Jakob von Gunten, Ein Tagebuch
Ich war eigentlich nie Kind, und deshalb,…
Ich war eigentlich nie Kind, und deshalb, glaube ich zuversichtlich, wird an
mir immer etwas Kindheitliches haften bleiben. Ich bin nur so gewachsen, älter
geworden, aber das Wesen blieb. Ich finde an dummen Streichen noch ebenso
viel Geschmack wie vor Jahren, aber das ist es ja, ich habe eigentlich nie dumme
Streiche gemacht. Meinem Bruder habe ich ganz früh einmal ein Loch in den
Kopf geschlagen. Das war ein Geschehnis, kein dummer Streich. Gewiß,
Dummheiten und Jungenhaftigkeiten gab es die Menge, aber der Gedanke
interessierte mich immer mehr als die Sache selber. Ich habe früh begonnen,
überall, selbst in den dummen Streichen, Tiefes herauszuempfinden. Ich
entwickle mich nicht. Das ist ja nun so eine Behauptung. Vielleicht werde ich
nie Äste und Zweige ausbreiten. Eines Tages wird von meinem Wesen und
Beginnen irgend ein Duft ausgehen, ich werde Blüte sein und ein wenig, wie zu
meinem eigenen Vergnügen, duften, und dann werde ich den Kopf, den Kraus
einen dummen, hochmütigen Trotzkopf nennt, neigen. Die Arme und Beine
werden mir seltsam erschlaffen, der Geist, der Stolz, der Charakter, alles, alles
wird brechen und welken, und ich werde tot sein, nicht wirklich tot, nur so auf
eine gewisse Art tot, und dann werde ich vielleicht sechzig Jahre so dahinleben
und -sterben. Ich werde alt werden. Doch ich habe kein Bangen vor mir. Ich
flöße mir durchaus keine Angst ein. Ich respektiere ja mein Ich gar nicht, ich
sehe es bloß, und es läßt mich ganz kalt. O in Wärme kommen! Wie herrlich! Ich
werde immer wieder in Wärme kommen können, denn mich wird niemals etwas
Persönliches, Selbstisches am Warmwerden, am Entflammen und am
Teilnehmen verhindern. Wie glücklich bin ich, daß ich in mir nichts Achtens-
und Sehenswertes zu erblicken vermag. Klein sein und bleiben. Und höbe und
trüge mich eine Hand, ein Umstand, eine Welle bis hinauf, wo Macht und
Einfluß gebieten, ich würde die Verhältnisse, die mich bevorzugten, zerschlagen,
und mich selber würde ich hinabwerfen ins niedrige, nichtssagende Dunkel. Ich
kann nur in den untern Regionen atmen.
Ich gehe durchaus mit den Vorschriften, die hier – immer noch – gelten,
einig, wenn sie befehlen, daß die Augen des Zöglings und Lebenslehrlings
glänzen müssen vor Munterkeit und gutem Willen. Ja, Augen müssen Festigkeit
der Seele ausstrahlen. Ich verachte Tränen, und doch habe ich geweint.
Allerdings mehr innerlich, aber das ist vielleicht gerade das Schauderhafteste.
Fräulein Benjamenta sagte zu mir: »Jakob, ich sterbe, weil ich keine Liebe
gefunden habe. Das Herz, das kein Würdiger zu besitzen, zu verwunden begehrt hat, es stirbt jetzt. Ich sage dir adieu, Jakob, schon jetzt. Ihr Knaben, Kraus, du
und die andern, ihr werdet dann ein Lied singen am Bett, in dem ich liegen
werde. Klagen werdet ihr, leise klagen. Und jeder von euch, ich weiß es, wird
eine frische, vielleicht gar vom Naturtau noch feuchte Blume auf das Laken
legen. Laß mich dich, junges Menschenherz, ganz ins geschwisterliche, ins
lächelnde Vertrauen ziehen. Ja, dir, Jakob, etwas anzuvertrauen, das ist so
natürlich, denn man meint, du, der du so aussiehst wie jetzt, du müßtest für alles
und jedes, selbst für das Unsagbare und Unhörbare, ein Ohr, eine horchende
Brust, ein Auge, eine Seele und ein mitleidendes, mitempfindendes Verständnis
haben. Ich gehe am Unverständnis derjenigen, die mich hätten sehen und fassen
sollen, am Wahn der Vorsichtigen und Klugen, und an der Lieblosigkeit des
Zauderns und des Nicht-recht-mögens zugrunde. Man glaubte mich eines Tages
zu lieben, und mich zu haben zu wünschen, doch man zauderte, man ließ mich
stehen, und auch ich zauderte, aber ich bin ja ein Mädchen, ich mußte zaudern,
ich durfte und sollte es. Ah, wie hat mich die Untreue betrogen, wie haben mich
Leerheit und Fühllosigkeit eines Herzens gepeinigt, an das ich glaubte, weil ich
glaubte, es sei voll von echten, drängenden Gefühlen. Etwas, das überlegen und
unterscheiden kann, ist kein Gefühl. Ich spreche zu dir von dem Mann, an den
anmutige süße Träume mich glauben, unbedenklich glauben hießen. Ich kann dir
nicht alles sagen. Laß mich lieber schweigen. O das Vernichtende, das mich
tötet, Jakob. Die Trostlosigkeiten alle, die mich brechen! – Doch genug. Sage,
hast du mich lieb, wie junge Brüder Schwestern lieb haben? Schon gut. Jakob,
nicht wahr, es ist alles ganz gut, so wie es ist? Nein, nicht wahr, wir beide, wir
wollen nicht grollen, nicht zweifeln? Und nicht wahr, nie wieder irgend etwas zu
begehren haben, ist schön? Oder nicht? Ja, ja doch. Das ist schön. Komm' und
laß mich dich küssen, ein einziges unschuldiges Mal. Sei weich. Ich weiß, du
