir böse zu sein, Herr Doktor Merz.

Nun, schlafen Sie und vergessen Sie die unpassenden Auftritte, die zwischen

Ihnen und mir vorgefallen sind, zürnen Sie nicht in Ihren Spitzbart hinein.

Übrigens tun Sie gut, zu schlafen. Die Welt dreht sich seit einiger Zeit um Geld und nicht mehr um Geschichte. All die uralten Heldentugenden, die Sie

auspacken, spielen ja, wie Sie selbst wissen werden, längst keine Rolle mehr. Ich

verdanke Ihnen einige wundervolle Eindrücke. Schlafen Sie wohl.« – Hier aber,

wie ich sehe, scheint sich Herr von Bergen, der Knabenquäler von Bergen,

angesiedelt zu haben. Tut, als wenn er träume, und erteilt doch so gern, mit so

kitzlich-himmlischer Vorliebe, »Tatzen«. Oder er kommandiert »Rumpfbeuge

vorwärts«, und dann ist es ihm solch ein Genuß, aufs Hinterstück des armen

Jungen ein Meerrohrgeschenk anzuflicken. Sehr elegante Pariser-Erscheinung,

aber grausam. – Und wer ist dieser hier? Progymnasialdirektor Wyß? Sehr nett.

Bei rechtlichen Leuten braucht man sich nicht lange aufzuhalten. Und wer ist

hier? Bur? Lehrer Bur? »Ich bin entzückt, Sie zu sehen.« Bur ist der genialste

gewesene Rechenlehrer des Kontinents. Fürs Institut Benjamenta ist er nur zu

freisinnig und zu geistvoll. Kraus und die andern sind keine Schüler für ihn. Er

ist zu hervorragend und stellt zu hohe Ansprüche. Hier im Institut existieren

keine solchen überspannten Voraussetzungen. Aber ich träume wohl von meinen

heimatlichen Lehrern? Dort im Progymnasium gab's Kenntnisse die Menge, hier

gibt es etwas ganz anderes. Uns Zöglinge hier wird etwas ganz anderes gelehrt.

 

Werde ich bald Stellung erhalten? Ich hoffe es. Meine Photographien und

mein Bewerbeschreiben machen zusammen, wie ich mir einbilde, einen

günstigen Eindruck. Neulich bin ich mit Schilinski in einen ersten Café-Konzert-

Raum getreten. Wie hat da Schilinski am ganzen Leib gebebt vor

Schüchternheit. Ich benahm mich ungefähr wie sein liebevoller Vater. Der

Kellner wagte es, indem er uns von unten bis oben fixierte, uns sitzen zu lassen;

da ich ihn aber mit enorm strenger Miene ersuchte, uns gefälligst zu bedienen,

wurde er sogleich höflich und brachte uns in hohen, zierlich-geschliffenen

Kelchen helles Bier. Ah, man muß auftreten. Wer sich mit gemessenem Anstand

in die Brust zu werfen weiß, der wird als Herr behandelt. Man muß Situationen

beherrschen lernen. Ich verstehe es ausgezeichnet, meinen Kopf, so, als wenn

ich über etwas empört, nein, nur erstaunt wäre, zurückzuwerfen. Ich blicke um

mich her, als wollte ich sagen: »Was ist das? Wie? Ist man denn hier toll?« – Das

wirkt. Auch habe ich mir ja im Institut Benjamenta gottlob Haltung angeeignet.

O mir ist manchmal, als hätte ich es in der Gewalt, mit der Erde und all den

Dingen darauf beliebig spielen zu können. Ich verstehe mit einemmal das

liebliche Wesen der Frauen. Ihre Koketterien amüsieren mich, und ich erblicke

Tiefsinn in ihren trivialen Bewegungen und Redensarten. Wenn man sie nicht

versteht, wenn sie eine Tasse zum Mund führen oder den Rock raffen, so

versteht man sie nie. Ihre Seelen trippeln mit den hochaufgeschweiften Absätzen ihrer süßen Stiefelchen, und ihr Lächeln ist beiderlei: eine alberne

Angewohnheit und ein Stück Weltgeschichte. Ihr Hochmut und ihr geringer

Verstand sind reizend, reizender als die Werke der Klassiker. Oft sind ihre

Untugenden das Tugendhafteste unter der Sonne, und wenn sie erst wütend

werden, und zürnen? Nur Frauen verstehen zu zürnen. Doch still. Ich denke an

Mama. Wie heilig ist mir das Andenken an die Augenblicke, wo sie zürnte. Doch

ruhig, doch still. Was kann ein Schüler des Institutes Benjamenta über alles das

wissen?

 

Ich habe mich nicht bezwingen können, ich bin ins Bureau gegangen, habe

mich gewohnheitsgemäß tief verbeugt und habe zu Herrn Benjamenta folgendes

gesprochen: »Ich habe Arme, Beine und Hände, Herr Benjamenta, und ich

möchte arbeiten, und daher erlaube ich mir, Sie zu bitten, mir recht bald Arbeit

und Geldverdienst zu verschaffen. Sie haben allerlei Beziehungen, ich weiß es.

Zu Ihnen kommen die allerfeinsten Herrschaften, Leute, die Kronen auf den

Aufschlägen ihrer Mäntel tragen, Offiziere, die mit den schneidigen Säbeln

rasseln, Damen, deren Schleppen wie kichernde Wellen daherrauschen, ältere

Frauen mit enorm viel Vermögen, Greise, die ein halbes Lächeln mit einer

Million bezahlen, Menschen von Stand, aber ohne Geist, Menschen, die im

Automobil vorfahren, mit einem Wort, Herr Vorsteher, die Welt kommt zu

Ihnen.« – »Hüte dich, frech zu werden,« warnte er mich, doch ich weiß nicht, ich

empfand gar keine Furcht mehr vor seinen Fäusten, und ich sprach weiter, die

Worte flogen mir nur so heraus: »Verschaffen Sie mir unbedingt irgend eine

anregende Tätigkeit. Übrigens ist meine Meinung die: eine jede Tätigkeit ist

anregend. Ich habe schon so viel gelernt bei Ihnen, Herr Vorsteher.« – Er sagte

ruhig: »Du hast noch gar nichts gelernt.« – Da nahm ich wieder den Faden auf

und sagte: »Gott selbst gebietet mir, ins Leben hinaus zu treten. Doch was ist

Gott? Sie sind mein Gott, Herr Vorsteher, wenn Sie mir erlauben, Geld und

Achtung verdienen zu gehen.« – Er schwieg eine Weile, dann sagte er: »Du

machst jetzt, daß du zum Kontor hinauskommst. Augenblicklich.« – Das ärgerte

mich furchtbar. Ich rief laut aus: »Ich erblicke in Ihnen einen hervorragenden

Menschen, aber ich irre mich, Sie sind gewöhnlich wie das Zeitalter, in dem Sie

leben. Ich werde auf die Straße gehen und dort irgend einen Menschen anhalten.

Man zwingt mich, zum Verbrecher zu werden.« – Ich erkannte die Gefahr, in der

ich schwebte. Zugleich mit den Worten, die ich aussprach, war ich zur Türe

gesprungen, und jetzt schrie ich wütend: »Adieu, Herr Vorsteher,« und drückte

mich mit wunderbarer Geschmeidigkeit zur Türe hinaus. Im Korridor blieb ich

stehen und lauschte am Schlüsselloch. Es blieb alles ganz mäuschenstill drinnen im Bureau. Ich ging ins Schulzimmer und vertiefte mich in die Lektüre des

Buches: »Was bezweckt die Knabenschule?«

 

Unser Unterricht besteht aus zwei Teilen, einem theoretischen und einem

praktischen Teil. Aber beide Abteilungen muten mich auch noch heute wie ein

Traum, wie ein sinnloses und zugleich sehr sinnreiches Märchen an.

Auswendiglernen, das ist eine unserer Hauptaufgaben. Ich lerne sehr leicht

auswendig, Kraus sehr schwer, daher ist er immer am Lernen. Die

Schwierigkeiten, die er zu überwinden hat, sind das Geheimnis seines Fleißes

und dessen Lösung. Er hat ein schwerfälliges Gedächtnis, und doch prägt er sich,

wenn auch mit vieler Mühe, alles fest ein. Das, was er weiß, ist dann in seinem

Kopf sozusagen in Metall graviert, und er kann es nicht wieder vergessen. Von

Verschwitzen oder dergleichen ist bei ihm keine Rede. Wo wenig gelehrt wird,

da paßt ein Kraus hin, demnach paßt er ins Institut Benjamenta vorzüglich. Einer

der Grundsätze unserer Schule lautet: »Wenig aber gründlich«. Nun, in diesem

Prinzip steckt Kraus fest, der einen etwas harten Schädel mit auf die Welt

bekommen hat. Wenig lernen! Immer wieder dasselbe! Nach und nach fange

auch ich an, zu begreifen, was für eine große Welt hinter diesen Worten

verborgen ist. Etwas sich in der Tat fest, fest einprägen, für immer! Ich sehe ein,

wie wichtig, vor allen Dingen, wie gut und wie würdig das ist. Der praktische

oder körperliche Teil unseres Unterrichtes ist eine Art fortwährend wiederholtes

Turnen oder Tanzen, ganz gleich, wie man das nennen will. Der Gruß, das

Eintreten in eine Stube, das Benehmen gegenüber Frauen oder ähnliches wird

geübt, und zwar sehr langfädig, oft langweilig, aber auch hier, wie ich jetzt

merke und empfinde, steckt ein tiefverborgener Sinn. Uns Zöglinge will man

bilden und formen, wie ich merke, nicht mit Wissenschaften vollpfropfen. Man

erzieht uns, indem man uns zwingt, die Beschaffenheit unserer eigenen Seele

und unseres eigenen Körpers genau kennen zu lernen. Man gibt uns deutlich zu

verstehen, daß allein schon der Zwang und die Entbehrungen bilden, und daß in

einer ganz einfachen, gleichsam dummen Übung mehr Segen und mehr

wahrhaftige Kenntnisse enthalten sind, als im Erlernen von vielerlei Begriffen

und Bedeutungen. Wir erfassen eines ums andere, und haben wir etwas erfaßt, so

besitzt es uns quasi. Nicht wir besitzen es, sondern im Gegenteil, was wir

scheinbar zu unserem Besitz gemacht haben, herrscht dann über uns. Uns prägt

man ein, daß es von wohltuender Wirkung ist, sich an ein festes, sicheres

Weniges anzupassen, d. h. sich an Gesetze und Gebote, die ein strenges Äußeres

vorschreibt, zu gewöhnen und zu schmiegen. Man will uns vielleicht

verdummen, jedenfalls will man uns klein machen. Aber man schüchtert uns durchaus nicht etwa ein. Wir Zöglinge wissen alle, der eine so gut wie der