weinst nicht gern, aber jetzt laß uns ein wenig zusammen weinen. Und ganz still
jetzt, ganz still.« Sie fügte nichts mehr hinzu. Es war, als wenn sie vieles noch
hätte sagen wollen, doch als wenn sie für ihre Empfindungen keine Worte mehr
fände. Draußen im Hof schneite es in nassen großen Flocken. Das erinnerte mich
an den Schloßhof, an die innern Gemächer, wo es ebenfalls in nassen großen
Flocken geschneit hatte. Die innern Gemächer! Und ich dachte mir immer,
Fräulein Benjamenta sei die Herrin dieser innern Gemächer. Ich habe sie mir
immer als zarte Prinzessin gedacht. Und jetzt? Fräulein Benjamenta ist ein
leidender feiner weiblicher Mensch. Keine Prinzessin. Sie wird also eines Tages
da drinnen im Bett liegen. Der Mund wird starr sein, und um die leblose Stirne
werden sich die Haare trügerisch kräuseln. Doch wozu sich das ausmalen? Jetzt
gehe ich zum Vorsteher. Er hat mir sagen lassen, ich solle zu ihm kommen. Auf
der einen Seite eine Mädchenklage und -leiche, auf der andern Seite ihr Bruder, der noch gar nicht gelebt zu haben scheint. Ja, Benjamenta kommt mir wie ein
ausgehungerter, eingesperrter Tiger vor. Und wie? Ich, ich begebe mich in den
gähnenden Rachen hinein? Nur hinein! Mag er seinen Mut kühlen an einem
wehrlosen Zögling. Ich stehe ihm zur Verfügung. Ich fürchte ihn, und zugleich
ist etwas in mir, das ihn auslacht. Außerdem ist er mir ja noch die Erzählung
seiner Lebensgeschichte schuldig. Er hat mir das fest versprochen, und ich
werde ihn daran zu erinnern wissen. Ja, so kommt er mir vor: noch gar nicht
gelebt hat er. Will er sich jetzt etwa an mir ausleben? Nennt er etwa gar
Verbrechenausüben Ausleben? Das wäre dumm, sehr dumm, und gefährlich.
Aber es zwingt mich! Ich muß zu diesem Menschen hineingehen. Eine
Seelengewalt, die ich nicht verstehe, nötigt mich, ihn immer wieder von neuem
aushorchen, ausforschen zu gehen. Mag mich der Vorsteher fressen, mit andern
Worten, mir Leid und Schmach antun. Jedenfalls bin ich dann an etwas
Großherzigem zugrunde gegangen. Hinein jetzt ins Kontor. Die arme Lehrerin! –
Ein wenig verächtlich, muß ich sagen, sonst aber ganz zutraulich (ja, eben
deshalb so zutraulich, weil verächtlich), klopfte mir der Vorsteher mit der Hand
auf die Schulter und lachte mich mit seinem breiten aber wohlgeformten Mund
an. Die Zähne kamen dabei zum Vorschein. »Herr Vorsteher,« sagte ich
unglaublich zornig, »ich muß bitten, mich mit etwas weniger kränkender
Freundlichkeit zu behandeln. Noch bin ich Ihr Zögling. Im übrigen verzichte ich,
und das nicht ausdrücklich genug, auf Gnaden. Seien Sie einem Lumpen
gegenüber herablassend und gütig. Mein Name ist Jakob von Gunten, und das ist
ein zwar junger, aber trotzdem seiner Würde bewußter Mensch. Ich bin nicht zu
entschuldigen, das sehe ich, aber auch nicht zu beleidigen, das verhindere ich.« –
Und mit diesen geradezu lächerlich anmaßenden Worten, mit diesen so wenig
ins gegenwärtige Zeitalter passenden Worten stieß ich die Hand des Herrn
Vorstehers zurück. Darauf lachte Herr Benjamenta noch fröhlicher und sagte:
»Ich muß mich einfach halten, ich muß dich anlachen, Jakob, und ich muß mich
halten, daß ich dich nicht küsse, du prachtvoller Bursche.« – Ich rief aus: »Mich
küssen? Sind Sie verrückt geworden, Herr Vorsteher? Ich will nicht hoffen.« –
Ich staunte selber über die Ungeniertheit, mit der ich das sagte, und ich trat, wie
um einem Hieb auszuweichen, unwillkürlich einen Schritt zurück. Herr
Benjamenta aber, die Güte und Schonung selber, sagte mit vor seltsamer
Genugtuung bebenden Lippen: »Junge, Knabe, du bist köstlich. Mit dir
zusammen in Wüsten oder auf Eisbergen im nördlichen Meere zu leben, das
würde mich locken. Komm' her. Ei, der Teufel, fürchte dich doch, bitte, nicht vor
mir. Nichts tu' ich dir. Was könnte, was vermöchte ich dir denn anzutun? Dich wertvoll und selten empfinden, sieh, das muß ich, das tu' ich, aber davor
brauchst du doch keine Angst zu haben. Im übrigen, Jakob, und jetzt ganz
ernsthaft gesagt, höre: Willst du ganz, ganz bei mir bleiben? Du verstehst das
nicht recht, also laß dir das ruhig auseinandersetzen. Hier geht es zu Ende,
verstehst du das?« – Ich platzte dumm heraus mit den Worten: »Ah, Herr
Vorsteher, meine Ahnungen!« – Er lachte von neuem und sprach: »Sieh da,
geahnt hast du es schon, daß das Institut Benjamenta gleichsam heute noch lebt
und morgen nicht mehr. Ja, so kann man sagen. Du bist der letzte Schüler
gewesen. Ich nehme keine Zöglinge mehr an. Blick' mich an. Mich freut es so
mächtig, verstehst du, daß ich dich, den jungen Jakob, noch habe kennen lernen
dürfen, einen so rechtgearteten Menschen, bevor ich hier zuschließe für immer.
Und nun frage ich dich, Schelm, der du mich mit so eigenartigen fröhlichen
Ketten fesselst, willst du mit mir gehen, wollen wir zusammenbleiben,
zusammen irgend etwas anfangen, etwas unternehmen, wagen, schaffen, wollen
wir beide, du der Kleine, ich der Große, zusammen versuchen, wie wir das
Leben bestehen? Bitte, antworte sogleich.« – Ich erwiderte: »Meiner Ansicht
nach hat die Beantwortung dieser Frage noch Zeit, Herr Vorsteher. Aber was Sie
sagen, interessiert mich, und ich werde mir die Sache, etwa bis morgen,
überlegen. Doch glaube ich, daß ich mit ja antworten werde.« – Herr
Benjamenta konnte sich, wie es schien, nicht enthalten, zu sagen: »Du bist
entzückend.« – Nach einer Pause nahm er das Wort wieder und sagte: »Denn
schau', mit dir ließe sich so etwas wie eine Gefahr, wie ein kühnes,
abenteuerliches, entdeckerisches Unternehmen bestehen. Aber es kann ruhig
auch irgend etwas Feines und Sittsames sein, das wir machen können. Du bist
von beiderlei Blut, von zartem und unerschrockenem. Mit dir vereint wagt man
entweder etwas Mutiges oder etwas sehr Delikates.« – »Herr Vorsteher,« sagte
ich, »schmeicheln Sie mir nicht, das ist garstig und erregt Verdacht. Und dann
halt! Wo ist die Geschichte Ihrer Vergangenheit, die Sie mir zu erzählen
versprochen haben, wie Sie sich wohl noch erinnern werden?« – In diesem
Augenblick riß jemand die Türe auf. Kraus, er war es, stürzte atemlos, ganz blaß
im Gesicht, und unfähig, die Meldung, die er offenbar auf den Lippen hatte,
vorzutragen, ins Zimmer herein. Er machte nur eine hastige Geste, wir sollten
kommen. Wir alle drei traten in die dunkelnde Schulstube. Was wir hier sahen,
machte uns erstarren.
Am Boden lag das entseelte Fräulein. Der Vorsteher ergriff ihre Hand, ließ
sie aber, wie von Schlangen gebissen, fahren und schauderte, von Entsetzen
gepackt, zurück. Dann kam er wieder in die Nähe der Toten, schaute sie an, entfernte sich wieder, um gleich wieder heranzutreten. Kraus kniete zu ihren
Füßen. Ich hielt den Kopf der Lehrerin in beiden Händen, damit er den harten
Boden nicht zu berühren brauchte. Die Augen standen noch offen, nicht sehr
weit, sondern gleichsam blinzelnd. Herr Benjamenta schloß sie. Auch er kniete
am Boden. Wir alle drei sprachen kein Wort, aber wir waren nicht in »tiefe
Gedanken versunken«. Wenigstens ich konnte an nichts Ausgeprägtes denken.
Aber ich war ganz ruhig. Ich kam mir sogar, so eitel das auch klingt, gut und
schön vor. Ich hörte von irgend woher ein ganz dünnes Geriesel von Melodien.
Linien und Strahlen bogen sich vor meinen Augen hin und her. »Ergreift sie,«
sagte leise Herr Vorsteher, »kommt. Tragt sie ins Wohnzimmer. Sachte, sachte, o
sachte anfassen. Sorgsam, Kraus. Um Gotteswillen, nicht so rauh. Jakob, gib
acht, ja? Nicht irgendwo anstoßen. Ich will euch helfen. Ganz langsam vorwärts.
So. Und einer strecke die Hand aus und öffne die Türe. So, so. Es geht. Nur
sorgfältig.« – Er sprach meiner Ansicht nach überflüssige Worte. Wir trugen
Fräulein Lisa Benjamenta aufs Bett, dessen Decke der Vorsteher rasch wegriß,
und nun lag sie da, wie sie es mir zum voraus gleichsam angekündigt hatte. Und
dann kamen die Schulkameraden, und alle sahen es, und dann standen wir alle so
da, am Bett. Herr Vorsteher gab uns einen verständlichen Wink, und wir Eleven
und Knaben fingen an, im Chor gedämpft zu singen. Das war die Klage, die das
Mädchen gewünscht hatte zu vernehmen, wenn sie auf dem Lager läge. Und
jetzt, so bildete ich es mir ein, vernahm sie den leisen Gesang. Es war uns,
glaube ich, allen, als wäre es Unterrichtsstunde, und wir sängen auf Befehl der
Lehrerin, der wir immer so rasch gehorchten. Als das Lied zu Ende gesungen
war, trat Kraus aus dem Halbkreis, den wir gebildet hatten, vor und sprach, ein
wenig langsam, aber um so eindringlicher, folgendes: »Schlafe, ruhe süß,
verehrtes Fräulein. (Er sprach sie, die Tote, mit du an. Mir gefiel das.)