andere, daß Schüchternheit strafbar ist. Wer stottert und Furcht zeigt, setzt sich

der Verachtung unseres Fräuleins aus, aber klein sollen wir sein und wissen

sollen wir es, genau wissen, daß wir nichts Großes sind. Das Gesetz, das

befiehlt, der Zwang, der nötigt, und die vielen unerbittlichen Vorschriften, die

uns die Richtung und den Geschmack angeben: das ist das Große, und nicht wir,

wir Eleven. Nun, das empfindet jeder, sogar ich, daß wir nur kleine, arme,

abhängige, zu einem fortwährenden Gehorsam verpflichtete Zwerge sind. So

benehmen wir uns auch: demütig, aber äußerst zuversichtlich. Wir sind alle ohne

Ausnahme ein wenig energisch, denn die Kleinheit und Not, in der wir uns

befinden, veranlassen uns, fest an die paar Errungenschaften, die wir gemacht

haben, zu glauben. Unser Glaube an uns ist unsere Bescheidenheit. Wenn wir an

nichts glauben würden, wüßten wir nicht, wie wenig wir sind. Immerhin, wir

kleinen jungen Menschen sind irgend etwas. Wir dürfen nicht ausschweifen,

nicht phantasieren, es ist uns verboten, weit zu blicken, und das stimmt uns

zufrieden und macht uns für jede rasche Arbeit brauchbar. Die Welt kennen wir

sehr schlecht, aber wir werden sie kennen lernen, denn wir werden dem Leben

und seinen Stürmen ausgesetzt sein. Die Schule Benjamenta ist das Vorzimmer

zu den Wohnräumen und Prunksälen des ausgedehnten Lebens. Hier lernen wir

Respekt empfinden und so tun, wie diejenigen tun müssen, die an irgend etwas

emporzublicken haben. Ich z. B. bin ein wenig erhaben über alles das, gut, um so

besser tun mir auch alle diese Eindrücke. Gerade ich habe nötig, Hochachtung

und zutraulichen Respekt vor den Gegenständen der Welt fühlen zu lernen, denn

wohin würde ich gelangen, wenn ich das Alter mißachten, Gott leugnen, Gesetze

bespotten und meine jugendliche Nase schon in alles Erhabene, Wichtige und

Große stecken dürfte? Meiner Ansicht nach krankt gerade hieran die

gegenwärtige junge Generation, die Zeter und Mordio schreit und nach Papa und

Mama miaut, wenn sie sich Pflichten und Geboten und Beschränkungen ein

wenig beugen soll. Nein, nein, hier sind Benjamentas meine lieben leuchtenden

Leitsterne, der Herr Bruder sowohl wie das Fräulein, seine Schwester. Ich werde

mein Lebenlang an sie denken.

 

Ich bin meinem Bruder Johann begegnet, und zwar im dichtesten

Menschengewimmel. Unser Wiedersehen hat sich sehr freundlich gestaltet. Es

war ungezwungen und herzlich. Johann hat sich sehr nett benommen, und ich

wahrscheinlich mich auch. Wir sind in ein kleines, verschwiegenes Restaurant

getreten und haben dort geplaudert. »Bleib' nur der, der du bist, Bruder,« sprach

Johann zu mir, »fange von tief unten an, das ist ausgezeichnet. Solltest du Hilfe brauchen – –« Ich machte eine leichte, verneinende Handbewegung. Er fuhr fort:

»Denn sieh', oben, da lohnt es sich kaum noch zu leben. Sozusagen nämlich.

Versteh' mich recht, lieber Bruder.« – Ich nickte lebhaft, denn es leuchtete mir

schon zum voraus ein, was er mir sagte, aber ich bat ihn, weiterzureden, und er

sprach: »Oben, da herrscht solch eine Luft. Nun, es herrscht eben eine

Atmosphäre des Genuggetanhabens, und das hemmt und engt ein. Ich hoffe, du

verstehst mich nicht ganz, denn wenn du mich verstündest, Bruder, dann wärest

du ja eigentlich gräßlich.« – Wir lachten. O, mit einem Bruder zusammen lachen

zu können, das ist sehr hübsch. Er sagte: »Du bist jetzt sozusagen eine Null,

bester Bruder. Aber wenn man jung ist, soll man auch eine Null sein, denn nichts

ist so verderblich wie das frühe, das allzufrühe Irgendetwasbedeuten. Gewiß: dir

bedeutest du etwas. Bravo. Vortrefflich. Aber der Welt bist du noch nichts, und

das ist fast ebenso vortrefflich. Immer hoffe ich, du verstehst mich nicht ganz,

denn wenn du mich vollkommen verstündest – –« »Wäre ich ja gräßlich,« fiel

ich ihm ins Wort. Wir lachten von neuem. Es war sehr lustig. Ein merkwürdiges

Feuer fing an, mich zu beseelen. Meine Augen brannten. Das liebe ich übrigens

sehr, wenn's mir so verbrannt zumut ist. Mein Kopf ist dann ganz rot. Und

Gedanken voll Reinheit und Hoheit pflegen mich dann zu bestürmen. Johann

fuhr fort, er sagte folgendes: »Bruder, bitte, unterbrich mich nicht immer. Dein

dummes junges Gelächter hat etwas Ideenerstickendes. Höre. Paß gut auf. Was

ich dir sage, kann dir vielleicht eines Tages von Nutzen sein. Vor allen Dingen:

komme dir nie verstoßen vor. Verstoßen, Bruder, das gibt es gar nicht, denn es

gibt vielleicht auf dieser Welt gar, gar nichts redlich Erstrebenswertes. Und doch

sollst du streben, leidenschaftlich sogar. Aber damit du nie allzu sehnsüchtig

bist: präge dir ein: nichts, nichts Erstrebenswertes gibt es. Es ist alles faul.

Verstehst du das? Sieh', ich hoffe immer, du könntest das alles nicht so recht

verstehen. Ich mache mir Sorgen.« – Ich sagte: »Leider bin ich zu intelligent, um

dich, wie du hoffst, mißverstehen zu können. Aber sei ohne Sorgen. Du

erschreckst mich durchaus nicht mit deinen Enthüllungen.« – Wir lächelten uns

an. Dann bestellten wir uns Neues zu trinken, und Johann, der übrigens sehr

elegant aussah, fuhr fort zu sprechen: »Es gibt ja allerdings einen sogenannten

Fortschritt auf Erden, aber das ist nur eine der vielen Lügen, die die

Geschäftemacher ausstreuen, damit sie um so frecher und schonungsloser Geld

aus der Menge herauspressen können. Die Masse, das ist der Sklave von heute,

und der Einzelne ist der Sklave des großartigen Massengedankens. Es gibt nichts

Schönes und Vortreffliches mehr. Du mußt dir das Schöne und Gute und

Rechtschaffene träumen. Sage mir, verstehst du zu träumen?« – Ich begnügte

mich, mit dem Kopf zweimal zu nicken und ließ Johann, indem ich gespannt

aufhorchte, fortreden: »Versuche es, fertig zu kriegen, viel, viel Geld zu erwerben. Am Geld ist noch nichts verpfuscht, sonst an allem. Alles, alles ist

verdorben, halbiert, der Zier und der Pracht beraubt. Unsere Städte

verschwinden unaufhaltsam vom Erdboden. Klötze nehmen den Raum ein, den

Wohnhäuser und Fürstenpaläste eingenommen haben. Das Klavier, lieber

Bruder, und das damit verbundene Klimpern! Konzert und Theater fallen von

Stufe zu Stufe, auf einen immer tieferen Standpunkt. Es gibt ja allerdings noch

so etwas wie eine tonangebende Gesellschaft, aber sie hat nicht mehr die

Fähigkeit, Töne der Würde und des Feinsinnes anzuschlagen. Es gibt Bücher – –

mit einem Wort, sei niemals verzagt. Bleib arm und verachtet, lieber Freund.

Auch den Geld-Gedanken schlage dir weg. Es ist das Schönste und

Triumphierendste, man ist ein ganz armer Teufel. Die Reichen, Jakob, sind sehr

unzufrieden und unglücklich. Die reichen Leute von heutzutage: sie haben nichts

mehr. Das sind die wahren Verhungerten.« – Ich nickte wieder. Es ist wahr, ich

sage sehr leicht ja zu allem. Übrigens gefiel mir und paßte mir, was Johann

sagte. Es war Stolz in dem, was er sprach, und Trauer. Nun, und dies beides,

Stolz und Trauer, ergibt immer einen guten Klang. Wieder bestellten wir Bier,

und mein Gegenüber sagte: »Du mußt hoffen und doch nichts hoffen. Schau

empor an etwas, ja gewiß, denn das ziemt dir, du bist jung, unverschämt jung,

Jakob, aber, gesteh' dir immer, daß du's verachtest, das, an dem du respektvoll

emporschaust. Du nickst schon wieder? Teufel, was bist du für ein

verständnisvoller Zuhörer. Du bist geradezu ein Baum, der voll Verständnis

behangen ist. Sei zufrieden, lieber Bruder, strebe, lerne, tu womöglich irgend

jemandem etwas Liebes und Gutes. Komm', ich muß gehen. Sag', wann treffen

wir uns wieder? Du interessierst mich, offen gesagt.« – Wir gingen, und draußen

auf der Straße nahmen wir Abschied voneinander. Lange schaute ich meinem

lieben Bruder nach. Ja, er ist mein Bruder. Wie freut mich das.