Entwunden bist du den Schwierigkeiten, entfesselt vom Bangen, befreit von den
Sorgen und Schicksalen der Erde. Wir haben dir am Bett gesungen, Verehrte,
wie du es befahlst. Sind wir, deine Zöglinge, nun verlassen? So scheint es, so ist
es. Doch du, Frühgestorbene, wirst unsern Gedächtnissen nie, nie entschwinden.
Du wirst am Leben bleiben in unsern Herzen. Wir, deine Knaben, die du
gemeistert und beherrscht hast, wir werden uns im flatterhaften und mühevollen
Leben, Gewinn und Unterkommen suchend, zerstreuen, so, daß vielleicht alle
alle nie wieder finden und sehen. Aber wir alle werden an dich denken,
Erzieherin, denn die Gedanken, die du uns eingeprägt, die Lehren und
Kenntnisse, die du in uns befestigt hast, werden uns immer an dich, die
Schöpferin des Guten, was in uns ist, erinnern. Ganz von selber. Essen wir, so
wird uns die Gabel sagen, wie du wünschtest, daß wir sie führen und handhaben
sollen, und wir werden anständig zu Tisch sitzen, und das Bewußtsein, daß wir das tun, wird uns an dich zurückdenken machen. In uns herrschest, gebietest,
lebst, erziehst und fragst und tönst du weiter. Irgend einer von uns Zöglingen,
der es etwas weiter als der andere im Leben bringt, wird vielleicht seinen
zurückgebliebenen ärmeren Kameraden, wenn er ihn antrifft, nicht mehr kennen
wollen. Gewiß. Doch dann denkt er unwillkürlich ans Institut Benjamenta
zurück und an die Herrin, und er wird sich schämen, deine Grundsätze so rasch
und so hochmütig verleugnet und vergessen zu haben. Und er wird dem
Kameraden, dem Bruder, dem Menschen ohne alle Überlegung die Hand zum
Gruß reichen. Was lehrtest du uns, Verblichene? Du sagtest uns stets, wir sollten
bescheiden und willig bleiben. Ah, das werden wir nie vergessen, so wenig wie
wir die liebe Person, die es ausgesprochen hat, werden überwinden und
vergessen können. Schlaf' wohl, du Verehrte. Träume! Schöne Einbildungen
mögen dich flüsternd umschweben. Die Treue, die glücklich ist, dir nahe zu sein,
beuge ihr Knie vor dir, und die dankbare Anhänglichkeit und das
erinnerungslüsterne, zärtliche Nie-Vergessen-Können streuen Blüten, Zweige,
Blumen und Worte der Liebe dir um Stirne und Hände. Wir, deine Zöglinge, wir
wollen jetzt noch eines singen, und dann haben wir die Gewißheit, daß wir an
deinem Totenlager, das uns das Lustlager frohen und hingebungsvollen
Gedenkens sein wird, gebetet haben. So lehrtest ja du uns beten. Du sagtest:
Singen sei Beten. Und du wirst uns hören, und wir werden uns einbilden, du
lächeltest. Uns will es die Herzen zerschneiden, dich hier liegen zu sehen, dich,
deren Bewegungen uns vorgekommen sind wie dem Durstigen frisches,
belebendes Quellwasser. Ja, schmerzvoll ist das. Doch wir beherrschen uns, und
gewiß wünschtest auch du das. So sind wir gefaßt. So gehorchen wir dir und
singen.« – Kraus trat vom Lager zu uns zurück und wir sangen noch ein Lied,
das ebenso leise dahin- und daherklang wie das erste. Dann traten wir, einer
hinter dem andern, ans Bett, und jeder drückte einen Kuß auf die Hand des toten
Mädchens. Und jeder von den Eleven sprach etwas. Hans sagte: »Ich will es
Schilinski erzählen. Und Heinrich muß es auch wissen.« – Schacht meinte:
»Lebe wohl, du warst immer so gut.« Peter: »Ich will deine Gebote befolgen.«
Dann traten wir in die Schulstube zurück, indem wir den Bruder bei der
Schwester, den Vorsteher bei der Vorsteherin, den Lebendigen bei der Toten, den
Einsamen bei der Einsamen, den Schmerzgebeugten bei der Vollendeten, Herrn
Benjamenta bei Fräulein Benjamenta allein ließen.
Ich habe von Kraus Abschied nehmen müssen. Kraus ist gegangen. Ein
Licht, eine Sonne ist geschwunden. Mir ist es, als wenn es von jetzt ab in der
Welt und Umwelt nur noch Abend sein könnte. Bevor eine Sonne untertaucht, wirft sie noch rötliche Strahlen über die dunkelnde Gegenwart, ähnlich Kraus. Er
hat mich, bevor er ging, rasch noch einmal ausgescholten, und der ganze
veritable Kraus ist dabei noch ein letztes Mal zum leuchtenden Vorschein
gekommen. »Adieu, Jakob, bessere dich, ändere dich,« sagte er zu mir, indem er
mir, beinahe ärgerlich darüber, daß er es tun mußte, die Hand reichte. »Ich gehe
jetzt fort, in die Welt, in den Dienst. Das wirst auch du hoffentlich bald tun
müssen. Schaden wird es dir sicher nicht. Ich wünsche dir Hiebe auf deinen
Unverstand hinauf. Man soll dich tüchtig bei den ungezogenen Ohren nehmen.
Lache nur nicht noch beim Abschied. Übrigens ziemte dir das. Und wer weiß,
vielleicht sind die Verhältnisse dieser Welt so töricht, daß sie dich in die Höhe
heben. Dann kannst du in der Unverschämtheit, im Trotz, in der Überhebung und
in der lächelnden Trägheit, in Spott und allen möglichen Sorten Unarten ruhig
und frech fortfahren und sorgenlos bleiben, was du bist. Dann kannst du dich
brüsten bis zum Zersprengen, mit all dem, was du dir hier im Institut
Benjamenta nicht hast abgewöhnen wollen. Aber ich hoffe, daß Sorgen und
Mühen dich in ihre harte, untugendenzerschmetternde Schule nehmen. Sieh',
Kraus spricht hart. Und doch meine ich es vielleicht besser mit dir Bruder
Lustig, als die, die dir Glück in den Schoß und ins offene Maul wünschen
würden. Arbeite mehr, wünsche weniger, und noch etwas: bitte vergiß mich
ganz. Ich würde mich nur ärgern, wenn ich dächte, du habest für mich irgend
einen abgelegten alten, schäbigen, solch einen tänzelnden Komm' ich heute
nicht-komm' ich morgen-Gedanken übrig. Nein, Bürschchen, merke dir's, Kraus
braucht keinen von deinen von Guntenschen Späßen.« – »Liebloser, lieber
Mensch,« rief ich voller banger Abschiedsahnungen und -empfindungen aus.
Und ich wollte ihn umarmen. Doch er verhinderte das auf die einfachste Art der
Welt, indem er sich rasch, und für immer, entfernte. »Heute noch ein Institut
Benjamenta und morgen keines mehr,« sprach ich laut zu mir selber. Ich trat zu
Herrn Vorsteher herein. Es war mir, als wenn die Welt einen glühend-zündend-
klaffenden Riß von einer räumlichen Möglichkeit bis zur entgegengesetzten
andern bekommen hätte. Mit Kraus war die Hälfte des Lebens gegangen. »Von
jetzt ab ein anderes Leben!« murmelte ich. Es ist übrigens ganz einfach: ich war
betrübt und ein wenig bestürzt. Wozu sich in großen Worten ergehen? Vor dem
Vorsteher verneigte ich mich förmlicher als je, und es erschien mir schicklich,
»guten Tag, Herr Vorsteher« zu sagen. »Bist du toll, alter Junge?« rief er. Er kam
mir entgegen und würde mich umarmt haben, aber ich verhinderte das, indem
ich ihm einen Schlag auf den ausgestreckten Arm versetzte. »Kraus ist
gegangen,« sagte ich tiefernst. Wir schwiegen und begnügten uns, uns ziemlich
lange anzuschauen.
»Ich habe,« sagte dann Herr Benjamenta in ruhigem, männlichem Ton, »den
andern allen, deinen Kameraden, heute Stellungen verschafft. Nur noch wir drei,
du, ich und sie, die da drinnen auf dem Bett liegt, bleiben noch hier. Die Tote
(warum nicht ruhig über die Toten reden? Sie leben ja. Nicht wahr?), sie wird
morgen abgeholt werden. Das ist ein häßlicher, aber notwendiger Gedanke.
Heute sind wir drei noch zusammen. Und wir werden die Nacht über wach
bleiben. Wir beide werden reden an ihrem Lager. Und wenn ich nun so denke,
wie du da eines Tages mit der Bitte, Forderung und Frage anlangtest, in die
Schule aufgenommen zu werden, packt mich eine unerhörte Lebens- und
Lachlust. Ich bin über Vierzig. Ist das alt? Es war alt, doch jetzt, wie du so da
bist, Jakob, bedeutet es grünende und kräftig knospende Jugend, dieses
Vierziger-Alter. Mit dir, du Gemüt von einem Jungen, ist frisches, ist überhaupt
erst Leben über mich und in mich hineingekommen. Ich habe hier, siehst du, hier
im Bureau, schon verzweifelt, bin hier schon ganz eingetrocknet, habe mich hier
geradezu begraben. Ich haßte, haßte, haßte die Welt. Unsagbar ist von mir alles
dies Wesen, Bewegen und Leben gehaßt und gemieden worden. Da tratest du
ein, frisch, dumm, unartig, frech und blühend, duftend von unverdorbenen
Empfindungen, und ganz natürlich schnauzte ich dich mächtig an, aber ich
wußte es, so wie ich dich nur sah, daß du ein Prachtbursche seiest, mir, wie es
mir vorkam, vom Himmel heruntergeflogen, von einem alleswissenden Gott mir
gesandt und geschenkt. Ja, dich brauchte ich gerade, und ich lächelte immer
heimlich, wenn du von Zeit zu Zeit zu mir eintratest, um mich mit deinen
reizenden Frechheiten und Grobheiten, die mir wie gutgelungene Gemälde
erschienen, zu belästigen. O nein, zu betören. Ruhig, Benjamenta, ruhig. – Hast
du es, sage mir das, nie bemerkt, daß wir Zwei Freunde waren? Doch still. Und
wenn ich dann so meine Würde vor dir bewahrte, o dann hätte ich sie zerreißen
mögen, zerreißen in Fetzen. Wie rasend förmlich du dich sogar heute noch vor
mir verbeugt hast! Doch höre, wie ist es eigentlich nur mit dem Wutanfall von
neulich? Habe ich dir wehtun wollen? Wollte ich mir selber einen tödlichen
Streich versetzen? Vielleicht weißt du es, Jakob? Ja? Dann, bitte, kläre mich
sofort auf. Sofort, hast du verstanden! Wie ist mir? Wie? Was sagst du?« – »Ich
weiß es nicht. Ich hielt Sie für wahnsinnig, Herr Vorsteher,« sagte ich. Es
überlief mich kalt angesichts der überströmenden Zärtlichkeit und Lebenslust,
die aus den Augen des Mannes hervorbrachen. Wir schwiegen eine Weile.