 

Mein Vater hat Wagen und Pferde und einen Diener, den alten Fehlmann.

Mama hat ihre eigene Theaterloge. Wie beneiden sie die Frauen der Stadt mit

den achtundzwanzigtausend Einwohnern darum. Mutter ist eine noch in den

vorgeschrittenen Jahren hübsche, ja schöne Frau. Ich erinnere mich an ein

hellblaues, enganschließendes Kleid, das sie einmal trug. Sie hielt den

zartweißen Sonnenschirm offen. Die Sonne schien. Es war prächtiges

Frühlingswetter. In den Straßen duftete es nach Veilchen. Die Menschen

promenierten, und unter dem Grün der Anlage-Bäume spielte die Stadtmusik

Promenadenkonzert. Wie süß und hell war alles. Ein Brunnen plätscherte, und

Kinder, hell angezogene, lachten und spielten. Und ein feiner liebkosender Wind

strich mit Düften, Sehnsucht nach Unsagbarem erweckend, umher. Aus den Fenstern der Neuquartierplatzhäuser schauten Leute. Mutter hatte lange

hellgelbe Handschuhe an den schmalen Händen und lieben Armen. Johann war

damals schon in der Fremde. Aber Vater war dabei. Nein, nie nehme ich je Hilfe

(Geld) von den zärtlich verehrten Eltern an. Mein verletzter Stolz würde mich

aufs Krankenlager werfen, und futsch wären die Träume von einer

selbsterrungenen Lebenslaufbahn, vernichtet für immer diese mir in der Brust

brennenden Selbsterziehungspläne. Das ist es ja: um mich quasi selbst zu

erziehen, oder mich auf eine künftige Selbsterziehung vorzubereiten, deshalb bin

ich Zögling dieses Institutes Benjamenta geworden, denn hier macht man sich

auf irgend etwas Schweres und Düster-Daherkommendes gefaßt. Und deshalb

schreibe ich ja auch nicht nach Hause, denn schon das Berichterstatten allein

würde mich an mir irre machen, würde mir den Plan, ganz von unten

anzufangen, vollkommen verleiden. Etwas Großes und Kühnes muß in aller

Verschwiegenheit und Stille geschehen, sonst verdirbt und verflaut es, und das

Feuer, das schon lebendig erwachte, stirbt wieder. Ich kenne meinen Geschmack,

das genügt. – Ach so, ja. Ganz recht. Von unserem alten Diener Fehlmann, der

noch lebt und dient, habe ich eine lustige Geschichte auf Lager. Die Sache ist

die: Fehlmann ließ sich eines Tages ein grobes Verfehlen zuschulden kommen

und sollte entlassen werden. »Fehlmann,« sagte Mama, »Sie können gehen. Wir

brauchen Sie nicht mehr.« – Da stürzte der arme Alte, der einen am Krebs

gestorbenen Jungen noch vor kurzer Zeit begraben hatte (lustig ist das nicht),

meiner Mutter zu Füßen und bat um Gnade, direkt um Gnade. Der arme Teufel,

er hatte Tränen in den alten Augen. Mama verzeiht ihm, ich erzähle den Auftritt

andern Tags meinen Kameraden, den Brüdern Weibel, und die lachen mich

fürchterlich aus und verachten mich. Sie entziehen mir ihre Freundschaft, weil

es, wie sie meinen, in unserem Haus zu royalistisch zugeht. Das Zu-Füßen-fallen

finden sie verdächtig, und sie gehen hin und verleumden mich und Mama in der

abgeschmacktesten Weise. Wie echte Buben, ja, aber auch wie echte kleine

Republikaner, denen das Waltenlassen persönlicher und herrschaftlicher Gnade

oder Ungnade ein Greuel und ein Gegenstand des Abscheus ist. Wie kommt mir

das jetzt komisch vor. Und doch, wie bezeichnend ist dieser kleine Vorfall für

den Lauf der Zeiten. So wie die Buben Weibel, so urteilt heute eine ganze Welt.

Ja, so ist es: man duldet nichts Herren- oder Damenhaftes mehr. Es gibt keine

Herren mehr, die machen können, was sie wollen, und es gibt längst keine

Herrinnen mehr. Soll ich darüber traurig sein? Fällt mir nicht ein. Bin ich

verantwortlich für den Geist des Zeitalters? Ich nehme die Zeit, wie sie ist, und

behalte mir nur vor, im stillen meine Beobachtungen zu machen. Der gute

Fehlmann: ihm, ihm ist noch auf altväterliche Art verziehen worden. Tränen der

Treue und Anhänglichkeit, wie schön ist das. –

Von drei Uhr nachmittags an sind wir Eleven fast ganz uns selbst überlassen.

Niemand kümmert sich mehr um uns. Vorstehers sind in den innern Räumen

verborgen, und im Schulzimmer herrscht Öde, eine Öde, die einen beinahe krank

macht. Lärm soll nicht vorkommen. Es darf nur gehuscht und geschlichen und

nur im Flüstertone gesprochen werden. Schilinski schaut sich im Spiegel,

Schacht schaut zum Fenster hinaus, oder er gestikuliert mit dem

Küchenmädchen von gegenüber, und Kraus lernt auswendig, indem er Lektionen

vor sich hinmurmelt. Eine Grabesstille herrscht überall. Der Hof liegt verlassen

da wie eine viereckige Ewigkeit, und ich stehe meist aufrecht und übe mich, auf

einem Bein zu stehen. Oft halte ich zur Abwechslung den Atem lang an. Auch

eine Übung, und es soll sogar, wie mir einmal ein Arzt sagte, eine

gesundheitfördernde sein. Oder ich schreibe. Oder ich schließe die unmüden

Augen, um nichts mehr zu sehen. Die Augen vermitteln Gedanken, und daher

schließe ich sie von Zeit zu Zeit, um nichts denken zu müssen. Wenn man so da

ist und nichts tut, spürt man plötzlich, wie penibel das Dasein sein kann.

Nichtstun und dennoch Haltung beobachten, das fordert Energie, der Schaffende

hat es leicht dagegen. Wir Zöglinge sind Meister in dieser Art Anstand. Sonst

fangen die Nichtstuer aus Langeweile etwa an, ein wenig zu flegeln, zu

strampeln, hochaufzugähnen oder zu seufzen. Das tun wir Eleven nicht. Wir

pressen die Lippen fest und sind unbeweglich. Über unsern Köpfen schweben

immer die mürrischen Vorschriften. Manchmal, wenn wir so dasitzen oder

dastehen, geht die Türe auf, und das Fräulein geht langsam, uns sonderbar

anschauend, durchs Schulzimmer. Wie ein Geist mutet sie mich dann an. Es ist,

als wenn da jemand von weit, weit her käme. »Was macht ihr, Knaben?« fragt

sie dann etwa, wartet aber gar keine Antwort ab, sondern geht weiter. Wie schön

sie ist. Welch eine üppige Fülle von tiefschwarzen Haaren. Meist sieht man sie

gesenkten Auges. Sie hat Augen, die sich zum Niederschlagen herrlich eignen.

Ihre Augendeckel (o, ich beobachte das alles scharf) sind üppig gewölbt und der

raschen Bewegung wundersam fähig. Diese Augen! Sieht man sie einmal, so

blickt man in etwas Abgrund-Banges und Tiefes hinein. Diese Augen scheinen

in ihrer glänzenden Schwärze nichts und zugleich alles Unsagbare zu sagen, so

bekannt und so unbekannt zugleich muten sie an. Die Augenbrauen sind bis zum

Zerreißen dünn und rund darüber gezeichnet und gezogen. Wer sie betrachtet,

fühlt Stiche. Sie sind wie Mondsicheln an einem krankhaft blassen

Abendhimmel, wie feine, aber um so stechendere Wunden, innerlich

schneidende. Und ihre Wangen! Das stille Sehnen und Zagen scheint Feste

darauf zu feiern. Unverstandene Zartheit und Zärtlichkeit weint darauf auf und

nieder. Zuweilen erscheint auf dem schimmernden Schnee dieser Wangen ein

leises bittendes Rot, ein rötliches, schüchternes Leben, eine Sonne, doch nein, nur der schwache Abglanz einer solchen. Dann ist es, als lächelten plötzlich die

Wangen, oder als fieberten sie ein wenig. Wenn man Fräulein Benjamentas

Wangen ansieht, vergeht einem die Lust, weiterzuleben, denn dann hat man das

Gefühl, als müsse das Leben ein Höllengewimmel voller schnöder Roheiten

sein. Etwas so Zartes läßt in etwas so Schweres und Bedrohliches fast

gebieterisch blicken. Und ihre Zähne, die man hervorschimmern sieht, wenn der

üppig-gütige Mund lächelt. Und wenn sie weint. Die Erde, meint man, müsse

aus den Punkten ihres Halts herabstürzen, aus Scham und aus Weh, sie weinen

zu sehen. Und wenn man sie erst weinen – – hört? O, dann vergeht man. Neulich

hörten wir es, mitten in der Schulstunde. Wir alle haben gezittert wie Espenlaub.

Ja, wir alle, wir lieben sie. Sie ist unsere Lehrerin, unser höheres Wesen. Und sie

leidet an etwas, das ist klar. Ist sie krank?

 

Fräulein Benjamenta hat mit mir ein paar Worte gesprochen, in der Küche.

Ich wollte gerade in die Kammer hineingehen, da fragte sie mich, ohne mich im

übrigen eines Blicks zu würdigen: »Wie geht es dir, Jakob? Geht es dir gut?« Ich

nahm sogleich Achtungstellung an, wie es sich schickt, und sagte im Ton der

Unterwürfigkeit: »O ganz gewiß, gnädiges Fräulein. Mir kann es nicht anders als

gut gehen.« – Sie lächelte schwach und fragte: »Wie meinst du das?« – So über

die Schulter fragte sie das. Ich antwortete: »Es fehlt mir an nichts.« – Sie blickte

mich kurz an und schwieg. Nach einer Weile sagte sie: »Du kannst gehen, Jakob.