Plötzlich kam mir der Einfall, Herrn Benjamenta an die Geschichte seines
Lebens zu erinnern. Das war sehr gut. Das konnte ihn unter Umständen
zerstreuen, ihn von mörderischen neuen Anfällen abhalten. Ich war in diesem
Moment fest überzeugt, daß ich mich in den Krallen eines halb-Verstandlosen
befände, und ich sagte daher rasch, indem mir der Schweiß über die Stirne herabrann: »Ja, Ihre Geschichte, Herr Vorsteher? Wie ist es damit? Wissen Sie,
daß ich Andeutungen verabscheue? Sie haben mir dunkel angedeutet, daß Sie ein
entthronter Herrscher seien. Nun wohlan. Bitte, drücken Sie sich deutlich aus.
Ich bin sehr gespannt.« – Er kraute sich ganz verlegen hinter dem Ohr. Dann
wurde er plötzlich geradezu böse, kleinlich böse, und er herrschte mich im
Feldwebelston an: »Abtreten. Mich allein lassen!« – Nun, ich ließ mir das nicht
zweimal sagen, sondern verschwand augenblicklich. Schämte er sich, grämte er
sich um irgend etwas, dieser König Benjamenta, dieser Löwe im Käfig?
Jedenfalls war ich wieder einmal recht froh, draußen im Korridor stehen und
lauschen zu können. Es herrschte Totenstille. Ich ging in die Kammer, zündete
einen Kerzenstumpf an und vertiefte mich in den Anblick des Bildes von Mama,
das ich stets sorgsam aufbewahrt hatte. Später klopfte es an die Türe. Es war der
Vorsteher, er war ganz schwarz angezogen. »Komm,« befahl er mit eiserner
Strenge. Wir gingen ins Wohnzimmer, um bei der Entschlafenen zu wachen.
Herr Benjamenta wies mir mit einer leichten Handbewegung meinen Platz an.
Wir setzten uns. Gottlob, ich spürte wenigstens gar keine körperliche Müdigkeit.
Das war mir sehr lieb. Das Gesicht der Toten war schön geblieben, ja, es schien
sogar noch anmutiger geworden zu sein, und noch etwas: von Moment zu
Moment schien immer mehr Schönheit, Rührung und Anmut darauf
niederzufallen. Etwas wie lächelnde Vergebung jeder Art Fehltrittes schien im
Wohnzimmer zu schweben und leise zu tönen. Es zirpte so. Und es war auf so
helle, lichte Art ernst in der Stube. Nichts, nichts Unheimliches. Mir wurde es
schön zumut, denn schon das allein, daß ich hier wachte, ließ mich die Ruhe, die
in einer stillen Pflichterfüllung liegt, angenehm empfinden.
»Später, Jakob,« ergriff der Vorsteher das Wort, indem wir so saßen, »später
erzähle ich dir alles. Wir werden ja doch zusammenbleiben. Ich glaube ganz fest,
sogar felsenfest an deine Zustimmung. Du wirst morgen, wenn ich dich nach
deinen Entscheidungen frage, nicht nein sagen, das weiß ich. Für heute muß ich
dir sagen, daß ich kein wirklicher abgesetzter König bin, ich meinte, ich sagte dir
das nur so, des Bildes halber. Wohl aber gab es Zeiten, wo dieser Benjamenta,
der hier neben dir sitzt, sich als Herr, als Eroberer und als König fühlte, wo das
Leben vor mir zum Erfassen dalag, wo alle meine Sinne an Zukunft und an
Größe glaubten, wo meine Schritte mich elastisch dahin wie über
teppichähnliche Wiesen und Begünstigungen trugen, wo ich besaß, was ich
anschaute, genoß, an was ich nur flüchtig dachte, wo alles bereit war, mich mit
Befriedigung zu krönen, mit Erfolgen und Errungenschaften mich zu salben, wo
ich König war, ohne es kaum zu ahnen, groß, ohne daß ich nötig hatte, mir eine bewußte Rechenschaft davon abzulegen. In diesem Sinne, Jakob, bin ich hoch
gewesen, d. h. einfach jung und vielversprechend, und in diesem Sinne geschah
die Entfürstung und Entthronung. Ich stürzte. Und ich zweifelte an mir und an
allem. Wenn man verzweifelt und trauert, lieber Jakob, ist man so jammervoll
klein, und immer mehr Kleinheiten werfen sich über einen, gefräßigem, raschem
Ungeziefer gleich, das uns frißt, ganz langsam, das uns ganz langsam zu
ersticken, zu entmenschen versteht. Also das mit dem König war eine Phrase.