Du bist frei. Du brauchst nicht dazustehen.« – Ich erwies ihr die vorgeschriebene

Ehre, indem ich mich verneigte, und drückte mich in die Kammer. Es vergingen

keine fünf Minuten, so wurde geklopft. Ich stürzte an die Türe. Ich kannte das

Klopfen. Sie stand vor mir. »Du, Jakob,« fragte sie, »sage einmal, wie verträgst

du dich mit den Kameraden? Nicht wahr, es sind nette Menschen?« – Ich gab zur

Antwort, daß sie mir alle, ohne Ausnahme, liebens- und achtenswert vorkämen.

Die Lehrerin blinzelte mich mit den schönen Augen listig an und machte: »Na,

na. Und mit Kraus zankst du dich doch. Ist Zanken bei dir das Zeichen der Liebe

und Achtung?« – Ich erwiderte ohne Zaudern: »In gewissem Sinne ja, Fräulein.

Übrigens ist dieses Zanken nicht gar so ernst gemeint. Wenn Kraus Scharfsinn

besäße, würde er merken, daß ich ihn sogar allen andern vorziehe. Ich achte

Kraus sehr, sehr. Es würde mich schmerzen, wenn Sie mir das nicht glaubten.« –

Sie erfaßte meine Hand und drückte sie leicht und sagte: »Beruhige dich nur.

Sieh' einmal, wie du in Hitze kommst. Du Hitzkopf. Wenn es so ist, wie du sagst,

so muß ich ja wohl zufrieden mit dir sein. Ich bin es auch, wenn du fortfährst,

artig zu sein. Ja, das merke dir: Kraus ist ein prachtvoller Junge, und du kränkst

mich, wenn du Kraus unartig begegnest. Sei nett zu ihm. Ganz ausdrücklich wünsche ich das. Aber sei nicht traurig. Sieh' doch, ich mache dir ja keine

Vorwürfe. Welch ein verzogener, verwöhnter Aristokratensohn! Kraus ist ein so

guter Mensch. Nicht wahr, Kraus ist ein guter Mensch, Jakob?« – Ich sagte:

»Ja.« Nichts weiter als ja, und dann mußte ich plötzlich ziemlich dumm lachen,

ich wußte gar nicht warum. Sie schüttelte den Kopf und ging. Warum ich nur

habe lachen müssen? Noch jetzt weiß ich es nicht. Aber die Sache ist ja auch viel

zu unbedeutend. Wann werde ich zu Geld gelangen? Diese Frage scheint mir

bedeutsam. Das Geld besitzt in meinen Augen gegenwärtig einen vollkommen

idealen Wert. Wenn ich mir den Klang eines Goldstückes vorstelle, werde ich

beinahe rasend. Ich habe zu essen: Pfui. Ich möchte reich sein und den Kopf

zerschmettert haben. Ich mag bald überhaupt nichts mehr essen.

 

Wenn ich reich wäre, würde ich keineswegs um die Erde reisen. Zwar, das

wäre ja gar nicht so übel. Aber ich sehe nichts Berauschendes dahinter, das

Fremde flüchtig kennen zu lernen. Im allgemeinen würde ich es verschmähen,

mich, wie man so sagt, weiter auszubilden. Mich würde eher die Tiefe, die Seele,

als die Ferne und Weite locken. Das Naheliegende zu untersuchen würde mich

reizen. Ich kaufte mir auch gar nichts. Ich würde mir keinen Besitz anschaffen.

Elegante Kleider, feine Wäsche, einen Zylinder, bescheidene goldene

Manschettenknöpfe, lange Lackschuhe, das wäre ungefähr alles, damit würde ich

losziehen. Kein Haus, keinen Garten, keinen Diener, doch, ja, einen Diener,

einen würdevollen braven Kraus würde ich mir engagieren. Und nun könnte es

losgehen. Da würde ich im dampfenden Nebel auf die Straße gehen. Der Winter

mit seiner melancholischen Kälte würde vorzüglich zu meinen Goldstücken

passen. Die Banknoten trüge ich in der einfachen Brieftasche. Zu Fuß ginge ich

einher, ganz wie gewöhnlich, in der unbewußt-geheimen Absicht, es mich nicht

so sehr merken zu lassen, wie fürstlich reich ich wäre. Vielleicht würde es auch

schneien. Mir egal, im Gegenteil, mir sehr recht. Weicher Schneefall zwischen

den abendlich leuchtenden Laternen. Das würde glitzern, reizend. Nie im Leben

würde es mir einfallen, in eine Droschke zu steigen. Das tun Leute, die es

entweder eilig haben oder nobel tun wollen. Ich aber würde weiter gar nicht

nobel tun wollen, und eilig hätte ich es schon ganz und gar nicht. Gedanken

würden mir kommen, indem ich so ginge. Plötzlich würde ich irgend jemanden

grüßen, sehr höflich, und siehe, es wäre ein Mann. Ganz artig würde ich nun den

Mann anschauen, und da würde ich sehen, daß es ihm schlecht geht. Merken

würde ich das, nicht sehen, so etwas merkt man, man sähe es kaum, aber an

irgend etwas sähe man es. Nun, und dieser Mann würde mich fragen, was ich

will, und es läge Bildung in der Frage. Diese Frage wäre ganz sanft und einfach gestellt worden, und das würde mich erschüttern. Denn ich wäre ja auf etwas

Barsches durchaus gefaßt gewesen. »Etwas Tief-Wundes muß der Mann haben,«

würde ich mir sogleich sagen, »sonst wäre er ärgerlich geworden.« – Und dann

würde ich gar nichts, absolut nichts sagen, sondern ich begnügte mich, ihn mehr

und mehr anzuschauen. Nicht scharf, o nein, ganz einfach, vielleicht sogar ein

wenig fröhlich. Und nun wüßte ich, wer er wäre. Ich öffnete meine Brieftasche,

entnähme ihr glatt zehntausend Mark in zehn einzelnen Noten und gäbe diese

Summe dem Mann. Darauf würde ich den Hut ebenso artig wie vorhin lüften,

gute Nacht sagen und gehen. Und es würde fortfahren zu schneien. Im Gehen

würde ich gar nichts mehr denken, ich könnte nicht, es wäre mir viel zu wohl zu

so etwas. Einem eklig darbenden Künstler, das wüßte ich ganz bestimmt, hätte

ich's gegeben, das Geld. Ja, das wüßte ich, denn ich würde mich nicht haben

täuschen können. O, eine große, eine heiße, eine aufrichtige Sorge würde es

weniger in der Welt geben. Nun, und in der folgenden Nacht würde ich vielleicht

auf ganz andere Einfälle kommen. Jedenfalls reiste ich nicht um die Erde,

sondern ich beginge lieber irgend welche Tollheiten und Torheiten. So z. B.

könnte ich ja auch ein wahnsinnig reiches und lustbeladenes Gastmahl geben

und Orgien niegesehener Art veranstalten. Ich wollte es mich Hunderttausend

kosten lassen. Ganz bestimmt müßte das Geld auf sinnverwirrende Art und

Weise verbraucht werden, denn nur das echt vertane Geld wäre ein schönes Geld

– – gewesen. Und eines Tages würde ich betteln, und da schiene die Sonne, und

ich wäre so froh, über was, das würde ich gar nicht zu wissen begehren. Und da

käme Mama und fiele mir um den Hals – –. Nette Träumereien sind das!

 

Kraus hat etwas Altes in Gesicht und Wesen, und dieses Alte, das er

ausstrahlt, führt den, der ihn anschaut, nach Palästina. Abrahams Zeiten werden

auf dem Antlitz meines Mitschülers wieder lebendig. Das alte patriarchalische

Zeitalter mit seinen mysteriösen Sitten und Landschaftsgegenden taucht hervor

und schaut einen väterlich an. Es ist mir, als wenn es damals lauter Väter mit

steinalten Gesichtern und langen braunen, verwickelten Bärten gegeben hätte,

was ja natürlich nur Unsinn ist, und doch ist vielleicht etwas, das Tatsachen

entspricht, an dieser sonst ganz einfältigen Empfindung. Ja, damals! Schon

dieses Wort: damals: wie elterlich und häuslich mutet es an. Zu den alt-

israelitischen Zeiten durfte es ruhig noch hin und wieder einen Papa Isaak oder

Abraham geben, er genoß eben Achtung und lebte seine alten Tage in einem

natürlichen Reichtum, der in Länderbesitz bestand, dahin. Damals wob um das

graue Alter etwas wie Majestät. Greise waren damals wie Könige, und die

gelebten Jahre bedeuteten dasselbe wie ebensoviele erworbene Hoheitsrechte. Und wie jung diese Alten blieben. Sie schufen noch mit hundert Jahren Söhne

und Töchter. Damals gab es noch keine Zahnärzte, und darum muß man

annehmen, daß es damals überhaupt keine verdorbenen Zähne gab. Und wie

schön ist z. B. Joseph in Ägypten. Kraus hat etwas von Joseph in Potiphars

Haus. Da ist er als jugendlicher Sklave verkauft worden, und siehe, man bringt

ihn zu einem schwerreichen, redlichen und feinen Mann. Da ist er nun

Haussklave, aber er hat es ganz schön. Die Gesetze waren damals vielleicht

unhuman, gewiß, aber die Sitten und Gebräuche und Anschauungen waren dafür

um so zarter und feiner. Heute hätte es ein Sklave viel schlechter, Gott behüte!

Übrigens gibt es sehr, sehr viele Sklaven mitten unter uns modernen, hochmütig-

fix und fertigen Menschen. Vielleicht sind wir heutigen Menschen alle so etwas

wie Sklaven, beherrscht von einem ärgerlichen, peitscheschwingenden, unfeinen

Weltgedanken. – Gut, und da verlangt nun eines Tages die Herrin des Hauses

von Joseph, er solle ihr willig sein. Wie merkwürdig, daß man solche uralten

Treppen- und Türensachen heute genau noch weiß, daß es in alle Zeiten, von

Mund zu Mund, fortlebt. In allen Primarschulen wird die Geschichte gelehrt, und

da will man an den Pedanten etwas aussetzen? Ich verachte die Leute, die die

schöne Pedanterie unterschätzen, das sind durchaus geistlose,

urteilsschwächliche Menschen. Schön, und da weigert sich Kraus, wollte sagen

Joseph. Aber es könnte ganz gut Kraus sein, denn er hat so etwas Joseph-in-

Ägypten-haftes. »Nein, gnädige Frau, so etwas tu' ich nicht. Ich bin meinem

Herrn Treue schuldig.« – Da geht nun die übrigens reizende Frau und verklagt

den jungen Diener, er habe eine Schnödigkeit begangen und habe seine

Gebieterin zu einem Fehltritt verführen wollen. Aber weiter weiß ich nichts.

Merkwürdig, ich weiß nicht, was jetzt Potiphar sagte und machte. Den Nil sehe

ich aber immer ganz deutlich. Ja, Kraus könnte so gut Joseph sein wie nur irgend

etwas. Haltung, Gestalt, Gesicht, Frisur und Gebärde passen unvergleichlich.

Sogar seine leider Gottes immer noch nicht geheilte Hautauszeichnung. Pickel

sind etwas Biblisches, Orientalisches. Und die Moral, der Charakter, der feste

Besitz keuscher Jünglingstugenden? Wundervoll paßt das. Joseph in Ägypten

muß auch ein kleiner, sattelfester Pedant gewesen sein, sonst würde er der

lüsternen Frau gehorcht und seinem Herrn die Treue gebrochen haben. Kraus

würde genau wie sein altägyptisches Ebenbild handeln. Die Hände würde er

beschwörend hochheben und mit halb flehender, halb strafender Miene sagen:

»Nein, nein, das tue ich nicht« usw.

 

Der liebe Kraus. Immer zieht es mich in Gedanken wieder nach ihm hin. An

ihm sieht man so recht, was das Wort Bildung eigentlich bedeutet. Kraus wird später im Leben, wohin er auch kommen wird, immer als brauchbarer, aber als

ungebildeter Mensch angesehen werden, für mich aber ist gerade er durchaus

gebildet, und zwar hauptsächlich deshalb, weil er ein festes, gutes Ganzes

darstellt. Man kann gerade ihn eine menschliche Bildung nennen. Das flattert um

Kraus herum nicht von geflügelten und lispelnden Kenntnissen, dafür ruht etwas

in ihm, und er, er ruht und beruht auf etwas. Man kann sich mit der Seele selber

auf ihn verlassen. Er wird nie jemanden hintergehen oder verleumden, nun, das

vor allen Dingen, dieses Nicht-Schwatzhafte, nenne ich Bildung. Wer schwatzt,

ist ein Betrüger, er kann ein ganz netter Mensch sein, aber seine Schwäche, alles,

was er gerade denkt, so herauszuschwatzen, macht ihn zum gemeinen und

schlechten Gesellen. Kraus bewahrt sich, er behält immer etwas für sich, er

glaubt, es nicht nötig zu haben, so drauf los zu reden, und das wirkt wie Güte

und lebhaftes Schonen. Das nenne ich Bildung. Kraus ist unliebenswürdig und

oft ziemlich grob gegen Menschen seines Alters und seines Geschlechtes, und

gerade deshalb mag ich ihn so gern, denn das beweist mir, daß er sich auf den

brutalen und gedankenlosen Verrat nicht versteht. Er ist treu und anständig gegen

alle. Denn das ist es ja: aus gemeiner Liebenswürdigkeit pflegt man meist

hinzugehen und Ruf und Leben seines Nachbarn, seines Kameraden, ja seines

Bruders auf die entsetzlichste Weise zu schänden. Kraus kennt wenig, aber er ist

nie, nie gedankenlos, er unterwirft sich immer gewissen selbstgestellten

Geboten, und das nenne ich Bildung. Was an einem Menschen liebevoll und

gedankenvoll ist, das ist Bildung. Und dann ist ja noch so vieles. So von aller

und jeder, auch der kleinsten Selbstsucht entfernt, dagegen aber der Selbstzucht

so nah zu sein, wie Kraus, das ist es, wie ich denke, was Fräulein Benjamenta

veranlaßt hat zu sagen: »Nicht wahr, Jakob, Kraus ist gut?« – Ja, er ist gut. Wenn

ich diesen Kameraden verliere, gehen mir Himmelreiche verloren, ich weiß es.

Und ich fürchte mich jetzt fast, ferner mit Kraus in ausgelassener Weise zu

zanken. Ich möchte ihn nur noch anschauen, immer, immer anschauen, denn ich

werde mich ja später mit seinem Bild begnügen müssen, da uns beide ja doch

das gewaltsame Leben trennen wird.

 

Ich verstehe jetzt auch, warum Kraus keine äußern Vorzüge, keine

körperlichen Zierlichkeiten besitzt, warum ihn die Natur so zwerghaft zerdrückt

und verunstaltet hat. Sie will irgend etwas mit ihm, sie hat etwas mit ihm vor,

oder sie hat von Anfang an etwas mit ihm vorgehabt. Dieser Mensch ist der

Natur vielleicht zu rein gewesen, und deshalb hat sie ihn in einen

unansehnlichen, geringen, unschönen Körper geworfen, um ihn vor den

verderblichen äußern Erfolgen zu bewahren. Vielleicht ist es auch anders gewesen, und die Natur ist ärgerlich und boshaft gewesen, als sie Kraus schuf.

Aber wie leid muß es ihr jetzt tun, ihn stiefmütterlich behandelt zu haben. Und

wer weiß. Vielleicht freut sie sich des anmutlosen Meisterwerkes, das sie

hervorgebracht hat, und wirklich, sie hätte Ursache, sich zu freuen, denn dieser

ungraziöse Kraus ist schöner als die graziösesten und schönsten Menschen. Er

glänzt nicht mit Gaben, aber mit dem Schimmer eines guten und unverdorbenen

Herzens, und seine schlechten, schlichten Manieren sind vielleicht trotz alles

Hölzernen, das ihnen anhaftet, das Schönste, was es an Bewegung und Manier in

der menschlichen Gesellschaft geben kann. Nein, Erfolg wird Kraus nie haben,

weder bei den Frauen, die ihn trocken und häßlich finden werden, noch sonst im

Weltleben, das an ihm achtlos vorübergehen wird. Achtlos? Ja, man wird Kraus

nie achten, und gerade das, daß er, ohne Achtung zu genießen, dahinleben wird,

das ist ja das Wundervolle und Planvolle, das An-den-Schöpfer-Mahnende. Gott

gibt der Welt einen Kraus, um ihr gleichsam ein tiefes unauflösbares Rätsel

aufzugeben. Nun, und das Rätsel wird nie begriffen werden, denn siehe: man

gibt sich ja gar nicht einmal Mühe, es zu lösen, und gerade deshalb ist dieses

Kraus-Rätsel ein so Herrliches und Tiefes: weil niemand begehrt, es zu lösen,

weil überhaupt gar kein lebendiger Mensch hinter diesem namenlos

unscheinbaren Kraus irgend eine Aufgabe, irgend ein Rätsel oder eine zartere

Bedeutung vermuten wird. Kraus ist ein echtes Gott-Werk, ein Nichts, ein

Diener. Ungebildet, gut genug gerade, die sauerste Arbeit zu verrichten, wird er

jedermann vorkommen, und sonderbar: darin, nämlich in diesem Urteil, wird

man sich auch nicht irren, sondern man wird durchaus recht haben, denn es ist ja

wahr: Kraus, die Bescheidenheit selber, die Krone, der Palast der Demut, er will

ja geringe Arbeiten verrichten, er kann's und er will's. Er hat nichts anderes im

Sinn, als zu helfen, zu gehorchen und zu dienen, und das wird man gleich

merken und wird ihn ausnutzen, und darin, daß man ihn ausnutzt, liegt eine so

strahlende, von Güte und Helligkeit schimmernde, goldene, göttliche

Gerechtigkeit. Ja, Kraus ist ein Bild rechtlichen, ganz, ganz eintönigen,

einsilbigen und eindeutigen Wesens. Niemand wird die Schlichtheit dieses

Menschen verkennen, und deshalb wird ihn auch niemand achten, und er wird

durchaus erfolglos bleiben. Reizend, reizend, dreimal reizend finde ich das. O,

was Gott schafft, ist so gnädig, so reizvoll, mit Reizen und Gedanken über und

über behangen. Man wird denken, das sei sehr überspannt gesprochen. Nun, das

ist, ich muß es gestehen, noch lange nicht das Überspannteste. Nein, kein Erfolg,

kein Ruhm, keine Liebe werden Kraus je blühen, das ist sehr gut, denn die

Erfolge haben nur die Zerfahrenheit und einige billige Weltanschauungen zur

unabstreifbaren Begleitschaft. Man spürt es sofort, wenn Menschen Erfolge und

Anerkennung aufzuweisen haben, sie werden quasi dick von sättigender Selbstzufriedenheit, und ballonhaft bläst sie die Kraft der Eitelkeit auf, zum

Niewiedererkennen. Gott behüte einen braven Menschen vor der Anerkennung

der Menge. Macht es ihn nicht schlecht, so verwirrt und entkräftet es ihn bloß.

Dank, ja. Dank ist etwas ganz Anderes. Doch einem Kraus wird man nicht

einmal danken, und auch das ist durchaus nicht nötig. Alle zehn Jahre wird

jemand vielleicht einmal zu Kraus sagen: »Danke, Kraus«, und dann wird er

ganz dumm, gräßlich dumm lächeln. Verliederlichen wird mein Kraus nie, denn

es werden sich ihm immer große, lieblose Schwierigkeiten entgegenstellen. Ich

glaube, ich, ich bin einer der ganz wenigen, vielleicht der einzige, oder vielleicht

sind es zwei oder drei Menschen, die wissen werden, was sie an Kraus besitzen

oder besessen haben. Das Fräulein, ja, die weiß es. Auch Herr Vorsteher

vielleicht. Ja ganz gewiß. Herr Benjamenta ist gewiß tiefblickend genug, um

wissen zu können, was Kraus wert ist. Ich muß aufhören, heute, mit Schreiben.