Ich bitte dich, kleiner Zuhörer, um Entschuldigung, wenn ich dich an Szepter
und Purpurmantel habe glauben machen. Doch glaube ich, daß du es eigentlich
wußtest, wie es mit diesen gestammelten und geseufzten Königreichen im
Grunde gemeint war. Nicht wahr, ein wenig gemütlicher komme ich dir jetzt
vor? Jetzt, da ich kein König mehr bin? Denn das gibst du doch selbst zu, daß
solche Herrscher, wenn sie genötigt sind, Unterricht usw. zu erteilen und
Institute zu eröffnen, gewiß unheimliche Patrone wären. Nein, nein, ich war nur
zukunftsstolz und -froh: das sind meine Ländereien und königlichen Einkünfte
gewesen. Dann war ich lange, lange Jahre entmutigt und entwürdigt. Und nun
bin ich wieder, d. h. fange an, wieder ich selber zu sein, und es ist mir, als hätte
ich eine Million geerbt, ach was, Million geerbt, nein, es ist mir, als wäre ich – –
zum Herrscher erhoben und gekrönt worden. Allerdings kommen mir immer
wieder die dunklen, grauenhaft dunklen Stunden, wo mir alles schwarz vor den
Augen und hassenswert vor dem gleichsam, versteh' mich, verbrannten und
verkohlten Gemüt wird, und in solchen Stunden zwingt es mich, zu zerreißen, zu
töten. O meine Seele, du, würdest du, trotzdem du das nun weißt, bei mir
bleiben? Könntest du dich, vielleicht aus einfacher menschlicher Neigung zu
mir, oder aus irgend einer andern dir zusagenden Empfindung, dazu
entschließen, der Gefahr, die dir mit dem Zusammensein mit mir Unmenschen
droht, zu trotzen? Kannst du hohen Herzens trotzen? Bist du solch ein
Trotzkopf? Und nimmst du das alles nicht übel? Übel? Ach was, Dummheiten.
Übrigens weiß ich es ja, Jakob, daß wir zusammen leben werden. Es ist
entschieden. Wozu dich noch fragen? Siehe, ich kenne doch ja meinen früheren
Zögling. Jetzt, Jakob, bist du nicht mehr mein Zögling. Ich will nicht mehr
bilden und lehren, sondern ich will leben und lebend etwas wälzen, etwas tragen,
etwas schaffen. O, es läßt sich so herrlich, so herrlich leiden mit solch einem
Herzen von Kameraden. Ich besitze, was ich besitzen wollte, und drum ist mir,
könnte ich alles, ertrüge und litte ich fröhlich alles. Kein Gedanke, kein Wort
mehr. Bitte, schweige. Du sagst mir morgen, nachdem man mir dieses Leben da,
das da auf dem Bett liegt, weggetragen hat, nachdem ich die rein äußerliche
Feierlichkeit habe abstreifen dürfen und in eine innerliche habe umwandeln
dürfen, deine Meinung. Du sagst ja, oder du sagst nein. Wisse, du bist ja jetzt vollkommen frei. Du kannst sagen und tun, was dir beliebt.« – Ich sagte ganz
leise, zitternd vor Verlangen, diesen mir etwas allzu zuversichtlichen Menschen
ein wenig zu erschrecken: »Aber der Brotkorb, Herr Vorsteher? Den andern
verschaffen Sie Unterkommen, und gerade mir nicht? Das finde ich seltsam. Das
ist nicht recht. Und ich bestehe darauf. Es ist Ihre Pflicht, mir einen ordentlichen
Arbeitsposten zu vermitteln. Ich will unbedingt in Stellung und Amt gehen.« –
Ah, er zuckte zusammen. Er erschrak. Wie mußte ich innerlich kichern.
Teufeleien sind doch das Netteste am Leben. Herr Benjamenta sagte traurig: »Du
hast recht. Es ziemt sich, dir auf Grund deines Abgangszeugnisses eine Stelle zu
verschaffen. Gewiß, du hast vollkommen recht. Nur dachte ich, nur – dachte ich
– –, du machtest eine Ausnahme.« – Ich rief wie in zündender Entrüstung:
»Ausnahme? Ich mache keine Ausnahmen. Niemals. Das schickt sich nicht für
den Sohn eines Großrates. Meine Bescheidenheit, meine Geburt, alles, was ich
empfinde, verbietet mir, mehr zu wollen, als was meine Schulgenossen
bekommen haben.« – Von da an sprach ich kein Wort mehr. Mir gefiel es, Herrn
Benjamenta einer sichtbaren, für mich schmeichelhaften Unruhe zu überlassen.
Den Rest der Nacht verbrachten wir schweigend.
Aber während ich so saß und wachte, überfiel mich doch der Schlaf. Zwar
nicht lang, eine halbe Stunde, oder vielleicht noch etwas länger, war ich der
Wirklichkeit entrückt. Mir träumte (der Traum schoß von der Höhe, ich erinnere
mich, gewaltsam, mich mit Strahlen überwerfend, auf mich nieder), ich befände
mich auf einer Bergmatte. Sie war ganz dunkelsamtgrün. Und sie war mit
Blumen wie mit blumenhaft gebildeten und geformten Küssen bestickt und
besetzt. Bald erschienen mir die Küsse wie Sterne, bald wieder wie Blumen. Es
war Natur und doch keine, Bildnis und Körper zugleich. Ein wunderbar schönes
Mädchen lag auf der Matte. Ich wollte mir einreden, es sei die Lehrerin, doch
sagte ich mir rasch: »Nein, das kann es nicht. Wir haben keine Lehrerin mehr.«
Nun, dann war es halt jemand anderes, und ich sah förmlich, wie ich mich
tröstete, und ich hörte den Trost. Es sagte deutlich: »Ah bah, laß das Deuten.« –
Das Mädchen war schwellend und glänzend nackt. An dem einen der schönen
Beine hing ein Band, das im Wind, der das Ganze liebkoste, leise flatterte. Mir
schien, als wehe, als flattere der ganze spiegelblanke süße Traum. Wie war ich
glücklich. Ganz flüchtig dachte ich an »diesen Menschen«. Natürlich war es
Herr Vorsteher, an den ich so dachte. Plötzlich sah ich ihn, er war hoch zu Roß
und war bekleidet mit einer schimmernd schwarzen, edlen, ernsten Rüstung. Das
lange Schwert hing an seiner Seite herunter, und das Pferd wieherte kampflustig.