Es reißt mich zu sehr hin. Ich verwildere. Und die Buchstaben flimmern und

tanzen mir vor den Augen.

 

Hinter unserm Haus liegt ein alter, verwahrloster Garten. Wenn ich ihn

morgens früh vom Bureaufenster aus sehe (ich muß mit Kraus zusammen jeden

zweiten Morgen aufräumen), tut er mir leid, daß er so unbesorgt daliegen muß,

und ich hätte jedesmal Lust, hinunterzugehen und ihn zu pflegen. Das sind

übrigens Sentimentalitäten. Mag der Teufel die irreführenden Weichseligkeiten

holen. Es gibt bei uns im Institut Benjamenta noch ganz andere Gärten. In den

wirklichen Garten zu gehen, ist verboten. Kein Zögling darf ihn betreten, warum

eigentlich, weiß ich nicht. Aber wie gesagt, wir haben einen andern, vielleicht

schöneren Garten als der tatsächliche ist. In unserem Lehrbuch: »Was bezweckt

die Knabenschule« heißt es auf Seite acht: »Das gute Betragen ist ein blühender

Garten.« – Also in solchen, in geistigen und empfindlichen Gärten, dürfen wir

Schüler herumspringen. Nicht übel. Führt sich einer von uns schlecht auf, so

wandelt er wie von selber in einer garstigen, finstern Hölle. Hält er sich aber

brav, so geht er unwillkürlich zum Lohn zwischen schattigem, sonnenbetupftem

Grün spazieren. Wie verführerisch! Und es liegt meiner armseligen

Knabenmeinung nach etwas Wahres in dem netten Lehrsatz. Benimmt sich einer

dumm, so muß er sich schämen und ärgern, und das ist die peinliche Hölle, in

welcher er schwitzt. Ist er dagegen aufmerksam gewesen und hat er sich

geschmeidig benommen, so nimmt ihn jemand Unsichtbares an der Hand, etwas

Trauliches, Genienhaftes, und das ist der Garten, die gute Fügung, und er

lustwandelt nun unwillkürlich in traulichen, grünlichen Gefilden. Darf ein

Schüler des Institutes Benjamenta zufrieden mit sich sein, was selten vorkommt, da es bei uns von Vorschriften hagelt, blitzt, schneit und regnet, so duftet es um

ihn herum, und das ist der süße Duft des bescheidenen, aber wacker erkämpften

Lobes. Lobt Fräulein Benjamenta, dann duftet es, und rügt sie, dann wird es im

Schulzimmer finster. Welch eine sonderbare Welt: unsere Schule. Ist ein Zögling

artig und schicklich gewesen, so wölbt sich plötzlich über seinem Kopf irgend

etwas, und das ist der blaue, unersetzliche Himmel über dem eingebildeten

Garten. Sind wir Eleven recht geduldig gewesen, und haben wir uns in der

Anstrengung recht brav aufrecht gehalten, haben wir, was man warten und

ausharren nennt, können, dann goldet es mit einem Mal vor unsern etwas

ermüdeten Augen, und dann wissen wir, daß es die himmlische Sonne ist. Dem,

der sich aufrichtig und berechtigt müde fühlt, scheint die Sonne. Und haben wir

uns auf keinen unlauteren Wünschen zu ertappen brauchen, was immer so

unglücklich macht, so horchen wir: ei, was ist das? Da singen ja Vögel! Nun,

dann sind es eben die glücklichen, schönbefiederten kleinen Sänger unseres

Gartens gewesen, die da gesungen und anmutig gelärmt haben. Jetzt sage man

selber: Brauchen wir Zöglinge des Institutes Benjamenta noch sonstige Gärten,

als die, die wir uns selbst schaffen? Wir sind reiche Herren, wenn wir uns

zierlich und anständig aufführen. Wenn z. B. ich wünsche, Geld zu besitzen, was

leider nur allzu oft vorkommt, dann sinke ich in die tiefen Schlünde des

hoffnungslosen, wütenden Begehrens, o, dann leide und schmachte ich, und ich

muß am Erretten zweifeln. Und blicke ich dann Kraus an, dann erfaßt mich ein

tiefes, murmelndes, quellenhaftes, wundervolles Behagen. Das ist der friedliche

Bescheidenheitsquell, der in unserem Garten auf und nieder plätschert, und ich

bin dann so glücklich, so gut aufgelegt, so gestimmt auf das Gute. Ah, und ich

sollte Kraus nicht lieben? Ist einer von uns, d. h. wäre einer von uns ein Held

gewesen, hätte er etwas Mutiges mit Gefahr seines Lebens vollbracht (so heißt

es im Lehrbuch), so würde er in das marmorne, mit Wandmalereien geschmückte

Säulenhaus treten dürfen, das im Grün unseres Gartens heimlich verborgen liegt,

und dort würde ihn ein Mund küssen. Was für ein Mund, das steht nicht im

Lehrbuch. Und wir sind ja doch keine Helden. Wozu auch! Erstens fehlt uns die

Gelegenheit, uns heroisch zu benehmen, und zweitens, ich weiß nicht recht, ob

z. B. Schilinski oder der lange Peter für Aufopferungen zu haben wären. Unser

Garten ist auch ohne Küsse, Helden und Säulenpavillons eine hübsche

Einrichtung, glaube ich. Mich friert es, wenn ich von Helden rede. Da schweige

ich lieber.

 

Ich fragte Kraus neulich, ob er nicht auch von Zeit zu Zeit etwas wie

Langeweile empfinde. Er schaute mich vorwurfsvoll mit zurechtweisenden Augen an, überlegte ein wenig und sagte: »Langeweile? Du bist wohl nicht ganz

gescheit, Jakob. Und erlaube mir, dir zu sagen, daß du ebenso naive wie

sündhafte Fragen stellst. Wer wird sich in der Welt langweilen? Vielleicht du. Ich

nicht, das sage ich dir. Ich lerne hier aus dem Buch auswendig. Nun? Habe ich

da Zeit, mich zu langweilen? Welch törichte Fragen. Noble Leute langweilen

sich vielleicht, nicht Kraus, und du langweilst dich, sonst würdest du gar nicht

auf den Gedanken kommen, und würdest gar nicht hierher zu mir kommen, so

etwas zu fragen. Man kann immer, wenn nicht nach außen, so doch wenigstens

nach innen, ein wenig tätig sein, man kann murmeln, Jakob. Gewiß wolltest du

mich schon oft auslachen wegen meines Murmelns, aber, höre und sage mir,

weißt du denn, was ich murmle? Worte, lieber Jakob. Ich murmle und

wiederhole immer Worte. Das ist gesund, kann ich dir sagen. Verschwinde mit

deiner Langeweile. Langeweile gibt es bei Menschen, die da immer gewärtigen,

es solle von außen her etwas Aufmunterndes auf sie zutreten. Wo üble Laune,

wo Sehnsucht ist, da ist Langeweile. Geh' nur, belästige mich nicht, laß mich

lernen, geh' du an irgend ein Stück Aufgabe. Plag' dich an etwas, dann langweilst

du dich gewiß nicht mehr. Und bitte, vermeide in Zukunft solcherlei einen fast

aus aller Fassung bringende, über und über dumme Fragen.« – Ich fragte: »Hast

du jetzt ausgeredet, Kraus?« und lachte. Doch er blickte mich nur ganz mitleidig

an. Nein, Kraus kann sich nie, nie langweilen. Ich wußte das ja zur Genüge, ich

habe ihn nur wieder einmal reizen wollen. Wie unschön ist das von mir, und wie

leer. Ich muß mich entschieden bessern. Wie schlecht das ist, Kraus immer äffen

und ärgern zu wollen. Und doch: wie reizend. Seine Vorwürfe klingen so lustig.

Es ist etwas so Vater-Abraham-mäßiges in seinen Ermahnungen.

 

Was hat mir doch vor ein paar Tagen Furchtbares geträumt. Ich war im

Traum ein ganz schlechter, schlechter Mensch geworden, wodurch, das wollte

sich mir nicht offenbaren. Roh war ich vom Wirbel bis zur Sohle, ein

aufgedonnertes, unbeholfenes, grausames Stück Menschenfleisch. Ich war dick,

es ging mir scheinbar ganz glänzend. Ringe blitzten an den Fingern meiner

unförmigen Hände, und ich besaß einen Bauch, an dem zentnerschwere,

fleischige Würde nachlässig herabhing. Ich fühlte so recht, daß ich befehlen und

Launen losschießen durfte. Neben mir, auf einem reichbesetzten Tisch, prangten

die Gegenstände einer nicht zu befriedigenden Eß- und Trinkbegierde, Wein-

und Likörflaschen, und die auserlesensten kalten Gerichte. Ich konnte nur

zulangen, und das tat ich von Zeit zu Zeit. An den Messern und Gabeln klebten

die Tränen zugrunde gerichteter Gegner, und mit den Gläsern klangen die

Seufzer vieler armer Leute, aber die Tränenspuren reizten mich nur zum Lachen, während mir die hoffnungslosen Seufzer wie Musik ertönten. Ich brauchte

Tafelmusik und ich hatte sie. Anscheinend hatte ich sehr, sehr gute Geschäfte auf

Kosten des Wohlergehens anderer gemacht, und das freute mich in alle Gedärme

hinein. O, o, wie mich doch das Bewußtsein, einigen Mitmenschen den Boden

unter den Füßen weggezogen zu haben, erlabte! Und ich griff zur Klingel und

schellte. Ein alter Mann trat herein, pardon, kroch herein, es war die

Lebensweisheit, und sie kroch an meine Stiefel heran, um sie zu küssen. Und ich

erlaubte dem entwürdigten Wesen das. Man denke: die Erfahrung, der gute edle

Grundsatz: er leckte mir die Füße. Das nenne ich Reichtum. Weil es mir grad so

einfiel, klingelte ich wieder, denn es juckte mich, ich weiß nicht mehr, wo, nach

sinnreicher Abwechslung, und es erschien ein halbwüchsiges Mädchen, ein

wahrer Leckerbissen für mich Wüstling. Kindliche Unschuld, so nannte sie sich,

und begann, die Peitsche, die neben mir lag, flüchtig mit dem Auge streifend,

mich zu küssen, was mich unglaublich auffrischte. Die Angst und die frühzeitige

Verdorbenheit flatterten in den schönen rehgleichen Augen des Kindes. Als ich

genug hatte, klingelte ich wieder, und es trat auf: der Lebensernst, ein schöner,

schlanker, junger, aber armer Mensch. Es war einer meiner Lakaien, und ich

befahl ihm stirnrunzelnd, mir das Ding da, wie hieß es schon, nun ja, hab' ich's

endlich, mir die Lust zur Arbeit hereinzuführen. Bald darauf trat der Eifer

herein, und ich machte mir das Vergnügen, ihm, dem Voll-Menschen, dem

prachtvoll gebauten Arbeitsmann, eins mit der Peitsche überzuknallen, mitten

ins ruhig wartende Gesicht, zum rein Kaputtlachen. Und das Streben, das

urwüchsige Schaffen, es ließ sich's gefallen. Nun allerdings lud ich es mit einer

trägen, gönnerhaften Handbewegung zum Glas Wein ein, und das dumme Luder

schlürfte den Schandwein. »Geh', sei für mich tätig,« sagte ich, und es ging. Nun

kam die Tugend, eine weibliche Gestalt von für jeden Nicht-ganz-

Hartgefrorenen überwältigender Schönheit, weinend herein. Ich nahm sie auf

meinen Schoß und trieb Unsinn mit ihr. Als ich ihr den unaussprechlichen

Schatz geraubt hatte, das Ideal, jagte ich sie höhnisch hinaus, und, nun pfiff ich,

und es erschien Gott selber. Ich schrie: »Was? Auch du?« Und erwachte

schweißtriefend, – wie froh war ich doch, daß es nur ein böser Traum war. Mein

Gott, ich darf noch hoffen, es werde noch eines Tages etwas aus mir. Wie im

Traum doch alles an die Grenze des Wahnsinns streift. Kraus würde mich schön

anglotzen, wenn ich ihm das erzählte.

 

Die Art, wie wir Fräulein verehren, ist doch eigentlich komisch. Aber ich

z. B. bin sehr fürs Komische, es enthält unbedingt Zauber. Um acht beginnt

immer der Unterricht. Nun, da sitzen wir Zöglinge schon zehn Minuten vorher voll Spannung und Erwartung an unsern Plätzen und schauen unbeweglich nach

der Türe, in welcher die Vorgesetzte erscheinen soll. Auch für diese Art von

vorauseilender Respektsbezeugung haben wir exakte Vorschriften. Es gilt als

Gesetz, nach derjenigen hinzuhorchen, ob sie bald komme, die dann und dann

bestimmt eintreten wird. Wir Schüler sollen uns echt dummejungenhaft zehn

Minuten lang auf das Aufstehen von unsern Plätzen vorbereiten. Eine kleine

Entehrung liegt in all diesen kleinlichen Forderungen, die eigentlich lächerlich

sind, aber uns soll nichts an unserer persönlichen, sondern uns soll alles an der

Ehre des Institutes Benjamenta gelegen sein, und das ist wahrscheinlich auch das

Richtigste, denn hat ein Schüler Ehre? Keine Rede. Recht bevormundet und

gezwiebelt zu werden, das höchstens kann eine Ehre für uns sein. Gedrillt

werden ist für Zöglinge ehrenhaft, sonnenklar ist das. Aber wir rebellieren auch

gar nicht. Würde uns nie einfallen. Wir haben, zusammengerechnet, ja so wenig

Gedanken. Ich habe vielleicht noch die meisten Gedanken, leicht möglich ist

das, aber ich verachte im Grunde genommen mein ganzes Denkvermögen. Ich

schätze nur Erfahrungen, und die sind in der Regel von allem Denken und

Vergleichen vollkommen unabhängig. So schätze ich an mir, wie ich eine Türe

öffne. Im Türöffnen liegt mehr verborgenes Leben als in einer Frage. Nun ja, es

regt eben alles zum Fragen und Vergleichen und Erinnern an. Gewiß muß man

auch denken, sehr sogar. Aber sich fügen, das ist viel, viel feiner als denken.

Denkt man, so sträubt man sich, und das ist immer so häßlich und Sachen-

verderbend. Die Denker, wenn sie nur wüßten, wieviel sie verderben. Einer, der

geflissentlich nicht denkt, tut irgend etwas, nun, und das ist nötiger.

Zehntausende von Köpfen arbeiten in der Welt überflüssig. Sonnen-sonnenklar

ist das. Der Lebensmut geht den Menschengeschlechtern verloren mit all dem

Abhandeln und Erfassen und Wissen. Wenn z. B. ein Zögling des Institutes

Benjamenta nicht weiß, daß er artig ist, dann ist er es. Weiß er es, dann ist seine

ganze unbewußte Zier und Artigkeit weg, und er begeht irgend einen Fehler. Ich

laufe gern Treppen hinunter. Welch ein Geschwätz.

 

Es ist hübsch, bis zu einem gewissen Grad wohlhabend zu sein und seine

weltlichen Verhältnisse ein wenig geordnet zu haben. Ich bin in der Wohnung

meines Bruders Johann gewesen, und ich muß sagen, sie hat mich angenehm

überrascht, sie ist geradezu Alt-Von Guntensch eingerichtet. Schon daß der

Fußboden ganz mit einem weichen, mattblauen Teppich belegt und bedeckt ist,

hat mir außerordentlich imponiert. Überall in den Zimmern herrscht Geschmack,

doch nicht auffälliger Geschmack, sondern nur bestimmte, feine Wahl. Die

Möbel sind anmutig verteilt, das mutet gleich beim Eintritt in die Wohnung wie ein höflicher, zarter Gruß an. Spiegel sind an den Wänden. Es ist sogar ein ganz

großer Spiegel da, der vom Boden bis an die Decke hinaufreicht. Die einzelnen

Gegenstände sind alt und doch nicht, elegant und doch nicht, reich und doch

nicht. Es ist Wärme und Sorgfalt in den Räumen, das fühlt man, und das ist

angenehm. Ein freier sorglicher Wille hat die Spiegel aufgehängt und dem

zierlich geschweiften Ruhebett seinen Platz angewiesen. Ich müßte kein von

Gunten sein, wenn ich das nicht merkte. Sauber und staubfrei ist alles, und doch

glänzt das alles eigentlich nicht, sondern es blickt einen alles ruhig und heiter an.

Nichts will scharf in die Augen stechen. Nur das zusammenhängende Ganze hat

einen vielbedeutenden, liebevollen Ausdruck. Eine schöne schwarze Katze lag

auf einem dunkelroten Plüschsessel, wie die schwärzliche weiche Behaglichkeit,

eingebettet in Rot. Sehr hübsch. Wäre ich Maler, so würde ich die Traulichkeit

solch eines Tierbildes malen. Der Bruder kam mir sehr freundlich entgegen, und

wir stunden einander gegenüber wie wohlabgemessene Weltleute, die wissen,

was in der Schicklichkeit für ein Vergnügen liegen kann. Wir plauderten. Da

kam ein großer, schlanker, schneeweißer Hund auf uns zugesprungen, in

anmutigen, Freude ausdrückenden Sätzen. Nun, ich streichelte das Tier natürlich.

Alles ist schön an der Wohnung Johanns. Er hat alle einzelnen Gegenstände und

Stücke mit Liebe und Mühe in Althändlerläden aufgestöbert, bis er das

Wohnlichste und Anmutigste zusammenhatte. Mit dem Einfachen hat er

verstanden, etwas in bescheidenen Grenzen Vollkommenes zu schaffen, derart,

daß in seiner Wohnung das Taugliche und Nützliche sich mit dem Schönen und

Graziösen wie zu einem Stuben-Gemälde verbindet. Bald darauf, indem wir so

dasaßen, erschien eine junge Frau, welcher Johann mich vorstellte. Wir tranken

später Tee und waren sehr heiter. Die Katze miaute nach Milch, und der große

schöne Hund wollte von dem Gebäck zu essen haben, das auf dem Teetisch lag.

Beider Tiere Wünsche wurden dann auch befriedigt. Es wurde Abend, und ich

mußte nach Hause gehen.

 

Man lernt hier im Institut Benjamenta Verluste empfinden und ertragen, und

das ist meiner Meinung nach ein Können, eine Übung, ohne die der Mensch,

mag er noch so bedeutend sein, stets ein großes Kind, eine Art weinerlicher

Schreihals bleiben wird. Wir Zöglinge hoffen nichts, ja, es ist uns streng

untersagt, Lebenshoffnungen in der Brust zu hegen, und doch sind wir

vollkommen ruhig und heiter. Wie mag das kommen? Fühlen wir über unsern

glattgekämmten Köpfen etwas wie Schutzengel hin und her schweben? Ich kann

es nicht sagen. Vielleicht sind wir heiter und sorgenlos aus Beschränktheit. Auch

möglich. Aber ist deshalb die Heiterkeit und Frische unserer Herzen weniger wert? Sind wir überhaupt dumm? Wir vibrieren. Unbewußt oder bewußt nehmen

wir auf vieles ein wenig Bedacht, sind da und dort mit den Geistern, und die

Empfindungen schicken wir nach allen möglichen Windrichtungen aus,

Erfahrungen und Beobachtungen einsammelnd. Uns tröstet so vieles, weil wir im

allgemeinen sehr eifrige, sucherische Leute sind, und weil wir uns selber wenig

schätzen. Wer sich selbst sehr schätzt, ist vor Entmutigungen und

Herabwürdigungen nie sicher, denn stets begegnet dem selbstbewußten

Menschen etwas Bewußtseinfeindliches. Und doch sind wir Schüler durchaus

nicht ohne Würde, aber es ist eine sehr, sehr bewegungsfähige, kleine, bieg- und

schmiegsame Würde. Übrigens legen wir sie an und ab je nach Erfordernissen.