»Ei, sieh da! Der Vorsteher zu Pferd',« dachte ich, und ich schrie, so laut ich konnte, daß es in den Schluchten und Klüften ringsum widerhallte: »Ich bin zu
einem Entschluß gekommen.« – Doch er hörte mich nicht. Qualvoll schrie ich:
»Heda, Herr Vorsteher, hören Sie.« Nein, er wandte mir den Rücken. Sein Blick
war in die Ferne, ins Leben hinab- und hinausgerichtet. Und nicht einmal den
Kopf bog er nach mir. Mir scheinbar zuliebe rollte jetzt der Traum, als wenn er
ein Wagen gewesen wäre, Stück um Stück weiter, und da befanden wir uns, ich
und »dieser Mensch«, natürlich niemand anders als Herr Benjamenta, mitten in
der Wüste. Wir wanderten und trieben mit den Wüstenbewohnern Handel, und
wir waren ganz eigentümlich belebt von einer kühlen, ich möchte sagen,
großartigen Zufriedenheit. Es sah so aus, als wenn wir beide dem, was man
europäische Kultur nennt, für immer, oder wenigstens für sehr, sehr lange Zeit
entschwunden gewesen seien. »Aha,« dachte ich unwillkürlich, und wie mir
schien, ziemlich dumm: »Das war es also, das!« – Aber was es war, was ich da
dachte, konnte ich nicht enträtseln. Wir wanderten weiter. Da erschien ein Haufe
von uns feindlich gesinnten Menschen, wir aber zerstreuten ihn, ohne daß ich
eigentlich sah, wie das zuging. Die Erdgegenden schossen mit den Wandertagen
blitzartig vorüber. Ich empfand die Erfahrung von ganzen vorüberwinkenden,
langen, schwer zu ertragen gewesenen Jahrzehnten. Wie war doch das
eigentümlich. Die einzelnen Wochen sahen sich an wie kleine, glitzernde
Steinchen. Es war lächerlich und herrlich zugleich. »Der Kultur entrücken,
Jakob. Weißt du, das ist famos,« sagte von Zeit zu Zeit der Vorsteher, der wie ein
Araber aussah. Wir ritten auf Kamelen. Und die Sitten, die wir sahen, entzückten
uns. Es war etwas Unverständlich-Mildes und Zartes in den Bewegungen der
Länder. Ja, mir war es, als marschierten, nein eher, als flögen die Länder. Das
Meer zog sich majestätisch dahin wie eine große blaue nasse Welt von
Gedanken. Bald hörte ich Vögel schwirren, bald Tiere brüllen, bald Bäume über
mir rauschen. »Also bist du nun doch mitgekommen. Ich wußte es ja,« sagte
Herr Benjamenta, den die Indier zum Fürsten erhoben hatten. Wie toll! So
grauenhaft überspannt es ist: Tatsache war, daß wir in Indien Revolution
machten. Und scheinbar glückte uns der Streich. Es war so köstlich zu leben, das
fühlte ich in allen Gliedern. Das Leben prangte vor unsern weitausschauenden
Blicken wie ein Baum mit Zweigen und Ästen. Und wie stunden wir fest. Und
durch Gefahren und Erkenntnisse wateten wir wie in eiskaltem, aber unserer
Hitze wohltuendem Flußwasser. Ich war immer der Knappe, und der Vorsteher
war der Ritter. »Schon gut,« dachte ich mit einmal. Und wie ich das dachte,
erwachte ich und schaute mich im Wohnzimmer um. Herr Benjamenta war
ebenfalls eingeschlafen. Ich weckte ihn, indem ich ihm sagte: »Wie können Sie
einschlafen, Herr Vorsteher. Doch erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß ich
mich entschlossen habe, mit Ihnen zu gehen, wohin Sie wollen.« – Wir gaben einander die Hand, und das bedeutete viel.
Ich packe. Ja, wir beide, der Vorsteher und ich, wir sind mit Packen, mit
richtigem Zusammenpacken, Abbrechen, Aufräumen, Auseinanderzerren,
Schieben und Rücken beschäftigt. Wir werden reisen. Schon gut. Mir paßt dieser
Mensch, und ich frage mich nicht mehr, warum. Ich fühle, daß das Leben
Wallungen verlangt, nicht Überlegungen. Meinem Bruder werde ich heute Adieu
sagen. Ich werde hier nichts hinterlassen. Mich bindet nichts, verpflichtet nichts,
zu sagen: »Wie wär's, wenn ich – –« Nein, es gibt nichts mehr zu wären und zu
wennen. Fräulein Benjamenta liegt unter der Erde. Die Eleven, meine
Kameraden, sind zerstoben in allerlei Ämtern. Und wenn ich zerschelle und
verderbe, was bricht und verdirbt dann? Eine Null. Ich einzelner Mensch bin nur
eine Null. Aber weg jetzt mit der Feder. Weg jetzt mit dem Gedankenleben. Ich
gehe mit Herrn Benjamenta in die Wüste. Will doch sehen, ob es sich in der
Wildnis nicht auch leben, atmen, sein, aufrichtig Gutes wollen und tun und
nachts schlafen und träumen läßt. Ach was. Jetzt will ich an gar nichts mehr
denken. Auch an Gott nicht? Nein! Gott wird mit mir sein. Was brauche ich da
an ihn zu denken? Gott geht mit den Gedankenlosen. Nun denn adieu, Institut
Benjamenta.
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Robert Walser
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