Sind wir Produkte einer höheren Kultur, oder sind wir Naturkinder? Auch das

kann ich nicht sagen. Das eine weiß ich bestimmt: wir warten! Das ist unser

Wert. Ja, wir warten, und wir horchen gleichsam ins Leben hinaus, in diese

Ebene hinaus, die man Welt nennt, aufs Meer mit seinen Stürmen hinaus. Fuchs

ist übrigens ausgetreten. Mir ist das sehr lieb. Ich wußte mit diesem Menschen

nichts anzufangen.

 

Ich habe mit Herrn Benjamenta gesprochen, d. h. er hat mit mir gesprochen.

»Jakob,« sagte er zu mir, »sage mir, findest du nicht, daß das Leben, das du hier

führst, karg ist, karg? Was? Ich möchte gern deine Meinung wissen. Sprich

offen.« – Ich zog es vor, zu schweigen, doch nicht aus Trotz. Der Trotz ist mir

längst vergangen. Aber ich schwieg, und zwar ungefähr so, als wenn ich hätte

sagen wollen: »Mein Herr, gestatten Sie mir, zu schweigen. Auf eine solche

Frage könnte ich höchstenfalles etwas Unziemliches sagen.« – Herr Benjamenta

schaute mich aufmerksam an, und ich glaubte, er verstehe mein Schweigen. Es

war auch tatsächlich so, denn er lächelte plötzlich und sagte: »Nicht wahr, Jakob,

du wunderst dich ein wenig, wie wir hier im Institut so träge, so gleichsam

geistesabwesend dahinleben? Ist es so? Ist dir das aufgefallen? Doch ich will

dich durchaus nicht zu unverschämten Antworten verleiten. Ich muß dir ein

Geständnis machen, Jakob. Höre, ich halte dich für einen klugen, anständigen

jungen Menschen. Jetzt, bitte, werde frech. Und ich fühle mich veranlaßt, dir

noch etwas anderes zu gestehen: ich, dein Vorsteher, ich meine es gut mit dir.

Und noch ein drittes Geständnis: Ich habe eine seltsame, eine ganz

eigentümliche, jetzt nicht mehr zu beherrschende Vorliebe für dich gewonnen.

Du wirst jetzt mir gegenüber recht frech sein, nicht wahr, Jakob? Nicht wahr,

junger Mensch, jetzt, nachdem ich mir vor dir eine Blöße gegeben habe, wirst

du's wagen, mich mit Wegwerfung zu behandeln? Und du wirst jetzt trotzen? Ist

es so, sage, ist es so?« – Wir beide, der bärtige Mann und ich, der Junge, schauten einander in die Augen. Es glich einem innerlichen Wettkampf. Schon

wollte ich den Mund öffnen und irgend etwas Unterwürfiges sagen, doch ich

vermochte mich zu beherrschen und schwieg. Und nun bemerkte ich, daß der

riesenhaft gebaute Herr Vorsteher leise, leise zitterte. Von diesem Augenblick an

war etwas Bindendes zwischen uns getreten, das fühlte ich, ja, ich fühlte es nicht

nur, ich wußte es sogar. »Herr Benjamenta achtet mich,« sagte ich mir, und

infolge dieser wie ein Blitz auf mich niederstrahlenden Erkenntnis fand ich es

für schicklich, ja sogar für geboten, zu schweigen. Wehe mir, wenn ich ein

einziges Wort gesagt hätte. Ein einziges Wort würde mich zum unbedeutsamen

kleinen Eleven erniedrigt haben, und soeben hatte ich doch eine ganz

unzöglinghafte, menschliche Höhe erklommen. Das alles empfand ich tief, und

wie ich jetzt weiß, habe ich mich in jenem Moment ganz richtig benommen. Der

Vorsteher, der dicht zu mir getreten war, sagte dann folgendes: »Es ist etwas

Bedeutendes an dir, Jakob.« – Er hielt inne, und ich fühlte sogleich, warum. Er

wollte ohne Zweifel sehen, wie ich mich jetzt benähme. Ich merkte das, und

daher verzog ich auch nicht eine einzige Muskel meines Gesichtes, sondern

schaute starr, wie gedankenlos, vor mich hin. Dann schauten wir uns wieder an.

Ich blickte meinen Herrn Vorsteher streng und hart an. Ich heuchelte irgend

welche Kälte, irgend welche Oberflächlichkeit, während ich doch am liebsten

hätte in sein Gesicht lachen mögen, vor Freude. Aber ich sah es zu gleicher Zeit:

er war zufrieden mit meiner Haltung, und er sagte endlich: »Mein Junge, geh'

wieder an deine Arbeit. Beschäftige dich mit etwas. Oder geh' dich mit Kraus

unterhalten. Geh'.« – Ich verbeugte mich tief, ganz gewohnheitsgemäß, und

entfernte mich. Draußen im Korridor blieb ich wieder, wie schon einmal früher,

eigentlich auch ganz gewohnheitsgemäß, stehen und horchte durchs

Schlüsselloch, ob sich da drinnen etwas rege. Aber es war alles still. Ich mußte

leise und glücklich lachen, ganz dumm lachen, und dann ging ich ins

Schulzimmer, wo ich Kraus im Halbdunkel, scheinbar von einem bräunlichen

Lichtstrahl umflossen, sitzen sah. Ich blieb lange stehen. Tatsächlich, lange stund

ich so, denn ich konnte etwas, irgend etwas, nicht ganz begreifen. Es war mir, als

sei ich zu Hause. Nein, es war mir, als sei ich noch nicht geboren, als schwämme

ich in etwas Vor-Gebürtigem. Es wurde mir heiß und meerhaft-undeutlich vor

den Augen. Ich ging zu Kraus und sagte ihm: »Du, Kraus, ich habe dich lieb.« –

Er knurrte, was das für Redensarten seien. Rasch zog ich mich in meine Kammer

zurück. – Und jetzt? Sind wir Freunde? Sind Herr Benjamenta und ich Freunde?

Jedenfalls besteht zwischen uns beiden ein Verhältnis, aber was für eins? Ich

verbiete mir, mir das erklären zu wollen. Ich will hell, leicht und heiter bleiben.

Fort mit den Gedanken.

Noch immer habe ich keine Stelle. Herr Benjamenta sagt mir, er bemühe

sich. In ganz schroffem Gebieterton sagt er das und fügt hinzu: »Wie?

Ungeduldig? Kommt alles. Warte!« – Von Kraus heißt es unter den Zöglingen,

daß er vielleicht bald abgehe. Abgehen, das ist ein so berufshaft-komischer

Ausdruck. Kraus geht bald fort? Hoffentlich sind das nur leere Gerüchte,

Institut-Sensationen. Es gibt auch unter uns Zöglingen etwas wie einen aus Luft

und Nichts herausgegriffenen Zeitungenklatsch. Die Welten, merke ich, sind

überall dieselben. Ich bin übrigens wieder bei meinem Bruder Johann von

Gunten gewesen, und dieser Mensch hat den Mut gehabt, mich unter Leute zu

führen. Ich habe am Tisch reicher Leute gegessen, und ich werde die Art und

Weise, wie ich mich benommen habe, nie vergessen. Einen alten, aber immerhin

feierlichen Gehrock habe ich angehabt. Gehröcke machen alt und gewichtig.

Nun, und da habe ich getan wie ein Mann von jährlich zwanzigtausend Mark

Einkommen, mindestens. Ich habe mit Leuten geredet, die mir den Rücken

gedreht hätten, wenn sie hätten ahnen können, wer ich bin. Frauen, die mich

total verachten würden, wenn ich ihnen sagte, ich sei nur Zögling, haben mir

zugelächelt und mir gleichsam Kurage zugewunken. Und ich bin verblüfft

gewesen über meinen Appetit. Wie gelassen man doch an fremden reichen

Tischen zugreift. Ich sah, wie es alle machten, und ich machte es talentvoll nach.

Wie gemein ist das. Ich empfinde etwas wie Scham darüber, dort, nämlich in

jenen Kreisen, ein fröhliches Eß- und Trinkgesicht gezeigt zu haben. Von feiner

Sitte habe ich wenig bemerkt. Dagegen merkte ich, daß man mich als

schüchternen Jungen empfunden hat, während ich doch (in meinen Augen)

platzte vor Frechheit. Johann benimmt sich gut in Gesellschaft. Er besitzt die

leichte angenehme Fasson eines Menschen, der etwas gilt, und der das auch

weiß. Sein Betragen ist für die Augen, die es betrachten, ein Labsal. Rede ich zu

gut von Johann? O nein. Ich bin durchaus nicht verliebt in meinen Bruder, aber

ich bemühe mich, ihn zu sehen, ganz, nicht nur halb. Vielleicht ist das allerdings

Liebe. Meinetwegen. Sehr schön war es auch im Theater, doch ich will mich

darüber nicht weiter verbreiten. Den feinen Rock habe ich dann wieder

abgestreift. O, es ist hübsch, in eines geschätzten Menschen Kleidern zu gehen

und herumzuschwirren. Ja, schwirren! Das ist es. Man zirpt und schwirrt so

herum, dort, in den Kreisen der Gebildeten. Dann bin ich wieder ins Institut

gekrochen und in meinen Zöglingsanzug. Ich bin gern hier, ich fühle es, und ich

werde mich dummerweise später wahrscheinlich nach Benjamentas

zurücksehnen, später, wenn ich etwas Großes geworden bin, doch ich werde ja

nie, nie irgend etwas Großes, und ich zittere vor eigentümlicher Genugtuung,

daß ich das zum voraus bestimmt weiß. Ein Schlag wird mich eines Tages

treffen, so ein recht vernichtender Schlag, und dann wird alles, werden alle diese Wirrnisse, diese Sehnsucht, diese Unkenntnis, dies alles, diese Dank- und

Undankbarkeit, diese Lügen und Selbstbetruge, dies Wissen-Meinen und dies

Doch-nie-etwas-Wissen zu Ende sein. Doch ich wünsche zu leben, gleichviel

wie.